Die Kathedrale der Ewigkeit - Claudia Beinert - E-Book

Die Kathedrale der Ewigkeit E-Book

Claudia Beinert

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Beschreibung

Wärst du bereit, für deine große Liebe dein Lebenswerk zu riskieren? Naumburg, 1038: Gegen alle Widerstände hat Markgräfin Uta ihren Traum verwirklicht: Ihre Kathedrale ragt in den Himmel über Naumburg. Und endlich scheint auch ihr persönliches Glück zum Greifen nah, denn die Kaiserin hat zugesagt, ihre Ehe mit Ekkehard von Meißen annullieren zu lassen. Dann könnte Uta endlich ihren geliebten Hermann heiraten, den Bruder ihres Gatten, in den sie seit langem heimlich verliebt ist. Doch plötzlich ist Hermann verschwunden, und eine unkenntliche Leiche wird auf den Burghof gebracht, die seine Kleider trägt. Als kurze Zeit später auch noch der Glockenturm der Kathedrale einstürzt, wird klar: Jemand will Uta und ihr Lebenswerk vernichten – und schreckt dafür vor nichts zurück. Zwischen Trümmern und Verrat muss Uta dafür kämpfen, Hermann zu finden, bevor es zu spät ist. Doch der Preis der Wahrheit könnte alles sein, was sie jemals geliebt hat … »Wenn ich ein weibliches Geschöpf aus der Kulturgeschichte treffen wollte, dann Uta von Naumburg …« Bestseller-Autor Umberto Eco Eine farbenprächtige Reise ins Mittelalter – und ein eindrucksvoller Roman über die schönste Frau ihrer Zeit. Der zweite Band der Romantrilogie um Uta von Naumburg ist ein Lesevergnügen für alle Fans von Ken Follett und Donna W. Cross. Alle Bände der Reihe: Band 1: Die Herrin der Kathedrale Band 2: Die Kathedrale der Ewigkeit Band 3: Das Fundament des Lichts Die Bände sind unabhängig voneinander lesbar.  

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch:

 

Naumburg, 1038: Gegen alle Widerstände hat Markgräfin Uta ihren Traum verwirklicht: Ihre Kathedrale ragt in den Himmel über Naumburg. Und endlich scheint auch ihr persönliches Glück zum Greifen nah, denn die Kaiserin hat zugesagt, ihre Ehe mit Ekkehard von Meißen annullieren zu lassen. Dann könnte Uta endlich ihren geliebten Hermann heiraten, den Bruder ihres Gatten, in den sie seit langem heimlich verliebt ist. Doch plötzlich ist Hermann verschwunden, und eine unkenntliche Leiche wird auf den Burghof gebracht, die seine Kleider trägt. Als kurze Zeit später auch noch der Glockenturm der Kathedrale einstürzt, wird klar: Jemand will Uta und ihr Lebenswerk vernichten – und schreckt dafür vor nichts zurück. Zwischen Trümmern und Verrat muss Uta dafür kämpfen, Hermann zu finden, bevor es zu spät ist. Doch der Preis der Wahrheit könnte alles sein, was sie jemals geliebt hat …

eBook-Neuausgabe Februar 2026

Copyright © der Originalausgabe 2014 by Knaur Taschenbuch. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co.KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/VectorIllustrtion, Volodymyr Sanych und The Print Collector/Alamy Stock Photo

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mk)

 

ISBN 978-3-69076-583-1

 

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Claudia & Nadja Beinert

Die Kathedrale der Ewigkeit

Historischer Roman

 

Vorwort

 

Während wir an »Die Herrin der Kathedrale« schrieben, hatten wir lange nicht den Vorsatz, die Geschichte der Uta von Ballenstedt über die Kathedralweihe hinaus zu erzählen. Und nun halten Sie doch einen weiteren Roman um »die schönste Frau des Mittelalters« in den Händen.

Erst bei der Überarbeitung des letzten Kapitels kam uns die Idee, die Geschichte von Uta und Hermann in einem weiteren Buch fortzusetzen. Vielleicht auch deshalb, weil in »Die Herrin der Kathedrale« ein unkompliziertes Happy End für die Liebe zwischen einer verheirateten Frau und ihrem Schwager für das elfte Jahrhundert unrealistisch gewesen wäre. Die Idee der Fortsetzung gewann zunehmend Form, als wir auf Lesungen gefragt wurden, was denn nun aus Uta und Hermann geworden sei. Kamen sie offiziell als Paar zusammen? Und konnte Uta sich so einfach von Ekkehard scheiden lassen?

Unser wichtigstes Anliegen bezüglich einer möglichen Fortsetzung war zunächst, dass wir wieder eine in sich abgeschlossene Geschichte erzählen wollten, weswegen Sie dieses zweite Buch auch unabhängig von der »Herrin der Kathedrale« lesen können. Zudem waren wir uns darin einig, dass der neue Roman keine reine Liebesgeschichte werden sollte. Wir entschieden uns daher – ähnlich wie im ersten Buch – für eine inhaltliche Themenmischung aus Kathedralkunst, Rechtshistorie und den überlieferten politischen Geschehnissen sowie für einen zusätzlichen Strang mit neuen Charakteren (fern von Naumburg – auf dem Moorhof im Thüringischen) und natürlich für die Liebe.

Im Gegensatz zum ersten Roman haben wir aber auch zwei Änderungen durchgeführt, die die erzählte Zeit und das Wesen unserer Heldin betreffen: Die Handlung in der »Kathedrale der Ewigkeit« beschränkt sich auf das Verstreichen eines Jahres. In »Die Herrin der Kathedrale« begleiteten wir unsere Heldin noch über zwanzig Jahre, was uns vor ganz andere handwerkliche Herausforderungen stellte.

Außerdem ist Uta nun auch längst nicht mehr so zurückhaltend und gesetzestreu, wie Sie sie vielleicht schon kennengelernt haben. Inzwischen wagt sie sich für ihre Ziele weit vor, was – wie wir hoffen – Ihrer Sympathie für unsere Heldin keinen Abbruch tut. Denn aus welchem Grund, wenn nicht der Liebe wegen, sind wir bereit, verrückte und scheinbar absonderliche Dinge zu tun?

Nadja ist die Medizin-Interessierte von uns, und so tat sich im zweiten Roman ein weiterer Themenschwerpunkt für uns auf: Eine zu obduzierende Leiche, die viele Fragen aufwirft und anhand derer wir den Kenntnisstand über die Funktionsweise des menschlichen Körpers im elften Jahrhundert aufzeigen konnten. Wussten Sie zum Beispiel, dass das Gehirn vor allem dazu dient, das heiße Blut aus dem Herzen zu kühlen? Zumindest glaubte man das damals.

Wie im ersten Buch ist Claudia unsere Spezialistin für Themen rund um Kathedralarchitektur. Romanische Kirchen waren die am vollständigsten und am buntesten ausgemalten Kirchen des Mittelalters. In ganz Europa ist Claudia auf Spurensuche nach Wandmalereien aus Utas Zeit gegangen und berauscht von dieser Welt aus Traubenkernen, Rötel und Sonnenpfirsichgelb, von dieser Welt steinerner Bücher, in der ein Bild zu jeder Tageszeit eine andere Verheißung zu offenbaren vermag, zurückgekommen.

Neben den Inhalten war uns außerdem daran gelegen, dass sich unsere Figuren in ungeahnte Richtungen entwickeln, also anders, als Sie es bei der einen oder anderen vielleicht für möglich gehalten hätten. Wir möchten Sie, liebe Leserinnen, an neue Schauplätze führen und Ihnen verblüffende Ein- und Ansichten aus Utas Zeit nahebringen. Begleiten Sie unsere Heldin nach Utrecht, nach Speyer und treideln sie mit ihr gemeinsam den Rhein flussaufwärts.

Auf unseren Lesungen haben wir von vielen Zuhörern ergreifende Geschichten über ihre Verbindungen zur historischen Uta erfahren. Wir sind Menschen begegnet, die sich leidenschaftlich für die Askanier, das Adelsgeschlecht, dem Uta entstammt, für den Kathedralbau und die Romanik begeistern, so dass wir uns darin bestätigt fühlten, nicht von Uta von Ballenstedt und der Anziehungskraft des beginnenden Hochmittelalters abgelassen zu haben.

 

Nun wünschen wir Ihnen eine spannende Zeitreise zurück in die Jahre 1038 und 1039.

 

Ihre

Claudia & Nadja Beinert

Personenverzeichnis

 

(Historische Persönlichkeiten sind mit einem Sternchen* versehen.)

 

Uta von Ballenstedt* , Markgräfin von Meißen Kathedralherrin und Liebende. Sie kämpft darum, mit dem Mann zusammen sein zu dürfen, dem ihr Herz gehört, der aber nicht ihr Angetrauter ist.

 

Hermann von Naumburg* , einstiger Markgraf von Meißen. Er gerät unter Wölfe.

 

Ekkehard von Naumburg *, Markgraf von Meißen.

Für ihn stehen der Verlust seiner Gattin als auch der seines Bruders auf dem Spiel.

 

Erna , Frau des Burgkochs Arnold , und ihre Töchter Luise und Selmina. Utas Freundschaft zur Familie des Burgkochs wird auf eine harte Probe gestellt.

 

Katrina

Utas treues Kammermädchen zeigt einen besonderen Spürsinn für Schnallen und Unverbesserliche.

 

Gisela von Schwaben* , in dritter Ehe verheiratet mit Konrad dem Älteren *, Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches (HRR).

Sie wird von ihrem Konrad getrennt und die politische Verantwortung an Sohn Heinrich übergeben müssen. Damit verliert Uta Unterstützung in den höchsten politischen Kreisen.

 

Heinrich III. *, König von Burgund und Ostfranken, Herzog von Bayern und Schwaben, späterer Kaiser des HRR.

Sohn Giselas von Schwaben aus der Ehe mit Konrad dem Älteren. Der streng gläubige Heinrich übernimmt die Macht seiner Eltern und damit auch die Entscheidungsgewalt über Utas weitere Begehren.

 

Notburga von Hildesheim , Äbtissin des Moritzklosters in Naumburg.

Die Ränkeschmiedin verschafft sich tatkräftige Unterstützung im Kampf gegen ihre Jugendfeindin Uta. In die Quere kommt ihr dabei gänzlich Ungöttliches.

 

Bebette von Hildesheim , Schwester der Notburga von Hildesheim

Sie weiß um die Stärke von Gemeinschaften und davon, Massen zu bewegen.

 

Balduin , Ehemann der Bebette von Hildesheim.

Wollhändler in Brügge und bemüht, es seinem Weibe stets recht zu machen. Er wird dennoch gehen müssen.

 

Alwine und Margit , Benediktinerschwestern im Naumburger Moritzkloster.

Die eine überschreitet die medizinischen Grenzen des elften Jahrhunderts, die andere kommt einem unglaublichen Geheimnis auf die Spur.

 

Hühner-Gesa , Magd auf dem Moorhof im Nord-Thüringischen.

Das wortkarge Mädchen macht eine Entdeckung, die in den höheren Kreisen gewaltig für Unruhe sorgen wird.

 

Hans , Knecht auf dem Moorhof im Nord-Thüringischen. Ist Gesas Beschützer und bereit, alles für sie aufzugeben.

 

Kadeloh *, Bischof von Naumburg und kaiserlicher Kanzler von Italien. Hat das Amt des verstoßenen Bischofs Hildeward übernommen und wirkt mit besonderem Auftrag.

 

Wipo *, Dichter, Kaplan und Historiograph Kaiser Heinrichs II. und Kaiser Konrads II. sowie für Heinrich III.

Schenkt man dem antiken Arzt Galenus von Pergamon Glauben, dann ist es nicht das Hirn, sondern das Herz – in diesem Fall Wipos –, das einen enormen Schatz an Weisheit beherbergt, an dem Uta weiterhin teilhaben darf.

 

Simon, der Maler

Hat sich seinem Handwerk mit jeder Faser seines Körpers verschrieben. Der Kathedralfluch wird auch seine Malerburschen treffen.

 

Brětislav I. *, Herzog von Böhmen.

Spricht Eide. Immer wieder. Gibt schließlich seinen Sohn her.

 

SOWIE

 

Knecht Emmerich , der sich zurückholen will, was ihm gehört. Und noch einiges mehr.

 

Umtriebige Benediktinerschwestern des Moritzklosters mit dem – immer noch – besten Honigwein im Heiligen Römischen Reich.

 

Schwarzgewandete Brüder des Georgsklosters unter der Führung von Abt Pankratius, dem das Lächeln vergehen wird.

 

Händler, Kaufleute, Wirt Volkmar und weitere Bewohner Naumburgs, die der beängstigenden Entwicklung in ihrer Burgsiedlung mit einem Ultimatum Herr werden wollen.

 

Brügger Wollbrüder , Mediziner und Geistliche. Ein Großvater in bester Gesundheit, der meint, was er sagt.

 

Meister Matthias , Zimmerer.

Überwacht die Restarbeiten an der Kathedralbaustelle mit der Unterstützung von Meister Joachim und einer Schar Maurer und Tischler. Glaubt an die Kathedrale und noch ein bisschen mehr an deren Herrin.

 

Nicht zu vergessen:

 

Eine Liebe , intensiver als jede Erinnerung.

 

Ein steinernes Buch , beschrieben mit Traubenkernen, Erden, Malachit und Azurit.

 

Ein Moorhof im Nord-Thüringischen, auf dem die Weidenrute vor dem Wort regiert.

 

Eine Zeit, deren Grenzen zu überschreiten häufig mit Verstossung und Tod endete.

 

Eine Kathedrale als Tor zur Ewigkeit

Teil I: Unter Wölfen

Kapitel 1: Dies diem docet

 

»Unus, duo, tres, quattuor. Räubervolk versteck dich nur.« Die Hände vor die Augen gepresst, lehnte Selmina am Brunnen in der Vorburg und zählte mit zaghafter Stimme. Viele kurze Beine setzten sich daraufhin in Bewegung. Aufgeregte Kinderstimmen mischten sich in den Trubel des Marktgeschehens zu Füßen der Kathedrale.

»Nicht lunzen!«, vernahm Selmina noch die Mahnung einer Spielkameradin, die sich, der abnehmenden Lautstärke nach, gerade vom Brunnen zu entfernen schien.

»Quinque, sex und dann septem. Räuber, Räuber bleibt weg, denn ...«, führte sie den Zählreim fort, den ihr Katrina, das markgräfliche Kammermädchen, erst gestern beigebracht hatte, »octo, novem und decem, ich bin die Räuberjägerin!« Selmina ließ die Hände vor ihren Augen sinken und wandte sich um. Wachsam glitt ihr Blick über die Massen, die seit einiger Zeit jeden vierzehnten Tag auf den Naumburger Burgberg kamen. Ein Rest der Werkzeugmusik, mit der sie aufgewachsen war, drang aus der Kathedrale zu ihr herüber. Bei all der Enge, den vielen Stimmen und dem Durcheinander, vermochte sie das Hämmern und Kratzen – wie sonst nur das Wiegenlied der Mutter – besonders zu beruhigen.

»Ich komme«, schickte sie ihrem Zählreim hinterher und tat einige Schritte vom Brunnen weg, neben dem sich gerade eine Handvoll Knechte versammelte, um die Ausbeute des heutigen Einkaufs, ein Paar neue Beinkleider und eine Ecke Schinken, genauer zu begutachten.

»Ich bin die Räuberjägerin«, wiederholte Selmina eine Spur zu zaghaft, als dass es überzeugend klang, dann spähte sie zwischen dem Stand eines Tuchhändlers und einer Pilgergruppe hindurch zu den Unterständen der Handwerker, die sich unweit des Burgtores befanden. Unbestritten war sie froh, im Schutz der Mauern und nicht im nahen Forst nach ihren Spielkameraden suchen zu müssen. Die dunklen, endlosen Wälder, die alles und jeden verschlingen konnten, ängstigten sie. Allein der Gedanke an das Heulen der Wölfe und das Brummen der Bären, das in so manch schlafloser Nacht durch das Fenster ihrer Kammer drang, jagte ihr einen eisigen Schauer über den Rücken.

Selmina atmete erleichtert auf. Hier auf der Burg war sie in Sicherheit. Ihr Herz machte einen Satz, als sie meinte, bei den Unterständen der Handwerker das in der Sonne schwarz glänzende Haar der Bäckerstochter Rosina, die von allen nur Rosi gerufen wurde, auszumachen. Selmina wollte gerade auf ihre Spielkameradin zueilen, als ihr von hinten eine Hand über den Kopf strich. Die Art der Berührung war Selmina vertraut. »Tante Uta!«, rief sie aus und wandte sich um. Augenblicklich vergaß sie ihren Auftrag und umarmte ihre Patentante.

»Nun, meine Kleine?« Uta fuhr der Tochter ihrer Freundin Erna noch einmal über den Schopf.

»Aber Selmina, du kannst unserer neuen Markgräfin doch nicht in aller Öffentlichkeit so nahetreten«, mahnte Erna, die seitlich von Uta stand und deren blonde Locken sich auch von ihrer Haube nicht bändigen ließen.

Auf die mütterliche Mahnung hin ließ Selmina – wenn auch ungern – von ihrer Umarmung ab und schaute zu den zwei Bewaffneten hinter ihrer Patentante.

»Warum denn nicht«, entgegnete Uta und schenkte der kleinen Rothaarigen vor sich ein aufmunterndes Lächeln. »Wie viele Räuber hast du denn schon gefangen, Selmina?« Uta stieß Erna sanft in die Seite, während ihre bewaffneten Begleiter sie vor einer Gruppe Kaufmänner abschirmten, die auffällig zu ihr herüberschaute und anerkennend nickte.

Selmina deutete in Richtung der Handwerkerunterstände und tuschelte Uta mit der Hand vor dem Mund zu: »Rosi habe ich gleich. Und Gwendolin ist meistens in ihrer Nähe.« Die Zehnjährige kicherte froh über die Aussicht, als Räuberjägerin erste Beute zu machen.

»Und deine Schwester?«, fragte Erna daraufhin. »Wo steckt die Räuberin wieder?!«

»Luise hat immer die besten Verstecke«, erklärte Selmina, und ihre Augen leuchteten vor Bewunderung auf.

Erna seufzte, als sie sich daran erinnerte, dass sich ihre Luise vor einigen Tagen bei eben jenem Räuberspiel im Brunnen versteckt hatte und nur mit Hilfe zweier Seile und starker Hände wieder hinausgekommen war. »Luise ist wirklich ein Wildfang, wir können sie kaum bändigen!«

»Vielleicht finde ich sie dieses Mal ja doch«, sagte Selmina und wandte sich in Richtung der Handwerkerunterstände beim Burgtor. Unauffällig versuchte sie sich durch die Massen der Marktbesucher zu schlängeln, bedachte dabei aber nicht, dass ihr wild gelocktes rotes Haar in der Sonne wie ein Feuer loderte, und sie damit für ihre Freunde kaum zu übersehen war. »Sie ergänzen sich gut. Selmina ist dafür umso bedachter«, griff Uta das Gespräch wieder auf und sah nur noch aus dem Augenwinkel, wie der jüngere Zwilling ihrer Patentöchter hinter dem Stand eines ihrer besten Händler, des Schmuckhändlers Christian, verschwand.

Uta blinzelte der Sonne entgegen und hakte sich bei Erna ein. »Der Vogt hat alle Standgebühren bereits eingetrieben. Stell dir vor, dass wir bereits zum fünften Mal in Folge jeden einzelnen Standplatz verkauft haben. Die Händler sind mit den Geschäften äußerst zufrieden, und so werden wir uns bald Gedanken darüber machen müssen, wo wir neue Standplätze einrichten können. Gestern hat ein Seidenhändler das letzte freie Haus an der Nordmauer bezogen.«

Die Frauen ließen sich auf einer Bank vor dem alten Schmiedehaus nieder, welches Erna und ihr Ehemann, Küchenmeister Arnold, über die Jahre zu einem gemütlichen Heim umgebaut hatten. Das bunte Fenster – das wertvolle Geschenk eines Freundes, der ihm zu großem Dank verpflichtet war, hatte Arnold erst jüngst zur Linken der Tür eingepasst. Es lud geradezu ein, auf der Bank davor Platz zu nehmen.

Uta strich mit der rechten Hand über ein paar Pflänzchen, die Erna in schmalen Steintrögen links und rechts des Sitzmöbels aufgestellt hatte. Ein paar Regentropfen vom vergangenen Tag hingen noch an den Blättern, und die zarte Feuchte kitzelte auf ihren Fingerspitzen. Zur Erfrischung tupfte sie sich etwas Wasser auf den Hals und lehnte sich, den Blick zufrieden auf das nahe Markttreiben gerichtet, zurück. »Seit der Kathedralweihe vor vier Mondumläufen ist es ruhiger geworden. Die Steinmetze, Steinschläger und ein Großteil der Transportknechte sind zur königlichen Baustelle in Speyer weitergezogen.« Sie wandte sich Erna zu. »Ich genieße es, endlich wieder mehr Zeit für meine Lieben zu haben. Katrina und ich haben uns gestern den ganzen Tag über gegenseitig aus Wipos Taten Konrads vorgelesen.«

Erna schaute ehrfürchtig zur Kathedrale hinüber. »Sie sagen inzwischen, dass unser Gotteshaus der Weg in die selige Ewigkeit ist.«

Unbeschwert lehnte Uta sich zurück und verlor sich ebenfalls im Anblick der Kathedrale. »Sie ist gebaut worden, um unsere Seelen zeitlebens auf die Ewigkeit vorzubereiten. Das Haus der Ewigkeit.« Und wenn erst einmal die Malereien im Inneren von ihren Wänden leuchten, wird sie noch viel beeindruckender sein, dachte sie bei sich.

Ergriffen nickte Erna und schaute an den Westtürmen der Kathedrale hinauf. Eine berührende Vorstellung war es, dass sie sich alle hier durch ihrer eigenen Hände Fleiß am Bau – sei es als Helfer beim Transport oder wie sie bei der Verpflegung der Handwerker – vielleicht schon ein Stück Seligkeit erarbeitet hatten.

Uta wurde es behaglich warm. Die Naumburger Kathedrale hatte ihr zu Gerechtigkeit verholfen. Mit den Ausmalungen würde sie endlich vollkommen sein.

»Komm!« Uta nahm die Freundin bei der Hand und zog sie forsch von der Bank.

Je einen Wachhabenden vor und hinter sich, passierten die beiden Frauen im Marktgetümmel die Werkstätten der Zimmerleute. Bereits seit zwei Mondumläufen waren die Maurer dabei, die Innenwände der Kathedrale für die Ausmalungen vorzubereiten. Sie hatten die Glockenmacher abgelöst, die zuletzt noch das fehlende Geläut für die zwei Westtürme gegossen und aufgehängt hatten, so dass nun vier Glockentürme, zwei im Westen und zwei im Osten, weit über den Burgberg hinaus zu den Hochfesten riefen.

Sie betraten die Kathedrale über den Eingang im südlichen Querhausarm. Vor dem Altar knieten sie neben einer Schar Fremder nieder und machten das Kreuzzeichen. Dann wandten sie sich dem Langhaus hinter sich zu. Es roch angenehm frisch, und Erna vernahm ein seltsames Schaben und Kratzen. Sie war längere Zeit nicht mehr hier gewesen, die Messen für die Burgbewohner wurden nebenan in der Marienpfarrkirche gelesen. »Wofür ist das?«, wollte Erna wissen, während ihr Blick verwundert über die hölzernen Gerüste glitt, die links und rechts entlang der Langhauswände standen und an der fernen Westwand bereits bis an die Decke reichten.

»Kannst du dir vorstellen, wie es sich anfühlt, ein Buch zu lesen?«, fragte Uta, anstatt eine direkte Antwort zu geben, nachdem sie die Begrüßung von Simon, dem Maler, der weit oben auf einem der Gerüste stand, erwidert hatte.

Erna winkte ab. »Du weißt doch, dass ich keinen einzigen Buchstaben kenne.«

»In nicht allzu ferner Zukunft wirst auch du ein Buch lesen können.« Utas Augen strahlten bei dieser Vorstellung: Ein Buch für jedermann.

Erna war sichtlich verwirrt. »Aber wie soll das gehen? Wird Katrina auch mich unterrichten? Sie hat doch mit Luise und Selmina schon genug zu tun!«

»Katrina? Nein«, entgegnete Uta belustigt. Sie nahm die Freundin erneut an der Hand und schaute an dem Gerüst vor der südlichen Langhauswand hinauf, wo ein Dutzend Maurer gerade dabei war, groben Putz an die Wand zu werfen und bündig abzukellen. »Unsere Kathedrale wird es dich lehren: Wir malen hier drinnen ein Buch, das jeder lesen kann! Es wird ein steinernes Buch werden. Und dort oben«, Uta deutete neben sich, wo die Langhauswand begann, nach oben, »dort ist die erste Seite. Du wirst das Buch lesen können, indem du an den Langhauswänden entlangschreitest und die bunte Bilderfolge darauf betrachtest.«

Erna schaute an ihrem groben, grauen Leinengewand hinab. Die einzigen farblichen Akzente an ihrer Erscheinung waren neben den leuchtend blauen Augen und ihrem Haar die braunen Flecken auf ihrer Schürze. »Alles wird richtig bunt werden?«, murmelte sie und wandte sich dem Ostchor zu. Die dortige Wand war die einzige, die bereits eine Malerei besaß: den leuchtenden Sternenhimmel. Sie schloss die Augen.

Uta, die bemerkte, dass Erna in sich versunken war, wartete, bis sie fertig geträumt hatte. Erst als sich die Freundin ihr wieder zuwandte, sprach Uta weiter: »Insgesamt werden es sechs Bilder. Drei auf der südlichen Langhauswand und drei auf der nördlichen. Mit Christi Geburt beginnt es«, sie zeigte wieder neben sich auf die Wandfläche für das erste Bild, »dann wird mittig die Heilung des Blinden bei Jericho und am Ende der Wand vor dem Westchor die Kreuzigung erzählt.«

»Einen Blinden sehend machen?«, begehrte Erna vorsichtig auf. »Das geht doch nicht.« Und sowieso hatte sie noch nie ein Bild von Christus gesehen. In ihrer Vorstellung besaß er weiche, gütige Züge und war dreimal so groß wie ihr Mann Arnold. »Jesus Christus vermochte sehr wohl Blinde zu heilen«, belehrte Uta die Freundin mit liebevollem Unterton. »Du wirst es bald selbst hier lesen können.«

Sie taten einige Schritte die Wand entlang, und Uta meinte, hinter den Gerüsten bereits die ornamentalen Flechtbänder hervorschimmern zu sehen, die jedes Bild wie einen Rahmen umgaben. Bald würden die Maler beginnen, die Skizzen auf dem Grobputz vorzuzeichnen.

Um Utas Mundwinkel spielte ein Lächeln. »Es wird ein Buch werden, das zu jeder Tageszeit ein bisschen anders wirkt. Je nach Lichteinfall werden die beiden Seitenwände betörend golden und mit dramatisch klaren Kontrasten schimmern, zu einer anderen Zeit wieder so weich und hell, dass du den Stein berühren möchtest.«

Erna wandte sich schon jetzt beeindruckt in Richtung der gewölbten Wand, die an die südliche Langhauswand angrenzte. Das Gekratze der Kellen und die Gespräche der Maurer waren in weiter Ferne. »Und was werden die Maler hier aufbringen?«

Uta drehte sich ebenfalls zur Westwand. »Auf dieser gesamten Fläche wird Christus auf einem Regenbogen schweben, gerahmt von den Heiligen Petrus und Paulus.«

Erna war überwältigt. »Die Patrone unserer Bischofskirche über der letzten Ruhestätte der Kämpferherzen.«

Uta nickte. Sie war zuversichtlich, dass die einigen Hundert Menschen, die im Kampf an der Ostgrenze ihr Leben gelassen hatten, ihre Grabstätte alsbald mit dem Jesus-Bild bereichert bekämen. Sie spähte zur Tür, die in die Krypta hinab und von dort aus in den neuen Gang führte, den zu bauen der Kaiser nach der Kathedralweihe gefordert hatte. Ein Gang, der von der Westkrypta unter der Siedlung hindurch bis zur Waldgrenze südlich des Burgbergs verlief und im Fall von Belagerungen der einzige Weg hinaus sein konnte. Die wenigsten wussten von dieser unterirdischen Fluchtmöglichkeit, denn als Marktgespräch würde er mehr den Feinden als den Eingeschlossenen helfen.

Uta konzentrierte sich wieder auf Erna. »Das Langhaus sowie die Westwand kleiden wir mit einem einzigen zusammenhängenden Malwerk aus. Wie ein großer Mantel wird sich die Farbe über die Pfeiler, Wände und Fensterlaibungen legen. Wer unsere Kirche betritt, wird spüren, dass Gott ganz nah ist, dass er ihn einhüllt und wärmt.« Uta wandte sich zu der rechts angrenzenden nördlichen Langhauswand und zeigte auf die Pfeiler, die die Wand trugen. »Die Pfeiler bilden als unterster Teil der Wand die Erdzone ab und werden deswegen in Brauntönen gestrichen. Darüber, im mittleren Teil der Wand, liegt die heilige Zone – der Bereich des göttlichen Handelns. Dort werden die Bilder, von denen ich vorhin sprach, das steinerne Buch, aufgebracht werden. Beginnend mit der Geburt des Heilands und endend mit dem Pfingstwunder.«

Erna strich sich über die Gänsehaut an ihren Armen. »Unsere Kathedrale wird immer noch schöner.«

»Darüber, ab der Fensterlinie bis unters Dach hinauf, schließt sich die Himmelszone an. Die werden wir blau malen mit Rahmungen für das Licht, das durch die Fenster hereindringt.« »Die Erdzone, die heilige Zone und die Himmelszone«, wiederholte Erna entrückt und betrachtete die Wand von unten nach oben.

»Und zum Abschluss, also am Ende des Buches«, Uta zog Erna wieder vor den Altar und deutete auf die Wand dahinter, »führt dich Christus vor unser Sternenbild: Die Verheißung des Himmelsreiches.« Von der bereits fertiggestellten azurblauen Altarwand leuchteten ihnen Sterne entgegen, die vom milden Herbstlicht, das durch die oberen Fenster fiel, bestrahlt wurden.

Das Himmelreich so nahe bei ihnen! Erna schossen vor Ergriffenheit die Tränen in die Augen.

Die zwei Frauen setzten sich wieder in Bewegung. Stumm schritten sie in Richtung des Ausgangs.

»Aber warum malen sie noch nicht?«, wollte Erna wissen.

Uta legte der Freundin vertraut die Hand auf den Arm. »Weil sie die steinsichtigen Wände zunächst mit einem groben Kalkputz glätten müssen, sonst hält die Malerei nicht an ihnen. Zudem dürfen Arbeiten mit Kalk nur ausgeführt werden, wenn es keinen Frost mehr gibt. Vor dem Winter bereiten wir also die Wände vor, über den Winter hinweg beschaffen wir alle notwendigen Farbpigmente, stimmen die Farben aufeinander ab und tragen die Skizzen auf der Wand auf. Im späten Frühjahr dann wird richtig gemalt.«

»Ich kann es kaum erwarten«, entgegnete Erna.

Uta nickte gleich mehrmals hintereinander.

Im Hinausgehen spähte Uta noch einmal hinter die Gerüste an der nördlichen Langhauswand, die vom hereinfallenden Licht der gegenüberliegenden Fenster beschienen wurde. Alles würde zueinanderpassen: die Malerei, das Licht und die Architektur. Die Verheißung der Zukunft rührte sie.

Jede in ihre Vision der Ausmalung versunken, verließen die beiden Frauen die Kathedrale, wo sie von den zwei bewaffneten Begleitern Utas bereits erwartet wurden. Sie machten sich auf den kurzen Weg zu Ernas Schmiede.

»Inzwischen habe ich auch wieder mehr Zeit für meine Bücher.« Uta hatte als Erste die Stimme wiedergefunden. Die Überwachung der Ausmalungen, die ihr nur wenige Tage nach der Weihe übertragen worden war, forderte kaum ein Viertel der Zeit, die ihr der Kathedralbau abverlangt hatte.« Uta lächelte zuversichtlich. »Du weißt, worüber ich gerade lese«, fuhr sie im Flüsterton fort und rezitierte in Gedanken die zuletzt gelesenen Zeilen aus einem Buch über das Kirchenrecht mühelos auswendig: Die Ehe ist eine lebenslang währende Gemeinschaft von Mann und Frau! Diese Gemeinschaft besteht über den Tod hinaus.

Sie waren wieder an der Bank vor Ernas Haus angekommen. Scheinbar ungerührt starrten die Leibwächter geradeaus, während Erna sich die Haube vom wirren Lockenkopf zog und Uta, ob ihrer Andeutung, aus geweiteten Augen anstarrte. »Willst du wirklich ...«, setzte sie gerade an, als ein ohrenbetäubender Schrei sie aufschrecken ließ. Das ungewohnte Geräusch wurde von lautem Kinderlachen begleitet.

»Ich bin die größte Räuberin!«, rief Luise laut aus, die wacklig auf einer quiekenden Sau saß und auf Erna und Uta zugeritten kam. Die Marktbesucher drückten sich teils erschrocken, teils amüsiert gegen die Stände, so dass sich eine Gasse für Sau und Reiterin bildete. Luise folgte eine Schar Spielkameraden, die die Laute des grunzenden Schlachtviehs zu imitieren versuchte. Eine Magd verlor ihren Korb voller Holzschüsseln bei dem Versuch, dem Schwein und seiner verwegenen Führerin noch rechtzeitig auszuweichen. Auch die Gruppe der jungen Knechte am Brunnen machte einen Satz beiseite.

»Vorsicht!«, rief Erna aus, als ihre Tochter ungebremst auf Uta zuhielt.

Doch da sprang Luise auch schon, nur wenige Fuß vor ihnen entfernt und vom Johlen der anderen Burgkinder begleitet, von der Sau und landete zur allgemeinen Erheiterung auf allen vieren auf dem matschigen Boden im Schatten des Hauses.

Erna wollte gerade auf ihre womöglich verletzte Tochter zustürzen, als Luise sich ohne einen einzigen Schmerzenslaut erhob und den Umstehenden zuwandte. Die hatten inzwischen einen Kreis um sie gebildet. Das Schwein war längst quiekend im Marktgedränge verschwunden.

»Ich bin die Königin der Räuber!«, rief Luise weithin hörbar und hob in Siegerpose die Hände. Sie winkte Selmina an ihre Seite und umarmte die Schwester herzlich. Derart vereint traten die beiden vor Uta. Immer mehr Menschen drängten nun auf das Schmiedehaus an der Südmauer der Vorburg zu. Der kleine Gert, der jüngste Sohn des Maurermeisters Joachim, hatte alle Mühe, zur Schmiede durchzukommen und einen Platz in den vorderen Reihen zu ergattern. Seine Beine, die wie ein wackeliges X anmuteten und beim Gehen die Knie immer wieder aneinanderzwängten, erschwerten ihm das Laufen. Der Schritt des kleinen, schmächtigen Jungen erinnerte eher an das Humpeln eines Verletzten als an den Gang eines gesunden Fünfjährigen. Gert hielt auf die Schmiede zu, und als er die dichte, undurchdringliche Menge ausmachte, musste er sich Tränen wegwischen. Es würde nicht das erste Mal sein, dass er übersehen oder von den Größeren beiseitegeschupst wurde. Bekümmert hatte er deswegen schon so manchen Tag im elterlichen Haus mit der Decke über dem Kopf verbracht. Da halfen auch die tröstenden Worte seiner Geschwister nicht, die heute noch irgendwo im Marktgetümmel spielten. Erwartungsvoll schauten die Menschen nun auf ihre Herrin, die nur wenige Tage nach der Kathedralweihe an der Seite ihres Gatten vom Kaiser höchstpersönlich zur Markgräfin der Mark Meißen erhoben worden war. Ihre farbenfroh leuchtenden Gewänder bezeugten unzweifelhaft ihren gesellschaftlichen Stand, der Seidenschleier den der Ehe. Ihre anmutigen, mädchenhaften Gesichtszüge waren über die letzten Jahre hinweg die einer Herrin geworden, die selbstbewusst für ihre Sache eintrat.

Von gespannten Blicken begleitet, zupfte Uta die purpurne Blüte eines Stiefmütterchens aus einem von Ernas Pflanztrögen neben der Bank und trat vor ihre Patentöchter. Die Menge hielt die Luft an, selbst die Händler und Marktschreier an den hinteren Ständen hatten ihre Ausrufungen eingestellt.

»Diesen Orden«, Uta hob die Blüte in die Luft und befestigte sie dann in einem Einriss am Halssaum von Luises einfachem Gewand, »diesen Orden verleihe ich hiermit der Königin der Räuber.« Mit einem Schmunzeln deutete sie eine Verbeugung vor dem rothaarigen Mädchen an, dessen Kittel und Schuhe nach dem Sprung vom Schwein einer gründlichen Säuberung bedurften.

Auf diese Geste hin ertönte Beifall. Rosina und Gwendolin strahlten Luise an. Auch der kleine Gert war amüsiert, obwohl er von den Umstehenden immer weiter an den Rand des Geschehens gedrückt wurde und nur anhand der freudigen Stimmen erahnen konnte, was sich fern seines Sichtbereiches zutrug. Einige Pilger lächelten Uta, von ihrer Geste eingenommen, zu. Auch unter ihnen schien sich inzwischen herumgesprochen zu haben, wen sie hier im zartrosa Gewand vor sich hatten. Viele verbeugten sich ehrfurchtsvoll, andere starrten die Herrin der Kathedrale einfach nur an.

Die Zwillinge umarmten Uta ungeniert. Mit ihnen im Schlepptau trat sie zurück vor die Bank. Die Wachen sorgten dafür, dass sich die Menschenmenge um sie herum auflöste.

Erna rümpfte die Nase. »So, und jetzt wirst du erst einmal geschrubbt, Räuberkönigin! Dass du dir aber auch ausgerechnet den Stall mit den Schweinen als Versteck aussuchen musstest. Dein Kleid müffelt ja fürchterlich.« Luise machte ihrem Unmut mit einem Aufstampfen Luft. »Oh, nein! Wir wollen noch weiterspielen. Kann das nicht warten?« Selmina schaute nicht weniger bittend, weil sie neugierig war, welches Versteck sich die Schwester als Nächstes einfallen lassen würde.

Doch Erna ließ nicht mit sich handeln und schaute schon prüfend zwischen den Marktständen zum Brunnen hinüber. »Geht ihr schon mal Wasser holen und füllt den Zuber«, forderte sie ihre Kinder auf.

Uta lächelte nachsichtig. Unbestritten war Ernas Nachwuchs von ganz besonderer Art. Ein bisschen erinnerte die Unzertrennlichkeit der Zwillinge sie an die Nähe, die sie mit ihrer Schwester Hazecha verbunden hatte – auch wenn sie selbst während ihrer Kindheit in Ballenstedt nie auf Schweinen geritten waren. »Ich möchte noch ein Weilchen bei euch bleiben«, sagte Uta daraufhin, weil sie sich augenblicklich nach Geborgenheit und Familie sehnte.

Nachdem die Mädchen der Anweisung ihrer Mutter Folge geleistet hatten und mit Eimern zum Brunnen verschwunden waren, ließ Uta sich auf der Bank nieder. Sobald sich Erna neben sie gesetzt hatte, tauschten sie sich über weitere Geschehnisse der vergangenen Tage aus.

Bei Einbruch der Dämmerung saßen sie noch immer vor der Schmiede. Eng beieinander beobachteten sie, wie der Tuchhändler an seinem unmittelbar neben der Schmiede aufgebauten Stand seine leergekauften Tuchkörbe zu stapeln begann. Die Kinder saßen längst im Holzzuber im schmalen Schmiedehof.

Gerade als sich Uta zur Verabschiedung erheben wollte, vernahm sie Katrinas Stimme. »Herrin!«

Außer Atem kam das Kammermädchen, das trotz seiner inzwischen dreiundzwanzig Jahre für Uta das beschützenswerte, junge Wesen geblieben war, das sie damals in ihre Dienste genommen hatte, auf sie zugerannt. »Er ist da!« Voller Aufregung über die Freude ihrer Herrin lächelte Katrina, wobei sich ihre angeborene Missbildung, ein mittig an der Oberlippe befindlicher Spalt, der erst kurz unterhalb der Nasenspitze endete, spreizte. Er war die einzige Auffälligkeit an ihrer zierlichen, blassen Erscheinung. »Der Bote der Kaiserin kannte mich bereits, deshalb hat er mir das Schreiben vertraulich übergeben«, erklärte sie bar jeden Stolzes.

Sollte endlich angekommen sein, worauf sie seit zwei Mondumläufen wartete? Voller Vorfreude griff Uta nach dem Pergament, das ihr Katrina entgegenhielt. Vor ihrem inneren Auge zogen Bilder von ihm und ihr vorüber – endlich vereint –, und sie spürte ein Kribbeln in sich aufsteigen, das sich nun in ihrem Herzen verfing und in der Brust umherwirbelte.

Das runde, bleifarbene Siegel auf dem Schreiben zeigte den thronenden Kaiser mit dem Reichsapfel in der rechten und dem Adler auf der erhobenen linken Hand. Verlangend richtete sich Utas Blick auf die geschlossene Nachricht, als wolle sie die Buchstaben bereits durch das gerollte Pergament hindurch erkennen. Es drängte sie, den Brief sofort zu öffnen, doch sie zwang sich zur Geduld. Sie wollte ihn mit ihm gemeinsam lesen. »Kannst du dem Bruder des Markgrafen die Krypta zum Gebet empfehlen?«, flüsterte sie deshalb ihrem Kammermädchen zu.

Katrina nickte kaum sichtbar und war mit dem nächsten Atemzug auch schon in Richtung des Wohngebäudes verschwunden.

Der Markgraf selber hatte sich heute auf Rotwildjagd begeben und wurde erst zu Sonnenuntergang zurückerwartet.

Uta schickte ihre bewaffneten Begleiter mit dem Versprechen in die Hauptburg zurück, dass sie sich vom Burgkoch bis zum Wohngebäude würde zurückgeleiten lassen. Die beiden Wachen waren sichtlich froh darüber, den Markttag in der neuen Schenke Zum Wilden Eber, gerade einmal fünf Häuser von Ernas Schmiede entfernt, ausklingen lassen zu können.

Uta ließ den Brief in die Innentasche ihres Obergewandes gleiten und folgte Erna ins Haus, um sich in aller Ungestörtheit von ihr zu verabschieden. Im Schutze der verrußten Mauern überreichte die Freundin Uta ihren alten Umhang für das bevorstehende, ganz besondere Gebet. Auch wenn Erna das Gleiche schon mehrmals zuvor getan hatte, war ihr auch diesmal mulmig dabei zumute.

Uta legte das zerfledderte Kleidungsstück an und band die Hanfkordel unter dem Hals zu einer Schleife. Dann zog sie sich die Kapuze tief ins Gesicht. Nur der Saum ihres rosafarbenen Gewandes, der unter dem Umhang noch hervorlugte, wies auf die edle Herkunft seiner Trägerin hin. Doch die einbrechende Dämmerung würde diesen Hinweis auf ihre Identität verwischen.

Mit gesenktem Blick hielt Uta auf die kleine Burgkirche zu, die im Schatten der Kathedrale kaum Beachtung fand. Sie versicherte sich, dass ihr niemand folgte, und schlüpfte, begleitet von dem vertrauten Knarzen der Eingangstür, in die Burgkirche. In schwaches Licht getaucht, schritt sie durch das einfache Langhaus. Wie gewöhnlich war dieses leer, die Menschen zog es zur mächtigen Kathedrale nebenan, die vom Kaiser als Wahrzeichen für Frieden und Glauben bezeichnet wurde.

Ihr Herz drängte sie zu der Treppe, die zur Krypta hinabführte, doch ihre Beine schritten ungewohnt langsam auf den Altar zu. Würde der kaiserliche Brief, auf den sich all ihre Erwartungen und Hoffnungen richteten, Gutes beinhalten? Der Geruch von Stein, Sand und ein Hauch von Leder hingen in der Luft. Sie atmete ihn tief ein. Schon meinte sie, vor dem Altar zwei Menschen zu sehen, die sich gegenüberstanden. Beim nächsten Blinzeln machte sie zwischen den dickbäuchigen Kerzen hinter dem Paar zudem einen festlich gekleideten Geistlichen aus. Die beiden lächelten unendlich glücklich, schienen keine Augen für etwas anderes als sich selbst zu haben. Uta erkannte Hermann und wollte sein Gesicht gerade näher betrachten, als ihr fordernder Herzschlag sie aus ihrem Tagtraum zurückholte. »Der Brief!«, entsann sie sich und kniete an jener Stelle nieder, auf der soeben noch ihr Traumpaar gestanden hatte. Sie machte das Kreuzzeichen, sprach ein eiliges Gebet und stieg dann, ihrem Geruchssinn folgend, die Stufen zur Krypta hinab.

Er empfing sie mit einem sehnsüchtigen Blick. »Dies diem docet, Uta von Ballenstedt.« Mit jenem Spruch hatte ihre Zuneigung während des Zugs nach Rom zur Kaiserkrönung einst begonnen. Die Reise lag nunmehr elf Jahre zurück, doch noch immer machte Utas Herz einen Sprung, wenn seine tiefe, rauhe Stimme erklang. Sie wünschte, dass das weiche Echo, welches die Wände zurückwarfen, nicht so schnell verhallen würde. Unter Hermanns Umhang sah Uta eine karmesinrote Tunika hervorblitzen. Sie trat vor ihn hin. Hermann, der sie um beinahe zwei Kopflängen überragte, stellte für sie eine einzigartige Mischung aus Rauh- und Sanftheit dar. Das Rauhe sprach neben seiner Stimme auch aus seinen breiten Schultern und den kräftigen Armen, die von einer Vielzahl gewonnener Kämpfe zeugten. Nicht einmal die Narbe am rechten Unterarm schmälerte diesen Eindruck. Die Sanftheit zeigte sich in seiner Fähigkeit, ihr sowohl seine Gedanken als auch all seine Emotionen wie Entzücken, Genuss, aber auch Schmerz offenbaren zu können. Seine Berührungen waren mehr als zart, gerade wenn er seine Finger nur über die Härchen an ihrem Arm streifen ließ. Auch waren da die dunklen Punkte, die in seiner Iris zu tanzen begannen, sobald sie sich sahen, und die nicht klassisch geschnittene, sondern leicht schiefe, große Nase.

Sachte zog er ihre Kapuze zurück und strich ihr über die glühenden Wangen.

Sie hatte ihm sofort vom Eintreffen des kaiserlichen Schreibens berichten wollen, doch nun gab sie sich seinen Berührungen hin. Anstatt zu reden, schmiegte sie ihr Gesicht in seine Hand und fühlte deren Wärme in jede Faser ihres Körpers eindringen.

Behutsam hob er ihr Kinn an. Wie jedes Mal, wenn sie sich zum Gebet hier unten trafen, tastete er ihr Gesicht zuerst mit den Augen ab. Obwohl sich ihm ihr Anblick fest ins Gedächtnis gebrannt hatte, würde er nie genug davon bekommen, sie zu betrachten. Bei jeder Begegnung meinte er – neben den leuchtenden grünen Augen, die so voller Leben und Erwartung waren, den harmonisch geschwungenen Brauen und dem kleinen, aber vollen Mund –, wieder etwas Neues an ihr zu entdecken. Zuletzt war ihm ein kleiner Wirbel in ihrem Haaransatz aufgefallen, der die vordersten Haare oberhalb der Schläfe in der Breite von vielleicht zwei Fingern frech gegen den Rest des Schopfes presste. Ähnlich einem Büschel Getreidehalme, das auf einem großen Feld als einziges in eine andere Richtung gedrückt wurde.

Liebevoll schaute Hermann von ihrer Stirn hinab zu ihren Augen und nahm ihr Gesicht in seine mächtigen Hände. Heute war seine Neuentdeckung ihre ... er küsste sie verlangend. Sie spürten, wie ihre Herzen schneller zu schlagen begannen, ihr Atem sich beschleunigte. Die Krypta barg ihre heimliche Liebe vor der Außenwelt. Sie fühlten sich unendlich sicher hier unten, beschützt von der Stille und ihrer Zweisamkeit.

Berauscht löste Uta die Lippen von seinen und schaute ihn eindringlich an. Sie überlegte, wie sie beginnen sollte, verwarf dann aber jede Art von Einleitung. »Hermann«, meinte sie noch ganz atemlos, während er ihr benommen eine Haarsträhne aus dem Gesicht zurück unter den Eheschleier schob.

Uta zog das Schreiben unter ihrem Umhang hervor, wobei ihre Hand nach der leidenschaftlichen Liebesbekundung noch zitterte. »Die Kaiserin hat sich unseres Anliegens angenommen.«

Hermanns Blick glitt von ihrem Gesicht über ihren Hals und ihre Hände auf das Pergament hinab. In der Arbeitskammer des Turmes hatten sie nächtelang über der passenden Argumentation gegrübelt, mit der sie der Kaiserin ihr Ansinnen nahebringen wollten, verknüpft mit der Bitte um deren Unterstützung, hatten Gesetzesbücher und Gerichtsprotokolle gewälzt, die ihnen Wipo, der Kaplan des Kaisers, hatte kopieren und überbringen lassen. Der Brief war aus Vorsichtsgründen erst einmal nur von Uta unterzeichnet worden. Solange niemand von Hermann wusste, konnten auch keine falschen Beschuldigungen gegen sie erhoben werden.

»Was schreibt die Kaiserin?«, drängte Hermann. Alles stand für ihn auf dem Spiel, und er konnte sich nur einen einzigen Ausgang für ihr Anliegen vorstellen.

Auch Uta wollte keinen Mondumlauf länger als nötig Ekkehards Gattin sein. »Wollen wir nachschauen?«

Vertraut nickten sie sich zu. Erst dann brach Uta das Siegel. Wie die aufgepeitschte See rauschte ihr das Blut in den Adern. Sie entfaltete das Pergament und las:

 

Treue Uta, Markgräfin von Meißen,

zunächst einmal sende ich Euch herzliche Grüße auf dem Weg nach Basel.

Hinter uns liegt Heinrichs Krönung zum König von Burgund – sein Herrschaftsgebiet, welches er anlässlich dieser feierlichen Zeremonie zum ersten Mal betrat. Zum Fest des heiligen Viktor und Ursus nahm er unter dem Jubel unserer Getreuen die Königswürde entgegen und die Treueeide der hiesigen Großen an. Von Basel aus werde ich nach Limburg reisen, derweil der Kaiser und mein junger König in Speyer die Vollendung unserer Grabkrypta in Augenschein nehmen.

Mit dem Einbruch des Winters gedenken wir dann, wieder gemeinsam durch das Sächsische zu ziehen. Herzog Bernhard II. bereitet uns dort einige Sorgen. Polen, Böhmen und Ungarn hingegen arrangieren sich mit ihrer Rolle als Lehensländer und überbringen die Tribute fristgerecht.

Wir reden noch viel über die Weihe in Naumburg, und auf unseren Wegen durch das Reich fragen die Menschen immer wieder nach der Kathedrale und ihrer Herrin, nach Euch, liebe Uta von Ballenstedt. Wir berichten ihnen dann von der Kraft, von der Stärke und von Gottes Wohlwollen, die auf unserem Reich und auf Naumburg liegen.

 

Hermann griff nach Utas Hand. »Manchmal kann ich kaum fassen, wie alles gekommen ist. Naumburg und das gesamte Reich haben dir viel zu verdanken. Dessen ist sich auch Kaiserin Gisela bewusst, sonst hätte sie dir diese Zeilen nicht geschrieben«, erklärte er. »Du hast unsere«, dabei strich er ihr sanft über die Wange, »du hast unsere Kathedrale fertiggebaut. Die Menschen, die dich verehren, tun daher recht.«

Gerührt senkte Uta den Blick. Ja, es sah tatsächlich so aus, als ob das neue Gotteshaus am Zusammenfluss von Saale und Unstrut den Menschen Hoffnung und Kraft gäbe. Ein bisschen war es sogar, als ob es auch ihrer beider Gotteshaus war – zu dem jedermann Zugang erhielt. Die Kathedrale der Ewigkeit. Die Kathedrale unserer Liebe, dachte sie, unserer Liebe in Ewigkeit.

»Gemeinsam haben wir eine Kathedrale geschaffen, und gemeinsam kämpfen wir nun für unsere Liebe«, bekräftigte Hermann mit rauher, hingebungsvoller Stimme, worauf Uta ihm lächelnd zunickte und dann weiterlas:

 

Sicherlich finden sich zahlreiche Pilger bei Euch ein. Habt Ihr bereits mit den Ausmalungen in der Kathedrale begonnen? Euer Gatte berichtete mir nach den Weihefeierlichkeiten von diesbezüglichen Plänen.

 

»Euer Gatte?«, wiederholte Hermann. Wollte die Kaiserin mit dieser Formulierung bereits ihre Stellungnahme bezüglich ihres Anliegens klarmachen? Ungeduldig nahm er Uta das Schreiben aus den Händen.

 

Was Eure Bitte angeht, habe ich mir einige Tage den Kopf darüber zerbrochen. Wie Ihr richtig angeführt habt, ist eine vollzogene und gültige Ehe im kirchenrechtlichen Sinne unauflöslich und eine lebenslang währende Gemeinschaft von Mann und Frau. Eine Aufkündigung oder gar Ehebeendigung, wie Ihr sie anzustreben gedenkt, ist also eine Ausnahmesituation und nicht mehr so einfach wie noch zu Zeiten des großen Kaisers Karl möglich. Seine Gesetzesbücher beruhen auf altem germanischem Recht, das unsere heilige Kirche so nicht übernommen hat.

 

Verunsichert schaute Uta auf. Eine Ausnahmesituation war es auch gewesen, dass sie, als Frau, für den Zeitraum von beinahe sechs Jahren auf Wunsch des Kaiserpaares hin die Bauleitung für die hiesige Kathedrale übernommen hatte. Nach einer Lücke in ihrer Argumentation suchend, überflog sie im Geiste noch einmal ihr Bittschreiben an die Kaiserin, welches deren Antwortschreiben vorangegangen war. Sachlich, einem Gerichtsprotokoll ähnlich, hatte sie die Möglichkeiten der Trennung gemäß altem Recht vor der Kaiserin erörtert. Bei Vorliegen bestimmter Tatbestände – wie Ehebruch, Giftmischerei und Kinderlosigkeit – waren zu Kaiser Karls Zeiten durchaus erfolgreich Eheaufkündigungen und -beendigungen durchgeführt worden. Und kinderlos war sie ja bis heute. Eine weitere Möglichkeit bestand darin, ihre Ehe mit Ekkehard für ungültig erklären zu lassen. Uta war durchaus klar, dass das Recht vor einhundert Jahren mit den besagten Tatbeständen noch weitreichende Schlupflöcher für politisch oder emotional motivierte Eheauflösungen geboten hatte und ihr Anliegen nunmehr, da die Kirche mit immer neuen Gesetzen Ausnahmeregelungen unterband, ein außergewöhnliches Unterfangen darstellte. Aber dies war die Wiederaufnahme der Bautätigkeiten unter ihrer Leitung gleichfalls gewesen. Hatte sie ihre Liebe zu Hermann etwa derart beflügelt, dass sie gedanklich in die Irre gegangen war und fälschlicherweise geglaubt hatte, dass die Kaiserin gar nicht anders konnte, als ihrer Argumentation zu folgen und ihre Unterstützung für die Auflösung ihrer Ehe mit Ekkehard zuzusagen? »Lies bitte weiter«, bat sie Hermann ungeduldig und schmiegte sich an seinen Arm.

 

Ich kenne Eure Bedrängnis, treue Uta, und ich möchte Euch hiermit meine Fürsprache bei Kaiser Konrad für den Fall zusagen, dass beide Ehepartner vor uns erscheinen und ihren Willen zur Trennung schriftlich und unter Zeugen bekunden. Eine Wiederverheiratung ist ohne einen Dispens des Papstes jedoch nicht möglich.

Lasst Hermann von Naumburg und seinen Bruder meine besten Wünsche wissen. Ich schließe Naumburg und seine Bewohner in meine Gebete mit ein.

 

Gegeben am Tage vor dem Fest des Apostels Lukas, im Jahre 1038 nach des Wortes Fleischwerdung.

Von Gott erwählte Kaiserin,

Gisela von Schwaben

 

»Sie wird uns unterstützen!« Utas Herz machte einen Satz. Die Kaiserin war doch auf ihrer Seite! Eine Kämpferin für die Liebe – wie sie und Hermann es waren. Überwältigt fiel sie Hermann um den Hals, der seine freie Hand um ihre schmale Taille schlang.

»Wir sind einen großen Schritt weiter.« Mit diesen Worten nahm er ihr Gesicht erneut zwischen seine Hände und küsste sie überschwänglich in einer Mischung aus Leidenschaft und Zärtlichkeit. Nur mühsam unterdrückte Hermann seine Begierde, die bisher nicht über das Stadium des Küssens und Streichelns hinausgegangen war. Doch die körperliche Vereinigung war Ehebruch, und den wollten sie unbedingt vermeiden. Manchmal – wenn die Zeit bis zum nächsten Treffen in der kleinen Burgkirche allzu langsam verrann – meinte Hermann, es ohne Uta nicht länger auszuhalten. Dann lenkte er sich ab, indem er zu Simon, dem Maler, ging, um die Planungen für die Ausmalungen und die Beschaffung der Pigmente zu besprechen.

Utas Herz schlug noch immer heftig. »Jetzt muss nur noch Ekkehard zustimmen.«

»Das wird er, Uta.« Hermann hielt noch immer das Schreiben in der Hand, während sich sein Gesicht verdunkelte. Der Bruder und er waren einst sehr vertraut miteinander gewesen, wovon heute nicht mehr viel übrig war. »Wir müssen Ekkehard klarmachen, dass ihm die Eheauflösung erstens die Möglichkeit auf Nachkommenschaft und zweitens auf eine weitere Ausweitung seines Machtgebietes eröffnet.«

»Er hat mich all die Jahre wegen der Kinderlosigkeit unter Druck gesetzt. Einst wollte er mich deshalb sogar verstoßen«, erinnerte Uta sich. »Mit der Auflösung der Ehe kann er sich – ohne ein Zerwürfnis mit der Kaiserin befürchten zu müssen – eine fruchtbare neue Gattin suchen, die ihm den ersehnten Erben schenkt. Wann wollen wir es ihm sagen?«

»Noch am heutigen Abend, vor meinem Abendgebet«, entschied Hermann kurzerhand. »Nach der Jagd wird er gut gelaunt sein.«

Uta nickte ungeduldig. »Ich werde den Entwurf der Scheidungsurkunde mitbringen.« Es stand viel auf dem Spiel, und hoffentlich würde ihr Traum nicht an Ekkehard scheitern. Nur mit seinem Einverständnis besäßen Hermann und sie eine Zukunft.

»Dann lass uns mit ihm das Abendmahl in seinen Gemächern einnehmen«, schlug Hermann vor. »Dort sind wir ungestört und in entspannter Atmosphäre.«

Daraufhin griff Uta nach dem Schreiben in Hermanns Händen und ließ es unter ihrem Obergewand verschwinden. »Ja, aber zuvor bitten wir noch den Allmächtigen um seine Unterstützung.«

Nebeneinander sanken sie zwischen den Säulen vor dem steinernen Kreuz an der Kryptawand auf die Knie, falteten die Hände und sprachen ein Gebet.

Gestärkt in ihrer Hoffnung auf himmlische Unterstützung, traten sie auf die Kryptatreppe zu. Hermann streckte Uta die leicht geöffnete Hand entgegen. Vertraut legte sie die ihre hinein. Es war die rituelle Geste, mit der sie jedes ihrer Treffen abschlossen.

Über acht Stufen hinauf waren sie unzertrennlich.

Im Erdgeschoss der Burgkirche lösten sich ihre Hände wieder voneinander. Vor dem Altar angekommen, blinzelte Uta und meinte erneut, sich selbst und Hermann dort stehen zu sehen. Beim Hinausgehen sprach sie in Gedanken noch ein Gebet, dass der Allmächtige den launischen Gatten mit Weitsicht segnen möge.

 

***

 

Die Kemenate der Burgherrin befand sich zur Rechten des Ehegemachs im dritten Geschoss des Wohngebäudes. Die des Burgherrn schloss sich zur Linken des Ehegemachs an. Kalt war es in Letzterer.

»Stellt die Speisen dorthin!«, wies Ekkehard die junge Küchenmagd an, indem er auf den Tisch vor dem Kamin im vorderen Bereich der Kammer zeigte. Dann trat er vom Fenster gleichfalls dorthin und fächerte sich die Brataromen zu.

»Küchenmeister Arnold serviert Euch heute Gesottenes von der Wildsau mit Rüben aus dem Burggarten«, erklärte die Magd und platzierte nun auch noch drei Becher und einen Krug Wein auf dem Tisch.

Ekkehard lief das Wasser im Munde zusammen, und doch schaute er überrascht auf das Getränk, das in diesem Moment in mehr als nur einen der bereitgestellten Becher floss. »Ich kann mich nicht erinnern, Gäste geladen zu haben.« Er klang mürrisch, was die Magd hilflos zur Tür schauen ließ.

Im gleichen Moment trat Hermann ein. »Bruder, ich dachte, es wäre schön, wieder einmal gemeinsam zu speisen.«

Ekkehard blickte von den Weinbechern zu Hermann und nickte zum Zeichen des Einverständnisses. Dann scheuchte er die Magd mit einer Handbewegung aus der Kammer. Erst jetzt fiel ihm seine Gattin auf, die hinter dem Bruder über die Schwelle getreten war.

Möglichst unauffällig schaute sich Hermann in der Kammer nach weiteren Gästen um. Doch im hinteren Teil, wo eine prächtige Bettstatt unweit des Fensters in eine Wandnische eingelassen war, stand lediglich ein Paar Stiefel. So entspannt wie möglich trat Hermann vor den Kamin. »Lass mich vorab noch etwas Feuer machen.«

»Aber dafür haben wir Bedienstete, Bruder!«

Ohne auf den Hinweis einzugehen, hockte Hermann sich vor den Kamin, schlug mit Feuersteinen Funken, pustete sie in den Reisig in einer Schüssel und kippte das brennende Reisig dann zwischen die aufgestapelten Holzscheite, wo er es mit dem Schürhaken geschickt verteilte, damit die Flammen genügend Luft bekamen.

»Die Spenden für die Ausmalungen der Kathedrale gehen ungebrochen üppig bei uns ein,« erklärte Hermann, »schon die Hälfte der geschätzten Kosten für die Maler und die Pigmentbeschaffung ist damit gesichert.«

Ekkehard brummte zum Zeichen seiner Zustimmung.

Uta stand noch immer im Eingangsbereich und suchte nach einem unverfänglichen Gesprächsthema, während ihr der in eine Lederhülle eingeschlagene Entwurf der Scheidungsurkunde aus den feuchten Fingern zu gleiten drohte. »War Eure Jagd heute erfolgreich?«, brachte sie ungezwungener hervor, als ihr zumute war. Ihr Blick glitt über den Wandteppich gegenüber dem Kamin, der einen röhrenden Hirsch mit erhobenem Kopf inmitten eines Stoppelfeldes zeigte.

Unschlüssig schaute Ekkehard ebenfalls zu dem Tier auf dem Teppich und antwortete erst nach einer Weile: »Zwei Neunender habe ich erlegt.«

Hermann erhob sich vor dem Kamin und dachte gleichzeitig, dass seine letzte Jagd Jahre zurücklag. »Zwei Neunender sind eine gute Ausbeute«, entgegnete er, um das Gespräch nicht abreißen zu lassen.

Ekkehard nickte und bedeutete Uta und Hermann mit einem Wink seiner Hand, dass sie auf den reich verzierten Stühlen am Tisch Platz nehmen sollten. Als Erstes ließ Ekkehard sich an seinem Stammplatz – dem Kopfende – nieder. Uta gestand er den Stuhl zu seiner Linken zu. Hermann nahm zu seiner Rechten Platz, gegenüber von Uta.

»Mmhhh, duftet das herrlich«, kommentierte Hermann die gesottene Wildsau, die bereits zerteilt auf einem Holzbrett vor ihnen lag, obwohl ihm keineswegs nach Essen zumute war.

Ekkehard prostete zuerst Hermann, dann auch Uta zu und trank einen großen Schluck vom Honigwein der Moritz-Benediktinerinnen. Das Getränk im Munde verkostend, griff er nach dem Brot und legte eine anständige Portion von der Wildsau obendrauf.

»Wie sieht es dieser Tage an der Ostgrenze aus?«, wollte Hermann das Gespräch weiter voranbringen. Um einen klaren Kopf zu behalten, nippte er nur an seinem Wein. Aus dem Augenwinkel sah er Utas Hand zittern, als sie nach dem Brot griff.

»Ich kann mich ein paar ruhige Tage ganz und gar meiner Mark widmen«, erklärte Ekkehard und lehnte sich selbstgefällig zurück. »Nichts scheint derzeit über die üblichen Raufereien der polnischen Adligen untereinander hinauszugehen.« »Die Menschen in der Mark können durchatmen und ihrem Tagewerk nachgehen, anstatt auf Schlachtfeldern fern der Familien zu kämpfen. Das ist viel wert«, lobte Hermann ehrlich. »Auf dem Markt bekommen wir die Händler kaum noch unter«, ergänzte Uta. »Auch das ist gut für unser Naumburg.« »Vater wäre sicher stolz gewesen«, fügte Hermann hinzu und dachte gleichzeitig auch an seine Mutter.

»Bist du mit meiner Gattin bei mir vorstellig geworden, um über den toten Vater zu sprechen? Der ruht selig auf bischöflichem Grund.« Ekkehard stellte den Wein ab und setzte sich mit durchgestrecktem Rücken im Stuhl auf. Unverhohlen schaute er Hermann an. »Was willst du?«

Auf diese barsche Frage hin ging ein Ruck durch Utas Körper. Auch Hermann schien die Direktheit des jüngeren Bruders zu überraschen. Alle beide suchten sie nach der passenden Antwort. Drei, zwei, eins, zählte Uta in Gedanken und wagte es als Erste. »Wir möchten mit Euch eine familiäre Angelegenheit besprechen.« Die abnehmende Lautstärke ihrer Stimme verriet ihre Unsicherheit über den Ausgang des Gespräches. »Bruder, erinnerst du dich«, übernahm Hermann das Wort, als er hörte, dass Uta die Stimme zu versagen drohte, »wie sehr du dir in den vergangenen Jahren stets einen Erben herbeisehntest? Einen Nachfolger, der das Amt des Markgrafen nach dir übernimmt und dem Namen unserer Familie noch über viele Generationen hinweg Ehre machen wird?«

Nachdenklich schaute Ekkehard von Hermann zu Uta und dann wieder zu Hermann zurück.

»Ich möchte dir einen Vorschlag machen«, fuhr Hermann langsam fort, »wie du diese Möglichkeit noch einmal bekommen kannst.«

Ekkehards einzige Reaktion war eine hochgezogene Augenbraue.

Unbehagen stieg in Uta auf, und sie begann, unruhig an der Lederhülle der Urkunde zu zupfen.

»Mit einer passenden Braut gewinnst du außerdem Land hinzu.« Hermann hatte den Blick unwillkürlich bittend auf den Bruder gerichtet. »Du könntest dich in der Nord- und Ostmark umschauen. Das würde unseren Besitz um strategisch wichtige Gebiete die Ostgrenze hinauf nach Norden erweitern.«

Ekkehard verstand nicht. »Passende Braut?«, fragte er, während sich Utas Hände und sogar ihre Füße vor lauter Anspannung verkrampften.

Hermann bemühte sich um einen beiläufigen Tonfall: »Gib Uta frei, Bruder!«

Gerade wollte Uta die Urkunde samt Lederhülle auf den Tisch legen, da erhob sich Ekkehard ruckartig. Mit den Lenden stieß er dabei gegen die Tischkante, so dass sein Becher umkippte und der Honigwein über den Tisch floss. »Eine Ehe endet nur mit dem Tod eines Ehegatten!«, gab er erregt zurück, nachdem sein Blick Uta kurz gestreift hatte und nun auf der Tischplatte ruhte, auf der sein Getränk gerade über die Kante zu Boden tropfte.

Uta presste sich fester in ihren Stuhl, den Blick ebenfalls auf den hinabfließenden Met gerichtet. Als Zeichen des Nachdrucks legte sie die Urkunde in sicherer Entfernung davon auf dem Tisch ab. Ihre Zukunft hing von diesem Gespräch ab! Streng dich an, Uta!, sprach sie sich daher Mut zu und hob ihren Blick von der Lederrolle zu Ekkehard. »Ich vermochte nie, Euch einen Erben zu schenken«, begann sie und bemühte sich, möglichst ruhig zu klingen. »Eine erneute Vermählung wäre nach einer ordentlichen Eheauflösung mit päpstlichem Dispens wieder möglich. Die Kaiserin würde die Auflösung unserer Ehe und Wiederverheiratung unterstützen. Sowohl Ihr als auch ich könnten uns erneut vermählen. Die Kaiserin wünscht zuvor nur, dass wir beide vor ihr bezeugen, die Auflösung auch wirklich ...« Sie deutete auf die Urkunde vor sich. »Wiederverheiratung, Ihr?«, unterbrach Ekkehard Utas Ausführungen. »Wen wollt Ihr denn ...« Ein Blick zu Hermann ließ Ekkehard stocken. Schweigend schritt er vom Tisch vor das Fenster.

Die Reaktion des Gatten und seine schwerfälligen Schritte, die die Holzdielen zum Knarzen brachten, ließen Uta beunruhigt zu Hermann schauen.

»Mein eigener Bruder«, murmelte Ekkehard, ohne sich zu ihnen umzudrehen.

Nach einer Weile, in der nur das Knistern der Flammen im Kamin zu hören war, erhob sich Hermann und trat neben Ekkehard. Wie er es früher getan hatte, wenn er stolz auf den jüngeren Bruder gewesen war, legte er ihm die Hand auf die Schulter und betrachtete ihn von der Seite. Die helle, glänzende Haut des Bruders schien ihm noch blasser zu sein als sonst, die Locken seines dunkelblonden Haares hingen schlaff bis kurz über die Schultern. Ekkehard war beleibter und einen ganzen Kopf kleiner als er.

Beim nächsten Atemzug setzte Hermann zu den persönlichsten Worten an, die er seit langem an Ekkehard gerichtet hatte: »Ich liebe Uta von Ballenstedt und möchte sie ehelichen. Du sollst an ihrer statt eine neue Gattin bekommen.«

Auffallend langsam drehte sich Ekkehard Hermann zu und entzog seine Schulter der Hand des Bruders. »Auf Ehebruch steht der Tod!« Aus seinen zusammengekniffenen Augen sprach Zorn.

Aufgewühlt schoss Uta hoch. »Wir haben niemals die Ehe gebrochen! Gott ist unser Zeuge!«

»Euer Zeuge?« Ekkehard wandte sich wieder zum Fenster. Sein Blick ruhte auf der fernen Vorburg, wo die letzten Händler bei Mondschein ihre Marktstände abbauten.

»Ich weiß«, begann Hermann und fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, seinen Bruder erzürnt zu haben, »dass es eine große Entscheidung ist. Schlaf eine Nacht über den Vorschlag, und lass uns dann morgen noch einmal reden.«

Manchmal ist es tatsächlich klüger abzuwarten, dachte Ekkehard. Dies galt im Felde genauso wie in der Familienpolitik. »Gut«, willigte er also ein. »Ich werde darüber nachdenken. Wir wollen morgen, am Tage Allerheiligen, das Frühmahl im Burgsaal einnehmen. Dort lasse ich Euch«, sein Blick streifte nun Uta, »und dich, Bruder, meine Entscheidung wissen!« Ob dieser Erwiderung atmete Hermann erleichtert aus.

»Und nun entschuldigt mich!« Ekkehard wies noch knapp zur Tür, bevor er erneut aus dem Fenster schaute.

Uta erhob sich, verabschiedete sich von Ekkehard und nahm die Urkunde im Lederumschlag wieder an sich.

Hermann führte sie aus der Kemenate.

Erst vor ihrer Kammer am anderen Ende des Flures begann sich Utas Herzschlag zu beruhigen. Sie stiegen die Treppe zu Hermanns Gemächern hinauf.

Hermann sah die Beunruhigung in ihrem Blick und ergriff ihre Hände. »Lass uns auf Gott vertrauen, Uta. Ekkehard wird sich für das Richtige entscheiden.«

Nicht ganz so überzeugt, nickte Uta zaghaft. Da hallten vom unteren Flur Schritte zu ihnen herauf.

»Dies diem docet, Uta von Ballenstedt«, flüsterte Hermann und schaute Uta liebevoll in die Augen.

Uta fand auf seine Worte hin ihr Lächeln wieder und strich ihm sehnsüchtig auf Brusthöhe über die karmesinrote Tunika, die sie an ihre Begegnung in der kleinen Burgkrypta erinnerte und hoffen ließ. »Der Tag lehrt den Tag.«

»Ich kann es kaum erwarten, dich als meine Frau heimzuführen«, gestand er, obwohl er sich vorgenommen hatte, diese Worte erst auszusprechen, wenn der Bruder der Auflösung der Ehe zugestimmt hatte.

Uta spürte Zuversicht in sich aufsteigen. »Der Herrgott stehe uns bei, dass Ekkehard eine weise Entscheidung treffen wird.« »Ich werde beim Abendgebet einmal mehr um die Unterstützung der heiligen Plantilla und Gottes Zuspruch bitten«, versicherte er; so wie er es jeden Tag seit der Weihe der Kathedrale vor der Schleierreliquie im Ostchor tat.

Ihre Blicke hielten einander noch lange in der stummen Übereinkunft fest, dass die Liebe die größte aller Kräfte, die Hoffnung, lenkte. Dann trennten sie sich.

 

***

 

Zum üblichen geschäftigen Treiben der Burgbewohner gesellten sich an diesem Morgen noch die fröhlichen Stimmen einer neu eingetroffenen Pilgergruppe, die im Hof darauf wartete, dem Markgrafen ihren Dank und Gruß zu entbieten.

Der Saal nahm das gesamte Erdgeschoss des Wohngebäudes ein und war mit seinem kreisförmig gepflasterten Steinboden, der langen Eichenholztafel auf der Empore sowie dem Wappentier an der Wand unbestritten der erhabenste Raum der Burg. Zu gebotenen Anlässen wurden der Radleuchter und sämtliche schmiedeeisernen Spanhalterungen mit Kerzen und Kienspänen bestückt, deren heftiges Flackern dem Saal eine lebhafte Atmosphäre verlieh.

Hier wurde entschieden, gefeiert und beraten.

Hier nahmen die Burgherren zumindest die Morgenmahlzeit gemeinsam ein.

Ekkehard saß in der Mitte der Tafel auf der Empore. »Das Brot ist kalt!« Er schaute zuerst den Küchenmeister und dann den leeren Stuhl zu seiner Rechten vorwurfsvoll an. Der Radleuchter hing düster über ihm wie ein Fallbeil.

»Verzeiht, Erlaucht!« Koch Arnold, der sich mit seinem glutroten Haar unstrittig als Vater von Selmina und Luise erwies, verbeugte sich demütig. »Wir haben es heute früh frisch gebacken. Es steht nur leider schon eine ganze Weile auf dem Tisch.« Er reichte dem Hausherrn einen Krug verdünnten Bieres zur Besänftigung.