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Die Hecke ist kein Busch und der Spind kein Ort zum Schreiben. In der Hecke liegen Dörfer und im Spind Schreibutensilien sowie in aller Eile bekritzelte ölverkleckste Papierblätter. Ideen, im Dorf zu Papier gebracht und im Brief nach Deutschland geschickt, dann lange vergessen und wieder aus der Schublade genommen. Ideen, an der Produktionsanlage wie Gehirnblitze entstanden und schnell festgehalten, bevor sie von anderen Problemen, deren es mehr als genug gab, verdrängt wurden. Hecke und Spind liegen 1000 km auseinander. Alles Erzählte beginnt in diesem Buch in der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen im Banat, windet sich durch den bundesdeutschen Arbeitsalltag des ausklingenden 20.- und beginnenden 21. Jahrhunderts und endet in einer Neujahrsnacht des Jahres 2255 in Ingolstadt.
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Die Hecke ist kein Busch und der Spind kein Ort zum Schreiben. Beide wurden hier zweckentfremdet.
In der Hecke liegen Dörfer und im Spind Schreibutensilien sowie in aller Eile bekritzelte ölverkleckste Papierblätter.
Ideen – im Dorf zu Papier gebracht und im Brief nach Deutschland geschickt, dann lange vergessen und wieder aus der Schublade genommen.
Ideen – an der Produktionsanlage wie Gehirnblitze entstanden und schnell festgehalten, bevor sie von anderen Problemen, deren es mehr als genug gab, verdrängt wurden.
Hecke und Spind liegen 1000 km auseinander. Alles Erzählte beginnt in diesem Buch in der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen im Banat, windet sich durch den bundesdeutschen Arbeitsalltag des ausklingenden 20.- und beginnenden 21. Jahrhunderts und endet in einer Neujahrsnacht des Jahres 2255 in Ingolstadt.
Anton Potche wurde 1953 in Jahrmarkt (rum.: Giarmata), Rumänien geboren. 1973 legte er seine Bakkaulareatprüfung am Industrielyzeum für Maschinenbau in Temeswar ab und arbeitete anschließend als Maschinenschlosser. Ab 1984 war er bei Audi als Zerspanungsmechaniker beschäftigt. Heute lebt der Rentner in Ingolstadt. Potche hat viele Beiträge zu gesellschaftlichen und kulturellen Themen sowie Gedichte, Erzählungen und Übersetzungen aus dem Rumänischen in verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften, Anthologien sowie im Internet veröffentlicht. 2015 hat er den Roman Tausend Kilometer westwärts bei BoD veröffentlicht. Bei Amazon sind von Anton Potche die E-Books Tausend Kilometer westwärts, Kurzprosa aus der Hecke und dem Spind sowie das Schauspiel Die Gretchenfrage nach der Gräte erhältlich.
Die Heirat -
Erzählung
Unbefleckt -
Erzählung
Das Priesterurteil -
Erzählung
Es gibt doch noch weiße Weihnachten -
Erzählung
Das Geschäft -
Autobiographischer Rückblick
Teurer Schlussverkauf -
Erzählung
Zwei Mädchen aus der Nachbarschaft -
Erzählung
Der Datenbeschuss -
Skizze
Omis letzter Wunsch -
Erzählung
Diskussionsrunde -
Skizze
Öfter leben -
Erzählung
Die Frau und das Probezimmer -
Erzählung
Geächtete Liebe -
Erzählung
Brotzeit -
Erzählung
Anklage -
Skizze
Das Gruppengespräch -
Kurzgeschichte
Die Karriere des Julius Lerner -
Erzählung
Der Ventilator -
Skizze
Die Glenn Miller Story -
Erzählung
Ein Lunker wie eine Nadelspitze -
Erzählung
Mein Spezi -
Charakterskizze
Erstes Phantomgespräch
Ein verkorkster Urlaubstag -
Erzählung
Zweites Phantomgespräch
Leere Meisterbude -
Skizze
Teamwork -
Charakterskizze
Aleea jacta est -
Erzählung
Pyramidenbauer -
Skizze
Erinnerungen -
Gedankensplitter
Heimfahrt -
Erzählung
Die perfekte Idylle -
Erzählung
Das Tagebuch -
Erzählung
Versuch einer autobiographischen Skizze
Nachwort
All jenen gewidmet, die nicht den Mut aufbringen, sich auf den Weg ihrer Träume zu begeben.
Sie ist schwer, die Bassgeige. Denn sie ist groß, das größte Instrument im Dorf. Und er ist klein, der kleinste Mann in der Kapelle. Aber er muss zupfen. Was soll er machen? Es gibt noch ein paar Groschen. Und er braucht jeden. Sie sind zu viert. Vor einem Jahr waren sie noch zu sechst am Tisch. In dem kleinen Häuschen, strohgedeckt und die Wände gestampft, in der Altgasse.
Matz war erst 15. Er hätte nicht mit frisch gewaschenem Kopf hinausgehen sollen. Es war Februar. Und die Sonne täuschte. Es blies ein kalter Ostwind. Im März wurde er begraben. Der Matz. Er war erst 15. Ja, 15. Man kann es nicht oft genug sagen. Und der Kapellmeister, hat immer gesagt, der wird mal ein guter Musikant. Natürlich hatten sie für die Leicht kein Geld genommen. Er, der Martin, ist schon von Anfang an dabei, mit der Bassgeige, wenn sie Streich spielen und mit den Tschinellen bei Blech. Auch der Matz hat beim letzten Konzert schon mitgespielt. Im Januar. Jetzt liegt er auf dem Unteren Friedhof.
Für die Kathi war das zu viel. Sie ist so gehangen an ihrem Ältesten. Allein hat sie ihn und seine Schwester, die Margret, durchgebracht, als er, der Martin, im Krieg war. Bis hinunter nach Italien hatte es ihn verschlagen. Und die Kugeln haben ihn immer verfehlt. Vielleicht weil er so klein war. Sie war eine starke Frau, die Kathi. Nach dem Krieg sind noch Bärbel und, erst vor drei Jahren, der Hansjerch gekommen. Die Kathi hat’s nicht gepackt. Im August spielten seine Kameraden auch für sie ohne Geld, weil er, der Martin, schon von Anfang an dabei war. Neben Matz wurde sie bestattet. Sie hat jetzt ihren Frieden.
Und der Martin trägt die Sorgen in seiner Bassgeige nach Hause. Gut dass dieser Schinken so groß ist. Da haben sie auch alle Platz drin, seine Gedanken. Du brauchst eine Frau im Haus, bedrängt ihn seine Schwester seit einigen Tagen. Hansjerch braucht eine Mutter. Und siehst du nicht, wie verloren die Bärbel herumsteht. Das Mädchen ist erst acht Jahre alt, und wer weiß schon, wie lange Margret noch bei dir bleibt. Sie ist 16 und hübsch. Ich kann den Kleinen nicht aufnehmen. Das wäre unverantwortlich bei meiner schlechten Gesundheit.
Es ist erst Kathrein. Kathrein sperrt die Geige ein. Martin stellt die Bassgeige in die gute Stube. Neben dem Kleiderschrank ist ihr Platz. Advent. Ruhe über dem Dorf. Und lange Abende. Zeit der Besinnung. Die Not verdrängt die Trauer, ja, lässt sie erst gar nicht richtig zur Geltung kommen. Du musst dir eine Frau ins Haus holen. Martin ist 42 und erfahren genug, um diese für ihn so brutale Wahrheit zu verstehen. Gefühle haben sich der bitteren Notwendigkeit zu unterwerfen. Es sind jetzt zehn Jahre nach dem Krieg.
Zwischen Weihnachten und Neujahr zieht Mrian ein. Der Strohsack im zweiten Bett in der Kammer ist wieder belegt. Und es sind wieder sechs Leute im Haus, weil Mrian nicht allein gekommen ist. Sie hat Hans dabei. Sein Vater ist vor drei Jahren gestorben. Da war der Bub zehn.
Es ist wieder eine Frau im Haus. Und Martin spielt auf seiner Bassgeige. Und die Kinder spielen. Mit Stengelpuppen und miteinander. Und sie werden dabei groß und spielen andere Spiele. Hans spielt mit Bärbel, dem zierlichen sechzehnjährigen Mädchen Und er ist nicht immer zimperlich. Er holt sich gerne, was er begehrt. Und so wächst im Bauch der Bärbel etwas heran, mit dem sie erst gar nichts anfangen kann.
Mrian stellt ihren Bengel zur Rede. Der gesteht und sie ist zufrieden. Dem Martin ist das ziemlich egal. Versorgt ist versorgt. Bärbel wäre gerne groß geworden, mit zum Tanz, in den Kirchenchor und in die Spinnstube gegangen. Nichts da. Das Kind in ihrem Bauch hat ihr das Großwerden vereitelt. Und die Liebe.
Im Februar wird geheiratet. Hans heißt der Mann, Bärbel die Frau. Der Hochzeitsmarsch ist wieder kostenlos, war der Hochzeitsvater doch schon von Anfang an dabei. Im Reich ist der Wüterich mit dem schwarzen Schnurrbart und der Scheitelfrisur seit einem Jahr an der Macht. Acht Jahre später wird Hans bei Stalingrad getroffen. Bärbel ist nur eine von vielen. Eine Kriegswitwe. Mit zwei Kindern.
Die Bassgeige steht in der guten Stube. Verstaubt. Seit Jahren ungezupft.
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[2013]
Das Hoftor des stattlichen Bauernanwesens war geöffnet. Auf der Straße vor dem Haus hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. Einige schauten in den Hof, wo die Kirchweihmädchen den Tisch für die Buben und die Musikanten deckten, andere ließen ihre Blicke in jene Richtung der langen, schnurgeraden Dorfstraße gleiten, aus der man schon Marschmusik vernehmen konnte.
Kirchweihsamstag, der von Alt und Jung so sehr herbeigesehnte Tag war da. Die Kirchweihbuben marschierten schon seit zwölf Uhr durch die Dorfgassen und luden die Dorfbewohner zum Fest des nächsten Tages ein.
Wie üblich fand auch an diesem Samstag das große Vorspiel der Kirchweih im Hof des Vortänzers sein Ende. Hier servierten die Kirchweihmädchen ihren Buben und den Musikanten ein kräftiges Paprikasch und der Kirchweihvater geizte nicht mit dem guten Wein.
Es entwickelte sich schnell, trotz der Müdigkeit der Akteure, eine prächtige Feststimmung an diesem herrlichen Juniabend. Noch bis spät tanzten die Kirchweihpaare auf die flotten Weisen der Blaskapelle. Die Gemüter erhitzten sich im Tanzschritt und so manche Augenpaare glühten im Ausdruck spontaner Gefühlswallungen. Erst auf das Ermahnen des Kirchweihvaters hin begaben sich die Pärchen auf den Heimweg.
Edeltraut war wieder mal das begehrteste Mädchen gewesen. Ihre Reize waren einfach unwiderstehlich. Diese Augen, diese Gesichtszüge, dieser Körper, diese Beine und die Freundlichkeit, dieses ungezwungene Benehmen, diese Geselligkeit ... und trotzdem diese unergründbare Unantastbarkeit versetzten die Jungs in einen wahren Liebesrausch.
Nicht umsonst hatte der Vortänzer sie zu seiner Vortänzerin auserkoren. Dementsprechend hatte er auch genügend Neider, was ihn nur noch stolzer machte. Er ließ Edeltraud auch kaum einen Augenblick aus den Augen, und die schien sich darüber sehr zu amüsieren.
Als er sie aber beim Nachhausegehen begleiten wollte, half alles Zureden nichts. Sie lehnte ihn höflich, aber bestimmt ab und begründete dies damit, dass er am nächsten Morgen schon sehr früh aus den Federn müsse und sie sich keinesfalls fürchte, allein nach Hause zu gehen. Der Kirchweihsonntag begann nämlich schon um die Zeit des ersten Hahnenschreis mit dem Losverkauf.
Mit einem freundschaftlichen Kuss, der ihn zwar beglückte, ihm aber bei Weitem keine Gewissheit über ihre wahren Gefühle gab, war sie auch schon aus dem Hof geeilt und er wagte es nicht, ihr zu folgen.
Außer Sichtweite des Vortänzerhofes schritt Edeltraut langsam im Mondschatten der Häuser dahin. Ihr Herz klopfte, doch nicht aus Angst. Sie war endlich allein, dem Trubel der sich lautstark verabschiedenden Gesellschaft entronnen, allein mit ihren Gedanken. Sie dachte an jenen jungen Mann, von dem einige ihrer Freundinnen schwärmten. Er wohnte seit etwa einem Jahr mit seiner Mutter in einem Häuschen am Dorfrand. Dass er ein Findelkind sei und wahrscheinlich aus einer Zigeunerfamilie stamme, war aber auch schon alles, was die Leute von ihm im Dorf zu erzählen wussten. Edeltraut wusste aber mehr. Sie hatte es durch Zufall erfahren. Er war Student, sprach mehrere Sprachen, war in Sportkreisen ein geschätzter Zehnkämpfer und bei den Studentenpartys ein begehrter Partner. Und sie wusste noch mehr, noch viel mehr. Seine schwarzen, immer leuchtenden, fast wild anmutenden Augen hingen schon einige Male an ihrem Gesicht. Ihre Blicke hatten sich getroffen und für selige Sekunden festgehalten.
Wie angewurzelt blieb Edeltraut plötzlich stehen. Jetzt schnürte die Angst ihr aber doch die Kehle zu. Ihre Brust hob und senkte sich unregelmäßig unter dem straffen BH.
Eine stattliche Gestalt hatte sich aus dem Schatten gelöst und kam auf sie zu. Zwei Schritte vor ihr blieb sie stehen, und sie erkannte ihn: Cornelius, der Mann ihrer Träume.
Sie wollte sich umdrehen, weglaufen, um Hilfe schreien, aber sie stand nur reglos da und starrte in das dunkle Gesicht mit den leuchtenden Augen.
Seine Hand umklammerte zärtlich aber bestimmt ihren zitternden Arm und er sprach mit samtweicher Stimme und edlen Worten auf sie ein. Langsam setzten sie sich in Bewegung und schritten durch die menschenleeren Gassen. Das Dorf hatte sich längst zur Ruhe begeben.
Nur das Bellen der Hunde erinnerte an die Nähe der Menschen. Warm war die Nacht. Millionen Sterne leisteten dem lächelnden Mond Gesellschaft.
Cornelius und Edeltraut hatten das Dorf verlassen. Sie standen im reifenden Weizen und ihre Blicke verschmolzen, ihre Lippen berührten sich und ihre Leiber versanken im Ährenmeer. Nur Mond und Sterne waren verständnisvolle Zeugen der Stillung seit langem aufgestauter leidenschaftlicher Triebe.
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Der schönste aller Junitage war gekommen. Aus heiterem Himmel lächelte die warme Sonne der Menschenmenge zu. Die festlichen Kirchweihpaare näherten sich im Gleichschritt der Kirche. Ein im Forte des Marsches kaum hörbares Raunen ging durch die Menge der Zuschauer. Die Schönheit der Vortänzerin in ihrer Kirchweihtracht hatte alle gebannt.
In dieser Stunde sah die versammelte Dorfgemeinschaft in ihr das Sinnbild ihrer Existenz. Dafür haben sie, die Gemeindemitglieder, gekämpft, gelitten und letztendlich gesiegt, sprich, ihre unbefleckte nationale Identität bewahrt.
Edeltraut näherte sich dem Altar und niemand sah die vereinsamte Träne über ihre glühende Wange rollen. Sie wandte sich der Gläubigenschar zu und begann ihren Kirchweihspruch mit fester, überzeugend klingender Stimme.
Gelobt sei Jesus Christus! / Unbefleckt treten wir vor dich, oh Gott, / Helfer und Beschützer in jeder Not, / Liebesspender für alle Menschen, / Die in Freude und Leid deiner gedenken. / Segne, Vater im Himmel, / Den Strauß, der nach Ahnenwille / Alljährlich beim Feste hierher gebracht / Und auch heute deiner göttlichen Fürsorge bedarf.
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[1983]
Schweigend stand die Menge im Regenschauer. In perfekter Ordnung und in stillem, wort- und gestenlosem Einverständnis traten die Menschen unter dem Dach der Regenschirme hervor, um die in der Stube aufgebahrte Tote mit Weihwasser zu bespritzen.
Zur Rechten der Bahre saßen, vom Schmerz gebeugt, die Eltern und die Großmutter der Toten, zur Linken saß der Gatte der Verstorbenen, der von der Dorfgemeinschaft zum Mörder Gestempelte.
Ausdruckslose und schon lange tränenleere Augenpaare starrten auf den Sarg. Drei trostlose Tage und Nächte lagen hinter ihnen, seit der Mann hinter der Bahre den Tod ihres einzigen Kindes durch einen selbst verschuldeten Autounfall verursacht hatte. Ohne Führerschein und unter starkem Alkoholeinfluss hatte er seine Frau gezwungen ins Auto zu steigen und war um die Mitternachtsstunde in einen Baum gerast.
Ein Säufer, ein verantwortungsloser Geselle, ein Abtrünniger, ein Mörder, lautete das spontane Urteil der Menschen und so muss auch jenes des Gesetzes lauten.
Dicht aneinander gedrängt standen die Menschen im Hof und vor dem Haus. Niemand sprach mit seinem Nachbarn. Die Menge lauschte in die unheilvolle, von unsagbarer Trauer heraufbeschworene Stille. Nur ein zeitweiliges, kaum vernehmbares, aus der Stube dringendes Stöhnen mischte sich unter das unregelmäßige Aufschlagen der Regentropfen auf die Regenschirme und drang wie ein Pfeil ins Herz der Menge.
Der Totenwagen, gezogen von zwei stattlichen Pferden, fuhr vor das Haus und das schrecklichste aller Gehämmer ließ Männer und Frauen erstarren. Der Deckel des Sarges entriss die Verstorbene den verzweifelten Blicken ihrer Angehörigen. 25 Jahre alt, stand hinter dem Namen der Glücklosen geschrieben.
Der Sarg wurde in den Hof getragen. Der Regen hatte nachgelassen und der Pfarrer begann seine Pflicht auszuüben.
Trost spenden, das ist die Aufgabe, die ihm von der katholischen Kirche für solche Stunden des Abschieds aufgetragen wurde. Und er sprach. Sanft und würdevoll klangen seine Worte. Worte des Trostes? Wollen die Priester überhaupt trösten oder sind sie sich bewusst, dass es keinen Trost gibt, und suchen darum die Tränen? Die Tränen der Untröstlichen, sie entlasten die Herzen. Und er sprach vom Abschied: Abschied von den Eltern, den Großeltern, den Freunden, den Arbeitskollegen, von allen Anwesenden und vom schmerzlichsten, unbegreiflichsten, doch vom gottgewollten Abschied vom Kind, vom 28 Monate alten Mädchen, das irgendwo bei Nachbarsleuten ahnungslos spielte.
Nur ein Ungenannter durchgeisterte das Leitmotiv der Predigt. Der Gatte der Verstorbenen, der Vater des ahnungslosen, mutterlosen Kindes, der Schuldige dieser unglücksseligen Stunden.
Der Mensch, das menschliche Gefühl für Recht auf Rechtsprechung des Menschen hat den Priester, den Würdenträger höchster Instanz, dazu veranlasst, sich selbst zu widersprechen.
Wenn die Unschuldige sterben musste, weil für sie die Stunde des göttlichen Rechenschaftsberichts geschlagen und Gott sie frühzeitig zu sich bestellt hat, war der Schuldige ihres Ablebens nicht das Werkzeug, das Mittel zu ihrer Abberufung? Darf ein Priester diese göttliche Vorsehung missachten? Darf er dem Menschendünkel erliegen, wenn er theologische Beweggründe zu einer anderen Standesaufnahme der vorliegenden Tatbestände hat?
Er brachte es tatsächlich fertig, das von der Menge erwartete „Abschied vom Gatte“ nicht auszusprechen. Der Urteilsspruch des Menschen über den Schuldigen hat, allen theologischen Rücksichtnahmen über den göttlichen Beschluss zum Trotz, obsiegt und lautete, wenn auch nicht ausgesprochen, auf schuldig.
Der Widerspruch liegt offen auf der Hand: Gott hat es gewollt, aber sein Stellvertreter vor den Menschen verurteilte sein Mittel zum Zweck nach menschlichen Maßstäben.
Von menschlichen, unzerlegbaren Gefühlen des primitiven Anspruchs auf Be- und Verurteilung geleitet, verurteilte der Priester in seiner Ansprache den Schuldigen und klagte ihn mittels des Verschweigens seiner Existenz sowohl des vorsätzlichen Mordes als auch der Gottlosigkeit an. Er merkte nichts von dem Zweifelsanstoß, der sich im Aufbau seiner Totenpredigt angebahnt hatte. Auch die Menge, die zwar das Nichterwähnen des Gatten bemerkt hatte, begriff den dadurch entstandenen Riss in dem theologischen Zusammenhang der Predigt nicht, weil ein gemeinsames Gefühl des Mitleids einerseits und des Vergeltungsbedürfnisses andererseits die Menschen völlig mit dem Priester übereinstimmen ließen.
In bedrückender Stille zog der Begräbniszug, man nannte ihn im Dorf die Leicht, auf den Friedhof. Nur das Knarren des mit Blumenkränzen überhäuften Totenwagens war zu hören. Das Kirchhofsglöcklein empfing die Tote mit seinem schrillen, kindlich fein klingenden Geläut.
Die Zeremonie am Grab war kurz und das letzte Lied des gemischten Chores entlockte den schwer geprüften Eltern noch einmal einige Tränen.
Die Sonne erschien hinter einer Wolke und der Sarg verschwand im dunklen Grab. Die Menschen beugten sich in derselben perfekten Ordnung über die Grube und warfen kleine Erdbrocken auf den Sarg zum Zeichen der letzten Ehrerbietung, bevor sie den Heimweg antraten.
Der Himmel hatte sich entwölkt und die untergehende Sonne warf ihre warmen Strahlen auf die zurückgebliebenen, vom Schicksal gebeugten Angehörigen der Verstorbenen.
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[1982]
„Heuer gibt es wieder keine weißen Weihnachten“, hörte Hansi Großvater sagen.
In dem warmen Stübchen begann es allmählich zu dämmern und Hansi hatte Mühe, die kleinen Legosteine richtig zusammenzubauen. Auf seiner Baustelle unter dem Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand, war es schon Abend geworden.
„Wo bleibt nur Vater? Wenigstens heute, am Heiligabend, hätte er mit dem Fünfuhrzug kommen können“, sagte Mutter leise.
Hansi spürte die Traurigkeit, die in ihrer Stimme mitklang. Warum kommt Vater auch nicht nach Hause? Im Vorjahr hatte er doch an Heiligabend eine Tüte Orangen mitgebracht.
Großvater suchte am Radio einen Sender. Das grüne Licht über der Senderskala - Hansi nannte es das Auge - zwinkerte unermüdlich. Die Flamme warf durch die Luftlöcher des Ofentürchens gespenstische Gestalten auf die Wand. Unter dem Tisch war es mittlerweile Nacht geworden und Hansi lehnte an einem Tischfuß.
„Es ist 17 Uhr Weltzeit. Sie hören Nachrichten der Deutschen Welle.“ So klang es aus dem Radio. Hansi lugte unter dem Tisch hervor und konnte auf der alten Wanduhr mit dem runden, nimmermüden Pendel gerade noch erkennen, dass es 6 Uhr war. Er traute sich aber nicht, Großvater zu sagen, dass der im Radio sich versprochen hatte. Die alte Wanduhr, mit ihrer vertrauten Ticktack, ging bestimmt gut. Das wusste er ganz genau. Nur war er sich seiner Kenntnisse der Uhrzeit doch noch nicht ganz sicher. Erst als es schon sackdunkel war, erhob sich Mutter und legte ihr Strickzeug weg, obwohl die Stricknadeln schon lange in ihrer Kleiderschürze ruhten.
„Ich werde das Nachtmahl vorbereiten“, sagte sie, während sie an den Schalter ging und endlich das Licht einschaltete.
Hansi gab die Baustelle auf und gesellte sich zu Großvater ans Radio. Aus dem Gerät klangen Weihnachtslieder. Eines von ihnen hatte er vor einem Jahr in der Dorfkirche gehört.
Als hätte Großvater seine Gedanken erraten, streichelte er ihm über das weiche Haar. Und seine Stimme klang traurig: „Heute Nacht wird kein Kirchenchor mehr singen und auch im Turm werden keine Musikanten blasen.“
Hansi verstand nicht recht, was Großvater damit meinte, aber er spürte, dass es etwas mit den Veränderungen zu tun haben musste, die um ihn herum stattgefunden hatten. Im vorigen Jahr waren an diesem Nachmittag noch Helga und Christian da, die Nachbarskinder. Sie waren damals alle im großen Wohnzimmer und hatten unter dem beleuchteten Christbaum mit den Geschenken vom Christkind gespielt. Jetzt war das Wohnzimmer dunkel und kalt, und alle wohnten zusammen in Großvaters Stübchen. Hier war es so gut warm. Nur der Christbaum war heuer viel kleiner geraten. Auch die neuen Nachbarskinder waren nicht gekommen. Großvater meinte, die könnten ja doch nicht mit ihm spielen, weil sie nicht Deutsch könnten und er noch nicht Rumänisch.
Draußen begann der Hund zu bellen. Das Gassentürchen quietschte in den Angeln. Vater kam endlich von der Arbeit. Er sah müde aus, aber seine Augen glänzten. Er hatte ein Kilogramm Orangen und ein Kilogramm Salonzucker gekauft. An seinem Mantel fehlten zwei Knöpfe. Die hätte er im Kampf um seinen Platz in der Menschenschlange verloren, erzählte er der Mutter. Hansi verstand wenig davon. Es war ihm auch völlig gleich, was Vater mit dieser Schlange meinte. Wichtig war, er hatte Orangen, und einen Salonzucker durfte er sogar vor dem Abendmahl essen.
Nach dem Essen zündete Mutter die Petroleumlampe an, weil um 20 Uhr der Strom immer abgeschaltet wurde. Hansi stieg in sein Kinderbett, das jetzt im Winter in Großvaters Stübchen stand, und zog sich die Federdecke über den Kopf. Er dachte an seine Legobaustelle, an der er morgen etwas ändern müsse, und schlief ein.
Am nächsten Morgen, dem ersten Weihnachtstag, wachte Hansi aus einem Märchentraum auf. Er hatte die ganze Nacht in einem zauberhaften Legoland verbracht.
Mutter stellte den Topf mit der Milch auf den Ofen und sagte mehr zu sich selbst als zu Großvater: „Wenigstens heute hätten sie die Leute zu Hause lassen können. Die arbeiten ja doch nichts. “
„So ist es nun mal im Kommunismus“, schlussfolgerte Großvater, gemächlich an seiner Pfeife ziehend.
Warum Vater gerade im Kommunismus arbeiten musste, konnte Hansi nicht recht begreifen. Seine Gedanken verflogen aber schnell, als Mutter ihm einen Morgenkuss auf die Stirn drückte, und er sprang frohgemut aus dem Bett. Hier in Großvaters Stübchen war es schon weihnachtlich, auch wenn es draußen schaurig regnete. Großvater hatte ihm versprochen, dass er mit ins Hochamt gehen dürfe.
Die neuen Fellstiefel durfte Hansi heute anziehen. Vater hatte sie ihm gekauft und damals erzählt, er hätte sie nur schwarz bekommen. Wieso die Stiefel aber rot waren, als Vater sie brachte, wollte Hansi bis heute nicht einleuchten.
In der Kirche war es kalt und unfreundlich. Nur ein paar alte Weiber und einige Großväter waren ins Hochamt gekommen. Die Predigt konnte Hansi nicht erwärmen. Erst am Ende der Messe wurde er hellhörig, als der Pfarrer sagte: „Beten wir für alle Brüder und Schwestern, die in diesem Jahr eine neue Heimat gefunden haben und ins Reich Gottes aufgenommen wurden.“
Ob die wohl alle gestorben sind?, grübelte Hansi vor sich hin. Dann wären ja Helga und Christian auch dabei.
Der Heimweg durch die menschenleeren, verregneten Gassen war ebenso wenig weihnachtlich wie die erlebte Messe. Aber zu Hause, da war es wieder festlich. Vater war schon mit dem Mittagszug nach Hause gekommen. Er erzählte, wie er den Meister mit einem Liter selbstgebrannten Aprikosenschnaps in Weihnachtsstimmung versetzt hatte. Hansi hörte belustigt zu. Es muss doch schön sein, wenn man groß und schlau wie Vater ist. Auf dem Tisch dampfte ein gut gewürzter Schweinsbraten und Großvater hatte eine Flasche Rotwein dazugestellt. Die Musik der Deutschen Welle kam und verschwand immer wieder.
Im Hof meldete sich der Hund. Der Briefträger hatte etwas in den Briefkasten geworfen. Vater ging und brachte zwei Postkarten.
„Es sind Mitteilungen von der Post. Zwei Päckchen aus Deutschland sind für uns angekommen, von der Tante und von den Nachbarsleuten. Abholtermin ist der 28. Dezember 1988.“ Vaters Stimme klang plötzlich sanfter als gewöhnlich.
Hansi strahlte. Da sind die in der neuen Heimat doch nicht tot. Er konnte sein Glück kaum fassen: „Mami, da sind bestimmt neue Legosteine drin.“
Nur Großvater hatte bemerkt, dass es draußen zu schneien begann. Seine feuchten Augen hingen an dem überglücklichen Kindergesicht. Leise murmelte er sich in den Bart: „Es gibt doch noch weiße Weihnachten.“
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[1989]
Das Dorf wurde von Tag zu Tag leerer, weil die Nachkommenden die Weggehenden nicht so schnell ersetzen konnten. Die nach Deutschland Fahrenden waren Verwandte, Freunde und Bekannte, während die neuen Bürger Fremde waren. Erstere sprachen Deutsch und benutzten das Rumänische nur als notwendiges Verständigungsmittel mit den Ungarn, Serben, Zigeunern und natürlich Rumänen. Die neu Hinzugezogenen wiederum sprachen Rumänisch und verstanden das Deutsch überhaupt nicht.
Ausgangs der 1970er Jahre waren die meisten Männer und Frauen im Dorf noch Deutsche, stramme, wahrhaftige Deutsche. Weltpolitik war besonders für die Älteren schon immer das reinste Kinderspiel gewesen. Da kannten sie sich aus. An allem Bösen, das in der Welt geschah, waren in ihren Augen immer nur die einen Schuld: die Juden. Ein anderes markantes Kennzeichen ihres Deutschtums war ihr Unglücksempfinden. Das größte Unheil, das einer Familie im Dorf, zumindest in meinem Dorf, widerfahren konnte, war die Liebe eines ihrer Kinder zu einem Rumänen oder einer Rumänin.
