Die Gretchenfrage nach der Gräte - Anton Potche - E-Book

Die Gretchenfrage nach der Gräte E-Book

Anton Potche

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Beschreibung

Potches absurd-reale Story führt mitten hinein ins Arbeitsleben einer Automobilherstellerfirma. Unten schuften und schleppen Sepp (Hang zur Flasche), Wanja (bemüht trotz Bandscheibenschaden) und Friedrich Radler (halb auf dem Sprung in die höhere Etage) als "Werker" Motorblöcke sinnlos im Kreis, oben entwerfen Obermei (der Boss), Mittemei (der Ja-Sager) und Untermei (der Untertan) die gleich sinnlosen Konzepte zur Steigerung der Produktion, Was sie durch Kreis(!)diagramme eindrücklich formulieren. Über allem aber menetekelt, von beiden Gruppen angstvoll beäugt, die Schrift: das "Soll" und das "Ist" der Produktion in großen Laufbandlettern. [...] Komisch, passgenau, pointiert absurd ist Potches Text. DONAUKURIER

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Seitenzahl: 56

Veröffentlichungsjahr: 2019

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All jenen gewidmet, die mit mir viele Jahre lang in der Automobilindustrie gearbeitet haben: Kollegen und Chefs.

Exposé

Das Automobil ruft schon in seiner Entstehungsphase erhebliche, von seinen zukünftigen Benutzern kaum oder gar nicht erkannte Verschleißphänomene hervor. Diese allerdings sind mit einem Werkstattbesuch mitnichten zu beheben.

Der Menschenverschleiß in der Automobilindustrie wird von keiner Statistik erfasst werden können. Er bleibt eine undefinierbare, auf das einzelne Individuum bezogene Größe. Wer aber die Möglichkeit hat, hinter die Kulissen zu schauen, wird schnell erkennen, dass unser Wahn nach uneingeschränkter Distanzbewältigung nur dank unzähliger menschlicher Opfer (quer durch die Hierarchien) befriedigt wird.

Sepp und Wanja müssen arbeiten, nur arbeiten. Sie können auch nur arbeiten, schuften, werkeln, sind längst zu leblosen, funktionierenden Statisten geworden, die kaum noch ein vernünftiges Gespräch führen können. Das sind aber auch ihre Vorgesetzten und all jene, die sich dafür halten. Klar konturierte Charaktere gibt es hinter dem Betriebszaun kaum noch, nur Funktionsträger, gewinngesteuerte Handlanger der Shareholder-Philosophie.

Realität und Absurdität treffen mit voller Wucht aufeinander und beginnen die Hierarchien durcheinanderzuwirbeln. Wer wohl am Ende auf der Strecke bleibt?

Vita des Autors

Anton Potche wurde 1953 in Jahrmarkt (rum.: Giarmata) / Rumänien geboren. 1973 legte er seine Bakkaulareatprüfung am Industrielyzeum für Maschinenbau in Temeswar ab und arbeitete anschließend als Maschinenschlosser. Ab 1984 war er bei Audi als Zerspanungsmechaniker beschäftigt. Heute lebt der Rentner in Ingolstadt. Potche hat viele Beiträge zu gesellschaftlichen und kulturellen Themen sowie Gedichte, Erzählungen und Übersetzungen aus dem Rumänischen in verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften, Anthologien sowie im Internet veröffentlicht.

Inhaltsverzeichnis

Exposé

Personen

In den Dialogen benützte Kürzel

Erster Akt

Zweiter Akt

Anstelle eines Nachwortes

Personen

Sepp Nummer (Arbeiter)

Wanja Krücke (Arbeiter, spricht mit einem harten, fremden Akzent)

Friedrich Radler (Port-Parole oder Gruppensprecher)

Herr Obermei (Production-Conducteur oder Produktionsleiter)

Herr Mittemei (Sachbearbeiter)

Herr Untermei (Meister)

Auditorin (Kontrollorgan)

Herr Miss (Betriebsrat)

Frau Kompro (Betriebsrätin)

In den Dialogen benützte Kürzel

PC (Personal Computer)

MPS (Merdi Produktion System; Merdi=Firmenname)

TMW (Totale Maschinen-Wartung)

OdA (Organisation des Arbeitsplatzes)

SM (Sicht-Management)

EVP (Ewiger Verbesserungs-Prozess)

VI (Verbesserungs-Idee)

AAB (Abarbeitungsblatt)

ZKG (Zylinderkurbelgehäuse)

Erster Akt

Zwei mit einer Treppe verbundene Ebenen. Lichtverhältnisse in den zwei Ebenen: halbdunkel und hell, je nach Handlung.

Oben

Büroraum mit drei PC-Arbeitsplätzen und einem runden Tisch mit sechs Stühlen. Die Wände sind bestückt mit Arbeitsblättern (Analysen, Diagramme, dazwischen Losungen). In einer Ecke steht ein Tafelständer mit großen, unbeschriebenen, über den oberen Tafelrand zurückschlagbaren Papierblättern. Auf einem Schrank steht ein Kassettenrekorder.

Die Herren Ober- Mitte- und Untermei arbeiten wortlos an ihren PCs.

Alle drei tragen schwarze Hosen und weiße Hemden.

H. Obermeiträgt eine rote Krawatte, H. Mittemei eine gelbe und H. Untermei gar keine. Letzterer hat über seiner Stuhllehne einen Meisterkittel mit roten Epauletten hängen.

Unten

Produktionshalle: ein Rollenband in Tischhöhe. Über dem Band hängt eine Anzeigetafel die den Stückzahlstand mittels eines SOLL-Wertes und eines IST-Wertes anzeigt. Bei Schichtbeginn stehen beide Werte auf Null. Während die SOLL-Zahl automatisch im vorgegebenen Taktzeitrhythmus steigt, zählt die IST-Zahl nur die tatsächlich gefertigten Werkstücke. Wenn das vorgegebene Arbeitstempo also nicht eingehalten wird entsteht eine Differenz zwischen SOLL und IST.

Seitwärts steht ein Tisch mit der Überschrift Port-Parole-Tisch. Über dem Tisch hängt eine mit Zeichnungen und Arbeitsanweisungen bestückte Arbeitstafel. Wanja und Sepp tragen graue Latzhosen und graue T-Shirts, Friedrich eine Latzhose mit roten Trägerschleifen.

Wanjamisst mit einem Messdorn die Durchmesser der vier Zylinder eines Motorblocks (Fachsprache: Zylinderkurbelgehäuse- ZKG). Die Werte liest er auf einer mit dem Messdorn durch Luftschläuche verbundenen Skala ab. Dann schiebt er den Block mit der linken Hand auf dem Rollenband weiter, während er mit der rechten schon den nächsten Block heranzieht. Das gemessene Werkstück wird von Sepp übernommen und rundum sichtgeprüft. Friedrich nimmt den fertig geprüften Block und legt ihn zur Rechten Wanjas wieder aufs Band. Es vollzieht sich ein ewig anmutender, absurder Kreislauf.

Unten

Wanja(beim Einführen des Messdorns in die vier Zylinderbohrungen): Eins ... zwei ... drei ... vier ... eins ... zwei ... drei ... vier ...

Sepp: ... und ... ein ... Maß ... Bier ...

Wanja: ... eins ... zwei ... drei ... vier ...

Sepp: ... und ... ein ... Maß ... Bier ...

Friedrich(einen Grauguss-Motorblock von Sepp zu

Wanjaschleppend, spricht im Schritttempo.): In ... der ... Ru ... he ... liegt ... die ... Kraft.

Wanja: ... eins ... zwei ... drei ... vier …

Sepp: ... und ... ein ... Maß ... Bier. (Trinkt aus einer Bierflasche.)

Friedrich(mit einem verächtlichen Blick auf Sepp): In ... der ... Ruhe ... liegt ... die ... Kraft. (Macht eine Bewegung mit dem rechten Handrücken, so als wolle er sich den Schweiß von der Stirn wischen.) Ich scheiß ihnen auf ihre Stückzahl ... Die können mich mal. (Sitzt sich an den Porte-Parole –Tisch, nimmt Blätter von der Arbeitstafel und kontrolliert sie.)

Sepp(blickt sich nach Friedrich um, spricht mit sich): Fauler Hund! Das hat er als Erstes gelernt, sich von der Arbeit zu drücken.

Wanja: Der muss ja nicht mehr arbeiten. Nur Büroarbeiten machen.

Sepp(schleppt die Blöcke selbst zu Wanja, keuchend): Die Jungen werden alle befördert und wir Alten müssen schuften. Den Arsch kannst du dir den ganzen Tag aufreißen.

Wanja: Mein Lehrmeister hat schon immer gesagt: Einen guten Arbeiter soll man nicht zum Chef machen.

Sepp: Das sind doch keine Chefs. Sind das Chefs? Kleine Gernegroße sind das, sonst nichts, gar nichts. (Trinkt.)

Friedrich(zu Wanja, mit einem Papierblatt durch die Luft fuchtelnd): He, da ist nicht unterschrieben: Absolyt zusammenkehren.

Wanja: Ich streue nicht Hühnerfutter aus. Da ist kein Öl auf dem Boden. Nicht einmal ein Furz ist so trocken wie dieser Arbeitsplatz. Wo kein Absolyt liegt, kann ich auch nicht kehren.

Sepp(greift höhnisch lachend zur Flasche, trinkt gierig): Solomon der Weise spricht, / Laute Fürze stinken nicht. / Vor den leisen hüte dich, / denn sie stinken fürchterlich. ... Musst halt vorher einölen und dann streuen und dann zusammenkehren. (Noch ein Schluck.)

Friedrich(wütend zu Wanja): Du sollst unterschreiben, habe ich gesagt.

Sepp(spöttisch): Wer schreibt, der bleibt.

Wanja: Ja, ja, komme schon. (Geht zum Tisch, nimmt das Blatt und liest.) Absolyt entfernen, Besen und Schaufel, täglich, ein Mitarbeiter, ohne Produktionsstillstand. (Unterschreibt, geht kopfschüttelnd an seinen Arbeitsplatz zurück).

Sepp(zu Friedrich): Ich muss mal eine Sitzung abhalten. (Mimt eine Sitzstellung auf der Kloschüssel.)

Friedrich: Ich hab jetzt keine Zeit. Das siehst du doch. Sauf nicht so viel, dann musst du auch nicht dauernd laufen.

Sepp(vor Wut hochrot im Gesicht, rennt zum Tisch, greift nach herumliegenden Papieren und schreit mit sich überschlagender Stimme):

Die werde ich jetzt gleich brauchen, deine Papiere … Papiere ... Papiere! (Verlässt fuchtelnd und schreiend den Raum.)

Friedrich(seelenruhig am Tisch sitzen bleibend, mit Verachtung):