Die Herrin der Kathedrale - Claudia Beinert - E-Book

Die Herrin der Kathedrale E-Book

Claudia Beinert

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Beschreibung

Eine tödliche Intrige, ein Reich in Aufruhr – und eine starke Frau mit einer ehrgeizigen Vision … Ballenstedt, 1018: Im Kloster Gernrode ist der Schreiberin Uta, Tochter eines verarmten Burgherrn, ein Leben in Dienst und Einsamkeit vorherbestimmt. Doch als Herzogin Gisela von Schwaben ihr Talent entdeckt, verändert sich ihr Leben schlagartig: Als Hofdame der zukünftigen Kaiserin bereist Uta das Reich und erschließt sich ungeahnte Wissenswelten. Die Freiheit währt jedoch nur kurz. Gegen ihren Willen wird sie mit dem mächtigen Markgrafen Ekkehard von Meißen verheiratet, obwohl sie in dessen Bruder verliebt ist. Zunächst nur heimlich wächst in ihr eine ehrgeizige Vision: die Errichtung einer Kathedrale in Naumburg. Doch mächtige Gegner wollen die unbequeme Uta zu Fall bringen. In einem Reich, in dem Frauen schweigen sollen, wird ihr Traum zur gefährlichen Rebellion – auch gegen die eigene Familie … »Die beiden Autorinnen haben ein opulentes, prachtvolles Debüt vorgelegt.« General-Anzeiger Ein opulenter Historienroman voller Intrigen, Ambition und Liebe für die Fans der »Kingsbridge«-Bücher – der dramatische Auftakt der Romantrilogie um Uta von Naumburg, die schönste Frau des Mittelalters Alle Bände der Reihe: Band 1: Die Herrin der Kathedrale Band 2: Die Kathedrale der Ewigkeit Band 3: Das Fundament des Lichts Die Bände sind unabhängig voneinander lesbar.

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Seitenzahl: 949

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch:

 

Ballenstedt, 1018: Im Kloster Gernrode ist der Schreiberin Uta, Tochter eines verarmten Burgherrn, ein Leben in Dienst und Einsamkeit vorherbestimmt. Doch als Herzogin Gisela von Schwaben ihr Talent entdeckt, verändert sich ihr Leben schlagartig: Als Hofdame der zukünftigen Kaiserin bereist Uta das Reich und erschließt sich ungeahnte Wissenswelten. Die Freiheit währt jedoch nur kurz. Gegen ihren Willen wird sie mit dem mächtigen Markgrafen Ekkehard von Meißen verheiratet, obwohl sie in dessen Bruder verliebt ist. Zunächst nur heimlich wächst in ihr eine ehrgeizige Vision: die Errichtung einer Kathedrale in Naumburg. Doch mächtige Gegner wollen die unbequeme Uta zu Fall bringen. In einem Reich, in dem Frauen schweigen sollen, wird ihr Traum zur gefährlichen Rebellion – auch gegen die eigene Familie …

eBook-Neuausgabe Februar 2026

Die Originalausgabe erschien erstmals 2013 bei Knaur Taschenbuch, München.

Copyright © der Originalausgabe 2013 by Knaur Taschenbuch. Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München.

Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/VectorIllustrtion, Volodymyr Sanych und The Print Collector/Alamy Stock Photo

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mk)

 

ISBN 978-3-69076-581-7

 

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Claudia & Nadja Beinert

Die Herrin der Kathedrale

Historischer Roman

 

Für Uta »Utschi« Beinert

Personenverzeichnis

 

(Historische Persönlichkeiten sind mit einem Sternchen versehen.)

 

Uta von Ballenstedt*

Verstoßene Grafentochter mit der ungewöhnlichen Leidenschaft für Kuhhäute und Steine. Uta will Gerechtigkeit, sucht sich selbst und findet die Liebe.

 

Esiko von Ballenstedt*

Utas Bruder hat eine besondere Beziehung zu den Frauen seiner Familie. Er sieht sie am liebsten zu seinen Füßen.

 

Hazecha von Ballenstedt*

Utas jüngere Schwester mit einer besonderen Abneigung gegen Holzkisten. Sie ist mit Uta zwillingshaft verbunden und deren stärkste emotionale Stütze im Kampf um Gerechtigkeit.

 

Graf Adalbert von Ballenstedt*

Utas Vater, der eine deutliche Vorliebe für seinen Ältesten hat. Seine Forderung nach dem Reinigungseid löst erst Utas Schicksal und ihre weiteren Möglichkeiten aus.

 

Hidda von der Lausitz*, Ehefrau des Grafen Adalbert von Ballenstedt

Utas Mutter ist die mutige Beschützerin ihrer Töchter vor dem jähzornigen Gatten – auch über den Tod hinaus.

 

Hermann von Naumburg*, Markgraf von Meißen, Sohn von Ekkehard I.

Älterer Bruder von Ekkehard II. Zunächst lebt er Uta vor, was es heißt, seine Träume zu verwirklichen, bis sie ihn diesbezüglich belehrt – mit weniger als einer Handbreit Abstand.

 

Ekkehard II. von Naumburg*, der spätere Markgraf von Meißen

Die Herrgottsgnade sichert Uta eine gewisse Distanz zum jüngeren der Naumburger Brüder. Ekkehard besitzt etwas, das der ältere Bruder verzweifelt begehrt.

 

Erna

Utas einstiges Kammermädchen und Freundin aus Ballenstedt. Erna hat für jedermanns Sorge ein Ohr und einen Gatten, der sich bereitwillig auf Reisen mit ungewissem Ausgang begibt.

 

Katrina

Utas Kammermädchen in Naumburg, das einen besonderen Blick für Menschen und Situationen besitzt. Man(n) neigt dazu, das Mädchen zu unterschätzen.

 

Notburga von Hildesheim

Eine Geistliche, die der Ballenstedter Familie in heftiger Hass-Liebe verbunden ist.

 

Gisela von Schwaben*, in dritter Ehe verheiratet mit Konrad dem Älteren, Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches

Gisela traut Uta mehr als nur den Hofdienst zu.

 

Konrad der Ältere*, später Konrad II, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches

Gatte der Gisela von Schwaben. Konrad unterschätzt die Bedrohung an der Ostgrenze des Heiligen Römischen Reiches zunächst. Seine Haut kann nur dank einer Kathedrale und einer Kathedralherrin gerettet werden.

 

Aribo*, Erzbischof von Mainz

Der Luchs unter den höchsten geistlichen Würdenträgern, der alles dafür tut, die Vormachtstellung seines Erzbistums zu erhalten. Neben der Weltpolitik nimmt er sich auch ehelicher Verbindungen vermeintlich einsamer Hofdamen an.

 

Wipo*

Dichter und Historiograph Kaiser Heinrichs II. und Kaiser Konrads II. Auch entgegen den Anweisungen des ihm vorgesetzten Erzbischofs ist Wipo stets für eine anregende Diskussion zu haben.

 

Hathui Billung*, Äbtissin von Gernrode

Langjährige Äbtissin im Kloster Gernrode. Sie bringt Utas Stein ins Rollen.

 

Hildeward*, Bischof von Zeitz, später dann Bischof von Naumburg

Der Erste, der dem heiligen Schleier willenlos verfällt und bereit ist, dafür sogar eine Todsünde zu begehen.

 

SOWIE

 

Knappe Volkard aus dem Hardagau, der im Überschwang seiner pubertären Gefühle seinen Lenden anstatt seinem Herzen nachgibt.

 

Zwei Dutzend Quedlinburger und Gernroder Sanctimonialen mit und ohne Schleier.

 

Die militante Äbtissin Adelheid* und ihre warmherzige Vertreterin Edda.

 

Schwester Alwine, die begnadete Heilkundige und Lehrerin.

 

Ernas Ehemann Arnold mit den Füchsinnen Luise und Selmina.

 

Wigbert, Utas jüngerer Bruder, der sich wie diese anders entwickelt als vom Vater vorgesehen.

 

Eine Schar Hofdamen, Schreiberlinge, Bücklinge und sonstige Fürsten, die an den Höfen ihr Wesen und Unwesen treiben.

 

Humfried, geistlicher Vorsteher des aufsteigenden Erzbistums Magdeburg.

 

Ein polnischer Regent und Eindringling namens Mieszko, dem allein mit schmiedeeisernen Waffen nicht beizukommen ist.

 

Hunderte von kaiserlichen Kämpfern (Gläubige und Ungläubige) sowie Kämpferherzen.

 

Ein erfrischend progressiver Werkmeister Tassilo.

 

Einige Gewerkmeister, die nicht aufgeben wollen, und viele hundert Arbeiter und Karrendienstler.

 

Schwester Margit, die einzig wahre Äbtissin des Moritzklosters.

 

Falk von Xanten, Werkmeister mit einem allzu vertrauten Lächeln.

 

... und viele weitere, denen die Herrin der Kathedrale auf ihrem Weg begegnet.

 

BESONDERE ERWÄHNUNG VERDIENEN außerdem:

 

Ein Schleier mit himmlischer Anziehung.

 

Eine Krypta als Ort der Verbundenheit.

 

Eine Treppe der Zärtlichkeit.

 

Eine Kerze der Erinnerung.

 

Eine beseelte Naumburger Kathedrale.

Teil I – Basis für die Standhaftigkeit

Die Jahre 1018 bis 1019

1. Die Schneerose

 

Der Frühlingswind trug Blütenstaub von Hasel und Narzisse an Utas Nase heran. »Esiko, ich wünschte, diese Düfte zögen mit uns zur Burg, so dass die Mutter sie auch riechen könnte.« Genießerisch sog sie die Luft ein und streifte sich in Gedanken ein Gewand aus verwobenen Narzissen über. Sie spürte, dass heute ein ganz besonderer Tag werden würde. Gemeinsam mit Esiko, ihrem fünf Jahre älteren Bruder, durfte sie dem Mittagsmahl beiwohnen, zu dem der Meißener Markgraf geladen war. Mit Vorliebe lauschte sie bei solch seltenen Gelegenheiten den Erzählungen der Besucher, die stets von Königsaudienzen, Festen und anderen Geschehnissen aus fremden Gegenden berichteten.

»Schwesterlein, du träumst zu viel!«, scherzte Esiko und führte sein Ross neben ihres. »Aber ich könnte das Grünzeug köpfen, dann kannst du es mitnehmen.« Unter ihrem entsetzten Blick zerteilte er die Luft zwischen ihnen mit dem Kurzschwert.

»Tu ihnen keine Gewalt an«, bat Uta und schaute ihn herzerweichend an, während ihr der Wind durch das lose Haar fuhr. Sie merkte, dass er gereizt war, aber das würde sich während des Mahls sicherlich geben. Nur selten wurde auf dem Ballenstedter Burgberg so festlich getafelt.

»Wie ängstlich du bist, Schwesterlein.« Esiko hob das Kinn. »Viel zu ängstlich!«

Uta betrachtete den Bruder, wie er mit Harnisch und Beinschutz auf seinem Ross thronte, sein weizenblondes Haar und die festen Bartstoppeln.

»Wir müssen zurück zur Burg.« Auch Esiko betrachtete die Schwester eindringlich. »Die Gäste reiten bald ein.«

Uta begegnete dem Blick des Bruders mit einem Strahlen. »Wer zuerst an der Zugbrücke ist, einverstanden?«

Esiko ließ von ihrem Gesicht ab und prüfte, ob sich beide Beine seiner Schwester auf der linken Seite des Tieres befanden. »Aber gerne doch!«, bestätigte er dann.

»Dann los!« Uta presste sich fest an ihre Stute und preschte davon.

Derweil beugte sich Esiko seitlich hinab und schlug mit einem einzigen Hieb zwei Dutzend Narzissen die Köpfe ab. »So gefallt ihr mir schon besser!«, beschied er und gab seinem Hengst die Sporen.

Voller Freude atmete Uta tief durch. »Lauf Lisa, lauf!«, trieb sie die Stute an. Wie schön es doch war, durch die Frühlingswiesen zu reiten. Ein Vergnügen, das sie seit einiger Zeit immer seltener genießen durfte. Auch sonst hatte sich jüngst viel in ihrem Leben verändert. Denn war der Vater, Graf Adalbert von Ballenstedt, früher noch nach der Schneeschmelze zu den Schlachtfeldern aufgebrochen und erst bei einsetzendem Frost wieder heimgekehrt, war ihm dies aufgrund einer Kampfverletzung seit dem vergangenen Jahr verwehrt. In der Abwesenheit des Vaters hatte die Mutter ihr das Lesen und etwas Schreiben beigebracht und jede ihrer Fragen mit einer geduldigen Antwort befriedigt. Doch nun, seitdem der Vater ganzjährig auf der Burg weilte, musste Uta sich wesensmäßig das gesamte Jahr über zurücknehmen.

Der mächtige Klang der Doppelglocke, der weit über die umliegenden Felder und Wiesen der Burg hinaus zu hören war, holte Uta aus ihren Gedanken zurück. »Die Glocke vom elterlichen Bergfried!« Dreimaliges Läuten war das Zeichen dafür, dass die Gäste am Horizont in Sicht waren.

»Eil nur, Schwesterlein!« Esiko zog an ihr vorbei. »Mich holst du nie ein!

»Lauf Lisa, schneller!«, trieb sie ihre Stute an. So leicht würde sie sich nicht geschlagen geben. Doch Esikos Vorsprung vergrößerte sich, und erst vor der Zugbrücke stoppte er seinen Hengst mit einem triumphalen Aufbäumen. »Ob du jemals richtig reiten lernen wirst?«, kommentierte er die spätere Ankunft seiner Schwester heftig atmend.

»Wenn ich doch nur breitbeinig reiten dürfte«, erwiderte Uta und schaute Esiko fragend an.

»Aber du bist doch ein Weib!«, entgegnete er und winkte ab. Esiko achtete stets darauf, dass sie – wie es sich für eine Frau geziemte – nur mit Satteldecke und beiden Beinen auf ein und derselben Seite ritt.

»Ich vermag vielleicht noch nicht so schnell zu reiten wie du, dafür kann ich aber Schriftzeichen lesen, die mit echter Tinte geschrieben sind.«

»Was ist schon Tinte«, entgegnete er abfällig und versetzte seinem Pferd einen Tritt in die Seite, um es zum Eintraben in den Hof der Burg zu bewegen. »Damit kann man keinen Kampf gewinnen!«

»Die Mutter sagt, dass Buchstaben mehr Macht haben als Schwerter.« Utas Augen leuchteten beim Gedanken an die funkelnden Minuskeln des Psalmenbüchleins, aus dem die Mutter ihr manchmal vorlas.

Mit einem kurzen Pfiff scheuchte Esiko eine Wäscherin beiseite. »Was die Mutter so sagt. Sie hat doch noch nie ein Schwert geführt. Kennt dessen Macht also gar nicht!« Erschrocken schlug Uta die Hände vor den Mund. »Wie kannst du so über unsere Mutter reden?«

Anstatt einer Antwort kümmerte sich Esiko um die Versorgung der Pferde. »Stallbursche, hierher!« Trotz der regen Betriebsamkeit reichte seine Stimme mühelos bis zu den Stallungen hinüber. Im Hof herrschte ein aufgeregtes Durcheinander. Mägde hasteten mit riesigen Krügen auf das Küchenhaus zu. Knechte trugen Hocker und Tafeln in Richtung des Wohnturms. Zwischen ihnen erblickte Uta Hazecha, ihre jüngere Schwester, die eifrig einer mit Wasser gefüllten Kuhblase hinterherlief, und ihren kleinen Bruder Wigbert auf den Armen seiner Amme.

Der junge Linhart bahnte sich etwas ungelenk seinen Weg zu den Geschwistern. Er war die linke Hand des Stallmeisters und eine unübersehbare Erscheinung auf dem Burgberg. Sein Körper war schon in die Höhe geschossen, als die mit ihm gleichaltrigen Knechte noch von den ersten Barthärchen geträumt hatten; zudem trug er sein Haupthaar ungewöhnlich lang.

»Kümmere dich um die Tiere und vergiss das Abreiben nicht«, wies Esiko ihn an.

Uta schenkte Linhart ein Lächeln. Sie wusste, dass er jedes Tier im Stall mit der gleichen Hingabe versorgte. Dann rutschte sie schwungvoll aus dem Sattel, erschrak jedoch, noch bevor sie festen Boden unter den Füßen spürte. »Oh, nein!« Ihre Finger glitten über einen Riss im Obergewand, der sich von ihrer Hüfte bis zum Knie hinabzog. »Ausgerechnet jetzt.«

»Schwesterlein«, begann Esiko und schwang sich, sich der bewundernden Blicke der Umstehenden versichernd, vom Rücken seines Rosses. »Bist selbst im Damensattel zu stürmisch«, dabei warf er Linhart, der mit offenem Mund auf Utas Gewand starrte, einen drohenden Blick zu.

Der Stallbursche wendete sich augenblicklich ab.

»Zu stürmisch?« Uta blickte vom Riss ihres Kleides zu Esiko auf, der sie beinahe um zwei Köpfe überragte.

»Ich muss jetzt zum Vater«, sagte er. »Er erwartet meine Unterstützung beim Empfang der Gäste.«

»Warte!«, bat sie eindringlich und griff nach seinem Arm. »Sage ihm nichts von meiner Unachtsamkeit.« Uta blickte zur Tür des Wohnturmes, aus welcher der Vater jeden Moment treten konnte. »Ich wechsele schnell noch mein Gewand.« Uta schaute ihn bittend an.

Esiko setzte einen strengen Blick auf. »Der Vater wird nicht akzeptieren, wenn du zu spät erscheinst!«

Uta nickte und erklomm – von Esikos Mahnung getrieben – die Treppen des Wohnturms. Da sie nicht mehr die Zeit hatte, ihr Kammermädchen Erna zu Hilfe zu rufen, trat sie vor ihre Bettstatt und streifte sich rasch das eingerissene Obergewand ab. Dabei blieb ihr Blick an ihren Brüsten hängen, die sich seit dem vergangenen Winter zu wölben begonnen hatten und sich nun leicht gegen das Untergewand hindurch abdrückten. Der Veränderung ihres Körpers hatte sie jedoch erst Aufmerksamkeit geschenkt, nachdem ihr vor wenigen Wochen gleich nach dem Osterfest auch ein schwarzer Haarflaum unter den Armen und zwischen den Beinen gewachsen war.

»Was ist das?« Uta schreckte zusammen. Ein roter walnussgroßer Fleck zeichnete sich in Höhe ihres Schoßes auf ihrem Unterkleid ab. Sie raffte den Stoff bis zur Taille, um nachzusehen, und bemerkte, dass die Innenseiten ihrer Oberschenkel mit einem Blutschleim überzogen waren. »Der Monatsfluss?« Utas Gesicht verdunkelte sich. Die Burgregeln ordneten an, dass sich unreine Frauen Tag und Nacht vom Rest der Burgbewohner getrennt halten mussten, damit sie ihre Blutspur nicht in der gesamten Burg hinterließen. Uta kniete nieder und faltete die Hände. »Lieber Herrgott im Himmel, lass das nicht den Monatsfluss sein!«

Als die Doppelglocke zweimal läutete, erhob sie sich wieder, sprang ans Fenster und schob das Leder beiseite. Sie vernahm, dass der Stallmeister seinen Knechten Anweisung gab, im Hof Aufstellung zu nehmen. In der Ferne, weit hinter den Burgmauern, machte sie einen Tross von Berittenen aus, zog sich darauf hastig das befleckte Unterkleid über den Kopf und versteckte das blutige Gewand tief unten in der Gewandtruhe. Über das frische Unterkleid zog sie ein knöchellanges blaues Oberkleid. Jetzt musste sie nur noch die Haare binden. Mit ihrem vom Wind zerzausten Schopf ähnelte sie eher einer Wilden. Sie, eine Wilde? Uta lächelte und sah sich breitbeinig auf dem Rücken ihrer Stute durch die Felder galoppieren. Ein Klopfen riss Uta aus ihrer Träumerei. Sie blinzelte sich in die Realität zurück, dann öffnete sie die Tür.

»Wo bleibst du denn?«, erkundigte sich Erna atemlos. Das pausbäckige Mädchen mit den von der Haube kaum zu bändigenden hellen Locken schaute ihre Herrin sorgenvoll an. »Das Gewand sitzt«, entgegnete Uta und schaute prüfend an sich hinunter.

»Dein Kopf«, deutete Erna, die sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte, mit dem Zeigefinger. »Man könnte meinen, du hättest mit Lisa die Haare getauscht.«

Uta musste nun auch schmunzeln und fuhr sich mit den Fingern durch die langen Strähnen, um sie zu entwirren. Mit wenigen gekonnten Handgriffen flocht sie das Haar auf dem Rücken zu einem dicken Zopf. Sie ergriff die auf der Fensterbank liegende Spange und steckte damit eine widerspenstige Locke über dem Ohr fest. Das Schmuckstück mit den hellgrünen Vierkantsteinen war ein Geschenk ihrer Mutter. Vielleicht mochte sie es deswegen besonders gern. Dass es ihre Augen so wunderbar zum Leuchten brächte, sagte die Mutter stets, wenn sie das Schmuckstück an Uta entdeckte, und strich ihr dabei liebevoll über die Wangen. Uta war stolz, die grünen Augen ihrer Mutter geerbt zu haben, zumal Esiko, der manchmal etwas eigen war, die gleiche Augenfarbe besaß. Auch die zierliche Gestalt und die Konturen ihres Gesichts mit den geschwungenen Brauen, der schmalen Nase mit dem breiten Nasenrücken und den kleinen Mund mit den vollen Lippen hatte die Mutter ihr in die Wiege gelegt. Besonders stolz war Uta jedoch auf den kleinen braunen Fleck, einen Fingerbreit unter ihrem linken Auge. Den besaßen alle vier Geschwister an genau der gleichen Stelle, was sie mit der Mutter auf eine besondere Weise verband.

»Du siehst hübsch aus«, sagte Erna und richtete Uta die Spange. In diesem Moment erklang der letzte Schlag der Doppelglocke: Die Gäste waren also angekommen.

»Komm! Sonst schimpft der Vater.« Uta ergriff Ernas Hand und zog sie hinter sich aus der Kemenate.

 

Zur Begrüßung der hohen Besucher hatten die Burgbewohner in drei Reihen Aufstellung genommen. An der Spitze der Versammlung stand der Burgherr Graf Adalbert von Ballenstedt mit seinem Stammhalter Esiko. Adalberts einst blaue Augen waren vor Verbitterung über die Jahre hinweg verblasst. Als Graf war er ein Lehnsmann des Königs und als solcher zum Schutz seiner Untertanen verpflichtet. Die Untertanen brachten im Gegenzug dafür halbjährlich Naturalien und Brennholz auf die Burg. Mittlerweile erzielte er Einkünfte aus zahlreichen Lehnsdörfern im Schwaben- und im Harzgau, im Nordthüringengau und im Serimunt. Außerdem hatte er durch die Heirat mit Hidda, der Tochter des Markgrafen Gero aus der Ostmark, noch umfangreiches, freies Landeigentum hinzugewonnen. Nichtsdestotrotz konnte er dem König aufgrund seiner vergleichsweise immer noch kleinen Lehen nur geringe Kriegsdienste leisten. Die Markgrafen der östlichsten Reichsgebiete stellten dem König für den Krieg zwanzigmal so viele Krieger, Pferde und Waffen zur Verfügung wie er und wurden deshalb auch in Angelegenheiten des Reiches von Kaiser Heinrich zur Beratung und Mitsprache herangezogen. Adalbert war ihnen an Macht und Einfluss deutlich unterlegen, aber das – so hatte er sich vorgenommen – würde er heute, so gut es ging, zu überspielen wissen. Keine leichte Aufgabe, wenn es um Gebietsstreitigkeiten mit dem Meißner Markgrafen Ekkehard dem Älteren ging. Adalbert richtete sein Wams und fixierte das Eingangstor, vor dem nun deutlich Pferdegetrappel zu vernehmen war.

Diesen Moment der Konzentration nutzte Uta und sprang am Küchenmeister vorbei an die Seite ihrer Mutter, die in der zweiten Reihe hinter dem Grafen Aufstellung genommen hatte. Erna trat zu den Mägden.

»Entschuldigt, Mutter«, flüsterte Uta und knickste. Gräfin Hidda, die dem besonderen Anlass entsprechend einen Schleier mit edler Borte angelegt hatte, ergriff unauffällig die Hand ihrer Tochter. Esiko, der neben dem Vater stand, wandte sich um und mahnte mit dem Finger auf dem Mund zur Ruhe. Als er sah, dass die Schwester liebevoll lächelnd von der Mutter zu ihm schaute, wandte er sich wieder dem Geschehen vor sich zu. Auf Schlachtrössern zogen an der Spitze des Zugs nun Markgraf Ekkehard und sein Sohn Hermann, gefolgt von einer Schar von Rittern, Knappen, Bannerträgern und Bläsern ein. Die Zugbrücke knarrte unter dem Gewicht des Gästezugs. Adalbert wandte sich dem Stallmeister zu, der sich zusammen mit dem Burggeistlichen, dem Küchenmeister nebst Mägden, dem Schmiedemeister und weiterem Gesinde hinter der Ballenstedter Familie versammelt hatte. »Versorgt die Tiere unserer Gäste. Sofort!«, befahl er.

Die Besucher saßen ab. »Vielen Dank für die Einladung«, grüßte der Markgraf, dem ein Fahnenträger folgte, auf dessen Banner ein Adler prangte.

Adalbert verbeugte sich und ging seinem Gegenüber einige Schritte entgegen. »Seid willkommen auf meiner Burg, Markgraf.«

Der nickte. »Ich bin zuversichtlich, unsere Meinungsverschiedenheiten ohne Kampfeshandlungen lösen zu können und damit unserer beider Kraft für Wichtigeres zu bewahren.«

Uta beobachtete, wie sich ihres Vaters Lippen zu einem weißen Strich verzogen, als er darauf nickte und nach weiteren Stallburschen winkte. Esiko hatte sie jüngst belehrt, dass sie froh darüber sein konnten, dass Markgraf Ekkehard ihre Burg nicht einfach belagert und ausgeräuchert hatte, um das strittige Waldstück in seinen Besitz zu bringen. Aber angeblich lag dem Vater dank des Heiratsguts der Mutter eine Urkunde vor, die das besagte Waldland eindeutig der Ballenstedter Familie zuschrieb.

»Meinen Erstgeborenen Hermann kennt Ihr bereits vom Kriegsdienst für den König«, fuhr Ekkehard fort und winkte den Sohn an seine Seite.

Damit trat ein hochgewachsener Mann in Utas Sichtfeld, der das hellbraune Haar kaum schulterlang und den Bart ungewohnt kurz geschoren trug.

Graf Adalbert deutete eine Verbeugung an und winkte seinerseits Esiko zu sich heran. »Mein Stammhalter weiß mit der Streitaxt und mit dem Kurzschwert bestens umzugehen«, sagte er und blickte stolz auf seinen Sohn, der als Zeichen für seine Zugehörigkeit zur Ritterschaft das Kettenhemd angelegt hatte.

»Beim nächsten Kriegszug bin ich im Heer unseres Königs.« Esiko verbeugte sich mit auf die Brust gelegter Hand.

Markgraf Ekkehard nickte und begann, sein Gehänge abzubinden. »Dann werden unsere Söhne sicherlich gemeinsam kämpfen.«

Bei diesen Worten trat der Markgrafensohn hinter den Vater zurück und gab damit den Blick auf seinen Knappen und Schwertträger frei. Beim Anblick des jungen Knappen verfiel Uta ins Grübeln. Sein Gesicht war von Sommersprossen übersät, und sein Haar hatte die Farbe lodernder Glut. Nur ein einziges Mal war sie bislang jemandem mit solch ungewöhnlichem Aussehen begegnet. Das ist Volkard aus dem Hardagau, durchfuhr es Uta, mein einstiger Spielkamerad! Sie erinnerte sich, dass er ihr beim letzten Aufeinandertreffen vor zwei Jahren berichtet hatte, dass er als Knappe an die Ostgrenze des Reiches gehen wolle, weil sein alter Lehrmeister niedergemetzelt worden war. Vielleicht würde sie später mit der Erlaubnis des Vaters noch die Möglichkeit haben, sich mit Volkard auszutauschen.

»Sollten wir unsere Söhne nicht eine Kostprobe ihres Könnens geben lassen und sie auf die Jagd mitnehmen?«, schlug der Markgraf vor.

»Sehr wohl, Markgraf«, entgegnete Adalbert von Ballenstedt. Obwohl nicht ausreichend kampferprobt, war Esiko im zurückliegenden Winter deutlich früher als jeder andere begabte Junge zum Ritter geschlagen worden. »Doch erinnere ich mich, dass Ihr noch einen zweiten Sohn hattet. Geruhte er nicht mitzukommen?«

»Meinen Sohn Ekkehard erwarten wir erst im Herbst aus Kiew zurück, wo er dieser Tage meine jüngste Tochter Oda ihrem Gatten Boleslaw zuführt.«

»Kiew?«, fragte Adalbert von Ballenstedt.

»Herzog Boleslaw hat inzwischen die Herrschaft über Kiew erlangt und tritt nun – mit Kaiser Heinrichs Einverständnis – dem byzantinischen Kaiser Basileios entgegen. Die Ehe mit unserer Oda«, der Markgraf lächelte in Richtung seines Sohnes, »bindet ihn vielleicht mehr als jedes Vertragswerk an die Interessen unseres Kaisers und den jüngst in Bautzen zwischen ihnen geschlossenen Frieden!«

»Der Herzog fordert den byzantinischen Kaiser heraus?«, fragte Esiko beeindruckt.

Markgraf Ekkehard nickte, wandte sich dann aber der Hausherrin zu. »Verehrte Gräfin von Ballenstedt, auch Euch danke ich für die Einladung und freue mich, Euch in bester Gesundheit vorzufinden.«

Gräfin Hidda löste ihre Hand aus Utas und knickste. »Seid willkommen, Markgraf. Wir hoffen, Euch und den Euren den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten.« »Unser letzter Besuch ist zwar schon einige Zeit her«, sagte der alte Markgraf und deutete ebenfalls eine Verbeugung vor der Hausherrin an, »ich erinnere mich aber noch gut an die hervorragende Bewirtung.«

Gräfin Hidda verneigte sich ergeben.

»Man hört derzeit viel aus den Grenzgebieten«, fuhr Markgraf Ekkehard fort. »Wo nun die Lausitzen meinem Schwiegersohn Boleslaw«, er schmunzelte bei diesem Wort, »als Lehen zugesprochen worden sind.«

Uta sah die Mutter tief einatmen. Sie ahnte, dass Hidda die Abtretung der Gebiete, die bisher im Besitz ihrer Familie gewesen waren, schmerzte.

Markgraf Ekkehard schaute sich weiter um. »Und wer ist diese erblühende Jungfer hier?«

Uta hielt den Blick gesenkt. Kein Wort mehr als der Vater sie zu sagen angewiesen hatte! Ihr Herz begann, heftig zu schlagen. »Her ... her ... herzlich willkommen auf Burg Ballenstedt, Markgraf«, sagte sie aufgeregt. Peinlich berührt schloss sie die Augen und schalt sich für ihr Stottern. Warum nur musste es sich ihrer ausgerechnet immer in solchen Situationen bemächtigen, in denen sie besonders gewandt auftreten wollte!

»Ist das Eure Zweitgeborene, Adalbert?« Der Markgraf tätschelte Uta den Kopf.

»Das ist sie!«, antwortete der. »Und mit ihren zwölf Jahren bald im gebärfähigen Alter.«

Unwillkürlich presste Uta die Oberschenkel zusammen. Konnte dem Vater der Blutschleim aufgefallen sein?

»Sie ist uns eine Freude.« Gräfin Hidda bedachte die Tochter mit einem liebevollen Blick.

»Das glaube ich, Gräfin«, bestätigte der Markgraf. »Die junge Dame ist äußerst ansehnlich. Ist sie schon versprochen?« Adalbert von Ballenstedt hob aufmerksam die Brauen. »Noch nicht.«

»Dafür muss sie erst noch etwas wachsen!« Esiko bedachte die Schwester mit einem prüfenden Blick. »Wie Ihr seht, Markgraf, reicht sie einem Manne gerade einmal bis zur Brust.«

Uta fühlte sich plötzlich nackt und fröstelte.

»Das wird schon noch«, versicherte der Markgraf und zwinkerte Uta zu, die daraufhin zaghaft lächelte.

Graf Adalbert räusperte sich. »Wenn es Euch recht ist, möchte ich Euch jetzt zur Tafel bitten.« Er deutete zum Burgsaal hinüber und ging den Gästen dann voran.

Uta folgte hinter der Mutter. Dabei hörte sie Esiko vor sich in Richtung des Hardagauer Knappen zischen: »Rote Haare, Sommersprossen sind des Teufels Artgenossen!«

»Lasst noch eine zusätzliche Tafel und weitere Bänke bringen«, bat Gräfin Hidda den Tischmeister leise und folgte dem Gatten über die Schwelle in den Burgsaal. »Wir haben einige Gäste mehr als erwartet.«

Der Tischmeister verbeugte sich und hastete davon.

Mit zusammengekniffenen Augen überflog Adalbert die bereitgestellten Tische. Als er schon ansetzen wollte, seine Gattin für die im Raum herrschende Kälte zu tadeln, fiel ihm ein, dass er selbst den Befehl gegeben hatte, einen erheblichen Teil der Brennholzvorräte zur Verfüllung eines Loches in der Außenmauer des Brothauses zu verwenden. »Nehmt mit Eurer Familie an der Tafel uns gegenüber Platz, Markgraf«, sagte er daher nun und ließ sich selbst, gefolgt von seiner Gattin, mittig an der Außenseite der rechten Tafel vor dem Kamin nieder. Neben ihm saßen Esiko und der Burggeistliche, während sich Uta an der Seite der Mutter niederlassen durfte. Die weiteren Plätze wurden dem Rang entsprechend abwärts verteilt. An der dritten Tafel, die inzwischen an das Kopfende des Saales getragen worden war, ließ sich das untere Gefolge des Markgrafen nieder.

»Die Mahlzeiten stehen bereit, Graf«, meldete der Küchenmeister seinem Herrn.

»Dann reicht die Wasserschalen«, befahl Adalbert den Mägden, die an den Kopfenden der Tafeln standen. Nachdem sich die Gäste die Hände gereinigt und an den Tafeltüchern abgetrocknet hatten, begannen die Mägde, die Krüge vollzugießen.

»Auf gute Nachbarschaft«, prostete Markgraf Ekkehard.

»Auf gute Nachbarschaft«, erwiderte Adalbert und gab mit der freien Hand den beiden Burgmusikanten das Zeichen zum Aufspielen. Der Jüngere der beiden stimmte ruhige Töne mit der Harfe an, während der Schlaksige auf der Doppelflöte eine leichte Melodie blies. Die Küchenjungen trugen vollbeladene Tabletts in den Saal und knieten zum Zeichen des Friedens zwischen Gastgeber und Gast in der Mitte des Burgsaales nieder.

Fasziniert verfolgte Uta die Zeremonie und das Vorlegen der Speisen, welche die sonst auf Ballenstedt gereichten deutlich an Imposanz und Vielfalt übertrafen. So hatten sie im vergangenen Winter tagelang nur Brot und mehliges Wasser zu essen und zu trinken gehabt. Umso mehr genoss sie nun den Geruch von Schinken, Leberpastete und des herrlich nach Pflaumen und Birnen duftenden Muses. Der Tag, der mit dem betörenden Duft der Narzissen beim Ausritt begonnen hatte, schien eine geruchsintensive Fortsetzung zu erfahren. Im Sog einer fröhlichen Melodie streifte Utas Blick die dritte Tafel, an der Volkard aus dem Hardagau saß und gerade nach einer Hühnerkeule griff. Sie erinnerte sich noch gut an ihn, ihre beiden Familien hatten vor zwei Sommern das Auferstehungsfest des Herrn hier auf Burg Ballenstedt gemeinsam begangen. Der Junge mit dem ungewöhnlichen Haar, von dem Uta meinte, dass es die Leuchtkraft der brennenden Kienspäne an den Wänden des Burgsaales aufsog, zählte drei Jahre mehr als sie, erschien ihr körperlich aber unverändert gedrungen.

»Mmh. Was für ein guter Schinken!« Eine Silberschale schob sich in Utas Blickfeld. »Ein Edelfräulein sollte Fremde nicht so anstarren«, flüsterte Erna, die gewöhnlich für das Ankleiden, die Ordnung in der Kemenate und noch einige andere Wünsche der Grafenkinder zuständig war. Aufgrund des aufwendigen Mahles half sie dieser Tage jedoch auch in der Küche aus.

»Erna!« Uta lächelte und senkte den Blick. »Dir entgeht auch nichts!« Sie schaute sofort wieder auf, piekste mit dem Messer ein Stück vom Schinken auf und legte es auf eine Scheibe Brot. »Hier, nimm gleich noch etwas.« Die Freundin hielt die Silberschale tiefer. »Bevor alles weg ist.«

»Ich möchte lieber vom Mus kosten. Kommst du nach dem Fest zu mir hinauf? Dann kann ich dir die Geschichten der Gäste erzählen.«

Voller Vorfreude nickte Erna und wurde im nächsten Augenblick von einem Hungrigen am Ärmel fortgezerrt, der sich darüber beklagte, dass die Platte vor ihm bereits leer sei. Inzwischen waren Tischgespräche über allerlei Belangloses in Gang gekommen. Esiko beschrieb seinen letzten Jagderfolg mit der Axt, die Ritter an der gegenüberliegenden Tafel redeten durcheinander.

»Was meint Ihr dazu, dass unsere kaiserliche Hoheit das Bündnis mit den Liutizen nach dem Friedensschluss mit Boleslaw in Bautzen aufgelöst hat?«, erhob Markgraf Ekkehard, nachdem er einen Fasanenschenkel vertilgt hatte, das Wort und brachte damit alle anderen Gespräche zum Verstummen. »Wird der Friede wirklich ein endgültiger sein?«

Uta horchte auf. Die Liutizen? Esiko hatte ihr vor einiger Zeit von diesem seltsamen Volk erzählt. Sie waren Slawen, die entlang der Elbe bis hinauf zur Ostsee lebten, in ihren Tempeln Gottheiten mit zehn Gesichtern verehrten und diesen sogar Menschenopfer darbrachten. Esiko hatte ihr einst bildhaft vorgeführt, wie sie ihre Opfer quer am Hals, schräg über dem Handgelenk und zwei Finger breit über dem Knie zerschnitten. Zuletzt wurde ihnen der Schädel gespalten.

»Der Kaiser hat das Bündnis mit diesen wilden, heidnischen Slawenvölkern aufgelöst?« Graf Adalbert war offensichtlich angewidert. »Was kann ein Stammesvolk, das sich nicht von Christus leiten lässt, schon gegen einen so übermächtigen Gegner wie Herzog Boleslaw ausrichten!« Er wusste, dass der Friedenschluss mit dem Polen nur durch Zugeständnisse Kaiser Heinrichs möglich geworden war. Und eines davon war die Kündigung des Bündnisses mit den Liutizen gewesen, die Heinrich nun nicht länger als Verbündete gegen Boleslaw zu benötigen glaubte.

»Auf dem Weg in den Harz streift der Kaiser dieser Tage nur knapp unsere Ländereien«, erklärte der Markgraf. »Er führt jene Geiseln aus dem Gefolge des polnischen Herzogs in seinem Zug mit, welche er in Bautzen beim Friedensschluss als Pfand übergeben bekam. Doch trotz dieses Umstands bin ich mir unsicher, was die Dauerhaftigkeit des Friedensabkommens angeht. Schließlich ist allgemein bekannt, dass Herzog Boleslaw einst die polnische Königskrone versprochen bekommen hat, dieses Versprechen von kaiserlicher Seite aber nie eingelöst wurde. Wegen des zu Jahresbeginn geschlossenen Friedens und seiner Ehe mit Oda wird Herzog Boleslaw vorerst vielleicht von weiteren Angriffen absehen, aber ob er endgültig von der Königskrone wird lassen können?« Markgrafensohn Hermann nickte. »Ich bezweifele ebenfalls, dass Boleslaw die Krone aufgegeben hat. Bereits beim Friedensschluss wurde erzählt, dass er seinen Ältesten, Bezprym, enterbt und Mieszko, seinen zweiten Sohn, als Nachfolger erkoren hat. Und Mieszko scheint wenig mit unserem Kaiser Heinrich gemein zu haben, obwohl Mieszkos Schwester seit dem vergangenen Sommer meine Gemahlin ist.«

»Zwei Frauen Eurer Familie für die Sicherung des östlichen Vorfeldes unseres Reiches?«, fragte Adalbert aufmerksam und ließ seinen Blick zufrieden zu seiner Frau gleiten.

Uta hingegen erschauderte bei dem Gedanken an einen Vater, der seine Tochter als Kriegspfand einsetzte.

»Mieszko erscheint mir noch unberechenbarer als sein Vater«, grübelte der Markgraf an die Runde gewandt. Beim Anblick der kleinen Grafentochter mit den vor Spannung weit aufgerissenen Augen schaute er aber sofort wieder fürsorglich. »Deswegen hat Kaiser Heinrich nach dem Friedensschluss in Bautzen entlang der Elbe auch das halbe Heer zurückgelassen. Man kann ja nie wissen. Die Befehlsgewalt soll er seiner Gattin, Kaiserin Kunigunde, übertragen haben.« »Pah!« Graf Adalbert schlug mit der Faust auf die Tafel und schüttelte verständnislos den Kopf.

Uta zuckte zusammen und griff unter dem Tisch nach der Hand der Mutter. Sie wusste aus Erfahrung, dass der Vater im Zorn gern seine körperliche Kraft zur Demonstration seines Willens einsetzte, wie damals, als die Neugier sie das Wort an einen königlichen Gesandten hatte richten lassen, noch bevor der Vater dazu gekommen war, diesen formal zu begrüßen. Hochschwanger hatte sich die Mutter schützend vor sie gestellt und war vom Vater wie eine Puppe zur Seite geschleudert worden. Durch den harten Aufprall an die Wand des Burgsaals hatte sich ihr ungeborenes Kind im Mutterleib gedreht. Bei der drei Tage dauernden nachfolgenden Geburt hatte die Wehmutter dann von einem Wunder gesprochen: Der kleine Wigbert war gesund geboren worden. Doch nach diesem Vorfall hatte Uta sich geschworen, ihre Mutter nie wieder in eine solche Situation zu bringen. Sie seufzte und dachte dann an ihre jüngeren Geschwister, die auf Anweisung des Vaters während der Tafel von ihrer Amme Gertrud in der mütterlichen Kemenate beaufsichtigt wurden, damit sie unter keinen Umständen das Fest störten.

»Kaiserin Kunigunde unterzeichnet inzwischen sogar als Mitregentin – als consors regni«, ergänzte der Markgrafensohn.

»Was ist eine Mitregentin?«, flüsterte Uta der Mutter ausgerechnet in dem Moment ins Ohr, in dem Graf Adalbert sich seiner Gattin zuwendete. Mit einem scharfen Blick quittierte er das Tun seiner Tochter und beugte sich zu ihr hinüber. »Du sprichst nur, wenn du ausdrücklich dazu aufgefordert wirst. Hast du verstanden?« Adalbert von Ballenstedts linkes Augenlid pochte, als er seine Gattin vorwurfsvoll anschaute. »Sie kann ja nicht einmal pünktlich erscheinen, wenn es von ihr verlangt wird!«

Traurig senkte Uta den Kopf. Sie hatte doch lediglich das Wort an die Mutter gerichtet. Noch dazu im Flüsterton. Sollte ihr dies ab dem heutigen Tag etwa auch versagt sein?

»Eine Mitregentin«, begann Hermann von Naumburg an Gastgeber und Gastgeberin gerichtet zu erklären, »hat wichtige politische Pflichten zu erfüllen, will sie ihren königlichen Gatten tatkräftig unterstützen.«

Graf Adalbert ließ daraufhin von den Frauen seiner Familie ab und konzentrierte sich wieder auf die gegenüberliegende Tafel. Betreten senkte Uta den Kopf.

»Unsere Kaiserin Kunigunde hilft ihrem Gatten zum Beispiel nicht nur bei der Organisation des Heerlagers«, fuhr der Markgrafensohn mit seiner tiefen Stimme ruhig fort, »sie berät ihn sogar bei der Besetzung von Ämtern oder bei Landesschenkungen.«

Vor lauter Erstaunen über diese Worte hatte Uta Mühe, den Kopf gesenkt zu halten.

»Solche Kaiserinnen sind die Ausnahme«, belehrte Markgraf Ekkehard die Runde, als er die irritierten Gesichter beider Gefolge bemerkte. »Für solche Angelegenheiten hat der Kaiser in der Regel Berater wie mich.«

»Heinrich muss mit seiner Gattin ein besonders enges Vertrauensband haben, wenn er ihr diese Verantwortung überträgt«, sagte Markgrafensohn Hermann mehr zu sich selbst als an die Tischgesellschaft gewandt. »Er muss ihr mindestens genauso viel Verstand und Verhandlungsgeschick zubilligen wie uns, seinen Beratern.«

»Nicht so melancholisch. Du hast doch ein vernünftiges Weib«, sagte der Markgraf und stieß seinen Sohn in die Seite. »Ja, ja. Die holde Weiblichkeit. Die hat ihre eigenen Waffen im Kampf um Einfluss und Macht«, fuhr er dann lauter und für alle vernehmbar fort.

Daraufhin erhob sich ein Ritter und griff sich zwischen die Beine. »Unsere Waffen sind aber auch nicht zu verachten.« Die Männer lachten grölend.

»Ich bezweifele«, versuchte Graf Adalbert das Gelächter zu übertönen, »dass ein Weib Kriegsführung und Politik tatsächlich so zu erlernen vermag, wie uns Gott dieses Vermögen von Geburt an mitgegeben hat.«

»Niemals«, mischte sich Esiko ein und klopfte dem Vater beipflichtend auf die Schulter. »Sonst würde die von Gott gewollte Ordnung ja auch vorsehen, dass Weiber lernfähig sind.« Er glaubte zwar daran, Frauen belehren zu müssen, aber die Fähigkeit aus diesen Belehrungen zu lernen, sprach Esiko ihnen kategorisch ab. »Auf die Politik des starken Geschlechts«, prostete er den Gästen zu.

Gräfin Hidda blickte ihren Sohn sorgenvoll an. Auch Uta war der Durst vergangen. »Frauen dürfen nicht lernen? Wie kann Esiko so etwas behaupten?«, wandte sie sich erneut an die Mutter, als der Vater durch einen anderen Gesprächspartner abgelenkt war.

»Später, Liebes«, bat die Gräfin.

»Aber Esiko muss sich irren!«, beharrte Uta und zupfte Hidda am Ärmel.

»Wir reden darüber, wenn die Gäste fort sind.«

Uta holte tief Luft und wollte abermals ansetzen, hielt aber inne, als sie die Hand ihrer Mutter auf dem Schoß spürte. Augenblicklich erinnerte sie sich wieder der quälenden Geburtsschreie und verharrte weiter stumm, während die Musikanten von Gast zu Gast gingen und dabei beschwingtere Stücke aufspielten.

»Habt soweit Dank für Eure Gastfreundlichkeit«, sagte Markgraf Ekkehard schließlich und griff nach einem Stück vom Gewürzkuchen, den die Mägde mit den letzten Naschereien herumtrugen.

»Nun dann!«, sagte Graf Adalbert und hob die Tafel auf. »Lasst uns zur Jagd aufbrechen. Die Treiber und Bläser sind bereits im Burghof versammelt.«

 

Erst als die Bediensteten die Tafeln aus dem Burgsaal trugen, vermochte Uta ihren Blick wieder zu heben. Sie stand auf und trat vor den Fensterschlitz. Die Behauptung, dass das Lernen gotteslästerlich sei, widersprach ihren bisherigen Erfahrungen. Obwohl sie ein Mädchen war, wusste sie Gewänder mit Blumenmotiven zu besticken und die Buchstaben des Alphabets allesamt hintereinander zu nennen. Zudem war sie imstande, die väterliche Linie der Askanier sowie die mütterlichen Vorfahren der Christiansippe aufzuzählen, während Esiko so manches Mal darüber ins Stocken geriet.

»Entschuldigt, Jungfer«, drang es von der Tür zu ihr herüber. Uta wandte sich um. »Volkard aus dem Hardagau?«

»Und Knappe Hermanns von Naumburg«, entgegnete der. »Ich wollte Euch nicht erschrecken.«

»So schnell vermag mich niemand zu ängstigen«, gab sie barscher als beabsichtigt zurück. Der Ärger über Esikos Behauptung schwang noch in ihrer Antwort mit. »Wisst Ihr, wenn das Spiel, und ein solches scheint es ja zu sein, viele gegen einen lautet, zeugt das nicht gerade von Gerechtigkeit.« Volkard aus dem Hardagau schaute sie verwundert an und tat einen Schritt auf sie zu. »Findet Ihr Hetzjagden auch so langweilig? Mein Herr hat mich von der Jagd befreit. Stattdessen soll ich sein Schwert vom Schmied richten lassen.«

Uta sah auf einmal wieder das Gesicht des Markgrafensohns Hermann vor sich, als er von der Kaiserin gesprochen hatte, und lächelte bei dem Gedanken, mit welch ruhiger Stimme er ihrem zornigen Vater geantwortet hatte. »Schmied Jonas heizt in der Werkstatt neben dem Brothaus ein. Dort werdet Ihr ihn finden«, antwortete sie schließlich und schaute wieder aus dem Fensterschlitz. Ob Esiko und der Vater von bestimmten Fähigkeiten zum Lernen gesprochen hatten?

Volkard aus dem Hardagau unterbrach Utas Grübelei erneut. »Erinnert Ihr Euch noch an das Spiel der Schneerose, das wir vor zwei Wintern begannen?«

Uta hob die Brauen und fixierte das Fensterpergament vor sich. »Die Schneerose?«, fragte sie. Eine Kräuterfrau, die wegen der Gicht des Grafen auf der Burg gewesen war, um diese zu behandeln, hatte ihr einst von diesem Brauch erzählt. »Die ausschließlich im Winter blühende Schneerose soll über Glück und Unglück im Leben entscheiden«, begann sie, die damaligen Worte der Kräuterfrau vorzutragen. »Doch dazu muss man im ersten Winter eine erblühte Schneerose entdecken und pflücken. Noch vor dem Ende der kalten Jahreszeit gehört das seltene Gewächs dann in ein Holzkistchen gepackt und fest verschlossen. Dieses Kistchen muss im Wald unter einer dicken Schneeschicht zwischen den Wurzeln einer großen Buche vergraben werden. In der Baumwurzel liegen die Ursprünge aller Dinge und allen Seins. Gräbt man das Holzkästchen nach frühestens einem weiteren Winter aus, und sind die Blätter nicht abgefallen, so deutet dies auf ein glückliches Leben auf Gottes Erde hin.« Uta hatte die Bilder von damals deutlich vor Augen, als sie sich vom Fenster abwandte und in Gedanken versunken an dem Knappen vorbeitrat. Erna, Volkard und sie waren damals unter der Aufsicht des älteren Bruders, der das Ganze als Unsinn abgetan hatte, den Anweisungen der Heilkundigen gefolgt. Drei nebeneinander stehende Buchen hatten sie ausgewählt und mit der Schaufel ein tiefes Loch gegraben, um ihr Kästchen jeweils zwischen die Baumwurzeln zu setzen. Anschließend hatten sie mit dem Messer noch ein Erkennungszeichen in die Rinde geritzt.

»Zwei Winter sind seitdem vergangen«, sagte der Knappe. »Wenn Ihr wünscht, reiten wir gemeinsam zur Schneerose.« Die Aussicht, die Zukunft zu erfahren, hob Utas Laune. Sie nickte, zögerte aber mit dem nächsten Herzschlag. Vor ihrem inneren Auge sah sie die blutleeren Lippen des Vaters, der einen solchen Ausritt wahrscheinlich nicht erlauben würde. Aber der Knappe vor ihr war älter geworden, sein Haar leuchtete außergewöhnlich kraftvoll. Zur Not würde er sie vor wilden Tieren beschützen können.

»Die Jagdgesellschaft bricht jeden Moment nach Norden auf.« Der Knappe schien den Grund für Utas Zögern erraten zu haben. »Unsere Schneerosen haben wir außerdem im Südforst vergraben. Wir werden aus ihm zurück sein ...«

»... noch bevor die Jagdgesellschaft dem erstbesten Eber hinterherjagt«, beendete Uta seinen Satz. »Ich werde Euch auf dem kurzen Ausritt begleiten Volkard, und zudem wird Erna mit uns kommen. Sie wird sicherlich auch einen Blick auf ihre Schneerose werfen wollen«, wandte sich Uta im Gehen noch einmal um. Neben der Mutter war Erna der einzige Mensch auf der Burg, mit dem sie ein solch kostbares Geheimnis wie die Offenbarung der Zukunft zu teilen wagte. Sie eilte in den Stall, um Linhart um die Pferde für den Ausritt zu bitten.

Dabei klangen ihr erneut Esikos Schimpfworte in den Ohren: Rote Haare, Sommersprossen sind des Teufels Artgenossen!

 

Im Wald herrschte eine himmlische Ruhe.

Mit einem »Brrrr« brachte Volkard sein Ross zum Stehen, als sie den Rand des Südforstes erreichten. »Hinter der Lichtung, vor der sich die zwei schmalen Wege gabeln, müssten unsere Bäume stehen.« Er zeigte mit dem ausgestreckten Arm geradeaus. »Dort, seht Ihr?«

Utas Blick folgte der Richtung seines Arms, sie vermochte jedoch nichts zu erkennen.

»Lasst uns direkt auf die Lichtung reiten und die Bäume dort untersuchen«, schlug Volkard vor und trabte voraus. »Ich spüre, dass sich unsere Schneerosen dort befinden.«

Uta zögerte. Sie hatte Erna weder im Gesindehaus noch in der Küche finden können und schließlich die Burg von Neugier getrieben zusammen mit dem Knappen verlassen. Von der Ruhe des friedlichen Ortes angezogen, wischte sie ihre Bedenken beiseite und folgte ihm zur Lichtung.

Wildwuchs machte den Erdboden zwischen den Bäumen, die die Lichtung säumten, schwer zugänglich, so dass sie absitzen mussten. Uta band ihr Pferd an einer knospenlosen Buche fest und folgte dem Knappen durch dichtstehenden Farn. Sie trat vor einen besonders knorrigen Baum, an dessen Stamm Efeu emporrankte, der sich nur mühsam entfernen ließ. »Ich habe den Kreis gefunden, den Erna als Erkennungszeichen eingeritzt hat«, vermeldete Uta einen Augenblick später freudig.

Ihr Begleiter war inzwischen an den Nachbarbaum getreten und suchte dort nach einer Markierung. »Hier ist mein Kennzeichen!«, rief er. »Damit muss der Baum zu meiner Rechten Euer Zukunftsbaum sein.«

Uta kämpfte sich zum rechten der drei Baumriesen durch und trat um ihn herum. »Jetzt muss ich nur noch mein Zeichen finden.« Sie beugte sich zum Wurzelansatz hinab und tastete die Rinde des von Buschwindröschen umwachsenen Stammes ab. »Hier ist die Kerbung!« Erfreut richtete sie sich auf und flüsterte: »Lieber Herrgott, weise mir den Weg in eine gefällige Zukunft.« Ihr Blick glitt bedächtig den Stamm entlang bis zur Krone hinauf. »Volkard, wie gut, dass Ihr die Lichtung wiedererkannt habt!«

Als sie keine Antwort erhielt, schaute sie sich um und bemerkte, dass der Knappe verschwunden war. Dann fuhr sie zusammen. Zwei Hände hatten plötzlich von hinten nach ihren Handgelenken gegriffen. »Räuber!« Mit aller Kraft versuchte sie, sich aus dem festen Griff zu lösen. Da wurde sie herumgedreht und mit dem Rücken gegen den Baumstamm gedrückt.

Uta war entsetzt. »Volkard!«

Der Hardagauer starrte auf die zarte Wölbung ihrer Brüste.

»Lasst mich los«, forderte sie und setzte zu schreien an. Wenn es in diesem Wald Räuber und wilde Tiere gab, dann sollten ihr diese jetzt zu Hilfe eilen.

Doch der Wald zeigte sich auch dann noch von beeindruckender Stille, als der Knappe sie zu Boden warf und die Nestelbänder seiner Beinlinge zu lösen begann.

»Nein!« Beim Anblick ihres Peinigers erschrak sie und versuchte, sich mit den Beinen freizukämpfen. Wie in einem Traum nahm sie wahr, dass er ihre Gewänder hochschob und sich mit seinem ganzen Körper auf ihren Leib drückte. Tränen flossen ihr über die Wangen. Sie schrie auf, als sich etwas Hartes zwischen ihre Beine presste. Sie spürte etwas Feuchtes an der Innenseite ihrer Oberschenkel und meinte, saure Milch zu riechen.

»Uta!«, hallte es da auf der Lichtung. Adalbert von Ballenstedt näherte sich mitsamt der Jagdgesellschaft.

Volkard hielt inne.

Uta blickte erschrocken auf. »Herr Va ... Va ... Vater«, begann sie und schob das Unterkleid hastig über den Schoß. Der Knappe löste sich von ihr.

Graf Adalbert stieg von seinem Pferd und schritt wütend auf seine Tochter zu. »Wie kannst du es wagen, dich dem jungen Edelmann so schamlos hinzugeben!«

»Ich ...« Uta taumelte bei dem Versuch aufzustehen.

»Schweig! Wie eine Hure siehst du aus mit den dreckigen Kleidern und dem zerzausten Haar.«

Die Jagdgesellschaft verfolgte schweigend die Szene.

»Du bist eine Schande für die Familie. Dass du das ausgerechnet vor unseren markgräflichen Gästen beweisen musst!« An Esiko gewandt befahl Graf Adalbert: »Begleite Uta zurück zur Burg. Sie soll dort auf mich warten, um ihre Bestrafung entgegenzunehmen.« Er wandte sich ab und ging zu seinem Pferd zurück.

Sie, eine Schande? Uta war fassungslos. Sie musste dem Vater erklären, dass es Volkard gewesen war, der diese Situation herbeigeführt hatte. »Va ... Vater, bitte hört mich an!«

Graf Adalbert hielt mitten im Aufsitzen inne und wandte den Kopf. »Schau dich doch nur an. Das Blut deiner Lust klebt dir sogar noch an den Gewändern. Und jetzt schweig endlich!« Uta fühlte sich erbärmlich, als Esiko sie wie eine Aussätzige mit dem Stiel seiner Axt vor sich her zu ihrer Stute schob. »Schwesterlein, wenn du nur auf meinen Rat gehört hättest: Rote Haare, Sommersprossen sind des Teufels Artgenossen!«

»Volkard!«, rief da die tiefe Stimme des Markgrafensohns und zog die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich. »Hast du etwas zu dem Vorfall zu sagen?«

Doch Volkard aus dem Hardagau, der die Bänder seiner Bruche in der Hand hielt, vermochte darauf nur, betroffen zu Boden zu schauen. Uta richtete ihren Blick auf den Sohn des Markgrafen.

»Verzeiht, Hermann von Naumburg«, fuhr Graf Adalbert dazwischen. »Aber es ist die Tochter meiner Gattin, die sich hier ganz offensichtlich schuldig gemacht hat. Bitte überlasst die Regelung des Vorfalls mir!«

Markgraf Ekkehard wandte sich an seinen Sohn. »Der Graf hat recht. Er muss entscheiden. Es geht um seine Familie.« Uta löste den Blick von dem Markgrafensohn und saß, unfähig auch nur ein Wort zu ihrer Entschuldigung zu sagen, auf ihre Stute auf.

 

Die Verkündung von Strafen erfolgte stets im Burgsaal. Jenem Ort, an dem heute schon getafelt und gefeiert worden war. Adalbert von Ballenstedt zitierte seine Kinder immer dann dorthin, wenn eines von ihnen ein Unrecht begangen hatte. Esiko hatte bisher nur ein einziges Mal als Angeklagter vor dem väterlichen Tribunal erscheinen müssen. In jugendlichem Übermut hatte er auf fremdem Land gebrandschatzt und damit den Zorn des Besitzers auf die Ballenstedter Familie gelenkt. Selbst Utas jüngere Schwester Hazecha war mit ihren fünf Jahren nicht vom väterlichen Strafgericht verschont geblieben. Im vergangenen Herbst hatte der Graf der Kleinen zehn Tage lang die Hände auf dem Rücken zusammenbinden lassen, um sie zu lehren, zukünftig keine Naschereien mehr aus der Küche zu erbitten. Das Mädchen hatte sich vor den Augen aller Burgbewohner quälen müssen. Die am häufigsten Angeklagte war jedoch Uta. Bereits dreimal hatte der Graf im Burgsaal über sie Gericht gehalten. Nun drohte ihr die vierte Bestrafung.

Uta stand in der Mitte des leeren Saales und wartete auf die Ankunft des Vaters. Die Wärme und sämtliche Speisendünste hatten sich mit dem Abgang der Gäste in den Vorhof verflüchtigt. Wie eine breite, stumpfe Klinge fiel das Licht der heraufziehenden Abenddämmerung durch die Fensterschlitze auf sie. Sehnsüchtig folgte ihr Blick den letzten Strahlen der Sonne. Dabei erinnerte sie sich an ein Gespräch mit Erna, in dem diese ihr mit umständlichen Gesten erklärt hatte, dass Kinder nur dann entstünden, wenn sich die Lenden von Mann und Frau tief miteinander vereinten. Volkard aus dem Hardagau war aber nicht tief zwischen ihre Lenden vorgedrungen. Die Jungfräulichkeit besaß sie demnach noch. Diese Botschaft würde den Vater sicher besänftigen. Uta war dennoch bange. Sie hätte den Knappen niemals alleine in den Wald begleiten dürfen. Beim Gedanken an ihn fühlte sie sich schmutzig; ihre brennenden Handgelenke schmerzten noch immer von seinem brutalen Zugriff.

Uta zog sich die grüne Spange aus dem zerzausten Haar und umschloss sie mit der Hand. Hoffentlich würde die Mutter gleich kommen, um sie vor dem Vater zu beschützen. Gemeinsam musste es ihnen einfach gelingen, den Vater von einer harten Bestrafung abzubringen, hatte sie mit ihrem Ausritt in den Wald doch lediglich das Geheimnis um die zukunftsweisende Schneerose lüften wollen.

»Wo bist du gewesen?« Hazecha war durch die Tür geschlüpft und rannte mit ausgebreiteten Armen auf die ältere Schwester zu. Ohne deren Frage zu beantworten, empfing Uta die Kleine mit einer Umarmung.

»Wollen wir mit Wilma spielen?«, fragte Hazecha gespannt, die es kaum abwarten konnte, die in die Jahre gekommene Stute aus dem gräflichen Stall über den Hof zu führen.

Uta strich der Schwester, deren dunkles Haar und zarte Gesichtszüge sie beinahe wie ihre Zwillingsschwester aussehen ließen, sanft über den Kopf. »Liebes, das machen wir später.«

Verunsichert griff Hazecha nach einem Zipfel von Utas zerrissenem Oberkleid. »Wann ist später?«

»Wenn wir das Abendgebet gesprochen haben.« Schweren Herzens schob Uta die Jüngere von sich weg und schaute unruhig zur Tür. »Aber geh doch schon einmal voraus in den Stall und schau, ob Wilma satt ist. Du weißt doch, woran du das erkennst.«

»Das weiß ich!« Hazechas Gesicht hellte sich auf, und sie machte sich sogleich an eine Vorführung: Zuerst zog sie ihre obere Lippe über die untere, legte dann ihre ausgestreckten Zeigefinger dicht an den Kopf als wären es Pferdeohren, um sie danach leicht nach unten zu senken, genauso wie sie es schon oft gemeinsam bei Wilma beobachtet hatten, wenn diese nach der Fütterung keinen Halm Heu mehr hatte fressen wollen.

Der Anblick der Schwester rang Uta ein Lächeln ab.

Da betrat Adalbert von Ballenstedt den Saal.

Instinktiv zog Uta Hazecha hinter sich.

»Lass uns alleine«, wies der Graf seine jüngere Tochter an und fixierte dabei das Paar Hände, das Utas Oberschenkel von hinten umklammerte.

Hazecha, deren Augen sich bereits mit Tränen füllten, krallte sich jedoch nur noch fester an die Schwester. Daraufhin zog Adalbert das Mädchen hinter Utas Rücken hervor und schob es zur Tür. Als Hazecha sich noch einmal erschrocken umwandte, versuchte Uta, ihr ein ermutigendes Lächeln zu schenken, bekam aber kaum mehr als eine Grimasse zustande. Adalbert von Ballenstedt legte den eisernen Riegel der Burgtür um und schritt ungewohnt still auf Uta zu. Sein Gang wurde vom kleinkindlichen Wimmern auf der anderen Seite der Tür getragen. Zwei Armlängen vor seiner Tochter versteifte er sich. Das Dämmerlicht beschien nun ihn.

Im Blick des Vaters meinte Uta weder Verachtung noch Hoffnung, sondern nur Ausdruckslosigkeit auszumachen. Sie holte tief Luft. »Herr Vater, ich kann Euch erklären ...« Da klopfte es.

Uta schöpfte Hoffnung. »Frau Mutter?«

Doch Adalbert von Ballenstedt wandte den Blick nicht von seiner Tochter ab, als er befahl: »Ich verlange, nicht gestört zu werden!«

Das Klopfen verstummte. Das Wimmern entfernte sich.

Zögerlich setzte Uta erneut an: »Ich kann Euch versichern, dass nicht ich ...« Ein Schlag ins Gesicht ließ sie benommen in Richtung der Wand taumeln.

Graf Adalbert folgte seiner Tochter. »Nichts kannst du, Unwürdige, außer mich vor dem Markgrafen zu blamieren! Doch davon habe ich jetzt genug. Als ob meine Warnung an der Tafel nicht schon ausreichend gewesen wäre!« Uta brummte der Kopf vom Schlag.

»Sprich den Reinigungseid!«, forderte er. »Gott allein weiß, ob du schuldig bist.«

»Aber ...«, hob sie erneut an, verstummte dann jedoch, weil sie begriff, was er da von ihr verlangte.

»Leiste – den – Eid!«, wiederholte er.

»Den Eid leisten?« Uta wich zurück und presste den schmerzenden Rücken gegen die Wand. Der Eid war für so manchen Vasallen schon das Todesurteil gewesen! Nur wenn es dem Beschuldigten gelang, dessen Wortlaut fehlerfrei, ohne zu zögern oder sich zu verhaspeln, auszusprechen, bewies Gott damit die Unschuld des Angeklagten. Den Text des Eides, der für alle Anklagen identisch war, kannte Uta von den Gerichtstagen, an denen hier im Burgsaal Recht gesprochen worden war.

Der Vater zog sie an den Armen zu sich. »Sprich den Reinigungseid, oder ich muss dich sofort verstoßen!«

Uta erstarrte. Verstoßen? Ein Leben ohne die geliebte Mutter und die Geschwister? Sie war doch glücklich hier. Was sollte sie alleine, fern der heimatlichen Burg? Das konnte der Herrgott nicht zulassen. Die Finger des Vaters umfassten ihre zerkratzten Arme und schlossen sich dann wie eiserne Klammern um ihre Handgelenke.

Uta wollte sich aus dem schmerzenden Griff befreien, doch der Vater zog sie nur noch näher zu sich. »Die Verweigerung des Reinigungseides ist erst recht ein Gottesurteil. In diesem Fall bist du schuldiger, als es ein gewöhnlicher Sterblicher überhaupt sein kann.«

Uta nickte erschrocken. Satzfetzen wie Gottes Gebote, Unschulddes Erdlings und irdischer Vertreter schossen ihr durch den Kopf. Die übrige Erinnerung an den Wortlaut des Eids war lediglich ein Brei aus Buchstaben.

»Und?« Mit diesem Wort ließ der Graf die Handgelenke seiner Tochter los und verschränkte die Arme vor der Brust.

Uta drückte die Faust mit der grünen Spange zusammen und schloss die Augen. Sie sah die Mutter und die Geschwister vor sich, die ihr ermutigend zulächelten.

»Ich, Uta von Ballenstedt«, begann sie den Eid und öffnete die Augen. Der Saal im Hintergrund verschwamm; lediglich die Silhouette des Vaters zeichnete sich gestochen scharf davor ab. »Ich schwöre vor Gott und allen Heiligen, dass ich frei von Schuld bin.«

Damit war der erste der drei Eidsätze heraus. Begleitet von einem heftigen Pochen in ihren Schläfen fuhr sie fort. »Ich habe weder gegen die Gebote Gottes noch gegen die Gebote meines diesseitigen Herrn, seines irdischen Vertreters, gehandelt.«

Nun stand nur noch der letzte der drei Sätze aus. Uta blickte kurz auf die Spange in ihrer Hand. Dann begann sie den Satz, der dem ganzen Alptraum ein Ende bereiten sollte. »Der Allmächtige möge die U ... U ... U ...«, Uta versuchte, das ersehnte Wort mit aller Macht aus sich herauszupressen. »Möge die U... Un...«

»Ich wusste«, spie Adalbert von Ballenstedt hervor, »dass du das Wort Unschuld niemals herausbringen würdest!«

Uta schaute fassungslos zu Boden. Der Reinigungseid war ihr misslungen. Kein Haspler, kein Zögern, keine Fehler lauteten die Bedingungen für Gottes Freispruch. Das Gesicht des Vaters verschwand hinter ihrem Tränenschleier.

»Gott hat Recht gesprochen. Beim nächsten Gerichtstag, zum Fest des heiligen Georg, wirst du verstoßen.« Graf Adalbert löste die verschränkten Arme vor seiner Brust und holte erneut aus. Wieder schleuderte sein Schlag Uta gegen die Wand und ließ sie an ihr hinab zu Boden gleiten. Die grüne Spange kullerte ihr aus der Hand.

»Mein Ansehen lasse ich mir von dir nicht zerstören! Eher verzichte ich auf eine Tochter als auf meinen guten Ruf!« Schnaubend verließ Adalbert von Ballenstedt den Burgsaal.

 

Vergebens suchte sie nach einem Anzeichen von Besserung. Doch die immer noch zugeschwollenen Lider begruben die Hoffnung, in Utas Augen den gewohnten grünen Glanz schnell wieder leuchten zu sehen. Utas alte Amme Gertrud, der das jahrelange Stillen die Brust unter dem grauen Obergewand auf den stattlichen Bauch hinabgedrückt hatte, beugte sich tiefer über die Bettstatt. »Fräulein Uta, könnt Ihr mich hören?« Besorgnis zeichnete sich auf dem Gesicht der Frau ab, die sich dem Wohl der ältesten Grafentochter besonders verschrieben hatte. Nicht nur, dass Gertrud dem Mädchen hin und wieder einen der rotbäckigen Äpfel zusteckte, die sie als Dank für Hilfstätigkeiten in der Backstube erhielt. Ebenso gern mühte sie sich auch, Utas beschmutzte Kleider zu säubern, bevor die Blicke des strengen Grafen diese erspähten. Uta blinzelte.

»Kind?«, fragte Gertrud voller Hoffnung.

Utas Antwort erschöpfte sich in einem Stöhnen.

»Eure Mutter, die Gräfin, wies mich an, sie zu verständigen, sobald Ihr erwacht.« Gertrud biss sich vor Freude in die Faust und lief, so schnell es ihr möglich war, aus der Kemenate.

Uta hob den Kopf an und schaute sich um. Was sie an verschwommenen Details wahrnahm, verriet ihr, dass sie sich in ihrer Kemenate auf der elterlichen Burg befand. Als Nächstes versuchte sie sich aufzusetzen, doch der Schmerz, der daraufhin ihren Körper durchfuhr, ließ sie zurück aufs Strohlager sinken. Arme und Beine fühlten sich wie Holzklötze an, die man ihr an den Oberkörper genagelt hatte, und sie verspürte unsäglichen Durst.

»Uta, Liebes!« In Begleitung der Amme eilte Gräfin Hidda auf die Bettstatt zu. Der Blick in das Gesicht ihrer Tochter ließ ihre Züge versteinern. »Gertrud, bitte benachrichtige den Burgmedikus. Er soll unverzüglich Wasser bringen und mit der Behandlung beginnen.«

Die Angesprochene schob ihrer Herrin noch einen Stuhl ans Kopfende der Bettstatt und verließ dann mit einer Verbeugung die Kemenate.

Gräfin Hidda setzte sich fahrig auf die Stuhlkante. »Der Herr hat dich unter uns gelassen«, sagte sie und nahm vorsichtig Utas Hand. Sie zitterte leicht, als sie begann, jeden einzelnen fiebrigen Finger ihrer Tochter zu streicheln. »Um dieses Geschenk habe ich ihn während der vergangenen sieben Tage jeden Morgen und jeden Abend ersucht.«

Sieben Tage lang lag sie also schon danieder? Sieben Tage seitdem ... Bilder des wollüstigen Knappen und des prügelnden Vaters erschienen wieder vor ihrem geistigen Auge. »Liebe Mutter«, sprach sie leise. Mehr gab ihre Kehle nicht her.

Hidda schaute sie liebevoll an und legte ihr den Finger auf die Lippen. »Schone deine Kräfte, Liebes.«

Uta stiegen Tränen in die Augen. »Der Vater will mich ...«, kraftlos unterbrach sie den Satz.

»Er unterrichtete mich, dass er den Reinigungseid von dir gefordert hat«, sagte Hidda, während ihr bislang zärtlicher Blick kühl wurde.

»Ich habe mich Volkard nicht hingegeben«, versicherte Uta, wurde aber von einem Hustenanfall unterbrochen. »Glaubt Ihr mir?«, fragte sie danach erschöpft mit schwacher Stimme.

Das Scheppern der aufgestoßenen Tür kam Hiddas Antwort zuvor.

Adalbert von Ballenstedt trat ein. »Das Kind benötigt keinen Medikus!«

Beim Anblick des Gatten versteifte Hidda sich und umklammerte die Hand der Tochter.

»Wir haben seit heute Morgen Verletzte auf der Burg«, erklärte der Graf, ohne einen Blick auf Uta zu werfen. »Begreift endlich, dass das Schicksal des Mädchens nicht in Euren, sondern in Gottes Händen liegt!«

Uta spürte, wie sich die Fingernägel der Mutter in ihre Handoberfläche bohrten.

»Ihre Schuld wurde durch den Eid bestätigt und wird am Tage des heiligen Georg durch das Gericht verkündet«, sagte er kühl. »Vielleicht erledigt aber zuvor das Fieber, was Gott sowieso als Strafe für sie vorgesehen hat. Und nun folgt mir!« Er zog seine Frau vom Stuhl und ging zur Tür.

»Aber Adalbert«, begehrte Hidda auf, »ohne Hilfe wird Uta sterben!«

Der Graf bedachte seine Gattin mit einem verständnislosen Blick. »Wie der Medikus habt auch Ihr wichtigere Aufgaben!« Mit diesen Worten zog er sie aus der Kemenate.

 

Utas Augenlider zitterten. »Esiko, bist du es?« Breitschultrig und großgewachsen war die Gestalt, die gerade vor ihr aufgetaucht war. Das Gesicht noch von Tränen gerötet, hatte sie die Zeit, seitdem die Mutter sie verlassen hatte, mal wach, mal dämmernd zugebracht. Vielleicht erledigt aber zuvor das Fieber, was Gott sowieso als Strafe für sie vorgesehen hat, gingen ihr die väterlichen Worte unaufhörlich durch den Kopf. Dann zuckte sie, spürte verhornte Handflächen auf ihren Armen. »Esiko, was tust du da?«

Anstatt eine Antwort zu geben, zog sich die Gestalt die Kapuze ihres Umhangs noch tiefer ins Gesicht und richtete Uta im Bett auf. Dann machte sie sich daran, Uta ein nach Mist stinkendes Tuch auf den Mund zu legen und am Hinterkopf festzubinden. Uta stöhnte schmerzvoll auf, als die fremden Arme sie aufnahmen und aus der Kemenate trugen. Ein Wimmern mischte sich auf der zugigen Innentreppe des Wohnturms mit dem nächtlichen Rauschen des Windes.

»Hazecha!«, presste Uta unter dem Tuch hervor.

Ehe sie es sich versah, hatten sie den Burghof erreicht. Der lag in vollkommener Dunkelheit. Die Gestalt hielt schnurstracks auf die Stallungen zu. Dort trat eine kleinere, aber stämmige Person auf sie zu und legte Uta mit einer Hand einen Pelzumhang um, während sie mit der anderen zwei gesattelte Pferde an den Zügeln festhielt. Deren Hufe waren mit Lappen umwickelt. Als Nächstes wurde sie von der großen Gestalt auf eines der Pferde gehievt. Ihr Entführer saß hinter ihr auf.

»Immer in Richtung Dunkelheit, in Richtung Westen«, flüsterte die kleinere Gestalt nun und stieg ungelenk auf das zweite Tier. Sie hielten auf einen Pfad hinter den Stallungen zu, der durch ein kleines Tor in den nahen Forst führte.

Es musste bereits nach Mitternacht sein, denn der unverwechselbare Gesang der Eulen, die sich in den Wäldern um Ballenstedt eingenistet hatten, war nicht mehr zu hören. Der dumpf klingende Hufschlag der Pferde auf dem feuchten Waldboden hielt Uta trotz ihrer Erschöpfung wach. Noch nie zuvor war sie weiter von der Burg entfernt gewesen als bis zum umgebenden Forst. Erschöpft stieß sie mehrere Schreie aus, die jedoch von dem Lappen, der ihr immer mehr die Luft zum Atmen nahm, erstickt wurden.