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Das Interview ist – medienübergreifend – eines der erfolgreichsten journalistischen Genres. Es etabliert sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in der Zeitung, um gelegentlich in Buchform zu überdauern. Im 20. Jahrhundert wird es zu einem wesentlichen Bestandteil von Hörfunk und Fernsehen und im 21. Jahrhundert sucht es seinen Platz im Internet. Umso erstaunlicher ist es, dass eine systematische Erforschung der Geschichte und Funktion des Genres bislang aussteht. Vor diesem Hintergrund vermisst Jens Ruchatz das breite Feld des journalistischen Interviews und entwirft dessen Gattungsgeschichte als Mediengeschichte. Als Konstante dieser 150-jährigen Geschichte erweist sich das generisch garantierte Versprechen, durch die authentische Wiedergabe eines Gesprächs die Authentizität der befragten Person so zu erfassen, dass das Individuum seine sozialen Masken ablegt. Das dem Genre so stabil zugeschriebene Vermögen bindet es funktional eng an die medienkulturelle Figur der Celebrity. Diese wiederum erweist sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts als bevorzugter Ort, um in populärer Form das moderne Problem zu verhandeln, wie man sich überzeugend als Individuum darstellen kann. In der Verknüpfung von Interview, Celebrity und Individualität arbeitet diese Studie die besondere Funktion der Interviewform heraus, exemplarisch individualisierende Selbstbeschreibungen vorzuführen, die im massenmedial hergestellten Zwiegespräch stets schon kommunikativ eingelöst sind.
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Seitenzahl: 1124
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Diese Publikation wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.
Als der Strom weg war
kamst du zu mir,
und du sagtest: »Los komm, erklär mir!
In den Liedern, die du spielst,
ist immer weniger von dir selber drin.«
»Stimmt genau,« sag’ ich,
»die sind so wie ich selber bin.«
Blumfeld, »Superstarfighter«, auf L’Etat et moi (1997)
Imitationen von dir
befinden sich in mir.
Imitationen von dir
Verbünden sich mit mir.
Berühren und begleiten mich,
sagen: »Es gibt kein wahres Ich.«
(...)
Imitationen von dir
wiederholen sich in mir.
Imitationen von dir
klopfen an die Tür.
Und leise reden sie mir ein:
»Du musst nicht du selber sein.«
Und leise reden sie mir ein:
»Wir werden dich von dir befreien.«
Toctotronic, »Imitationen«, auf Kapitulation (2007)
Let’s just imitate the real,
Until we find a better one.
The Notwist, »Good Lies«, auf The Devil, You and Me (2008)
Abb. 1: Den ›Spion‹ in den Kopf des Interviewpartners öffnen – das Versprechen des Interviews formuliert in einer Anzeigenwerbung der Zeitschrift Galore für ihre Nummer vom April 2007.
(in: 11 Freunde, Nr. 44, 2005, S. 75)
Vorwort
Einleitung
I. Die Genese der Gattung in den Printmedien: authentisch/nicht authentisch
I.1. Das Interview als Gattung
I.2. Von Anfang an: der Interviewer in der Privatsphäre
I.3. Arbeitsanweisungen: Wie das Interview Wahrheit produziert
I.3.1. Lehrbuchdefinitionen
I.3.2. Gestaltungsformen des Interviews
I.3.2.1. Zwei Darstellungsmodi
I.3.2.2. Schreibstrategien in der Redaktionsstube
I.3.2.3. Medien der Authentifizierung
I.3.2.4. Fazit
I.4. Leseanweisungen: das Interview im Paratext
I.5. Authentizität im Grenzfall
I.5.1. Die Autorisierung und die
taz
I.5.2. Die Fälschung und der Fall Kummer
I.6. Ins Jenseits des Symbolischen – Das illustrierte Interview
II. Medien- und/als Gattungsgeschichte des Interviews
II.1. Das Interview und die Medien
II.2. Speicher- und Übertragungsmedien des Printinterviews
II.3. Das Hörfunk-Interview
II.4. Das Fernsehen: vom Interview zur Talkshow
II.4.1. Der Mensch im Zwiegespräch
II.4.2. Seelen-Striptease in der Talkshow
II.5. Aus der Reihe geschlagen: der Interviewfilm
II.5.1. Die Anfänge des gefilmten Interviews
II.5.2. C
HRONIQUE D’UN ÉTÉ
als filmische Reflexion des Interviews
II.5.3. Das Interview und die dokumentarische Wahrheit
II.5.4. Die Wissenschaft des gefilmten Interviews
II.6. Rückblick und Ausblick: der Chat als Interview?
II.6.1. Das Internet als Publikationsplattform für Interviews
II.6.2. Das Email-Interview
II.6.3. Der Promi-Chat
II.7. Nachtrag: das Post-Interview zwischen Reflexivität und Normativität
II.7.1. Derrida
II.7.2. Andy Warhol
III. Die Individualität von Celebrity und Star: privat/öffentlich
III.1. Die Celebrity als Unterscheidung
III.1.1. Exkurs: Stars, Prominente, Celebrities
III.2. Die Genese des Stars als Etablierung einer Unterscheidung
III.2.1. Der Star als transhistorische Konstante
III.2.2. Der Star als mediumspezifische Innovation
III.2.3. Die Genese der Celebritykultur im 19. Jahrhundert
III.3. Die Medialität der Celebrity
III.4. Die Kongenialität von Celebrity und Interview
IV. Muster der Individualisierung: individuell/kollektiv
IV.1. Von der Medialität zur Intermedialität des Individuums
IV.2. Exklusions-Individualität als Bezugsproblem des Stars
IV.3. Exkurs: eine kurze Geschichte der Vorbildlichkeit
IV.4. Die Vorbildlichkeit der Stars
V. Synthese: vom Interview zur Individualisierung
Literatur und Quellen
Primärliteratur
Vorgeschichte/Quellen
Journalistische Lehr- und Handbücher
Interviewsammelbände
Interviewskandale und das Fotointerview
Hörfunk
Fernsehen.
Film
Derrida/Warhol
Sekundärliteratur
Fernsehen.
Filme
Bei der vorliegender Publikation handelt es sich um eine leicht überarbeitete und aktualisierte Fassung meiner Habilitationsschrift, die im Juli 2012 von der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg angenommen wurde.
Dieses Buch hat eine lange Entstehungsgeschichte. Zum ersten Mal mit dem Thema Interview konfrontiert wurde ich vor fünfzehn Jahren, im Frühjahr 1999, als ich mir anlässlich der Tagung Rohmer intermedial an der Universität-Gesamthochschule Siegen vornahm, mich mit meiner Faszination für diesen Regisseur auseinanderzusetzen. Mit diesem Ziel untersuchte ich, wie Interviews an der Zuschreibung der Autorfunktion an einen Filmregisseur beteiligt sind. Dass es sich beim Interview um ein lohnendes Forschungsfeld handelt, war nach den größtenteils unergiebigen Literaturrecherchen klar. Auch die zweite Säule der Arbeit geht auf meine Zeit am Graduiertenkolleg Intermedialität in Siegen zurück. Bei einer weiteren Tagung, Mediale Anthropologien, versuchte ich medienübergreifend die Bedeutung des Stars zu verstehen. Bis beide Themen zusammenwuchsen und zu einem Habilitationsprojekt wurden, dauerte es noch eine Weile. In dieser Phase gaben mir Gespräche mit Nicolas Pethes wertvolle Hinweise, um das Vorhaben weiterzuentwickeln.
Während ich am Institut für Theater- und Medienwissenschaft in Erlangen Zeit zu finden versuchte, um das Projekt abzuschließen, unterstützte mich Kay Kirchmann. Ebenso danken möchte ich Henri Schoenmakers und Ilja Srubar als weiteren Mitgliedern meines dortigen Fachmentorats sowie Irmela Schneider und Lorenz Engell für die Übernahme der externen Gutachten.
Für tatkräftige Unterstützung bei der Drucklegung, für Korrekturlesen und Formatieren, ist Kevin Pauliks zu danken, ebenso Rüdiger Steiner für die stets angenehme und produktive Kommunikation mit dem Verlag. Finanziell wird die Publikation erfreulicherweise durch die DFG gefördert.
Widmen möchte ich dieses Buch zwei Menschen, die nicht nur als massenmediale Images, sondern als Gegenüber aus Fleisch und Blut in meinem Leben sind, meiner Frau Lena und meinem Sohn Jan. Ohne ihren Rückhalt, ihre Langmut mit meinen Arbeitszeiten und ihre Geduld mit diesem Projekt, wäre es nicht erfolgreich zu beenden gewesen.
Waldkirch, im August 2014
Jens Ruchatz
Das deutschsprachige Interviewmagazin Galore wirbt im Frühjahr 2005 um Abonnenten, indem es eine Anzeigenkampagne in deutschen Zeitschriften schaltet, die das Versprechen des ›guten‹ Interviews rein visuell auf den Punkt bringt (Abb. 1).1 Zu sehen ist zunächst einmal der für das jeweilige Titelblatt ausgewählte Prominente im frontalen Porträt, sodass sein Gesicht seitenfüllend, sogar leicht angeschnitten erscheint. Die Anzeige begnügt sich allerdings nicht mit der visuellen Andeutung, die Interviews würden den Lesern die abgebildete Person nahe bringen, sondern beansprucht weit mehr. Auf die Stirn der Personen ist ein geöffneter ›Spion‹ montiert, wie er von Wohnungstüren aus Mietshäusern bekannt ist. Ein solcher Spion soll üblicherweise erlauben, durch die Tür hinauszublicken, ohne dass man beim ›Spionieren‹ gesehen wird. Die Galore-Werbung lädt die Betrachter aber dazu ein, unbeobachtet in den Kopf des porträtierten Interviewpartners hineinzublicken, sein Innenleben per Interview zu erforschen, indem sie die Zeitschrift erwerben, deren Name nur sehr klein am unteren Rand der Werbung auftaucht. Den Interviewlesern wird eine privilegierte Beobachterposition in Aussicht gestellt, die eine Nahsicht der Oberfläche mit Einsichten ins Innere der Interviewten verbindet.
Ein Jahr zuvor erscheint der von Rebecca Casati und Alexander Gorkow herausgegebene Band Wieso fragen Sie das?, der eine kleine Auswahl aus den ganzseitigen Interviews der SZ am Wochenende versammelt. Dass es sich um »ungewöhnliche Gespräche«, so der Untertitel, handelt, bringt der Buchtitel auf den Punkt, indem er offensichtlich nicht die Frage eines Interviewers, sondern die irritierte Rückfrage eines Interviewten aufgreift. Gesprochen wurde, so verkündet der Einband, »mit Weltstars und anderen interessanten Menschen über das oftmals sehr verflixte Leben«. Wozu es führen kann, wenn man erfährt, »was Sophia Loren wirklich über Männer denkt, [...] was Goldie Hawn depressiven Journalisten rät [...] und wie es ist, wenn Lou Reed verdammt schlechte Laune hat«, führt ein auf den Buchdeckel gedrucktes Zitat von Benjamin Stuckrad-Barre aus, das die lebenspraktische Dimension der Interview-Lektüre ausmisst: »Einige dieser Interviews sind lebensverändernd. Wenn man die gelesen hat, will man plötzlich eine Partei gründen, oder eine Familie oder wenigstens eine Band.«2
1 Erschienen z. B. in 11 Freunde, Nr. 44, 2005, S. 75, sowie Nr. 45, 2005, S. 122.
Man könnte diesen Satz als branchenübliche Übertreibung, als Werbegeklingel, abtun, denn die Werbung »sucht zu manipulieren, sie arbeitet unaufrichtig und setzt voraus, daß das vorausgesetzt wird.«3 Um diesem Verdacht entgegenzutreten, kann die Werbung so an geläufige Semantiken andocken, dass ihre Versprechen plausibel und nicht als pure Übertreibung daherkommen. Geht man davon aus, dass beide Werbungen typische Zuschreibungen an das Interview nur zuspitzen, dann umreißen sie anschaulich das Thema der vorliegenden Arbeit. Es soll um das Verhältnis dreier Komplexe gehen: das Interview als Instrument, um das Innenleben von anderen zu erforschen; der Nutzen und Effekt solcher Einblicke für die individuelle Lebensführung; sowie schließlich die Stars und Celebrities, mit deren Namen und Gesichtern Aufmerksamkeit geweckt wird. Als diejenigen, in deren Kopf es einzudringen gilt, bilden sie gewissermaßen das Bindeglied zwischen der journalistischen Form und der Lebensführung der Individuen. Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, die Beziehung dieser drei Größen zu erhellen, um neue Einsichten in alle drei, vor allem aber das Interview, zu gewinnen.
Warum gerade das Interview? Eine einfache und leicht zu belegende Antwort bestünde in der Darlegung, dass das Interview bisher, wo überhaupt, allenfalls äußerst lückenhaft erforscht ist. So eröffnet Holger Heubner seine Ausführungen zum Autoreninterview mit der Ankündigung: »Sie betreten ein unerforschtes Terrain.«4 Heubners Dissertation mag den unbekannten Bereich verkleinert haben, doch beschränken sich seine Ausführungen auf einen bestimmten Typ des Interviews und leiden immer wieder sichtlich darunter, dass das Interview insgesamt terra incognita ist, sodass ein Gesamtbild, in das sich das Autoreninterview einfügen könnte, noch nicht einmal skizziert ist. Das literaturwissenschaftliche Interesse hat lediglich das Autoreninterview zu einer bekannten Insel innerhalb eines weiterhin kaum kartierten Geländes gemacht. Die Interviewforschung kennt keine weißen Flecken, sondern stellt, um im Bild zu bleiben, eine ausgedehnte weiße, nur spärlich von Markierungen durchbrochene Fläche dar.
2 Rebecca Casati/Alexander Gorkow (Hg.), Wieso fragen Sie das? Ungewöhnliche Gespräche mit Phil Collins, Sophia Loren, Goldie Hawn, Lou Reed, Claus Peymann, Michael Stipe, Jane Birkin und vielen anderen über Sehnsucht, Ausdauer, Schweigen und Freude, Frankfurt a.M. 2004, Klappentext.
3 Niklas Luhmann, Die Realität der Massenmedien, 2. Aufl., Opladen 1996, S. 85.
4 Holger Heubner, Das Eckermann-Syndrom. Zur Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Autoreninterviews, Berlin 2002, S. 9. Eine ganz ähnliche Begrifflichkeit – »[c]harting this largely unexplored territory« – wählt Christopher Silvester zur Einleitung seiner einzigartigen historisch-kritischen Interview-Anthologie; Christopher Silvester (Hg.), The Norton Book of Interviews. An Anthology from 1859 to the Present Day, New York/London 1996, S. xvi.
Wenn das Interview mit seiner weit über hundert Jahre zurückreichenden Vergangenheit unerforscht ist, dann muss dies gewichtige Gründe haben. Diese könnten zum einen im Gegenstand selber liegen. Das Forschungsfeld könnte so unwegsam sein, dass ihm mit den üblichen wissenschaftlichen Verfahrensweisen nicht beizukommen ist, oder aber ungeschickt zwischen die Zuständigkeiten verschiedener Disziplinen fallen. Zum anderen könnte es aber auch damit zu tun haben, dass der Forschungsgegenstand schlicht für so belanglos angesehen wird, dass seine Erforschung eine Verschwendung von Ressourcen darstellen würde. Dem widerspricht allerding die anhaltend hohe Verbreitung, die das Interview seit seiner Genese im 19. Jahrhundert gefunden hat.
Paul Atkinson und David Silverman, Praktiker der qualitativen Sozialforschung, haben den Fundus der zur gesellschaftlichen Selbstbeschreibung verfügbaren Begriffe sogar um die ›interview society‹ bereichert: »We see the interview society as relying pervasively on face-to-face interviews to reveal the personal, private self of the subject. The techniques of contemporary mass media and the interests of social researchers converge in the cultural forms of the interview society.«5 Atkinson und Silverman konzipieren das Interview als journalistisch wie sozialwissenschaftlich eingesetztes Instrument, das sich in so unterschiedlichen Feldern durchgesetzt hat, dass es von gesellschaftlicher Relevanz sein muss. Das Interview werde als Mittel gepflegt, das Zugang zur Innenwelt der Individuen und ihren authentischen Erfahrungen ermögliche. Die in Interviews sich vollziehende Konstruktionsarbeit, die in Kollaboration von Interviewer und Interviewtem erst eigentlich das Ausgesagte erzeuge, werde dabei geflissentlich ignoriert.6 Somit profitiere das Interview von einem überzogenen Vertrauen, dass es noch die privatesten Erfahrungen der Individuen ungebrochen an die Oberfläche zu holen vermöge. Gerade in Fällen, wenn die befragte Person sich augenscheinlich nicht öffnen will oder kann, werde sein eigentliches Leistungsvermögen in Anspruch genommen, die täuschende Selbstdarstellung zu durchdringen, und das Interview zur Sonde, die das Wahre vom Falschen trennt:
5 Paul Atkinson/David Silverman, »Kundera’s immortality. The Interview Society and the Invention of Self«, in: Qualitative Inquiry, 3. Jg., 1997, S. 304-325, hier S. 309.
6 Jaber F. Gubrium/James A. Holstein, »From the individual interview to the interview society«, in: dies. (Hg.), Postmodern Interviewing, Thousand Oaks/London/New Delhi 2003, S. 21-49, hier S. 30f., haben darauf hingewiesen, wie zentral die Annahme der Passivität des Interviewten für das Wahrheitsversprechen des Interviews sei: Im Interview soll nur an die Oberfläche kommen, was schon im Individuum schlummere: »The image is one of ›mining‹ or ›prospecting‹ for the facts and feelings residing within the respondent. [...] The basic model […] locates valued information inside the respondent and assigns the interviewer the task of somehow extracting it.«
»The interviewer rather than facilitating the appearance of a ›natural‹ or ›spontaneous‹ emergence of the essential self, seeks to strip away appearance, cut through any dissembling or self-deception, to lay bare the true identity that lies beneath the surface.«7
Mit Atkinson und Silverman kann man also annehmen, dass die in der Werbung für Galore aufgerufene Metaphorik auf fruchtbaren Boden fallen kann, weil sie in der Tat dem gegenwärtigen Ansehen des Interviews nahesteht. In der interview society wird das Interview – in der Wissenschaft wie in den Massenmedien – zum Fokus öffentlich gemachter Identitätsarbeit, zu einem wesentlichen Ort autobiographischen Erzählens und damit zu einem prägenden Verfahren der Individualisierung. Es stelle ein in Zeiten der Repräsentationsskepsis erstaunliches Refugium für den Glauben dar, dass jeder nach wie vor über eine authentische Identität verfügt: »The desire for revelation and the revelations of desire furnish the appearance of authenticity even when the very possibility of authenticity is under question.«8
Wenn das Interview zum Ort des authentischen Ich wird, zu einem Ort autobiographischer Arbeit, die es aus der black box des Individuums in die gesellschaftliche Öffentlichkeit trägt, wäre dies noch lange kein Anlass, gleich von einer ›interview society‹ zu sprechen. Erst wenn man annimmt, dass das Interview das in ihm verkörperte Muster der Individualisierung gesellschaftlich wirksam implementiert, kann der Terminus Plausibilität gewinnen. Dieser Gedanke wird bei Atkinson und Silverman eher implizit mitgeführt, an einer Stelle jedoch prägnant konkretisiert: Eine unter dem Titel How We Met publizierte Serie von Zeitungsartikeln, in denen Celebrities über ihre Liebesbeziehungen erzählen, diene als »instruction manual, giving its readers a model for their lives«9. Die so skizzierte interview society wäre folglich eine Gesellschaft, die sich aus Individuen zusammensetzt, die mehrheitlich anhand von Interviewverfahren hergestellt sind. Das Interview fungiert dabei einerseits als Modus, der durch biographische Selbsterzählung authentische Individualität zu konstituieren erlaubt, verbreitet gesellschaftsweit aber auch ein Muster, das sowohl abstrakt, in seinem Insistieren auf die Authentizität autobiographischen Erzählens, als auch konkret, durch die verbreiteten individuellen Erzählungen, wirksam wird. Vor diesem Hintergrund ginge auch die zweite in der Werbung aufgestellte Behauptung, Interviewlektüre könne Leben verändern, durchaus konform mit gesellschaftlichen Prämissen.
7 Atkinson/Silverman, »Kundera’s immortality«, S. 315.
8 Atkinson/Silverman, »Kundera’s immortality«, S. 320.
9 Atkinson/Silverman, »Kundera’s immortality«, S. 321.
Jaber Gubrium und James A. Holstein, Fachkollegen der britischen Soziologen, haben etwas stringenter entwickelt, dass das Interview als »as one of 20th century’s most distinctive technologies of the self«, als gouvernmentale Technik der Wissenserzeugung und sozialen Steuerung fungiere, indem es das Individuum in den Fokus der Wissensgenerierung stelle und auf diesem Wege an der Individualisierung der Subjekte mitwirke.10 Mit dem Verweis auf Michel Foucaults Analytik der Macht, die Individualisierung als Verfahren zur Herstellung gesellschafskonformer Subjektivität begreift, ist der Brückenschlag zum Kollektiv hier stärker mitgedacht.11 Das Interview habe die Gesellschaft verändert, indem es »the myriad details of the most personal experience into the public domain« katapultiert habe.12 Die Verfasser weisen dabei auf die diversen Talkshows des Fernsehens hin, aber auch auf die Ausdifferenzierung von Interviewpraktiken, die dazu beitragen, das im Interview konkretisierte Modell der Individualisierung gesellschaftsweit zu verankern.
Der amerikanische Sozialwissenschaftler Jack D. Douglas deutet in seinem Lehrbuch Creative Interviewing die volle Breite und Tragweite der Interviewpraxis an: »Almost all the information used in the social sciences, journalism, the many helping disciplines, and many other organized disciplines is based ultimately on interviews. Even diaries and autobiographies, are based on a specialized form of interviewing, that of self-interviewing (or self-study).«13 Von einer Interviewgesellschaft zu sprechen impliziert also davon auszugehen, dass die Gesellschaft ihr Wissen über das Individuum größtenteils aus Interviews gewinnt. Neben Interviewtätigkeiten der Journalisten und Soziologen werden vor allem im englischen Sprachraum viele weitere Bereiche benannt: das Vorstellungsgespräch (job interview), die ärztliche Anamnese (patient interview) und das psychotherapeutische Gespräch (psychotherapy interview) oder auch die polizeiliche Vernehmung (police interview). Immer geht es darum, durch eine souveräne und psychologisch geschickte Gesprächsführung das Maximum an Informationen herauszuholen. Diese weite Kategorisierung hat mit sich gebracht, dass in den USA seit den 1930er Jahren eine Reihe von Interviewratgebern publiziert wurden, die sich übergreifend der Psychologie, Soziologie und Ethik geschickter Interviewführung widmen.14
10 Gubrium/Holstein, »From the individual interview to the interview society«, S. 26.
11 Vgl. z. B. Michel Foucault, Analytik der Macht, hrsg. von Daniel Defert u. François Ewald, Frankfurt a.M. 2005.
12 Gubrium/Holstein, »From the individual interview to the interview society«, S. 27.
13 Jack D. Douglas, Creative Interviewing, Beverly Hills/London/New Delhi 1985, S. 11.
Ein Ursprung der Gesprächsform Interview lässt sich nicht deutlich ausmachen. So könnte das sozialwissenschaftliche Interview durch journalistische Vorläufer geprägt worden sein.15 Manche sehen die Struktur des journalistischen Interviews ihrerseits verknüpft mit der Gerichtsberichterstattung und als Umformung des Verhörs.16 Offensichtlich ist jedoch, dass es das 19. Jahrhundert ist, das die meisten der Fragepraktiken erschafft und institutionalisiert, insbesondere die soziologische Umfrage und das journalistische Interview. Gemeinsam ist all den genannten Interviewpraktiken, dass sie das Individuum selbst als Quelle anzapfen, um Informationen über es zu generieren.17 Demnach bildet das Interview ein bislang unterschätztes Element der Geschichte der Individualität.
In folgenden wird es nicht mehr darum gehen, der gesamten Vielfalt und Breite an Interviews und interviewartigen Gesprächsformen Rechnung zu tragen. Wenn ich mich auf die im weitesten Sinne journalistische Interviewtätigkeit konzentriere, dann wende ich mich einer spezifischen Form des Interviews zu, die das Gespräch nicht nur als ideales Instrument der Informationsgewinnung begreift, sondern darüber hinaus als Modus der Informationspräsentation produktiv macht. Journalisten befragen für einen Großteil ihrer Artikel Informanten, doch nur in verhältnismäßig wenigen Fällen beziehen sie auch die Gesprächssituation und den Gesprächsverlauf ein, wenn sie das gewonnene Wissen darstellen. Walther von La Roches klassische Einführung in den praktischen Journalismus unterscheidet insofern das Recherchegespräch strikt vom Interview als Darstellungsform:
14 Vgl. exemplarisch Walter van Dyke Bingham/Bruce Moore, How to Interview, 3. Aufl., New York/London 1941; Annette Garrett, Interviewing. Its Principles and Methods, New York 1942; Charles J. Stewart/William B. Cash Jr., Interviewing. Principles and Practices, 10. Aufl., Boston u.a. 2003; interdisziplinär allein auf die verschiedenen Wissenschaften bezogen Jaber F. Gubrium/James A. Holstein (Hg.), Handbook of Interview Research. Context & Method, Thousand Oaks, Ca./London/New Delhi 2002. Michael Haller, Das Interview, 3. Aufl., Konstanz 2001, S. 99-123, führt als umfassendste deutsche Quelle wenigstens viele dieser Gesprächsformen als dem Interview verwandt auf.
15 Vgl. z. B. Rolf Lindner, Die Entdeckung der Stadtkultur. Soziologie aus der Erfahrung der Reportage, Frankfurt a.M. 1990, S. 23-25.
16 Vgl. Nils Gunnar Nilsson, »The Origin of the Interview«, in: Journalism Quarterly, 48. Jg., 1971, S. 707-713; siehe auch unten Kap. I.2.
17 Gubrium/Holstein, »From the individual interview to the interview society«, S. 22, weisen darauf hin, dass sich dies keineswegs von selbst verstehe: »Indeed, individuals have not always been viewed as important sources of knowledge about their own experience.« Abzugrenzen ist das Interview im Übrigen von den gleichfalls im 19. Jahrhundert entwickelten statistischen Verfahren, die zwar ebenso dem Individuum und seiner neu entdeckten Indeterminiertheit Rechnung tragen und es zum Ort der Datenerhebung machen, das Individuelle dann aber in der großen Zahl und den mathematischen Operationen des Durchschnitts wieder zum Verschwinden bringen; vgl. Ian Hacking, »How Should We Do the History of Statistics«, in: Graham Burchell/Colin Gordon/Peter Miller (Hg.), The Foucault Effect. Studies in Governmentality, Chicago 1991, S. 181-196.
»Die meisten Frage-Antwort-Spiele, die zwischen Journalisten und Auskunftspersonen ablaufen, sind Recherchen, nicht Interviews. Von einem Interview sprechen wir nur dann, wenn sich das Gespräch bei der Veröffentlichung noch vom Leser, Hörer, Zuschauer als solches erkennen läßt.«18
Dieser differenzierte Sprachgebrauch hat sich nicht wirklich durchgesetzt und das, was La Roche als ›Recherche‹ wertet, wird vielfach weiterhin als ›Interview‹ bezeichnet. Einigkeit herrscht aber darüber, dass es erforderlich ist, beides auseinander zu halten. Von anderen Ausprägungen des Interviews unterscheidet sich die journalistische Form folglich dadurch, dass sie in der Wiedergabe der per Gespräch gewonnenen Informationen dessen dialogische Form mit den jeweils verfügbaren medialen Optionen nachvollzieht – sei es, dass es den Gesprächsvorlauf vor Augen und Ohren stellt, wenn audiovisuelle Medien im Spiel sind, sei es in schriftlicher Form, wenn das Gespräch als Wechselrede für die Leser nachvollziehbar gehalten wird. Das journalistische Interview unterscheidet sich demnach von anderen journalistischen Darstellungsformen ebenso wie von den Interviewpraktiken anderer gesellschaftlicher Bereiche durch die »Verdoppelung der Interviewsituation«: »Die Botschaft des Interviews ist nicht nur, was gesagt wird, sondern auch wie die Aussagen zustande kommen, d. h., der Rezipient nimmt an der Aussagenproduktion teil.«19 In diesem Sinne lässt sich das Thema der folgenden Untersuchung dahingehend näher bestimmen, dass das journalistische Interview deshalb zu behandeln ist, weil in ihm die Wissensproduktion im Gespräch – und damit auch das von ihm erhobene Versprechen – Form gewinnt.
Einen einflussreichen Versuch diesen Sachverhalt theoretisch anspruchsvoller zu fassen, haben die Sprachwissenschaftler Hans-Peter Ecker, Jürgen Landwehr, Wolfgang Settekorn und Jürgen Walther in der 1977 publizierten Studie Textform Interview unternommen. Der Band zielt darauf, die Spezifika des Interviews als schematisierte massenmediale Form, als journalistische Textsorte, herauszuarbeiten, indem er es gegen verwandte Formen der massenmedialen Nachricht kontrastiert. Als konstitutiv für das Interview gesetzt wird die Verschachtelung zweier Kommunikationssituationen: einer primären, in der Interviewer und Interviewter zusammentreffen, und einer sekundären, in der eben dieses Gespräch – in der Regel massenmedial – an ein Publikum vermittelt wird.20 Damit ist es gelungen, den Unterschied zum Interview als reinem Recherchemittel strukturell zu ziehen und begrifflich zu fassen: Um ein Interview handelt es sich demnach nur, wenn zwei ineinander verschachtelte Kommunikationssituationen zusammenwirken. Zwei weitere Eigenschaften lassen sich aus der vorgelegten Bestimmung ableiten. Indem das Publikum die Primärsituation mitgeliefert bekommt, wird ihm zum einen gewissermaßen Einblick in die Informationsgewinnung gewährt; zum anderen bleibt jedes im Modus des Interviews gewonnene Wissen, selbst dann, wenn es eher auf Sachverhalte zielt, stets einer Person verhaftet, insofern die Information als spezifische Aussage eines individuellen Interviewpartners markiert ist.21
18 Walther von La Roche, Einführung in den praktischen Journalismus, 12. Auflage, München/Leipzig 1991, S. 143f. Vgl. zustimmend Hans-Joachim Schlüter, »Interview in Radio und Fernsehen«, in: Heinz Pürer (Hg.), Praktischer Journalismus in Zeitung, Radio und Fernsehen, München 1991, S. 107-137, hier S. 107: »Während das Interview eine journalistische Darstellungsform ist, gehört die Recherche zum journalistischen Werkzeug.«
19 Claudia Mast (Hg.), ABC des Journalismus. Ein Handbuch, 8. Aufl., Konstanz 1998, S. 258.
Selbst diese allgemeine Festlegung, die das Interview zunächst einmal formal von anderen massenmedialen Gattungen unterscheidet, hat ihre Tücken. Weil die Gesprächssituation von vornherein auf ihre öffentliche Verwertung hin ausgerichtet ist und ohne diese ein Interview gar nicht erst stattfinden würde, wird die Vorgängigkeit und Ursprünglichkeit des Gesprächs erst nachträglich impliziert. Die Sekundärsituation erscheint somit, was den Kontakt des Publikums betrifft, eher primär, wohingegen die Primärsituation keinen unabhängigen Status hat – auch wenn ein solcher im publizierten Interview oft durch fotografische Belege des Zusammentreffens oder das ausgestellte Studiopublikum einer Talkshow herausgestrichen werden soll. Die Unterscheidung von Primär- und Sekundärsituation wird also erst ex post konstituiert, dann aber so behandelt, als hätte es die Sekundärsituation nicht ohne die Primärsituation geben können, obwohl man es genauso gut umgekehrt sehen könnte.
20 Vgl. Hans-Peter Ecker u.a., Textform Interview. Darstellung und Analyse eines Kommunikationsmodells, Düsseldorf 1977, S. 18-21.
21 Vgl. zum einen Ecker u.a., Textform Interview, S. 17: »Informationsgewinnung wird in ihrem Entstehungsprozeß vorgeführt durch informationserscheinende und -gebende Partner. Die behandelten Sachverhalte erscheinen nicht losgelöst von Personen«; zum anderen ebd., S. 25: »Das Interview präsentiert immer Gegenstände/Sachverhalte in Beziehung zu Personen. [...] Was das Interview zu einem offensichtlich beliebten Kommunikationsspiel macht, ist u.a. die Tatsache, daß hier erkennbar und im Spiel ausnützbar [...] wird, wie jede Behandlung eines Themas in der Kommunikation dieses mit Einstellungen und Wertungen besetzt, es durch die Individualität des Interviewten (zumindest) umgeformt wird.«
Mit der in der Terminologie von Primär- und Sekundärsituation implizierten Wertigkeit wird jedoch mehr aufgerufen, wenn Ecker, Landwehr, Settekorn und Walter an die Struktur des Interviews feste kulturelle Bedeutungen und Effekte knüpfen. So steht zu lesen, das Interview vermittele, da es die Intervention des journalistischen Berichts aushebele, »›authentische‹ Information, insofern der Informationsgebende, der Interviewte, hier seine Meinung selbst und unmittelbar kundtut.« Es erwecke durch »die explizite Darstellung der Informationsgewinnung im Interview-Text [...] den Eindruck, authentische Information zu übermitteln.« 22 Eine solche Zuschreibung ist selbstredend viel voraussetzungsreicher als die schlichte Benennung der formalen Eigenschaften der Textsorte. Verschweißt man das Interview in der vorgeschlagenen Weise fest mit Authentizität, dann setzt dies zwei mit einander verbundene Hintergrundannahmen voraus. Dass nämlich zum einen die Sekundärsituation als transparente Wiedergabe einer Primärsituation rezipiert wird, die nicht durch den Umstand der anstehenden Veröffentlichung korrumpiert ist, und dass zum zweiten, die Offenlegung von Herstellungsprozessen per se authentifizierend wirke. Solche Prämissen, insbesondere der zugrunde gelegte Begriff des Authentischen, wären vorab offenzulegen und zu problematisieren. Grundsätzlicher lässt sich einer solchen Vorgehensweise entgegenhalten, sie würdige nicht ausreichend, dass Formen ihre Bedeutung einerseits nur in Bezug zu anderen Formen gewinnen, dass diese Bezugnahmen andererseits nicht stabil ausfallen, sondern historisch und kulturell variieren.23
Es steht außer Zweifel, dass das Interview mit dem Authentischen assoziiert wird. In den folgenden Ausführungen wird sich diese Kategorie sogar als eines der zentralen Bestimmungsstücke des Interviews erweisen. Sicherlich ist die stabile Assoziation des Interviews mit Authentizität nicht vollkommen arbiträr, sondern bindet sich durchaus an dessen spezifische Form; und doch stellt sie keine Eigenschaft der Form selber dar, die ein für allemal gegeben ist, sondern bleibt in letzter Konsequenz kontingent.24 Es steht daher an, ganz konkret nachzuzeichnen, welche Eigenschaften der Gattung im historischen Verlauf, der nicht zuletzt durch die erfolgreiche Ausbreitung des Interviews in immer neuen Medien gekennzeichnet ist, zuerkannt werden. Gefordert ist mithin eine Analyse der kulturellen Semantik des Interviews und ihres historischen Wandels, kurz: eine diskurshistorische Untersuchung. Es gilt zu rekonstruieren, durch welche Eigenschaften und Erwartungen das Interview im Laufe seiner Geschichte bestimmt wurde und welche Rolle der Authentizität in diesem Rahmen zukommt.
22 Ecker u.a., Textform Interview, S. 18 u. S. 36. Die Unterstellung von Authentizität relativiert sich nur wenig, wenn die Verfasser klarstellen, dass es nicht um die »Wahrheit der Informationen, d. h. die Übereinstimmung von Nachricht und Fakten« gehe, sondern allein »die Tatsache, dass hier Beobachtungen, Erfahrungen und Meinungen eines Berichtenden direkt übermittelt werden.«
23 Formal immerhin wird die Beziehung des Interviews zu den anderen, stärker schematisierten und den Dialog noch auf der Inhaltsebene ausschließenden, Gattungen der Massenmedien in Beziehung gesetzt, um die Besonderheit des Interviews vor dieser Vergleichsfolie auszuarbeiten; vgl. Ecker u.a., Textform Interview, S. 16-18.
Abstand zu nehmen ist also von einer ›abstrakten Vermögensanalyse‹, die glaubt, die kulturelle Bedeutung einer Form an ihr selbst ablesen zu können und ein für allemal dingfest zu machen.25 Formen erhalten ihre kulturelle Signifikanz, wie gesagt, erst in Beziehung zu einem Feld alternativer Formen. Wenn Authentizität ein zentraler Begriff für das Interview ist, dann nur weil es sich um eine Eigenschaft handelt, die ihm häufiger als andere diskursiv zugeschrieben wird. Die hier vertretene Vorgehensweise erlaubt, eine der Aporien der Authentizitätskritik zu umgehen. Wenn die Kritik den als authentisch verstandenen Eindruck von Transparenz, von Nicht-Dargestelltheit zu Recht als Effekt bestimmter Darstellungsverfahren entlarvt,26 verschließt sie sich durch die Distanzierung der Beobachtung eben dieser Wirkung so grundsätzlich, dass sich nur noch darüber spekulieren lässt, wie die naiven anderen auf solche Authentizitätsrhetoriken hereinfallen. Kritische Forschungen zur Authentizität laufen entsprechend Gefahr, andere soziozentristisch zu leichtgläubigen Opfern zu stempeln. Diskursgeschichtlich lässt sich zumindest erschließen, welche Hintergrundannahmen und Prämissen im Spiel sind, wenn bestimmte Formen als ›authentisch‹ ins semantische Repertoire der Gesellschaft einwandern. Authentizitätseffekte werden so in ihrer diskursiven Bedingtheit erschlossen und als semantisch vorkonstruiertes Versprechen beispielsweise einer Gattung erkennbar, statt sie unmittelbar aus dem Material heraus zu postulieren.27
24 Zur Wandelbarkeit von Authentizitätszuschreibungen siehe Theo van Leeuwen, »What is Authenticity?«, in: Discourse Studies, 3. Jg., H. 4, S. 392-397.
25 Hier beziehe ich mich auf Jürgen Fohrmann, »Der Unterschied der Medien«, in: ders./Erhard Schüttpelz (Hg.), Die Kommunikation der Medien, Tübingen 2004, S. 5-19, S. 9, der – in Bezug auf Medien – ausführt, dass »abstrakte Vermögensanalysen, die die technisch-ontologische Definition dessen, was ein Medium ist und was aus solcher Ontologie für Konsequenzen zu ziehen sind« wenig Sinn machen, selbst wenn sie »das große Versprechen darstellen, das Medientheorien mit weitreichenden Interpretationen gern zu geben versuchen.«
26 Vgl. Christian Strub, »Trockene Rede über mögliche Ordnungen der Authentizität«, in: Jan Berg/Hans-Otto Hügel/Hajo Kurzenberger (Hg.), Authentizität als Darstellung, Hildesheim 1997, S. 7-17.
Es spricht also einiges dafür, die Eigenschaften des Interviews nicht allein formanalytisch, sondern zugleich diskursgeschichtlich herzuleiten, um dadurch auch den Hintergrund zu erhellen, vor dem die zugeschriebenen Merkmale ausgewählt und hierarchisiert werden. Diskurse, so die geteilte Prämisse jeglicher Diskursanalyse, bilden Wirklichkeit nicht ab, sondern bringen Wirklichkeit hervor.28 Bedeutung, Effekte und Funktionen des Interviews ergeben sich damit nicht durch die formale Gestalt an sich, sondern in Relation zu einem historisch und kulturell zu bestimmenden Spektrum von zurechenbaren Bedeutungen. Damit fügt sich die methodische Ausrichtung der vorliegenden Untersuchung gut in neuere Ansätze der Gattungstheorie ein, die Gattungen nicht mehr als prinzipiell abgegrenzte, aber forschungspraktisch doch ausufernde Menge von Texten begreifen, die eine Anzahl von Kerneigenschaften teilen, sondern als instabile und im Wandel befindliche kulturelle Rahmungen, die auf Texte appliziert werden, um diese überhaupt erst zusammenzuschließen, deren Produktion und Rezeption zu regulieren, sie aber auch innerhalb des umfassenden kulturellen und gesellschaftlichen Kontextes zu verorten und funktional zu bestimmen.29
Abgesehen von ihrer theoretischen Schlüssigkeit erledigt die diskurshistorische Rekonstruktion ein für die textzentrierte Vorgehensweise unvermeidliches Problem. Zumal wenn man die verschiedenen medialen Konkretisierungen der Gattung berücksichtigt, stellt sich die Frage, wie man sich einer derart unüberschaubaren Textmenge noch methodisch abgesichert nähern kann. Die Situation ist umso unübersichtlicher, weil es an brauchbaren Kartierungen dieser Textmenge bislang fehlt. Zwar haben sich einige Kategorisierungen etabliert, so unterscheiden journalistische Lehrbücher beispielsweise oft personenorientierte von sachorientierten Interviews.30 Die Applikation dieser sowieso nur groben Handwerkszeuge auf die uferlose Textfülle ist bislang ausgeblieben und verspricht auch nicht gerade bahnbrechende Aufschlüsse, weil ein nicht personenorientiertes Interview schon einem Widerspruch in sich nahekommt. Kanonisierungen, die historisch wichtige oder typische Interviews herausstellen, liegen bislang allenfalls in Ansätzen vor.31 Zu fragen wäre aber ohnehin, welches Auswahlprinzip der ungeheuren Quantität überhaupt gerecht werden könnte, denn Kanonisierungen würden aus Prinzip ein elitäres Höhenkammmodell des Interviews zutage fördern und so die Fülle der alltäglichen Interviewpraxis aus dem Blick verlieren. Zwar würde auch eine diskursgeschichtliche Untersuchung, die sich unter anderem auf journalistische Lehr- und Handbücher stützt, mit systematischen Auslassungen zu rechnen haben. Diese Einschränkungen wären aber informativ, weil sie Einblick in die Prozesse der diskursiven Gattungskonstruktion gewähren. Die Zurichtung läge dann in der diskursiven Praxis selbst begründet und nicht bei einer von außen vorgenommenen arbiträren Setzung.32
27 Dies tun dann umso häufiger die Texte, mit denen man zu tun hat. Als Effekt der durch sie verbreiteten Semantiken können Authentizitätseffekte dann möglich erscheinen.
28 Zu den grundlegenden Prämissen jeglicher Diskursanalyse siehe Achim Landwehr, Geschichte des Sagbaren. Historische Diskursanalyse, Tübingen 2001, S. 7-14. Auf grundsätzliche Ausführungen zu den Meriten der Diskursanalyse soll hier verzichtet werden, da die Begründung der Methodenwahl im Folgenden gattungstheoretisch erfolgt. Angaben zur Korpusbildung und zur Kontextualisierung der jeweiligen Analysen finden sich – oft in Fußnoten – in den betreffenden Kapiteln.
29 Siehe hierzu ausführlich unten, Kap. I.1.
30 Martin Kött, Das Interview in der französischen Presse. Geschichte und Gegenwart einer journalistischen Textsorte, Tübingen 2004, S. 24-29, diskutiert einige der gebräuchlichen, aber wenig trennscharfen Interviewtypologien.
Auf welche Vorarbeiten aus der Interviewforschung kann die angestrebte Untersuchung der Gattung also zurückgreifen? Wie eingangs angedeutet, ist die Forschungsliteratur zum Interview nicht nur rar, sondern darüber hinaus verstreut und nur selten an gattungsbezogenen Fragestellungen, die das Interview, seine Form, Funktion und Medialität im Blick haben, angeschlossen. Es lassen sich drei Zusammenhänge konturieren, in denen Interviewforschung normalerweise abläuft. Da wäre zunächst der Bereich der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zu nennen, der bislang jedoch vermieden hat, sich theoretisch und historisch mit dem Interview auseinanderzusetzen, und sich damit zufriedengab, Rezeptwissen für die journalistische Praxis bereitzustellen. In diesem Rahmen finden sich allenfalls knappe, faktographische und in ihrem Ansatz unreflektierte Abrisse zur Interviewgeschichte.33 Das spärliche historiographische Interesse am Interview, in der deutschen Kommunikationswissenschaft gar nicht vorhanden, konzentriert sich am ehesten auf die Frage, wann und wo das erste Interview stattgefunden hat.34
31 Am ehesten in diese Richtung geht noch Silvester (Hg.), The Norton Book of Interviews, der eine Anthologie von englischsprachigen Interviews zusammengestellt hat, die ursprünglich von 1859 bis 1992 erschienen sind. Dabei fehlen aber selbst in dieser enorm vielseitigen Zusammenstellung, um nur eine Lücke zu nennen, die sehr eigenen Ansätze des Post-Interviews (siehe unten Kap. II.7), etwa Interviews von und mit Andy Warhol oder Jacques Derrida. Im Übrigen findet sich kein Hinweis, wie Silvester seine Auswahl getroffen hat. Einen historischen Überblick liefert Haller, Das Interview, S. 21-94, der bekannte Interviewformate aus Deutschland fokussiert. Aber auch hier scheint es eher so zu sein, dass man, was man gerade kennt, zusammengestellt hat.
32 Kött, Das Interview in der französischen Presse, S. 39-50, gelingt es, für seine sprachwissenschaftlich orientierte Studie einen pressehistorisch umsichtig begründeten Korpus zu erstellen, der aber nur für das Printinterview, nur für Frankreich und allenfalls für die Genese des Interviews in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts Aussagekraft beanspruchen kann.
In einer gegenstandsorientierten Arbeitsteilung zwischen Kommunikationsund Medienwissenschaft hat sich die Medienwissenschaft ihrerseits erspart, auf dem Gebiet dieses journalistischen Genres forschend tätig zu werden, obwohl Fragen der Medialität und Kulturalität sich hier häufig aufdrängen. Es könnte sich für die Medienwissenschaft lohnen, ihre eigenen Fragestellungen und Forschungsinteressen, ihre methodischen und theoretischen Kompetenzen gerade auch an Gegenstandsfeldern zu beweisen, die an sich der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zugeordnet scheinen, diese aber anscheinend nur wenig interessieren. Die Medienwissenschaft hat die Herausforderung das Interview medienübergreifend zu untersuchen jedoch bisher geflissentlich ignoriert. Schon 1966 erkannte der französische Soziologe Edgar Morin: »L’interview est un mode d’information qui a fait son apparition dans la presse. Il serait intéressant de faire un historique de l’interview, de voir son passage de la presse à la radio, de la radio à la télévision, de la télévision au cinéma.«35 Morins Vorschlag fand aber weder in Frankreich noch irgendwo anders Anklang, sodass eine solche Studie noch nicht einmal im Ansatz vorliegt. Die aus medienwissenschaftlicher Perspektive noch am breitesten berücksichtigte Interviewform stellt die Talkshow dar, die jedoch selten aus der Perspektive des Interviews anvisiert wird36 und auf die Gattung insgesamt berechnet eher eine Randposition einnimmt.37
Den zweiten, vom Umfang her mindestens ebenso großen Block, bilden sprachwissenschaftliche Studien. Die Sprachwissenschaft interessierte sich für medial fixierte Gespräche nicht zuletzt, weil sie ihr einst Forschungsmaterial in leicht zu bearbeitender Form zu liefern schienen, um Gespräche an und für sich zu untersuchen. Mit der Einsicht, dass Gespräche in den Massenmedien »einen Gesprächstypus sui generis«38 darstellen, machte man sich daran, einerseits die Besonderheiten von massenmedial organisierten Gesprächsformen insgesamt herauszuarbeiten, andererseits innerhalb dieser Gesamtheit verschiedene Typen zu klassifizieren. Hierbei sind durchaus produktive Kategorien zur Analyse der Gesprächskonstellationen abgefallen. So entstammt die erwähnte Unterscheidung von Primär- und Sekundärsituation einer sprachwissenschaftlichen Arbeit. Der Fokus auf das Interview als spezifische Gesprächssituation, die von anderen abzugrenzen ist, mag zielführend für eine Differenzierung verschiedener Gesprächsformen sein, wie sie zuweilen vorgelegt wird.39 Die sprachwissenschaftlich gebildeten Unterscheidungen werfen für medienwissenschaftliche Fragestellungen jedoch wenig ab, die nicht so sehr die Abweichungen verschiedener Gesprächstypen untereinander im Auge haben als vielmehr die Unterscheidung des Gesprächs von anderen Typen der medialen Programmgestaltung.40
33 Hier sind vornehmlich zu nennen Haller, Das Interview, S. 19-94; John Brady, The Craft of Interviewing, New York 1976, S. 220-232. Wie dürftig der Forschungsstand zum Interview gerade auch in Deutschland ausfällt, lässt sich nicht zuletzt daran zeigen, dass als Informationsmittel zum Interview, egal für welchen Fragehorizont, stets auf Hallers eigentlich für die journalistische Praxis entworfene Handbuch zurückgegriffen wird.
34 Vgl. hierzu ausführlich unten Kap. II.2.
35 Edgar Morin, »L’interview dans les sciences sociales et à la radio-télévision«, in: Communications, Nr. 7, 1966, S. 59-73, hier S. 66.
36 Eine Ausnahme in dieser Hinsicht stellt Harald Keller, Die Geschichte der Talkshow in Deutschland, Frankfurt a.M. 2009, dar, insofern er Interview und Talkshow historisch eng führt. Leider ohne methodische und begriffliche Schärfe werden das Radio- und das Fernseh-Interview als Vorgeschichte der Talkshow einbezogen.
37 Siehe unten Kap. II.4.
Als dritter Forschungsbereich wäre schließlich ein im weitesten Sinn kulturwissenschaftlicher zu nennen, der sich mit der Funktion des Interviews im Kontext der Kulturproduktion beschäftigt. Letztlich interessieren sich sämtliche betreffenden Studien für die Rolle, die dem Interview bei der Konstruktion von Autorschaft zukommt. Der breiteste Forschungsstrang widmet sich hierbei dem Interview von Schriftstellern,41 es finden sich aber auch Untersuchungen zu bildenden Künstlern,42 Filmregisseuren43 und sogar Jazzmusikern.44 Die französische Forschungsliteratur zu diesem Themengebiet zeichnet sich dadurch aus, dass sie sehr dezidiert und durchgängig den Bezug zu autobiographischen Darstellungen, wenn nicht gar zum Oeuvre des Interviewten herstellt. Im Gegensatz zur journalistischen Literatur entwirft diese Forschungsrichtung das Interview nicht von der fragenden, sondern von der befragten Person aus.45 Mit der Figur des Autors rückt das Interview zu Recht als Mittel in den Mittelpunkt, anhand dessen ein spezifisches Individuum – eben als Autor hinter dem Werk – konstituiert wird. Die partikularen Studien zum Autorinterview kranken freilich allesamt daran, dass sie aufgrund ihrer Untersuchungsperspektive wie auch der trüben Literaturlage interviewgeschichtlich unzureichend informiert sind. An Heubners durchaus ertragreicher Arbeit zum Eckermann-Syndrom zeigt sich etwa, wie Vieles, was eigentlich für das Interview als Gattung kennzeichnend ist, spezifisch dem Autoreninterview zugeschlagen wird. Eine stärker vom Interview ausgehende Perspektive würde die Blickrichtung verkehren und den Autor zwar als eine zentrale Figuration der vom Interview konstruierten Individualität, aber dennoch nur als eine unter anderen untersuchen.
38 Harald Burger, »Gespräche in den Massenmedien«, in: Klaus Brinker u.a. (Hg.), Text- und Gesprächslinguistik. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung, 2. Halbband [= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, 16.2], S. 1492-1505, hier S. 1492. Für eine knappe Geschichte der sprachwissenschaftlichen Forschung zum »Medieninterview« siehe Kristina Binder, Das Starinterview. Eine vergleichende Textanalyse von Presse-, Hörfunk-, Fernseh- und Chatinterview, Phil. Diss. Julius-Maximilians-Universität Würzburg 2004, http://www.opus-bayern.de/uni-wuerzburg/volltexte/2005/1325/pdf/Diss_Veroeffentlichung.pdf, S. .20-28.
39 Siehe exemplarisch Franz Hundsnurscher, »Dialog-Typologie«, in: ders./Gerd Fritz (Hg.), Handbuch der Dialoganalyse, Tübingen 1994, S. 203-238.
40 Auszunehmen ist hier Kött, Das Interview in der französischen Presse, dessen gattungsgeschichtliche Studie sich als anregend und durchaus hilfreich erwiesen hat, weil sie zum einen eine Binnendifferenzierung von Interviewformen vornimmt, zum anderen nach den semantischen Kategorien fragt, anhand derer Interviews benannt werden.
41 Vgl. unter anderem Heubner, Das Eckermann-Syndrom; Torsten Hoffmann/Gerhard Kaiser (Hg.), Echt inszeniert. Interviews in Literatur und Literaturbetrieb, Paderborn 2014; Usha Wilbers, »The Author Resurrected. The Paris Review’s Answer to the Age of Criticism«, in: American Periodicals. A Journal of History, Criticism, and Bibliography, 18. Jg., Nr. 2, 2008, S. 192-212; Richard Salmon, »Signs of Intimacy. The Literary Celebrity in the ›Age of Interviewing‹«, in: Victorian Literature and Culture, 25. Jg., Nr. 1, 1997, S. 159-177; Sascha Löscher, Geschichte als persönliches Drama. Heiner Müller im Spiegel seiner Interviews und Gespräche, Frankfurt a.M. u.a. 2002; Volkmar Hansen, »Das literarische Interview«, in: Andreas Bartl u.a. (Hg.), »In Spuren gehen«. Festschrift für Helmut Koopmann, Tübingen 1998, S. 461-473; ders./Gert Heine (Hg.), Frage und Antwort. Interviews mit Thomas Mann. 1909-1955, Hamburg 1983; Christa Grimm, »Gespräche mit Autoren. Das Interview als Dialogform«, in: Runa, Nr. 25/26, 1996, S. 393-403. Für einen Forschungsüberblick siehe auch meinen Artikel »Interview«, in: Natalie Binczek/Till Dembeck/Jörgen Schäfer (Hg.), Medien der Literatur. Ein Handbuch, Berlin/New York 2013, S. 528-533, sowie Anne Masschelein/Christophe Meurée/Stéphanie Vanasten, »The Literary Interview. Toward a Poetics of a Hybrid Genre«, in: Poetics Today, 35. Jg., Nr.1/2, 2014, S. 1-49.
42 Vgl. Christoph Lichtin, Das Künstlerinterview. Analyse eines Kunstprodukts, Bern u.a. 2004 [=Kunstgeschichten der Gegenwart, 3]; Dora Imhof/Sibylle Omlin (Hg.), Interviews. Oral History in Kunstwissenschaft und Kunst, München 2010; Michael Diers/Lars Blunck/Hans Ulrich Obrist (Hg.), Interview / Conversation. Formen und Foren des Künstlergesprächs seit Vasari, Hamburg 2013; Michael Diers, »Infinite Conversation – Kunstgeschichte als Gespräch und Interview«, in: Julia Gelshorn (Hg), Legitimationen. Künstlerinnen und Künstler als Autoritäten der Gegenwart, Berlin u.a. 2005, S. 107-126; John Miller, »Reden kostet nichts? Über Künstlerinterviews zwischen Legitimation und Reflektion«, in: Texte zur Kunst, 17. Jg., Nr. 67, 2007, S. 71-81; Gwen Allen, »Against Criticism. The Artist Interview in the Avalanche Magazine, 1970-1976«, in: Art Journal, 64. Jg., H. 3, 2005, S. 50-61; Reva Wolf, Andy Warhol, Poetry, Gossip and the 1960s, Chicago 1997, S. 50-53 u. S. 101f.
43 Vgl. Lutz Nitsche, Hitchcock – Greenaway – Tarantino. Paratextuelle Attraktionen des Autorenkinos, Stuttgart/Weimar 2002, S. 115-126; Antoine de Baecque, Les Cahiers du cinéma. Histoire d’une revue. Bd. 1: À l’assaut du cinéma, 1951-1959, Paris 1991, S. 127-131; Jens Ruchatz, »Rohmer par Rohmer. Oder: Wie konstruiert sich ein Autor«, in: Uta Felten/Volker Roloff (Hg.), Rohmer intermedial, Tübingen 2001, S. 217-236.
44 Claude Jaeglé, L’interview. Artistes et intellectuels face aux journalistes, Paris 2007, S. 183-284.
45 Jean-Pierre Boulé, Sartre médiatique. La place de l’interview dans on œuvre, Fleury sur Orne 1992 [=La Thésothèque, 26]; Philippe Lejeune, Je est un autre. L’autobiographie de la littérature aux médias, Paris 1980, S. 103-202; Jaeglé, L’interview. Heubner, Das Eckermannsyndrom, S. 172 u. S. 207-214, will hingegen das Interview nicht grundsätzlich, sondern nur unter bestimmten Voraussetzungen zum – künstlerischen – Oeuvre zählen.
Hiermit sind wir wieder zur Frage nach dem Verhältnis des Interviews zum Individuum zurückgekehrt.46 Meine Arbeit stellt sich die Aufgabe, dieser zuweilen behaupteten, oft auch nur angedeuteten Beziehung auf den Grund zu gehen. So fehlen den eingangs diskutierten Ausführungen zur interview society jegliche Nachweise für die vorgeblichen Zuschreibungen an die Gattung, zumal was das media interview angeht. Es kann jedoch nicht mein Ziel sein, die offene Flanke einer plakativen, bis dato nur unzureichend ausgearbeiteten These zu schließen. Stattdessen möchte ich neu und systematisch ansetzen, um in einer Integration theoretischer und historiographischer Ausarbeitungen die Funktionsweise des Interviews zu klären. Das Vorhaben, die Gattung des Interviews in Beziehung zur Geschichte der Individualität zu setzen, vollzieht sich in drei auf einander aufbauenden Schritten, die den Kontext vom Interview ausgehend ausweiten. Das journalistische Interview, so die zugrunde liegende Annahme, ist für den modernen Kult um Celebrities und Stars eine zentrale Darstellungsform, wobei diese prominenten Persönlichkeiten ihrerseits als exemplarische Verkörperungen von Individualität begriffen werden. Der Star fungiert somit gewissermaßen als Schnittstelle, die die mediale Form des Interviews mit den sozialen Konstrukten von Individualität verkoppelt. Meine Untersuchung möchte dieses Argument kleinschrittig plausibilisieren und materialgestützt konkretisieren. Um diesen weiten Weg zu bewältigen, sind verschiedene methodische Pfade zu beschreiten, die größtenteils erst dort gebahnt werden, wo sich von Kapitel zu Kapitel neue Perspektiven ergeben.
Den Einstieg – und quantitativen Schwerpunkt – der Arbeit bildet bewusst nicht das Abstraktum Individuum, sondern der vergleichsweise konkrete Gegenstand Interview. Um Funktionieren und Funktion des Interviews im gesellschaftlichen Maßstab herauszuarbeiten, ist eine Gattungsgeschichte als Wissens- und Diskursgeschichte des Interviews angestrebt: Rekonstruiert werden sollen die kognitiven und normativen Zuschreibungen, die im historischen Verlauf die Produktion und Rezeption von Interviews steuern und der formalen und inhaltlichen Gestaltung von Interviews nicht eben anzusehen sind. Im Vordergrund werden hier Materialien aus dem deutschen und englischsprachigen Sprachraum stehen. Der Blick auf die USA ist schon deswegen angeraten, weil diese üblicherweise als Ursprungsland des Interviews gelten, sich Vorprägungen und Verschiebungen, Verzögerungen und Ungleichzeitigkeiten in der Gattungsgeschichte also nur von dort ausgehend, angemessen einschätzen lassen.47
46 Dieses Verhältnis wird auch selten einmal Gegenstand einer kulturwissenschaftlichen Studie von Literatur, so etwa in Bezug auf das Motiv des Interviews im Oeuvre von Henry James bei Matthew Rubery, »Unspoken Intimacy in Henry James’s The Papers«, in: Nineteenth Century Literature, 61. Jg., Nr. 3, 2006, S. 343-367; ders., »Wishing to be Interviewed in Henry James’s The Reverberator«, in: The Henry James Review, 28. Jg., Nr. 1, 2007, S. 57-72.
Die Gattungsgeschichte des Interviews wird in zwei Schritten entwickelt. Ein erstes Kapitel widmet sich der Geschichte des Printinterviews, um an dieser ersten medialen Realisierung der Gattung die zentralen Bestimmungsmerkmale und Zuschreibungen herauszuarbeiten, die später auch an die nachfolgenden Medien des Interviews herangetragen werden. Im zweiten Kapitel wird das Interview entsprechend als ›transmediale‹ Gattung weiter verfolgt, die ihre Kennzeichen quer zu Mediendifferenzen durchsetzt. Analytisch scharf gestellt werden hierbei jene Schlüsselstellen, an denen die Form des Interviews neue Medien für sich erobert. Angefangen mit der fotografischen Illustration des Printinterviews sind die Implementierung in Radio und Fernsehen, die Einführung als Formoption des Dokumentarfilms und schließlich in jüngster Zeit der Webchat mit Prominenten zu berücksichtigen. Dabei wird nicht nur die Definition des Interviews jeweils neu justiert, sondern zumeist auch umgekehrt das Medium mit Hilfe der Gattung diskursiv näher bestimmt. Quer zur Gattungs- und Mediengeschichte werden dem Interview erstaunlicherweise stets dieselben Qualitäten zuerkannt: Authentizität und Transparenz in der Form der Informationsgewinnung und -präsentation einerseits, das hierauf aufbauende Versprechen, eine hinter der Oberfläche verborgene Wahrheit des Individuums zu entdecken andererseits. So wie das Interview häufig als ideales Programm von Medien gepriesen wird, werden die neuen Medien dann als neue Ressource der Authentizitätsproduktion diskursiviert, die dichtere Informationen über die interviewten Individuen bereitstellen und das Potenzial der Gattung somit besser auszuschöpfen erlauben. Um kein zu bruchloses Bild vom Authentizitätsversprechen des Interviews zu zeichnen, werden schließlich in den Interviews von Derrida und Andy Warhol exemplarisch Strategien aufgezeigt, die sich des Interviews bedienen, um eben dessen Form zu thematisieren und zu dekonstruieren. In den herrschenden Semantiken, die vom Journalismus geprägt sind, bleibt von solchen Alternativen hingegen wenig zu spüren.
47 Die Internationalität gilt durchweg für Kapitel I, wird in Kapitel II, wo institutionelle Rahmungen der Interviewpraxis von Hörfunk und Fernsehen eine gewichtigere Rolle spielen, allerdings nicht durchweg gleichberechtigt berücksichtigt. Die den jeweiligen Untersuchungsfeldern korrespondierenden diskursgeschichtlichen Korpora werden gegenstandsbezogen unterschiedlich zusammengestellt. Eine komplette Übersicht des für die jeweiligen Unterkapitel bearbeiteten Materials gibt das Literaturverzeichnis.
Das Versprechen der Interviews, die authentische Person hinter ihren öffentlich vorgezeigten Oberflächen zu entdecken, legt eine Verbindung zu Star und Prominenz. Die Genese des Interviews verbindet sich nicht von ungefähr mit der Entstehung einer modernen Celebritykultur im frühen 19. Jahrhundert. Berühmte Personen, Celebrities und Stars, wären demnach von Anfang an der prototypische Gegenstand des Interviews, denn ein Gespräch zu führen und in seinem dialogischen Verlauf protokolliert – also als Interview – zu publizieren, wird für die Massenmedien erst attraktiv, als in größerem Umfang ›authentische‹ Information über berühmte Personen nachgefragt werden. Wenn Celebrities interviewt werden, gewinnt das Interview also einen Gegenstand, der massenmedialen Selektionskriterien genügt, umgekehrt kann ›Interviewbarkeit‹ geradezu als Attribut von Prominenz angesehen werden.
Im dritten Kapitel sollen die historischen und strukturellen Berührungspunkte von Interview und Star hervortreten, indem theoretische Positionen der Starforschung neu gelesen und mit den Analyseergebnissen der ersten Kapitel abgeglichen werden.48 Zu fokussieren gilt es dabei die Differenz von öffentlicher und privater Person, die immer wieder als Kern des Stars erkannt worden ist, und homolog zum Versprechen des Interviews steht, hinter die Fassade zum authentischen Kern der Person vorzudringen. Insofern der Star hinter seiner öffentlichen Person eine private Seite verbirgt, die als unbekannt und authentisch gilt, basiert er auf einer Figuration von Individualität, die kongenial mit dem Interview harmoniert. Das Interview etabliert sich seinerseits als privilegierte Form, um bekannte Persönlichkeiten anhand der konstitutiven Differenz privat/öffentlich zu beobachten – und damit diese Differenz selbst diskursiv zu bearbeiten und zu propagieren.
Im letzten Kapitel steht zu fragen, was die Koalition von Star und Interview so erfolgreich und für die Gesellschaft bedeutsam macht. Individualität wird dabei mit Niklas Luhmann als eine gesellschaftliche Semantik historisiert, mit der die moderne, funktional differenzierte Gesellschaft den Einzelnen aufnötigt, sich als einzigartige und identische Individuen zu beschreiben.49 Wenn der Bildungsroman um 1800 Wege aufzeigt, wie man sich lesend als Individuum konstituieren kann, so wird mit der Universalisierung des Individualitätsimperativs und der Kunstwerdung des Romans eine populäre, für alle anschlussfähige Form der Semantik gefördert, die exemplarische Muster bereitstellt, wie man den Anforderungen der Individualisierung gerecht werden kann.50 Der Star, so wie er sich im Interview exemplarisch als Einheit von privater und öffentlicher Person konstituiert, stellt eine Ressource dar, die es als Bezugspunkt erleichtert, der Aufforderung: ›Sei ein Individuum!‹, zu folgen. Als individualisierte Person ist der Star aus verstreuten Fragmenten erst intermedial und intertextuell generiert, aus als privat und als öffentlich codierten Informationen synthetisiert und somit Einheit und Vielheit zugleich. Insbesondere das Interviewgespräch legt Wege zur Integration offen, indem hier für Andere und mit einem Anderen eine Selbstbeschreibung angefertigt wird. Die Antwort des Stars erfolgt noch in einer weiteren Hinsicht paradox, wenn gerade das einzigartige Individuum par excellence, der Star, zur Vorlage für die Individualisierung anderer wird. Eine Aufgabe des vierten Kapitels wird es daher sein darzulegen, inwiefern diese Paradoxien für die kollektive Individualisierung gerade produktiv gemacht werden.
48 Im Laufe der Bearbeitung des Themas hat sich die Forschungssituation zu Star und Celebrity, die vor 2000 noch recht übersichtlich und wenig befriedigend ausfiel, erfreulicherweise belebt, seit vor allem im englischen Sprachraum die Cultural Studies und die Literaturwissenschaft vermehrt Forschungen zur Struktur und Geschichte der Celebritykultur betreiben. In diesem Rahmen finden sich mittlerweile viele Gedanken wieder, die ich schon zu Anfang der 2000er Jahre in zwei Aufsätzen skizziert habe; siehe »Personenkult. Elemente einer Mediengeschichte des Stars«, in: Annette Keck/Nicolas Pethes (Hg.), Mediale Anatomien, Bielefeld 2001, S. 331-349, u. »Geschichte der Individualität. Eine medienwissenschaftliche Perspektive«, in: Fabio Crivellari u.a. (Hg.), Die Medien der Geschichte, Konstanz 2004, S. 163-180.
49 Weil individualitätsbezogene Begriffe die Arbeit jedoch von der ersten Seite an durchziehen, soll hier eine erste kursorische Begriffsklärung stattfinden, die an gegebener Stelle aufgegriffen und vertieft wird. Als ›Person‹ soll das sozial adressierbare Konstrukt eines einzelnen ›Menschen‹ verstanden werden; als ›Persönlichkeit‹ die einer solchen Person zugeschriebenen Eigenschaften, die mal als Einheit, mal als multipel auftreten, als ›Individuum‹ schließlich eine historisch und kulturell spezifische Auffassung von Personen als einzigartig und in sich kohärent bzw. identisch.
50 Popularität ist dabei durchaus nicht als Konzession an die Ungebildeten, sondern im frühmodernen Sinn als Adressierung aller zu verstehen. Vgl. hierzu den Band Gereon Blaseio/Hedwig Pompe/Jens Ruchatz (Hg.), Popularisierung und Popularität, Köln 2005.
Wenn vom ›Interview‹ im Kollektivsingular die Rede ist, dann meint dies in der Regel zunächst eine – ziemlich große – Gruppe von Texten, die aufgrund bestimmter, identifizierbarer Gemeinsamkeiten zusammengehört. Die Literaturund Kulturwissenschaften haben für nach strukturellen Merkmalen gebildete Textklassen die oft synonym gebrauchten Begriffe Genre und Gattung reserviert. Insofern es sich nicht um literarische, sondern um alltagssprachliche Texte handelt, würde die Textlinguistik das Interview hingegen als journalistische Textsorte untersuchen, deren Kennzeichen es typologisch von anderen zu unterscheiden und in Bezug auf die Herausbildung einer ›Texttradition‹ zu historisieren gilt.51 Unter dem sehr breit gefassten Terminus ›Textsorte‹ lassen sich überdies nicht nur schriftliche oder druckschriftliche Texte, sondern auch orale Kommunikationsformen bündeln. Im Rahmen der Publizistik unterscheidet man dagegen vorzugsweise journalistische Darstellungsformen52 und deutet damit an, dass man zur Behandlung desselben Themas über diverse formale Optionen verfügt, so beispielsweise den Sieg einer Fußballmannschaft durch einen Spielbericht, eine Reportage aus der Fankurve oder ein Interview mit dem Trainer darzustellen vermag. Journalistische Darstellungsformen sind denn auch weniger historischtheoretisch aufgearbeitet, als dass sie in Anleitungen zur journalistischen Praxis als zu erlernendes »Einmaleins«53 vorgegeben werden. Vor diesem Hintergrund redet Journalistik-Professor Gunter Reus seinen Fachkollegen ins Gewissen, »daß wir in der Erforschung von Darstellungsformen kaum vorangekommen sind, obwohl dies Fachvertreter schon in der Gründerzeit der Journalistikinstitute angemahnt hatten.« Es lägen in Deutschland, »so unglaublich das klingt«, keine »geschlossene Geschichte der Reportage«, aber auch »keine Geschichte des Porträts, keine Geschichte des Features, keine Geschichte des Essays und keine Geschichte des Interviews«54 vor. Anders gesagt: Das Wissen über journalistische Darstellungsformen findet sich in den Fachpublikationen in der Regel nicht deskriptiv und historisiert, sondern präskriptiv und praxisorientiert ausformuliert.
Obgleich die disziplinären Traditionen legitim auf einer Differenzierung dieser Begriffe beharren können, werde ich mich fortan auf die Kulturwissenschaft und Journalismus übergreifende Begrifflichkeit der Gattung beschränken und weitere Nuancierungen außen vor lassen, denn mir geht es gerade nicht um eine wind- und wetterfeste Kategorie, sondern ausschließlich um die Funktion entsprechender Generalisierungen im Mediengebrauch.55 Versuche, zunächst zu bestimmen, was einzelne Gattungen und Genres essentiell ausmacht, um darauf ein als apriorisch gedachtes, quasi-naturwissenschaftliches Klassifikationssystem für Texte zu bauen, sind trotz aller heuristischen Produktivität als gescheitert anzusehen.56 Der Erfolg generischer Klassifikation in der kulturellen Praxis beruht vermutlich gerade auf der Diffusität und Wandelbarkeit der Gattungsgrenzen.57An die Stelle fixer Bestimmungen sind im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs daher stärker pragmatisch eingefärbte Konzeptualisierungen getreten, die wie »Gattungsbewusstsein« den Gebrauch von Gattungsunterscheidungen relativ unabhängig von klar eingrenzbaren Merkmalen halten, sondern etwa unter Abgleich mit bestimmten prototypischen Vertretern verstehen und damit variabel handhaben.58
Schon daher spricht viel dafür, die Funktion von Gattungsunterscheidungen und -bezeichnungen in massenmedialer Kommunikation zu untersuchen. Die Ausbildung formaler und thematischer Invarianten ermöglicht, Kommunikation so zu strukturieren, dass dadurch ein Gewinn an Komplexität realisiert werden kann. Sobald beispielsweise in das System des Films Genres eingeführt werden, können Erwartungen nicht mehr nur innerhalb eines Films, »sondern auch im Zusammenhang zwischen den Filmen«59 gebildet werden. Wenn ich voraussetzen kann, wie ein Western narrativ funktioniert, dann wird es möglich, mit den aufgrund solchen Wissens gebildeten Erwartungen zu operieren, statt diese erst textimmanent bilden zu müssen. Die Notwendigkeit, Erwartungen zwischen einzelnen Texten zu bilden und damit wesentliche Voraussetzungen nicht jedes Mal aufs neue etablieren zu müssen, ist dafür verantwortlich, dass sich in jedem Medium, das eine gewisse Komplexität der Sinnproduktion erreicht, eine Ordnung von Gattungen vorfinden lässt. Bei Gattungen handelt es sich freilich um vergleichsweise komplexe Ordnungssysteme. Sie stellen auf strukturelle und formale Invarianten ab, die anders als etwa eine Ordnungsgröße wie Autorschaft mit der Diffusität umgehen muss, dass noch nicht einmal festgelegt ist, welche Eigenschaften eines Textes überhaupt als gattungskonstitutiv anzusehen sind.60 Ein Drama und ein Interview mögen sich formal sehr ähnlich sehen und werden üblicherweise doch anhand der Unterscheidung Fiktion/Nicht-Fiktion auseinandergehalten. Nicht zuletzt weil die auschlaggebenden Bestimmungsstücke nicht verbindlich festgelegt sind, bleiben Gattungsgrenzen fluide.
In den bisherigen Überlegungen impliziert, aber für die kommunikative Leistung von Gattungsbildung entscheidend ist die Tatsache, dass es sich bei Gattungswissen um ein sozial geteiltes Wissen handeln muss, dass also sowohl auf Rezipienten- als auch auf Produzentenseite koordinierte, wenn auch nicht notwendig identische Vorstellungen darüber bestehen müssen, was die formalen Merkmale, üblichen Inhalte und kommunikativen Funktionen der einzelnen Gattungen sind. Dass Gattungen dazu dienen, die Erwartungen in Produktion und Rezeption aufeinander zu beziehen, gehört mittlerweile zum Konsens der Theorie.61 Kommunikative Strukturen werden durch reflexive Erwartungen, über Erwartungserwartungen, stabilisiert: »Soziale Relevanz [...] gewinnen Erwartungen aber nur, wenn sie ihrerseits erwartet werden können.«62 Produzenten und Autoren können erwarten, was das Publikum erwartet, wenn es beispielsweise einen Western angekündigt bekommt, und sich danach richten; das Publikum seinerseits weiß, welche Erwartungen von ihm legitim erwartet werden können, wenn es sich dafür entschieden hat einen Western zu sehen und wird sich darauf einstellen, anstatt sich darüber zu beklagen, dass weder Liebesbeziehungen noch kriminalistische Ermittlungen im Mittelpunkt stehen. Gattungen gewinnen ihre Identität wesentlich im Vergleich zu anderen Gattungen, von denen sie sich formal, inhaltlich aber auch hinsichtlich ihrer Sinnversprechen unterscheiden.63
Als Wissen, dessen gesellschaftliche Verfügbarkeit vorausgesetzt wird, machen Gattungen das Gelingen komplexerer Kommunikation wahrscheinlich. Man kann nun sehen, dass sich Gattungsunterscheidungen weniger auf eine Summe einander ähnlicher, auf eine bestimmte Art gestalteter Texte beziehen, sondern insbesondere auf die Regeln und Versprechen, die Texte überhaupt erst zu Elementen solcher Gruppe machen. Kurz: Es geht weder um die einzelnen Interviewtexte noch um ihre Gesamtheit, sondern um das Wissen, das zu einem gegebenen Zeitpunkt, die Erzeugung, Distribution und Rezeption dieser Texte regelt. Mit Jason Mittells Vorschlag zu einer Theorie der Fernsehgenres ließe sich auch formulieren, dass das Genre kein Element medialer Texte sei, das es aus diesen zu extrahieren gelte, sondern eine ihnen übergeordnete Kategorie, die überhaupt erst Verbindungen zwischen den einzelnen Texten herstelle: »The members of any given category do not create, define, or constitute the category itself. Categories link a number of discreet elements together under a label for cultural convenience.«64Ein Genre würde dann allein durch das kollektive Wissen gebildet, das diese Kategorie aufspannt.
In aktualisierter Form durchzieht dieses Wissen selbstverständlich auch die einzelnen Exemplare einer Gattung. Gattungswissen und Gattungsbewusstsein bilden sich in der Regel ja erst im Umgang mit bestimmten Texten und den ihnen angehefteten Etikettierungen heraus. Dabei wird vom einzelnen Text abstrahiert und intertextuell auf textübergreifende Invarianten geschlossen, die dann mit einem Gattungsbegriff korreliert werden können: Texte, die unter der Bezeichnung ›Interview‹ auftauchen, bilden sicherlich nicht ausschließlich die Kategorie ›Interview‹, aber ihre Gemeinsamkeiten sind eine wesentliche Grundlage, um ein Gattungswissen herauszubilden.65 Ihrerseits referiert die Produktion der einer Gattung zugerechneten Texte zumeist auf eben dieses Wissen. Mittells Modell unterschätzt, wie sehr die Einschreibung bestimmter Muster in die einer Gattung sich zurechnende Texte, diese an der Aushandlung der Gattungskonturen beteiligt. Dennoch möchte ich im Folgenden seine Anregung aufgreifen, Gattungen als diskursive Praxis zu untersuchen und als kategoriebezogenes Wissen theoretisch spezifizieren. Die Kategorie ›Interview‹ findet sich dann nicht nur – und nicht einmal vorrangig – in den Interviews selbst, sondern überall dort, wo mit dem Begriff ›Interview‹ hantiert wird:
»Genres do run through texts, but also operate within the practices of critics, audiences, and industries – anyone who uses generic terms is participating in the constitution of genre categories. Thus we might look at what audiences and industries say about genres, what terms and definitions circulate around any given generic instance, and how specific cultural assumptions are linked to particular genres.«66
Wenn man Gattungen als kulturelle Kategorien untersuchen möchte, sind folglich jene Regeln und Zuschreibungen herauszuarbeiten, die Verbindungen zwischen den einzelnen – in unserem Fall als Interview kategorisierten – Texten stiften. Es gilt die Indienstnahme der Kategorie, die ganze Breite von Kontroversen, Normierungen und Veränderungen nachzuzeichnen, in denen Grenzen und Eigenschaften der Gattung ausgehandelt werden. Anhand diverser Typen von Quellen soll in diesem Kapitel in überlegt gewählten Längs- und Querschnitten die diskursive Konstituierung des Interviews rekonstruiert werden.
Im Rahmen dieser Analysen wird sich besonders ein Konzept als für die kategoriale Bestimmung des Interviews wirkmächtige Konstante erweisen. Als hervorstechende Eigenschaften wird von Anfang bis Ende immer wieder seine Authentizität genannt, sein Vermögen, die Genese von Informationen transparent zu machen und damit den Blick hinter die sozial und individuell konstruierten Oberflächen der Person zu öffnen. Die Aufgabe, den Begriff der Authentizität näher zu bestimmen, kann man als Diskurshistoriker glücklicherweise den untersuchten Texten überantworten, die jeweils unterschiedliche Facetten aufschließen. Für die Analysezwecke reicht es aus, ein dem Authentischen zugehöriges Begriffsfeld abzustecken, dem die Diskurse auch dann zugerechnet werden können, wenn das Wort selbst nicht fällt. Von Authentizität gehandelt wird, so eine erste Bestimmung, immer dann, wenn Vorstellungen von Transparenz, Wahrheit, einem Blick hinter scheinhaft-artifizielle Oberflächen mit der Gattung Interview verbunden werden.67
Inwiefern die diskursiven Zuschreibungen ›zutreffen‹, interessiert die Diskursgeschichte selbstredend nicht. Auch wenn wissenschaftliche Texte zum Interview, der Gattung aufgrund bestimmter formaler Eigenschaften Authentizität ontologisch zuerkennen möchten,68 kann es hier weder darum gehen solche Behauptungen zu widerlegen noch sie zu stützen. Entscheidend ist allein die kulturelle Produktivität derartiger Zuschreibungen. Wird ein Interview als authentisch gelesen, dann ergibt sich dies nämlich nicht unmittelbar aus Qualitäten des konkreten Interviews, sondern ist das Ergebnis einer kategorialen Zuschreibung, die an bestimmte Charakteristika des Textes geheftet wird. Welche Eigenschaften dafür in Fragen kommen, ist wiederum selbst diskursiv bestimmt.
Es ist mithin den Kommunikationswissenschaftlerinnen Elisabeth Klaus und Margret Lünenborg zuzustimmen, dass Authentizität keine »dem Material oder dem Medium innewohnende Eigenschaft« sei, sondern ein »Charakteristikum, das das Publikum dem präsentierten Medium« zuweise. Die Ermächtigung des Publikums wird hier allerdings etwas zu weit getrieben: »Wie tauglich also der Medientext zur Auseinandersetzung mit Wirklichkeit ist, wird nicht durch die Zuordnung zu einem Genre – Nachrichtensendung oder Soap Opera – entschieden, sondern durch den Zuschauer/die Zuschauerin bei jedem einzelnen Medienangebot.«69 Wenn die Kommunikationswissenschaft bestimmte Reality-Formate des Fernsehens, die den Verfasserinnen hier als Beispiel dienen, Gattungen der fiktionalisierenden Inszenierung zuordnet, dann müssen die Einzelnen solchen Vorgaben zweifelsohne nicht folgen, sondern kann abweichende Zuordnungen vornehmen. Die Kategorien, anhand derer so etwas wie Authentizität überhaupt zugeschrieben werden kann, sind aber eben keineswegs dem Belieben des Einzelnen überlassen, sondern diskursiv prädisponiert. Reality-Formate arbeiten deswegen ja bewusst mit einem Vokabular von Formen, mit denen – von der wackelnden Handkamera bis hin zum Interview – traditionell der Eindruck von Authentizität verbunden wird.70 Der Raum, in dem die Entscheidungen stattfinden können, was authentisch ist und was nicht, ist durch diskursive Vorgaben begrenzt.
Dies gilt umso mehr für die journalistischen Gattungen der Zeitung. Während im Falle künstlerischer und fiktionaler Gattungen und Genres Innovation und Wandelbarkeit untrennbar zur Funktionsweise gehören und Anstrengungen zu einer stabilen Klassifikation nicht zuletzt an der Variabilität der Invarianten scheitern,71
