Beschreibung

Warmherzig und sexy, gefühlvoll und herzerfrischend komisch!

Ihr ganzes Leben lang hat Susannah nur gemacht, was richtig war: Sie war die perfekte Tochter und Verlobte, sie war sanft und wohlerzogen. In letzter Sekunde vor dem Traualtar jedoch weiß sie, dass sie dieses für sie geplante Leben nicht führen kann. Und als der attraktive Sam Gamble die perfekte Hochzeitfeier stört, schwingt sie sich mit ihm auf seine Harley Davidson und lässt alles hinter sich, um ihr eigenes kleines Imperium aufzubauen – mit Herz, Mut, Witz und Erfolg! Doch als sie schließlich alles zu verlieren droht, entdeckt Susannah endlich, was – und wer – wirklich wichtig ist in ihrem Leben …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 786


Buch

Ihr ganzes Leben lang hat Susannah nur getan, was richtig war: Sie war die perfekte Tochter und die perfekte Braut für den perfekten Schwiegersohn ihres angesehenen Stiefvaters. In letzter Sekunde vor dem Traualtar jedoch weiß sie, dass sie dieses geplante perfekte Leben nicht führen kann. Und als Sam Gamble auf seiner Harley-Davidson die perfekte Hochzeitsfeier stört, rennt sie davon – direkt in Sams Arme. Für ihn, den etwas verrückten, ein wenig unzuverlässigen, aber einfallsreichen High-Tech-Spezialisten gibt Susannah alles auf: ihren Reichtum, ihre gesellschaftliche Stellung und, was sie am meisten schmerzt, die Zuneigung ihres Stiefvaters. Mutig, energisch und voller Einfälle baut sich Susannah ein eigenes Leben auf. Sie gründet zusammen mit Sam und ihren Freunden, dem Programmiergenie Yank Yankowski und dem Marketingfachmann Mitch Blaine, eine kleine Firma. Sam, Yank und nicht zuletzt Mitch werden nun zu Susannahs drei Musketieren – gerade auch zu jenem Zeitpunkt, als alles, was sich Susannah mühsam erkämpft hat, plötzlich in Gefahr ist. Denn Susannah hat mit ihrer Firma so großen Erfolg, dass selbst das Imperium ihres Stiefvaters sich von ihr bedroht fühlt und zu niederträchtigen Racheplänen greift. Warum aber ist plötzlich Mitch, dem sie bisher jeden Kummer erzählen konnte, nicht mehr bereit, stundenlang Susannahs Liebes-und Geschäftskummer anzuhören? Und wieso sehnt sie sich plötzlich nach seinen Umarmungen? Zu ihrer Überraschung entdeckt Susannah plötzlich unter der Fassade ihres »besten Freundes« eine ganz neue aufregende – und sehr sexy – Seite ...

Autorin

Susan Elizabeth Phillips erobert jedes Mal auf Anhieb die Bestsellerlisten in Deutschland und den USA. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in der Nähe von Chicago

Inhaltsverzeichnis

WidmungPrologERSTES BUCH - Die Vision
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20
ZWEITES BUCH - Die Mission
Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34
EpilogAnmerkungen der AutorinCopyright

Für Bill Phillips, Bakkalaureus der Elektrotechnik und Magister der naturwissenschaftlichen Fakultät in Elektrotechnik, der mir 1971 von einer Zeit erzählte, in der ganz normale Leute zu Hause Computer benutzen würden. Er erzählte mir auch von anderen Träumen.

Prolog

1958 war die Braut drei schreckliche Tage lang das berühmteste Kind von Amerika.

Achtzehn Jahre später fühlte sich Susannah Faulconer wieder einmal wie jene Siebenjährige, die in panische Angst geraten war. Während sie an der Seite ihres Vaters über den weißen Teppich ging, den man schnurgerade, exakt in der Mitte des Faulconer-Gartens verlegt hatte, drohte ihr das kostbare Perlenhalsband, ein Familienerbstück, den Atem zu nehmen. Sie wusste, dass dieses Gefühl irrational war, denn das Halsband saß keineswegs zu eng, und sie hatte es oft genug getragen – zum ersten Mal mit achtzehn auf dem Debütantinnenball. Also gab es keinen Grund, warum sie ersticken sollte, und keine Erklärung für den fast überwältigenden Impuls, den Schmuck von ihrem Hals zu reißen und in die elegant gekleidete Gästeschar zu werfen.

Obwohl sie ein Rotschopf war, wurde sie nicht dafür gehalten, weil ihr Haar nicht im feurigen Rot einer schick gestylten Clairol-Reklame schimmerte, sondern in jenem edlen Kastanienrot, das Bilder aus einer vornehmeren Vergangenheit heraufbeschwor – von Fuchsjagden am frühen Morgen, klirrenden Teetassen und Damen, die Gainsborough porträtiert hatte. Unter einer Romeo-und-Julia-Kappe war Susannahs Haar straff aus dem Gesicht gekämmt und im Nacken zu einem schlichten Knoten geschlungen. Für eine Braut sah dieser Stil etwas zu streng aus, passte aber zu ihr. Statt einer pompösen Brautrobe hatte sie ein wadenlanges Kleid aus antiker Spitze gewählt. Der offene Mandarin-Kragen enthüllte einen schlanken aristokratischen Hals, von den fünfreihigen Perlen umgeben, die ihr solche Schwierigkeiten bereiteten. An ihrer Erscheinung kündete alles von Reichtum, guter Kinderstube und einer altmodischen Zurückhaltung, die bei einer modernen Fünfundzwanzigjährigen deplatziert erschien.

Hundert Jahre früher hätte man Susannah Faulconer als vollkommene Schönheit bezeichnet. Doch ihre fein gezeichneten Züge waren nicht so spektakulär, um mit den extravaganten Cover-Girl-Gesichtern der siebziger Jahre zu konkurrieren. Sie besaß eine dünne, lange, gerade Nase und schmale, aber schön geschwungene Lippen. Nur die hellgrauen, weit auseinander stehenden, exquisit geformten Augen wirkten modern. Und weil sie so unergründlich schimmerten, gewannen Susannahs Gesprächspartner manchmal den verwirrenden Eindruck, sie wäre mit ihren Gedanken ganz woanders und hätte sich an einen Ort zurückgezogen, den niemand außer ihr aufsuchen durfte.

Seit einer Stunde traf die kalifornische Oberschicht ein, die zur Hochzeit eingeladen war. Eine Limousine nach der anderen rollte die dreispurige Zufahrt herauf. Vor Falcon Hill, dem Familiensitz der Faulconers, hielten die Autos in einem halbmondförmigen Hof mit Kopfsteinpflaster. Das Gebäude erweckte den Eindruck, es würde schon jahrhundertelang zwischen den Hügeln südlich von San Francisco emporragen. In Wirklichkeit war es knapp zwanzig Jahre alt – von Susannahs Vater, Joel Faulconer, in der distinguierten Gemeinde Atherton errichtet, kurz nachdem er von ihrem Großvater die Leitung der Falconer Business Technologies übernommen hatte.

Trotz der Unterschiede im Alter und Geschlecht glichen sich die Gäste, die in den akkurat postierten Reihen der zierlichen, schmiedeeisernen weißen Stühle saßen. Alle sahen wohlhabend und konservativ aus, eindeutig Persönlichkeiten, die eher Befehle erteilten als befolgten – alle außer der schönen jungen Frau, die im Hintergrund Platz nahm. Von einem Meer aus Halston und Saint Laurent umgeben, fiel Paige Faulconer, die jüngere Schwester der Braut, in einem rötlich braunen Kleid aus einem Discountladen auf, dem Stil der dreißiger Jahre nachempfunden, mit einer exzentrischen rosa Marabu-Boa um die Schultern.

Als die Musik feierlich anschwoll, wandte Susannah den Kopf zur Seite und entdeckte das zynische Lächeln, das den Schmollmund ihrer Schwester umspielte. Doch die alten Konflikte mit Paige sollten ihr den Hochzeitstag nicht verderben.

Wenigstens hatte sich ihre Schwester dazu durchgerungen, an der Zeremonie teilzunehmen. Mehr durfte Susannah nach allem, was geschehen war, nicht erwarten. Jetzt irritierten sie die Perlen schon wieder. Sie zwang sich, Paige zu vergessen und den schönen Garten zu bewundern.

Dank der Marmorstatuen, in Vicenza gemeißelt, und der funkelnden Brunnen, die aus dem Park eines Loire-Schlosses stammten, verbreitete der Garten die Atmosphäre der Alten Welt. In zahlreichen steinernen Gefäßen, effektvoll zwischen Grünpflanzen platziert, wuchsen Rosenbüsche mit üppigen weißen Blüten. Gardenien schwammen in den Brunnenbecken. Von der sanften Junibrise bewegt, flatterten Girlanden aus weißen Bändern durch die Luft. Alles war perfekt – genauso, wie sie es arrangiert hatte.

Nun musterte sie den Bräutigam. Cal Theroux erwartete sie unter dem schneeweißen Baldachin, der sich über dem größten Brunnen wölbte. Wegen seiner gediegenen äußeren Erscheinung erinnerte er sie an die Männer in der Zeitschriftenwerbung für teuren Scotch. Zweiundvierzig Jahre alt, gehörte er zu den einflussreichsten Managern im Faulconer-Konzern. Trotz des Altersunterschieds von siebzehn Jahren galten Susannah und Cal als ideales Paar, und sie hatten tatsächlich viel gemeinsam. Beide waren im Luxus aufgewachsen – sie in San Francisco, er in Philadelphia –, hatten exklusive Privatschulen besucht und sich in den besten Gesellschaftskreisen bewegt. Natürlich war Cal nicht mit sieben Jahren gekidnappt worden. Aber dieses Schicksal hatten nur wenige Menschen erlitten.

Immer enger schienen sich die fünf Perlenreihen um Susannahs Hals zu schließen. Aus der Ferne klang das Geräusch eines Rasenmähers heran. Sie stellte sich vor, wie erbost ihr Vater reagieren würde, wenn er herausfand, dass der Gärtner des benachbarten Anwesens diese besondere Stunde an einem Samstagnachmittag ausgesucht hatte, um den Rasen zu mähen. Zweifellos würde er ihr vorwerfen, dass sie die Nachbarn nicht über den Zeitpunkt der Trauung informiert hatte.

Als sie den Altar erreichte, berührte Cal ihren Arm. »Wie zauberhaft du aussiehst ...«, flüsterte er, und ein Lächeln vertiefte die sonnengebräunten Fältchen in seinen Augenwinkeln.

Der Priester räusperte sich. »Nun, meine Lieben ...«

Sicher war es richtig, Cal zu heiraten. Das wusste Susannah, denn sie tat stets genau das Richtige. Er liebte sie, hatte sich als reif, rücksichtsvoll und charakterstark erwiesen, und er würde einen untadeligen Ehemann abgeben. Aber das Unbehagen, das sie schon seit einer ganzen Weile quälte, verflog nicht.

»Wer vertraut die Braut dem Bräutigam an?«

»Ich.« Väterlicher Stolz milderte Joel Faulconers harte, markante Züge, als er Susannahs Hand von seinem auf Cals Arm legte. Dann trat er zurück, und sie hörte, wie er sich in die zweite Stuhlreihe setzte.

Allmählich surrte der Rasenmäher immer lauter.

Die Brautjungfer übernahm den Brautstrauß, und Susannah griff sich diskret an die Kehle. Verstohlen schob sie ihren Zeigefinger unter das Bennett-Erbstück und zog es von ihrer Haut weg.

Davon bemerkte Cal nichts. Konzentriert hörte er dem Priester zu. »Ich, Calvin James Theroux, nehme dich, Susannah Bennett Faulconer ...«

Jetzt dröhnte der Rasenmäher so laut, dass es auch den anderen Anwesenden auffiel. Cals Nasenflügel bebten, als würde ihn ein unangenehmer Geruch stören. Reglos stand Susannah neben ihm und schaute geradeaus, von wachsender innerer Unrast erfüllt.

Und dann erkannte sie, dass der Lärm gar nicht von einem Rasenmäher verursacht wurde.

Sie holte tief Atem. Aus ihren Wangen wich alles Blut. Inzwischen sprach der Geistliche mit ihr. Doch sie achtete nicht mehr auf seine Worte. Der Krach näherte sich, brauste am Haus vorbei und steuerte den Garten an. Irritiert drehte sich Cal um, der Priester verstummte, und Susannah spürte, wie sie unter ihren Brüsten zu schwitzen begann.

Plötzlich geschah es – die festliche Idylle des Faulconer-Gartens wurde vom ohrenbetäubenden, vulgären Rattern einer großen, schwarzen Harley-Davidson mit Zwillingsmotor verscheucht, die ins Blickfeld raste.

Die Maschine überquerte den gepflegten Rasen. Beinahe streifte sie eine Andromeda-Statue. Der Schrei des Fahrers übertönte den Motorenlärm – ein wilder Urschrei.

»Suzie!«

Mühsam schluckte sie, wandte sich vom Altar ab und starrte den ungebetenen Gast an. In ihrem Hals pochte ein viel zu heftiger Puls.

Ihr Vater sprang auf und warf seinen Stuhl um. Fürsorglich umfasste Cal ihr Handgelenk. Das Motorrad stoppte abrupt am anderen Ende des Teppichs, über den sie vorhin gegangen war, und das Vorderrad beschmutzte den weißen Rand.

Nein, dachte sie, das geschieht nicht wirklich. Es ist ein Albtraum. Einfach nur ein weiterer Albtraum ...

»Suzie!«

Er trug eine schwarze Lederjacke und Blue Jeans, die seine Schenkel eng umspannten, während er rittlings auf der Harley-Davidson saß. Mit seinen durchdringenden dunklen Augen und den hohen, flachen Wangenknochen glich er einem Vollblut-Komantschen, obwohl nicht nur amerikanisches Blut in seinen Adern zu fließen schien. Vielleicht entstammte ein Elternteil dem Mittelmeerraum. Seine Haut war olivfarben, seine schmalen Lippen wirkten fast grausam. Von der San Francisco Bay wehte eine Brise herauf und strich das schulterlange Haar aus seinem Gesicht. Wie eine Fahne flatterte es hinter seinem Kopf.

»Was ist los, Suzie? Hast du vergessen, mir eine Einladung zu schicken?« Seine hypnotisierenden Augen schienen sie zu durchbohren.

Aufgeregt begannen die Gäste zu tuscheln – teils empört und verblüfft, teils in wohliger Sensationslust, weil sie eine so ungeheuerliche Szene miterlebten. Zählte dieses Individuum zu Susannahs Freundeskreis? Das konnte sich niemand vorstellen. Vielleicht hatte sich Paige mit ihm eingelassen. Aber Susannah? Niemals!

Nur vage hörte Susannah die Brautjungfer hinter sich murmeln: »O Gott! O Gott! O Gott ...« Immer wieder. Wie ein Mantra. Und sie selbst klammerte sich an Cals Arm, als wäre er ein Rettungsanker. Sie versuchte zu sprechen. Aber ihre Stimme versagte. Mit ihren schmalen, aristokratischen Fingern zerrte sie an den Perlen und versuchte, sie von ihrem Hals zu lösen.

»Tu das nicht, Suzie!«, warnte der Biker.

»Moment mal!«, stieß Joel Faulconer hervor und drängte sich zwischen den schmiedeeisernen Stühlen hindurch, zu dem weißen Seil, das die Sitzreihen absperrte.

In ihrem Entsetzen vermochte Susannah gar nicht an die Blamage zu denken, die sie vor den Gästen erlitt, und die Demütigung wurde ihr kaum bewusst. Was immer auch passiert, du musst deine Fassung bewahren, ermahnte sie sich.

Der Mann, der auf dem Motorrad saß, streckte ihr eine Hand entgegen. »Komm mit mir!«

»Wer ist das, Susannah?«, fragte Cal.

»Rufen wir die Polizei!«, kreischte irgendjemand.

Der Harley-Fahrer hielt ihr nach wie vor die Hand hin.

»Komm, Suzie, steig auf meine Maschine!«

Unter ihren Fingern gab das Bennett-Erbstück nach, die kostbaren Perlen rieselten am weißen Brautkleid hinab und kullerten ins Gras. Mein Hochzeitstag, dachte sie verzweifelt. Wie konnte ein so grauenhafter Zwischenfall diesen wichtigen Tag verderben? Ihre Großmutter würde sich im Grab umdrehen.

Verächtlich wies er auf die Gästeschar. »Willst du für den Rest deines Lebens Partys geben? Oder begleitest du mich und steckst die Welt in Brand?«

Da riss sie sich von Cal los und presste ihre Hände auf die Ohren – eine schockierende, peinliche Geste, einer Faulconer unwürdig. »Verschwinde! Ich höre dir nicht zu!« Und dann entfernte sie sich vom Altar, von ihrem entgeisterten Publikum.

»Komm mit mir, Baby«, bat er. »Lass das alles hinter dir zurück.« Die dunklen Augen schienen sie in einen magischen Bann zu ziehen. »Spring auf meinen Feuerstuhl, und wir fahren davon!«

»Nein«, würgte sie hervor. »Nein ...«

Er war ein Rüpel, ein Chaot. Jahrelang hatte sie mit klarem Verstand ihre Entscheidungen getroffen, zuverlässig nur richtig gehandelt und sämtliche Regeln befolgt. Kein einziges Mal war sie ein Risiko eingegangen. Wieso geriet sie jetzt in eine so unerträgliche Situation? Warum entglitt ihr die Kontrolle über ihr eigenes Leben?

Neben ihr stand Cal, der seriöse, ehrbare Cal, ihr Seelenverwandter, der Mann, der alle Dämonen vertreiben konnte. Und vor ihr saß ein abgebrühter Schurke auf einer Harley. Instinktiv wandte sie sich von beiden ab und schaute zu ihrer Schwester hinüber, die wie versteinert dasaß, das Gesicht eine schreckensbleiche Maske. Nein, Paige würde ihr nicht helfen. Weil Paige ihr niemals half.

Susannah griff sich wieder an die Kehle. Aber das Perlenhalsband war verschwunden. Die alte Panik krampfte ihr das Herz zusammen. Wie schon so oft fühlte sie sich in das Grauen jenes Frühlingstags im Jahr 1958 zurückversetzt.

An jenem Tag war sie das berühmteste Kind von Amerika geworden. Die Erinnerung drohte sie zu lähmen.

Doch da sah sie ihren Vater, der das Ende der Stuhlreihe erreichte. Und endlich bot sie ihre ganze innere Kraft auf, um die Vergangenheit abzuschütteln.

Nur ein kurzer Augenblick blieb ihr, ein winziges Fragment der Ewigkeit, um etwas zu tun, bevor ihr Vater die Kontrolle übernahm.

ERSTES BUCH

Die Vision

Was immer du tun kannst oder du träumst – fange es an. In der Kühnheit liegt Genie, Macht und Magie.

JOHN ANSTER (1835), freie englische Übersetzung von Goethes »Faust I«

1

Susannahs leiblicher Vater war nicht Joel Faulconer, sondern ein Engländer namens Charles Lydiard, der ihre Mutter 1949 während eines Besuchs in New York City kennen gelernt hatte. Kurz zuvor war Katherine »Kay« Bennetts Vater, ein reicher Financier, gestorben. Die bildschöne junge Schickeria-Lady entdeckte Lydiard auf der Yacht eines Freundes. Lässig lehnte er an der Mahagonireling des Achterdecks, rauchte eine türkische Zigarette und nippte an einem Gibson. Stets auf der Suche nach attraktiven ungebundenen Männern, ließ sich Kay sofort mit ihm bekannt machen. Noch vor dem Ende des Abends verliebte sie sich in seine fein gemeißelten aristokratischen Züge und sein zynisches, melancholisches Wesen.

Besonders scharfsinnig war sie nicht. Deshalb fand sie erst ein Jahr nach der Hochzeit heraus, dass sich ihr eleganter Ehemann eher zu künstlerisch veranlagten jungen Männern hingezogen fühlte als zu ihrem eigenen verführerischen Körper. Unverzüglich zog sie mit ihrer zwei Monate alten Tochter in das Penthouse ihrer verwitweten Mutter in der Park Avenue. Um den ganzen unerfreulichen Zwischenfall zu vergessen, stürzte sie sich hektisch in gesellschaftliche Aktivitäten. Außerdem tat sie ihr Bestes, um auch das kleine Mädchen mit dem ernsten Gesicht zu vergessen, das sie so schmerzlich an ihr mangelndes Urteilsvermögen erinnerte.

Charles Lydiard starb 1954 bei einem Bootsunfall. Um diese Zeit lebte Kay bereits in San Francisco. Kurz davor hatte sie Joel Faulconer geheiratet, einen kalifornischen Industriellen. Vollauf damit beschäftigt, ihren virilen jungen Gatten zu beglücken, verschwendete sie keinen Gedanken an das Schicksal ihres enttäuschenden ersten Ehemanns. Sie dachte auch nicht an ihre dreijährige Tochter, die sie ihrer alten Mutter anvertraut hatte.

Und so wuchs Susannah Bennett Lydiard auf der anderen Seite des Kontinents zu einem ernsthaften Mädchen mit grauen Augen, schmaler Nase und kastanienrotem, zu zwei strammen Zöpfen geflochtenem Haar heran. Als sie vier Jahre alt war, brachte sie sich die Kunst des Lesens bei und lernte die hohen Räume im Penthouse ihrer Großmutter möglichst lautlos zu durchqueren. Wie ein Schatten huschte sie an den großen Fenstern vorbei, deren schwere Samtvorhänge stets geschlossen blieben, um die vulgären Geräusche des großstädtischen Straßenverkehrs zu dämpfen. Ihre Schritte auf den dicken alten Teppichen glichen einem Flüstern, und sie führte ein ebenso stilles Leben wie die ausgestopften Singvögel, die unter Glaskuppeln auf polierten Tischen prangten.

Allmählich verlor Großmutter Bennett den Verstand. Zu jung, um das zu begreifen, wusste Susannah nur, dass die alte Dame strikte Regeln aufgestellt hatte. Wenn man dagegen verstieß, wurde man streng bestraft. Ein frivoles Kind habe sie bereits großgezogen, betonte die Witwe, und sie würde sich nicht mit einem zweiten belasten.

Die Mutter des kleinen Mädchens kam zweimal im Jahr zu Besuch. An solchen Tagen ging Susannah nicht wie üblich mit einem der älteren Dienstboten ihrer Großmutter einmal um den Häuserblock, sondern trank mit Kay Tee im Plaza. Die Mutter war sehr schön. Fasziniert beobachtete das Kind, wie sie eine Zigarette nach der anderen rauchte und alle paar Minuten auf ihre funkelnde, mit Diamanten besetzte Armbanduhr schaute.

Sobald die Teekanne leer war, wurde Susannah nach Hause gebracht. Pflichtbewusst küsste Kay die Stirn ihrer Tochter und verschwand für weitere sechs Monate. Die Großmutter erklärte, weil Susannah so unartig sei, dürfe sie nicht bei ihrer Mutter leben.

Sicher, Susannah war furchtbar unartig. Manchmal berührte sie an der Dinnertafel ihre Nase. Oder sie saß nicht kerzengerade. Gelegentlich vergaß sie, »bitte« und »danke« zu sagen. Für jedes dieser Vergehen wurde sie bestraft und für eine ganze Stunde in einem Schrank eingesperrt. Das würde zu ihrem eigenen Wohl geschehen, behauptete die Großmutter. Aber das Mädchen fragte sich, warum etwas so Grausames gut sein sollte.

Der Schrank war klein und stickig. Noch schlimmer – Großmutter Bennetts alte Pelzmäntel hingen darin. Für ein Kind mit reger Fantasie verwandelte sich die beengte Finsternis in einen Albtraum voller Leben. Hässliche schwarze Nerze streiften Susannahs blasse Wangen, eklige geschorene Biberfelle rieben sich an ihren dünnen Armen. Am unheimlichsten fand sie die Fuchsstola mit dem echten Kopf, der die gespenstische Schließe bildete. Sogar im Dunkeln spürte sie den Blick der schlauen Glasaugen des Tiers. Stocksteif vor Entsetzen kauerte sie am Holzboden, den Rücken an die Schranktür gepresst, und erwartete, die scharfen Fuchszähne würden sie jeden Moment auffressen.

Für ein so kleines Kind verlief das Leben in düsteren, beängstigenden Bahnen. Mit fünf Jahren hatte Susannah die weltfremden Gepflogenheiten eines älteren Menschen entwickelt. Kein einziges Mal erhob sie ihre Stimme, lachte nur selten und weinte nie. Um der gruseligen Pelzhölle zu entrinnen, tat sie alles, was in ihrer begrenzten Macht stand. Sie bemühte sich so eifrig, brav zu sein, dass sie wahrscheinlich gewisse Erfolge erzielt hätte. Doch eines Nachts, im Tiefschlaf, ließ sie ihr eigener Körper schmählich im Stich.

Sie begann ins Bett zu machen.

Wann es passieren würde, wusste sie niemals im Voraus. Manchmal verging ein ganzer Monat ohne peinliche Zwischenfälle. Und dann erwachte sie eines Morgens und lag wieder in ihrem Urin. Großmutter Bennetts papierdünne Nasenflügel bebten angewidert, wann immer die Enkelin nach solchen Nächten zu ihr gebracht wurde. Nicht einmal Susannahs unmanierliche Mutter Katherine hatte sich jemals so abscheulich benommen.

Susannah versuchte ihr nasses Bettzeug zu verstecken. Aber es waren zu viele Laken, und die Dienstboten kamen ihr unweigerlich auf die Schliche.

Wenn das geschah, las ihr die Großmutter mit scharfer Stimme die Leviten, und Susannah musste während der Gefangenschaft im Schrank ihr schmutziges Nachthemd tragen. Der beißende Gestank ihres Urins mischte sich mit dem Kampfergeruch, den die alten Pelze verströmten, bis sie kaum noch atmen konnte. In ihrer Verzweiflung glaubte sie, spitze Zähne auf ihren Armen zu spüren, einen kraftvollen Kiefer, der ihr die zarten Knochen brach. Weil sie ihren Rücken so fest gegen die Schrankwand drückte, entstanden an ihrer Wirbelsäule Blutergüsse, wie eine Perlenkette in verschiedenen Farben.

Nacht für Nacht bekämpfte sie den Schlaf. Sie las Bücher aus der Bibliothek ihrer Großmutter und kniff sich in die Beine, um wach zu bleiben.

Aber sie war erst fünf Jahre alt, und schließlich schwanden ihr trotz aller Mühe die Sinne. Prompt kroch das Monster zur Tür herein und grub die scharfen Zähne in ihr Fleisch, bis sich ihre kleine Blase entleerte.

Jeden Morgen erwachte sie voller Angst, wagte sich kaum zu bewegen, Gerüche wahrzunehmen, das Laken zu berühren. Sobald sie feststellte, dass es trocken war, empfand sie eine fast Schwindel erregende Freude. An solchen Tagen wirkte alles heller und freundlicher – der Ausblick auf die Park Avenue durch die Fenster an der Vorderfront des Hauses, der glänzende rote Apfel, den sie zum Frühstück aß, das komisch verzerrte Spiegelbild ihres ernsten kleinen Gesichts in der silbernen Kaffeekanne ihrer Großmutter.

Wenn das Bettzeug nass war, wünschte sie inständig, sie wäre alt genug, um zu sterben.

Und dann, ein paar Tage nach ihrem sechsten Geburtstag, änderte sich die Welt. Sie saß am Boden des Schranks, der Geruch des Urins brannte in ihrer Nase, kalte Furcht schnürte ihr die Kehle zu. An ihren Schienbeinen klebte das nasse Nachthemd, und ihre Füße steckten im schmutzigen Bettzeug, das sie auf den Befehl ihrer Großmutter mitgenommen hatte. Die Augen zusammengekniffen, starrte sie in der Finsternis die Stelle an, wo – das wusste sie ganz genau – der grässliche Fuchskopf hing.

Darauf konzentrierte sie sich so intensiv, dass sie die Geräusche nicht hörte. Nur allmählich drang das Gezeter der Großmutter in ihr Bewusstsein, dann eine tiefere männliche Stimme, die ihr fremd war.

Sie kannte so wenige Männer. »Kleine Miss« nannte sie der Pförtner des Apartmenthauses. Aber diese Stimme gehörte nicht ihm. Da gab es noch den Mann, der den Wasserhahn über dem Waschbecken im Badezimmer reparierte, wenn er tropfte, den Doktor, von dem sie letztes Jahr eine Injektion bekommen hatte. Wenn sie spazieren ging, sah sie Männer auf der Straße. Doch sie war keines dieser süßen kleinen Püppchen, die Grübchen in den Wangen hatten und die Aufmerksamkeit der Erwachsenen erregten. Nur ganz selten sprach jemand mit ihr.

Durch die dicke Schranktür hörte sie, wie sich die Männerstimme näherte. Laut. Und zornig. Angstvoll zuckte sie zurück und fiel zwischen die Pelze, tote Nerze und Biber hüllten sie ein. Als der Fuchskopf gegen ihre Stirn prallte, stieß sie einen Schrei aus.

Die Tür flog auf. Das merkte sie nicht. Von panischer Angst überwältigt, begann sie zu schluchzen.

»Großer Gott!«

Die ärgerliche Männerstimme dröhnte in ihren Ohren. Zitternd versank sie noch tiefer in der stickigen Masse der Pelze, suchte intuitiv bekanntes Grauen, statt sich einem unbekannten auszuliefern.

»Großer Gott!«, wiederholte der Fremde. »Das ist ja barbarisch!«

Wimmernd starrte sie ins bösartige Fuchsgesicht.

»Komm her, meine Süße.« Jetzt nahm die Stimme einen sanften Klang an. »Komm zu mir!«

Ganz langsam drehte sie sich um und blinzelte ins Licht. Zu der freundlichen Stimme gewandt, sah sie Joel Faulconer zum ersten Mal. Hoch gewachsen und goldblond, mit breiten Schultern.

Wie ein hübscher Prinz aus ihrem Märchenbuch lächelte er sie an und streckte seine Hand aus. »Komm nur, Schätzchen, ich werde dir nicht wehtun. Und ich werde auch niemand anderem erlauben, dich zu quälen.«

Sie wollte sich bewegen. Doch sie konnte es nicht, denn ihre Füße hatten sich in den nassen Bettlaken verfangen, und der Fuchskopf schlug gegen ihre Wange.

Da griff der Mann nach ihr. Instinktiv zuckte sie zusammen und schob sich noch weiter zwischen die Pelze zurück. »Schon gut«, beteuerte er und zog sie aus dem Schrank. »Alles in Ordnung, mein Schatz.«

Und dann hob er sie auf seine starken Arme und drückte sie an seine Brust. Sie erwartete, er würde sie loslassen, sobald er das nasse Nachthemd spürte und den beißenden Geruch wahrnahm. Das geschah nicht. Ganz im Gegenteil, er presste sie noch fester an sein elegantes Jackett, trug sie in ihr Schlafzimmer und half ihr, sich anzukleiden. Und er führte sie für immer aus dem Penthouse an der Park Avenue.

»Diese dumme Kuh«, murmelte er. Erst viel später sollte sie erkennen, dass er nicht ihre Großmutter meinte.

Joel Faulconer war nicht sentimental. Und nichts hatte ihn auf die tiefen Gefühle vorbereitet, die ihn erfassten, als er Susannah zwischen den alten, von Motten zerfressenen Pelzmänteln seiner Schwiegermutter kauern sah. Sechs Stunden später saß sie festgegurtet neben ihm im Flugzeug, er schaute sie an, und sein Herz krampfte sich zusammen. In ihrem kleinen schmalen Gesicht wirkten die grauen Augen übergroß, und das Haar war in so stramme Zöpfe geflochten, dass sich die Haut über der zarten Stirn spannte und zu platzen drohte.

Unverwandt starrte sie vor sich hin. Seit er sie aus dem Schrank befreit hatte, war kaum ein Wort über ihre Lippen gekommen. Joel nippte an dem Bourbon, den er bei der Stewardess bestellt hatte, und versuchte, sich nicht vorzustellen, was mit Susannah geschehen wäre, hätte er an diesem Morgen nicht einem plötzlichen Impuls nachgegeben und seine Schwiegermutter besucht. Weil Kay ihre Mutter nicht mochte, hatte er die Frau nur ein paar Mal bei gesellschaftlichen Veranstaltungen getroffen und zu kurz mit ihr gesprochen, um ihre Geisteskrankheit zu erkennen. Aber Kay hätte es wissen müssen.

Während er an seine Frau dachte, verspürte er das vertraute Gemisch aus Unbehagen und Erregung, das sie stets in ihm weckte. Erst einige Monate nach der Hochzeit hatte sie ihm die Existenz ihrer Tochter verraten – ungefähr um die gleiche Zeit, als er sich zum ersten Mal gefragt hatte, ob es klug gewesen war, sie zu heiraten. Kay versicherte, in der Obhut ihrer Mutter sei das Kind besser aufgehoben. Dabei ließ er es bewenden, weil er sich nicht mit dem Kind eines anderen Mannes belasten wollte.

Wann immer sie nach New York flog, besuchte sie Susannah, und er nahm an, Mrs. Bennett würde ihre Enkelin gut betreuen. Als seine eigene Tochter zur Welt gekommen war, hatte er das andere Kind beinahe vergessen.

Nun schwenkte er den Bourbon in seinem Glas umher und starrte aus dem Fenster. Was für eine Frau konnte ihr eigenes Fleisch und Blut ignorieren? Nur eine Frau wie Kay – zu dumm und oberflächlich, um zu registrieren, was jedem halbwegs vernünftigen Menschen sofort auffallen würde ... Natürlich hätte er sich viel früher um Susannah kümmern müssen.

Bedrückt wandte er sich wieder zu dem kleinen Mädchen an seiner Seite. Die Hände im Schoß gefaltet, saß Susannah kerzengerade da. Ihr Kopf begann hin und her zu schwanken, und er vermutete, die dröhnenden Motoren des Flugzeugs würden sie bald einlullen. Während er sie beobachtete, senkten sich ihre durchscheinenden Lider, fragil wie Eierschalen. Und dann riss sie abrupt die Augen auf.

»Du bist schläfrig, nicht wahr?«, fragte er.

Da erwiderte sie seinen Blick, und neues heißes Mitleid erfüllte ihn, als er die Angst in ihren Augen las. Wie ein Reh vor dem Gewehr eines Jägers, dachte er. »Nein – mir – mir geht es gut«, stammelte sie.

»Schlaf ein bisschen. Bis wir in Kalifornien ankommen, dauert es noch ein paar Stunden.«

Hilflos musterte sie den schönen Märchenprinzen, der sie gerettet hatte. Obwohl es unvorstellbar war, ihm den Gehorsam zu verweigern – sobald sie einschlief, würde sich das Monstrum mit den Fuchsaugen an sie heranpirschen. Sogar in dieser großen silbernen Maschine würde es zu ihr kommen. Dann würde sie sich in die Hose machen, und der Prinz würde herausfinden, wie unartig sie war.

Joel nahm ihre Hand und drückte sie behutsam. »Mach einfach die Augen zu.«

Nur mühsam hielt sie ihre Tränen zurück, als sie seine sanfte Stimme hörte. »Das – das kann ich nicht.«

»Warum nicht?« Wie viel Aufmerksamkeit er ihr schenkte  – als wäre sie kein kleines Kind, sondern eine richtige erwachsene Person ...

»Weil es unklug ist – Sir.« Verspätet fügte sie die höfliche Anrede hinzu und hoffte, er würde über ihre schlechten Manieren hinwegsehen.

»Von sechsjährigen Mädchen weiß ich nicht viel. Also wirst du mir einiges erklären müssen.«

Voller Mitleid, aber auch fordernd, schaute er sie mit seinen leuchtend blauen Augen an. Er hatte ein Grübchen im Kinn, und sie wünschte, sie könnte es mit einer Fingerspitze berühren, um herauszufinden, wie es sich anfühlte. Während sie nach einer höflichen Antwort suchte, überschlugen sich ihre Gedanken. Natürlich durfte sie ihr Problem nicht erwähnen. Über solche Dinge zu reden – das war vulgär und inakzeptabel. Dafür gab es keine Entschuldigung. »Nun, ich fürchte ...«, begann sie. »Unter Umständen wäre es möglich ...«

Er lachte, und sie hielt erschrocken den Atem an. Beruhigend tätschelte er ihre Hand. »Was für ein sonderbares kleines Vögelchen du bist ...«

»Ja, Sir.«

»Du solltest mich nicht ›Sir‹ nennen.«

»Nein, Sir. Wie darf ich Sie denn anreden?«

Eine Zeit lang dachte er nach. »Wie wär’s mit ›Dad‹?« Dann lächelte er. »Wenn ich’s mir recht überlege – entscheiden wir uns erst einmal für ›Vater‹. Irgendwie glaube ich, damit würdest du dich wohler fühlen.«

»Vater?« Ihr Herz schlug wie rasend. Was für ein wundervolles Wort! Ihr richtiger Vater war tot. Könnte sie doch den Märchenprinzen fragen, ob sie jetzt sein kleines Mädchen sei. Aber es wäre furchtbar unhöflich, so persönliche Fragen zu stellen, und so schwieg sie.

»Nachdem wir das geklärt haben, würdest du mir verraten, warum du nicht einschlafen kannst?«

Unglücklich senkte sie den Kopf. »Ich habe Angst, ich würde ... Nicht absichtlich, rein zufällig ... Womöglich würde ein Missgeschick meinen Sitz ruinieren.«

»Ein Missgeschick?«

Beklommen nickte sie. Wie sollte sie diesem großartigen Mann etwas so Schlimmes erklären?

Er sagte nichts, und sie wagte nicht, ihn anzuschauen, voller Angst, sie würde unverhohlenen Ekel in seiner Miene lesen. Und so starrte sie die Rückenlehne des Passagiers an, der vor ihr saß.

Schließlich erwiderte er: »Ich verstehe. Wirklich, ein außergewöhnliches Problem. Was meinst du, wie wir es lösen könnten?«

Susannah ließ die Lehne nicht aus den Augen. Offenbar erwartete er eine Antwort, und so schlug sie zögernd vor: »Vater – wenn du so freundlich wärst, mich in den Arm zu kneifen, sobald ich einschlafe ...«

»Hm. Ja, das wäre möglich, aber vielleicht schlafe ich selber ein, und dann würde ich nichts merken. Da habe ich eine bessere Idee.«

Unsicher wandte sie sich zu ihm. Er hatte seine Fingerspitzen aneinander gelegt, konzentriert runzelte er die Stirn.

»Wie wäre es, wenn wir beide die Augen schließen und uns ausruhen? Wenn du aufwachst und feststellst, dass dir ein – eh – Missgeschick passiert ist, stößt du mich mit dem Ellbogen an und weckst mich. Dann bitte ich die Stewardess um ein Glas Wasser. Wenn sie’s bringt, schütte ich’s scheinbar versehentlich auf deinen Rock und den Sitz.« Dank ihres Scharfsinns brauchte sie nur wenige Sekunden, um zu begreifen, was er meinte. Was für ein brillanter Plan ... »O ja«, flüsterte sie erleichtert, »ja, bitte!«

Und so schlief sie stundenlang. Als sie erwachte, war der Sitz trocken, und sie fühlte sich so glücklich wie noch nie.

Von diesem Glück beflügelt, gewöhnte sie sich mühelos an ihr neues Leben in Falcon Hill, einem schönen Haus – so groß wie ein Schloss und voller Sonnenschein. Sie hatte eine hübsche, rosige dreijährige Schwester namens Paige, mit der sie spielen durfte. Jeden Tag sah sie ihre schöne Mutter, nicht nur alle halbe Jahre zum Tee im Plaza. Und jeden Abend kam ihr neuer Vater in ihr Schlafzimmer und stellte ein Glas Wasser auf ihren Nachttisch, das sie aufs Laken schütten konnte, falls ihr ein Missgeschick passierte. Susannah liebte ihn so heiß und innig, dass es wehtat.

Seit Joel Faulconer fünfzehn Jahre alt gewesen war, hatte er Tom Watson bewundert, den Gründer von IBM. Begierig beobachtete er, wie Watsons Firma zu einem der erfolgreichsten Konzerne auf der ganzen Welt avancierte. Genau das sollte auch mit Faulconer Typewriter geschehen, dem Unternehmen, das sein Vater Ben und sein Onkel Lewis 1913 gegründet hatten. Tüchtig zu sein – das genügte Joel Faulconer nicht, er musste der Beste werden.

Den Kopf voll grandioser Träume, kehrte er aus dem Zweiten Weltkrieg zurück und überraschte seinen Vater und den Onkel mit tollkühnen Strategien für eine Expansion der Firma. Schreibmaschinen zu verkaufen – das sei armselig, erklärte er ihnen. Stattdessen müssten sie den Konzern IBM auf dessen eigenem Gebiet angreifen, indem sie ihre Produktion mit Rechenmaschinen erweiterten. Dann würden sie sich um lukrative Regierungsaufträge bemühen und den Vertreterstab vergrößern.

Sein Onkel Lewis Faulconer, der protzige Anzüge und zweifarbige Schuhe trug und Havannazigarren rauchte, verwarf die Ideen seines Neffen. »Hör mal, Junge, dein Vater und ich haben schon genug Millionen verdient. Wozu brauchen wir noch mehr Geld?«

»Um die Besten zu sein«, erwiderte Joel mit schmalen Lippen, ohne seinen Frust zu verbergen. »Um Watson und IBM die Hölle heiß zu machen.«

Lewis’ Blick schweifte von Joels modisch geschnittenem Haar zu seinem Ring mit dem Wappen von der Stanford-Universität. »Scheiße, Junge, du bist noch nicht einmal trocken hinter den Ohren. Und jetzt willst du deinem Daddy und mir erzählen, wie wir die Firma leiten sollen, die wir aus dem Boden gestampft haben.«

Aber Ben Faulconer, der sich im Lauf der Jahre – im Gegensatz zu seinem Bruder – einen gewissen gesellschaftlichen Schliff angeeignet hatte, war fasziniert von Joels Plänen. Wenn er wegen der Wirtschaftslage in der Nachkriegszeit auch vor radikalen Neuerungen zurückschreckte – Joel glaubte, es würde ihm gelingen, ihn auf seine Seite zu ziehen, sobald sie Onkel Lewis losgeworden wären.

In einem Schachzug, der sich als prophetisch erweisen sollte, kaufte Joel Patente von der eben erst aufstrebenden Computerindustrie. Gleichzeitig hofierte er die leitenden Angestellten der Firma. Mit ihrer Hilfe manövrierte er seinen Onkel geschickt in ein paar geschäftliche Debakel hinein. Es dauerte zwei Jahre, bis er es endlich schaffte, Lewis vollkommen auszubooten.

An Lewis’ letztem Tag in der Firma, die er mitbegründet hatte, stellte er seinen Bruder in dessen komfortablem, mit Holz getäfeltem Büro zur Rede. »Benny, du hast einen Fuchs in den Hühnerstall gelassen«, warnte er ihn mit leichtem Zungenschlag, weil er keinen Grund mehr sah, bis zum Lunch auf den ersten Drink des Tages zu warten. »Pass auf deinen Arsch auf! Jetzt ist er hinter dir her.«

Unsinn, dachte Ben, insgeheim stolz auf seinen raffinierten Sohn. Wie clever der Junge die Firma von einem Mann befreit hatte, der allmählich zum Ärgernis geworden war. Dass er sich um seine eigene Position sorgen sollte, fand Ben lächerlich. Als Aufsichtsratsvorsitzender hielt er sich für unangreifbar. Außerdem war Joel sein Sohn.

Ein Jahr später, dreißig Jahre alt, zwang Joel Faulconer seinen Vater in den Vorruhestand und übernahm das Ruder der Firma, die jetzt Falcon Business Technologies hieß – oder FBT.

Und von da an florierte das Unternehmen in einem Ausmaß, das die Vorstellungskraft aller Beobachter überstieg.

Zwei Wochen nach Susannahs Ankunft in Kalifornien feierte FBT den achten Jahrestag von Joels Aufstieg zum Vorstand mit der Einweihung des neuen Hauptquartiers bei Palo Alto. Offiziell FBT Center of Corporate Activities genannt, hieß es schon bald das »Schloss«. Insgeheim freute sich Joel über diesen Spitznamen. Sollte ein König etwa nicht in einem Schloss wohnen?

Natürlich bildete er sich keine Sekunde lang ein, er wäre ein König ... Aber im Imperium der Falcon Business Technologies übte er uneingeschränkte Macht aus. Sogar der Präsident der Vereinigten Staaten musste sich vor dem Volk verantworten – und Joel nur vor sich selbst und den handverlesenen Mitgliedern des Aufsichtsrats. Was er in so jungen Jahren erreicht hatte, erfüllte ihn mit Stolz. Mit achtunddreißig zählte er zu den einflussreichsten Männern der amerikanischen Industrie, und er wünschte, er hätte seinen privaten Haushalt unter genauso strenger Kontrolle.

Während er die Manschettenknöpfe aus Onyx in die Löcher seiner Hemdsärmel schob, schaute er ungeduldig zu seiner Frau hinüber. Sie saß an ihrem Toilettentisch und bemalte die Lippen, die eben noch seinen Körper so effektvoll beglückt hatten.

Mit dreiunddreißig Jahren hatte sie die volle Blüte ihrer Schönheit erreicht. Wann immer sie den Oberkörper zum Spiegel neigte, schmiegten sich ihre Brüste verführerisch in die Körbchen des BHs. Konzentriert schminkte sie sich, als würde die simple Aufgabe, einen Lippenstift aufzutragen, ihre gesamte Intelligenz erfordern – die keineswegs bemerkenswert ist, dachte Joel.

»Du wirst dich schon wieder verspäten, Kay!«, fauchte er. »Wie wichtig dieser Abend ist, weißt du doch. Und du hast versprochen, du würdest pünktlich sein.«

»Tatsächlich?«, fragte sie vage, schraubte den Lippenstift in die Hülle zurück und fingerte an dem kostbaren, mit Juwelen besetzten Verschluss. Wie Federn umrahmten die hellblonden Haare ihres italienischen Kurzhaarschnitts die Wangenknochen und milderten Züge, die das gar nicht nötig hatten. Für die aktuelle Mode war ihr Mund zu voll. Doch das hatte Joel stets gefallen. Vielleicht zu sehr. Solche Lippen passten zu einer Nutte, nicht zur Ehefrau eines mächtigen, erfolgreichen Industriellen.

»Sei nicht böse, Darling«, bat sie. »Seit du aus New York zurückgekommen bist, schimpfst du ständig mit mir.«

»Kannst du mir das verdenken? Dass du dumm bist, wusste ich. Aber ich hatte keine Ahnung, wie dumm.«

Kay griff nach einer Zigarette und strich mit ihrem kleinen Finger über die Bögen ihrer dünn gezupften Brauen. »Schrei mich nicht schon wieder an, Joel! Es war nicht meine Schuld. Das habe ich dir oft genug erklärt. Wann immer ich Susannah besucht habe, war sie gut gekleidet. Wie sollte ich denn merken, dass da irgendwas nicht gestimmt hat?«

Joel verkniff sich eine Antwort, die seine einfältige Frau zu einer noch schlimmeren Verspätung bewegen würde. Welch eine grauenhafte Ehe hatte er sich aufgehalst ... Trotzdem übte er keine allzu vernichtende Kritik an seiner Vernunft, denn die sinnliche Seite seines Wesens fühlte sich zu Frauen wie Kay hingezogen – verführerische, verwöhnte Kätzchen, die im Bett wahre Wunder vollbrachten, aber im täglichen Leben völlig versagten. Auch einflussreichen Männern musste man gewisse körperliche Schwächen zugestehen. Eine Zeit lang hatte er mit dem Gedanken gespielt, sich scheiden zu lassen. Doch ein solcher Skandal würde seine Position gefährden. Stattdessen verübelte er Kay, dass sie nicht die tüchtige Ehefrau war, die ein Mann von seinem Kaliber brauchte.

»Hast du meine Ohrringe gesehen, Darling? Die Saphire?« Vergeblich wühlte sie in dem Chaos auf ihrem Toilettentisch, in der Hoffnung, der teure Schmuck könnte sich irgendwo zwischen den Max-Factor-Fläschchen und den Ayds-Diätwürfeln verstecken.

»Um Himmels willen, Kay, wenn du die Saphire schon wieder verlegt hast, nehme ich sie dir endgültig weg. Ist dir eigentlich klar, was sie gekostet haben?«

Geistesabwesend griff sie wieder nach dem Lippenstift. »Ein Vermögen, nehme ich an. Oh, jetzt erinnere ich mich – ich habe sie im Wohnzimmer abgenommen und sie in eine Schublade des Sekretärs gelegt, damit ich sie nicht verliere. Sei ein Schatz und hol sie mir.«

Joel verließ das Schlafzimmer und stieg die Treppe hinab. Als er das Wohnzimmer betrat, sah er Susannah nicht, die wie eine stille, kleine graue Maus in einem Sessel kauerte, die Beine unter dem Rock ihres neuen Nachthemds aus Kattun angezogen. Beim Anblick des vergötterten Vaters strahlten ihre Augen.

»Verdammt!« In den Schubladen des Nussbaumsekretärs häuften sich Kays Besitztümer. Alles, nur keine Ohrringe... Ein Fach nach dem anderen riss er auf und schloss es wieder. »Wo zum Teufel hat sie die Ohrringe hingelegt?«

»Kann ich dir helfen, Vater?«, fragte Susannah unterwürfig, sprang aus dem Sessel und eilte zu ihm.

Joel hatte dem Kindermädchen verboten, ihr Haar zu flechten. Deshalb hing es glatt und lose herab. Während sie vor ihm stand, erkannte er schweren Herzens, wie besorgt sie wirkte. Weil er so stark und mächtig war, deprimierte ihn ihre Hilflosigkeit und ihre völlige Abhängigkeit von ihm umso schmerzlicher. So ernsthaft war sie, so still, so übertrieben höflich mit ihrem Wortschatz einer alten Frau, so demütig. Noch nie hatte ein menschliches Wesen in ihm das Bedürfnis geweckt, es zu schützen. Nicht einmal seine leibliche Tochter. Um Baby Paiges Wohl kümmerte sich ein ganzes Heer von Dienstboten. Und dieses seltsam »alte« kleine Mädchen hatte nur ihn.

»Irgendwo in diesem Raum hat deine Mutter Ohrringe liegen lassen.«

»Ohrringe? Vielleicht die blauen?«

»Ja, die Saphire. Hast du sie gesehen?«

»Gestern sah ich Mutter Ohrringe in die Schüssel auf dem Kaminsims legen.«

Joel ging zu der Schüssel und nahm die Saphire heraus. Dann wandte er sich zu Susannah. Sie zog ihre Mundwinkel nur ganz leicht nach oben, um sein Lächeln zu erwidern.

Ein zitterndes, unsicheres Lächeln – aber eindeutig ein Lächeln.

»Was für ein liebes Mädchen du bist«, sagte er leise. »Ein sehr liebes Mädchen.« Und dann nahm er sie in die Arme.

2

Im nächsten Jahr fühlte sie sich glücklicher denn je. Joel adoptierte sie, und so war sie seine richtige Tochter. Nicht mehr Susannah Lydiard, sondern Susannah Faulconer. Zum ersten Mal in ihrem Leben ging sie zur Schule. Der Lehrer lobte sie und nannte sie seine klügste Schülerin. Jetzt machte sie nicht mehr ins Bett, und sie lächelte viel öfter und weinte nicht mehr so viel. Alle außer ihrer Mutter schienen sie zu mögen.

Obwohl Susannah sich eifrig bemühte, das Wohlwollen ihrer Mutter zu erobern – es gelang ihr nicht. Sie war immer sauber und gepflegt, hielt ihre Sachen in Ordnung, und sie tat alles, was ihr aufgetragen wurde. Trotzdem schimpfte Kay unentwegt mit ihr.

»Schleich dich nicht von hinten an mich heran!«, schrie sie fast jeden Tag. »Schon hundert Mal habe ich’s dir gesagt! Das ist mir unheimlich!«

Und so gewöhnte sich Susannah in der Nähe ihrer Mutter ein leises Räuspern an, um ihre Anwesenheit zu bekunden.

Ihre jüngere Tochter mochte Kay viel lieber. Nicht, dass die ältere ihr das verübeln konnte. Paige war so süß und zauberhaft, dass sich Susannah bereitwillig von ihr versklaven ließ. Sie brachte ihr Spielsachen, vertrieb ihr die Langeweile und beruhigte das kleine Mädchen, wenn es einen Wutanfall bekam. Wann immer sie Tränen über das runde, rosige Gesichtchen rollen sah, fand sie diesen Anblick unerträglich.

»Du verwöhnst sie«, klagte Kay eines Nachmittags, als sie von der Klatschkolumne einer Zeitung aufschaute und ihre Zigarette in einem Aschenbecher ausdrückte. »Gib ihr nicht alles, was sie verlangt!«

Widerstrebend entwand Susannah ihre neue Barbie-Puppe dem zerstörerischen Griff der kleinen Hände. Paiges blaue Augen verdunkelten sich, und sie begann protestierend zu schluchzen. Immer lauter heulte sie und ignorierte alle Ablenkungsversuche ihrer Halbschwester.

Schließlich wurde die Zeitung ungeduldig zusammengefaltet. »Heiliger Himmel!«, kreischte Kay. »Lass sie mit deiner Barbie spielen! Wenn sie die Puppe zerbricht, kaufe ich dir eine andere.«

Nur der Vater war immun gegen Paiges Charme. Nach mehreren ähnlichen Zwischenfällen erklärte er Susannah in strengem Ton: »Paige muss lernen, dass sie nicht alles haben kann, was sie will. Allmählich solltest du sie erziehen. Dazu ist deine Mutter weiß Gott nicht fähig.«

Susannah versprach, ihr Bestes zu tun. Am nächsten Tag ging sie einfach aus dem Zimmer, als ihr Schwesterchen vor Zorn tobte, obwohl ihr das fast das Herz brach.

Am Ende des ersten Schuljahrs begannen ihre seelischen Wunden zu vernarben. Ironischerweise wirkte Kays negative Kritik genauso heilsam wie Joels Zuneigung. Ihrer Mutter verdankte sie immerhin die Erkenntnis, dass sie nicht in einen Schrank gesperrt wurde, wenn sie ihre Manieren vergaß. Während dieses Sommers verwandelte sich ihre Welt in einen sicheren Ort. Langsam ließ ihr beflissener Eifer nach, und sie fing an, sich wie ein normales Kind zu benehmen.

Falcon Hill ragte am Ende einer langen Allee empor, gegen die Straße von einem schmiedeeisernen Doppeltor abgeschirmt.

Wenn sich die Erwachsenen am späten Nachmittag auf der Terrasse hinter dem Haus versammelten und Martinis tranken, wanderte Susannah die Zufahrt hinab, spielte mit einer Puppe oder kletterte am schmiedeeisernen Gitter des Tors hinauf, um ihr Blickfeld zu erweitern. Nach den jahrelang aufgezwungenen Spaziergängen ständig um denselben Häuserblock herum genoss sie ihre neue Freiheit in vollen Zügen.

An einem Juninachmittag übte sie am unteren Ende der Zufahrt Seilhüpfen, als der Mann mit den Luftballons auftauchte. Obwohl sie schon sieben Jahre alt war, hatte sie das Seilspringen erst vor kurzem erlernt, und diese Kunst erforderte ihre ganze Konzentration. Deshalb bemerkte sie ihn zunächst nicht. Rhythmisch trommelten die Sohlen ihrer Sandalen auf den Asphalt, während sie flüsternd ihre Sprünge zählte. Ihr feines kastanienrotes Haar, von zwei Spangen in der Gestalt winziger Cockerspaniels aus der Stirn gehalten, flatterte jedes Mal, wenn das Seil den Boden streifte, von den Schultern hoch.

Als sie schließlich aufschaute und den Mann mit den bunten Ballons entdeckte, fand sie seine Anwesenheit in der ruhigen Wohngegend nicht ungewöhnlich. Auf Paiges Geburtstagsparty hatte ein Zauberer die Kinder unterhalten. Und ein Osterhase hatte höchstpersönlich Geschenkkörbe ins Haus gebracht. In einem Märchenland wie Kalifornien konnten alle möglichen wunderbaren Dinge geschehen.

Sie ließ das Seil fallen, stieg auf die untersten Schnörkel des schmiedeeisernen Tors und beobachtete, wie der Mann näher kam.

»Kostenlose Luftballons!«, rief er. Zu seiner Arbeitskleidung, einer grauen Hose und einem Hemd in derselben Farbe, trug er staubige schwarze Schuhe. Aber die lustige Clownsmaske mit der roten Nase und dem orangegelben Kraushaar passte nicht zu einem Arbeiter. »Kostenlose Ballons! Die platzen nie. Immer fliegen sie dahin und dorthin. Die besten Ballons von der Welt!«

Ballons, die nicht platzten? Erstaunt riss Susannah die Augen auf. Sie hasste den Knall berstender Luftballons. Sieher wäre es erfreulich, einen zu besitzen, der sie nicht erschreckte.

Sie streckte ihre kleine Hand durch die Gitterstäbe und nahm ihren ganzen Mut zusammen. »Schenken Sie mir einen von ihren kostenlosen Ballons, Sir?«

Anscheinend hörte er ihre Frage nicht. »Kostenlose Ballons! Die platzen nie. Immer fliegen sie umher. Keiner meiner Luftballons kostet was!«

»Entschuldigen Sie, Sir«, bat sie höflich. »Geben Sie mir einen Ballon?«

Aber er wandte sich noch immer nicht zu ihr. Vielleicht sieht er mich nicht durch die Clownsmaske, dachte sie.

»Keiner meiner Luftballons kostet was!«, wiederholte er. »Komm mit mir!«

Sollte sie ihm folgen? Darüber hatte niemand mit ihr gesprochen. Trotzdem glaubte sie nicht, dass sie das Grundstück verlassen durfte. Sehnsüchtig musterte sie das Bündel der farbenfrohen Ballons, die an ihren Schnüren tanzten. Von der Schönheit dieses Anblicks wurde ihr fast schwindlig.

»Alle Ballons umsonst! Komm mit mir!«

Der Singsang schien in ihrem Blut widerzuhallen. Wenn sie zu ihren Eltern rannte, die auf der Terrasse saßen, und um Erlaubnis bat, würde der Mann weitergehen. Sicher wäre es albern, diese einmalige Chance zu verpassen und auf einen Ballon zu verzichten – vor allem, weil ihr Vater ihr die Freude gönnen würde. Ganz oft betonte er, sie sollte ihren Spaß haben und sich nicht so viele Sorgen machen.

»Alle Ballons umsonst! Komm mit mir!«

Da nahm sie den Schlüssel aus einem Versteck in der Blechbüchse am Boden einer steinernen Urne. Während sie ihn ins Schloss steckte, verstrichen kostbare Sekunden. »Warten Sie!«, rief sie, voller Angst, der Mann würde verschwinden. Die Unterlippe zwischen den Zähnen, konzentrierte sie sich auf die schwierige Aufgabe, den Schlüssel herumzudrehen. Endlich schaffte sie es. Mit aller Kraft zog sie den schweren Torflügel weit genug auf, so dass sie durch den Spalt schlüpfen konnte. Zufrieden mit sich, stürmte sie an der hohen Hecke vorbei, die das Anwesen umgab. »Bitte, warten Sie auf mich!«, flehte sie.

An diesem Junitag war es sehr warm. Der Saum des hellgelben Sommerkleids klatschte gegen ihre Beine, ihr langes Haar wehte hinter ihr her. In der Ferne wippten die Ballons, bunte Punkte vor dem Sommerhimmel. Fröhlich lachte sie über das schöne Bild. Wie wundervoll, ein Kind zu sein und ungehindert eine schmale Straße entlangzulaufen ... Wenn sie auch zu jung war, um dies alles in Worte zu fassen – die Last der Vergangenheit bedrückte sie nicht mehr, und sie fühlte sich glücklich, sicher und unbeschwert.

Plötzlich sprang ein fremder Mann aus einer Platanengruppe und packte Susannah. Eisige Angst schnürte ihr die Kehle zu. Nur mühsam würgte sie einen Schreckensschrei hervor, als sich harte Finger in ihre Arme gruben. Er hatte eine große, fleischige Nase, und er roch abscheulich. Verzweifelt versuchte sie, nach ihrem Vater zu rufen. Aber ehe sie Atem holen konnte, erschien jemand anderer an ihrer Seite – der Ballonmann – und hielt ihr den Mund zu. Kurz bevor er eine Decke über ihren Kopf warf, schleuderte er seine Clownsmaske beiseite, und sie sah sein Gesicht – schmal, listig und bösartig wie der Fuchskopf.

Hastig hoben sie ihre Gefangene auf die Ladefläche eines Lieferwagens. Einer trat nach ihrer Schulter und befahl ihr, still zu sein. Beim Aufprall der schweren Decke hatte sich eine Cockerspaniel-Spange gelöst und ein Büschel ihrer feinen Haare ausgerissen. Um nicht zu schreien, biss sie auf ihre Lippen. Unter der Decke war es heiß und stickig, und in ihrer verkrampften Lage stand Susannah Höllenqualen aus. Aber sie verlor nicht wegen der Schmerzen, sondern vor lauter Angst die Besinnung.

Stunden später wurde sie von der holprigen Fahrt des Lieferwagens geweckt. Sie schmeckte Blut im Mund und ahnte, sie würde sterben. Trotzdem gab sie keinen Laut von sich. Das Vehikel hielt ruckartig, und sie begann am ganzen Körper zu zittern. Instinktiv schützte sie alle lebenswichtigen Organe, indem sie sich zusammenkrümmte. Wie sterbende Tiere quietschten die Türangeln der Heckklappe, als sie geöffnet wurde. Die Decke wurde weggezogen, und Susannah schloss die Augen – zu jung, um einem gefürchteten Schicksal tapfer entgegenzublicken. Die Männer schleiften sie von der Ladefläche, kalte Nachtluft wehte ihr ins Gesicht. Zögernd hob sie die Lider und starrte hoffnungslos auf eine flache Wüstenlandschaft. Hier war es fast so finster wie im Schrank ihrer Großmutter. Nur wenige bleiche Sterne und die trübe Innenbeleuchtung des Lieferwagens erhellten das Dunkel.

Der Mann mit dem Fuchsgesicht hielt sie fest. Während er sie zu einer Holzhütte zerrte, erwachte ihr Überlebenswille, und sie versuchte, sich zu befreien.

Wiederholt schrie sie. Doch die Wüstenleere verschluckte die Kinderstimme, als wäre der Hilferuf das Flüstern verwehter Sandkörner. Der Kerl mit der fleischigen Nase öffnete das Vorhängeschloss an der Hüttentür, und der andere stieß Susannah über die Schwelle. Drinnen roch es nach Staub und Rost und Öl. Keiner der beiden sprach. Nur ihr eigenes Wimmern durchbrach die Stille. Wie einem Hund schlangen sie ihr eine schwere Kette um den Hals und befestigten das andere Ende an der Wand. Kurz bevor sie allein gelassen wurde, warf der Fuchsmann die Ballons in die Hütte. Er hatte gelogen. Am zweiten Tag ihrer Gefangenschaft zerplatzten sie alle in der heißen Luft.

Landesweit veröffentlichten sämtliche Zeitungen Reportagen über die Entführung der kleinen Susannah Faulconer. Die Polizei fand eine Lösegeldforderung im Postkasten, die eine Million Dollar betrug. Entnervt flüchtete Kay mit Paige in ihr Schlafzimmer und wagte sich nicht in die Nähe der Fenster, obwohl die Vorhänge zugezogen waren. Joel verlor beinahe den Verstand in seiner Sorge um die ernsthafte kleine Adoptivtochter, die er so lieb gewonnen hatte.

Während er rastlos die Räume von Falcon Hill durchquerte, fragte er sich, wie so etwas Schreckliches geschehen konnte. Er war ein einflussreicher Mann. Was hatte er falsch gemacht? Susannah bedeutete ihm mehr als sonst jemand auf der Welt. Aber offensichtlich reichte seine Macht nicht aus, und er war nicht wachsam genug gewesen, um sie zu schützen.

Am dritten Tag nach dem Kidnapping erhielten die Polizeibeamten einen anonymen Hinweis, der sie zu einer Hütte am Rand der Mojave-Wüste führte. Darin fanden sie Susannah, an die Wand gekettet. Zusammengesunken kauerte sie in ihrem schmutzigen gelben Sommerkleid am Boden, zu schwach, um den Kopf zu heben oder zu erkennen, dass keine Feinde, sondern Freunde zu ihr kamen. Schürfwunden übersäten ihre Arme und Beine. Um ihre staubigen Finger hatte sie die Schnüre zerplatzter Ballons geschlungen.

Weil ihr Körper völlig ausgetrocknet war, befürchteten die Ärzte einen bleibenden Gehirnschaden. »Sie ist eine Kämpfernatur«, betonte Joel in einem fort, als würde allein schon die Wiederholung dieser Worte seinem Liebling helfen, möglichst bald zu genesen. »Ja, sie wird es schaffen, denn sie kann kämpfen.« Stundenlang saß er neben Susannahs Bett, hielt ihre Hand und versuchte ihr Kraft zu geben.

Die Kidnapper wurden von einem ehemaligen Zellengenossen verpfiffen. Eine knappe Woche nach Susannahs Rettung gingen sie der Polizei bei einer Straßensperre ins Netz. Der Ballonmann zückte eine Waffe und starb, von der Kugel eines Beamten getroffen. Wenig später erhängte sich sein Komplize in der Untersuchungshaft mit den verknoteten Streifen eines zerrissenen Bettlakens.

Zu Joels Freude und Kays Erleichterung erholte sich Susannah allmählich. Ihre Seele heilte nicht so schnell. In ihrem jungen Leben hatte sie zu viel erduldet, zu schreckliche Kämpfe ausgefochten. Bevor sie wieder sprechen konnte, verstrichen mehrere Wochen. Und dann dauerte es einen ganzen Monat, bis Joel ihr ein Lächeln entlockte. Wäre sie aus dem Penthouse ihrer Großmutter gekidnappt worden, hätte sie vielleicht keinen so nachhaltigen Schock erlitten. Aber nachdem sie sich endlich sicher genug gefühlt hatte, um die traumatische Vergangenheit zu überwinden, würde die Entführung unauslöschliche Spuren in ihrem Innern hinterlassen.

Zehn Jahre lang wurde sie jeden Morgen in einer kugelsicheren Limousine von Falcon Hill zu einer der exklusivsten Mädchenschulen von San Francisco gefahren. Sie wuchs zu einem großen, etwas ungelenken Teenager heran, und ihre Mitschülerinnen respektierten sie, weil sie ihnen häufig aus der Klemme half und niemals schlecht über sie sprach. Doch sie war zu reserviert, um Freundschaften zu schließen, und so ernst, dass sie die Mädchen manchmal unangenehm an ihre Mütter erinnerte.

Mit ihrer ruhigen Kompetenz und der Fähigkeit, stets ihre Fassung zu bewahren, irritierte sie Kay. Aber da Susannah ihr viele Pflichten abnahm, entwickelte sie eine gewisse distanzierte Zuneigung zu ihrer älteren Tochter. Trotzdem verstand sie nicht, warum Joel das Adoptivkind seinem eigenen Fleisch und Blut vorzog. Je öfter er Paige tadelte, desto rebellischer benahm sie sich – zum Leidwesen ihrer Mutter. Hätte Susannah nicht als Schutzschild fungiert, wäre ihre schöne jüngere Halbschwester unentwegt dem väterlichen Zorn ausgeliefert gewesen.

Nach ihrem siebzehnten Geburtstag wurde Susannah für Joel so unentbehrlich wie einer seiner Vizepräsidenten. Sie kümmerte sich um seine gesellschaftlichen Termine, beaufsichtigte das Hauspersonal und war eine hervorragende Gastgeberin. Niemals beging sie den Fehler, jemanden mit dem falschen Namen zu begrüßen, was ihrer Mutter ständig passierte. Seit Susannah den Haushalt führte, blieben ihrem Adoptivvater die Katastrophen erspart, die seine Frau andauernd heraufbeschworen hatte.

Im gleichen Maß wie sein Imperium wuchs auch seine Arroganz. Nicht einmal Susannah entging seiner kalten Missbilligung, wenn ihn irgendetwas ärgerte. Das spornte sie zu noch intensiveren Bemühungen an. Zu ihrer Freude erfüllte sie ihn mit Stolz, weil sie die erfolgreichste Debütantin war, die San Francisco seit Jahren gesehen hatte, zumindest in den Augen der Klatschtanten, die alle wichtigen gesellschaftlichen Ereignisse arrangierten. Also würden die alten Traditionen doch nicht dahinschwinden, stellten sie übereinstimmend fest, wenn eine junge Frau wie Susannah Faulconer die Fackel von Sitte und Anstand hochhielt.

Sie liebte Mathematik, und ihre ausgezeichneten Zeugnisse hätten ihr ein Studium an einer der besten amerikanischen Universitäten ermöglicht. Stattdessen besuchte sie ein College in der Nähe von Falcon Hill, damit sie ihrem Vater auch weiterhin den Haushalt führen konnte. Von Anfang an ließen ihre akademischen Leistungen zu wünschen übrig, weil sie zu viele Vorlesungen und Seminare versäumte, um mit Joel Geschäftsreisen zu unternehmen. Außerdem gab es zu Hause immer mehr zu tun. Aber sie schuldete ihrem Adoptivvater einfach alles, und seine liebevolle Anerkennung entschädigte sie für den Entschluss, ihre vagen Träume von einem unabhängigen Leben zu vergessen.

Mit zwanzig verliebte sie sich in einen zweiunddreißigjährigen Investmentanalysten, und sie begannen, Heiratspläne zu schmieden. In den frühen siebziger Jahren erfüllte der Gedanke der freien Liebe die Luft wie Sauerstoff. Aber der Mann wurde von ihrem Vater so eingeschüchtert, dass er sich mit keuschen Küssen begnügte. Schließlich nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und erklärte, sie habe nichts gegen eine intimere Beziehung einzuwenden. Da entgegnete er, dafür würde er sie zu sehr respektieren. Wenn sie miteinander schliefen, würde sie sich danach selber hassen. Wie sie einige Monate später herausfand, vergnügte er sich mit einer von Paiges Freundinnen, und so gab sie ihm den Laufpass. Sie versuchte zu akzeptieren, dass sie zu den Frauen gehörte, die sich eher Respekt verschafften, als Leidenschaft erregten. Aber sie schwelgte jede Nacht in sexuellen Fantasien. Dabei träumte sie keineswegs von sanfter Musik und romantischem Kerzenschein. In diesen lustvollen Szenarien spielten dunkelhäutige Wüstenscheichs und hübsche weiße Sklavenhändler die Hauptrollen.

Dann erkrankte Kay an Lungenkrebs, und nichts anderes war mehr wichtig. Susannah gab das Studium auf, um ihre Mutter zu pflegen und die ständig wachsenden Ansprüche ihres Vaters zu befriedigen.

1972 starb Kay. Susannah war einundzwanzig. Während sie den Sarg ihrer Mutter in der Erde verschwinden sah, empfand sie tiefe Trauer – und die schreckliche Ahnung, mit Kays Tod würde gleichzeitig ihre eigene Jugend zu Ende gehen.

An einem sonnigen Apriltag 1976, zwei Monate vor ihrer geplanten Hochzeit mit Calvin Theroux, traf sie ihre Schwester Paige in einem kleinen, etwas vergammelten Restaurant. Das Lokal lag an einem Fischerpier, abseits von den Touristenschwärmen, die San Francisco zu jeder Jahreszeit überfielen. An diesem Tag war Susannah sehr beschäftigt. Aber sie wirkte weder gehetzt noch erschöpft. Ihr grünes Kostüm erweckte den Anschein, sie hätte es erst vor wenigen Minuten angezogen statt um sieben Uhr morgens. Schlichte goldene Clips schmückten ihre Ohren. Das kastanienrote Haar hatte sie zu einem Nackenknoten geschlungen. Für eine Fünfundzwanzigjährige war diese Frisur etwas zu streng.

Obwohl sich Paige um zehn Minuten verspätete, blieb Susannah gelassen. Sie betrachtete den Russian Hill in der Ferne und ging in Gedanken ihr Tagesprogramm durch.

Aus diesen Überlegungen wurde sie von Paiges Stimme gerissen. »Ich habe wahnsinnig viel zu tun. Deshalb darf unser Lunch nicht lange dauern.«

Susannah musterte ihre Schwester und bezwang ihren Ärger. Da sie Paiges Temperament kannte, wollte sie keinen Wutausbruch riskieren, bevor sie miteinander gesprochen hatten. Wehmütig erinnerte sie sich an die Kindheit, als sie Spielsachen und Schokoladekirschen in Paiges Zimmer geschmuggelt hatte, wenn das kleine Mädchen mit Stubenarrest bestraft worden war. Aber eines Tages hatte Paige ihrem Vater davon erzählt – und prompt auf weitere Liebesdienste verzichten müssen.

Warum ihre Schwester damals gepetzt hatte, verstand Susannah noch immer nicht. Nun musterte sie das Mädchen, das seinen Rucksack auf den Boden warf und sich an den Tisch setzte. Sogar in abgetragenen Jeans und einem fadenscheinigen mexikanischen Baumwolltop sah Paige zauberhaft aus. Sie besaß eine zierliche Nase, volle Lippen, von Kay geerbt, Joels blaue Augen und lange, üppige blonde Locken, die dauernd so aussahen, als hätte sie ein junger Mann soeben in wilder Liebeslust zerzaust.

Zweiundzwanzig Jahre alt, war sie das genaue Gegenteil ihrer altmodischen Schwester – tough und cool, mit dem Slang eines Hafenarbeiters und einem scheinbar grenzenlosen Selbstbewusstsein. Susannah ignorierte die vertrauten Neidgefühle, die Paige stets in ihr weckte, und zeigte auf die Speisekarte. »Probier die Meeresschnecken, die schmecken wirklich wundervoll. Oder vielleicht magst du Avocados, mit Krabben gefüllt?«

»Nein, ich nehme einen Hamburger«, erwiderte Paige desinteressiert.

Susannah bestellte Mahi-Mahi, ein Fischgericht, das sie auf ihren häufigen Reisen mit Joel nach Hawaii schätzen gelernt hatte. Als der Kellner davonging, schnitt sie das Thema an, das bei diesem Lunch erörtert werden sollte. »Hast du über unser letztes Telefongespräch nachgedacht? Heute Abend findet Vaters Geburtstagsparty statt. Er wird achtundfünfzig Jahre alt. Sicher würde er sich freuen, wenn du kommst.«

»Hat King Joel das gesagt?«

»Das musste er nicht betonen, ich weiß es«, log Susannah, eifrig bestrebt, die Entfremdung zwischen ihrem Vater und seiner jüngeren Tochter zu beenden. Im Augenblick wohnte ihre Schwester mit einem Möchtegernrocksänger namens Conti Dove in einem schäbigen Einzimmerapartment.

Ungeduldig strich Paige ihr Haar aus dem Gesicht. »Hast du’s niemals satt, die gute Fee zu spielen? Verpiss dich, okay?«

Susannahs Miene verriet nicht, wie sehr sie die vulgären Wörter hasste, die da aus dem schönen Mund ihrer Schwester platzten. Andererseits dachte sie, wie aufregend es doch wäre, könnte sie nur ein einziges Mal mit jemandem so reden. Wie musste es sein, wenn man sich solche Freiheiten erlaubte – wenn das Leben wie die leere Leinwand eines Malers vor einem lag und ohne irgendwelche Forderungen auf kühne Pinselstriche wartete?

»Immerhin ist er dein Vater«, gab sie zu bedenken. »Und ihr seid lange genug verkracht.«

»Genau zweiundzwanzig Jahre.«

»Das meine ich nicht, sondern den Zeitpunkt, zu dem du so überstürzt von zu Hause ausgezogen bist.«

»Moment mal, ich bin keineswegs ausgezogen. Seine Hoheit hat mich rausgeschmissen. Nicht, dass ich deshalb unglücklich gewesen wäre! Also erspar dir deinen teilnahmsvollen Blick. Diesem Mausoleum zu entfliehen war das Beste, was mir passieren konnte!«

Paige nahm eine Zigarette aus der Packung, die sie auf den Tisch geworfen hatte, und zündete sie mit einem billigen Plastikfeuerzeug an. Ostentativ schaute Susannah weg. Zigaretten hatten ihre Mutter umgebracht. Und sie ertrug es nicht, wenn sie ihre Schwester rauchen sah.