Die großen Western 126 - Frank Callahan - E-Book

Die großen Western 126 E-Book

Frank Callahan

0,0

Beschreibung

Diese Reihe präsentiert den perfekten Westernmix! Vom Bau der Eisenbahn über Siedlertrecks, die aufbrechen, um das Land für sich zu erobern, bis zu Revolverduellen - hier findet jeder Westernfan die richtige Mischung. Lust auf Prärieluft? Dann laden Sie noch heute die neueste Story herunter (und es kann losgehen). Die Kugel schlug in seinen Rücken, warf ihn nach vorn auf das Sattelhorn. Zuckend krallten sich die Hände in der Mähne des Pferdes fest. Bösartig peitschte der Schuss über die öde Sandfläche und verlor sich in der Weite. Die Hufe des Pferdes trommelten über den heißen Boden. Mühsam hielt sich der Mann im Sattel. Das Pferd jagte mit ihm über die sandige Bodenwelle hinweg. Wieder fiel ein Schuss. Diesmal verfehlte ihn der heimtückische Mann, der ihm im Galopp folgte. Die gnadenlose Jagd führte durch die Wüste. Verzweifelt und beinahe bewusstlos hing der Verfolgte im Sattel. Stöhnend hob er den Kopf und starrte mit flackernden Augen über das einsame Land. Vor seinen Augen verschwammen die Kakteen und Comas, die kleinen Hügel und die in der Sonne flimmernden Sandwehen. Es war wie ein böser, schrecklicher Traum. Er fühlte sich von seinem Körper gelöst. Es war ihm, als wäre er nur noch eine Hülle. Das Pferd schien zu schweben. Er spürte keine Erschütterung mehr. Alles war plötzlich so leicht, so leer. Er begann zu träumen. Von seinem Sohn, von seinem Haus. Er sah nicht diese schreckliche, mörderische Wüste, er dachte nicht an den skrupellosen Verfolger, der schon so lange auf seiner Spur war und ihn umbringen wollte. Mein Junge, du sollst leben – leben! Der Verfolger holte auf. Er hielt die Winchester und peitschte das Pferd. Jäh war der Traum zu Ende. Die grelle, flimmernde Wüste war wieder vor ihm – und plötzlich ein Tal. Und dort stand ein halb zerfallenes kleines Adobehaus. Der Wille zum Überleben erwachte in ihm. Dort unten würde

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 138

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Die großen Western – 126 –

Die Totengräber warten schon

Frank Callahan

Die Kugel schlug in seinen Rücken, warf ihn nach vorn auf das Sattelhorn. Zuckend krallten sich die Hände in der Mähne des Pferdes fest. Bösartig peitschte der Schuss über die öde Sandfläche und verlor sich in der Weite.

Die Hufe des Pferdes trommelten über den heißen Boden. Mühsam hielt sich der Mann im Sattel. Das Pferd jagte mit ihm über die sandige Bodenwelle hinweg.

Wieder fiel ein Schuss.

Diesmal verfehlte ihn der heimtückische Mann, der ihm im Galopp folgte.

Die gnadenlose Jagd führte durch die Wüste. Verzweifelt und beinahe bewusstlos hing der Verfolgte im Sattel. Stöhnend hob er den Kopf und starrte mit flackernden Augen über das einsame Land. Vor seinen Augen verschwammen die Kakteen und Comas, die kleinen Hügel und die in der Sonne flimmernden Sandwehen.

Es war wie ein böser, schrecklicher Traum. Er fühlte sich von seinem Körper gelöst. Es war ihm, als wäre er nur noch eine Hülle. Das Pferd schien zu schweben. Er spürte keine Erschütterung mehr. Alles war plötzlich so leicht, so leer.

Er begann zu träumen. Von seinem Sohn, von seinem Haus. Er sah nicht diese schreckliche, mörderische Wüste, er dachte nicht an den skrupellosen Verfolger, der schon so lange auf seiner Spur war und ihn umbringen wollte.

Mein Junge, du sollst leben – leben!

Der Verfolger holte auf. Er hielt die Winchester und peitschte das Pferd.

Jäh war der Traum zu Ende. Die grelle, flimmernde Wüste war wieder vor ihm – und plötzlich ein Tal. Und dort stand ein halb zerfallenes kleines Adobehaus.

Der Wille zum Überleben erwachte in ihm. Dort unten würde er Hilfe bekommen. Das Haus war seine Rettung! Er bäumte sich auf und stöhnte erstickt. Die Rechte fand den Zügel und zog schwach daran. Das Pferd änderte die Richtung und lief auf die kleine Hütte zu.

Die ausgedörrte Holztür stand weit offen. Verlassen war der Hof. Staubwirbel tanzten über den Boden, am zerfallenen Stall vorbei und über den Brunnen hinweg.

Niemand kam ihm entgegen.

Er ritt um sein Leben, näherte sich dem Anwesen immer mehr und schrie laut um Hilfe.

Oben am Talrand tauchte der Verfolger auf, riss am Zügel, verhielt, hob die Winchester an und zielte …

In diesem Moment hatte er den Hof erreicht, war in der Deckung der Stallruine. Der Schuss peitschte herüber. Die Kugel streifte den Stall und zerfetzte das Holz vom Dach. Klatschend schlug sie gegen die Mörtelwand des Adobehauses und riss den Lehmputz los. Das Echo des Schusses hallte durch das Tal.

»Hilfe …«, krächzte der Mann und rutschte vom Pferd. »Hilfe!«

Er torkelte über den Hof, schwankte hin und her, schleppte sich zur Tür hin.

Wieder geriet er in das Schussfeld seines Mörders. Wieder zielte der Reiter.

Der Schuss brach. Die Kugel fuhr durch den Ärmel des Mannes, ohne ihn zu verletzen. Erstickt schrie er auf und taumelte über die Türschwelle.

Mit verzerrtem, bleichem Gesicht stolperte er ins Haus und öffnete weit den Mund, wollte schreien – doch kein Laut kam über die Lippen. Er stierte umher, torkelte an den verstaubten Tisch heran und stützte sich.

»Nein«, flüsterte er entsetzt, »nein …«

Das Haus war leer. Der Raum schien seit Langem verlassen. Kein Mensch wohnte hier. Überall lag der Flugsand, der durch die Ritzen hereingedrungen war.

Zitternd drehte er sich um und starrte hinaus ins helle Tal. Oben verhielt der Verfolger, spähte hinunter und wusste offensichtlich nicht, was er tun sollte. Sicher glaubte auch er, dass das Adobehaus bewohnt war. Vom Talrand aus war nicht zu erkennen, dass niemand auf der kleinen Farm lebte.

»Großer Gott«, flüsterte der Schwerverwundete. »Mein Junge …«

Die Schwäche warf ihn um.

Er fiel dicht neben dem Tisch zu Boden, der Staub wirbelte auf und hüllte ihn ein.

Doch er verlor nicht das Bewusstsein. Er starrte hinaus.

Der Todfeind lauerte.

Sein Pferd stand neben dem Stall.

Die Sonne brütete, die Hitze kam herein und füllte seine Lunge wie mit Feuer. Unaufhaltsam lief das Blut über seinen Rücken. Er konnte nichts dagegen unternehmen, er war verdammt zum Sterben – er wusste es.

Zitternd griff er zum Colt, der im Halfter steckte. Er wollte kämpfen, wollte jenen Reiter noch in den letzten Minuten seines Lebens bezwingen.

»Harper Lee«, stöhnte er, »komm her, komm schon! Ich hab nicht mehr viel Zeit. Komm, Harper Lee, du verfluchter Hund!«

Er kannte seinen Todfeind.

Harper Lee aber kam nicht. Er wartete wie eine Hyäne auf den Tod seines Opfers. Am Talrand war er sicher. Er wusste nicht, wie viele Leute im Haus waren. Über sein eingefallenes bleiches Gesicht zog ein zynisches Grinsen. Langsam senkte er die Winchester. Die Sonne brannte. Schweiß rann über sein Gesicht und sickerte ins Halstuch hinein. Staubwirbel wanderten am Talrand entlang …

Im kleinen Adobehaus rang ein Mann mit dem Tod. Er stierte hinaus, lag mit dem Kinn auf dem Boden – und sein schwerer Atem blies den Staub vor seinem Gesicht her.

»Komm, du Schweinehund! Komm!« Plötzlich ritt Harper Lee an, ritt am Talrand entlang und verschwand.

»Feigling«, flüsterte der Sterbende. »Du sollst herkommen, damit – ich dir – eine Kugel verpassen kann …« Die Ohnmacht erstickte seine Stimme. Erschöpft lag er am Boden.

Der Wind bewegte die Tür. Sie knarrte in den hölzernen Angeln. Immer wieder dieses monotone Geräusch, das ihn endlich zu sich kommen ließ. Und immer noch sah er hinaus, doch Harper Lee blieb verschwunden.

Wie ein todkrankes Tier richtete er sich auf, prallte gegen den Tisch, stieß ihn um, fiel gegen die Wand.

Der Colt lag vor der Tür im flimmernden Sonnenschein.

Auf einmal wurde Hufschlag laut.

Harper Lee …!

Der Wille, seinen Feind mit in den Tod zu nehmen, wurde übermächtig in ihm. Er schaffte es bis zum Colt, packte die schwere Waffe und kauerte kniend vor der Tür.

Da kam ein Mann auf den Hof geritten und verhielt.

Nicht Harper Lee! Ein großer, hagerer Fremder war es, ein Mann mit strähnigem sandfarbenem Haar und steingrauen Augen.

Der Fremde glitt vom Pferd, hielt eine Winchester in der Rechten und näherte sich der Tür.

Vor den Augen des Sterbenden verschwamm alles. Er erkannte nur die Umrisse eines Menschen, eine Silhouette vor dem hellen Himmel. Wie aus weiter Ferne drang eine Stimme zu ihm: »Nicht schießen. Ich will Ihnen helfen.«

Die Nebel vor seinen Augen zerrissen. Der Tod war plötzlich nicht mehr nahe. Er sah, wie der Mann hereinkam, sich zu ihm niederkniete.

»Wer hat auf Sie geschossen?«, tönte die raue Stimme des Fremden in die lastende Stille.

»Harper Lee – einer von Donovans Revolvermännern! In – Albuquerque …«

»Sag mir deinen Namen.«

»John – Smith.« Der Sterbende sackte zurück und starrte ins Leere. »Mein Junge – ist in Gefahr! Tommy … Ich wollte Hilfe holen – einen US Marshal, aber – Harper Lee sah mich und …« Er stöhnte und blickte den großen Fremden gequält an. »Wer – bist du?«

»Cheyenne.«

Smith schloss einen Atemzug lang die Augen. Leise, kaum hörbar, kamen die Worte über die blutleeren Lippen: »Cheyenne? – Ich dachte, Cheyenne wäre schon lange tot.«

»Nein, John Smith, ich lebe.«

»Ich höre dich, Cheyenne … Oder ist es nur ein Traum? Vielleicht – gibt es dich nicht wirklich?«

Vielleicht träumte er alles nur.

Es gab sicher gar keinen Fremden und keinen Cheyenne. Vielleicht lag er hier allein im Haus, einsam und verloren, und das Fieber gaukelte ihm alles vor.

»Hilf – Tommy, Cheyenne! Mein Junge ist – sonst verloren!« Die Lippen zuckten, das Gesicht wurde schneeweiß. Er stierte Cheyenne an und wollte weitersprechen, doch der Tod nahm ihn in sein ewiges Reich.

Still hockte Cheyenne neben ihm. Die Tür knarrte.

Draußen schnaubten die Pferde. Staub wehte herein.

Mit der linken Hand strich Cheyenne über die Augen des Mannes hinweg. »Ich werde Tommy helfen, Smith.« Niemand hörte Cheyenne.

Langsam richtete er sich auf, stand hager und sehnig im Raum und hielt die Winchester.

Es war nicht weit bis nach Albuquerque.

Er hob John Smith auf und trug ihn hinaus, legte ihn über den Sattel und breitete eine Decke über ihn.

Dann ritt er davon, das Pferd hinter sich am langen Zügel. Der heiße Wind raunte und sang, die Wüste schwieg. Weiße Wolken zogen am stahlblauen Himmel. Der Hufschlag der beiden Pferde verlor sich nach Norden.

*

Donovan lag auf dem Bett, und die rothaarige schlanke Tänzerin lag neben ihm. Sie streichelte sein Gesicht, strich über die buschigen Augenbrauen hinweg und kitzelte seinen Mund.

Er lachte, legte die Arme um ihre bloßen Schultern und zog sie an sich. Sie küssten sich, wälzten sich auf dem großen weichen Bett und hörten nicht das Stimmengemurmel, das aus dem Saloon herauftönte.

»Du bist eine tolle Frau, Angie«, flüsterte Donovan. »Ich glaub, ich heirate dich noch.«

»Ach, Mike«, hauchte sie, »das wirst du nie tun. Ich weiß es. Du liebst das Neue, und wenn du es kennst, legst du es ab wie einen alten Mantel …«

»Du bist verrückt«, grinste er. »Wenn ich was haben will, dann kriege ich es auch – und dich kriege ich …!«

Sie rückte ein Stückchen von ihm ab, sah in das weiche Licht der Lampe und lauschte den Stimmen im Saloon und den Geräuschen auf der dunklen Straße.

»Gib mir lieber ein paar Dollars mehr, Mike«, sagte sie sanft und lächelte. »Ich bin doch das beste Pferd in deinem Stall?«

»Ja, das bist du«, versicherte er, »und die schönste Frau, die mir je über den Weg gelaufen ist.«

Sie legte sich auf die Seite und betrachtete sein schwarzes glänzendes Haar. Das Licht brach sich in seinen blauen Augen. Ein feiner Schweißfilm lag auf seinem Gesicht.

»Das sagst du nur so, Mike Donovan … Dir gehört alles hier in Albuquerque, du kannst dir alles leisten, jedes Mädchen liegt dir zu Füßen, und die Kerle da draußen haben so viel Angst vor dir, dass sie dir die Stiefel ablecken würden. Ja, für dich bin ich die schönste Frau – doch nur heute Nacht, Mike.«

»Ach, rede doch nicht so, Angie«, wehrte er ab und richtete sich halb auf. »Was machen wir uns überhaupt für Gedanken, he? Komm her.«

Er zog sie an sich.

Schritte kamen die Treppe herauf, folgten dem Gang und verstummten vor der Tür. Dann klopfte es.

Donovan löste sich von der Tänzerin und starrte zum Eingang.

»Was ist los?«, schrie er. »Könnt ihr verdammten Idioten mich nicht in Ruhe lassen?«

»Boss«, tönte eine Stimme dumpf durch die Tür, »Sie müssen sofort kommen. Es ist sehr wichtig.«

»Zum Teufel«, schimpfte Donovan, stand vom Bett auf und begann sich anzukleiden. »Ich komm gleich.«

Die Schritte entfernten sich.

Übel gelaunt sah er auf die Tänzerin. »In Ordnung, du bekommst die Dollars, aber jetzt mach, dass du nach unten kommst. Du hast einen Auftritt. Wofür bezahl ich dich, he? Diese einfältigen Kerle wollen dich sehen!«

»Du bist reizend zu mir«, entgegnete sie ruhig, doch sie lächelte nicht. »Ich bin meinem Schicksal dankbar, dass ich dich getroffen habe, Mike Donovan.«

»Schnauze!«, brummte er und zog die gut sitzende weiße Jacke zurecht. »Feierabend für heute. Zieh dich endlich an.«

Ungerührt verließ sie das Bett und griff nach ihrem Kleid. Geschmeidig schlüpfte sie in das enge Gewand hinein, trat vor den Spiegel und ordnete ihr Haar.

Wortlos verließ er das Zimmer und stieg die Treppe hinunter. Tabakqualm schlug ihm entgegen. Der dichte Dunst wallte um die Lampen im Saloon. Überall standen oder saßen Männer. Animiermädchen bedienten die Gäste. Im Hintergrund sah man mehrere Spieltische.

Donovan warf einen schnellen, forschenden Blick umher. Zwei seiner Leute standen an der Tür und sahen zu ihm herüber. Er verließ die Treppe und ging ruhig und ohne Hast quer durch den Saloon, erreichte die Tür und trat hinaus.

Schon beim ersten Schritt ins Freie veränderte sich sein Gesichtsausdruck, wurde hart und verschlossen. Donovan ging über den Plankenweg und stieg die zwei Stufen hinunter.

Das Licht fiel über den Gehweg auf die Straße. Dort standen Harper Lee und die anderen drei Revolverschwinger. Sie standen neben dem Pferd, auf dem leblos und schlaff John Smith lag. Der Wind blies die Straße herauf und ließ die Decke flattern.

»Smith«, murmelte Donovan dumpf und starrte Harper Lee an. »Zum Henker, wer hat ihn in die Stadt gebracht? Du hast mir gesagt, dass Smith erledigt wäre, Lee!«

»Er ist tot«, antwortete Harper Lee leicht verlegen. »Irgendwer muss ihn in die Stadt gebracht haben. Das werden wir schon noch herausbekommen.«

Der Zorn ließ Donovans Stirnader anschwellen. Mühsam beherrschte er sich und trat an das Pferd heran, beugte sich hinunter und starrte in das Gesicht des Toten. Mit pfeifendem Atem richtete er sich auf, hob die Decke ein wenig und blickte auf den Rücken. Deutlich war das Einschussloch zu erkennen. Er zog die Decke wieder über den Toten und blickte Harper Lee durchdringend an.

»Du hast ihn erwischt, aber es gibt mindestens einen Kerl, der davon weiß, der Smith in die Stadt gebracht hat. Wer es auch sein mag – er weiß, dass du es gewesen bist, dass du für mich arbeitest. Sonst hätte er das Pferd nicht genau vor meinem Saloon zurückgelassen!«

Harper Lee zuckte die Achseln. In seinem fahlen Gesicht bewegten sich die Muskeln. Bleich wie der Tod stand er am Straßenrand.

»Ich mach das wieder gut, Boss«, sagte er kleinlaut.

»Das hoffe ich«, knurrte Donovan. »Versucht herauszubekommen, wer neu nach Albuquerque gekommen ist.«

Im Saloon war es still geworden. Die rothaarige Angie war auf die kleine Bühne getreten. Die Männer johlten. Musik setzte ein, Angie begann zu tanzen und zu singen. Ihre faszinierend rauchige Stimme tönte bis auf die Straße.

Donovan schien dem Gesang zu lauschen, er stand still und starrte über die Straße. Lichtbahnen fielen durch die Dunkelheit.

»Bringt Smith aus der Stadt«, befahl er mit schroffer Stimme. »Begrabt ihn, bevor ihn jemand erkennt. Dieser verdammte Kerl wollte doch wirklich einen Marshal holen. Er hat einen großen Fehler gemacht, er konnte das Maul nicht halten. Los, weg mit ihm! Bronson, du nimmst dir seinen Sohn vor. Warte aber noch etwas, es muss erst eine Weile vergehen.«

Steif wandte er sich ab und verschwand im Saloon. Die Türflügel schlugen hin und her, der Tabakrauch drang ins Freie.

Harper Lee und zwei Revolverschwinger gingen mit dem Pferd und dem Toten davon.

Bronson blieb noch im Lichtkegel stehen. Sein breites Gesicht verriet, dass er eine indianische Mutter hatte. Schweißnass glänzte die fliehende Stirn. Er berührte die tiefhängenden Colts und verzog das Gesicht zu zynischem Grinsen. Langsam betrat er den Gehweg und schritt an den Häusern entlang. In einer Hausnische machte er halt und holte ein Zigarillo hervor. Er rauchte, und wenn er an der Zigarre sog, erhellte die Glut für Sekunden das knochige Gesicht mit den breiten Wangenknochen.

Der Tod hatte Pause.

*

Trüber Lichtschein sickerte durch das verhangene Fenster des kleinen Hauses. Mit harten Knöcheln schlug Cheyenne gegen die Tür und trat zurück.

Im Haus ertönten Schritte. Eine Hand schob vorsichtig die Gardine beiseite, ein schmales Gesicht erschien.

»Wer ist da?«, fragte der Junge durch die geschlossene Tür.

»Du kennst mich nicht«, sagte Cheyenne mit seiner dunklen Stimme, »ich bin hier, weil dein Vater mich geschickt hat.« Er hörte, wie der Türriegel beiseitegeschoben wurde.

Der Junge öffnete und blickte den Fremdling an.

Verstaubt vom langen Ritt, die Winchester in der Rechten, still und ernst – so stand Cheyenne vor ihm. Zwischen Haus und Stall stand sein Pferd.

»Ich bin Cheyenne, mein Junge. Kann ich das Pferd in den Stall bringen?«

»Ja, aber …«

Der Junge verstummte. Zweifel und Mutmaßungen drängten sich ihm auf. Er wusste nicht, was er tun sollte. Unsicher blickte er dem großen Fremden nach, wie er das Pferd in den Stall brachte, das Stalltor sorgsam zudrückte und zurückkam. Langsam wich er in das Haus zurück.

Cheyenne trat über die Schwelle und schloss die Tür. Als er sich umdrehte, sah er den schweren Colt in der Hand des ungefähr fünfzehn Jahre alten Jungen.

»Ich kenn keinen Cheyenne«, flüsterte er. »Jeder kann behaupten, dass ihn mein Vater geschickt hat. Rühren Sie sich nicht, Mister, oder ich leg Sie um!«

Cheyenne blieb ruhig. Er sah dem Jungen an, dass er sich Sorgen um den Vater gemacht und seit seinem Fortreiten nicht mehr geschlafen hatte.

»Ich gehör nicht zu Donovans Leuten, Tommy«, beruhigte ihn Cheyenne. »Du kannst das Schießeisen weglegen. Ich muss mit dir reden. Dein Vater kann das nicht mehr.«

Der Junge blickte ihn starr an, als wollte er ihn mit seinen Blicken durchlöchern. Unwillkürlich senkte er die Hand mit dem Colt ein wenig.

»Was soll das heißen?«, flüsterte er. »Was ist mit meinem Vater?«

Cheyenne sah auf den Colt und blickte im Raum umher, als hätte er die Frage nicht gehört. Diesem Haushalt war anzumerken, dass die Frau fehlte, und dennoch, es sah alles sauber und ordentlich aus.

Langsam trat er an den Tisch. Der Junge folgte jeder seiner Bewegungen misstrauisch und wachsam und hielt den Colt wieder hoch.