Die Handleserin vom Strand - Inga Marie Sperling - E-Book

Die Handleserin vom Strand E-Book

Inga Marie Sperling

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Beschreibung

Alle Urlauber kennen die junge hübsche Maria als die Handleserin vom Strand. Sie überrascht Rolf Harder am ersten Morgen in Costa Rica im Haus von seinen Freunden, die in Spanien versuchen, ihre Ehe zu kitten. Schuld daran ist eine gewisse Laura. Aber wer ist sie, die angeblich keiner kennt? Bei dem Versuch hinter das Geheimnis zu kommen, setzt Rolf die überraschende Begegnung mit seiner großen Liebe aus der Studentenzeit aufs Spiel.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Landung auf dem Flughafen

Urlaub mit Christine

Hotel Chorotega

Das Haus

Der Verdacht

Geständnis von Christine

Verliebt in Stefanie

Die Hochzeit

Der erste Morgen

Besuch am Morgen

Im Hotel Chorotega

Anrufe am Morgen

Begegnung am Strand

Unterbrechung beim Malen

Schon wieder Maria

Icke

Sonntag

Gaby

Abend im Hotel

Einkauf in der Stadt

Dienstag

Wiedersehen

Am Abend

Mit Stefanie am Strand

Die Wahrheit

Gespräch mit Manuel

Gute Nachrichten von Alfredo

Ein fatales Zusammentreffen

Zufälle

Abschied

Impressum

Inga Marie Sperling

Die Handleserin

vom Strand

Roman

Copyright © Inga Marie Sperling

Alle Rechte vorbehalten

Cover © Shutterstock Bildgenerator

Die Handlung zu diesem Roman ist frei erfunden.

Die Personen und Namen gibt es nicht in Wirklichkeit.

Sie gehören ganz der Autorin.

Impressun:

El Gorrion Libros

Inga Sperling

CR 10201 Escazu

Apartado 1250 - 1840

Meine Taktik ist, in deinem Gedächtnis zu bleiben,

ich weiß nicht wie und unter welchem Vorwand,

ein Teil von dir sein.

Meine Strategie dagegen ist tiefer und einfacher.

Meine Strategie ist, dass du eines Tages,

ich weiß nicht wann und wie und unter welchem Vorwand,

du mich letzten Endes brauchst.

Mario Benedetti von Táctica y Estratégia

Übersetzung aus dem Spanischen von Inga Marie Sperling

Landung auf dem Flughafen

Als Rolf Harder aus dem Flugzeug stieg, schlug ihm die warme Luft entgegen. Er wusste, was auf ihn zukam und hatte seine Jacke sofort nach der Landung in seiner Reisetasche verstaut. Inmitten der Gruppe von Urlaubern wartete er in der Halle auf seinen Koffer.

„Man merkt, dass wir in Guanacaste sind“, stöhnte ein kleiner untersetzter Mann neben ihm und wühlte in seinen Hosentaschen. „Wo habe ich bloß mein Taschentuch?“

Er schaute sich um. „Trudi?“

Ein paar Meter weiter winkte eine dralle Frau mit einer wild wuchernden graubraunen Krause auf dem Kopf.

„Hier kommen gerade unsere Koffer, Harry. Hast du schon jemanden vom Hotel gesehen?“

Der Mann drängte sich zwischen den Wartenden zu ihr hindurch. Am Ende der Halle wurden Schilder mit den Namen von Hotels hochgehalten. Der kleine untersetzte Mann setzte seine beiden Koffer neben Rolf ab.

„Wir wollen ins Hotel Chorotega. Und Sie?“

In der nächsten Sekunde sah er das Schild und fing an zu winken.

„Trudi, sie haben jemanden geschickt“, rief er seiner Frau zu. „Guck mal, da laufen schon welche hin.“

Zwei Paare und eine Blondine mit dunklem Scheitel strebten auf das erhobene Schild zu. Ein junger Mann mit einer Frisur im Handfegerstil und einer dicken goldenen Kette im offenen Hawaiihemd schlenderte hinterher.

Der kleine dicke Mann wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und griff nach seinen Koffern.

„Schönen Urlaub“, japste er.

„Danke, Ihnen auch“, erwiderte Rolf.

„Wir sind schon zum dritten Mal hier“, rief ihm die Frau zu. „Das Hotel schickt uns immer einen Kleinbus. Nun mach schon, Harry.“

Mit vorgestrecktem Busen eilte sie voran.

Rolf hob seinen Koffer und die Reisetasche und folgte ihnen langsam. Der junge Mann mit dem Schild schaute auf die Gruppe, die sich um ihn versammelt hatte.

„Guten Tag. Ich bin Carlos“, sagte er auf deutsch.

Spanisch fuhr er fort: „Ich fahre Sie jetzt ins Hotel Chorotega.“

„Was hat er gesagt?“, fragte die Blondine.

Keiner beachtete sie. Alle hatten ihre Augen auf den gut aussehenden jungen Mann mit der braunen Haut gerichtet. Er klemmte sich das Schild unter den Arm und entfaltete einen Zettel. Es war nicht leicht für ihn, die Namen richtig auszusprechen. So kam es zu seltsamen Veränderungen, die Heiterkeit bei der kleinen Gruppe auslöste.

Wieder hob er seinen Kopf. „Rolf Harder?“

Darauf wendeten sich alle um.

„Da kommt noch einer“, sagte die Blondine.

Alle musterten Rolf, der zu ihnen trat. Carlos nickte ihm sichtlich erleichtert zu. Er faltete seinen Zettel zusammen und steckte ihn in seine Hosentasche.

„Kommen Sie bitte mit.“

Die Gruppe trottete hinter ihm her.

„Wo will er denn hin?“, fragte jemand.

„Da hinten steht ein Kleinbus. Der ist bestimmt für uns“, meldete sich der kleine Dicke namens Harry.

„Schon wieder sitzen“, beschwerte sich eine Frau.

„In einer Stunde sind wir da“, versicherte Harry.

„Eine Stunde in dieser Affenhitze im Bus? Danach könnt ihr mich auswringen“, rief die Blondine.

Niemand sagte etwas. Carlos hielt vor dem Kleinbus an. Er öffnete die Fenster und eine Schiebetür. Einer nach dem anderen kletterte hinein. Carlos verstaute unterdessen das Gepäck.

Der junge Mann mit dem Hawaiihemd ließ sich auf einen der hinteren Sitze fallen und fuhr gleich wieder hoch.

„Himmel, hier verbrennt man sich ja den Arsch“, stieß er aus.

Er zwinkerte der Blondine zu und klopfte neben sich auf den Sitz. Aber sie setzte sich hinter den Platz vom Fahrer und stellte ihre Tasche neben sich. Sie versuchte, den Blick von Rolf festzuhalten. Er tat, als merkte er es nicht und wendete sich ab. Carlos stellte sich neben ihn.

„Sie sind der Freund von Don Alfredo und Dona Cecilia?“

Offenbar war er von seiner Ankunft unterrichtet. Sein strahlendes Lächeln verwandelte sich in einen bekümmerten Ausdruck.

„Ich habe die beiden heute Morgen zum Flughafen gebracht. Sie sahen beide sehr traurig aus. Es hat mir das Herz gebrochen.“

Und dann: „Bleiben Sie länger hier?“

„Nur ein paar Wochen“, erwiderte Rolf.

„Bis Don Alfredo und Dona Cecilia zurückkommen?“

„Bis sie zurückkommen“, bestätigte Rolf.

„Ich habe gehört, sie wollen das Haus verkaufen.“

„Davon weiß ich nichts.“

Carlos warf einen Blick auf die Blondine. Leicht grinsend sagte er: „Wenn Sie wollen, können Sie neben mir sitzen.“

Rolf sah an ihrem Gesicht, dass sie zuhörte, aber offenbar nichts verstand.

„Einverstanden“, sagte er und stieg ein.

Zuerst fuhren sie auf einer geteerten Straße. Der Fahrtwind vertrieb die Hitze aus dem Bus. Es gab einige Bemerkungen darüber, dass Rolf spanisch sprach. Einige vermuteten sogar, dass er ein Spanier sei, weil er braune Augen hatte. Aber der kleine Dicke bestritt das, weil er gerade deutsch mit ihm geredet habe und richtig gut. Darauf erstarb das Gespräch. Als Rolf sich einmal umdrehte, dösten alle vor sich hin.

Nach einer Weile bog der Kleinbus in eine Schotterstraße ein. Das Rütteln machte alle wieder munter. Ohne seine Geschwindigkeit zu verringern, kurvte Carlos um die Löcher herum.

„Mann, fährt der hier einen Porsche oder was?“, rief der junge Mann von hinten.

Darauf meldete sich eine Frau mit hysterischer Stimme: „Hoffentlich kommen wir heil an.“

Carlos schaute sich kurz um und wendete sich dann an Rolf.

„Was sagen die Touristen?“

„Sie sagen, dass es eine schlechte Straße ist“, erwiderte Rolf.

Carlos nickte. „Ja, sehr schlecht. Aber ich bin einer guter Fahrer. Eine Frage, wenn Sie erlauben: Sind Sie Spanier oder Deutscher?“

„Ich bin Deutscher. Aber ich arbeite in Spanien“, erwiderte Rolf.

„Ah, deshalb“, bemerkte Carlos.

Er wich einem Krater aus, und der Bus machte einen Schlenker. Auf den hinteren Sitzen schrien alle auf.

„Wenn das so weitergeht, landen wir noch im Straßengraben“, rief

jemand.

Als sei nichts geschehen, fragte Carlos: „Wollen Don Alfredo und Dona Cecilia ihr Haus verkaufen?“

„Das haben Sie mich schon einmal gefragt“, erwiderte Rolf.

„Eine Angewohnheit von mir.“ Carlos warf Rolf einen Blick zu. „Die Leute reden über dies und das.“

„Gucken Sie auf die Straße, Mann“, warnte Rolf.

Carlos lachte. Es machte ihm anscheinend Spass, seine Fahrkünste zu beweisen.

„Waren Sie schon mal hier?“, erkundigte er sich.

„Gucken Sie nach vorn“, warnte Rolf, weil sie sich gefährlich dem Rand der Straße näherten. Er wartete, bis die Gefahr vorbei war.

„Mir kommt die Gegend bekannt vor“, fing er an. „Aber ich bin nicht sicher. Es ist mehr als zwanzig Jahre her, seit ich zuletzt hier war.“

„Zwanzig Jahre?“, rief Carlos aus. „Das war ja noch vor meiner Zeit.“

Einen Augenblick verlor er die Straße aus den Augen und steuerte im letzten Moment um ein tiefes Loch herum.

Rolf Harder atmete auf. „Ich erinnere mich an ein Lokal direkt am Strand. Es gab dort ein paar Kabinen zum Übernachten.“

Carlos hieb mit der Hand auf das Lenkrad und löste lautes Hupen aus. Er lachte, als er die Schreie hinter sich hörte.

„Exakt.“ Er pfiff ein Lied im Radio mit. „Kennen Sie das?“

Rolf schreckte aus seinen Gedanken auf. „Nein.“

Carlos kam nicht auf die Idee, dass sein Lied in Europa nicht bekannt sein könnte.

„Es ist schon zwei Wochen lang die Nummer eins“, erklärte er.

„Hören Sie mal.“ Er sang lauthals mit und drückte im Rhythmus auf die Hupe. Niemand im Bus döste mehr.

Urlaub mit Christine

Also war es hier gewesen, dachte Rolf. Er war mit Christine den ganzen Tag umhergefahren. Dann hatten sie sich verirrt und konnten die Hauptstraße nicht finden. Es war bereits dunkel, und sie wollten zurück in ihr Hotel.

Die Leute, die sie fragten, waren sehr hilfsbereit. Sie drehten und wendeten die Straßenkarte. Ratlose Gesichter. Kopfschütteln. Weiterfahren. Auf einer Schotterstraße voller Löcher torkelte ihnen ein Mann entgegen. Rolf bremste und stieg aus. Der Mann wankte hin und her. Mit Gesten versuchte Rolf ihm klarzumachen, dass er etwas zum Übernachten suchte.

Der Mann kratzte sich den Kopf unter einem schmutzig weißen Hut.

„Hotel“, sagte Rolf. Zur Sicherheit schnarchte er leise.

Der Mann zog seinen Mund auseinander.

„Kabinas?“, lallte er.

„Ja“, sagte Rolf. „Wo?“

Heftig schwankend drehte sich der Mann um sich selbst. Rolf hielt ihn fest.

„Kabinas“, wiederholte er.

Der Mann nahm seinen Hut ab und spuckte auf den Boden. Schwankend zeigte er zuerst geradeaus und schwenkte dann seinen Arm herum, wobei er beinahe hinfiel. Damit Rolf keinen Zweifel hatte, gab er seinerseits ein paar Schnarchtöne von sich.

Sein Hut fiel herunter und Rolf hob ihn auf. Der Mann stülpte ihn sich auf den Kopf. Dann verbeugte er sich tief vor dem Auto, fiel fast über die Kühlerhaube, und torkelte weiter.

„Hoffentlich weiß er, was er gesagt hat“, jammerte Christine. „Wahrscheinlich gibt es hier nur eine Kneipe. Hört sich ja auch so ähnlich an.“

Sie fuhren noch ein paar hundert Meter und bogen dann in einen Seitenweg ein. Vor ihnen lag das Meer, und der Strand war breit und hell.

Rolf parkte neben einer Wand aus dünnen Stäben. Es folgte ein halbhohes Geländer aus Bambus, das unmittelbar am Strand endete. Von dem Blechdach hingen trockene Wedel von Palmen.

„Da drin ist ja alles dunkel“, sagte Christine ängstlich. „Lass uns lieber wegfahren.“

Rolf stieg aus. „Jetzt sind wir hier. Zumindest will ich mir das mal näher ansehen.“

Er ging an dem Geländer entlang und betrat dann einen Boden aus Zement. Kreuz und quer standen rustikale Tische und dreibeinige Hocker herum. Im Hintergrund flackerte ein schwaches Licht. Als er näher trat, bemerkte er eine Bar, auf der eine Petroleumlampe stand. Drei Männer mit dunklen Gesichtern und weißen Hüten drehten ihre Köpfe zu ihm hin.

„Buenas Noches“, sagte er.

Die drei Männer rührten sich nicht. Als Rolf das Wort Kabina sagte, rief einer von ihnen: „Emiliano. Venga. Un Gringo.“

Aus dem schwarzen Hintergrund tauchte ein schmächtiger junger Mann mit einer Taschenlampe auf. Hinkend kam auf Rolf zu.

„Soy Emiliano. En que puedo servirle?“

Rolf fragte zweifelnd: „Kabinas?“

Emiliano nickte: „Si, si.” Er hob seinen Zeigefinger: „Una.“

Rolf erklärte in seinem holprigen Spanisch aus dem Buch für Anfänger, dass er einen Moment warten sollte, er käme gleich wieder. Er holte Christine aus dem Auto.

Emiliano sagte etwas von, „Corte de Luz“ und führte sie hinter das Lokal in einen Garten. Es gab dort einige Kokospalmen und vier oder fünf kleine Häuschen. Emiliano hinkte vor ihnen her. Vor dem letzten blieb er stehen. Er schloss die Tür auf und leuchtete mit seiner Taschenlampe hinein.

Sie sahen ein sauber bezogenes Bett und einen kleinen Tisch mit einer Kerze und einer Schachtel Streichhölzer. Es kam wohl öfter vor, dass das Licht ausfiel. Daneben standen zwei weiße Stühle aus Plastik.

„Es ist ja nur für eine Nacht“, entschied Christine.

Rolf nickte Emiliano zu.

„Halt mal“, fuhr Christine auf. „Wo ist denn das Bad?“

Emiliano hatte wohl erraten, was sie meinte und zeigte auf vier Wände mit einem verrosteten Blechdach darüber und einer offen stehenden Tür. Christine holte Luft. Rolf warf ihr einen Blick zu. Resigniert zuckte sie mit den Schultern.

„Si?“, fragte Emiliano.

„Si“, bestätigte Rolf.

Darauf überließ Emiliano ihm seine Taschenlampe. Christine ging auf die offene Tür zu. Sie leuchtete mit der Taschenlampe in das mutmaßliche Bad.

„O nein“, rief sie. „Da drinnen schwimmt ja alles.“

Sie ließ die Tür offen. „Es stinkt fürchterlich“, stöhnte sie, als sie wieder herauskam. „Das Wasser fließt nicht ab. So eine Schweinerei. Willst du rein?“

Rolf verzichtete darauf.

Als sie die riesigen Spinnennetze über dem Bett sah, wollte sie lieber im Auto schlafen.

„Sei doch nicht albern“, sagte Rolf, der ihre Angst vor Spinnen kannte.

Er zog sein Hemd aus. Auf dem Bett stehend, versuchte er die Netze herunter zu schlagen. Christine stand in der offenen Tür und schimpfte vor sich hin. Als eine Spinne auf sie zulief, fing sie an zu schreien.

„Da kommt eine.“

„Sei still. Du weckst hier alle auf“, knurrte Rolf wütend. „Guck lieber mal, ob du einen Besen findest oder einen langen Stock.“

Wortlos verschwand sie. Er schaute hinunter, ob ihm eine Spinne entgangen war. In diesem Moment kam ein Skorpion mit erhobenem Schwanz unter dem Bett hervor. Vorsichtig stieg Rolf hinunter. Der Skorpion fing an zu rennen. Rolf erwischte ihn an der Tür und setzte seinen Schuh darauf, als Christine mit dem Besen erschien.

„Das Bett war mir zu wackelig“, sagte er. „Ich mache den Rest von unten.“

Unter den kritischen Augen von Christine beseitigte er den Rest der Spinnengewebe.

Am nächsten Morgen war die Tür vom Bad geschlossen. Christine lief mit kleinen Schritten davor hin und her. Nach einer Weile öffnete sie sich. Ein Mann mit einem Handtuch um seinen dicken Bauch gewickelt, kam heraus. Er grüßte freundlich und zuckte mit den Schultern. Rolf konnte sich vorstellen, warum. Christine machte vorsichtig einen Schritt hinein. Sie kehrte um und würgte.

„Da kriegen mich keine zehn Pferde rein. Ich setze mich hinter eine Palme. Wer gucken will, kann gucken. Mir ist das egal. Uns kennt ja sowieso keiner.“

Sie fand eine passende in der Nähe von einem Stacheldrahtzaun. Rolf stellte sich nach ihr dahinter.

Eine halbe Stunde später verließen die Kabine und gaben Emiliano die Taschenlampe zurück. Sie liefen ein Stück am Strand entlang, zogen sich aus und gingen ins Meer.

Hotel Chorotega

Rolf schrak aus seinen Gedanken auf. Sie fuhren durch ein Dorf. Carlos winkte aus dem offenen Fenster den Leuten zu.

„Es gibt viele hübsche Mädchen, und alle müssen an den Mann gebracht werden“, erzählte er aufgeräumt. „Ich wette, Sie werden bald zum Mittagessen eingeladen. Mögen Sie Huhn mit Reis?“

Er lachte und hupte. Hühner stoben laut gackernd nach allen Seiten. Eine Horde Hunde sprang kläffend hinter dem Auto her. Ein Schwein wälzte sich aus einer Kuhle und rannte quiekend davon. Eine Frau mit einem Korb machte Zeichen, dass sie mitgenommen werden wollte.

„Kein Platz, Donita“, rief Carlos aus dem Fenster.

Er wendete sich an Rolf. „Der Bus fährt nur morgens um sechs und dann noch mal mittags um zwei.“

Hinter einer Veranda brüllten ein paar Männerstimmen.

„Das ist die Kantine von der Gorda. Alle zwei Wochen ist dort Tanz. Ich fahre dann immer die Touristen hin. Das macht allen immer viel Spaß.“

Nicht einen Augenblick verminderte er sein Tempo. Mit einem Lachen kündigte er an, was seiner Ansicht nach auf Rolf zukommen würde.

„Man wird Sie zum Kapitän vom Fußballverein wählen. Sie müssen einen Ball stiften. Neue Hemden und Schuhe könnte man auch gebrauchen. Sonntags dürfen Sie dafür vor dem Spiel den Ball anstoßen. Ein hübsches Mädchen wird ihn vor Ihre Füße legen. Sie machen einen Schuss. Alle klatschen Beifall. Man flirtet mit ihnen. Das lernen alle schon, wenn sie noch kleine Mädchen sind. Denn darauf kommt es im Leben an.“

Rolf vermutete, dass Carlos übertrieb. Aber einiges davon konnte er sich gut vorstellen.

„Das wäre zwecklos bei mir. Damit möchte ich nichts zu tun haben.“

Er hoffte, dass es bei Carlos angekommen war und er die Leute im Dorf davon unterrichtete. Sie näherten sich einem Bach. Carlos ließ den Motor aufheulen. Das Wasser spritzte die Reifen hinauf. Das Radio lief auf voller Lautstärke.

Carlos bewegte seinen Kopf im Takt. Zwischendurch hupte er kurz.

„In der Regenzeit kommt man hier manchmal nicht durch. Dann steht einem das Wasser bis zum Bauch und manchmal noch höher. Die Strömung kann sogar ein Pferd umreißen. Der Bus fährt dann nur bis zum Dorf. Bei einer Überschwemmung kommt er überhaupt nicht. Wenn die Touristen vom Hotel zum Flughafen müssen, werden sie von Ignacio abgeholt. Der hat einen Trecker. Da ist immer was los.“

Er beendete seine Rede mit einem Hupkonzert.

An der Straße verstreut standen kleine Häuser aus verwitterten Brettern und mit Dächern aus rostigem Wellblech.

„Da geht es zum Haus von Don Alfredo“, übertönte Carlos das Radio und zeigte an Rolf vorbei auf einen Seitenweg.

Etwa zwanzig Meter weiter war das Meer zu sehen. Rolf erkannte den Weg wieder, der zum Strand führte. Eine zierliche Person in weißen Shorts und gelber Bluse schlenderte langsam darauf zu. Die schwarzen Haare bedeckten ihren Rücken bis zur Taille. Sie wendete sich kurz nach dem Bus um. Obwohl er ihr Gesicht nur wenige Sekunden sah, kam es Rolf außergewöhnlich hübsch vor.

Von hinten rief der junge Mann: „Kann ich mal kurz aussteigen?“

Worauf alle lachten. Carlos schaute geradeaus. Er pfiff nicht mehr. Die Straße stieg nun leicht an. Sie fuhren direkt auf ein riesiges rundes Gebäude mit einem hohen spitzen Dach zu, das mit Palmenwedeln bedeckt war. Weiß gestrichene Bungalows tauchten zwischen Palmen und bunten Büschen auf. Carlos stellte das Radio aus.

„Das ist das Chorotega“, rief hinten der Mann, der Harry hieß.

„Gott sei Dank“, stießen alle aus.

Der Bus hielt auf einem überdachten Platz. Carlos half den weiblichen Fahrgästen galant beim Aussteigen. Alle wirkten müde und erschöpft. Rolf bemerkte einen weiß gekleideten Mann mit schwarzen Haaren und von gedrungener Statur.

Carlos fing an, das Gepäck auszuladen.

„Das ist ja hier ein Paradies“, rief jemand voller Begeisterung.

Einige Urlaubsgäste gingen an ihnen vorbei und einen schmalen Weg den Hügel hinunter. Der junge Mann im Hawaiihemd wendete sich an den kleinen Dicken. Rolf hörte, wie er ihn fragte:

„Sie sind wohl hier Stammgast, wie?“

„So ungefähr“, erwiderte sein Gegenüber. „Ich heiße Harry.“

Er konnte kaum seinen Blick von der dicken Goldkette reißen. Der junge Mann griente.

„Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Du kannst Icke zu mir sagen. Machen alle, weil ich aus Berlin komme. Sieht aus, als wenn hier nicht viel los ist. Wo kann man denn mal schwofen gehen?“

„Am Strand gibt es was“, sagte Harry. „Am Wochenende ist es da immer gerammelt voll. Manchmal ist auch Tanz im Dorf.“

Icke beugte sich zu ihm hinunter. „Und sonst? Wie steht es mit den Puppen?“

Harry warf einen Blick auf seine Frau. Sie redete gerade mit der Blondine.

„Man kann sich nicht beschweren“, sagte er im Flüsterton. „Aber ich bin ja verheiratet.“

Icke klopfte ihm auf die Schulter. „Es hat dich wohl schwer getroffen.“

Rolf entfernte sich belustigt von den beiden. Der Mann auf der Terrasse näherte sich mit elastischen Schritten.

„Ich bin Manuel. Herzlich Willkommen im Hotel Chorotega“, sagte er auf deutsch und mit einem starken Akzent. „Bitte, trinken Sie ein Glas mit uns.“

Ein langer Tisch mit Gläsern war schon vorbereitet.

Rolf trank das fruchtige Getränk in einem Zug aus. Manuel beobachtete ihn und nickte ihm dann zu. Es schien, als wüsste er, wer er war.

Eine Frau mit einem langen großblumigen Rock und tief ausgeschnittener weißer Bluse näherte sich mit den geschmeidigen Bewegungen einer Flamencotänzerin. Ihre schwarzen Haare waren straff aus dem Gesicht gekämmt und im Nacken in einem losen Knoten zusammen gehalten. Sie hatte starke Wangenknochen, einen breiten roten Mund und große braune Augen. Ihr Alter war schwer zu schätzen. Aber bestimmt war sie nicht jünger als vierzig.

„Das ist Juana, meine Frau“, stellte sie Manuel vor.

Auch sie sprach deutsch. „Ich hoffe, dass Sie haben eine glückliche Zeit bei uns.“

Sie schaute jeden einzelnen an. Harry hob eine Hand.

„Oh“, rief sie. „Ich kenne Sie wieder. Sie sind…“

„Harry und meine Frau Trudi“, sagte er. „Wir sind zum dritten Mal hier.“

Juana lächelte. „Ich mich erinnern. Sie immer noch…“ Ihr fehlte das Wort.

„Stricken“, ergänzte Trudi. „Das ist mein Hobby.“

„Sie kann es nicht lassen“, sagte Harry stolz. „Ihr Strickzeug ist überall dabei.“

„Ich mich sehr freuen“, sagte Juana.

Rolf sah ihr an, dass sie nichts verstanden hatte.

„Jeden Tag haben wir ein Buffet zum Mittag und zum Abend. Getränke und Kaffee gibt es immer“, sagte ihr Mann. „Wir haben schönen Kutschen.“

Er schaute in lachende Gesichter. Juana lachte mit.

„Kuchen“, verbesserte sie ihn.

Rolf entdeckte einen Ständer mit Ansichtskarten vom Hotel. Er dachte, dass er Andreas eine davon nach Berlin schicken könnte. Er hatte nicht daran gedacht, ihn zu benachrichtigen, weil alles so überraschend gekommen war. Wenn er in Spanien anrief, wäre Alfredo am Telefon und beide konnten sich nicht miteinander verständigen.

Er bemerkte, dass Juana ihn beobachtete. „Rolf?“

„Ja, ich bin`s“, sagte er auf spanisch.

Zwei junge Mädchen brachten bereits die neuen Gäste zu ihren Bungalows. Drei Männer trugen die Koffer und Taschen hinterher. Die Blondine rief Rolf zu: „Ich heiße Gaby. Wir sehen uns nachher.“

Er nickte und drehte sich um.

Juana streckte ihm ihre Arme entgegen. „Wie gut, dass du gekommen bist. Cecilia und Alfredo werden wohl inzwischen in Spanien angekommen sein. Es ging alles so furchtbar schnell. Und unter solch schrecklichen Umständen. Wir können es noch gar nicht begreifen.“

Sie duzte ihn ganz selbstverständlich.

„Es ist immer viel Trubel, wenn neue Gäste kommen“, entschuldigte sich Manuel.

„Stefanie hat vorhin angerufen“, sagte Juana zu ihm. „Sie hat zugesagt. Sie weiß nur noch nicht genau, wann sie weggkommt.“

Weil sie Manuel dabei anschaute, entging ihr die Reaktion von Rolf - ein kurzes Stocken seines Atems - als sie den Namen nannte.

„Freunde von uns waren in Berlin“, wendete sich Juana an ihn. „Bei einem Besuch in einem Museum haben sie sich mit einer Führerin angefreundet. Sie hatten ihr eine Broschüre vom Hotel gegeben.“

Er fand es seltsam, dass sie Berlin erwähnte, weil er selber kurz vorher daran gedacht hatte. Vor allem irritierte ihn, dass die Führerin vom Museum Stefanie hieß.

Juana lächelte. „Wir haben ihr den Vorschlag gemacht, ihren Urlaub umsonst bei uns zu verbringen. Dafür sollte sie uns im Hotel helfen. Es ist ein Vorteil, dass sie so gut spanisch spricht.“

„Wie war die Stimme?“, erkundigte er sich beiläufig.

Juana richtete ihre braunen Augen auf ihn. Sie überlegte einen Moment. „Sie hat sich angehört, als wenn sie heiser wäre. Vielleicht etwas rau. Es ist schwierig, eine solche Stimme zu beschreiben.“

In ihren Augen blitzte es auf. „Ein bisschen, wie am Morgen danach. Erinnert dich das an jemanden?“

Rolf dachte, dass er eine solche Stimme einmal sehr geliebt hatte und dass es solche Morgen einmal gegeben hatte.

„Es ist mir nur eingefallen. In meiner Jugend habe ich eine Stefanie gekannt“, erwiderte er ruhig. „Sie wollte Schauspielerin werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie als Fremdenführerin in einem Museum in Berlin arbeitet. Ich nehme an, sie lebt in der Gegend von München. Der Name ist ziemlich häufig in Deutschland.“

„Auch die Stimme?“

„Da bin ich überfragt.“

„Es wäre schön, wenn sie es wäre“, meinte Juana.

Manuel seufzte. „Das Dumme an der Phantasie ist, dass sie meistens auf der verkehrten Spur läuft, mein Schatz.“

Er reichte Rolf ein Bund mit Schlüsseln. „Sie sind alle beschriftet. Jetzt soll dich Carlos erstmal zum Haus fahren. Kommst du zum Abendessen? Du kannst den Jeep von Alfredo nehmen.“

„Rechnet heute nicht mit mir. Ich bin hundemüde“, erwiderte Rolf. „Wahrscheinlich schlafe ich sofort ein, wenn ich ein Bett sehe.“

Juana nickte ihm zu. „Ruhe dich erstmal aus. Du bleibst ja eine Weile. Übrigens möchte Cecilia, dass du die Putzfrau behältst. Ich kann mich nicht an ihren Namen erinnern. Aber Carlos wird ihn wissen.“

Kurz darauf saß Rolf wieder im Kleinbus.

Das Haus

Sie fuhren den Hügel hinunter. Carlos wurde gleich wieder gesprächig.

„Es gibt immer viel zu tun im Hotel. Ich mache alles, was anfällt. Wenn ich keine Touristen fahren muss, helfe ich im Garten. Oder ich mache den Pool sauber. Manchmal schickt mich Dona Juana zum Einkaufen in die Stadt.“ Er machte eine Pause, griente breit, und sagte:

„Nebenher bin ich auch Übersetzer.“

„Übersetzer?“, zweifelte Rolf. „Wie machen Sie denn das?“

„Ich sehe den Leuten an, was sie sagen wollen, und ich sage ihnen, was sie hören wollen“, erklärte Carlos. „Besonders die Damen haben das gern.“

Wahrscheinlich überrollte Carlos sie mit seinem Charme.

Der Weg zum Haus war beinahe noch schlechter als die Straße und kaum breit genug für zwei Autos. Carlos jonglierte zwischen tiefen Furchen hin und her.

„Don Alfredo lässt sonst immer Kies aufschütten.“

Diesmal war etwas dazwischen gekommen, dachte Rolf.

Hinter einigen Bananenstauden war ein Häuschen aus verwitterten Brettern zu sehen. Hühner scharrten auf der Erde zwischen Abfällen. Zwei Schweine liefen umher. Ein paar Hunde schossen wütend kläffend zum Zaun aus Stacheldraht. Drei oder vier Kinder rannten schreiend hinterher.

In der offenen Tür tauchte ein hagerer Mann auf und brüllte etwas. Carlos hupte drei Mal.

„Das ist mein Onkel Theodoro. Er passt auf das Haus von Hello Gringo auf.“

„Hello Gringo?“, wiederholte Rolf belustigt.

Carlos lachte. „Der ist dick wie ein Fass. Mit seinem weißen Bart sieht er aus wie Santa Klaus. Er kann kein Wort Spanisch und sagt Hello zu allen Leuten.“

Sie kamen an einem kleinen Wald vorbei. Es folgte eine Hecke und dann ein schwarzes Tor mit verschnörkelten Eisenstäben. Ein Kiesweg führte durch eine Rasenfläche zu einem zweistöckigen weißen Haus mit rotem Dach.

„Hello Gringo kommt immer mit seiner Frau, wenn die Regenzeit vorbei ist. Sie bleiben dann bis zur nächsten. Die Frau hat mindestens hundert Kilos drauf.“

Es schien, als wollte er seine Hände vom Lenkrad nehmen, um die Breite anzuzeigen, packte aber schnell wieder zu. Um Haaresbreite schlitterte der Kleinbus an einer tiefen Furche vorbei. Carlos lachte und drückte auf die Hupe. Er hielt vor einem weiteren Tor aus weiß gestrichenen Holzlatten. Pfeifend öffnete er die linke Seite. Rolf beugte sich vor.

Hinter einer Rasenfläche mit Kokospalmen stand ein weißes flaches Haus mit einer Terrasse. Quer dazu gab es einen Anbau.

Carlos stieg wieder ein. Das Tor blieb für die Rückfahrt geöffnet. Langsam rollte der Kleinbus über einen Weg aus Betonplatten auf einen niedrigen Bau zu.

„Das ist die Garage von Don Alfredo“, erklärte Carlos. „Da drin steht sein weißer Jeep. Wenn ich groß bin, kaufe ich mir auch so einen.“ Er lachte lauthals.

Sie stiegen aus. Rolf bemerkte eine kleine rundliche Frau, die unbeweglich auf einer Terrasse stand.

„Das ist Estrella“, erklärte Carlos. „Sie hilft Dona Cecilia im Haus.“

Er winkte ihr zu. Zögernd näherte sie sich.

„Guten Tag. Sie sind Estrella“, sagte Rolf.

Sie schaute schräg zu ihm auf.

„Ich bleibe für eine Weile hier“, erklärte er.

Dass er spanisch sprach, hielt sie anscheinend für selbstverständlich.

Sie betrachtete ihre Füße in den hellblauen staubigen Gummilatschen. „Bei Dona Cecilia soll ich dreimal in der Woche zum Putzen und für die Wäsche kommen. Montags, mittwochs und freitags ist das immer.“

Sie sagte es, als habe sich nichts verändert.

„Dabei bleibt es“, sagte er.

Sie hob ihren Kopf. Ein Lächeln überzog ihr breites Gesicht. „Morgen ist Mittwoch.“

„Um welche Uhr kommen Sie?“

„Um sieben, so Gott will.“ Sie holte Luft. „Wann kommt Dona Cecilia von ihrer Reise zurück?“

Anscheinend wollte sie die Tatsachen nicht hinnehmen.

„Es kann eine Weile dauern. Bis dahin müssen wir beide miteinander zurechtkommen.“

Sie nickte, schnappte sich ein Tuch von ihrer Schulter und wischte sich über ihr Gesicht.

Carlos hatte den Koffer und die Reisetasche von Rolf auf die Terrasse gestellt.

„Soll ich Sie ins Dorf fahren, Donita?“, wendete er sich an Estrella.

Sie knüllte das Tuch in ihrer Hand zusammen und blinzelte zu Rolf hoch.

„Nützen Sie es aus“, sagte er. „Wir sehen uns morgen.“

Als Carlos fortgefahren war, ging er zur Terrasse. Ihm gefielen die hellen Platten aus Natursteinen, mit denen der Boden bedeckt war. Wahrscheinlich hatte sie Cecilia ausgesucht. Er holte er die Schlüssel aus seiner Hosentasche und schloss eine massive Holztür auf.

Strohgelbe Vorhänge bedeckten die gesamte rückwärtige Fläche und tauchten einen großen Raum in ein warmes Licht. Der gesamte Fußboden war aus Holz.

Neben dem Eingang bemerkte er eine völlig in Weiß gehaltene Küche mit einer Essbar und einem Telefon darauf. Davor stand ein runder Tisch mit drei hellgrünen Plastikstühlen drum herum.

Ein paar Schritte entfernt befanden sich zwei Sofas mit farbigen Kissen, die sich gegenüber standen. Dazwischen ein Tisch mit einer dicken und unregelmäßigen Holzplatte. Dicht dabei ein enormer Sessel. Alles mit sandfarbenem Leder bezogen.

Von der Decke hing ein Ventilator mit Flügeln wie ausgestreckte Arme. Auf dem Tisch lag ein Buch über Van Gogh. Cecilia kannte seine Vorliebe für diesen Maler. Für ein paar Momente bildete er sich ein, sie sei nur kurz fortgegangen, und nachher würden sie über Malerei reden.

Neben einem Bücherregal hingen einige von den kleinen Aquarellen, die sie gemalt hatte. Alfredo war immer sehr stolz darauf gewesen. Es berührte Rolf, als er sie sah.

Weil alles geschlossen war, hatte sich die Wärme gestaut. Er zog die Vorhänge beiseite. Die Rückseite vom Haus war verglast. Er öffnete eine Schiebetür und trat auf eine breite und überdachte Terrasse. Wie am Eingang, bedeckten auch hier helle Platten aus Natursteinen den Boden. Vor dem niedrigen Gelände aus hellem Holz standen ein Tisch und einige Stühle. Er bemerkte eine Gruppe mit riesigen Kakteen, die an der Ecke stand. Aber er war zu müde, um sie genauer zur Kenntnis zu nehmen.

Er hörte das leise Rauschen vom Meer. Ein Hügel mit Bäumen und Büschen versperrte ihm die Sicht, und er konnte nur einen Streifen davon sehen. Eine frische Brise wehte herauf. Wahrscheinlich kam gerade die Flut. In der Nähe bellten Hunde. Sofort kläfften alle aus der Gegend mit. Mit der Ruhe war es erstmal vorbei.

Er hatte seine Armbanduhr nicht umgestellt. In Spanien musste es lange nach Mitternacht sein. Er bemerkte eine große runde Uhr, die in der Küche über einer Ablage hing. Es war fünf. Er wusste von Alfredo, dass es um sechs dunkel wurde.

Vor ein paar Wochen hätte er sich nicht vorstellen können, in diesem Haus zu stehen. Seit dem Flug hatte er Augenblicke, wo ihm alles unwirklich vorkam. Es hing wohl damit zusammen, dass er seit ein paar Wochen kaum geschlafen hatte. Das große Projekt in der Nähe von Madrid war beendet. Er hätte sofort mit einem neuen beginnen können. Aber er hatte in den letzten Jahren pausenlos gearbeitet und dringend einen Urlaub nötig. Außerdem hatte er vor ein paar Tagen ein gutes Angebot nach Berlin bekommen. Es hatte den Vorteil, dass er bei seinem Sohn sein würde.

Von Christine wusste er, dass Andreas eine Freundin hatte. Er erinnerte sich wieder an das Gespräch, als er es erfuhr.

„Er ist genau in dem Alter, wie du damals“, sagte sie. „Sie ist sehr hübsch.“

Nach einer kleinen Pause: „Sie hat rotblonde Haare. Und auch sonst…“

Ein schräger Blick. Ein kurzes Auflachen. „Anscheinend habt ihr beide den gleichen Geschmack.“

Es war eines der letzten Gespräche mit Christine gewesen, bevor sie sich getrennt hatten. Die Scheidung vor einem Jahr war nicht zu vermeiden gewesen.

Gerade fiel es Rolf wieder ein. Es musste damit zusammenhängen, dass Juana den Namen Stefanie erwähnt hatte. Was sie über die Stimme gesagt hatte, bedeutete nichts. Wahrscheinlich war die Person ständig heiser, weil sie täglich Besucher durch das Museum führen musste. Auf ihr Äußeres wollte er sich nicht festlegen. Sie konnte ebenso groß und hager, wie klein und dicklich sein. Er fügte eine große Brille mit schwarzen Rändern hinzu. Es war nicht zu vermeiden, dass er ihr demnächst im Hotel begegnen würde.

Er schaute sich weiter um und entdeckte eine Tür neben der Küche. Sie war nicht verschlossen. Der Raum lag im Halbdunkel. Das breite Bett hatte eine hellblaue Matratze. Einige Kissen ohne Bezüge lagen darauf. Ein kleiner Tisch an jeder Seite. Darauf eine Lampe. Der große Schrank hatte Lamellentüren. Ein Schaukelstuhl. Kleine Aquarellbilder in zarten Farben über dem Bett. Die Gardinen vor den Fenstern waren zugezogen. Es war das Schlafzimmer von Alfredo und Cecilia. Rolf schloss die Tür.

Er ging in den Anbau hinüber. Hinter der ersten Tür befand sich eine Waschmaschine. Er überflog mit ein paar Blicken eine Bank mit einem Wäschekorb darauf, ein Bügelbrett und Besen und Eimer in einer Ecke. Er öffnete die Tür an der Rückwand und trat auf eine Terrasse. In ein gemauertes Gestell war ein großes Becken eingelassen. Alles terrakottafarben. Ein Wasserhahn ragte darüber. Es folgte eine lange Ablage mit Bürsten und einer kleinen blauen Rolle. Rolf vermutete, dass es Seife war. Offenbar wusch Estrella hier die Wäsche. Es gab noch eine kleine Bank und einen Ständer mit ein paar Reihen Schnüren.

Auf der anschließenden Wiese war zwischen zwei hohen Pfosten eine Wäscheleine gespannt. Dahinter standen einige Bäume und Kokospalmen.

Im nächsten Raum sah er zwei Regale voller Werkzeuge und kleinen Kisten. Er kannte Alfredo nur als Geschäftsmann. Es fiel ihm schwer, ihn sich mit Hammer und Säge vorzustellen. In einer Ecke waren Latten und Bretter gestapelt. Er brauchte sich also kein Holz für einen Keilrahmen zu besorgen. Leinwand, Farben und Pinsel hatte er mitgebracht. Endlich würde er dazu kommen, zu malen, was er schon immer wollte und nie die Zeit dafür gehabt hatte. Mit Cecilia hatte er oft über Kunst und Malerei geredet. Aber ihm lagen keine Aquarelle. Seine Bilder sollten groß sein, und er wollte sie mit kräftigen Strichen und leuchtenden Farben malen. Ähnlich wie Van Gogh.

Er schloss die nächste Tür auf und betrat ein kleines Bad mit weißen Kacheln. Es gab eine Dusche, eine Toilette und ein Waschbecken. Auf einem Hocker lagen hellblaue Handtücher.

Im letzten Zimmer befanden sich zwei Betten. Sie waren frisch bezogen. Dazwischen stand ein kleiner Tisch. Kein Bild von Cecilia. Unter der Decke hing ein Ventilator mit kurzen weißen Flügeln. Es gab einen Schrank mit Lamellentüren. Rolf öffnete ihn und sah sich in einem schmalen Spiegel. Die dunklen Bartstoppeln, die ungekämmten Haare und das zerknitterte Hemd, gaben ihm ein etwas vagabundenhaftes Aussehen. In diesem Zimmer hatte Alfredo geschlafen, weil Cecilia ihn nicht mehr im gemeinsamen Schlafzimmer haben wollte.

Rolf holte seinen Koffer und die Reisetasche von der Terrasse. Dann ging er ins Bad. Er duschte mit lauwarmem Wasser. Nackt trug er sein Bündel Wäsche in den Raum mit der Waschmaschine. Er holte sich Boxershorts aus dem Koffer und ließ ihn aufgeklappt auf dem Boden liegen. Dann schloss er nacheinander alle Türen ab und ging wieder zum Wohnzimmer hinüber.

Seit dem Flug hatte er nichts mehr gegessen. In der Küche öffnete er den Kühlschrank und musste lächeln. Cecilia hatte für ihn eingekauft. Auch das Gefrierfach war gefüllt. In einem Regal waren genügend Vorräte für die nächste Zeit. Die große Menge von Bierdosen hatte wahrscheinlich Alfredo besorgt.

Er holte sich eine Dose aus dem Kühlschrank und trank sie im Stehen. Nebenher packte er sich Brot, Wurst und Käse auf einen Teller und trug ihn auf die Terrasse. Als er zurückkehrte, um sich noch etwas zu Trinken zu holen, fiel sein Blick auf das Telefon. Er hob den Hörer. Ein paar Sekunden lang hörte er auf das Rauschen und legte wieder auf. Alfredo hatte ihm gesagt, dass es öfter vorkäme, aber nur vorübergehend sei.

Die Hunde hatten aufgehört zu bellen. Er konnte wieder das Meer hören.

Während er aß, veränderte sich der Himmel. Alle Schattierungen von rosa, lila und orange breiteten sich darüber aus. Eine blutrote Sonne bewegte sich auf den Horizont zu und stürzte dann hinter das Meer. Danach wurde es schnell dunkel.

Rolf dachte, dass Alfredo sich am nächsten Morgen melden würde. Vielleicht auch Cecilia. In was für einen Schlamassel waren die beiden geraten, weil Alfredo den Kopf wegen einem jungen Mädchen verloren hatte! In Spanien besaß er viele Gebäude, die er vermietete. Rolf hatte ihn kennengelernt, als er angefangen hatte, in Madrid zu arbeiten. Alfredo bot ihm eine möblierte kleine Wohnung an. Daraus war eine Freundschaft geworden, die auch anhielt, als Alfredo und Cecilia sich entschlossen hatten, in Costa Rica zu leben.

Sie hatten regelmäßig miteinander telefoniert. Die Gespräche drehten sich um das Alltägliche, wie Freunde normalerweise miteinander redeten. So erwartete Rolf auch nichts anderes, als ihn Alfredo gegen Abend anrief.

Zuerst verstand Rolf gar nicht, um was es ging. Ob er für ein paar Wochen kommen könnte. Es sei dringend. Er wüsste sonst nicht, was er machen sollte.

„Ich bin ein Idiot. Ein saudummer Esel. Ein seniler Alter…“

„Hör auf mit dem Blödsinn und sage mir, was los ist“, unterbrach ihn Rolf.

„Cecilia ist gerade ins Hotel gegangen. Meine Ehe ist ein Scherbenhaufen. Durch meine Schuld.“

Rolf hörte, wie er Luft holte.

„Mir hat ja nie eine Frau mehr als einen Blick gegönnt. Es war ein Wunder, dass ich Cecilia gekriegt habe. Cecilia, so attraktiv. So charmant. Sogar jetzt noch, in ihrem Alter.“

Die Stimme von Alfredo kippte. Rolf wusste nicht, was er sagen sollte.

„Es war so“, meldete sich Alfredo wieder. „Die Busverbindung ist hier sehr schlecht. Die Leute stehen an der Straße und warten, bis ein Auto sie mitnimmt. Und da stand diese Person und machte mir Zeichen. Sie war sehr jung und so hübsch, wie man das selten sieht. Kurz und gut: Ich habe sie einsteigen lassen. Das war der Anfang und mein Ruin.“

Alfredo keuchte in den Hörer. „Während der ganzen Fahrt hat sie mich angehimmelt. Mich. Einen Mann in den sechzigern, der nach nichts aussieht, und dem die Haare ausgehen. Ich habe mich gefühlt, wie James Bond im Film.“

Er lachte mit hoher Stimme auf. Es hörte sich schrecklich an.

„Einmal waren wir zusammen in einem Motel“, fuhr er fort. „Die ganze Sache war mehr als peinlich. Jetzt weiß ich, dass alles eiskalt geplant war. Ich glaube sogar, dass sie einen Komplizen hat.“

Sein Ton wurde ärgerlich. „Sie fing an, mich um Geld zu bitten. Ihre Mutter brauchte Medizin. Ich sollte ihr Kleider, Schuhe und alles Mögliche kaufen. Nachgerade habe ich eine ganze Familie versorgt. Als ich die Sache beenden wollte, hat sie mir klipp und klar ins Gesicht gesagt, dass ich ja wohl nicht wollte, dass meine Frau erfahren würde, was ich mit ihr triebe. Dabei war seit der Geschichte mit dem Motel nichts mehr zwischen uns gewesen. Aber ich wusste, dass sie Cecilia etwas vorlügen würde. Es war mir vollkommen klar, was sie damit anrichten würde. Davor hatte ich am meisten Angst. Die Erpressung war für mich das kleinere Übel.“

Ein paar Sekunden hörte Rolf ihn nur atmen.

„Die Summen wurden immer größer. Alle zwei Tage kam sie an. Da ist mir der Kragen geplatzt. Ich habe ihr gesagt, dass sie sich einen anderen Dummen suchen sollte. Sie hat mir eine scheußliche Szene gemacht. Du glaubst gar nicht, wie eine Stimme sich verändern kann! Sie fing sie an, mich im Haus anzurufen und mich zu bedrohen. Einmal war Cecilia am Telefon. Es war also genau das passiert, was ich vermeiden wollte.“

Es entstand eine kleine Pause.

„Ich schlafe jetzt im Gästezimmer. Cecilia will sich scheiden lassen. Ich weiß, dass sie einen Flug nach Spanien gebucht hat. Ihre Schwester wohnt in Madrid. Ich nehme an, dass sie dort erstmal bleiben will. Warte einen Moment, Rolf. Ich glaube, die Angestellte schleicht hier herum mit Ohren wie eine Fledermaus.“

Rolf hörte, wie der Hörer niedergelegt wurde. Nach einigen Augenblicken kam die Stimme von Alfredo wieder.

„Ich lasse Cecilia nicht allein reisen. Wenn ich hierbleibe, werde ich sie verlieren. Ich kann und will nicht ohne sie leben, Rolf. Ich muss sie mir zurück erobern. Wie, weiß ich noch nicht. Aber ich werde alles versuchen. Und nun komme ich zum Punkt.“

Er hörte sich jetzt sachlich an, wie ein Mann, der eine Entscheidung getroffen hatte und alles daran setzen würde, um sie durchzusetzen.

„Du wolltest doch schon lange mal Urlaub machen. Ich schlage dir vor, du kommst nach Costa Rica. Ich stelle dir unser Haus zur Verfügung. Dafür lässt du mich in deiner Wohnung wohnen. Aber es müsste schnell gehen, Rolf.“

„Wie schnell, Alfredo?“

„Ich möchte das Haus ungern allein lassen. Also, der Flug von Cecilia geht nächste Woche. Hoffentlich ist er noch nicht ausgebucht. Ich fahre gleich in die Stadt zum Reisebüro. Wenn Cecilia dich anruft, sage ihr bitte nichts davon. Tu so, als wenn du nichts wüsstest. Kann ich mit dir rechnen?“

„Ich werde mich sofort nach einem Flug nach Costa Rica erkundigen“, erwiderte er.

„Danke, Rolf. Cecilia kommt gerade. Ich rufe dich wieder an. Vielleicht schon morgen. Hoffentlich ist das verdammte Telefon nicht wieder gestört.

---ENDE DER LESEPROBE---