Die Hölle liegt hinter mir - Angelika Berning - E-Book

Die Hölle liegt hinter mir E-Book

Angelika Berning

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Beschreibung

"Wie kann ich es schaffen, Menschen mitzunehmen in meinen eigenen inneren Prozess des täglichen Leiden-Müssens als traumatisierter Mensch? Wie kann ich Zusammenhänge verdeutlichen, was dies im täglichen Leben bedeutet, wodurch es überhaupt entstanden ist und an vielen Stellen der Welt immer weiter entsteht?" Diese Fragen begleiteten die Autorin durch den gesamten Schreibprozess des Buches. Aus dem engen Blickwinkel tiefer Verletztheit beschreibt sie, wie so kein wirklich umfassender Blick auf sich selbst und damit auch nicht auf die Welt entstehen konnte. Denn unter Symptomen zu leiden und ohne sich selbst zu verstehen, ist das Leben eine einzige, nicht enden wollende Überforderung und Bedrohung. Heilung schildert die Autorin als Weg zu sich selbst, der gleichzeitig eine völlig neue Sicht auf das Leben ermöglicht. EMDR und die Psycholyse, also die Arbeit mit psychoaktiven Substanzen, sind für sie die wesentlichen Hilfsmittel für diesen Prozess, Menschen auf neuem altem Wege helfen zu können. Während die Methode EMDR zur Traumabearbeitung immer bekannter wird, ist die Psycholyse als angewandtes Psychotherapieverfahren stark eingeschränkt, weil die wirklich hilfreichen Substanzen (MDMA und LSD) unter das Betäubungsmittelgesetz fallen und daher für die Therapie verboten sind. Dieser Methode in die Legalität zu verhelfen, ist der Autorin ein großes Anliegen. In ihren Ausführungen nimmt sie den Leser mit in ihre Betrachtungen unserer gesellschaftlichen Realität und des Zustandes der Welt und verdeutlicht, wie das Heilungspotential der Psycholyse - zur Wiedererlangung der Empfindungsfähigkeit eingesetzt - unsere Welt tiefgreifend verändern könnte.

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Seitenzahl: 204

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Einleitung

Was ich sehe

Wut und Hass

Menschen

Was immer noch da ist

Die Qual

Angetriggert

Antwort auf meine Frage

Das Unglück

Der lange Weg zur Psycholyse

Wie alles anfing

Lebensanfang

Beziehungsabbrüche und die Folgen

Basisgefühl

Anderssein

Schmerzen, Angst, Tod

Täglicher Wahnsinn

Pubertät

Schulzeit

Panikattacken

Im Dunkel gefangen

Kontakt in die andere Welt

Selbsthilfe

Therapiebeginn

Mein Mann und meine Kinder

Abtreibung und Geburt

Liebenlernen

Bonding

EMDR

Ungläubigkeit und Überprüfung

Suche nach Beweisen

Mein Vater in der SS

Tantra

Psycholyse

LSD

30 Jahre danach

Spüren von Veränderungen

Wachstum oder Aus?

Intensivstation und danach

Ausbildung zur Psycholysetherapeutin

Schrecklicher Fehler

Psycholyse Standard Setting

Horrortrip

No Go

Fehlende Informationen

Worum geht es eigentlich?

Führerscheinwiedererlangung

Alkohol

Droge Nummer eins

Zahlen

Sucht

Drogen als Therapie

Gier

Alleinsein

Wege zur Heilung

Veröffentlichungen über die Psycholyse

Verändernde Erfahrungen

Abhängigkeit

Rat-Park

Vernetzung

Verstehen

Vergangenheit

Kriegsfolgen

Vergangenheitsaufarbeitung

Erzählen und Verstehen

Jetzt - Der neue Blick auf die Welt

Was jetzt nahe kommt

Der Preis

Erdüberlastung

Potentiale

Etwas fehlt

Wie es werden könnte

Altes neu lernen

Ausstrahlung

Epilog

Danksagung

Endnoten

Einleitung

Wenn ich gefragt würde, für wen ich eigentlich dieses Buch geschrieben habe, so wäre meine Antwort: letztlich für jeden, der tiefer in Lebenszusammenhänge eintauchen möchte. Ich bin langjährige psychotherapeutisch tätige Ärztin, aber auch selber ein traumatisierter Mensch und leide unter den Folgen, die Traumatisierungen mit sich bringen. Ich habe mich entschieden, meine ganz persönliche Geschichte zu veröffentlichen und hoffe, mit ihr Menschen berühren zu können und besonders auch die Wirkung der Psycholyse exemplarisch über meinen Werdegang zu verdeutlichen. Durch meine eigenen Erfahrungen bin ich von dieser Methode zutiefst überzeugt.

Es ist ein sehr persönliches Buch geworden, was sich auch in einem sehr persönlichen Stil widerspiegelt und der nicht unbedingt immer der Regelhaftigkeit der deutschen Sprache entspricht.

Mein Weg hat mich zudem unmittelbar zu einer Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Fragen geführt. Die Zusammenhänge zwischen unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit, ihren Auswirkungen und der Entstehung psychischer und körperlicher Symptome versuche ich anhand meiner eigenen Geschichte verstehbar zu machen.

In meinen Ausführungen streife ich verschiedene Therapieverfahren, beschreibe aber insbesondere die Traumatherapiemethoden EMDR und die Psycholyse, also die Arbeit mit psychoaktiven Substanzen. Angesichts unserer gesellschaftlichen Probleme gerade mit dem illegalen Drogenmissbrauch und Sucht überhaupt versuche ich den Unterschied zwischen dem segensreichen Einsatz der psychoaktiven Substanzen und dem ungezügelten Drogenmissbrauch herauszustellen. Mein Anliegen ist es insbesondere, hierdurch dieser bislang nur illegal möglichen Anwendung bestimmter hochwirksamer Substanzen in der Psycholyse durch das bestehende gesetzliche Verbot in eine hoffentlich zukünftig offizielle Therapieform unter speziellen Bedingungen verhelfen zu können.

I. Was ich sehe

Wut und Hass

Oft schon hat mich die Frage beschäftigt, warum ich nicht zur Terroristin, Amokläuferin, Drogenabhängigen oder zur Alkoholikerin geworden bin, warum ich nicht meine Kinder vernachlässigt und misshandelt, nicht weitergegeben habe, was man mir angetan und was mich mit Hass erfüllt hat.

Jetzt verspüre ich keinen Hass mehr, bin nicht gewaltbereit und stehe nicht mehr pausenlos unter Strom. Ich weiß sofort, wenn ich mit Menschen in meiner Praxis als Psychotherapeutin arbeite, die mit mir wohlbekannten Problemen kommen, dass sie höchstwahrscheinlich sehr viel entbehren mussten und dies wahrscheinlich auch oft schon früh in ihrem Leben. Fast ausnahmslos hat sich meine Grundannahme bestätigt, dass es frühe Vernachlässigung und oft ein viel zu geringes Maß an Halt und Unterstützung gegeben hat, dass nicht Wenige zudem auch roher Gewalt ausgesetzt waren, verbal und/oder körperlich und sexuell, dass der Umgang mit den eigenen Gefühlen ihnen sicherlich nie wirklich beigebracht worden ist, man sie häufig in schlimmsten Situationen alleingelassen und sich selbst überlassen hat. Als ich mit meiner Praxistätigkeit Anfang der neunziger Jahre begonnen habe, kannte ich weder die sogenannte Bindungstheorie noch die Traumatherapie und spürte doch, was den Menschen fehlte: in erster Linie das Vertrauen in andere Menschen. Die Verarbeitung meiner eigenen Geschichte mit allen Folgen und Auswirkungen hat die Grundlage dafür geschaffen, dass mir die Erklärung der Symptome der Menschen, die meine Hilfe in Anspruch nehmen wollen, leichtfällt.

Im Augenblick sitze ich in Dresden vor dem Fernseher. Es geht um die Einheitsfeier im Oktober 2016. Vor dem Hintergrund unserer deutschen Geschichte ist es schwer aushaltbar für mich, was jetzt wieder geschieht und auf dem Bildschirm zu sehen ist. Ich kann die dort zutage tretende Respektlosigkeit, Menschenverachtung, Verrohung, Wut und den offenkundigen Hass kaum ertragen. Sachsen scheint laut Mediendarstellung mit der hier gegründeten Pegida–Bewegung eine der braunsten Regionen unseres Landes zu sein. Aber hier wird vielleicht nur offensichtlich, was anderswo genauso brodelt, lediglich bisher mehr unter der Oberfläche. Die öffentlich geführten Debatten um die Flüchtlingsthematik haben mir dies besonders deutlich gemacht.

Fast möchte ich mein Geschriebenes in die Tonne treten. Was soll und kann so ein Buch, wie ich es gerade zu schreiben im Begriff bin, gegen solche Erscheinungen bewirken? Letztlich soll es von der Idee her ja ein Buch auch gegen die Unmenschlichkeit werden. Es soll Zusammenhangsdenken entstehen lassen und vielleicht hilfreiche Entwicklungsmöglichkeiten dahingehend aufzeigen, wie die scheinbar verloren gegangene Empfindungsfähigkeit wiederhergestellt werden kann, wie wir zum Beispiel an unsere eigentlichen tief verborgenen Gefühle herankommen können, damit wir uns besser um uns selbst und um andere kümmern können. Nur wenn wir begreifen, was uns eigentlich fehlt, können wir uns auch um diese Welt kümmern, die es wirklich braucht.

Ein Buch, eigentlich für die Liebe geschrieben, die in Vergessenheit geraten ist und die, wenn überhaupt, nur noch in romantischer Verliebtheit fühlbar ihren Platz hat, Liebe, die überall zu fehlen scheint, als wäre sie dem aufkommenden Hass gewichen. Die Bilder rund um die Einheitsfeier und die Berichte darüber scheinen im scharfen Kontrast zum Wort Liebe zu stehen. Etwas, das gar nicht mehr zusammenpassen will, an dem fast etwas Lächerliches ist. Und doch ist das Gefühl Liebe vielleicht das einzige, das die Lösung für viele individuelle und aktuell gesellschaftliche Probleme ist.

Menschen

Ohne Anspruch, eine gesellschaftliche Analyse erheben zu wollen, ist mein Eindruck, dass ein deutlicher Verlust an Empathie zu erkennen ist und der gesamte Umgang miteinander sich brutalisiert hat. Mir ist klar, dass es unter den Menschen schon immer Auseinandersetzungen, Prügeleien und Kämpfe gegeben hat, dass aber der Verlust an Mitempfinden, Mitgefühl, Empfindungsfähigkeit und Einfühlungsvermögen eine neue Dimension von Gewalt offenlegt. Etwas ist verloren gegangen, was die Gewalt in Grenzen gehalten hat.

Eigentlich ist es doch so, dass man Menschen neben sich spürt und sich in ihnen wiedererkennt. Die gleichen Nöte, die gleichen Ängste, oft die gleichen Herausforderungen im Leben und vieles mehr ist gleich oder mindestens ähnlich. Eigentlich könnte das Verbindung schaffen. Aber inzwischen grusele ich mich zunehmend vor uns Menschen und genauer vor denen, bei denen das oben Beschriebene verloren gegangen zu sein scheint. Offenbar werden diese auch immer mehr. Noch nie habe ich das Wort Hass so oft gehört wie in diesem Jahr! Noch nie zuvor gab es zeitgleich derartig viele Kriegsschauplätze wie jetzt. Noch nie sind so viele Flüchtlinge unterwegs gewesen. 2015 waren es 60 Millionen Menschen. Das sind mehr als nach dem Zweiten Weltkrieg.

Flüchtling! Zunächst nur ein abstraktes Wort. Aber wenn ich es an mich heranlasse, spüre ich, was in diesem Wort steckt: kein Zuhause haben, ungeschützt und bedroht, allein, getrennt, fremd und verängstigt, verletzt – körperlich wie seelisch – hoffnungslos, verzweifelt und ausgegrenzt sein. Durst, Hunger, Enge, Qual, Verlust erleiden und vielleicht sogar neue Gewalt.

Die Vorstellung, mir und meinen Kindern, meinen Liebsten, meinen Freunden würde dies passieren, wäre einfach schrecklich und ich hätte nur den einzigen Wunsch, ihnen und mir, uns helfen zu wollen und zu können. Zu wissen, dass die Ursachen für diese gewaltigen Fluchtbewegungen meist von Menschen ausgehen, ist für mich kaum zu ertragen. Gleiches gilt für den Gedanken, dass Menschen, die derartig Schreckliches erleben, höchstwahrscheinlich auch in hoher Zahl traumatisiert sein werden, mit allen Folgen, und dass sie potentiell die Terroristen von morgen sein könnten.

Ja, vor diesen Menschen, die auch alle einmal Kinder waren und denen vielleicht niemand geholfen hat, wenn sie in Not waren, die keine andere Möglichkeit gefunden haben, als einfach nur noch wütend zu werden und ihre aufgestaute Wut irgendwann nicht mehr zurückhalten können, vor ihnen habe ich Angst – egal, ob als Jugendliche oder als Erwachsene.

Diese Entwicklung von Hilflosigkeit und Ohnmacht zu Aggressivität zu fühlen und an mich heranzulassen, an wie vielen Stellen sie im Entstehen ist, finde ich derart schrecklich, dass eine Wutwelle durch mich hindurchschießt und ich all die niedermetzeln möchte, die überall dafür verantwortlich sind, dass derart schreckliche Dinge auf der Welt passieren. Dann halte ich inne, spüre, dass ich ja gerade im Begriff bin, das machen zu wollen, was ich doch eigentlich gerade verhindern möchte. Ich spüre die Wurzel der Wut, spüre diese völlige Hilflosigkeit, kann mein Kleinsein nicht aushalten, meine Ohnmacht und Unwichtigkeit, meine Machtlosigkeit, gegen derartige Dinge nichts ausrichten, geschweige denn sie verhindern zu können. Ich spüre, dass dieses Rumwüten in der Welt zu stoppen zuerst bei mir anfangen muss. Wenn ich wirklich innehalte und mich diesen Gefühlen stelle, nichts ausagiere, steigt nur Trauer auf, und ich suche Anlehnung, Trost vielleicht, um sie aushalten zu können. So wird es wieder still in mir und ich schaue: Was kann ich bloß tun, um diese Entwicklungen zu stoppen? Mindestens werde ich jetzt weiterschreiben und nicht aufgeben! Vielleicht nützt es ja doch etwas.

Was ist die Ursache für eine derartige Unmenschlichkeit? Was ist das für ein Mensch, der anderen Menschen Gewalt antut, ob direkt oder indirekt, indem er Gewalt zulässt? Was ist diesem Menschen geschehen, um so zu werden? Und was kann dagegen getan werden?

Mir ist es wichtig, hier zu betonen, dass ich ausschließlich beschreiben und keine Vorwürfe formulieren möchte. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass auch die Personen, die Täter und Täterinnen werden und aggressive Handlungen gegen andere richten, selber ausnahmslos Opfer waren. Gewalterfahrung in jedweder Form führt zu neuer Gewalt. Eine andere Erklärung sehe ich persönlich nicht.

Ich glaube nicht an den bösen, destruktiven Teil im Menschen, an einen Trieb, der bereits bei der Geburt angelegt ist und nur darauf wartet, ausgelebt werden zu können. Ich bin davon überzeugt, dass das „Rat-Park-Experiment“ mit Ratten, auf das ich später zurückkommen werde, absolut auf den Menschen übertragbar ist. Sind unsere Grundbedürfnisse weitestgehend befriedigt und kommt der Faktor Bildung in hinreichendem Maße hinzu, ist der Entwicklung von Destruktivität weitgehend der Boden entzogen.

Zwar sind wir alle ausnahmslos in der Lage zu kämpfen, zu töten und zu vernichten, da wir nur so als Gattung überleben konnten. Aber einsetzen werden wir diese Möglichkeiten im Normalfall nur, wenn es nicht anders geht, wenn wir in unserer Hilflosigkeit und Ohnmacht keinen anderen Weg mehr für uns sehen. Zum Beispiel, wenn wir den Zugang zum Trauern verloren haben und darüber vielleicht auch die Möglichkeit, uns anlehnen zu können. Oder auch, wenn wir gar nicht mehr wissen, wie wir uns anlehnen können oder an wen.

Mir scheint, dass dieses uns angeborene Verhalten, das dazu dient, sich wehren oder doch letztlich zum Nahrungserwerb auch töten zu können, heute überall auftritt. Dies wahrzunehmen halte ich für unglaublich wichtig, denn für mich hat es Alarmcharakter und will verstanden werden. Für mich bedeutet es, dass inzwischen viele Menschen an vielen Stellen der Welt ihr Leben nicht mehr ertragen können und sich mit den schrecklichsten Mitteln wehren. Der Terrorismus ist hierbei nur eine Äußerungsform. Ich will diese rohe Gewalt nicht, die kein Erbarmen kennt, weder gegen Unbeteiligte, Kinder, Kranke, Alte und auch Tiere. Aber ich möchte deren Entstehung, wie ich sie begreife, aufzeigen. Ich lehne Gewalt in jeder Form ab, sofern sie nicht dem Selbstschutz in Notwehr dient.

Auch hier bei uns scheinen sich viele gegen etwas, dem sie sich ausgesetzt fühlen, zu wehren, letztlich sogar gegen die bestehende Demokratie, von der sie sich trotz Wohlstands nicht mehr vertreten fühlen. Das ist mein Rückschluss. Alles, was wahrscheinlich tief innen im Einzelnen an Bedrohungsgefühlen, eigener Wertlosigkeit, Hilflosigkeit und anderem nicht verarbeitet ist, wird in die Welt, ins Außen projiziert.

Es passiert jeden Tag so viel Ungeheuerliches, was jeden von uns aufrütteln müsste. Ich kann es weder weiter verdrängen, noch leugnen. Dazu ist es zu offensichtlich. Wir leben noch im Schlaraffenland hier bei uns, auch wenn schon längst nicht mehr alle wirklich daran teilhaben können. Die Schere zwischen arm und reich wird beständig größer. Dennoch: Es gibt alles zu kaufen, was wir uns nur wünschen, und das fast zu jeder Tages- und Nachtzeit, auch an Wochenenden und aus allen erdenklichen Ländern. Dazu gibt es bei uns auch überall Wasser in Trinkwasserqualität aus Leitungen, in der Menge, wie wir wünschen, und in der Temperatur, die wir uns einstellen können. Es gibt wenige Grenzen, so dass wir reisen können, überwiegend wohin wir möchten, auch wenn dies wegen der vielen geführten Kriege inzwischen deutlich einschränkt ist. Noch gibt es viele erreichbare friedliche Reiseziele.

Die Medizin hat viele Möglichkeiten entwickelt, uns immer gesünder und auch älter werden zu lassen. Lange Unvorstellbares ist möglich geworden, und wir können Krankheiten behandeln, die Generationen vor uns dahinrafften. Bildung hat weiter ein hohes Niveau und ist den meisten von uns zugänglich. 75 Prozent aller Menschen, zumindest in Deutschland, haben ein Handy und damit Zugang zu allen denkbaren Informationen, auch des weltweiten Webs. Noch floriert die Wirtschaft, obwohl es Phasen gibt, in denen die Finanzmärkte einzubrechen drohen. Den meisten von uns geht es hier im weltweiten Vergleich sehr gut, zumindest äußerlich betrachtet. Und doch nimmt die Unmenschlichkeit, einhergehend mit Verrohung und Gefühllosigkeit, zu. Vielleicht ist die Gefühllosigkeit, also auch ein fehlendes Mitfühlenkönnen, der wesentliche Grund, dass es an vielen Stellen immer unmenschlicher zwischen uns Menschen wird.

II. Was immer noch da ist

Die Qual

Ich sitze todmüde im Zug, weil ich so gut wie nicht geschlafen habe und höre beiläufig der selbstbewusst wirkenden Frauengruppe auf der anderen Seite des Ganges zu. Ich schaue mir ihr gepflegtes Äußeres an. Sie wirken, als hätten sie es bisher recht gut gehabt im Leben. Ihr Plauderton, ihr Selbstverständnis, von sich zu berichten, ihr Lachen immer wieder zwischendurch. Es ist nicht oberflächlich, was sie sich erzählen, aber wirkt so harmlos und gefällig. Worte, die die Atmosphäre einer heilen Welt vermitteln. Sie strahlen eine Leichtigkeit zu leben aus, auf die ich früher so unglaublich neidisch war und vielleicht auch gerade wieder bin. Leichtigkeit, die ich nie haben durfte. Gerade gönne ich sie ihnen überhaupt nicht. Da schießt sie plötzlich wieder hoch in mir, diese Wutwelle, gegen die Frauen mir gegenüber, gegen die Welt, einfach gegen alles, was mir angetan wurde, die Folgen, es nicht ändern zu können, dass es eben ist, wie es ist. Mich hat das Leben in etwas völlig Anderes hineinkatapultiert als die Frauen dort, und sie leben ihr Leben, so wie ich meins zu leben habe.

Für immer werde ich wahrscheinlich ein ganz anderes Gefühl für die Welt haben als sie. Und deshalb möchte ich sie einfach schütteln, als könnten sie etwas dafür, dass ich es anders erleben muss als sie. Ich möchte am liebsten losschreien und sie fragen, ob ihnen eigentlich klar ist, dass die Welt sich auch anders anfühlen kann. Als würde mein inneres Elend damit geringer. Ich möchte auf sie einschlagen, damit sie erschrecken und mir ihre ganze Aufmerksamkeit und Anteilnahme zuteilwerden lassen. Wie abstrus ist das alles in mir! Und zugleich frage ich mich, wie lange ich mich noch gegen mein Schicksal aufbäumen will. Diese schreiende Wut, der Impuls, fast Amok laufen zu wollen, lässt wieder nach. Der Neid auf die, die es besser hatten und haben, die innere Qual, die Ohnmacht ebben ab, wenn die Tränen kommen. Immer wieder sind die Tränen der Kanal, über den es wieder ruhiger in mir wird. Einfach nur darüber trauern bis es nachlässt. Ich frage mich, ob es wohl viele wie mich gibt, die manchmal oder auch öfter nicht ein noch aus wissen wegen ihrer inneren Gefühlsstürme und das umsetzen, was ich da gerade als Impulse in mir hatte. Menschen, die einfach losschlagen, zerstören, herumwüten, wenn die innere Qual unerträglich geworden ist.

Mit den Tränen, die kommen, legt sich die Qual langsam. Werde ich es schaffen, irgendwann einverstanden zu sein? Dass ich mich auf eine gewisse, subtile Art behindert erlebe, die man nicht sehen, sondern nur von innen spüren kann? Dass ich mein Schicksal anzunehmen habe, so wie es ist, da ich es nicht oder noch nicht und manches nie werde ändern können? Ich kann dann auch gedanklich zulassen, dass es sich bei den Frauen hier im Zug ebenso um gut funktionierende Hüllen handeln könnte, die mich beim Blick auf sie blenden. Mir sieht man auch nicht an, was mit mir los ist. Das spüre ich ja an der Wirkung meiner eigenen Fassade auf andere und bin letztlich froh darüber. Die Traurigkeit lässt jetzt auch wieder Raum in mir, für meine über die Jahre erlangten Fortschritte. Gerade in den letzten Wochen spüre ich, wie weit ich gekommen bin und kann mir zugleich vorstellen, dass es noch besser werden könnte.

Angetriggert

Oft schon habe ich erlebt, dass ich wütend auf die Welt werde. Gerade, wenn ich eine Nacht wie die letzte hinter mir habe. Gestern Abend habe ich auf der Rückfahrt nach Hause irgendwann ein subtiles und sich dann mehr und mehr ausbreitendes Bedrohungsgefühl wahrgenommen, ohne dass eine reale Gefahr auszumachen war. Dass ich wieder angetriggert war, kann ich immer erst dann beschreiben, wenn es wieder vorbei ist. Das bedeutet bei traumatisierten Menschen, von einem Zustand, von Gefühlen gepackt zu sein, von einem Moment zum anderen, der in die Vergangenheit gehört, als wäre man in einen Film hineingeraten. Der Zustand färbt die Wirklichkeit in der Gegenwart, als habe alles in mir realen Charakter.

Es war schon sehr spät gestern und ich hatte lange auf meinen Anschlusszug warten müssen. Für mich waren auffällig viele Männer allein oder auch in Gruppen unterwegs. Es war, als würde ich plötzlich nur noch Gefahr von den Männern ausgehen sehen, von ihrer Männlichkeit, ihrer Sexualität, vor der ich mich hüten muss. Jetzt, im hell erleuchteten Bahnhof, war es erträglich. Aber später, auf dem Weg nach Hause, würde ich wenig Schutz haben. „Mit sechzig Jahren passe ich doch bestimmt auch nicht mehr in ihr Beuteschema“, wollte ich mich beruhigen. Schlimm wurde es, als ich plötzlich an meine Tochter dachte, die oft spät den gleichen Weg nach Hause hat. In meinen aufsteigenden inneren Bildern mit entsprechenden damit einhergehenden Gefühlen von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein erlebte ich meine Tochter als Freiwild zwischen den Männern, sah vor meinem inneren Auge schreckliche Bilder und fühlte sie in meinem gesamten Körper. Wie viele Menschen mögen möglicherweise derartige Bedrohungsgefühle in sich aufsteigen spüren und dann direkt zum Angriff übergehen, weil sie meinen, die anderen seien wirklich gefährlich?

Im Bett dann endlich war trotz völliger Müdigkeit kein Gedanke an Schlafen und mein Körper stand unter Hochspannung. Wie oft habe ich mich nächtelang vor innerem Druck im Bett gewälzt! Irgendwann werde ich eingeschlafen sein und dann wieder plötzlich in der Nacht mit rasendem Herzen hochgeschreckt. In solchen Nächten kreiseln übelste Zustände stundenlang in mir, die ich nicht fassen kann und die mich daran hindern, wieder in den Schlaf zu kommen. „Ich bin doch zuhause, es kann doch eigentlich gar nichts Schlimmes sein“, sagt der Verstand. In jener Nacht war es ganz still, wahrscheinlich auch durch das Oropax in meinen Ohren, mit dem ich die Welt jede Nacht aussperre. Es ist, als könnte ich nichts tun, nur aushalten. Mit der beginnenden Helligkeit des Morgens kann ich immer besser den Beobachterstatus einnehmen, etwas weicht. Ich atme tief ein und aus, wieder und wieder, fühle mich immer mehr mit dem Atem ganz werden. „Vertrau, es ist alles lange her und vorbei“, sagt eine Stimme in mir. Jetzt kann ich auch wieder auf Abstand gehen und versuchen zu analysieren, wie und wodurch es dieses Mal wohl ausgelöst worden war, dass ich in diese Zustände gerutscht bin.

Ich bin froh, dass solche Nächte nicht mehr häufig sind. Wie oft habe ich an diesen Bedrohungsgefühlen gearbeitet, mit unterschiedlichsten Methoden! Mein Zustand ist schon viel besser geworden. Eigentlich müsste ich jetzt schlafen. Doch stattdessen stehe ich auf, fahre in die Praxis und arbeite. Es geht recht gut inzwischen. Auf eine gewisse Art bin ich ein Profi geworden, mit der bestehenden Symptomatik und nicht sichtbar für andere zu funktionieren. Es ist verrückt, dass das geht. Aber es kostet mich manches Mal auch eine unglaubliche Energie.

Jetzt schaue ich wieder aus dem Zugfenster und nehme die reale Welt wahr. Es ist schön draußen. Ein Sommertag, sonnig und nicht zu warm. Zum ersten Mal in diesem Jahr nehme ich Kornblumen wie zarte blaue Teppiche in den draußen vorbeihuschenden Feldern wahr. Die Welt kann so wunderschön sein. Endlich kann ich das sehen.

Antwort auf meine Frage

Noch einmal komme ich auf meine Frage von oben zurück, warum meine Geschichte mich nicht in eine destruktive Richtung geführt hat. Ich bin überzeugt, dass mich nicht sehr viel davon trennte, dass es haarscharf auch der andere Lebensweg hätte werden können. Weniges, aber sehr Wesentliches scheint mir dafür entscheidend zu sein. Ich gehe davon aus, dass ich trotz aller schwierigen Ereignisse und Entwicklungen später positive Erfahrungen machen durfte und sich diese tief in mir verankert haben. Oder anders formuliert, habe ich möglicherweise so viel Liebe bekommen und positive Halt- und Bindungserfahrungen habe machen dürfen – bis das Furchtbare begann. In einer Umgebung dazu ohne äußere unmittelbare Not, wie zum Beispiel Krieg und Terror, dass es ausgereicht hat, mich auf diesem Weg zu halten. Dass genau dies der wesentliche Wirkfaktor ist, nicht zu einer um sich schießenden Terroristin oder vernachlässigenden und zuschlagenden Mutter zu werden. Dass ich gelernt habe, meine destruktiven Gefühle damals wie heute in mir zu halten und dass ich stattdessen immer wieder Zuversicht, Hoffnung und Optimismus mobilisieren konnte, den Willen nicht aufzugeben, dass es besser werden könnte.

Dieser Anker tief in mir hat vielleicht immer unbewusst ein Innehalten, ein Bremsen dieser negativen Energie in mir bewirkt, wenn aus mir die Wut und Aggression herausschießen wollte und mich daran erinnerte, wie schlimm es war, gegen mich gerichtete Gewalt zu erleben, so als würde ich es kennen, obwohl ich doch noch lange keinen Zugang zu meinen Erinnerungen hatte. Deshalb wollte oder konnte ich Gewalt nicht weitergeben. Die Voraussetzung hierfür ist aber das Ein- und Mitfühlenkönnen. Ich konnte mich immer sehr gut in andere einfühlen. Dazu bin ich durchgehend in der Lage geblieben. Das finde ich immer noch erstaunlich.

Das Unglück

Vor circa zehn Jahren habe ich von der sogenannten psycholytischen Methode erfahren. Sie ist hier in Deutschland mit bestimmten psychoaktiven Substanzen noch verboten. Unter der Psycholyse wird durch veränderte Bewusstseinszustände eine Heilung angezielt. Ich habe mich nach und nach umfassend informiert und wollte schließlich diese Arbeit kennenlernen. Nur für mich, quasi als Versuch zur Eigenbehandlung. Deshalb habe ich in den letzten Jahren in großen Abständen geringe Mengen verschiedener Substanzen unter Betreuung eingenommen. Die Gründe, warum ich es überhaupt ausprobiert habe und dies Behandlung nenne, werde ich später beschreiben. Auch, wie ich zu dieser für die meisten wohl noch ungewöhnlichen Methode gekommen bin. Ich möchte Aufklärungsarbeit für diese Arbeit leisten und aufzeigen, dass sie deutlich vom ungesteuerten Drogenkonsum abzugrenzen ist. Zum letzten Mal habe ich im vergangenen Jahr eine Substanz eingenommen. Wahrscheinlich wollte ich die Wirkung auch dieser speziellen Substanz kennenlernen und für mich überprüfen, ob das Mittel auch heilsame Bewusstseinszustände erzeugen kann. Ich gehe davon aus, dass ich absolut freiwillig und überlegt die Substanz namens 2CE eingenommen habe. Ich formuliere das so, weil ich an die Zeit davor, allerdings auch danach, nur noch vage und schemenhafte Erinnerungen habe.

Offenbar bin ich bewusstlos per Notarzt in eine Klinik eingeliefert worden und dort erst nach vielen Stunden wieder zu mir gekommen. Der qualitative Nachweis dieser Substanz in den Laboruntersuchungen hat dazu geführt, dass die Polizei in Kenntnis gesetzt wurde. Diese hat wiederum später eine Meldung an die hiesige Behörde für Fahrangelegenheiten geleitet. Nicht bewusst war mir, dass automatisch demjenigen die Fahreignung aberkannt wird, der Drogen einnimmt. Unabhängig davon, ob man dabei Auto gefahren ist oder nicht, reicht der Nachweis der Substanz im Blut aus, so dass die Fahreignung infrage gestellt wird.