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»Good vibes only! Mach das Beste draus! Sieh's doch mal positiv!« Auf Instagram und Co. wird Optimismus bis zum Umfallen gepredigt. Aber lassen sich negative Gefühle wirklich einfach wegmeditieren? Können wir uns allen Ärger und Frust beim Yoga von der Seele atmen? Und ist tatsächlich etwas dran an dem viel zitierten »Law of Attraction«, das unser Schicksal ganz allein in unsere Hände legt, frei nach dem Motto »Wer positiv denkt, dem widerfährt Gutes«? Anna Maas ist sich sicher: Nein! Denn durch die allgegenwärtige Glückssuche entsteht Druck: Jede*r muss immer positiv denken, für negative Emotionen ist kein Platz. Wer es nicht »schafft«, optimistisch zu bleiben, hat versagt. Dieses Phänomen hat einen Namen: »Toxic Positivity«. In ihrem Buch untersucht die Journalistin, was wirklich dran ist an dem Zwang zum Glücklichsein. Anhand ihrer eigenen Erfahrungen und der Meinungen zahlreicher Expert*innen erklärt sie, warum eine positive Lebenseinstellung um jeden Preis oft nicht nur wenig hilfreich ist – sondern uns sogar schaden kann.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 278
Veröffentlichungsjahr: 2021
Anna Maas
Die Happiness-Lüge
Wenn positives Denken toxisch wird
eISBN: 978-3-95910-323-7
Eden Books
Ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Copyright © 2021 Edel Germany GmbH, Neumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edenbooks.de | www.edel.com
1. Auflage 2021
Einige der Personen im Text sind aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes anonymisiert.
Projektkoordination: Juliane Noßack und Julia Gommel-Baharov
Lektorat: Tanja Bertele
Covergestaltung: zero-media.net, München
E-Pub-Konvertierung: Datagrafix GSP GmbH, Berlin | www.datagrafix.com
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Einleitung
»Das ist deine Chance! Nutze sie!«Zwischen Krisenstimmung und Happiness-Wahn in der Coronakrise
»Good Vibes Only«Der ganz normale Social-Media- und Medien-Wahnsinn
»Hauptsache, dem Kind geht es gut«Verzerrte Idealbilder in Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft
»Lächel doch mal!«Die Wut der Frauen
»Das spielt sich nur in deinem Kopf ab«Toxic Positivity und die Ignoranz sozialer Ungerechtigkeiten
»So lernst du das Leben wieder zu schätzen«Krankheiten, Verlust und Schicksalsschläge als Lernerfahrungen?
»Du musst deine Wünsche ansUniversum richtig formulieren!« Flucht in die Spiritualität
»Wie es mir gerade wirklich geht? Puh, keine Ahnung.«Die Gefahren verdrängter Gefühle
»Glück entsteht auch aus dem Unglück«Ein positiver Umgang mit »negativen« Emotionen
Nachweise und Anmerkungen
Weißt du noch, wie sich dieses Kribbeln im Bauch angefühlt hat, wenn du als Kind in die tosenden Wellen des Meeres gerannt bist? Und erinnerst du dich daran, wie dich Aufregung und Glück durchströmt haben, als sich beim ersten Spaziergang mit deiner Partnerin oder deinem Partner wie zufällig eure Hände berührt haben und ihr beide leise in euch hineingegrinst habt? Glücksgefühle tun so unfassbar gut. Wer frisch verliebt ist, gerade einen großen beruflichen Erfolg gefeiert oder ein persönliches Ziel erreicht hat, weiß, wovon ich rede. Unser Körper schüttet einen Cocktail an Glückshormonen aus, und wir könnten die ganze Welt umarmen. Es ist die berühmte rosarote Brille. Ein paar Tage lang kann einem kein Problem der Welt etwas anhaben.
Kein Kaffee mehr da? Macht nichts, dann gönne ich mir beim Zwischenstopp am Coffeeshop noch einen leckeren Bagel zum Frühstück!
Stau? Endlich Zeit, um einen tollen Podcast zu hören!
Die Joggingrunde fällt wegen Rückenproblemen aus? Genau der richtige Moment, um mit Yoga zu starten – ist doch sowieso wahnsinnig gesund!
Wer gut drauf ist, schwebt voller Optimismus durch den Alltag. Jede Situation hat eine gute Seite, auf die wir uns sofort konzentrieren. Kein Wunder, dass wir dieses Hochgefühl am liebsten für immer festhalten wollen. Glücksratgeber rund ums Thema »Positive Thinking« vermitteln uns, dass genau das möglich ist. Schon 1952 erschien Die Kraft positiven Denkens von Norman Vincent Peale. Seine Aussage ist genau die gleiche, die sich auch heute in unterschiedlicher Formulierung in fast jedem Glücksratgeber findet:
Probleme, Sorgen und Schwierigkeiten sind da, um überwunden zu werden. Wir dürfen es nie zulassen, daß sie unser Leben beherrschen. Wir müssen uns kategorisch weigern, ihre Herrschaft anzuerkennen, und sollen geistige positive Kräfte an ihrer Stelle auf uns wirken lassen. (…) Dieses Buch zeigt Ihnen, wie Sie die gegenwärtigen Lebensumstände ändern und verbessern und wie Sie die Kontrolle über die Verhältnisse gewinnen können (…). Ihre Beziehungen zu anderen Menschen werden sich verbessern und vertiefen; Sie werden als Persönlichkeit gewinnen, mehr geachtet und geliebt werden. (…) Ihre Einflußsphäre wird sich erweitern, und Ihre Fähigkeiten werden sich steigern.1
Na, klingt das gut? Eigentlich scheint es doch ganz simpel zu sein: Du kontrollierst deine Gedanken, deine Gedanken kontrollieren deine Gefühle – somit kannst du jederzeit glücklich sein, wenn du nur die richtigen Knöpfe drückst und dein Gehirn »umprogrammierst«.
Spürst du schon den Druck? Denkst du auch: Ach, Mist, ich müsste auch mal wieder an meinem Glück arbeiten, meditieren, mein Dankbarkeitstagebuch beginnen und ein bisschen »Me-Time« einschieben – dann wäre mein Leben viel leichter? Kennst du die Hoffnung, dass vielleicht deine Beziehungen einfacher wären, du längst befördert worden wärst und deine Kreativität viel ausgeprägter wäre, wenn du es nur endlichschaffen würdest, positiver zu denken?
Stattdessen hast du vielleicht schon heute Morgen entnervt den Boden gewischt, weil dein Kind ein Glas Milch umgeworfen hat, warst mal wieder zu spät im Büro, hast dein vorgekochtes Mittagessen zu Hause im Kühlschrank vergessen und dich dann über Kritik deiner Vorgesetzten geärgert. Uff.
Vielleicht geht es dir auch psychisch und/oder physisch gerade nicht gut, du oder geliebte Menschen um dich herum sind krank, dein Alltag wird auf den Kopf gestellt und zusätzlich musst du dir finanzielle Sorgen machen, weil du deinem Job kaum noch nachgehen kannst. Alles wird zu viel.
Willkommen im echten Leben. Keiner von uns ist davor gefeit, Unglück, Schmerz, Trauer oder den ganz alltäglichen Stress zu erleben. Doch mit dem Heilsversprechen der »Glücksritter«, die in Form von Achtsamkeitsseminaren, Selfcare- und Glücksratgebern daherkommen, wächst der Druck, vom trotzigen Kleinkind bis zum schweren Schicksalsschlag stets alles gelassen wegzulächeln. Wer von Grund auf positiv denke, führe ein glücklicheres Leben, so die Annahme. Du kannst die Umstände nicht ändern, aber du kannst ändern, was du draus machst.
Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch: Wer nicht glücklich ist, ist selbst schuld. Wenn du ein Tief hast, wenn du genervt bist, wenn du dich unfair behandelt fühlst, dann ist das dein Problem. Du musst umdenken. Du bist verantwortlich für deine Emotionen. Du musst dich dafür entscheiden, glücklich zu sein. Ja, man müsste eigentlich so weit gehen zu sagen: Selbst wenn du nicht gesund wirst, ist das dein Fehler. Jede*r weiß doch, dass die Psyche eine große Rolle bei der Heilung des Körpers und für das Immunsystem spielt, also bist du dafür verantwortlich, wenn du krank bist. Das wäre zumindest die logische Konsequenz dieser Denkweise.
Da stimmt doch etwas nicht. Schon seit Längerem störte mich etwas an diesem Heile-Welt-Narrativ. Es erschien mir zu simpel, nicht weit genug gedacht, die leeren Worthülsen berühren mich nicht. Und die Täter-Opfer-Umkehr ließ mich schon öfter mehr als stutzig werden.
Als ich während der Coronakrise dann all die Motivationssprüche auf Instagram las, all die »Good Vibes Only«-Postings und »Macht das Beste draus«-Ratschläge, wurde ich richtig wütend. Schön für euch, wenn ihr jetzt motivierter und glücklicher denn je seid, Leute. Ich bin raus, mir geht’s nicht gut. Bin ich jetzt eine Versagerin? Ich begann zu recherchieren, begegnete dem Begriff »Toxic Positivity« und dachte: Das ist es!
Ich las weiter und vergrub mich immer tiefer in das Thema. Nach und nach wurde mir bewusst, wie viele Lebensbereiche der Druck des positiven Denkens berührt und dass sich längst zahlreiche gesellschaftliche Normen etabliert haben, die genau auf diesem Happiness-Narrativ beruhen.
In diesem Buch möchte ich dich an meinen Gedanken, meinen Gefühlen und den Ergebnissen meiner Recherche teilhaben lassen. Ich möchte dir zeigen, wie die von Psychologin Susan David sogenannte »Diktatur der Zuversicht«2 jedes Individuum sowie unsere gesamte Gesellschaft betrifft und was toxische Dosen an positivem Denken anrichten können.
Natürlich soll es auch darum gehen, wie wir es besser machen können. Wie wir im Umgang miteinander und mit uns selbst neue, hilfreichere Wege finden, statt ständig unsere Sorgen und unangenehmen Gefühle wegzulächeln.
Du wirst hier keine Schritt-für-Schritt-Anleitung für ein besseres Leben finden. Ich bin weder Psychologin noch Soziologin, sondern Journalistin und Texterin. Ich lese, ich höre in mich hinein, ich spreche mit Expert*innen, Freund*innen und erzähle von meinen Erfahrungen und auch von meinen Unsicherheiten. Du wirst in den nächsten Kapiteln Beobachtungen und Gedanken aus meinem Alltag und meiner Vergangenheit finden, die zeigen, in welchen Lebensbereichen mir persönlich Toxic Positivity begegnet ist. Zudem gibt es Denkanstöße von Expert*innen, die zumindest mir geholfen haben, umzudenken. Vielleicht findest du dich an der ein oder anderen Stelle wieder.
Vor allem hoffe ich, dass du am Ende des Buches etwas weniger Last auf deinen Schultern spürst und merkst: Es ist in Ordnung, sich auch mal nicht in Ordnung zu fühlen.
Ich saß an meinem Schreibtisch, rechts neben meinem Laptop lagen ein paar zusammengeknüllte Taschentücher, links stand eine Tasse Ingwer-Zitronen-Tee. Ich trug Jogginghose und Kapuzenpullover. Der ätzende Schnupfen wollte einfach nicht besser werden. Während mein Sohn seinen Mittagsschlaf machte, erledigte ich noch schnell ein paar Dinge am Computer. Mein Smartphone leuchtete auf und vibrierte kurz. Meine Freundin Janne, die in Mailand lebt, hatte eine Sprachnachricht geschickt. Obwohl ich eigentlich anderes zu tun hatte, hörte ich sie mir sofort an.
»Corona ist angekommen«, erzählte Janne. »Hier ist alles zu. Das ist wirklich gruselig. Wir dürfen ohne triftigen Grund nicht mal mehr spazieren gehen. Ich war gestern einkaufen, das ist jetzt unser Highlight der Woche. Obwohl das auch echt nervig ist, da man immer anstehen muss. Zum Glück hat der Aufpasser gesehen, dass ich schwanger bin, und mich vorgelassen. Heute war ich dann mit meiner Tochter kurz draußen. Als wir uns auf eine Wiese setzen wollten, wurden wir direkt verjagt und mussten wieder reingehen. Ich bin ja mal gespannt, wie lange das so weitergehen soll …«
Ich trank einen Schluck Tee und schüttelte den Kopf. Irgendwie begriff ich immer noch nicht, was hier vor sich ging. Es war der 11. März 2020 – der Tag, an dem die WHO eine weltweite Pandemie ausgerufen hatte. Die Lage spitzte sich täglich zu. Es fühlte sich unwirklich an. Hier war doch alles wie immer. Wieso sollte sich dann plötzlich unser ganzes Leben ändern?
Als der Virologe Christian Drosten noch am selben Tag dazu riet, dass Großeltern ihre Enkel nicht mehr sehen sollten, sagte ich endgültig den Heimatbesuch ab, auf den ich mich so gefreut hatte. Eigentlich hatte ich geplant, vom 13. bis zum 15. März zu meiner Mutter zu fahren, die Geburtstag hatte, und bei dieser Gelegenheit noch ein paar Freundinnen von früher zu treffen. Während ich weg war, am 14. März, sollte zudem mein Mann Micha wieder in Hamburg ankommen, der als Kameramann gerade bei einem Dreh auf einer spanischen Insel unterwegs war. Alles war gut durchgeplant, und als mein Sohn Anfang März eine Bronchitis bekam, hatte ich nicht einmal darüber nachgedacht, ob es eventuell Covid-19 sein könnte. Und selbst wenn: War das nicht sowieso bloß eine Art Grippe? Wozu die ganze Aufregung?
Doch in den folgenden Tagen änderte sich vieles in meinem Kopf. Hier ging es nicht nur um eine Grippe. Es ging um unser Gesundheitssystem, das gerade zusammenzubrechen drohte. Es ging um die Risikogruppen, die wir schützen mussten. Und die Langzeitfolgen von Covid-19, die noch niemand genau einschätzen konnte. Janne war in Italien mittendrin. Und wir in Deutschland steuerten direkt auf die Katastrophe zu. Noch konnten wir das Worst-Case-Szenario verhindern – doch dafür waren drastische Maßnahmen nötig. Nach und nach machten in ganz Deutschland die Kitas und Schulen dicht. Scheiße. Auch für uns brach die Kitabetreuung weg. Wie lange würde das so bleiben? Was war mit den Gebühren? Und wie sollten wir arbeiten? Keiner hatte Antworten auf diese Fragen. Eltern waren ahnungslos, wie es weitergehen sollte. Die Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit der Situation machte allen zu schaffen – inklusive mir.
Mein Sohn und ich waren beide erkältet: Husten, Schnupfen, das volle Programm. Wir befanden uns demnach in freiwilliger Quarantäne. Kind krank, ich selbst krank, und abends, wenn der Kleine schlief, musste ich meine Freelancer-Aufträge abarbeiten, statt mich ausruhen zu können. Gleichzeitig rückte Corona näher, immer mehr Fälle wurden in Deutschland bekannt. Mir ging es dabei gar nicht gut. Ich fühlte mich traurig, erschöpft und überfordert und konnte diese Pandemie nur schwer begreifen. Ich vermisste den persönlichen Austausch mit Freund*innen, und mir fehlte Micha. Nun blieb nur zu hoffen, dass er zurückreisen durfte.
»Ich kann nicht mehr«, jammerte ich ins Telefon, als ich am nächsten Tag mit meinem Mann telefonierte. »Ich bin so verschnupft, fühle mich komplett erschlagen und würde am liebsten den ganzen Tag im Bett liegen. Aber der Kleine braucht Bespaßung und muss etwas Vernünftiges essen. Sieh zu, dass du noch rechtzeitig von der Insel wegkommst, bevor du in Quarantäne musst.«
Mir graute vor dem Fall, dass ich zu Hause noch tagelang auf mich allein gestellt sein würde, ohne Unterstützung, ohne Kita, isoliert von der Außenwelt.
»Keine Panik, die lassen mich hier schon raus. Die wollen uns doch loswerden«, beschwichtigte mich Micha. Aber ich hörte an seiner Stimme, dass auch er sich nicht mehr ganz sicher war. Inzwischen waren in einigen Hotels in Spanien Covid-19-Fälle aufgetreten; alle Gäste mussten 14 Tage in Quarantäne. Das hätte auch ihm passieren können.
Am 14. März, dem geplanten Abreisetag, verhängte Spanien den nationalen Notstand – zu diesem Zeitpunkt saß Micha zum Glück schon im Flieger. Als ich online verfolgte, wie er abhob und planmäßig landete, weinte ich vor Erleichterung. Das abgesagte Wochenende in der Heimat war mir inzwischen egal. Ich wollte bloß meine kleine Familie um mich haben.
Gesundheitlich ging es in den nächsten Tagen wieder aufwärts, die Erkältung verschwand, Micha war wieder zu Hause. Alles gut? Von wegen. Ich machte mir zunehmend Sorgen um meine Mutter, die aufgrund mehrerer Faktoren zur Risikogruppe gehörte. Besuchen durfte ich sie natürlich nicht. Was wäre, wenn sie sich infizieren würde? Würde sie dann allein im Krankenhaus liegen, ohne Besuch, ohne eine Hand, die ihre hält? Ich versuchte, diese Gedanken zu verdrängen.
Zudem brachen Micha und mir als Freelancer-Ehepaar mehr und mehr Jobs weg. Michas anstehende Dreharbeiten wurden auf einen unbekannten Zeitpunkt verschoben, und meine Auftraggeber*innen gaben immer weniger Texte an Externe raus.
»Wir verdienen bald nichts mehr, was machen wir denn dann?«, fragte ich Micha.
»Es geht doch gerade allen so«, sagte er. »Die werden uns schon nicht das Haus wegnehmen.«
Ich riss die Augen auf. Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht.
Mein Mann sah meine Angst: »Anna, dieses Problem haben nicht nur wir. Die Unternehmen werden nicht ewig auf Freiberufler verzichten können. Und im Zweifel gibt es Soforthilfen vom Staat. Wir werden nicht pleitegehen, garantiert nicht. Und Rücklagen haben wir auch noch.«
Michas Gelassenheit beruhigte mich ein wenig, aber meine Existenzsorgen ließen mich trotzdem nicht los. Ich geriet immer tiefer in einen Strudel an negativen Gedanken, zweifelte an unserer Entscheidung, uns selbstständig zu machen, und hinterfragte unser gesamtes Lebensmodell. Von Woche zu Woche war ich überzeugter davon, dass nicht nur die Pandemie, sondern vor allem mein fehlendes Talent daran schuld war, dass ich keine Aufträge mehr bekam. Andere hatten doch auch noch zu tun! Wieso lief es bei mir nicht?
Neben den Selbstzweifeln machten mich die Nachrichten fertig. Die Bilder aus den italienischen Kliniken, die unendlich traurigen Geschichten, in denen alte Menschen allein und isoliert im Krankenhaus sterben mussten. Ich weiß noch, wie ich Ende März mit Tränen in den Augen vor dem Fernseher saß. Das war kein Katastrophenfilm, keine düstere Dystopie, die man mit Popcorn in der Hand im Kino anschaute. Das war die Realität. Die Straßen dieser Welt waren leer gefegt. Restaurants, Bars, Cafés, Kinos, Geschäfte, Büros, Kitas, Schulen – alles geschlossen. Mir jagten diese Bilder Angst ein. Was war geschehen? Wie sollte es weitergehen?
Mit meinen Ängsten war ich in guter Gesellschaft. Laut einer Studie des National Opinion Research Center (NORC) der Universität Chicago, die vom 30. Mai bis zum 8. Juni durchgeführt wurde, sagten 72 Prozent der befragten US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner unter 45 Jahren aus, dass sie in den letzten sieben Tagen »negative« Emotionen wie Angst, Depression, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit gespürt hätten.3 Die Coronakrise ging nicht spurlos an uns Menschen vorbei.
Ich habe bei der psychologischen Psychotherapeutin Amanda Nentwig nachgefragt, wieso diese Krise für viele Menschen so schwierig zu verarbeiten war. Sie erklärte mir: »Wir gehen in der Psychologie davon aus, dass wir Menschen gewisse emotionale Bedürfnisse haben. Während des Lockdowns in der Coronazeit wurden wir insbesondere in der Pflege unserer zwischenmenschlichen Bindungen, in unserer Freiheit, Sicherheit und in unserem Lustgewinn eingeschränkt: Social Distancing, keine Feiern, weniger Urlaub, eine Wirtschaftskrise, die unsere finanzielle und existenzielle Sicherheit bedroht, der ›Zwang‹, eine Maske zu tragen und sich an Regeln zu halten. Corona hat uns somit in fast allen Bereichen in unterschiedlichem Ausmaß eingeschränkt. Und das sorgt für ein emotionales Ungleichgewicht.«
Laut der NORC-Studie aus Chicago waren Frauen (66 Prozent) häufiger als Männer (56 Prozent) von diesen »negativen« Emotionen betroffen. »Ich kenne die kausale Ursache nicht, kann also nur spekulieren, wieso dies der Fall ist«, so Amanda Nentwig. »Aber Frauen übernehmen zu Hause oft mehr Aufgaben. Sie haben häufiger einen höheren Mental Load als Männer. Zudem gibt es eine interessante Studie aus Spanien, die besagt, dass Frauen generell stressanfälliger seien und insbesondere innerhalb der Familie ein höheres Stressempfinden hätten als Männer.4 Ich denke, dass auch bei diesem Ergebnis die Doppelbelastung mit Job und Familie eine große Rolle spielt.«
Berufliche Unsicherheit, Kitaschließung – und dann war da noch unsere Hochzeit. 2018 hatten Micha und ich standesamtlich geheiratet, am 2. Mai 2020 sollte die große Party folgen. Wir hatten eine wunderschöne Scheune als Location gebucht, eine Eventagentur engagiert, mit der wir Deko und Licht planten, der DJ war beauftragt, das Foto-Team auch, mit der Hochzeitsrednerin hatten wir bereits in einem dreieinhalbstündigen Gespräch unsere freie Trauung besprochen und ihr unsere Geschichte erzählt. Die Lieder zur Trauung standen fest. Viele Gäste hatten Züge und Hotelzimmer gebucht, ich hatte mein Traumkleid gefunden. Sogar einen Friseurtermin hatte ich schon vereinbart. Ich freute mich wie ein kleines Kind auf diesen Tag.
Ende März wurde uns langsam klar, dass eine Feier mit über achtzig Gästen inmitten einer weltweiten Pandemie so wahrscheinlich nicht stattfinden könnte. Immer häufiger fragten mich Freundinnen und Freunde, wie denn nun der Stand sei mit unserer Hochzeit.
»Wir müssen so langsam mal eine Entscheidung treffen, damit die Leute ihre Zimmer noch stornieren können«, sagte ich zu Micha.
»Wir warten darauf, dass die Location uns absagt«, antwortete er. »Sonst bleiben wir noch auf den Kosten sitzen.«
Ich war genervt. Immer wieder ein Hin und Her, immer wieder ein Hoffen und Bangen. »Momentan sind noch bis zu hundert Leute erlaubt«, sagte ich. »Solange diese Regelung gilt, wird die Location nicht absagen. Aber es macht doch keinen Sinn, das durchzuziehen.«
»Wir warten ab«, sagte er. Uff.
Schließlich rief tatsächlich noch im März die Eventplanerin an, die sich bereits mit der Location abgesprochen hatte. Auch ihnen war glücklicherweise noch vor dem offiziellen Verbot klar, dass die Kontaktsperren voraussichtlich verschärft werden würden und eine Hochzeit in diesem Umfang Anfang Mai nicht würde stattfinden können. Das hieß also: absagen! Tatsächlich war ich nach dem Warten und Bangen weniger enttäuscht, sondern einfach nur erleichtert, alle informieren zu können: »Storniert eure Hotels, cancelt eure Reisepläne, bleibt zu Hause und bleibt gesund.«
Zudem vereinbarten wir sofort einen neuen Termin für 2021. »Dann erst recht« – so der Plan, auch wenn es noch mehr als 14 Monate bis dahin waren. In diesen unsicheren Zeiten tat diese Entscheidung gut. Endlich etwas, das nicht unklar im leeren Raum rumeierte, sondern sicher war. Haken dahinter. Und auch finanziell war es mir ganz recht, dass nicht mitten in der Krise sämtliche Rücklagen für eine Hochzeitsfeier draufgingen.
Wir informierten unsere Dienstleister*innen über den neuen Termin und hofften, dass sie auch an diesem Tag Zeit hätten. Unser Foto-Team reagierte super, der DJ ebenfalls. Bloß unsere Hochzeitsrednerin stellte sich quer. Sie tat überrascht, verwies in ihrer Mail darauf, dass es doch noch gar keine behördliche Anordnung gebe. Zudem wies sie uns zurecht, dass man Ausweichtermine zuerst mit Dienstleister*innen absprechen sollte, bevor man diese festlegt. Sie habe an unserem neuen Termin bereits eine andere Hochzeit und müsse gucken, ob sie das kombinieren könne.
Ich kam gerade aus der Dusche und stand mit meinem Handy in der Hand im Schlafzimmer, als die Mail mich erreichte. Sofort heulte ich los. Klar, ich wusste, alles, was sie schrieb, war sachlich korrekt – doch ihr patziger Ton, das Zurechtweisen von oben herab und die fehlende Empathie machten mich fertig.
»Sie ist Freelancerin, wir sind es auch. Wir sitzen doch alle in einem Boot«, sagte ich schluchzend zu Micha. »Wie kann man so sein? Ich dachte, vor Corona sind wir alle gleich, das wird doch überall behauptet …«
Ich versuchte, trotz des patzigen Tonfalls nett und freundlich zu antworten, einen Kompromiss zu finden. Die Nerven im Zaum halten. Doch in den kommenden Wochen wurde unser Schriftwechsel so unangenehm, dass ich es kaum mehr aushielt. Wenn ich nur den Namen unserer Hochzeitsrednerin in meinem E-Mail-Postfach sah, legte ich das Handy weg. Es ging mittlerweile nicht mehr darum, eine gemeinsame Lösung für das Problem zu finden, sondern – wie war es anders zu erwarten – nur noch ums Geld. Immer wieder wies uns die Traurednerin darauf hin, dass sie rein faktisch gesehen weiterhin in der Lage wäre, die Trauung durchzuführen. Dass unsere geplante Feier mit über achtzig Leuten mittlerweile verboten war (inzwischen gab es eine behördliche Anordnung), tangiere ihren Job rechtlich gesehen nicht, so ihre Aussage. Theoretisch könnten wir uns zu dritt treffen, damit wäre ihre Aufgabe erledigt.
Selbst wenn formell und juristisch alles richtig war, was sie sagte – ich kochte vor Wut. Das Herz schlug mir bei jeder Mail von ihr im wahrsten Sinne des Wortes bis zum Hals, und selbst Micha, der normalerweise die Ruhe selbst ist, verlor zwischendurch die Fassung. Was, wenn nicht eine Pandemie, wäre ein triftigerer Grund, um eine Trauung zu verschieben? Es wäre ja völlig in Ordnung gewesen, wenn sie uns komplett abgesagt und uns unsere Anzahlung zurückerstattet hätte. Aber sie blieb hartnäckig. »Meine Arbeit ist zu neunzig Prozent erledigt«, erklärte sie immer wieder.
Das Ganze ging so weit, dass Rechtsanwälte aus dem Bekanntenkreis eingeschaltet wurden, sowohl auf unserer als auch auf ihrer Seite. Nach dem fiesen Schriftwechsel hatte ich schon längst keine Lust mehr darauf, von ihr getraut zu werden. Es ging nur noch darum, ob wir ihr wirklich neunzig Prozent ihres Honorars schuldeten, ohne dass je eine Trauung stattfinden würde. Ich zog mich aus den Mails raus, die emotionale Belastung wurde mir zu heftig.
Am Ende zahlten wir viele Hundert Euro. Immerhin schickte sie uns dafür ihre Traurede. Diese dürfen wir zwar nicht für unsere Trauung nutzen, aber wenigstens musste sie beweisen, dass sie für ihr Geld auch wirklich gearbeitet hatte. Ich konnte die Sache endlich abhaken. Doch ein fauler Nachgeschmack blieb.
Von wegen, Corona verbindet uns und bringt uns trotz Social Distancing einander näher. Von wegen, wir sitzen alle im selben Boot. Ich fühlte mich naiv und wie ein kleines, dummes Mädchen, weil ich an diese Nachricht tatsächlich geglaubt hatte. Unsere eigene Erfahrung zeigte mir, dass das Gerede über die positiven Aspekte der Krise zwar schön klingt, aber mit der Realität nur selten etwas zu tun hat.
All die Erlebnisse, all die Zweifel, Sorgen und Ängste, mit denen ich während der Coronakrise konfrontiert wurde – sie alle wurden von völlig gegensätzlichen Aussagen aus dem Außen begleitet. »Lasst euch bloß nicht eure Frühlingsgefühle nehmen!«, las ich in einem Instagram-Post. »Don’t forget to smile!«, in einem anderen.
Glaubte man den sozialen Medien, vertrieben sich die Menschen die Zeit während des Lockdowns damit, ihre Kleiderschränke auszumisten, den Keller aufzuräumen, ihre Wohnungen zu renovieren und mit einem Fitnessprogramm zu starten. Gefühlt las jeder Mensch mindestens ein wahnsinnig kluges Buch pro Woche, ging täglich 15 Kilometer joggen und »nutzte« nebenbei noch die Zeit, um eine Online-Weiterbildung zu machen. Selbstverständlich galt dabei stets: Tue Gutes und rede, äh, poste darüber. Bücher wurden online rezensiert, die Joggingrunden mit Distanz, Pace und Streckenverlauf täglich geteilt und Online-Seminare empfohlen. Innerhalb weniger Wochen gab es neue Geschäftsideen, Gründungen, zig Online-Stammtische und -Seminare sowie digitale Co-Working-Gruppen.
Ich verfolgte all diese Entwicklungen und dachte nur: Wie bitte? Woher nehmen all diese Menschen die Energie und Zeit? Ich fühlte mich schlecht. Statt aktiv zu werden und das Beste aus der Situation zu machen, hatte ich mit negativen Gedanken zu kämpfen und war froh, wenn ich geduscht, vernünftig angezogen und geschminkt war. Und wenn ich mal einen Tag keine dicken Augen vom Weinen hatte.
Auf die Frage, ob es wirklich möglich war, dass die Menschen um mich herum die negativen Gefühle einfach übersprungen hatten und tatsächlich total positiv gestimmt waren, antwortete Psychotherapeutin Amanda Nentwig: »Ich kann mir vorstellen, dass es eine Form des ›Copings‹ ist, also eine Bewältigungsstrategie. Wenn emotionale Bedürfnisse nicht erfüllt werden, dann rutschen wir oft in einen automatischen ›Überlebensmodus‹. So kann Person X durch Corona das Gefühl haben, nie genug zu machen, macht deshalb besonders viel und teilt dies mit der Umwelt, um sich vor anderen nicht unzulänglich zu fühlen. Es kann auch der Versuch sein, Kontrolle in einer unkontrollierbaren Situation zu gewinnen. Möglich, dass Influencer*innen um ihr Einkommen fürchten und dadurch noch mehr Content pushen. Vielleicht ist es aber auch so, dass Menschen tatsächlich helfen wollen, ohne dabei zu merken, dass ihre betont positive Art für andere Menschen auch belastend sein kann. Die Beweggründe für diese ›Überkompensation‹ sind auf jeden Fall meistens in Gefühlen und Bedürfnissen zu suchen.«
Irgendwie beruhigend, dass hinter der glitzernden Social-Media-Fassade in vielen Fällen oftmals auch nur verunsicherte Seelen stecken. Dennoch: In der akuten Situation ging mir das Happiness-Getue der anderen schlichtweg auf den Keks. In unserem Alltag war von Glück und Frohmut nur wenig zu sehen: Mein Sohn war zu Hause, Micha zum Glück auch, und wir teilten uns die Betreuung untereinander auf. An »freien« Tagen wurde gearbeitet, geputzt, ein wenig Sport gemacht. Ich versuchte, Artikel für meinen Blog zu schreiben und bei (potenziellen) Auftraggeber*innen anzuklopfen. Es war mühsam. Es zahlte sich nicht aus. Meine Produktivität lief ins Leere, meine Motivation sank von Tag zu Tag. Ich zweifelte sowieso schon. Und sobald ich dann online all die gut gelaunten, erfolgreichen Krisenbewältiger sah, wurden mein schlechtes Gewissen und meine Selbstzweifel nur noch größer.
Wenn man auf den Themenbereich Familie schaut, sah es nicht wirklich anders aus. Mama-Bloggerinnen zeigten auf ihren Instagram-Profilen Ausflüge ins Grüne, kreative Bastelideen und leckeren Kuchen. In Facebook-Gruppen wurden Beschäftigungs- und Rezeptideen ausgetauscht. Es wirkte, als seien einige Mamas richtig erleichtert, endlich mal Zeit mit der Familie verbringen zu dürfen. In einer WhatsApp-Mama-Gruppe, in die ich irgendwie reingerutscht war, wurden stolz die letzten Bastelarbeiten der Kleinen herumgeschickt. Von beruflichem Chaos durch fehlende Betreuung und von gähnender Langeweile, weil man niemanden treffen durfte, las ich wenig.
Ich saß also im Sandkasten hinter unserem Haus – mein Sohn buddelte neben mir –, scrollte lustlos durch meinen Instagram-Stream und bekam dabei ein zunehmend schlechtes Gewissen. Schnell steckte ich das Smartphone weg. Statt mich zu grämen, sollte ich doch eigentlich genießen, dass die Sonne schien und wir einen Sandkasten im Garten hatten. Ich sollte mit meinem Sohn die Zeit auskosten, statt mir Sorgen zu machen und mich zu langweilen, weil ich zum zwanzigsten Mal Sand mit dem Spielzeugbagger von einer Ecke in die andere schaufelte. Sollte, müsste, könnte. Ich spürte den Druck des gesellschaftlichen Narrativs auf mir: Glück und Genuss sollten jederzeit im Vordergrund stehen. Wir sollten alles tun, um das Beste aus jedem Moment rauszuholen. Schlechte Gedanken ziehen uns selbst und unsere Liebsten nur runter. Also, reiß dich zusammen, Anna! Im Sinne aller. Sei mal ein bisschen positiver und verstrick dich nicht in deinen Sorgen! Plan Ausflüge, back Kuchen – und zwar nicht nur aus Sand! Denk dir neue Spiele aus! Und im Hintergrund kann dein Gehirn gleichzeitig doch bestimmt noch irgendeine schlaue Geschäftsidee entwickeln, oder? Andere kriegen das doch auch hin. Mach doch mal, los jetzt!
Meine Freundin Lisa startete zu dieser Zeit die »Three Good Things«, eine Art Dankbarkeitstagebuch in Form von Sprachnachrichten. Jeden Tag schickte sie eine lange Nachricht an all ihre Freundinnen, in der sie erzählte, welche drei Dinge ihr am Vortag gute Laune gemacht hatten. Ein Stück Kuchen, ein Spaziergang am Deich, ein frischer Blumenstrauß. Sie rief dazu auf, es ihr gleichzutun und ebenfalls drei persönliche Highlights des Vortags rumzuschicken. Am dritten Tag der »Three Good Things«-Aktion – zu diesem Zeitpunkt war ich noch erkältet, mit krankem Kind in Quarantäne und voller Unsicherheit – erklärte ich Lisa, dass ich ihr Engagement zu schätzen wisse und verstünde, dass sie es nur gut meinte, aber dass mir diese Nachrichten gerade überhaupt nicht guttaten. Dabei verstand ich im ersten Moment selbst gar nicht, wieso. Auch meine Freundin fühlte sich von meiner Ablehnung vor den Kopf gestoßen. »Positives Denken kann doch nicht schaden, sondern nur helfen!«, sagte Lisa. Hatte sie recht? War ich zynisch, depressiv, eine Pessimistin? Das mit dem Dankbarsein und dem positiven Denken hatte ich schließlich auch schon tausendmal gehört. Wieso wehrte ich mich dann so sehr dagegen?
Ich ging auf die Suche, um mein Gefühl besser einordnen zu können. Die Happy-Peppy-Glitzerwelt von Instagram und Co., in der alles toll und nichts doof ist, war mir schon lange auf den Geist gegangen. Jetzt in der Krise war der ganze »Good Vibes Only«-Hype mit einem Mal so präsent – und mir so zuwider – wie nie zuvor. Als ich schließlich auf einige englischsprachige Artikel stieß, die mir erklärten, dass dieses Phänomen einen Namen hatte, war ich erleichtert. »Toxic Positivity« – das war es! Hatte ich zuerst die leise Befürchtung gehabt, dass ich einfach ein zutiefst neidischer, fieser Mensch war, der anderen ihr Glück nicht gönnte, wurde ich nun eines Besseren belehrt. Daran lag es nicht. Es waren weder Neid noch Missgunst, die mich runterzogen – es waren giftige Mengen an zwanghaftem positivem Denken.
»Der Begriff ›Toxic Positivity‹ beschreibt das Konzept, dass eine positive Lebenseinstellung der einzig richtige Weg ist, sein Leben zu leben. Es geht darum, sich ausschließlich auf positive Dinge zu konzentrieren und alles abzulehnen, was negative Emotionen triggern könnte«,5 beschreibt Konstantin Lukin, Autor und Psychologe, das Phänomen auf psychologytoday.com. Doch diese Vermeidungsstrategie führe dazu, dass Probleme und negative Emotionen größer würden, statt dass sie verschwänden. Und es sei auch gar nicht wünschenswert, dass wir nur noch positiv denken, denn: Schwierige Emotionen und Gefühle stecken voller wertvoller Informationen, so Lukin. Ein Angstgefühl kann uns auf eine Gefahrensituation hinweisen. Traurigkeit zeigt, dass uns Dinge, Menschen oder unser Umfeld wichtig sind. In jeder Emotion steckt ein Wert. Und jede Emotion ist es wert, gehört zu werden.
Wer mit anderen Menschen über Sorgen, Ängste oder unangenehme Gefühle spricht und ein »Sieh’s doch mal positiv!« als Antwort bekommt, fühlt sich abgefertigt und nicht ernst genommen. Die eigenen Gefühle verlieren an Wichtigkeit – einzig und allein das Erfüllen des gesellschaftlichen Glücksideals scheint wichtig zu sein. In solch einer Welt stellt Glück keinen Ausnahmezustand dar, sondern die Norm. Wer es nicht »schafft«, die gute Laune zu behalten, zieht sich in Krisenzeiten einfach zurück und schämt sich ein bisschen.
»Tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe«, schrieb mir eine Bekannte nach drei Wochen Schweigsamkeit während des Lockdowns. »Mich hat die Krise hart getroffen, und ich wollte einfach nicht mehr kommunizieren. Ich bin deshalb komplett abgetaucht.«
Ich konnte es ihr nicht verübeln. Denn wenn man gerade finanzielle Sorgen hat, als Single vor Einsamkeit fast durchdreht oder zwischen mehreren Kindern keine Minute zum Durchatmen findet, wirken die Botschaften auf Social-Media-Plattformen, die auch gute Freund*innen oft teilen oder sogar in persönlichen Gesprächen zitieren, fehl am Platz.
Als Lisa ihre »Three Good Things«-Aktion startete, hatte ich das Gefühl, dass sie an meinen Problemen keinerlei Interesse hatte (auch wenn das nicht der Wahrheit entsprach!). Ich erzählte ihr davon und versuchte, meine Emotionen zu beschreiben: »Ich hab einfach gerade keine gute Phase. Es ist ein Auf und Ab, aber miese Tage sind einfach miese Tage.«
»Aber es müssen ja auch nicht immer die großen Dinge sein«, erwiderte Lisa. »Ich glaube, dass es schon hilft, wenn man sich drei minikleine Dinge bewusst macht, die schön waren. Eine ausgiebige Dusche, ein leckeres Essen, ein Lachanfall des Kindes.«
Ich wusste, dass sie es gut meinte und irgendwo ja auch recht hatte. Das Glück liegt im Kleinen. Ich verstand ihren Ansatz und ja, ich freute mich für sie, dass ihr diese Einstellung half. Doch für mich funktionierte das gerade einfach nicht, mir machte die »Verpflichtung«, Glücksmomente zu suchen und zu teilen, viel zu viel Druck. Das Ganze wirkte auf mich wie eine Art Selbstdarstellung, nach der mir gerade nicht der Sinn stand. Schließlich zog ich mich aus der Aktion endgültig raus: »Ich will einfach nicht irgendetwas Positives an den Haaren herbeiziehen, wenn es mir gerade nicht gut geht«, erklärte ich Lisa entschuldigend. Sie meldete sich eine Weile nicht mehr bei mir.
Während ich in den folgenden Tagen noch mehr Texte zum Thema »Toxic Positivity« las, hinterfragte ich mich auch selbst. Trotz meines inneren Widerstands gegen das zwanghafte Glücklichsein hatte auch ich längst einige Denkmuster verinnerlicht, die »schlechte« Gefühle wegdrückten. Sowohl bei mir selbst als auch bei anderen. Oft hatte ich schon Dinge gesagt wie »Konzentrier dich auf die schönen Dinge« und »Gönn dir einfach mal wieder ein bisschen Me-Time«. Leere Worthülsen, kaum mehr als Kalendersprüche, in denen keinerlei Empathie für die Probleme und Lebensumstände meines Gegenübers steckte.
Teilweise ging ich sogar mit mir selbst so um und fragte mich, wieso es denn nicht klappte. Ich lag bei Kerzenschein in der Wanne, weil man das nach einem harten Tag doch genau so machen sollte, um sich selbst etwas zu gönnen – nur wieso fühlte ich mich dann trotzdem noch schlecht? Wieso brach ich mit Micha einen Streit vom Zaun, obwohl ich nach einer »Deep Stretch & Relax«-Yoga-Einheit eigentlich hätte tiefenentspannt sein sollen? Ich tat so vieles von dem, was man tun sollte, um glücklich zu sein, aber irgendwie funktionierte es nicht. Oft machten genau diese Dinge sogar alles nur noch schlimmer. Denn zu den Sorgen, die sowieso schon da waren, gesellte sich dann auch noch das schlechte Gewissen, dass man es nicht mal hinbekam, positiver zu denken. Eine Negativspirale. Mit dem Konzept der Toxic Positivity fand ich endlich eine Erklärung dafür. Positives Denken allein war eben nicht die Lösung aller Probleme.
