Die Herren der Unterwelt: Schwarze Herzen - Gena Showalter - E-Book

Die Herren der Unterwelt: Schwarze Herzen E-Book

Gena Showalter

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7,99 €

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Beschreibung

Drei Kurzomane der "Herren der Unterwelt"-Saga von New York Times-Bestsellerautorin Gena Showalter in einem Band! Inklusive Bonusmaterial! Einst war Atlas, titanischer Gott der Stärke, Gefangener seiner griechischen Rivalin Nike. Jetzt hat sich das Blatt gewendet. Er ist Nikes Gebieter - und lässt es sie mit aller Macht spüren! Doch aus wildem Hass wird glühende Leidenschaft - was Cronus, dem König der Titanen, gar nicht gefällt. Lysander ist ein Engel, reinen Herzens und hat einen eisernen Willen. Deshalb ist er einer der unerbittlichsten Dämonenjäger. Etwas wie Begehren hat er nie gekannt - bis er Bianka begegnet. Die schöne Harpyie scheint dazu bestimmt, den Engel zu verführen. Wird sie Lysanders Verderben sein? Geryon, Wächter des Höllentors, und Kadence, Göttin der Unterdrückung, bewachen die Grenze zwischen Menschenwelt und Höllenreich. Als eine Horde von Dämonen versucht, der Hölle zu entfliehen, kämpfen sie Seite an Seite. Die wahre Gefahr lauert jedoch in der brennenden Lust, die sie plötzlich aneinander bindet.

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Seitenzahl: 453

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der

New York Times-Bestsellerautorin Gena Showalter gilt als Star am romantischen Bücherhimmel des Übersinnlichen. Ihre Romane erobern nach Erscheinen die Herzen von Kritikern und Lesern gleichermaßen im Sturm. Die „Die Herren der Unterwelt“-Reihe gilt als ihre bislang stärkste Serie.

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2013 by MIRA Taschenbuch in der Harlequin Enterprises GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgaben:

The Darkest Prison

Copyright © 2009 by Gena Showalter

erschienen bei: HQN Books, Toronto

The Darkest Angel

Copyright © 2010 by Gena Showalter

erschienen bei: HQN Books, Toronto

The Darkest Fire

Copyright © 2008 by Gena Showalter

erschienen bei: HQN Books, Toronto

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Daniela Peter

Titelabbildung:

Thinkstock/Getty Images, München; Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

Autorenfoto: © Harlequin Enterprises S.A., Schweiz

Satz: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-95576-319-0

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmundwww.readbox.net

Gena Showalter

Schwarzes Verlies

Roman

Aus dem Amerikanischen von

PROLOG

Reyes, einst Krieger für die Götter und jetzt besessen vom Dämon Schmerz, betrat sein Schlafzimmer. Vom Training im Kraftraum der Budapester Burg, die er mit seinen Brüdern bewohnte, war er schweißüberströmt. Und weil er ohne körperlichen Schmerz keine Lust empfinden konnte, hatte ihn das Brennen in seinen Muskeln heiß gemacht. Machte ihn immer noch heiß.

Wie immer wurde sein Blick unwiderstehlich von seiner Frau angezogen, und genüsslich schloss Reyes die Faust um das Messer, das sie beim Sex am liebsten benutzten. Das schöne Gesicht angespannt, saß sie auf der Bettkante und betrachtete die Leinwand vor sich. Eine Leinwand, die sie auf eine Staffelei gestellt und genau so platziert hatte, dass sie direkt darauf blicken konnte. Wild fiel ihr das zerzauste blonde Haar um die Schultern, als wäre sie sich unzählige Male mit den Fingern durch die dicke Mähne gefahren. Sie knabberte an ihrer Unterlippe.

Sex konnte warten, beschloss Reyes bei ihrem Anblick. Sie war beunruhigt, und er würde an nichts anderes denken können, bis er das Problem gelöst hatte, das sie beschäftigte. Was auch immer es war. Er steckte das Messer wieder weg.

„Irgendwas nicht in Ordnung, mein Engel?“

Sorge stand in ihren smaragdgrünen Augen, als sie zu ihm aufsah, und ihr gelang nur ein kleines Lächeln. „Ich bin mir nicht sicher.“

„Komm, ich helfe dir, es herauszufinden.“ Egal, was sie aufregte, er würde es beseitigen. Ohne Zögern. Um sie glücklich zu machen, würde er alles tun – und wenn er jemanden umbringen musste.

„Das wäre schön. Danke.“

„Soll ich kurz duschen, bevor ich zu dir komme?“

„Nein. Ich mag dich genau so, wie du bist.“

Eine bezaubernde Frau. Doch der Gedanke, ihre schönen Kleider zu ruinieren, missfiel ihm. Kurz entschlossen schnappte er sich ein Handtuch aus dem Bad und rieb sich trocken. Erst dann setzte er sich hinter seine Liebste, die Beine an ihre Schenkel gelegt, die Arme um ihre Taille geschlungen. Tief atmete er ihren Duft ein, wild wie eine Sturmnacht. Er schmiegte das Kinn in die Kuhle über ihrem Schlüsselbein und folgte ihrem Blick.

Was er sah, überraschte ihn.

Obwohl es das nicht sollte. Ihre Bilder waren immer unglaublich eindrücklich. Als das Allsehende Auge war sie ein Orakel der Götter und eine ihrer wichtigsten Gehilfinnen – und konnte sowohl in den Himmel als auch in die Hölle blicken. Und das tat sie, jede Nacht, auch wenn sie keinen Einfluss darauf hatte, was sie sah. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, ganz egal. Jeden Morgen brachte sie ihre Visionen auf die Leinwand.

Diesmal war es ein Mann. Unübersehbar ein Krieger, muskelbepackt wie er war. Um seinen Hals lag ein goldenes Halsband, eng gespannt. Er war auf Knien, die Beine gespreizt. Seine Unterarme lagen auf seinen Oberschenkeln, die Handflächen waren nach oben gerichtet. Den dunklen Kopf hatte er nach hinten geworfen und brüllte in ein hohes Gewölbe hinaus. Vor Schmerz vielleicht. Oder auch Wut. Blut troff von seiner breiten Brust, strömte aus zahllosen Wunden. Wunden, die aussahen, als hätte ihm jemand die Haut vom Leib geschnitten.

„Wer ist das?“, fragte Reyes.

„Ich weiß es nicht. Ich habe ihn noch nie gesehen.“

Dann würden sie eben versuchen, es mit Logik herauszufinden, so gut es ging. „Kommt er aus dem Himmel oder aus der Hölle?“

„Himmel. Definitiv. Ich glaube, er ist in Cronus’ Thronsaal.“

Also ein Gott? Vor ein paar Monaten hatten die Titanen die Griechen gestürzt und im Olymp die Macht ergriffen. Wenn dieser Mann sich also in Cronus’ Thronsaal befand, gefesselt und verwundet vor dem König der Titanen, musste das bedeuten, dass der Krieger ein Grieche war. Vielleicht ein Sklave, der bestraft worden war?

„Du hast nur dieses Bild gesehen?“, hakte Reyes nach. „Nicht, wie er an diesen Punkt gelangt ist?“

„Exakt“, bestätigte Danika mit einem Nicken. „Aber ich habe ihn schreien hören. Es war …“ Ein Schauer überlief sie, und tröstend schlang Reyes die Arme fester um sie. „Er hat mir unglaublich leidgetan. Ich habe noch nie einen Schrei so voll Zorn und Hilflosigkeit gehört.“

„Wir können Cronus herbeirufen.“ Cronus war nicht allzu gut zu sprechen auf Reyes und seine Brüder, die Herren der Unterwelt – die Männer, die die Büchse der Pandora geöffnet und das Unheil in die Welt hinausgelassen hatten. Männer, die daraufhin verflucht worden waren, dieses Unheil in sich selbst zu tragen. Doch ihre Feinde, die Jäger, hasste der Götterkönig noch mehr – denn Danika hatte in einer Vision Galen erblickt, den Anführer der Jäger, wie er Cronus den Kopf abschlug. Jetzt war der Herrscher des Olymp entschlossen, Galen zu töten, bevor Galen ihn töten konnte. Selbst wenn er die Herren der Unterwelt um Hilfe bitten musste. „Wir können ihn fragen, ob er diesen Mann kennt.“

Es verging ein Moment, während Danika seinen Vorschlag überdachte. Schließlich seufzte sie und nickte. „Ja. Das fände ich gut.“ Und dann überraschte sie ihn, indem sie sich umdrehte und ihm das süßeste Lächeln schenkte, das er jemals gesehen hatte. Zugegeben, jedes Lächeln von ihr hinreißend. „Aber es ist noch viel zu früh am Morgen, um irgendwen irgendwohin zu zitieren. Außerdem dachte ich, du hattest was ganz anderes vor, als du hier hereingekommen bist. Warum erzählst du mir nicht davon?“, schlug sie mit heiserer Stimme vor.

Innerhalb von Sekunden war er steinhart – genau das stellte sie mit ihm an. „Es wäre mir ein Vergnügen, mein Engel.“

Sie drückte ihn auf den Rücken und ihr Lächeln wurde breiter. „Und mir erst.“

1. KAPITEL

Halt still, Nike. Du tust dir nur selbst weh.“ Atlas, titanischer Gott der Stärke, blickte hinab auf den Fluch seiner Existenz. Nike, griechische Göttin der Stärke. Und des Sieges, fügte er in Gedanken höhnisch hinzu. Sie liebte es, ihm unter die Nase zu reiben, dass viele sie die Göttin der Stärke und des Sieges nannten. Als wäre sie etwas Besseres als er. In Wahrheit war sie sein Gegenstück in der Welt der Götter. Ihm ebenbürtig. Seine Feindin. Und eine richtig miese Schlampe.

Zwei seiner besten Männer hielten sie an den Armen fest, zwei an den Beinen. Eigentlich hätten sie sie ohne Probleme am Boden halten müssen. Immerhin trug sie ein Halsband, und diese Halsfessel hinderte sie daran, auch nur die geringste ihrer göttlichen Kräfte einzusetzen. Selbst ihre legendäre Stärke – die in keiner Weise an seine herankam, um das mal klarzustellen. Aber keine Frau war je sturer gewesen. Oder entschlossener, ihn umzulegen. Ohne Unterlass kämpfte sie gegen die Männer, schlug, trat und biss wie ein in die Ecke getriebenes Tier.

„Dafür werde ich dich umbringen“, knurrte sie.

„Warum? Ich mache nichts anderes mit dir als das, was du mir damals angetan hast.“ Mit einer schroffen Bewegung zog Atlas sich das Shirt über den Kopf und warf den Stoff beiseite, entblößte seine Brust, seinen durchtrainierten Bauch. Dort, in der Mitte, spannte sich von einer kleinen braunen Brustwarze bis zum anderen in großen schwarzen Lettern ihr Name, für alle Welt zu sehen. N-I-K-E.

Sie hatte ihn gebrandmarkt, ihn zu ihrem Eigentum erniedrigt.

Hatte er es verdient? Vielleicht. Einst war er selbst ein Gefangener in diesem trostlosen Reich gewesen. Im Tartarus, dem Gefängnis der Götter. Ein gestürzter Gott, weggesperrt und vergessen, bloßer Abschaum. Um zu entkommen, war er zu allem bereit gewesen. Zu allem. Und so hatte er Nike verführt, eine seiner Wächterinnen. Hatte ihre Gefühle für ihn gegen sie ausgespielt.

Auch wenn sie es heute abstreiten würde, damals hatte sie sich wahrhaftig ein wenig in ihn verliebt. Der Beweis: Sie hatte seine Flucht arrangiert, ein Verbrechen, das unter Todesstrafe stand. Trotzdem war sie bereit gewesen, es zu riskieren. Für ihn. Doch noch bevor sie ihm die Halsfessel abnehmen konnte, die ihn daran hinderte, sich wegzubeamen – also Kraft seiner Gedanken an einen anderen Ort zu gelangen –, hatte sie herausgefunden, dass er noch einige andere Wächterinnen verführt hatte.

Warum sich auch auf eine verlassen, wenn ihm vier nützlicher sein konnten?

Er hatte darauf gesetzt, dass keine der griechischen Frauen ihre Affäre mit einem versklavten Titanen bekannt werden lassen wollte. Hatte auf ihre Verschwiegenheit gezählt.

Stattdessen hätte er lieber mit ihrer Eifersucht rechnen sollen. Frauen!

Nike hatte begriffen, dass sie von Atlas benutzt worden war, dass seine Gefühle nie echt gewesen waren. Doch statt ihn zurück in seine Zelle werfen zu lassen und so zu tun, als würde er nicht existieren – oder ihn zusammenschlagen zu lassen –, hatte sie ihn zu Boden gedrückt und für immer gebrandmarkt.

Jahrelang hatte er davon geträumt, sich dafür bei ihr zu revanchieren. Manchmal glaubte er, dass dieses Verlangen das Einzige war, das ihn in den Jahrhunderten in diesem Höllenloch bei Verstand gehalten hatte. Jahrhunderte, die er in völliger Einsamkeit verbracht hatte, die Dunkelheit sein einziger Gefährte.

Was für ein paradiesischer Moment war es gewesen, als die Mauern des Gefängnisses schließlich zu bröckeln begonnen hatten. Als die Sicherheitsmaßnahmen versagten. Als die Halsbänder der Eingesperrten zerfielen. Es hatte eine Weile gedauert, doch schließlich hatten er und seine Brüder sich endlich freigekämpft. Brutal und ohne Gnade hatten sie die Griechen angegriffen.

Innerhalb von Tagen hatten sie den Sieg errungen.

Die Griechen waren geschlagen und nun genau dort eingesperrt, wo sie die Titanen gefangen gehalten hatten. Atlas hatte sich angeboten, die Aufsicht über das Reich zu übernehmen, und war glücklicherweise zum Verantwortlichen gemacht worden. Nun war der Tag seiner Rache gekommen, und Nike würde auf ewig sein Zeichen tragen.

„Du solltest dankbar sein, dass du am Leben bist“, erklärte er ihr.

„Fick dich.“

Ein langsames, böses Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Das hast du doch schon erledigt, schon vergessen?“

Sie wehrte sich noch vehementer. Kämpfte so verbissen, dass sie bald schon genauso keuchte und schwitzte wie seine Männer. „Du Bastard! Ich werde dir bei lebendigem Leib die Haut abziehen. Ich werde dich zu Asche verbrennen. Bastard!“

„Dreht sie um“, befahl er den Wachen über ihr Fluchen hinweg. Keine Gnade. Atlas hatte nicht die Geduld abzuwarten, bis sie müde würde. „Und das als Warnung an dich, Nike: Halt lieber still. Ich werde so lange tätowieren, bis mein Name so deutlich zu lesen ist, dass ich zufrieden bin.“

Mit einem frustrierten, zorngeladenen Aufschrei gab sie schließlich nach. Offensichtlich wusste sie, dass er die Wahrheit sagte. Er sagte immer die Wahrheit. Auf Drohungen verschwendete er keinen Atem. Nur auf Versprechen.

„Bastard“, fluchte sie wieder heiser.

Ihm waren schon schlimmere Namen gegeben worden. Auch von ihr. „Braves Mädchen.“ Atlas trat vor und riss ihr den Stoff vom Rücken. Darunter kam glatte, gebräunte Haut zum Vorschein. Makellos. Einst hatte er diesen Rücken gestreichelt. Hatte ihn geküsst und mit der Zunge erforscht. Und ja, mit ihr zu schlafen war besser gewesen als mit allen anderen. Sie hatte ihn mit solcher Anbetung angesehen, so voller Hoffnung und Ehrfurcht. Es hatte ihn … in Demut versetzt. Dass er das Glück hatte, bei ihr zu sein, sie zu berühren. Doch er würde sich nicht von seinem Schwanz leiten lassen. Würde sie nicht freigeben, bevor er sie gebrandmarkt hatte, in der Hoffnung, sie wieder ins Bett zu kriegen.

Er würde das hier durchziehen.

„Bereit?“, fragte er.

„Das ist nicht das, was ich mit dir gemacht habe“, presste Nike hervor. „Ich habe dich nicht am Rücken tätowiert.“

„Hättest du’s lieber, wenn ich deine liebreizenden Brüste tätowiere?“

Daraufhin hielt sie den Mund.

Gut. Er wollte ihre Brust nicht verschandeln. Ihr Busen war ein Kunstwerk, mit Sicherheit die großartigste Schöpfung dieser Welt. „Gern geschehen“, murmelte er. Dann streckte er den Arm aus, und jemand drückte ihm die Utensilien in die Hand, die er benötigte. „Wenigstens wirst du nicht jeden Tag deines zu langen Lebens auf meinen Namen blicken müssen.“ So wie er es musste. „Aber dafür alle anderen. Jeder wird es sehen.“ Und sie werden wissen, wer sie letzten Endes besiegt hat.

„Jeder Liebhaber, den ich in mein Bett hole, meinst du.“

Er knackte mit dem Kiefer. „Kein Wort mehr aus deinem Mund. Es wird Zeit.“

„Tu mir das nicht an“, schluchzte sie plötzlich auf. „Bitte. Tu’s nicht!“ Als sie den Kopf zu ihm umwandte, glitzerten Tränen in ihren braunen Augen.

Sie war keine schöne Frau. Eigentlich nicht mal wirklich hübsch. Ihre Nase war ein bisschen zu lang, ihre Wangenknochen ein bisschen zu kantig. Das schlicht geschnittene, unauffällig braune Haar fiel ihr auf die zu breiten Schultern, und nennenswerte Kurven hatte sie nicht. Abgesehen von ihren Brüsten. Nein, sie hatte den Körper einer Kriegerin. Und doch hatte sie etwas an sich, das ihn immer angezogen hatte.

„Bitte, Atlas. Bitte.“

Er verdrehte die Augen. „Wisch dir die Krokodilstränen ab, Nike.“ Und er wusste, dass es Krokodilstränen waren. Gefühlsausbrüche waren nicht Nikes Ding. „Mich lassen sie kalt, und dich machen sie mit Sicherheit nicht attraktiver.“

Jäh kniff sie die Augen zusammen, die Tränen auf wundersame Weise verschwunden. „Von mir aus. Aber du wirst das hier bereuen. Dafür werde ich sorgen, das schwöre ich dir.“

„Ich freu mich schon auf deine Versuche.“ Wieder wahr. Sich mit ihr anzulegen hatte er schon immer aufregend gefunden. Mittlerweile sollte sie das wissen.

Ohne weiteres Zögern senkte er die Nadel der Tätowiermaschine auf einen Punkt kurz unterhalb ihres Schulterblatts. Mit ruhiger Hand zog er den Umriss des ersten Buchstabens. A. Kein einziges Mal zuckte sie zusammen. Kein einziges Mal gab sie in irgendeiner Weise zu erkennen, dass sie auch nur den geringsten Schmerz empfand. Doch er wusste, dass es wehtat. Und wie er das wusste. Um einen Unsterblichen bleibend zu zeichnen, musste Ambrosia in die Farbe gemischt werden, und Ambrosia brannte wie Säure.

Sie blieb still, während er die Umrisse zog. Gab keinen Ton von sich, als er die Buchstaben ausfüllte. Als er schließlich fertig war, richtete er den Oberkörper auf und betrachtete sein Werk: A-T-L-A-S.

Jeden Moment rechnete er mit einer Woge der Befriedigung – so lange hatte er schon auf diesen Moment gewartet! Doch sie kam nicht. Er wartete darauf, dass Erleichterung ihn überkam, denn endlich hatte er seine Rache genommen. Doch es passierte nicht. Womit er nicht gerechnet hatte, war ein weißglühender Ansturm von Besitzanspruch. Doch genau der erfasste ihn mit aller Macht. Mein.

Von jetzt an gehörte Nike ihm. Für immer. Und alle Welt würde es wissen.

2. KAPITEL

Nike tigerte in ihrer engen Zelle auf und ab. Einer Zelle, die sie mit mehreren anderen teilen musste. Vertraut, wie sie mit ihrem Temperament waren, hielten die anderen sorgfältig Abstand. Trotzdem. Mitbewohner waren zum Kotzen. Sie spürte, wie sich die Blicke durch die Tunika in ihren Rücken bohrten, als könnten sie den Namen sehen, der dort verewigt war.

A-T-L-A-S.

Wenn sie es wagten, auch nur ein Wort darüber zu sagen … werde ich sie umbringen!

Es gab nicht genug Zellen für alle Griechen, also waren sie in Gruppen in die Kammern gepfercht worden. Egal ob Mann oder Frau. Vielleicht war es den Titanen einfach gleichgültig gewesen. Möglicherweise hatten sie die Geschlechter auch absichtlich gemischt, um die Gefangenen noch mehr zu quälen. Letzteres war die wahrscheinlichere Variante. Ehemänner waren nicht mit ihren Frauen zusammen, Freunde nicht mit Freunden. Nein, hier trafen sich ausschließlich Rivalen auf engstem Raum.

Für sie war dieser Rivale Erebos, niederer Gott der Dunkelheit. Einst hatte Erebos sie wie eine Königin behandelt. Damals hatte sie ihn wirklich gemocht. Sogar darüber nachgedacht, ihn zu heiraten. Doch dann hatte sie sich in Atlas verliebt – den schürzenjagenden verlogenen Bastard Atlas – und Erebos verlassen. Und dann hatte sie entdeckt, dass Atlas sie niemals wirklich gewollt hatte, dass Atlas sie nur benutzt hatte.

Aus Liebe war unverzüglich rasende Wut geworden.

Diese Wut war jedoch irgendwann abgekühlt. Sie hatte ihn vergessen. Beinahe. Mach dir nichts vor. Jetzt, da sein Name ihren Rücken zierte, hasste sie ihn aus tiefster Seele.

Vielleicht hatte sie überreagiert, als sie dasselbe mit ihm gemacht hatte. Vielleicht. Ihre Impulsivität war immer ihre Schwachstelle gewesen. Jahrelang hatte sie ihre Entscheidung bereut. Nicht, dass sie das ihm gegenüber jemals zugeben würde. Und in diesem Augenblick war Reue ohnehin das Letzte, was sie fühlte.

Sie hatte nicht gelogen. Dafür würde sie ihn umbringen.

Doch zuerst musste sie einen Weg finden, dieses verdammte Halsband loszuwerden. Solange es um ihren Hals lag, war sie machtlos. Das schwere Gold nahm ihr die göttlichen Kräfte zwar nicht, aber es unterdrückte sie. Höchst effektiv. Zu effektiv. Und danach würde sie herausfinden müssen, wie sie aus diesem Reich entkommen konnte.

Die erste Aufgabe hätte theoretisch einfach sein müssen. Doch ob sie am Band gezerrt oder darauf eingeschlagen hatte, selbst als sie versucht hatte, es sich vom Hals zu schmelzen – alles, was sie erreicht hatte, waren Hautabschürfungen, Blutergüsse und verkohlte Haare gewesen. Sie hätte wissen sollen, dass genau das geschehen würde. Wie oft hatte sie die Titanen dieselben Dinge versuchen sehen? Und das Zweite schien sowohl theoretisch als auch praktisch unmöglich.

Sie ließ den Blick über ihre Umgebung schweifen. Nachdem die Titanen ausgebrochen waren, hatten sie alles verstärkt neu aufgebaut. Wie sie das geschafft hatten, wusste sie nicht. Eigentlich hätte das Gefängnis an Tartarus gebunden sein müssen, den griechischen Gott der Gefangenschaft, der einst Wache über die Titanen gehalten hatte. Als er aus unerfindlichen Gründen schwächer geworden war, war mit seinem Reich dasselbe geschehen. Alles darin war von Grund auf instabil geworden. Doch jetzt war Tartarus fort. Die Titanen hatten ihn nicht gefangen genommen, und niemand wusste, wo er war. Es war unverständlich, wieso das Reich trotz seiner Abwesenheit so stark war.

Wände und Fußboden waren aus göttlichem Stein gemacht, den nur göttliches Werkzeug – das sie nicht besaß – durchbrechen konnte. Und obwohl Tartarus verschwunden blieb, war nicht der feinste Riss zu sehen.

Die dicken silbernen Gitterstäbe, durch die sie das Wachhaus weiter unten sehen konnte, hatte Hephaistos gemacht. Nur Hephaistos konnte dieses Metall schmelzen. Unglücklicherweise war er an einem anderen Ort. Wie bei Tartarus war auch sein Aufenthaltsort niemandem bekannt. Und wenn Tartarus fort war, dann hätte sie wenigstens in der Lage sein müssen, das Metall zu verbiegen. Sie konnte es nicht; sie hatte es bereits versucht.

„Könntest du dich verdammt noch mal hinsetzen?“, knurrte Erebos aus einer der Schlafnischen.

Nike streifte ihn mit einem Blick. Von seinem dunklen Haar bis zu seiner dunklen Haut, von seinem attraktiven Gesicht bis zu seinem muskulösen Körper war er der Inbegriff eines unglücklichen Mannes, und dieses Gefühl war ausschließlich auf sie gerichtet.

„Nein“, gab sie zurück. „Kann ich nicht.“

„Wir versuchen hier, eine Flucht zu planen.“

Sie planten immer eine Flucht.

„Außerdem“, setzte er nach, „krieg ich Kopfschmerzen von deinem hässlichen Gesicht.“

„Verzieh dich, und mach’s dir selbst“, erwiderte sie. Auch wenn sie diejenige gewesen war, die ihn vor all den Jahrhunderten verletzt hatte – unabsichtlich –, hatte er es ihr seither tausendfach zurückgezahlt. Absichtlich. Nicht emotional, sondern körperlich. Nichts tat er lieber, als ihr „aus Versehen“ ein Bein zu stellen, sie anzurempeln und zu Boden zu werfen oder sie auszuhungern, indem er das bisschen Essen, das für sie gedacht war, hinunterschaufelte, bevor sie sich bis zum Anfang der Schlange durchkämpfen konnte.

Hätte sie nicht die Halsfessel tragen müssen, hätte er ihr all das niemals antun können. Sie wäre zu stark gewesen. Und er zu ängstlich. Noch ein Grund, ihre Gefangenschaft zu verabscheuen.

„Wenn ich’s mir selbst mache, würde mir das mit Sicherheit mehr geben als damals mit dir“, warf er ihr an den Kopf.

Die Handvoll Götter um sie herum kicherte gehässig.

„Wie du meinst“, sagte sie und tat, als würde ihr der Seitenhieb nichts ausmachen. Doch ihre Wangen wurden rot. Sie war der Inbegriff von Stärke – so sollte es jedenfalls sein –, und immer hatte sie eher kerlig als feminin gewirkt. Deshalb hatten Atlas’ Annäherungsversuche sie so überrascht und entzückt. Dieser umwerfende Mann hätte jedes Herz gewinnen können, und doch hatte er sie ausgewählt. Hatte sie jedenfalls gedacht. Und sie war auf ihn hereingefallen, weil er ihr irgendwie das Gefühl gegeben hatte, eine zarte, schöne Frau zu sein.

Dämlich. Ich war so dämlich.

Aus dem Augenwinkel sah sie einen schwarz gekleideten Mann in das Wachhaus hineinmarschieren. Sie musste nicht genauer hinsehen, um zu wissen, wer es war. Atlas. Sie spürte ihn. Jedes Mal fühlte sie seine Hitze.

Als sie den Blick auf ihm ruhen ließ, bemerkte sie, dass er den Arm um eine langbeinige Blondine gelegt hatte. Eine Blondine, die sich an seine Seite schmiegte, als gehörte sie dorthin – und hätte es sich schon viele Male dort gemütlich gemacht.

Bei diesem Gedanken stieg Zorn in Nike auf. Dabei gab es keinen Grund dazu, schließlich verabscheute sie Atlas mit jeder Faser ihres Seins und interessierte sich nicht im Geringsten dafür, mit wem er schlief. Wen er verwöhnte. Und ja, garantiert hatte er die Blondine verwöhnt, mit seinen talentierten Händen und den suchenden Lippen. Er war ein unglaublicher Liebhaber, und seine Berührungen verfolgten Nike noch heute in ihre Träumen. Und da war er: Zorn.

Gegen ihren Willen ging sie auf die Gitterstäbe zu und schloss die Hände darum, um einen besseren Blick auf Atlas zu haben. Um ihn herum standen drei weitere Wachen, redend und lachend. Im Gegensatz zum Weiß der Gefangenenkleidung trugen die Wachen Schwarz, und ihm stand es hervorragend. Es harmonierte perfekt mit seinem dunklen, kurz geschnittenen Haar und den meergrünen Augen.

Sein Gesicht war ein Kunstwerk, alles daran perfekt proportioniert. Seine Augen hatten den perfekten Abstand, seine Nase die perfekte Länge, seine Wangenknochen den perfekten Schwung, seine Lippen die perfekte Form und Farbe und sein stures Kinn den perfekten Schnitt.

Er war perfekt, während sie aus nichts als Makel bestand.

Sie hätte wissen müssen, dass er sie benutzen würde, sobald er diese gefährlichen Augen auf sie gerichtet und „Interesse“ darin aufgeleuchtet hatte. Männer sahen sie einfach nicht auf diese Weise an. Nicht einmal Erebos, und der hatte sie geliebt.

„Bastard“, murmelte sie und meinte damit beide Männer aus ihrer Vergangenheit.

Als hätte er sie gehört, hob Atlas den Blick. Sobald sich ihre Blicke trafen, wollte sie sich von den Gitterstäben lösen. Zurücktreten, aus seinem Sichtfeld fliehen. Doch diesen Luxus gestattete sie sich nicht. Das wäre feige gewesen, und dieser Mann hatte sie einmal zu oft Schwäche zeigen sehen.

Nur um ihn zu ärgern – und hoffentlich dasselbe Gefühl der Machtlosigkeit in ihm hervorzurufen, das sie in seiner Nähe immer verspürte –, ließ sie den Blick zu seiner Brust wandern: genau dorthin, wo ihr Name geschrieben stand. Sie lächelte selbstgefällig, bevor sie ihm wieder ins Gesicht sah und eine Augenbraue hob.

Treffer. An seinem Kiefer zuckte ein Muskel.

Was hält dein Liebchen von deinem Brandzeichen? wollte sie rufen. Was denkt die Blondine über meinen Namen auf deinem Körper?

Mit einer unsanften Bewegung presste er das dumme Blondchen enger an sich und drückte ihr, ohne den Blickkontakt zu Nike zu unterbrechen, einen ausgiebigen, feuchten Kuss auf den Mund. Natürlich reagierte die Schlampe genauso, wie es jede andere an ihrer Stelle getan hätte. Sie schlang die Arme um ihn und klammerte sich fest wie eine Ertrinkende. Dieser Mann, wie Nike sehr gut wusste, konnte eine Frau allein durch seine meisterhaften Küsse zum Höhepunkt bringen.

Nikes Zorn wuchs. Hätte sie gekonnt, sie wäre zu ihm hinuntergestürmt und hätte das Flittchen von ihm losgerissen. Dann hätte sie beide umgebracht. Nicht, weil sie Atlas für sich selbst wollte – das wollte sie nicht –, sondern weil er offensichtlich eine weitere Frau ausnutzte. In seinem Gesichtsausdruck glomm keine Spur von Leidenschaft. Nur Entschlossenheit.

Nike würde der weiblichen Bevölkerung einen Gefallen tun, wenn sie ihn beseitigte.

„Erebos“, rief sie. „Komm her. Ich will dich küssen.“

„Was?“, keuchte dieser, sichtlich geschockt.

„Willst du einen Kuss oder nicht? Beweg deinen Hintern hierher. Aber zügig.“

Hinter ihr ertönte das Rascheln von Kleidung, und dann war ihr früherer Geliebter neben ihr. Er war ein Gefangener, und Sex war schwer zu kriegen. Also würde er nehmen, was er kriegen konnte, selbst von jemandem, den er hasste. So viel wusste sie.

Nike drehte sich zu ihm um; das Gesicht hatte er schon zu ihr gebeugt. Wie die Blondine schlang sie die Arme um den Hals ihres Gegenübers und klammerte sich fest. Bloß, dass sie den Kuss nicht genoss, so vertraut er auch war. Erebos schmeckte zu … was? Anders als Atlas, begriff sie, und ihr Zorn kochte noch höher. Kein Mann sollte so viel Macht über sie haben.

Trotzdem. Sie ließ Erebos weitermachen. Atlas musste erkennen, dass sie keinerlei Verlangen mehr nach ihm verspürte. Musste kapieren, dass er nie, niemals wieder ihre Gefühle gegen sie würde benutzen können. Sie war kein idealistisches kleines Mädchen mehr.

Dafür hatte er gesorgt.

3. KAPITEL

Wut, nichts als rasende Wut erfüllte Atlas. Abrupt löste er sich von seiner Begleiterin – er konnte sich nicht an ihren Namen erinnern –, und sie schnaubte empört. Er machte sich nicht die Mühe, ihr zu erklären, was er vorhatte, als er davonstapfte. Die Wut brodelte immer stärker in ihm, während er die Stufen zu den Käfigen und zu Nikes Zelle hinaufstieg.

Sein Name stand auf ihrem Rücken. Wie konnte sie es wagen, einem anderen Mann ihre Lippen darzubieten?

Als er sein Ziel erreicht hatte, hob er den Arm, und der Sensor, den er sich ins Handgelenk hatte einpflanzen lassen, ließ die Gitterstäbe beiseitegleiten. Mehrere Gefangene saßen an der Rückwand der Zelle. Gierig betrachteten sie den niederen Gott der Dunkelheit und die Göttin der Stärke, wie sie sich gegenseitig mit der Zunge die Mandeln massierten. Sie waren so versunken in den Anblick, dass sie nicht einmal versuchten, Atlas anzugreifen und zu fliehen. Vielleicht hatte das aber auch mit den Schmerzen zu tun, die sie zu spüren bekämen, wenn sie es wagten. Er musste nur einen Knopf drücken, und ihre Halsbänder würden ihnen das Hirn grillen.

Nike stöhnte, als würde ihr tatsächlich gefallen, was Erebos mit ihr machte. Rote Blitze zuckten vor Atlas’ Augen. Wie. Konnte. Sie. Es. Wagen. Zähneknirschend packte er Nike am Kragen ihrer Tunika und riss sie an seinen harten Körper, fort von Erebos.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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