Progress - Anton Potche - E-Book

Progress E-Book

Anton Potche

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Beschreibung

Zwei ganz verschiedene Motive führen Vater und Sohn ins Banat, jene Region im Westen Rumäniens, der schon die Habsburger und später dann die Kommunisten ihre Stempel aufgedrückt haben. Für den einen ist es eine Rückkehr, für den anderen eine Geschäftsreise. Beide erleben eine Welt im Umbruch, die Hoffnungen schürt, aber auch noch Elemente einer weit zurückliegenden Zeit in sich trägt.

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Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Exposé

Zwei ganz verschiedene Motive führen Vater und Sohn ins Banat, jene Region im Westen Rumäniens, der schon die Habsburger und später dann die Kommunisten ihre Stempel aufgedrückt haben. Für den einen ist es eine Rückkehr, für den anderen eine Geschäftsreise.

Beide erleben eine Welt im Umbruch, die Hoffnungen schürt, aber auch noch Elemente einer weit zurückliegenden Zeit in sich trägt.

Fern ihrer Heimat kommen die zwei Männer sich unter tragischen Umständen näher. Sie schließen ohne große Worte einen Freundschaftsbund und kompensieren so ein nie von Innigkeit geprägtes Vater-Sohn-Verhältnis.

Das Schicksal dieser Männer und der Menschen in ihrem Leben ist auch ein Spiegelbild der Probleme und Opfer, die den Weg in ein geeintes Europa säumen.

Vita des Autors

Anton Potche wurde 1953 in Jahrmarkt (rum.: Giarmata) / Rumänien geboren. 1973 legte er seine Bakkalaureatprüfung am Industrielyzeum für Maschinenbau in Temeswar ab und arbeitete anschließend als Maschinenschlosser. Ab 1984 war er bei Audi als Zerspanungsmechaniker beschäftigt. Heute lebt der Rentner in Ingolstadt. Potche hat viele Beiträge zu gesellschaftlichen und kulturellen Themen sowie Gedichte, Erzählungen und Übersetzungen aus dem Rumänischen in verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften, Anthologien sowie im Internet veröffentlicht.

Denn wo ist Heimat? Keiner weiß Bescheid.

Wo Schwalben nisten, sind wir nicht allein. Die Chrysanthemen nehmen unser Leid Hinüber in ihr leises Anderssein.

Rose Ausländer

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Epilog

I. Kapitel

1

Eigentlich hat sich nichts geändert, dachte Herbert, die Musik spielt viel zu laut, diese Verstärker müssten verboten werden. Der Zigarettenrauch wurde mit der Zeit immer dichter und der Lärmpegel im Saal stieg stetig an. Der Tischnachbar sprach dauernd. Niemand hörte ihm zu. Er war besoffen.

Wo läuft Erika herum? Den ganzen Abend ist sie unterwegs. Dort, neben der Tür. Sie spricht mit einer älteren Frau. Ja, älter. Nicht nur hier, auch bei anderen Gelegenheiten unterhielt seine Frau sich fast nur mit älteren Semestern. Es war nun mal so.

Herbert hatte schon den zweiten Cognac vor sich stehen. Seine Frau konnte anscheinend mit Altersgenossen nicht viel anfangen. Wieso hatte er sich nicht schon längst darüber Gedanken gemacht? Sie legte doch seit einigen Monaten ein sonderbares Benehmen an den Tag.

Es war wie zu Hause auf den Bällen im Kulturheim. Viele Menschen, viel Trubel, besonders in der Faschingszeit. Nur die Menschen waren hier andere, aus anderen Dörfern. Nur wenige Landsleute haben sich in der Stadt an der Donau niedergelassen. Aber auf jeden Fall genug, um über dich und deine Familie zu reden, sinnierte Herbert weiter. So als hätten sie nichts vor den eigenen Türen zu kehren. Was zum Teufel macht diese Frau dort? Lästern! Was könnte sie auch anderes tun? Herbert führte das volle Glas zum Mund. Der Cognac schmeckte bitter. Er nahm noch einen Schluck. Auch in dieser Nacht wird er neben einer Frau schlafen. Irgendeiner Frau. Auf keinen Fall einer Gattin, wie er sie sich vorgestellt, sie sich ein Leben lang gewünscht hatte. Erika zog sich nur bei ausgeschalteter Lampe aus. Es sind Jahre vergangen. Wie viele werden es wohl gewesen sein, seit wir nicht mehr gemeinsam im Bad waren, grübelte er. Nachdem der Junge gekommen war, hatten wir kaum noch Sex. Seit damals ist ein Leben vergangen. Christian ist ein Mann. Wenigstens er soll es mal besser haben als ich. Mit einer Frau, die nicht mit 40 ein altes Weib ist, das nur in die Kirche läuft und anscheinend den Tag ihrer Wiedergeburt nicht erwarten kann. Jetzt kommt sie. Nein, wieder erzählt sie mit jemand. Und der kommt jetzt auch noch her.

„Hallo. Wie geht’s?“

„Gut!“

„Warst du heute drin?“

„Nein.“

„Ich schon. Du musst da sein, hat mein Chef gestern noch vor Feierabend gesagt. Ja, mei. Ich habe meinen Leuten gesagt, zieht durch, dann schaffen wir es bis halb zwei. Es wurde aber doch fast zwei, bis sie fertig waren. Ja, mei. Man muss die Leute auch verstehen. Als Gruppenführer brauchst du halt Einfühlungsvermögen.“

Angeber, dachte Herbert und ließ den anderen reden. Er kannte ihn. Noch ein, zwei Bier und der ist Geschäftsführer. Das ist nichts Neues. Und da ist er nicht der Einzige. Die arbeiten alle nichts, wenn man ihnen zuhört, sind nur Chefs. Nur ich bin Arbeiter. Und super potent sind die meisten von ihnen auch noch. Wenn du ihnen glaubst, ist dein letzter Krümel Selbstbewusstsein im Eimer. Hast nur du eine prüde Frau? Aufschneider. Zum Glück kenne ich sie alle. Herbert sehnte jetzt sogar seine Frau herbei. Nur dass er von diesem Arbeitsbesessenen loskommt, der ihm dauernd zu verstehen gibt, dass er Gruppenführer ist, und wie seine Arbeiter ticken und dass er selber nichts arbeiten muss. Die anderen in der Firma sind doch nur Gruppensprecher. Der da ist plötzlich Gruppenführer. Führer. Der große Führer. Wo bleibt es nur? Verdammtes Weib. Heute Abend zeig ich’s ihm.

Jetzt kam Erika. Endlich. Aber wie sie Herberts Gesprächspartner begrüßte! Diese gekünstelte Freundlichkeit. Das ewige Lächeln in ihren Zügen. Madonnenhaft! Er spürte noch intensiver, wie die Wut in ihm aufstieg. Von wegen, der zeig ich’s. Da rührte sich kein Funke Leben in ihm. Kein Hauch von Begehren. Wie konnte ich diese Frau nur heiraten?

„Servus, wie schön, dass du dich auch mal sehen lässt. Wie geht’s euch noch so?“, hörte er Erika wie aus der Ferne fragen. Der gesprächige Gruppenführer kam nicht zu Wort, so laberte sie ihn zu mit Wichtigkeiten oder was sie für solche hielt. Sie schien seine Familienverhältnisse zu kennen. Eine alte Mutter lag ihr anscheinend besonders am Herzen. „Nicht so gut? Aber das wird schon wieder. Der liebe Gott sieht alles. Sie war doch immer in der Kirche. Ja, ja, wir haben uns nach dem Gottesdienst immer so schön unterhalten. So schön, das Mütterlein. Einmal war sie sogar mit bei der

Wallfahrt. Schön. Das war so schön. Ich bete für sie. Grüße sie bitte von mir. Ja, ja, ja, der liebe Gott hilft bestimmt.“

Der Gruppenführer setzte immer wieder zum Reden an. Vergeblich. Er wollte doch von seinen Leuten in der Firma erzählen. Seine Leute. „Meine Leute!“ Das hat er schon immer wie ein Heiligtum betont. Hoffentlich verstand auch jeder seine Unverzichtbarkeit dabei. Aber jetzt war Gott der Heiligste. Erika hatte ihn bei sich. Gott! Immer und überall. Und der Gruppenführer war zum Zuhören verdammt.

Herbert sowieso. Er hatte gehofft, der Gruppenführer würde gehen, wenn Erika kommt. Der machte aber keine Anstalten dazu. Wahrscheinlich wartete er auf den Augenblick, an dem Erika schwieg, endlich mal schwieg. „Meine Leute!“ Auch seine bigotte Gesprächspartnerin sollte wissen, dass er eigene Leute in der Firma hat, seine Leute. Also er war Jemand. Doch diese Frau vor ihm hatte keine Muse zum Schweigen. Sie redete ununterbrochen, lies ihr Gegenüber nicht gehen, selbst als der resigniert erste Anzeichen zum Aufbruch machte.

Sie will nicht allein sein mit mir. Den Verdacht hatte Herbert schon lange. Er vernahm den Wortschwall aus ihrem Mund, ohne zuzuhören, und es wurde ihm nicht zum ersten Mal bewusst, dass diese Frau, seine Frau, ihm fremd war. Wahrscheinlich viel fremder als dem Gruppenführer seine Leute in der Firma. Warum tu ich mir das an? Diese Frage setzte sich in seinem Kopf fest. Das Gelaber seiner Frau vermengte sich mit der zu lauten Musik und dem Stimmengewirr im Saal. Seine Gedanken gewannen bei diesem Lärmpegel, der sich wie ein Isolierraum um ihn legte, immer klarere Konturen. Christian ist aus dem Schneider. Der wird mich verstehen. Weiter kam er nicht. Der Gruppenführer hatte einen Bekannten gesichtet, winkte ihm zu, erhob sich und verschwand zwischen den tanzenden Paaren.

„Gehen wir nach Hause?“, fragte Erika.

„Wenn du auserzählt hast.“

„Der Georg ist gestorben.“

„Welcher Georg?“

„Die wohnen doch dort in der Nachbarstraße.“

„Kenne ich nicht.“

„Er wird morgen begraben.“

„Und da musst du zum Begräbnis.“

„Ja, das steht sich doch. Das sind doch auch Landsleute. Die Frau geht sonntags immer in die Kirche.“

Herbert schüttete den Rest Cognac regelrecht in sich hinein. Er spürte, dass er einen roten Kopf bekam. „Wir gehen jetzt. Aber sofort.“

Schneeregen. Die Stadt war längst eingeschlafen. Sie mussten ans andere Ende, vorbei am Werk, in dem der Gruppenführer mit seinen Leuten arbeitet. Komisch, dachte Herbert, als würde ich nicht auch da arbeiten. Links und rechts Hochhäuser. Herbert fiel der Satz eines Kollegen ein, der hier wohnte: Warum soll ich in der Türkei Urlaub machen? Ich wohn doch in der Türkei. Seichte Schlager im Autoradio. Sonst keine Silbe bis ans andere Ende der Stadt mit den ausgeschalteten Ampeln. Erika hatte die Hände zum Beten gefaltet im Schoß liegen. Herbert riskierte einen Seitenblick und spürte die selige Stimmung seiner Frau. Für wen sie wohl betet? Für Georg? Oder das Mütterlein? Oder für beide? Geht das überhaupt, für zwei Menschen auf einmal beten?

Auf dem Parkplatz stieg sie aus, blieb neben dem Wagen stehen und starrte entgeistert in den Halbmond, der durch ein Loch in den Wolken herabschaute. Herbert schlug die Fahrertür mit voller Wucht zu. Seine Frau hatte das anscheinend gar nicht vernommen, wo er sie doch erschrecken wollte. Kopfschüttelnd schaute er ihr mindestens zwei Minuten zu. Dann trippelte sie vor ihm her. Was soll ich mit der nur machen, sinnierte er. Nichts, gar nichts. Da ist Laub und Gras verloren. Er blickte nach oben. In der Küche brannte Licht. Es war halb zwei. Christian wird auch erst gekommen sein.

Erika stieg vor ihm die Treppe hinauf in den dritten Stock. Er folgte schweigend, suchte nach einem Faden, um ein klärendes Gespräch herbeizuführen.

„Ihr habt ja lange ausgehalten“, begrüßte Christian seine Eltern.

„Wenn deine Mutter die Bet- und Beichtmutter auf dem Faschingsball spielt, kann es schon sein, dass man zu den Letzten gehört“, erwiderte Herbert barsch.

„So gottlose Gesellen wie dich gab es dort keine“, gab Erika zurück. „Du wirst mir ja wohl nicht verbieten, mit den Menschen zu reden.“

„Du belästigst die Leute doch nur mit deinem Glaubenseifer. Warum gehst du nicht unter die Missionare, dort kannst du deine Sprüche bei den Wilden anbringen. Und sag mal, wo ist der Hunderter aus der Schublade im Schlafzimmer? War mal wieder ein Zeuge Jehovas da? Du sollst ja den Leuten Geld zustecken, ohne dass sie welches verlangen. Oder erzählen die Leute nur Schmarrn im Stadtteil? Was hast du mit dem Geld gemacht? Raus damit! Ich will endlich die Wahrheit wissen.“

Herbert war feuerrot im Gesicht. Die Wut hatte ihn gepackt. Unkontrolliert und unüberlegt sprudelte es aus ihm heraus. Erika entgegnete den Anschuldigungen mit keinem Wort. Sie sah aus, als würde sie ihm jeden Moment die Hände zum Segen auf den Kopf legen wollen. Und das war schlimm, schlimmer als jede Widerrede. Herbert tobte innerlich. Dann ging er zu Bett. Auch heute schlief er nicht ein, ohne ein paar Zeilen zu lesen. Eine Anthologie lag seit einigen Tagen auf seinem Nachtkästchen: Österreichische Liebesgeschichten. Erzählungen von Adalbert Stifter, Marie von Ebner-Eschenbach, Ferdinand von Saar, Karl Emil Franzos und anderen. Spätes 19. und frühes 20. Jahrhundert. Herbert musste lachen. Er hatte schon fast die Hälfte gelesen. Bisher haben sich noch keine der Liebenden berührt. Ob es das Wort Sex damals überhaupt schon gab? Das gab es ja bei ihm jetzt auch schon eine Ewigkeit nicht mehr. Oder war er vielleicht gar aus der Zeit gefallen? Zurück, so um 1900.

Christian kannte diese ewigen Streitereien. Er ist mit ihnen groß geworden. Und er wusste, dass seine Eltern nur noch zusammen sind, weil sie aus einer anderen Welt stammen, in der eine Scheidung gesellschaftlich geächtet war. So etwas tut man nicht. Man bleibt zusammen und wenn es noch so schwer ist. Und man pflegt nach Außen ein ungetrübtes Familienbild. Was werden die Leute sagen? Nicht die Leute von hier im Viertel, aber die aus dem Verein. Dort sind sie versammelt, die Landsleute aus dem Banat, alles anständige Menschen. Die sollen eine gute Meinung von dir haben. Das zählt, und nur das. Christian war der Glaubenseifer seiner Mutter auch zuwider. Andererseits hielt er seinem Vater schon mal vor, zu wenig Verständnis für seine Gattin aufzubringen. Als Kind hatte er unter dieser vergifteten Atmosphäre gelitten, um sich in der Pubertät dann innerlich immer mehr von beiden zu distanziert. Jetzt hatte er ein nüchternes, eher unterkühltes Verhältnis zu seinen Eltern, obwohl sie ihm das BWL-Studium finanziert haben. Noch einen Semester. Dann wird er gehen. Das wusste er bestimmt. Finanzielle Zuwendungen sind zu wenig für ein gefühlsbetontes Eltern-Kind-Verhältnis, viel zu wenig. Zumindest wird es ihm nicht schwerfallen, auch weiter weg von zu Hause einen Job anzutreten, wie sich das bei einigen seiner Kommilitonen abzeichnet. Das ist ja auch nicht unbedingt von Nachteil.

I - 2

Es herrschte ein reger Stadtverkehr auf der Busiascher Straße um diese Uhrzeit. Traian schimpfte wie ein Rohrspatz. Er steht nicht gerne im Stau. Am liebsten würde er ausscheren und auf dem Gehweg bis zur Firma fahren. Hat er schon getan. Doch nicht, wenn Ileana neben ihm saß, seine Frau und Büroleiterin. Er trommelte ungeduldig mit den Händen auf dem Lenkrad herum.

„Brauchst einen Kaffee?“, fragte Ileana. „Wirst ja noch zweihundert Meter aushalten bis in die Firma.“

Von Mitgefühl war da nichts zu hören. Eher böser Spott. Der Mann neben ihr sah auch nicht gerade beneidenswert aus. Seine Haut war blass, die Haare schienen den Kamm verhöhnt zu haben und die Augen brannten. Sein Atem ließ einen ausgiebigen Alkohol- und Nikotinkonsum vermuten. Die Nacht schien zu kurz gewesen zu sein.

Der Pförtner stand vor seinem Häuschen und grüßte, als Traian seinen Audi A6 in den Hof des Betriebsgeländes lenkte. Vier Firmen teilten sich den kleinen Industriepark. Vor der Weihnachtsrevolution 1989 waren das ebenso viele Handwerksgenossenschaften gewesen, kleine Unternehmen, die nach der Enteignung der Privatiers in Rumänien nach dem 2. Weltkrieg entstanden waren und zum Teil noch bis zum Ende des Kommunismus mit enteigneten Werkzeugen und Maschinen arbeiteten. Natürlich waren das längst sozialistische und danach kommunistische Staatsbetriebe geworden, aber einzelne Fachkräfte hatten ihr Handwerk noch bei den alten Privatmeistern gelernt. Und sie waren die Besten ihres Faches. Traian war Chefingenieur in einer jener Genossenschaften gewesen: PROGRESS. Ileana war die Sekretärin des Vorsitzenden der Kooperative. Sie stellten damals wie heute hochwertige Möbel her. Sogar als Ceauşescus Kommunismus schon in den letzten Zügen lag, produzierten sie noch für den Export, zwar weniger für Westeuropa, aber dafür umso mehr für den ideologisch befreundeten Handelspartner China.

Es ist schon lange her: der Sturz des Diktators und ihre Liebe. Die Zeit machte nicht Halt und schritt unbeeindruckt vom Tun und Lassen der Menschen weiter. Immer weiter. Geblieben und sogar gebessert hatte sich hingegen ihr Wohlstand, der auch damals in der Planwirtschaft schon über dem der Arbeiterklasse lag. Traian hatte seine Beziehungen sofort nach Neujahr 1990 spielen lassen und Ileana hatte mit ihrem Charme nicht gegeizt. Sie war bei vielen Gesprächen dabei, als in jener Zeit so manche Kooperative zerschlagen wurde. Traian konnte beim Wirtschaftsministerium mit einem frischen Auftrag aus China, den die Genossenschaft zwar schon ein Jahr vorher abgeschlossen hatte, der aber seine Unterschrift trug und dem ein Zusatzprotokoll über eine Verlängerung für ein weiteres Jahr angeheftet war, das zum Glück in den damaligen Umbruchzeiten niemand unter die Lupe nahm, punkten und vor allem den kommunistischen Direktor, wie er heute noch ab und zu mit einem vom Suff roten Kopf behauptete, ausbooten. PROGRESS lebte weiter.

Sie hatten sich in der Firma kennengelernt. Es war Anfang der 80er Jahre. Ileana hatte das Lyzeum absolviert und gerade eine endgültig gescheiterte und noch nicht überwundene Jugendliebe hinter sich, als Traian, ein junger, wie sie soeben in die Firma gekommener, ambitionierter und gut aussehender Ingenieur, ihr im Korridor des Bürotrakts über den Weg lief. Die Firma hatte nur um die 50 Beschäftigte, also konnte man sich gar nicht mehr aus den Augen verlieren. Für Ileanas etwas angekratztes Selbstbewusstsein war das die richtige Begegnung, wenn die Liebe auch etwas auf sich warten ließ. Aber sie kam. Irgendwann wurde geheiratet, Traian stieg zum leitenden Ingenieur auf und Ileana bekam die Stelle im Vorzimmer des Direktors. Irgendwann kamen dann auch die Kinder, zuerst Vasile und zwei Jahre später Hermine.

Die Umbruchzeit nach dem Fall des Kommunismus war alles andere als leicht. Viele Firmengründungen waren beendet, bevor mit der Produktion überhaupt begonnen werden konnte. Selbst Traians geglückter Coup mit der Übernahme und dem nachträglichen Kauf der Firma zu einem nie bekannt gewordenen Preis führte nicht gleich in eine Erfolgsspur. PROGRESS stand zweimal vor der Insolvenz und von den ursprünglich 50 Mitarbeitern sind gerade mal 20 übriggeblieben. Das hat alles an den Nerven und schließlich auch an der nie diamantfesten Liebe gezehrt. Traian hat sich oft mit zwielichtigen Gestalten die Nächte um die Ohren gehauen und Ileanas Einwände mit der Begründung weggewischt, nur so könne er die Firma vor der Pleite retten. Aber sie hat gehalten, die Ehe, eher schlecht als recht, aber gehalten, das allein zählt, redete Ileana sich immer wieder ein, wenn es brenzlig wurde. So auch jetzt. Sie schluckte ihren Ekel runter mit dem Gedanken, dass wenigstens die Nachfolge der Firma schon geregelt ist. Vasile war schon seit einem Jahr Hauptgeschäftsführer und Traian hatte auf seine Prokura verzichtet. Er war zwar noch Gesellschafter, hatte mit dem operativen Geschäft aber kaum noch etwas zu tun. Das war nicht leicht, aber letztendlich erfolgreich, triumphierte Ileana mit einem hämischen Seitenblick auf ihren Mann.

Vasiles Wagen stand schon auf dem Parkplatz vor dem Bürogebäude. Vater, Mutter und Sohn teilten sich eigentlich das gleiche Büro, das aber geschickt mit Stellwänden aus Holz so aufgeteilt war, dass man sich gefühlt in drei Räumen bewegte. Dass sich nur der Chef und die Sekretärin in dem Büroensemble aufhielten, ist seit letztem Jahr eher die Regel als die Ausnahme. Heute waren aber alle drei da. Ileana merkte mit ihrem Muttersinn sofort, dass an diesem Morgen auch Vasile nicht gerade die beste Laune ausstrahlte. Nach dem Morgengruß kam er auch gleich zur Sache.

„Seit einem Monat kein einziger Auftrag. Wir müssen tätig werden.“

„Entlassen“, polterte Traian und rülpste dabei unanständig.

„Halte deinen verdammten Mund“, fuhr Ileana ihn an.

„Wo sind denn deine Kunden, mit denen du angeblich die Nächte durchsäufst?“

„Curva (Hure)“, fauchte der zurück.

„Aufhören! Hört sofort auf!“, unterband Vasile den sich anbahnenden Streit.

Das wirkte auch für den Moment. Traian zog sich in sein Abteil zurück und Ileana machte sich wortlos an der Kaffeemaschine zu schaffen. Es blieb auch den Rest des Vormittags ruhig im Büro. Jeder hing seinen Gedanken nach. Ileana stellte für Vasile zwei Telefongespräche durch, eins vom Finanzamt und eins mit einem Banker. Traian hatte sich längst wortlos davongemacht, in die Produktionshalle oder vielleicht sogar in die Stadt. Vasile sprach besonders mit dem Bankangestellten lange, sehr lange. Dann kam er zu seiner Mutter und ließ sich seufzend auf einen Stuhl fallen. Ileana blickte ihn besorgt an, und was ihr Junge zu berichten hatte, war alles andere als beruhigend.

„Die Bank spielt nicht mehr mit. Sie wollen keinen Kredit mehr geben. Wir sollen uns einen Partner suchen oder Insolvenz anmelden“, sagte der junge Manager.

Seine Stimme klang traurig. In den Ohren der Mutter war das bereits die reinste Verzweiflung. Sie wollte etwas erwidern, ihn aufbauen, Hoffnung geben, Mut machen. Der Teufel ist nie so schwarz, wie er an die Wand gemalt wird. Aber sie hatte diesen verdammten Knoten im Hals, der ihr fast den Atem nahm und die Stimmbänder blockierte. So viele Jahre haben sie gekämpft. Und jetzt … Diese verdammte Globalisierung. Sie hatten zwei Großmarktketten in Österreich und Deutschland, die sie in den letzten fünf Jahren regelmäßig beliefert haben. Die bestellen nur mehr halb so viel wie bisher, den Rest lassen sie sich aus Fernost kommen oder woher auch immer.

Dann fiel Ileanas tränengetrübter Blick auf ihren Schreibtisch. Sie konnte ihrem Jungen nicht mehr in die Augen schauen. Der stand nur mit hängenden Schultern da. Es war seine Zukunft, vor allem seine, die hier auf dem Spiel stand. Er hatte ein Wirtschaftsstudium absolviert. Seine Generation soll endlich den Wandel schaffen und dieses Land in der EU etablieren. Wie soll das gehen, wenn … Ileana spürte die ganze Bitterkeit, die Hoffnungslosigkeit, die über ihren Vasile hereingebrochen war. Und sie hatte vor allem Angst, Angst, er könnte eines Tages auch zur Flasche greifen, genauso wie sein Vater. Sie könnte ihn verlieren. Was bliebe ihr dann noch? Hermine. Hermine? Hat die nicht gestern etwas erwähnt von einem deutsch-rumänischen Wirtschaftskreis in der Region? Sie studiert an der Westuniversität Germanistik. Kommilitoninnen erwähnten da etwas und Hermine hatte das zu Hause erzählt. Sie wohnte noch bei den Eltern, während Vasile schon länger eine eigene Wohnung hatte. Ileana blickte auf. Der Tränenschleier über ihren Augen hatte sich aufgelöst. Sie suchte den Blick ihres Jungen.

„Vasile, Hermine hat etwas erwähnt von einem Verein, der sich Deutschsprachiger Wirtschaftsclub Banat nennt. Vielleicht sollte man dort mal nachfragen.“

Ein Strohhalm. Vasile zögerte keine Sekunde. Wortlos ging er an seinen Schreibtisch und wählte Hermines Handynummer. Glück gehabt. Sie meldete sich und versprach, genauere Informationen aus ihrem Bekanntenkreis einzuholen.

I - 3

„Ja, das ist so. Wir sind das weltbeste Unternehmen: BÖTTCHERHOLZ. Doch wir können es nur bleiben, wenn wir expandieren, neue Märkte erobern, überall in der Welt. Und wir müssen damit beginnen, meine Herren, jetzt, sofort.“