Die heimliche Sucht, unheimlich zu essen - Maja Langsdorff - E-Book

Die heimliche Sucht, unheimlich zu essen E-Book

Maja Langsdorff

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Beschreibung

Der »Bulimie«-Klassiker, aktualisiert und auf dem neusten Stand der Wissenschaft Der kollektive Schlankheitswahn fordert seine Opfer. Abertausende von Frauen hängen an der Alltagsdroge Essen. Maja Langsdorff beschreibt Zusammenhänge und Hintergründe der Esstörung und zeigt: Ess-Brech-Sucht ist heilbar, aber eine Heilung ist beschwerlich, von Rückschlägen gekennzeichnet und fordert den ganzen Einsatz der Betroffenen.

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Seitenzahl: 552

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Maja Langsdorff

Die heimliche Sucht, unheimlich zu essen

Bulimie – Verstehen und heilen

 

 

Über dieses Buch

 

 

Der »Bulimie«-Klassiker, aktualisiert und auf dem neusten Stand der Wissenschaft

Der kollektive Schlankheitswahn fordert seine Opfer. Abertausende von Frauen hängen an der Alltagsdroge Essen. Maja Langsdorff beschreibt Zusammenhänge und Hintergründe der Esstörung und zeigt: Ess-Brech-Sucht ist heilbar, aber eine Heilung ist beschwerlich, von Rückschlägen gekennzeichnet und fordert den ganzen Einsatz der Betroffenen.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Maja Langsdorff, geboren 1956 in Heidenheim/Brenz, ausgebildete Balletttänzerin, Fotografin und Journalistin. Seit 1981 freiberuflich tätig als Journalistin und Sachbuchautorin, Schwerpunkte: Medizin, Psychologie, frauenspezifische Themen. Kuratoriumsmitglied des Bundesfachverbands Essstörungen und Mitglied der Arbeitskreise Essstörungen Bremen und Stuttgart. Lebt mit ihrem Mann in einer Kleinstadt bei Bremen. Weitere

Bücher: »Die Geliebte. Was es heißt, die Andere zu sein«, »Kleiner Eingriff - großes Trauma? Schwangerschaftskonflikte, Abtreibungen und die seelischen Folgen«, »Ballett- und dann? Lebensbilder von Tänzern, die nicht mehr tanzen« (mehr unter http://www.maja-langsdorff.de).

Impressum

 

 

Covergestaltung: bürosüd°, München

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2011

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-400769-4

 

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Inhalt

Mit Beiträgen von

für »Maxl«,

25 Jahre danach – ein Prolog

Vorwort

1. Teil Versuch einer Annäherung an das Phänomen »Bulimarexie« und an die Persönlichkeit der Ess-Brech-Süchtigen

Einleitung

Der Hunger

Die zwei Ichs

Das zerstörte Ich – Esssucht und Missbrauch

Selbstverletzungen gegen Gefühllosigkeit

Die drei Phasen

Wie alles beginnt

Die Un(ter)bewusstseinsphase

Die Zeit der Verdrängung

Ausbruchsversuch aus dem Teufelskreis

Essen als Droge

Essen, eine Sucht? Ein fachlicher Diskurs

Der Suchtbegriff – Versuch einer Annäherung

Flucht in die Sucht? Was Essstörungen mit Sucht zu tun haben

Neurobiologische Aspekte von Suchtentstehung und Suchttherapie

Essstörungen: keine Flucht in die Sucht, sondern Notprogramm

Die Bedeutung des Essens

Mutter ist an allem schuld

Die Rolle der Frau

Lebensbewältigung durch Phasen

Die aufgefressene Angst

Essen und Figur als Signal und Botschaft

»Bulimie« zwischen Magersucht und Fresssucht

Essstörungen, und kein Ende

Hungern für den Sport …

… und Essen als Ersatzreligion

Risiko Diabetes

Der Körper liefert prompt die Quittung

Die Persönlichkeit der Ess-Brech-Süchtigen

Die Wurzeln der Ess-Brech-Sucht

Teil 2 Therapie in Theorie und Praxis

Therapie contra Heißhunger

Therapiekonzepte – Fachleute nehmen Stellung

Arbeit mit essgestörten Menschen und ihren Angehörigen bei Dick & Dünn in Berlin

Aspekte zur feministisch orientierten Betrachtungsweise und Therapie von Bulimia nervosa

Das Frankfurter Zentrum für Ess-Störungen

ANAD® Wohngruppen

Die Klinik am Korso – Fachzentrum für gestörtes Essverhalten in Bad Oeynhausen

Behandlungskonzept für Patientinnen und Patienten mit Essstörungen in der Klinik Roseneck

Spezialisiertes Essstörungsbehandlungskonzept in der Klinik Lüneburger Heide

Teil 3 Aspekte der Selbsthilfe

Therapie in der Praxis

Per Mausklick zu Hilfe und Gleichgesinnten

Selbsthilfe gegen Sucht

Selbsthilfe mit »OA«?

Herumkurieren am Symptom – die Alternative?

Chemie hilft nicht weiter

Euphorie durch Symptomaufgabe

Kontrolle gegen Gefühlswirrwarr

Gewogen und als korrekt befunden …

Gefühle gegen Sucht

Fehlgenutzte Energien

Esssucht, Abführmittel und Verdauung

Selbstkontrolle macht dick

Angstfrei essen macht satt

Leicht verdaut ist halb verhungert

Die »leichte« Verführung

(K)ein Problem mit dem Essen

Genuss ist wiederholbar

Ess-Philosophie gegen Sucht

Folgen der Kontrolle

Naschen ist Not-wendig

Verführerischer Geschmack

Fehl am Platz im Notfall: die Moral

Gewissens- und Essbewusstseinsschulung

Keine Angst vorm Essen!

Leben lernen

Was Angehörige tun können

Thesen und Tipps zum Umgang mit einem essgestörten Kind

»Lebensschule« Sucht

Vorbeugen wäre besser …

Körper, Kopf, Seele – Prävention von Essstörungen in Schulen

Anleitungen für Übungen

Sinnesinseln

Ess-Bewusstseinsübung

Schokoladen-Übung

Phantasiereisen

Entspannungsübungen

Teil 4 Betroffene berichten …

Spurensuche

Zugefressene Gefühle

Mitgefangen …

Hunger nach Liebe

Glaube an die Heilung

Langsam leben lernen

Mein Schatz: ein Tagebuch der Zuneigung

Schmerzen spüren

Einmal Hölle und zurück

Zu den Illustrationen dieses Buches

Schlusswort und Resümee

Anhang

Wichtige Adressen und Telefonnummern

Mit Beiträgen von

Sylvia Baeck, Gründerin und Geschäftsführerin von Dick & Dünn e.V., Berlin

Sigrid Borse, Diplom-Pädagogin, Geschäftsführerin des Frankfurter Zentrums für Ess-Störungen gGmbH, Vorstandsmitglied des Bundesfachverbands Essstörungen (BFE)

Werner Gross, Diplom-Psychologe, Psychotherapeut, Supervisor (BDP) und Coach am Psychologischen Forum Offenbach

Margrit Hasselmann, Pädagogin und systemische Therapeutin, Landesinstitut für Schule, Gesundheit und Suchtprävention, Bremen

Prof. Dr.med. Thomas J. Huber, Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Ernährungsmedizin, Chefarzt der Klinik am Korso, Fachzentrum für gestörtes Essverhalten, Bad Oeynhausen

Prof. Dr.Gerald Hüther, Neurobiologe, Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Universitäten Göttingen und Mannheim/Heidelberg

Dr.med. Ulrich Kemper, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie; Chefarzt der Abteilung Suchtmedizin der LWL-Klinik und des LWL-Rehabilitationszentrums Ostwestfalen, Bernhard-Salzmann-Klinik, Gütersloh

Dr.med. Carl Leibl, Facharzt für Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, stellvertretender Ärztlicher Direktor der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Roseneck, Prien am Chiemsee

Dr.med. Lisa Pecho, Fachärztin für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Ärztliche Leitung von ANAD® e.V., München

Udo Pollmer, Lebensmittelchemiker, Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e.V. (EU.L.E.)

Elke Raatz, Diplom-Sozialpädagogin, Sozialarbeiterin, Berlin

Dr.med. Wally Wünsch-Leiteritz, Leitende Oberärztin der Klinik Lüneburger Heide in Bad Bevensen, Fachärztin für Innere Medizin/Psychotherapie/Ernährungsmedizin, Vorstandsmitglied des Bundesfachverbands Essstörungen (BFE)

ferner neun Beiträge und mehrere Zeichnungen von Betroffenen

für »Maxl«,

für meinen geliebten Mann

 

und alle, die mir

mit Rat und Tat

beim Schreiben

zur Seite standen

25 Jahre danach – ein Prolog

Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit dieses Buch erstmals erschien. Es war ein vergleichsweise schmales, kleines Bändchen mit gerade mal 256 Seiten. Aber es war das erste Werk in Europa zu diesem speziellen Thema. Im Laufe der Jahre ist das Buch größer und dicker geworden, ganz im Gegensatz zu mir, seiner Autorin, und nun ist es ein Buch unter vielen. Zahllose Ratgeber zu Essstörungen ergänzen die vielfältigen Hilfsangebote, von denen Betroffene in den achtziger Jahren nur träumen konnten.

Aus einzelnen Initiativen hat sich ein relativ engmaschiges Netz von kompetenten Beratungsinstitutionen herausgebildet. Nach und nach haben sich zahlreiche Therapeuten, Kliniken und Behandlungszentren auf Essstörungen – vorrangig Magersucht und Ess-Brech-Sucht – spezialisiert. Zwei Jahrzehnte hat es gedauert, bis Essstörungen als Krankheit und als gesellschaftliche Herausforderung erkannt und allgemein ernst genommen wurden. Erst Mitte der neunziger Jahre begannen die Krankenkassen, sich mit Aufklärung und Prävention zu engagieren. Möglicherweise wurden sie auch durch die teuren Folgeschäden dazu motiviert: 319 Millionen Euro jährlich sollen die Behandlungs- und Folgekosten von Mager- und Ess-Brech-Sucht[1] kosten.

Kein Wunder, dass auch dann endlich die Politik die Thematik für sich entdecken konnte. Zu einem vielbeachteten Essstörungsgipfel luden Ende 2007 die deutschen Bundesministerinnen Ulla Schmidt, Ursula von der Leyen und Annette Schavan ein – drei prominente Damen also, die bis dato nicht unbedingt durch verstärktes Interesse an Essstörungen aufgefallen waren. Auf einer publikumswirksamen Medienveranstaltung wurde unter der Überschrift »Leben hat Gewicht – gemeinsam gegen den Schlankheitswahn« für Prävention geworben und angekündigt, den Dialog mit der Textil- und Modebranche aufzunehmen. Diese sehen Fachleute als Mitverursacher von Essstörungen, denn Jugendliche lassen sich auf der Suche nach einer unverwechselbaren Identität von Bildern leiten, und nirgendwo findet man so viele ausgemergelte, hohläugige Gestalten wie unter Mannequins. Die Faszination für Castingshows wie Heidi Klums »Germany’s Next Top Model« zeigt, dass zahllose Teenager im Modeln einen glamourösen Traumjob wähnen – und bereit sind, dafür ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

Tatsächlich unterzeichneten am 11. Juli 2008 in Berlin Verantwortliche der deutschen Textil- und Modebranche, anscheinend geläutert, eine Nationale Charta gegen Essstörungen, eine elf Punkte umfassende Selbstverpflichtung, in der es hieß: »Mit der Charta möchte die deutsche Modebranche ein klares Zeichen setzen. Ziel ist es, durch ein gemeinsames Engagement die Öffentlichkeit für ein gesundes Körperbild zu sensibilisieren und einen Bewusstseinswandel in Gang zu setzen.«

Keine drei Wochen später bildete ein Foto, das durch die Presse ging, vier hochgewachsene langbeinige Modells auf der Igedo Fashion Fair ab. Aufreizend präsentierten sie Dessous, oder vielmehr ihre ver- beziehungsweise enthüllte gertenschlanke Rückfront, Kleidergröße geschätzt: 36. Gut Ding will Weile haben.

Dennoch: Deutschland ist langsam aufgewacht. Andere europäische Länder hatten den Kampf gegen den Schlankheitswahn, minderjährige Magermodels auf dem Catwalk und die Un-Größe »Size Zero« längst aufgenommen, allen voran Spanien. Zwar hatte die britische Ministerin Tessa Jowell schon 2001 eine Kampagne gegen Mager- und Ess-Brech-Sucht im Königreich gestartet und Regierungsmitglieder, Modemacher, Chefredakteure von Frauenzeitschriften und Ernährungswissenschaftler zu einem Gipfeltreffen eingeladen. Nur blieb der Erfolg zunächst aus: Die Herausgeber der führenden Mode- und Frauenzeitschriften, u.a. »Vogue«, distanzierten sich umgehend von den Zielen der Kampagne. Acht Jahre später sprach sich Alexandra Shulman, die Chefin der britischen »Vogue«, öffentlich gegen »Größe-Null-Models« aus. Pikant dabei: Es soll ihre Kollegin Anna Wintour, Chefredakteurin der amerikanischen »Vogue«, gewesen sein, die ehedem diese Hungerleidergröße für Models erst durchgesetzt hatte. Im Handel sucht man »Size Zero« vergeblich – sie entspricht Kleidergröße 32.

Als 2006 Spaniens Behörden Magermodels mit einem Body-Mass-Index (BMI) von weniger als 18 Auftrittsverbot bei der Madrider Modewoche Pasarela Cibeles erteilten, applaudierte Jowell öffentlich und empfahl Ähnliches für die Londoner Modewoche. Anders als im spanischen Madrid und im italienischen Mailand, wo seit Ende 2006 der Laufsteg für Models unter 16 Jahren und solche mit einem BMI unter 18,5 tabu ist, wollten die britischen Veranstalter keine rigiden Vorgaben machen. Immerhin baten sie die Designer, nur »gesunde« Models auftreten zu lassen. Zur Jahreswende 2007/2008 veröffentlichte dann der British Fashion Council einen Aktionsplan gegen den Schlankheitswahn. Seine Kommission »Model Health Inquiry« legte 14 unverbindliche (!) Empfehlungen vor, um die Gesundheits- und Arbeitssituation von Models zu verbessern.

Die französische Modebranche dagegen verpflichtete sich 2008 freiwillig, keine extrem dürren Modells mehr zu engagieren, und unterzeichnete in Paris eine Charta gegen Magersucht. Auch Vertreter der Medien und aus der Werbung unterschrieben darin, keine Bilder mehr zu verbreiten, die den Schlankheitswahn fördern. Etwa gleichzeitig erließ Frankreich außerdem ein Gesetz, das die »Anstiftung zur Magersucht« mit bis zu zwei Jahren Haft und 45 000 Euro Geldbuße bestraft – eine beispielhafte Initiative, auch wenn es vermutlich schwer möglich sein dürfte, in der Praxis eine solche Anstiftung nachzuweisen und zu ahnden.

Und auch Deutschlands Nachbar Österreich gehört zu den Pionieren im Kampf gegen Essstörungen. Anfang 2007 startete die Stadt Wien »S-O-Ess« – sie wurde als erste europäische Stadt initiativ gegen krankmachende Vorbilder und für gesundheitsfördernde Maßnahmen. Das Kampagnen-Motto: »No BODY is perfect«. Und schon drei Monate später lief österreichweit das Projekt »Wenn die Seele hungert« an, mit dem die Bevölkerung für Essstörungen sensibilisiert und Lobbyarbeit geleistet werden soll. Beteiligt sind daran auch Österreichs Gesundheitsministerin und Wiens Frauengesundheitsbeauftragte.

Schließlich erreichte Ende 2009 die verblüffte deutsche Leser- und Anhängerschaft der Frauenzeitschrift »Brigitte« erstaunliche Kunde: »Wir werden ab 2010 nicht mehr mit Profimodels arbeiten«, verlautbarte aus der Chefredaktion jenes Magazins, das jahrzehntelang auf unnachahmliche Weise Widersprüchliches innerhalb eines Heftes vereinte: Kochrezepte und (Brigitte)Diäten zum Beispiel, Aufklärung über Essstörungen und ultimative Tipps zum Abnehmen … Skeptiker unkten, hinter der Kampagne gegen Magermodels stecke eine Marketing-Idee, denn Frauenzeitschriften kämpfen seit zwei Jahrzehnten gegen sinkende Auflagen – vielleicht auch eine Folge des Überdrusses an personifizierten weiblichen Kleiderständern, die sich fast zu Tode hungern, um dann in den Grafikabteilungen der Redaktionen per Bildbearbeitungssoftware wieder gesündere Rundungen verpasst zu bekommen.

Die gesamte Branche sei magersüchtig, ereiferte sich »Brigitte«-Chefredakteur Andreas Lebert, die meistgelesene deutsche Frauenzeitschrift wolle mit dieser Initiative ein Zeichen setzen gegen den Zwang zur Magersucht in der Modebranche. Ach ja, wie sagte doch Veronika Pelikan, langjährige Chefredakteurin und Herausgeberin des österreichischen Frauenmagazins »Die Wienerin« dereinst so richtig? »Mit der Auswahl unserer Models tragen wir dazu bei, dass Magerkeit nicht länger als ästhetisches Ideal propagiert wird – und junge Mädchen zum gefährlichen Experiment mit dem eigenen Körper nicht auch noch von Medien animiert werden.« Übrigens: Wer die »Brigitte« abonniert, kann sich als Werbeprämie eine Waage aussuchen!

Manches hat sich nicht, doch vieles hat sich geändert in diesen 25 Jahren; besonders in der letzten Dekade ist Entscheidendes in Gang gekommen. Am Anfang standen ein paar Handvoll Einzelkämpferinnen (weiblich), die sich persönlich für Menschen mit Essstörungen und die Aufklärung über deren »typisch weibliche Krankheit« einsetzten. Sie steckten viel Energie in den Aufbau von Beratungseinrichtungen und Netzwerken, und sie putzten fleißig Klinken, um eine Mindestfinanzierung ihrer wichtigen Projekte sicherzustellen.

Mit dem Öffentlichwerden von Essstörungen verschob sich manches Gewicht. Die Pionierinnen auf diesem Gebiet traten nach und nach ab, manche von ihnen sind inzwischen in Vergessenheit geraten. Wer nachrückte, waren nicht selten titelgeschmückte Experten (männlich). Und: Essstörungen wurden zu einem beliebten Forschungsgegenstand.

2006 konstituierte sich eine wissenschaftliche Institution, die Deutsche Gesellschaft für Essstörungen (DGESS), um »in unterschiedlichen Fachdisziplinen ausgewiesene wissenschaftliche und klinische Kompetenz« zu bündeln – und vermutlich auch leichter an Forschungsgelder heranzukommen. Die bisherige Fachkompetenz – erfahrene und geschulte Kräfte aus der Praxis, vorrangig damals aus Beratungsstellen – hatte seit 1994 im nun vorübergehend doch leicht irritierten Bundesfachverband Essstörungen (BFE) gewirkt und sich mit Fragen der Prävention, der Therapie und Rehabilitation, aber auch der Forschung befasst. Nicht zuletzt die forcierte Anwerbung psychosomatischer Fachkliniken als Verbandsmitglieder festigte wohl das Selbstverständnis des BFE als einer Institution, die nicht abgedrängt wurde, sondern eine ihrer Hauptaufgaben darin sieht, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen und professionelle Öffentlichkeitsarbeit zu leisten.

Essstörungen sind nach und nach als gesellschaftliches Problem begriffen worden, das inzwischen eine kleine Lobby hat. Aus »Betroffenen« sind »Patienten« geworden. Das signalisiert zum einen die gewandelte Einstellung zu dieser schwerwiegenden Störung – sie ist eine anerkannte Krankheit. Zum anderen ist die Beziehung zu den Erkrankten klar definiert. Nicht (nur) Mitfühlen ist angesagt, sondern fundierte Behandlung. Essstörungen werden ernst genommen und haben aus schwer erklärlichen Gründen sogar das Stigma der typischen Frauenkrankheit verloren. Denn wie vor zweieinhalb Jahrzehnten beträgt der geschätzte Frauenanteil 90 bis 95 Prozent. Nach wie vor hat das Risiko, an einer Essstörung zu erkranken, sehr viel mit weiblicher Sozialisation zu tun. Wenn Jungen und Männer an dieser Störung erkranken, benötigen sie selbstverständlich ebenso Hilfe wie Mädchen und Frauen. Aber es erscheint schon beunruhigend, wenn sich der Fokus verstärkt auf eine Minderheit richtet und so womöglich aus dem Blick verloren geht, dass Frauwerden und Frausein noch immer nicht die selben Chancen und Möglichkeiten eröffnet wie das Leben als Junge und Mann.

Es war keine Geringere als die Therapeutin Susie Orbach, die Pionierin der Anti-Diät-Bewegung, die in den Achtzigern analysierte: »Das hyperdünne Schönheitsideal fällt so präzise mit dem Erstarken der feministischen Bewegung zusammen, dass Misstrauen geboten ist. Es fällt schwer, in dieser ›Ästhetik der Dürre‹ nicht einen bewussten oder vielleicht auch unbewussten Versuch zu sehen, auf die Forderung von Frauen nach mehr Raum in der Welt zu kontern.«[2]

Vorwort

Dieses Buch ist das Resultat einer mehrjährigen intensiven journalistischen Recherche über das Phänomen süchtigen Essens und Erbrechens, das in der Wissenschaft als »Bulimia nervosa« bezeichnet wird und für das sich die Bezeichnung »Bulimie« eingebürgert hat. Gelegentlich wird in Analogie zur Anorexie (Magersucht) auch der Begriff »Bulimarexie« verwendet.

Durch Gespräche mit vielen hundert Frauen gewann ich den Grundstock der Erkenntnisse, die hier wiedergegeben sind. Bewusst habe ich mich Anfang der achtziger Jahre, als ich das Buch verfasste, zum Sprachrohr für die Betroffenen gemacht und auf die Praxis verzichtet, durch zahlreiche Quellen mein Wissen zu untermauern. Erste Priorität hatte für mich die Authentizität – das, was ich persönlich über das Leid der Ess-Brech-Süchtigen von ihnen selbst erfahren konnte. Darüber hinaus war es seinerzeit mit dem Wissen über Essstörungen im Allgemeinen und die Ess-Brech-Sucht im Besonderen nicht weit her. Die Erkenntnisse, die seither gewonnen wurden, sind selbstverständlich mit in den Text eingeflossen. Mit den Jahren sind auch viele neue Aspekte hinzugekommen, die ich berücksichtigt habe.

Ich habe versucht, das Phänomen Ess-Brech-Sucht aus möglichst vielen Perspektiven zu beleuchten, und habe deshalb zu einzelnen Themenkomplexen Experten um Beiträge gebeten. Natürlich kommen auch die Betroffenen mit Aufsätzen und Erfahrungsberichten selbst zu Wort. Zusammenhänge tiefer zu hinterfragen, Verhaltensweisen zu analysieren und Therapieansätze darzustellen habe ich zum Teil den ausgewiesenen Fachleuten und Praktikerinnen und Praktikern überlassen. In der vorliegenden Ausgabe ist der aktuelle Wissensstand wiedergegeben, und es sind neue Beiträge eingefügt.

Mein Buch richtet sich in erster Linie an die Betroffenen selbst, daneben an all jene, die mit ihnen in irgendeiner Weise zu tun haben. Mein Buch kann, darf und soll Maßnahmen von psychologischer oder ärztlicher Seite für die Ess-Brech-Süchtigen keineswegs ersetzen. Es sollte ergänzend wirken und dazu beitragen, das gegenseitige Verständnis zu fördern.

Bulimarexie ist eine überaus ernste psychosomatische Erkrankung mit Suchtcharakter. Als die ersten schweren Fälle bekannt wurden, ging man davon aus, diese Krankheit sei nicht heilbar und könne nur zu einem Stillstand gebracht werden. Erfreulicherweise war diese Annahme ein Irrtum: Ess-Brech-Sucht ist heilbar, aber der Weg hinaus ist lang, beschwerlich, von Rückschlägen gekennzeichnet und fordert den ganzen Einsatz der Betroffenen. Der Heilungsprozess kann sich über ebenso viele Jahre erstrecken wie die Sucht selbst.

Mit meinem Buch möchte ich den Betroffenen Wege zur Hilfe und Selbsthilfe aufzeigen und zu einer ersten Orientierung beitragen. Jeder Ess-Brech-Süchtigen muss klar sein, dass ihre einzige Chance im Handeln liegt, nicht in der passiven Erwartungshaltung. Wo die Mitarbeitsbereitschaft fehlt, wo Passivität sich breitmacht, kann kein Arzt, kein Psychologe, kann niemand der Kranken helfen. Doch auch wenn die Betroffene aktiv und fordernd Hilfe sucht, können ihr Fachleute nur den Weg weisen. Gehen muss sie ihn schließlich allein.

In diesem Buch ist fast ausschließlich von Frauen die Rede; Männer treten nur ganz am Rand in Erscheinung. Das hat seinen Grund: Im Verlauf meiner Recherchen erkannte ich Bulimia nervosa nur bei einem halben Dutzend Männern. Meine Vermutung, dass diese psychische Erkrankung vorrangig bei Mädchen und Frauen auftritt, hat sich bestätigt. Wissenschaftler schätzen, dass nur fünf, maximal zehn Prozent der Betroffenen männlich sind. Wenn Medien berichten, dass »immer mehr« Männer an Essstörungen leiden, suggeriert dies eine Dynamik, die noch keine seriöse Studie nachweisen konnte.

Mein Erklärungsansatz ist ein anderer: Das Phänomen gestörten Essverhaltens ist längst als Krankheit erkannt und nicht mehr stigmatisiert. Deshalb bringen mehr Menschen den Mut auf, sich zu ihrem Problem zu bekennen. Nicht eine Epidemie, sondern das Öffentlichwerden bewirkt, dass auch essgestörte Jungen und Männer die Hemmschwelle überwinden und professionelle Hilfe suchen. Es ist also nicht der Anteil der männlichen Betroffenen drastisch gestiegen, wie oft suggeriert wird, sondern die Zahl derjenigen, die sich zu ihrer Essstörungen bekennen. Ein Großteil des Zuwachses erklärt sich mit dem Comingout-Effekt.

Dass fast ausschließlich Frauen vom Essen abhängig werden, liegt wohl in erster Linie an geschlechtsspezifischen Rollenzwängen, Rollenkonfusionen, einem unrealistischen und kaum erreichbaren Schönheitsideal und konventionellen Erziehungsmustern. Typisch weibliche »Qualitäten« wie Anpassungsfähigkeit, Einfühlsamkeit, Selbstlosigkeit, Weichheit begünstigen die Kompensation von innerpsychischen Konflikten durch Essen und Erbrechen. Trost bei der Nahrung zu suchen gilt als schwach und typisch weiblich. Solches Verhalten harmoniert nicht mit dem gängigen Männlichkeitsideal. Traditionell flüchten Männer eher in den Alkohol oder greifen zu Drogen.

Wovon Menschen, die für süchtiges Verhalten disponiert sind, abhängig werden, hängt u.a. mit familiären Faktoren, mit der Erziehung, der Sozialisation und der Verfügbarkeit der Droge zusammen. Mit einem sich wandelndem männlichen Rollenbild (weicher, sensibler, partnerschaftlicher), mit dem wachsenden Gesundheits-, Körper- und Schönheitsbewusstsein des Mannes wird aber auch Essstörungen wie Mager- und Ess-Brech-Sucht bei Männern der Boden bereitet. Und die Medien, die Werbebranche und die Modeindustrie arbeiten kräftig daran mit.

Der soziale Druck durch ein rigides Schlankheitsideal auf männliche Jugendliche und Männer ist zwar vergleichsweise gering. Aber beispielsweise dort, wo sportliche Leistung davon abhängt, wie wenig man(n) auf die Waage bringt, lauert die Gefahr. Sportler erleben ihren Körper als ein Instrument, das sie beherrschen und kontrollieren müssen, und sind zwangsläufig stark körperfixiert. Sie unterziehen sich, wie viele Frauen, Diäten. Das weibliche Schlankheits- und Schönheitsideal findet im Körperideal mancher Sportarten eine spezifische, männliche Entsprechung, etwa bei Jockeys, Boxern, Läufern, Skispringern und Schwimmern. Von hier ist der Weg nicht weit bis zur Fixierung auf Figur oder Gewicht und Essen – ein Leitsymptom jeder Essstörung. Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale wie mangelndes Selbstbewusstsein, Perfektionismus, starke Leistungsorientierung, aber auch Rollenkonfusionen und Probleme mit der männlichen Identität erhöhen das Risiko, über dem Streben nach dem Ideal mager- oder ess-brech-süchtig zu werden.

In der Überflussgesellschaft prallen die Gegensätze hart aufeinander: Dem Ideal, schlank zu sein, steht ein Überangebot von Lebensmitteln gegenüber. Nie zuvor gab es so einen hohen Anteil von Menschen mit Übergewicht. Nur ein Drittel der männlichen und weniger als die Hälfte der weiblichen Bevölkerung hat Normalgewicht. Figur und Gewicht sind äußere Gradmesser für den Erfolg und die gesellschaftliche Attraktivität des Einzelnen. Auch wenn Sinn und Unsinn von Diäten öffentlich diskutiert werden, ist Schlanksein doch wichtiger denn je. Der kollektive Schlankheitswahn fordert seine Opfer. Mehr und mehr Menschen büßen die Lust am Essen ein und machen sich das Abnehmen zur Lebensaufgabe. Nur Aufklärung kann dazu beitragen, dass dieser Irrsinn nicht noch mehr Opfer fordert. Denn am Anfang jeder Ess-Brech-Sucht stand das zwanghafte Bemühen, abzunehmen.

Hunger, der aus dem Hirn kommt, ist stillbar – doch Essstörungen sind nicht nur ein individuelles Problem, sondern eine gesellschaftliche und politische Herausforderung. Es müssen weitere Hilfsangebote geschaffen und staatlich gefördert werden. Es kann nicht angehen, dass niederschwellige und bewährte Projekte wie etwa das Internetforum »Ess-stoerungen.net« um öffentliche Mittel ringen müssen und die Zahl spezialisierter Beratungsstellen in keinem Verhältnis zur Zahl der Betroffenen steht. Forschung, Aufklärungsarbeit und Prävention müssen intensiviert und finanziert werden. Prävention bedeutet unter anderem, die gesetzlich garantierte Gleichstellung von Frau und Mann gesellschaftlich umzusetzen und Frauen Autonomie zu ermöglichen.

Leider bildet sich nur sehr zäh ein politisches Bewusstsein für diese Probleme heraus, und der Umsetzung vieler positiver Ansätze stehen nicht zuletzt harte wirtschaftliche Interessen entgegen. Das Kreisen um Essen, Figur und Gewicht bindet enorme Energien und lässt an vielen Stellen den Rubel rollen. Wenn sich junge Mädchen und Frauen dieser Zusammenhänge nicht bewusst werden und kritiklos dem Schlankheits- und Schönheitskult anhängen, profitieren davon zahllose Interessensgruppen, Konzerne und Wirtschaftsunternehmen: Herausgeber von Mode- und Frauenzeitschriften, Diät- und Kochbüchern, Hersteller von Lightprodukten, Diätlebensmitteln und anderen »Schlankmachern«, die Süßwaren-, die pharmazeutische, die Mode- und die Kosmetikindustrie, Fitnessstudios, Schönheitschirurgen …

Die Fakten alarmieren:

50 Prozent aller Elfjährigen hat sich schon mit Diäten beschäftigt,

25 Prozent aller Mädchen unter zwölf haben Diäterfahrungen, die Jüngsten von ihnen sind gerade im Einschulungsalter,

56 Prozent der Dreizehn- und Vierzehnjährigen wollen dünner sein,

40 Prozent der normal- und untergewichtigen Mädchen zwischen 14 und 19 Jahren empfinden sich selbst als zu dick,

50 Prozent aller Jugendlichen bis 18 Jahre haben schon eine Diät gemacht,

95 Prozent aller Diäten funktionieren nicht,

90 Prozent aller Frauen möchten gern abnehmen,

70 bis 80 Prozent der Frauen essen sich aus Angst, zu dick zu werden, nie richtig satt,

77 Prozent aller Frauen haben nicht ihre Traumfigur,

25 Prozent aller Frauen leidet unter Ansprüchen, die andere an ihr Aussehen stellen,

10 Prozent aller Dünnen empfinden sich noch als zu dick,

gerade mal ein Prozent aller Frauen ist zufrieden mit ihrer Figur,

nur 16 Prozent aller Frauen sind medizinisch gesehen zu dick

22 Prozent der Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren zeigen Symptome eines gestörten Essverhaltens,

bis zu fünf Prozent aller Zwölf- bis Fünfundreißigjährigen leiden an Ess-Brech-Sucht.

Diäten sind die Einstiegsdroge für Essstörungen. Wird Essen zur Droge, Erbrechen zum Zwang und die Figur zur Messskala des Selbstwertgefühls, dann braucht die Seele Balsam, der Mensch Verständnis. Wer eine Ess-Brech-Süchtige für ihre Symptome verurteilt, fördert ihren un(ter)bewussten Todeswunsch. Mit prallem Bauch und dem Kopf über der Kloschüssel sterben die Kinder des Wohlstands dem schizophrenen Ziel der Idealfigur entgegen. Wen sollte es wundern, dass eine Gesellschaft, die sich krankhaft normt, ihre Opfer, nicht aber sich selbst als gestört wahrnimmt?

Maja Langsdorff

1. TeilVersuch einer Annäherung an das Phänomen »Bulimarexie« und an die Persönlichkeit der Ess-Brech-Süchtigen

Einleitung

Sie wissen nicht, was es ist. Sie wissen nicht, woher es kommt. Sie wissen nicht, was dagegen tun: Immer mehr Frauen essen süchtig. Sie unterliegen einem unkontrollierbaren Zwang, der sie dazu treibt, Nahrung in unglaublichen Mengen in sich hineinzuschaufeln und anschließend alles wieder über der Kloschüssel künstlich zu erbrechen. Diese Frauen verzweifeln an sich selbst. Sie leiden an einem unstillbaren Hunger und wollen doch im Grunde genommen gar nicht essen. Für sie ist der Satz aus Goethes Schauspiel »Faust« (1) grausame Realität und Drehpunkt ihres Lebens: »Zwei Seelen wohnen, ach!, in meiner Brust.«

Auf »Brust« reimt sich »Lust« und »Frust«. Die »Lust« der Esssüchtigen ist der ständige und unbeherrschbare Drang, essen zu müssen. Ihr Frust ist das Perverse ihres Handelns: die Sinn- und Verantwortungslosigkeit zu essen mit dem Vorhaben, danach zu erbrechen. Diese Frauen kranken an einer Sucht, die lange Jahre einfach als Unbeherrschtheit abgetan wurde. Laien tun sich schwer, hinter dem übersteigerten Essbedürfnis den eigentlichen Hunger wahrzunehmen und das Verhalten als Ausdruck seelischen Verhungerns zu verstehen. Fachleute diskutieren, was hinter dem unheimlichen Zwang steht: eine narzisstische oder ethische Störung, eine Borderline-Störung, eine Verhaltensstörung, eine tatsächliche, nicht stoffgebundene Sucht, eine erschreckende Modeerscheinung, die zur Nachahmung anregt …

Die Mädchen und Frauen mit den Idealfiguren und dem Hunger im Hirn leiden an der psychischen Erkrankung, der man den Namen »Bulimia nervosa« oder »Bulimarexie« gegeben hat. Für diese Erscheinung hat sich der Begriff »Bulimie« eingebürgert, der die Symptomatik unkorrekt beschreibt. »Bulimie« bedeutet eigentlich Heißhunger oder Essgier und ist nicht zwingend mit dem Symptom des Erbrechens gekoppelt. Daher wird in diesem Buch der Begriff »Bulimie« kaum und in Anführungszeichen verwendet.

So hilflos selbst die nächsten Angehörigen oft den Ess-Brech-Süchtigen gegenüberstehen, so aufschlussreich ist der Name ihrer Erkrankung, schlüsselt man ihn einmal auf. »Bulimia« leitet sich aus dem Griechischen von »bous« (Ochse) und »limos« (Hunger) ab. »Bulimie« bedeutet also »Stierhunger«, im übertragenen Sinn »verzehrender Hunger«. Es ist bezeichnend, dass schon hier die erste Fehlinformation auftaucht. Denn wenn jemand anfängt, »zu fressen wie eine Gehirnamputierte« (Ausspruch einer Mutter), dann hat dies mit Hunger nur noch im weitesten Sinn zu tun. Die Betreffende möchte in Wirklichkeit satt sein. Doch sie hungert nicht unbedingt nach Nahrung, sondern nach Inhalten, Aufgaben und Anerkennung. Sie sucht Liebe, Gefühle und einen tieferen Sinn in ihrem Leben. Es hungert nicht der Körper, sondern die Seele. Und hier greift die Erkrankte zum falschen Mittel: Sie füttert ihren Körper, um satt zu werden. Sie missdeutet die Signale ihrer Psyche und dämpft sie auf physische Weise. Das Essen wird zur Sucht, die Nahrungsaufnahme motorisch. Wenn die Gedanken einer Frau nur noch um das eine Thema »Essen« kreisen, dann darf man nicht mehr von Hunger sprechen.

Wer am »Stierhunger« leidet, erlebt Essen und Erbrechen fast immer als eine Einheit. Das Erbrechen, das mit dem Finger, einem Löffel oder durch einfaches Würgen provoziert wird, ist für die Ess-Brech-Süchtige ein unbedingtes Muss, die Konsequenz ihres Heißhunger-Anfalls. Was einmal am Krankheitsbeginn das einfachste Mittel war, zu essen und trotzdem schlank zu bleiben, wird im Verlauf der Suchterkrankung zum programmierten Symptom. Essen und Erbrechen, diese beiden Symptome, treten bei Bulimarexie vordergründig am deutlichsten in Erscheinung. Da Essen etwas Lebensnotwendiges und völlig normal ist, die Möglichkeit aber, künstlich zu erbrechen, als pervers angesehen wird, verheimlichen die Betroffenen aus Scham meist lange Zeit ihr Verhalten. Bis zum Beginn einer Therapie verstreichen oft vier bis sieben Jahre, und vier von fünf Betroffenen scheuen davor zurück, sich in Behandlung zu begeben. Die Sucht nach Essen und Erbrechen erzeugt einen enormen Leidensdruck. Welche Gefühle Ess-Brech-Süchtige bewegen, wird deutlich, wenn sie in eigenen Worten beschreiben, wie sie sich und ihre Symptome erleben.

Der Hunger

Die zweiundzwanzigjährige Studentin Anneliese S. wiegt 53 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,64 Meter. Wie eine Verhungerte sieht sie also nicht aus. Ihre »Gedanken über meine Bulimarexie« lesen sich sehr viel anders:

»Ich denke den ganzen Tag ständig nur ans Essen. Es ist das Wichtigste in meinem Leben. Doch es sind keine schönen Gedanken. Das Essen macht mir Angst. Es bedroht mich. Abends überlege ich mir schon, was ich am nächsten Tag essen darf, um nicht zuzunehmen. Morgens gilt mein erster Blick dem Gewichtsanzeiger der Waage, ob ich mein Idealgewicht noch habe. Abends und manchmal sogar tagsüber kontrolliere ich zusätzlich das Gewicht. Ich habe Angst vor der Gewichtszunahme, als ob alles vom Schlanksein abhängen würde … Zurzeit überfällt mich jeden zweiten Tag ein Heißhungergefühl, und ich fresse alles in mich hinein. Ich verspüre dabei nie ein Sättigungsgefühl und futtere alles in mich hinein, bis mir schlecht ist. Ich durchstöbere alle Schränke, wo ich u.a. Süßes finden kann. Aber ich bin auch zur Not mit anderem zufrieden. Butterbrote, Käse, Nüsse, Müsli. Alles, was da ist, wird verschlungen. Kauen tue ich dann meistens nicht mehr richtig. Danach bekomme ich bald keine Luft mehr, so dass ich mich fast zwangsläufig übergeben muss, und breche fast alles wieder heraus.

Dann fühle ich mich im ersten Moment befreit. Aber bald mache ich mir die ersten Gewissensbisse und bekomme Schuldgefühle. Ich frage mich, warum hast du das getan, aber ich finde keine Antwort.«

Und, wie es den meisten Frauen geht, die solche Anfälle kennen und oft jahrelang durchleben, bleibt ihnen die Antwort erspart, wenn ein neuer Anfall, eine zweite, dritte, vierte Orgie stattfindet. Die Pausen zwischen den einzelnen Fressanfällen dauern zwischen wenigen Minuten und einigen Stunden. Das Essen selbst wird immer weniger als Genuss empfunden. Gegen Ende eines Tages gönnen sich Ess-Brech-Süchtige selbst kleinste Mengen »wertvoller« Nahrung nicht mehr, sie »wüten« immer bestialischer zwischen Kühlschrank und Toilette. Natürlich kann ein Mensch, der nie unter Essstörungen gelitten hat, kaum nachvollziehen, was eine Ess-Brech-Süchtige in diesen teuflischen Kreislauf von Essen und Erbrechen treibt, wenn sie doch nicht den Hunger im eigentlichen Sinn verspürt, und auf ein Mal »Sündigen« kommt es doch wirklich nicht an.

Das Gefühl, mit dem Essen nicht mehr aufhören zu können, hat fast jede/r schon erlebt, in der Regel dann, wenn etwas besonders gut geschmeckt hat. Solches Schwelgen in Genüssen aber ist nicht die Triebfeder der Essgestörten. Sie handeln unter einem inneren Zwang, der meistens dazu dient, etwas zu kompensieren oder eine unerträgliche Spannung abzubauen, und dieser Zwang tritt anfallsartig auf.

Generell kann man zwei Arten von »Fressorgien« unterscheiden. Die eine ist die ungewollte, die mit einem Kontrollverlust einhergeht, der während der Mahlzeit zu einem bestimmten Zeitpunkt auftritt. Die andere ist die geplante »Fressorgie«, wobei hier wieder unterschieden werden muss zwischen dem bewusst geplanten Fressen und einer Gelegenheit, die sich zufällig und günstig ergibt. Um diese Unterschiede zu verstehen, muss man wissen, was für Lebensmittel eine Esssüchtige vorzugsweise zu sich nimmt.

Die ess-brech-süchtige Frau fällt in jeder Hinsicht beim Essen in Extreme. Während sie in Phasen, in denen sie symptomfrei ist oder zumindest nicht mit Anfällen rechnet, auffallend darum bemüht ist, sich gesund zu ernähren, verschlingt sie in den schwachen Minuten fast ausschließlich Lebens- oder Genussmittel, die sie sonst nie auf ihren Speisezettel setzen würde, weil sie ungesund sind und/oder dickmachen.

Der Anfall, der mit einem Kontrollverlust einhergeht, setzt während einer gesunden und »erlaubten« Spatzenmahlzeit ein, bei der die Betreffende aus Versehen die Grenze dessen überschritten hat, was sie sich selbst zugestehen kann. Schon eine Nudel zu viel, ein halber Apfel oder ein Stückchen Schokolade können dazu führen, dass sie beginnt, alles Greifbare zu verschlingen, immer schneller und gieriger. Die Esssüchtige empfindet zu Beginn des Essens – wenn sie noch voller guter Vorsätze ist – echten Genuss. Sie kostet jeden Krümel, jedes Bröckelchen voll aus und gönnt sich etwas. Ohne es rechtzeitig zu registrieren, überschreitet sie beim Schlemmen irgendwann eine magische Grenze, die individuell schwankt. Ab diesem Punkt ist der Aspekt des Genusses vergessen. Was danach abläuft, ist das Ausleben der Sucht, die Gier nach immer mehr, ein plötzliches Schaufeln gegen das Verhungern.

Die 31 Jahre alte Karola F. leidet seit ihrem 18. Lebensjahr an derartigen Attacken, die sie voller Angst erlebt. Sie hat, wie sie selbst sagt, »bei Fressanfällen das Gefühl totaler Ohnmacht. Das Fressen ist begleitet von dem Gefühl, nie mehr aufhören zu können, nicht genug kriegen zu können. Geschmack wird nur oberflächlich wahrgenommen – bin in extremen Fällen schon zu Mülltonnen (!) gegangen.«

Der Aspekt des Nicht-genug-kriegen-Könnens wird besonders deutlich bei den ungewollten Fressanfällen. Im Grunde genommen wollte die essgestörte Frau eigentlich nur »ein bisschen was« zu sich nehmen. Da sie aber nun schon die Kontrolle über sich verloren hat, ist sie nur mehr von einem einzigen Gedanken beherrscht: die Besessenheit des »wenn schon – denn schon«. Es ist für sie ein unerträglicher Gedanke, sich allein wegen der »wertvollen« Nahrung den Finger in den Hals zu stecken, von der sie versehentlich ein paar Happen zu viel zu sich genommen hat. Also ist sie im Zugzwang. »Es muss sich doch auch gelohnt haben«, dröhnt es in ihrem Hirn. Und sie beginnt unter Zeitdruck zu handeln. Immer schneller und schneller, unter immer stärkerem Zwang schaufelt sie alles in sich hinein, was sie findet, unvorstellbare Mengen. Zunächst Essen, das sie wirklich mag, später (wie bei Karola) sogar das, was schon im Abfall gelandet war.

Die Suchtkranke »isst« oder »frisst« nicht während ihres Anfalls, sie füllt sich regelrecht ab, egal wie, und am Ende sogar egal womit. Was eintritt, ist kein Sättigungsgefühl, sondern Übelkeit. Je länger und je mehr die Süchtige sich vollstopft, desto größer wird ihr Verlangen auf immer noch mehr. Erst wenn ihr im wahrsten Sinne alles »bis zum Hals steht«, schleppt sie sich mit überfülltem Magen und letzter Kraft zur Toilette.

Nicht viel anders läuft eine geplante Fressorgie ab. Sie setzt direkt mit dem Kontrollverlust ein, und zwar entweder bereits beim Essen »minderwertiger« Nahrungsmittel, oder sie wird sehr bewusst vorausgeplant, um nicht in die unerträgliche Situation zu kommen, nicht genügend im Hause zu haben und schon vorzeitig – bevor es sich also »gelohnt« hat – mit dem Herauswürgen beginnen zu müssen.

Unter mehrmaligen Fress-Brech-Taumeln pro Tag leidet auch die einundzwanzigjährige Grafikerin Maria J. Seit fünf Jahren lebt sie damit mehr schlecht als recht. Die vorgeplanten Fressanfälle haben sich bei ihr erst unmerklich eingeschlichen, dann im Lauf der Zeit als einziges Mittel etabliert, ihren unzähmbaren »Hunger« zu stillen. Man sieht es ihr nicht an. Maria hat bei 1,76 Meter Körpergröße ein Gewicht von 63 Kilogramm, was dem Ideal entspricht. Symptomatisch ist es für Berufstätige wie Maria, dass der Fressanfall erst abends eintritt. Sie schildert einen x-beliebigen Abend, wie sie ihn fünfmal die Woche erlebt. Die Wochenenden sind noch schlimmer.

»Nach Arbeitsschluss bin ich einkaufen gegangen, ganz bewusst mit dem Gedanken, zu Hause alles in mich hineinzustopfen und hinterher wieder auszubrechen, was ich bis vor wenigen Minuten noch in meinem Magen hatte: 500 Gramm Toastbrot, 250 Gramm Kekse, 250 Gramm Margarine, 1 Dose Fisch, 2 Tafeln Schokolade, 100 Gramm Wurst und Schinken, ½ Glas Honig, 1 Liter Milch, 1 Liter Mineralwasser, ½ Flasche Cola, 150 Gramm Fleischsalat, je 150 Gramm Chips und Erdnüsse. Danach habe ich es gerade noch geschafft, zur Toilette zu kommen. Wie oft hatte ich schon gewünscht, unterwegs zusammenzubrechen und zu sterben, damit ja alles ein Ende hat.«

Zum körperlichen Unwohlsein und zur Erschöpfung, zum brennenden Hals, den tränenden Augen, dem rebellierenden Magen und dem Gefühl, ausgelaugt zu sein, kommen das heulende Elend, die tiefe Depression – und wieder das Allheilmittel Fressen: Wenn der Tag nun schon einmal kaputt ist, was soll’s, dann kann man das auch zwei Mal machen. Das Nicht-genug-kriegen-Können, das Bedürfnis, sich endlich zu sättigen, wandelt sich hier in ein »ist ja sowieso egal«. Statt über das Geschehene nachzudenken, weicht man so dem Konflikt aus. Das ungute Gefühl übertüncht ein neuer Anfall. Diese Haltung wird auch bei Anneliese S. deutlich. Sie sagt:

»Bei mir kommt es vor, dass ich mich mit Absicht vollesse mit dem Bewusstsein, dass ich Mist baue, aber das ist mir dann egal, und ich steigere mich hinein. Habe ich mich einmal entschieden zu erbrechen, esse ich noch weiter, damit es sich auch lohnt.«

Auch die durch einen Zufall heraufbeschworene Fressorgie weicht von diesem Schema nicht ab. Einziger Unterschied: Es hat sich eine Gelegenheit ergeben, die günstig war. Die Esssüchtige konnte in dieser Situation nicht widerstehen und hat die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und genutzt. Beispiele dafür sind das Auswärts-Essengehen, ein gefüllter Kühlschrank, eine Dose voller Plätzchen oder eine Schachtel Pralinen, die sie unerwartet geschenkt bekommen hat.

In manchen Phasen ihrer Erkrankung erlebt die Ess-Brech-Süchtige häufig Zustände großer Verzweiflung und spürt tiefe Versagensgefühle in sich. In solchen Zeiten erbricht sie selbst dann schon, wenn sie kaum etwas zu sich genommen hat. Alles hängt ihr dermaßen »zum Hals heraus«, dass sie nicht imstande ist, auch nur geringste Nahrungsmengen in ihrem Körper zu spüren und von ihm verwerten zu lassen. Aus einem Gefühl des »mich kotzt alles an« steigern sich viele in einen regelrechten Brechzwang; Einzelne würgen bis zu 15 Mal am Tag das Gegessene wieder heraus. In solchen Momenten können sie nicht mehr klar und – wenn überhaupt – nur noch sehr eingeengt denken und empfinden den Zustand absoluter Erschöpfung nach dem Gang zur Kloschüssel oft sogar als angenehm. Einen leeren Magen zu spüren bedeutet Offenheit und Beruhigung: Sie können noch einmal von vorn (zu essen) anfangen. Dieser Neubeginn ist so etwas wie eine Flucht nach vorn. Weil die süchtige Frau nicht wirklich weiß, was mit ihr vorgeht, wie sie es beherrschen oder zumindest verarbeiten kann, versucht sie, das Geschehene zu vergessen und erst ab dem Moment alles zu registrieren, der sich an das Erbrechen anschließt.

Hinter diesen Exzessen steht das brennende Bedürfnis, emotional satt zu werden. Wie das Symptom des übermäßigen Essens eine symbolische Reaktion auf einen Hunger im übertragenen Sinn ist, banalisiert die Ess-Brech-Süchtige häufig auch ihren Drang, »sauber« und »rein« zu werden, um noch einmal oder wieder ganz neu anfangen zu können. Sie legt sich eine Reihe von Ritualen zu. Nach dem Erbrechen, das an sich schon als Akt der körperlichen Reinigung und Befreiung verstanden werden kann, reinigt sie die Kloschüssel, reinigt aber auch sich selbst. Um sich rein zu waschen, steigt die Esssüchtige unter die Dusche, spült sich den ganzen »Dreck« vom Körper, macht vielleicht eine Gesichtspackung, um sich wieder wie ein Mensch zu fühlen, und zieht sich noch einmal frisch an. Der Wille, noch einmal »rein« und »unbeschmutzt« von vorn zu beginnen, ist von keiner Tageszeit abhängig. Doch ist die Gefahr, dem Drang zu essen erneut zu erliegen, wieder an den Kühlschrank zu gehen und alles zu verschlingen, nach einigen Stunden oft größer als der Wille, dies nie im Leben wieder zu tun. Essen ist für die Ess-Brech-Süchtige die Droge, die sie als einzige Möglichkeit der Lebensbewältigung gefunden hat. Sämtliche Emotionen, sämtliche Probleme und Gefühle werden über das Ventil des Essens und des damit verbundenen künstlichen Erbrechens entladen. Die zweiundzwanzigjährige Anneliese S. schreibt:

»Mich überkommt das Heißhungergefühl, wenn ich glücklich bin, wenn ich mich freue, langweile, ärgere, bei Einsamkeit, wenn ich im Stress stehe. Oft überfuttere ich mich nach dem ersten Erbrechen aus Frust zum zweiten Mal und erbreche mich wieder. Ich weiß, dass es absoluter Mist ist, was ich mache. Ich weiß, dass davon auch mein schlechter Gesundheitszustand kommt, aber das ist mir in diesem Moment egal. In dem Moment gebe ich mich auf.«

Solche Ohnmachtsgefühle und Resignation verdeutlichen am ehesten den tiefen Zwang, dem Menschen unterliegen, die das unbelastete Verhältnis zum Essen als einer mit angenehmen Empfindungen verbundenen Lebensnotwendigkeit verlieren und in die Abhängigkeit von diesem lebenswichtigen Stoff geraten.

Die zwei Ichs

Auch Monika M., eine junge Mutter zweier Kinder, hat ihr natürliches Verhältnis zum Essen verloren. Sie ist abhängig von der Nahrung und bekommt Angstzustände, wenn sie weiß, es ist nichts im Haus. Seit ihr bewusst geworden ist, dass sie süchtig ist, hat sie begonnen, sich selbst zu analysieren. Sie entdeckte die »zwei Ichs« in sich: das eine, das »ganz okay« ist, und das andere, das sie beschreibt als »eine Marionette, deren Fäden ein anderer in der Hand hat«. Je länger sie über sich nachdenkt, desto mehr wird sie Marionette. Sie spürt immer häufiger den Zwang in sich, maßlos zu essen, und kann ihr zweites Ich, den Zwang, immer seltener beherrschen. Die zwei Ichs der ess-brech-süchtigen Frau liegen in einem ständigen Kampf gegeneinander. Meist übertrumpft das »böse« Ich das »gute«. Wie Monika M. empfinden es fast alle Frauen, denen ihre Erkrankung bewusst geworden ist. Sie leben in zwei Welten. Für ihre Umwelt wirken sie oft ein wenig sonderlich, ruhelos und nervös. Sie essen im Beisein ihrer Freunde auffallend viel oder auffällig wenig. Sie wirken äußerst zielstrebig, ehrgeizig, perfektionistisch, beherrscht, aber auch manisch, verbissen und etwas unnahbar, ja manchmal stolz oder gar borniert.

Esssüchtige tragen eine Fassade zur Schau, die ihnen als Schutzwall gegen die eigene Schwäche dient. Hinter diesem Schutzwall versuchen sie, ihre vermeintliche Unzulänglichkeit zu verbergen. Mit nichts kann man eine Frau, die an Bulimia nervosa leidet, mehr erfreuen als mit der Bewunderung ihrer Figur, deren Geheimnis wohl das bestgehütete sein dürfte, das man sich vorstellen kann. Diese Figur symbolisiert das gute Ich, ist scheinbar der sichtbare Beweis für die Bezähmbarkeit der Gier, des bösen Ichs, des Körpers. Im Glauben an die eigene Perversion baut sich ein zweites, distanziertes Ich auf. Wie eine schizophrene Spaltung mutet es an, wenn Betroffene ihre Seelen selbst beschreiben. Die eine, verachtenswerte Person in der Person ist jene, die der Sucht nachgibt. Sie ist widerlich, abartig, schwach, fehlbar. Sie ist in jeder Weise das Übelste, was sich die Frau ausmalen kann. Bezeichnenderweise sprechen Ess-Brech-Süchtige immer wieder von diesem Ich als einem »Teufel in mir«.

Die andere Person in ihnen, die positive, weiß genau, was dieser fremde Teufel falsch macht. Sie weiß genau, was ihr, dem Körper und ihrem Organismus, guttut und was schadet. Ihr ist bewusst, dass Menschen Hunger leiden, während sie triebhaft und unverantwortlich mit dem Essen, aber auch mit ihrem Körper umgeht. Die gute Person empfindet den Teufel in ihr als »Nahrungsmittelvernichtungsmaschine«, als gieriges Wesen, das von ihr und ihrem Körper Besitz ergreift, das sie dazu zwingt, etwas zu tun, das sie nicht versteht. Diese Zweispaltung erleichtert paradoxerweise der Betroffenen ihr Dasein als Suchtkranke. Sie hat die Möglichkeit, all das, was der Teufel in ihr verbricht, von ihrer »wahren« und idealisierten Persönlichkeit abzuspalten und mit dem zweiten Ich wieder auszubügeln.

Das ist ein Grund dafür, dass die ess-brech-süchtige Frau in einer sehr späten Phase ihrer akuten Erkrankung meist ein Wesen ist, das zu keinem nein sagen, nie etwas Böses tun kann und immer bemüht ist, allen zu helfen. Das widerwärtige Ich erzeugt ein schlechtes Gewissen, und aus diesem heraus entwickelt sich allmählich parallel ein zweiter »öffentlicher« Charakter, quasi der Deckmantel für tiefsitzende Schuldgefühle: da ist sie ein über-guter Mensch mit hochgradigem Samariterbedürfnis, der sensibel und aufmerksam auf die Probleme seiner Mitmenschen eingeht. Für andere stets da zu sein, sich für sie aufzuopfern, entspringt aber keinem echten Bedürfnis, sondern kommt eher einer selbstverordneten Buße gleich und verhilft zu positivem Feedback. So pendelt die Betroffene zwischen den Extremen und kann sich nicht mit sich selbst identifizieren – weder als »gute« noch als »böse«, schon gar nicht als eine Person.

Ihre Identität findet die essgestörte Frau nicht in der völligen Selbstaufgabe und nicht im »Liebsein«. Durch die Verhaltensmuster, die sie sich selbst auferlegt, entwickelt sie nach und nach Gefühle der Frustration und steigert sich in Aggressivität oder lässt sich in Apathie fallen. Sie lebt nicht authentisch, und ihr Dasein erscheint ihr immer sinnloser. Sie ist unleidlich, wird ungerecht und angriffslustig gegenüber ihr nahestehenden Menschen; gleichzeitig erlebt sie einen abgrundtiefen Hass auf ihr gespielt liebenswertes Verhalten gegenüber ihren Verwandten, Freunden und Bekannten. Ihr Seelen-Deckspiel endet in der emotionalen Leere, im Überdruss, in der absoluten Selbstverachtung. Das bessere Ich unterliegt in seiner Schwäche und Haltlosigkeit der von der Sucht beherrschten Marionette des bösen Ichs. Dies ist ein Teufelskreis, denn je mehr das Selbstwertgefühl sinkt, desto öfter flüchtet sie sich, um endlich Befriedigung und Zufriedenheit zu finden, ins Essen (und Erbrechen). Doch auch das erlebt sie mehr und mehr als Frust und als nicht mehr beherrschbar. Die Erfahrung der 35 Jahre alten Ingrid K. steht exemplarisch für die vieler Betroffener:

»Zuerst glaubte ich, dieses (Essen und Erbrechen) steuern zu können. Doch nach jetzt fast zehn Jahren ist es leider doch etwas anders gelaufen. Mein ganzes Denken und Handeln ist dem Essen verschrieben. Leider ist es nur eine ganz kurzzeitige Befriedigung, und dann kommt das heulende Elend. Von meinem Selbstbewusstsein, das ich vor zehn Jahren hatte, ist nur noch ganz wenig übrig geblieben.«

Charakteristisch ist auch, was eine andere Esssüchtige, Maria J., darüber schreibt, wie ihr die Fäden entglitten:

»Kurioserweise wirke ich auf andere stolz und selbstbewusst, obwohl ich eigentlich voller Hemmungen bin. Ja, früher war ich schüchtern. Mir hat es oft regelrecht die Sprache verschlagen. Wahrscheinlich hatte und habe ich einen Minderwertigkeitskomplex. Als ich dann mit dieser Esserei anfing, ging es mir irgendwie besser. Mein Frust war abreagiert, und ich habe mich nach dem Erbrechen erleichtert und besser gefühlt. So ging es dann ein paar Jahre, und – auch wenn es sich sonderbar anhört – für mich war es ein Ausgleich und Abschalten vom Alltag. Mittlerweile ist das Ganze für mich zu einem riesigen Problem herangewachsen … zumal ich mich kaum noch auf wesentliche, einfach zum Leben dazugehörige Sachen konzentrieren kann. Natürlich muss ich als sehr unzuverlässig und egoistisch gelten, nur schaffe ich es nicht mehr, aus diesem Dilemma herauszukommen.«

Das zerstörte Ich – Esssucht und Missbrauch

Die geistig-seelische Aufspaltung des Ichs in zwei konträre Hälften findet ihre Parallele in einer körperlich-seelischen Ich-Spaltung, die ihren Hintergrund und eine rational nachvollziehbare Funktion hat. Viele Betroffene erleben ihren Körper als eine Fessel, mehr noch: als einen Fremd-Körper, der gegen sie gerichtet ist und ihre seelische und körperliche Unversehrtheit gefährdet. Für diese Persönlichkeitsspaltung können unter Umständen auch vergangene bzw. andauernde sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt in der Kindheit und während des Heranwachsens verantwortlich sein. Der Körper als Austragungsort der Übergriffe ist verhasst und wird abgespalten. Den Körper vom Selbst zu trennen hilft, zu überleben. Die Essstörung nimmt vor diesem Hintergrund die Rolle einer Überlebensstrategie und eines Schutzmechanismus ein: Indem die Betreffenden gegen ihren Körper anhungern oder anfressen, versuchen sie, wieder Macht und Kontrolle über die geschändete und entfremdete, ungeliebte Hälfte ihres Ichs zu erlangen. Denn der sexuelle Übergriff ist eine Grenzüberschreitung, die unter anderem von Gefühlen der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins geprägt ist.

Man weiß heute, dass auch schon sexuelle Kontakte ohne körperliche Gewaltanwendung schädlich sein können, und meist kommt zur sexuellen die seelische Gewalt. Wenn Kinder sexuell missbraucht werden, dann in der Mehrzahl der Fälle durch Menschen, die ihnen sehr nahestehen, etwa durch den eigenen Vater oder Onkel, nicht durch Fremde. Mehr als die Hälfte der missbrauchten Mädchen und Frauen entwickeln eine Essstörung. Solche Übergriffe in einer vertrauensvollen Beziehung können für die weitere Entwicklung gravierende Folgen haben. Die Basis der Vertrauensbildung ist entzogen, denn das Kind hat die leidvolle Erfahrung gemacht, dass es gefährlich und schmerzhaft sein kann, Vertrauen zu haben. Das Misstrauen, das so angelegt wird, richtet sich unter dem Druck des Missbrauch-Tabus, der Scham und tiefen Verunsicherung über das Erlebte nicht nur gegen andere Menschen, sondern vor allem gegen die eigene Person, den eigenen Körper, das subjektive Empfinden. Nach sexuellen Übergriffen ist das Vertrauen so grundlegend erschüttert, dass die Betroffenen nicht mehr ihren eigenen Wahrnehmungen – ihren Sinnen – trauen, ihren Körper als Feind erleben und der (Um)Welt mit einem Grundmisstrauen begegnen. Ihre Erfahrung hat sie gelehrt, dass es keinen Verlass gibt.

Das Trauma des sexuellen Missbrauchs ist dabei häufig in eine nicht zugängliche Ecke des Bewusstseins abgedrängt – verdrängt, denn die traumatischen Gefühle sind zu stark, als dass sie verkraftet und verarbeitet werden könnten. Die Essstörung wird also unbewusst gegen einen Körper eingesetzt, der als beschmutzt erlebt wird. Gleichzeitig fungiert sie aber auch als Selbstbestrafung, denn die traumatische Erfahrung hat bei den Betroffenen Gefühle der Scham, des Selbsthasses, des Ekels, der Schuld heraufbeschworen. Süchtiges Hungern oder Essen und Erbrechen – beide Symptome erfüllen die Funktion, das Unbehagen und die schmerzlichen Empfindungen zu überdecken, sich von ihnen zu distanzieren, sich selbst nicht mehr zu spüren.

Bei Ess-Brech-Süchtigen ist das Essen und Erbrechen eine Re-Aktion, die sinnbildlich zu verstehen ist: Sie versuchen einerseits, symbolisch ihre Wut, Zweifel, Verwirrung zu schlucken, zuzuschütten oder zuzufressen. Andererseits bemühen sie sich – stellvertretend für ihre »unverdaulichen« Erlebnisse, Erinnerungen, Erfahrungen – etwas anderes Schlechtes und Bedrohliches, nämlich das Essen, wieder loszuwerden.

Dagegen entziehen Magersüchtige (und auch Esssüchtige, nur auf die gegenteilige Weise) ihrem Körper die sexuelle Attraktivität, die Geschlechtlichkeit. Essen ist für sie etwas Triebhaftes, das für die Unfähigkeit steht, sich wirklich »in der Hand« zu haben. Ihre Re-Aktion ist ein unübersehbares, körperlich ausgedrücktes »Nein!«, eine Verweigerung, und das Zeugnis dafür, wieder Macht und Kontrolle ausüben zu können – wenigstens über den eigenen Körper. Auch das Verhalten der Ess-Brech-Süchtigen ist ein Ankämpfen gegen den Kontrollverlust, als der sexuelle Gewalt ja empfunden wird. Hier drückt sich der Kampf nicht unmittelbar in der stummen Körpersprache aus, sondern indirekt durch den gelebten Beweis, etwas Wichtiges – den eigenen Körper – manipulieren oder steuern zu können.

Da Ess-Brech-Süchtige ein nicht aufholbares Defizit an Wärme, Vertrauen, Ausgefülltsein in sich tragen, bedeutet ihre Flucht in Fress- und Brechorgien auch, ein Stück Autonomie zurückzuerobern. Sie machen sich frei von der Erwartung, Illusion oder Hoffnung, durch andere doch noch die Fülle zu erhalten, die ihrem Leben fehlt. Sie ziehen sich auf sich selbst zurück, bauen durch ihr Suchtverhalten Grenzen auf zwischen sich und der enttäuschenden, bedrohlichen Außenwelt und versuchen, über den Weg des Essens isoliert von anderen gegen diese innere Leere anzugehen. Scheinbar sind sie bei der Suche nach Befriedigung nicht auf andere angewiesen. Dass sie so aber nicht seelisch satt werden können, dass sie diese Art von Leben »ankotzt«, spiegelt sich im Ess-Brech-Symptom wider.

Sexuelle Übergriffe stehen nicht generell, aber sehr oft im Hintergrund einer Essstörung – sexueller Missbrauch verdoppelt das Risiko, eine Essstörung zu entwickeln. Zwischen 50 und 80 Prozent der Ess-Brech-Süchtigen sollen sexuellen Übergriffen ausgesetzt gewesen sein. Wie viele es genau sind, wird sich in Zahlen nie erfassen lassen, denn über diese Erlebnisse wird aus falschverstandener Scham und Angst vor den Konsequenzen allzu häufig der Deckmantel des Schweigens (und Verdrängens) gelegt. Junge Mädchen und Frauen werden häufig mit unerwünschten sexuellen Erfahrungen konfrontiert, und exakt diese Personengruppe ist es auch, die am anfälligsten für Essstörungen ist.

Die Annahme, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und Essstörungen besteht, haben Wissenschaftler inzwischen durch Studien nachgewiesen. Selbst wenn es nicht so wäre, steht doch fest: Die Betreffenden haben, aus welchen Gründen auch immer, das positive Verhältnis zu ihrem Körper verloren – oder es gar nicht erst entwickelt. Sie erleben sich als zwei Personen in einer, und ihre »Droge«, das Essen, hilft ihnen dabei, mit diesem Konflikt zu leben, ohne sich der Arbeit an den eigentlichen Problemen stellen zu müssen.

Selbstverletzungen gegen Gefühllosigkeit

Ständig bin

ich auf der Suche

nach mir

aber ich kann mich nicht finden[3]

Das Empfinden, die Verbindung und den Zugang zum eigenen Körper verloren zu haben und kaum noch etwas zu spüren, ist eine fundamentale Erfahrung für Menschen mit Essstörungen. Essgestörte leben in der schizophrenen Situation, einerseits darum zu ringen, ihre körperlichen Bedürfnisse und ihren Körper zu unterdrücken, anderseits immer stärkere Reize zu benötigen, um überhaupt noch etwas zu spüren.

Aus dieser Perspektive fungieren Essstörungen in ihren unterschiedlichen Formen und Ausprägungen als Ventil, sich Erleichterung von einem immensen inneren Druck zu verschaffen und so schier unlösbare Aufgaben doch zu lösen. Indem die Betroffenen sich praktisch am eigenen Körper abreagieren, mit ihrem Körper oder über ihn etwas ausdrücken, bauen sie scheinbar ab, was sie nicht aushalten können. Manchmal reichen allerdings Hungern oder Essen und Erbrechen allein nicht aus (s. »Schmerzen spüren«, S. 377).

Essstörungen sind nur eine Form der Selbstschädigung, der Gewalt, die sich gegen die eigene Person richtet. Wenn Zweifel, Ängste, Selbsthass, Ohnmachtsgefühle, Depressionen, Wut, Panik, Aggression übermächtig werden, wenn die Gefühle explodieren und der innere Druck nicht mehr durch Essen und Erbrechen abgebaut werden kann, dann richten viele Frauen ganz aktiv die Hand gegen sich selbst: Sie verletzen sich und versuchen, über realen Schmerz, den sie sich im Hier und Jetzt zufügen, nicht bewältigte Schmerzen aus der Vergangenheit aufzuarbeiten. Und erst nach einer solchen Tat, bei der meistens Blut fließt, haben sie die Empfindung, sich selbst wieder zu spüren. Dieses Spüren stellt sich oft mit Verzögerung ein; erst Minuten oder Stunden später schmerzt die Wunde. Die Selbstverletzung wird oft wie eine Zeremonie inszeniert und zelebriert: Messer und Rasierklingen werden akkurat auf einem Samttuch an einem bewusst ausgewählten Ort ausgebreitet, Störquellen werden ausgeschaltet, Musik läuft im Hintergrund. Selbstverletzerinnen schaukeln nicht selten in einen tranceähnlichen, ekstatischen Zustand (Dissoziation), der sie zunächst nichts spüren lässt, ihnen aber zu dem ersehnten Kick verhilft.

Es gibt keine verlässlichen Zahlen, wie viele Menschen sich selbst verletzen. In Deutschland sind es wahrscheinlich 200 000, vielleicht aber auch 600 000 oder gar 1,2 Millionen. Betroffen sind zum größten Teil (80 bis 90 Prozent) Mädchen und Frauen – Jungen und Männer neigen eher zu Gewalttätigkeiten als zu autoaggressivem Verhalten. Die meisten Betroffenen sind zwischen 11 und 18 Jahren alt. Häufig gehen Selbstverletzungen mit Mehrfachabhängigkeiten einher. Jede dritte Frau, die sich selbst verletzt, leidet auch unter Ess-Brech-Sucht, andere nehmen beispielsweise Drogen. Selbstverletzungen sind aber auch relativ häufig bei 13 bis 17 Jahre alten Mädchen mit Pubertätsmagersucht.

Selbstverletzendes Verhalten (SVV) ist keine eigenständige seelische Erkrankung, sondern Symptom und Ausdruck einer schweren psychischen Krankheit an der Grenze zur Psychose, etwa einer Borderline- oder Multiplen Persönlichkeitsstörung. Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung kennen keine Ich-Grenzen, und ihre extremen Stimmungsschwankungen führen häufig dazu, sich selbst zu schädigen und sich Schmerzen zu bereiten, um die Grenzen zwischen dem Ich und der Welt zu definieren und körperlich spürbar zu machen.

Wer sich selbst verletzt oder schädigt, tut dies nicht generell offenkundig: Manche injizieren heimlich Urin oder trinken Desinfektionsmittel, andere neigen auffallend zu »Unfällen«. Wenn Mädchen oder Frauen anfangen, an sich herumzuschnippeln, sich mit Glasscherben die Haut aufzuritzen, sich zu verbrühen, sich mit Feuerzeugen und Zigaretten zu verbrennen, sich die Haut zu verätzen und die Haare auszureißen oder sich selbst die Knochen zu brechen, dann sind das Anzeichen einer heftigen inneren Qual und eine drastische Botschaft an die Außenwelt. Narben sind unübersehbare Hilferufe.

Vieles, das als frühe Ursache von Essstörungen gesehen wird, führt auch zum Zwang, sich selbst zu verletzen: gestörte Mutter-Kind-Beziehungen, Grenzüberschreitungen, sexuelle und seelische Gewalt, emotionale Vernachlässigung, Missbrauch. Nach einer amerikanischen Studie sind 62 Prozent der Betroffenen in ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden.[4] Opfer sind in allen Gesellschaftsschichten zu finden. Die prominenteste Selbstverletzerin dürfte Lady Di gewesen sein. 1996 gestand sie in einem Fernsehinterview, dass sie sich absichtlich schnitt und aufritzte, mit Rasierklingen, Glasscherben oder einem Zitronenhobel. Auch über Schauspielerinnen wie Romy Schneider und Angelina Jolie ist Ähnliches bekannt geworden.

Eine der Frauen, die sich seit ihrer Pubertät regelmäßig Verletzungen zufügen, ist die achtundzwanzigjährige Marianne N. Während eines Klinikaufenthalts, bei dem ihre Ess-Brech-Sucht behandelt werden sollte, suchte sie nicht nur heimlich die Toilette auf, um sich zu erbrechen. Sie berichtet:

»Es konnte passieren, dass ich die ganze Woche, meistens abends, schon über das Erbrechen versucht hatte, meinen Stress abzubauen. Und trotzdem hatte ich das Gefühl, das reicht nicht. Ich bin dann auf die gleiche Toilette gegangen, in der ich mich erbrochen hatte, und habe die Hand x-mal gegen die Wand geknallt.«

Sie nennt diesen Versuch, sich Schmerzen zuzufügen, im Gegensatz zur Essstörung ihr »großes Ventil«. Durch dieses Ventil wird psychischer Druck abgelassen: Anspannung, Erregung, Wut, Depression. Mit dem Schmerz, der sich direkt oder allmählich einstellt, kehrt auch wieder das Gefühl zurück, lebendig zu sein. Wenn der Druck nachlässt, kann Marianne klarer denken, besser mit sich umgehen, sich entspannen:

»Manchmal weiß ich schon einen halben Tag vorher, dass ich mich selbst verletzen muss: Es wird Zeit! Es kommt auf mich zu, aber ich fühle mich noch nicht so gefühllos, taub, es lässt sich noch verhindern. Ich könnte dann den Fuß in die Tür kriegen, aber ich will es gar nicht. Es fühlt sich während der Tat so gut an. Wenn ich dasitze, und ich halte meinen Arm vor mir, setze das Messer an und fange an, hineinzuschneiden, dann sage ich mir, irgendwann wird das weh tun, und du wirst Blut sehen. Ein Teil von mir schreit und sagt: Aufhören! Und ein Teil sagt: Okay, wir hören gleich auf, nur noch ein bisschen! Und dann habe ich das Gefühl, ich bin mit mir in Kommunikation. Ich erreiche einen Zugang zu mir, den ich sonst nicht habe. Da erreiche ich auch das Kind in mir, das ich dann anspreche und tröste: Das ist jetzt schlimm, aber es wird dich gleich entlasten.«

Selbstverletzendes Verhalten ist eine sozusagen pervertierte Art, sich um sich selbst zu kümmern und für das eigene »Wohlbefinden« zu sorgen. Denn viele Frauen, die sich selbst verletzen, haben nie ge- oder irgendwann verlernt, die Signale ihres Körpers zu verstehen. Sie sind nicht nur unfähig (geworden), Schmerz und Verzweiflung zu spüren, sondern nehmen auch Hunger und Durst, Kälte und Müdigkeit nicht mehr wahr. Sie stehen gewissermaßen neben sich, haben kein Zuhause im eigenen Körper, sind sich und ihrem Körper entfremdet, kennen kein ganzheitliches Ich-Gefühl (Depersonalisation).

Die große Gemeinsamkeit bei Essstörungen und selbstverletzendem Verhalten ist die Manipulation am eigenen Körper: Seelische Qualen drücken sie nicht in Worten aus, sondern durch Aktionen gegen ihren Körper. Das Austragen des Konflikts mit der Um- und Außenwelt wird auf das Schlachtfeld Körper verlagert.

Eine Selbstverletzung erfüllt so mindestens zwei Funktionen: sich wieder in Kontakt mit der eigenen Person und mit dem eigenen Körper zu bringen und sich emotionale Bedürfnisse zu erfüllen, ohne mit offen ausgesprochenen Wünschen und Forderungen an Mitmenschen heranzutreten. Und gerade Essgestörte haben ja nicht nur Probleme, ihre Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen, sondern auch Schwierigkeiten, sie zu formulieren und nach außen zu vertreten. Mit einer Wunde erregen sie mindestens Besorgnis, Aufmerksamkeit und Mitleid, erhalten wahrscheinlich Zuwendung und Nähe.

Was sich nach dem Akt der Selbstverletzung einstellt, ist allerdings nicht nur ein Gefühl der Entlastung und Erleichterung, möglicherweise sogar Stolz und ein Glücksgefühl, wie es Jogger oder Bungee-Springer durch die Ausschüttung von körpereigenen Opiaten kennen. Marianne analysiert:

»In der Tat selber warte ich auf den Schmerz und bin dann froh, wenn er sich einstellt. Wenn die Tat aber vorbei ist, schäme ich mich und fühle mich schuldig. Auf der einen Seite habe ich ja was getan, was mir geholfen hat, auf der anderen Seite habe ich nach der Tat massive Schuldgefühle, weil es etwas ist, was andere Leute manipuliert. Ich brauche nur den Ärmel hochzuschieben – das hilft mehr als tausend Worte.«

Für Marianne ist die Konsequenz, sich nicht um die Wundversorgung zu kümmern – ein Verhalten, das nicht unbedingt die Regel bei Selbstverletzungen ist. Häufig werden Hautpartien und Körperzonen beschädigt und verletzt, mit denen die ursprünglichen Verletzungen und Schmerzen assoziiert sind. Und nach der Selbstverletzung wird dann die Wunde sorgfältig gepflegt und versorgt – eine Fürsorge, wie sie fehlte, als das Trauma erzeugt wurde, und die in der Gegenwart symbolisch zur Heilung der Schmerzen aus der Vergangenheit beitragen soll. Marianne dagegen versucht, mit den Gewissenskonflikten, die sich nach der Selbstverletzung und durch sie einstellen, auf andere Weise klarzukommen. Ihr ist durchaus bewusst, mit ihrem Verhalten andere Menschen indirekt zu erpressen:

»Etwas, was ich kaputtgemacht habe, das darf ich nicht reparieren, vor allem nicht, um mir die Situation zu erleichtern, um mich zu entlasten. Es ist auch Selbstbestrafung. Wenn ich die Wunde nicht verbinde und versorge, wird die Selbstverletzung an sich zeitlich ausgedehnt. Irgendwo ist es doch auch paradox, etwas Derartiges selber relativieren zu wollen. Ich betrachte es auch als Strafe: die hast du zu tragen, und jetzt sieh zu, wie’s dir dabei geht.«

Marianne und andere Betroffene behindern auch aktiv den Heilungsprozess der Wunden, die sie sich selbst zugefügt haben. Sie kratzen Schorf ab, öffnen Wunden, die bereits heilen, oder beißen sie wieder auf. Wer sich so verstümmelt, verstößt auch gegen das ungeschriebene Gesetz einer Gesellschaft, die Schönheit und Makellosigkeit idealisiert: Die Betreffende brandmarkt sich selbst und erzeugt mit diesem (auto)aggressiven Protest zugleich Aufmerksamkeit und Mitleid, distanziert sich aber auch von ethischen und ästhetischen Normen.