Die Insel der Nachtigallen - Nora Amelie - E-Book
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Die Insel der Nachtigallen E-Book

Nora Amelie

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Beschreibung

Das Leben von Tom und Theresa scheint perfekt. Bis Tom auf die Idee kommt, einen Liebhaber für seine Frau zu buchen. Heimlich! Denn der schöne Schein trügt. Ihre Beziehung braucht dringend einen Neuanfang. Allerdings läuft irgendetwas schief. Und ehe Tom die Mission stoppen kann, brechen sich bei Theresa Sehnsüchte Bahn, die sie ihm immer verschwiegen hat. Aus gutem Grund …


Der Roman enthält folgende Tropes:
  • Psychologischer Beziehungsroman
  • Marriage in Trouble
  • The big lie
  • Love Triangle
  • Secret Identity
  • Atmosphärisches Insel Setting / Seaside Escape
  • Strangers to Lovers
  • spicy Story
  • Medical Romance
  • Forbidden Love
  • Late Coming of Age
  • Second Chance at Life
  • dominante Männer

Sie gelten als Vorzeigepaar und führen das perfekte Leben – mit Kind, Haus, Hund und gemeinsamer Arztraxis. Doch nicht alles läuft, wie es soll. Als Tom für seine Frau Theresa ohne ihr Wissen einen Liebhaber bucht, hofft er, eine drohende Ehekrise abzuwenden. Und dass sie, wenn ihr Inselurlaub endet, zufrieden in seine Arme zurückkehrt.

Aber in Theresa gären unerfüllte Sehnsüchte. Sehnsüchte der besonderen Art. Die Auszeit auf Bornholm will sie nutzen, um sich darüber klarzuwerden, welche Rolle sie in ihrem künftigen Leben spielen sollen. An eine Urlaubsaffäre denkt sie dabei zuallerletzt. Dann jedoch taucht Jon auf. Dieser geheimnisvolle Mann, der immer da ist, wenn sie es am wenigsten erwartet. Er scheint ihre dunkelsten Geheimnisse zu kennen.

Als sie unter der skandinavischen Mittsommernacht ihren Gefühlen für ihn schließlich nachgibt, ahnt sie nicht, was sie damit ins Rollen bringt. Denn es ist alles inszeniert. Nur ein Fake! Eine einzige große Lüge!

»Die Insel der Nachtigallen« ist ein intensiver Beziehungsroman mit psychologischem Tiefgang, erwachsenen Themen und sinnlicher Leidenschaft. Eine spicy Contemporary Romance, in der die Protagonistin lernen muss, zu ihren Wünschen und Bedürfnissen zu stehen. Das jedoch ist erst der Anfang ihrer Reise an die eigenen Grenzen …

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch
PROLOG
1 Kopfkino
2 Immer wieder sonntags
3 Verführt
4 Zweifel
5 Der Liebhaber
6 Schnell entschlossen
7 Wer die Wahl hat
8 Deal
9 Raus aufs Meer
10 Das Haus auf den Klippen
11 Einsamkeit
12 Luft!
13 Noch mal von vorn, bitte!
14 Startschwierigkeiten
15 Verdammte Gefühle!
16 Mittsommernacht
17 Erinnerungen
18 Theresas Geschichte
19 Nicht nah genug
20 Vertrauen
21 Über die Grenze
22 Endlich!
23 Blöde Idee
24 Zwischen Himmel und Meer
25 Abtrünnig
26 Inselfeeling
27 Besuch
28 Aufgeflogen
29 Die letzte Nachtigall
30 Falsches Timing
31 Ablenkung
32 Ein Abschied
33 Wieder zurück
34 Besuch
35 Verboten gut
36 Rantasten
37 Party
38 Versuchung
39 Abgrund in Sichtweite
40 Ein zweites erstes Mal
41 Hin und her gerissen
42 Paris
43 Den Wolken ein Stück näher
44 Das Phantom
45 Und nichts als die Wahrheit
46 Gefühlschaos
47 Aussichten
48 Im Sturm
49 Abschalten
50 Wer A sagt, muss auch B sagen
51 Der Zusammenbruch
52 Wenn’s doch so einfach wäre ...
53 Verlustängste
54 Nächtliches Geständnis
55 Stephan
56 Die Session
57 Alles geben
58 Leibhaftig
59 Zweite Chance?
60 Nägel mit Köpfen
61 Unerwartete Post
EPILOG
Interview mit der Hauptfigur des Romans
Nachlese
IMPRESSUM

Nora Amelie

DIE INSEL DER NACHTIGALLEN

Beziehungsroman

Über dieses Buch

Mittsommernacht auf einer abgelegenen Insel im Meer … Als Theresa in der kürzesten Nacht des Jahres einem attraktiven Fremden begegnet, glaubt sie an Zufall. Doch in Wahrheit verfolgt Jon Doster einen brisanten Plan. Er soll die ahnungslose Rothaarige in eine Affäre verwickeln. Sein heimlicher Auftraggeber: Theresas Ehemann Tom.

Aber die Sache läuft schief. Doster kommt seinem ‚Opfer‘ viel zu nahe, Tom erkennt, dass er einen fatalen Fehler gemacht hat, und Theresa verstrickt sich immer mehr in ihre dunklen Sehnsüchte. Bis sie eine gefährliche Entscheidung trifft …

»Hättest du bloß nie dieses Buch gelesen«, sagt er. »Du bist infiziert!«

Schlimmer, viel schlimmer, denkt sie. Ich werde mir wehtun …

Dramatisch-sinnliche Liebesgeschichte über unerfüllte Sehnsüchte, Verrat und Vertrauen und die ewig währende Suche nach dem großen Glück. Gefühlsachterbahn, erwachsene Protagonisten und Happy End inklusive.

Folgende Tropes erwarten dich in diesem Roman

Marriage in Trouble

The big lie

Secret Identity

Atmosphärisches Insel-Setting / Seaside Escape

Strangers to Lovers

Love Triangel

Second Chance at life

Late Coming of Age / Awakening

dominante Männer

Neuanfang

PROLOG

Sie stand am Rande einer riesigen Kiesgrube. In der Tiefe füllte sich das Becken mit Wasser. Helles klares Wasser, das aus dem Boden zu sprudeln schien und unablässig höher stieg. Doch es gab kein Tropfen, kein Fließen oder gar Rauschen, wie Wasser es nun mal an sich hatte. Es gab keinerlei Geräusch. Um sie herum herrschte absolute Stille.

Unten, am Grund, stand er und schaute zu ihr hoch. Es war keine Angst in seinem Blick, nur Erstaunen. Er bemühte sich auch nicht, herauszuklettern. Er stand da und sah zu, wie das Wasser lautlos von allen Seiten auf ihn einströmte.

Sie wollte es stoppen, es mit bloßen Händen abschöpfen. Fühlte Verzweiflung in sich aufsteigen, Panik. Sie wusste nicht, was sie tun sollte! War wie gelähmt! Da gewahrte sie aus den Augenwinkeln jemanden, der mit einer Schaufel Kies in die Grube schippte. Der Kies vermischte sich mit dem Wasser, sank schließlich zu Boden. Wo noch immer er stand. Bewegungslos.

Plötzlich mischte sich ein Ton in diese Szenerie. Wurde zu einer Melodie. Zu langen tiefen Schluchzern, die von Trillern und schrillem Pfeifen unterbrochen wurden. Eine Warnung? Woher kam das?

Er, dort unten auf dem Grund der Grube, hatte den Blick inzwischen abgewandt. Hielt die Augen geschlossen. Selbst als das Wasser sein Kinn erreichte, an seinen Mund schwappte, über seinem Kopf zusammenschlug, während sie weiter verzweifelt um Hilfe bemüht war, bewegte er sich nicht. Er verschwand einfach. Gab keinen Laut von sich. Und sie sah tatenlos dabei zu ...

Als Theresa aus dem Schlaf schreckte, war dieses melodische Schluchzen noch immer da. Lauter, deutlicher jetzt. Und sie wusste wieder, was es war. Weil es sich ihr eingeprägt hatte. Weil es sonst wie Balsam für ihre Seele wirkte. Doch dieses Mal nicht. Dieses Mal hinterließ es einen bitteren Nachgeschmack.

Es war die Nachtigall im Kirschbaum, der kleine unscheinbare Vogel, der inbrünstig nach seiner Gefährtin rief ... Sie spürte eine Beklemmung, die ihr das Herz abschnürte.

1 Kopfkino

Das Handy vibrierte. Unwillig sah Theresa von ihrer Arbeit auf. Doch nach einem kurzen Blick aufs Display entschied sie, nicht auf Toms Nachricht zu reagieren. Sie brauchte noch mindestens zehn Minuten für den Korrekturgang. Zehn Minuten, die sie ganz für sich wollte. Vor allem jetzt, da es spannend wurde.

Danach wäre sie bereit. Und sie ahnte schon, was sie dann erwartete.

Sie schob das Telefon zur Seite und vertiefte sich leise seufzend wieder in den Text ihrer Geschichte ...

Vom ersten Moment an fühlte sich Hannah beobachtet. Es verstand sich natürlich von selbst, warum. Sie trug die vollkommen falschen Klamotten! Und konnte sich nicht erinnern, bei anderen Gelegenheiten jemals so gnadenlos daneben gegriffen zu haben.

Alle Frauen im Club, aber wirklich alle, liefen nur spärlich bekleidet herum. Die meisten mit blankem Busen. Oder in so kurzen engen Röcken, dass der Ansatz der Pobacken darunter hervorlugte. Manchmal wusste Hannah gar nicht, wie sie das Kleidungsstück überhaupt bezeichnen sollte. Überall nackte Haut. Überall amüsierte Blicke, als sie vorübergingen.

Sie verhielt unwillkürlich den Schritt. Aber hinter ihr war Bernhard und der wirkte nicht, als würde er ihren Fluchtimpuls unterstützen wollen. Sein Griff um ihre Taille wurde fester. Er dirigierte sie zur Bar.

»Ich hab dir doch gesagt, es wird heiß«, raunte er an ihrem Ohr. Währenddessen nickte er nach links und rechts, umarmte ein Mädchen mit endlos langen Beinen, das sich kurz an seinen freien Arm hängte, und blieb schließlich vor dem Tresen stehen. »Einen Mojito?«, fragte er und sah Hannah dabei zu, wie sie, noch immer zu keinem klaren Gedanken fähig, auf den nächstbesten Barhocker kletterte.

Ihr war schon klar, dass er ihren idiotischen Auftritt in vollen Zügen genoss. Und sie überlegte, ob sie deswegen wütend sein sollte. Aber er hatte sie gewarnt. Ihr sogar ein passendes Outfit empfohlen. Es war ihre Schuld, dass sie ihn nicht ernst genommen hatte. Jetzt musste sie da irgendwie durch.

Hannah schaute an sich herunter und verfluchte die schwarze Hose. Die passte zwar hervorragend zu den High Heels, aber eben so gar nicht in diesen Laden. Und ihr Shirt erst! Was nützte die hübsche, viel Haut zeigende Rückenschnürung, wenn der Kragen vorn beinahe bis zum Kinn reichte? Na wenigstens ließ der Schnitt ihre nackten Arme frei. Aber das war es dann auch schon, und von sexy konnte wohl nicht im Mindesten die Rede sein!

Sie griff nach dem Glas, das man ihr über den Tresen reichte, und nahm einen ordentlichen Schluck vom Mojito. Sofort stieg ihr der Alkohol zu Kopfe.

»Ganz schön stark«, sagte sie und drehte sich zu Bernhard, der lässig neben ihr an der Theke lehnte.

Er lächelte besänftigend. »Das ist nur der erste Schluck.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Er ist wirklich heftig.« Wie zur Bestätigung zog sie erneut am giftgrünen Strohhalm und schüttelte sich.

Bernhard musterte Hannah prüfend und wandte sich dann an die Barfrau. »Mach ihr noch ein bisschen Eis dazu, Susi!«

Die Barfrau nickte.

Währenddessen neigte er sich erneut dicht an Hannahs Ohr. »Und – wie gefällt sie dir?«

Hannah wurde verlegen. Sie mochte es nicht, wenn er so direkt zur Sache kam. Außerdem war ihr schon der Gedanke peinlich, man könne sie dabei belauschen, wie sie über Anwesende sprachen.

Sie schwang auf ihrem Hocker herum, so dass sie ihm direkt ins Gesicht schauen konnte. »Nicht so laut«, flüsterte sie und rollte genervt mit den Augen.

Bernhard grinste. »Warum? Susi kannst du ganz offen sagen, dass sie einen knackigen Arsch hat. Die hört das gern, oder Susi?« Bei den letzten Worten hatte er die Stimme gehoben, so dass Susi zwangsläufig mithören musste.

Sie drehte sich um, wackelte ungeniert mit dem Hinterteil und schlug sich dabei auf den Allerwertesten, der in einer hauchdünnen, die Pobacken halb entblößenden Lederhose steckte.

Spätestens jetzt wäre Hannah am liebsten im Erdboden versunken. Mit schamerfüllt gesenkten Lidern steckte sie den Trinkhalm zwischen die Lippen und zog den kühlen, bittersüßen Cocktail in sich hinein.

»Nicht so hastig!« Bernhard nahm ihr das Glas weg. Er legte seine Hand weit oben auf ihren Schenkel, beugte sich ein wenig vor und suchte nach ihrem Mund ...

* * *

Es klopfte. Tom steckte den Kopf in Theresas Arbeitszimmer. Sein kurzes, graues Haar stand in alle Richtungen. Bis auf die Cargohose, die, wie sie fand, seinen Hintern gut zur Geltung brachte, war er nackt.

»Hast du meine Nachricht vorhin nicht bekommen?«

Theresa runzelte unwillig die Stirn und zuckte mit den Schultern. Sollte sie das jetzt zugeben?

»Ich geh in die Wanne. Wäschst du mir den Rücken?« Tom lächelte auf eine Weise, die keinen Zweifel daran ließ, dass seine Frage auf etwas ganz anderes abzielte.

Sie lächelte zurück und nickte.

Begeistert war sie von dieser Störung nach wie vor nicht. Gerade jetzt, wo es mit dem Schreiben so gut lief. Doch ehe sie den Mund aufmachen und irgendetwas sagen konnte, war er schon wieder draußen. Er würde sich jetzt ein Bad einlassen und genüsslich in Vorfreude darauf schwelgen, dass sie sich später zu ihm gesellte. Das war sein Verständnis vom Start in ein kinderfreies Wochenende.

Sie überflog noch einmal den Text, an dem sie die letzten zwei Stunden gearbeitet hatte, und fuhr seufzend den Rechner runter.

Diese Hannah war schon ein Schätzchen. Im Moment schien sie noch ängstlich zu sein, bald aber würde sie zur Höchstform auflaufen.

Theresa verdrehte die Augen. Wenn sie daran dachte, was ihrer Protagonistin an diesem Abend im Club bevorstand ... Aber das würde sie erst morgen in die Tastatur hämmern können und selbst wohl niemals erleben.

Gedankenverloren nahm sie kurz darauf die Treppe ins Obergeschoss. Das Geräusch des einlaufenden Wassers im Bad klang für ihre Ohren wie eine unmissverständliche Aufforderung. Trotzdem zog sie sich im Schlafzimmer ohne Eile aus, um in einen weißen Kimono zu schlüpfen. Dann drehte sie ihr rotes Haar, das in langen Wellen über den Rücken floss, zu einem Knoten hoch und kontrollierte, ob es auch fest genug saß. Sie konnte es nicht ausstehen, wenn sich die Frisur in der Wanne nach und nach auflöste und alles nass wurde.

Aus dem Bad war jetzt kein Plätschern mehr zu hören. Nur der weiche volle Sound eines Saxophons. Leise öffnete Theresa die Tür und schob sich, als folge sie einer einstudierten Choreographie, mit rhythmisch wiegenden Hüften in den Raum. Tom hatte Sinn für Romantik. Überall flackerten Kerzen und spiegelten sich in den dunkelgrauen Fliesen. Es duftete nach Sandelholz.

»Gemütlich bei dir«, säuselte sie, während sie sich auf den Wannenrand setzte und ihm wie beiläufig durchs Haar fuhr.

Mit verklärtem Blick musterte er ihren Aufzug.

Sie wusste, er mochte Weiß. Den Kimono, den sie trug, hatte er für sie ausgesucht. Jetzt griff er mit der nassen Hand nach dem Gürtel und zupfte daran. Woraufhin der seidige Stoff vorn auseinanderfiel und ihre Schenkel entblößte.

Bedächtig ließ er seine Hand über ihre Hüfte wandern. »Komm rein.« Er lehnte sich zurück, um ihr Platz zu machen.

Theresa erhob sich. Als sie ein Bein anwinkelte, die Zehen ins Wasser hielt und es wie erwartet viel zu heiß fand, rutschte der Stoff von ihren Schultern. »Die Temperaturen sind schweißtreibend«, meinte sie stirnrunzelnd. Dennoch stieg sie vorsichtig in die Wanne. Rührte mit dem Fuß im Wasser, als könnte das etwas an der Hitze ändern. Schließlich ließ sie sich aufreizend langsam hineingleiten.

Tom grinste. »Stimmt«, sagte er, »Verdammt heiß!«

Natürlich! Allein der Gedanke daran, was sie gleich mit ihm anstellen würde, trieb ihm sicher schon eine ganze Weile die Lust aus allen Poren.

Das Saxophon von Brian Landau klang dunkel und getragen durch den Raum. Sie glitt tiefer ins Wasser, hatte plötzlich den Wunsch, sich zu entspannen und die Musik auf sich wirken zu lassen. Doch Tom ließ ihr nicht viel Zeit zum Durchatmen. Er griff um ihre Waden und zog sie zu sich heran.

Sie verstand die Aufforderung. In den Jahren, die sie inzwischen miteinander verbracht hatten, hatte sie herausgefunden, was er sich in solchen Momenten von ihr wünschte und wie. Sie hatte sogar eine recht kraftsparende Version entwickelt, ihm seinen Wunsch zu erfüllen. Besonders stolz war sie nicht auf diese Fähigkeit. Aber sie half ihr dabei, das ewig gleiche Spiel zu ertragen.

Zu Beginn ihrer Beziehung hatte es ihr immer ein verschmitztes Lächeln auf die Lippen gezaubert, wenn er sie dazu aufforderte, ihm den Rücken zu schrubben. Ein Geheimcode, den nur sie beide verstanden. Eine Anspielung auf das, was Tom von ihr erwartete. Der Reiz bestand darin, dass man diese Bitte durchaus auch im Beisein anderer äußern konnte.

Doch irgendwann hatte sie den Spaß an der Sache verloren. Es war so absehbar geworden, dass sie es bald eher erniedrigend empfand und sich benutzt fühlte. Dann lieber keinen Sex als immer wieder solchen, dachte sie manchmal, brachte es jedoch nicht übers Herz, ihm das zu sagen.

Auch heute ging sie ohne Einwände auf das übliche Szenario ein. Und als sie ihren Teil der unausgesprochenen Übereinkunft erfüllt hatte, machte Tom sich daran, ihr seinerseits Vergnügen zu schenken.

Sie versuchte, sich in die passende Stimmung hineinzuträumen. Dachte an das, was Hannah aus ihrer Geschichte in diesem Club zu sehen bekam. An Bernhards Blick und daran, was geschehen würde, wenn sie sich denn wieder an den Text setzte. Dass er Hannah vor aller Augen ... Gott, wie verrucht allein der Gedanke war!

Mit geschlossenen Augen und innerer Anspannung lauschte sie auf die Musik. Passend zu ihrer Gefühlslage war nun mehr Drive darin. Was sich auf Toms Art und Weise, sie zu berühren, auswirkte. Sie wünschte sich, er würde wenigstens dieses Mal aus seiner Komfortzone herauskommen und sich so mit ihr vereinigen, wie es andere Männer mit ihren Frauen taten. Sie sehnte sich danach, schon sehr, sehr lange.

Aber als sie sich tatsächlich in ihrer Lust verlor, war alles wie immer. Und die süße Wonne viel zu schnell vorüber, als dass es sie zufrieden gestellt hätte.

Ach Bernhard, dachte sie seufzend, obwohl sie diesen Typen aus ihrer Geschichte ziemlich ätzend fand. Aber immerhin verstand er es, ihre Heldin Hannah in den siebenten Himmel zu katapultieren.

Das hätte sie jetzt auch gern gehabt!

2 Immer wieder sonntags

Als Tom am nächsten Morgen vom üblichen Spaziergang mit Elsa, der vierjährigen Ridgeback-Hündin, zurückkam, saß Theresa bereits am Frühstückstisch. Sie hatte eine Packung Taschentücher in der Hand und rieb mit der anderen unaufhörlich ihre Augen. Einer ihrer allmorgendlichen Nießattacken, die in der Pollenflugzeit beängstigende Ausmaße annehmen konnten, machte ihr zu schaffen. Vor ihr stand der Laptop. Laut schniefend schrieb sie eine E-Mail und studierte parallel irgendwelche Fahrpläne.

Tom ahnte, worum es ging. Seine Stimmung sank unweigerlich auf den Tiefpunkt. Fing das jetzt schon nach dem Aufstehen an?

Schweigend setzte er sich zu ihr und goss Kaffee ein. Theresa schloss das Mailprogramm und klappte den Rechner zu. Dann hielt sie ihm den Brotkorb hin. Er schüttelte den Kopf. Der Appetit war ihm vergangen.

Erstaunt hob sie die Augenbrauen. »Es ist Sonntag.«

»Aber mir noch zu früh«, sagte er. »Lieber nachher schön Mittag essen.«

Er wusste natürlich, dass sie seine Frühstücksgewohnheiten nicht leiden konnte: Viel Kaffee und Zigaretten dazu. Immer wieder warf sie ihm vor, dass er als rauchender Zahnarzt für die Patienten nicht authentisch wirkte. Dabei wussten die das gar nicht. Und er kompensierte sein Laster auf geschickte Weise, indem er peinlich genau auf sein äußeres Erscheinungsbild achtete. Einem gepflegt auftretenden Mann wie ihm, der mit dem graumelierten Haar und den dunklen Augen, die sehr besorgt schauen konnten, durchaus imponierte, gestand man sonstige kleine Unzulänglichkeiten ja wohl gern mal zu.

Ihm war auch bewusst, dass die Jahre, die er Theresa altersmäßig voraushatte, sein Gesicht gezeichnet hatten. Erste deutliche Furchen zogen sich über Nasenwurzel und Stirn und um die Augen herum standen Lachfältchen. Aber er fand, dass ihn das seriöser wirken ließ. Die Patienten vertrauten ihm. Seine Umsatzzahlen waren der beste Beweis dafür. Also, wozu das Theater? Er achtete auf seinen Atem, zog den Mundschutz im Zweifelsfall lieber einmal früher hoch. Und seine Hände steckten bei der Behandlung sowieso in Handschuhen. Niemand würde je etwas merken. Außerdem: Rauchen entspannte ihn! Er wollte sich beim besten Willen nicht vorstellen, darauf verzichten zu müssen.

Glücklicherweise war Theresa heute so mit ihrem Heuschnupfen beschäftigt, dass sie ihn nicht weiter mit ihrem Lieblingsthema traktierte. Sie schniefte und wischte noch immer in den Augen herum.

»Ich habe mit Isi gestern Vormittag noch mal den Timer angeschaut. Alles perfekt vorbereitet. Du wirst keine Mehrarbeit haben.«

Noch eine Anspielung auf ihren geplanten Urlaub. Zwei Wochen allein in ihrer beider Lieblingssommerhaus auf einer Insel mitten in der Ostsee. Er beneidete sie darum. Offiziell wollte sie dieses Mal in aller Ruhe an ihren Geschichten schreiben. Doch er fürchtete, dass es ihr um etwas ganz anderes ging.

Es lief nicht mehr so optimal zwischen ihnen. Und er glaubte zu wissen, woran er das erkennen konnte. Er hatte einen Blick in ihre Texte geworfen. Ihre erotischen Phantasien gingen weit über das hinaus, was sie beide zusammen erlebten. Irgendwie schmerzte ihn das. Er hielt sich für einen guten Liebhaber. Sein Einfallsreichtum war nicht alltäglich. Doch ihr schien es nicht zu genügen. Was, wenn sie den Inselurlaub also dafür nutzen würde, ihre Hirngespinste auszuleben? Sich von einem anderen zu nehmen, was sie von ihm nicht bekam?

Tom rieb sich mit beiden Händen das Gesicht, als wolle er eine imaginäre Müdigkeit vertreiben.

»Kopfschmerzen?«, fragte Theresa besorgt.

Er schüttelte stumm den Kopf und hob die Tasse an die Lippen.

Er musste sich dringend von diesen abstrusen Gedanken lösen. Ihre Existenz hing von seiner ebenso ab wie seine von ihrer. Haus, Praxis, Kind – das war wohl genug Klebstoff für ein langes Leben. Und mehr wert, als hundert flüchtige Abenteuer zusammen. Wenn er sich nicht vollkommen irrte, dachte Theresa ähnlich. Sie war bodenständig. Sie schätzte Familie und Geborgenheit. Außerdem garantierte ihnen die Zahnarztpraxis, die sie gemeinsam betrieben, ein angenehmes Leben. Also warum, zum Teufel, sollte sie fremdgehen wollen? Das mit ihren Geschichten war doch nur eine nette Abwechslung vom Alltag, nicht mehr.

Er fuhr hoch, als sie ihm eine Hand auf den Arm legte.

»Ich hatte gerade gefragt, ob du heute mit mir ins Kino gehst.« Sie blickte ihn aufmerksam an. »Wir könnten mal wieder ein gemeinsames Erlebnis vertragen.«

Da war kein Vorwurf in ihrer Stimme. Aber er wurde das Gefühl nicht los, sie hätte gerade seine Gedanken gelesen.

»Was willst du dir denn anschauen?«, wollte er wissen und versuchte, seine Lustlosigkeit nicht gar zu sehr anklingen zu lassen. Eigentlich hatte er für heute schon einen Plan.

Theresa hielt ihm einen Artikel hin, den sie aus irgendeinem Magazin herausgerissen hatte, und machte erwartungsvolle Augen.

Doch er winkte ab, kaum dass er einen Blick darauf geworfen hatte. »Nee, nicht schon wieder! Ich hab noch diesen anderen Film in Erinnerung. Wie hieß er doch gleich? Irgendwas mit VENUS …«

»VENUS IM PELZ«, half sie seiner Erinnerung auf die Sprünge. »Aber der eine ist mit dem anderen gar nicht vergleichbar. VENUS IM PELZ war eher ein Kammerstück, in dem eigentlich nur geredet wurde. Und …«

» … und dein neuer ist ein Pornofilm«, unterbrach er sie brüsk. »Was findest du nur ständig an diesem Kram?«

Beleidigt verzog sie das Gesicht. »Pornofilm. Wie kommst du darauf?«

»Na schau dir mal die Kritiken an. Da geht’s ziemlich heftig zur Sache.«

»Na und?« Sie zuckte die Schultern. »Das hätte dich doch früher nicht gestört. … Was ist los mit dir?«

Tom stand auf, griff nach der Schachtel Zigaretten und ließ sein Zippo Feuerzeug aufspringen. Die Flamme fraß sich ins Papier. Sie hinterließ unregelmäßige dunkle Ränder.

Während er tief inhalierte, stellte er sich ans weit geöffnete Küchenfenster. »Das ist doch alles ein einziger Scheiß«, sagte er wütend. »Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Leute so darauf abfahren.«

Theresa hatte nach einem Brötchen gegriffen und strich jetzt Honig auf eine der Hälften. Sie tat das mit langsamen, bedächtigen Bewegungen.

»Sie suchen den Kick. Die Zeiten, da man wegen einer winzigen Nacktszene ins Kino stürmte, sind lange vorbei.«

Er schwieg einen Moment. »Und du«, sagte er dann, »suchst du auch den Kick?«

Sie hielt im Kauen inne. »Ich?«

»Ja, du. War doch deine Idee. Letztes Mal übrigens auch.« Er wartete auf ihre Antwort, aber sie ließ sich Zeit.

»Ich bin mir nicht sicher«, sagte sie dann.

Tom drückte die Zigarette aus und setzte sich wieder zu ihr an den Tisch. »Wie, nicht sicher?«

»Na ja, wie soll ich das sagen? Klar interessiert mich, wie Erotik und Sex dargestellt werden. Das ist im Film auch etwas ganz anderes als in einem Buch …«

»In deinem Buch, meinst du.«

Wieder schaute sie überrascht. »Was haben meine Geschichten damit zu tun?«

»Sag du’s mir!«

Sie schüttelte den Kopf und verdrehte genervt die rot geriebenen Augen. Dann schob sie sich den letzten Bissen vom Brötchen in den Mund und trank Kaffee hinterher.

»Holst du dir Anregungen in solchen Filmen?«, fragte er geradeheraus.

Auch wenn sie seinem Blick standhielt, sie kochte innerlich, so viel stand wohl fest. Und sie sah hübsch aus, wenn sie aufgebracht war. Das lange rote Haar fiel ihr heute Morgen wirr ins Gesicht. Ihre unglaublich blauen Augen sprühten vor Leidenschaft. Und die Sommersprossen auf der Nase schienen noch kräftiger zu leuchten. Eigentlich hatte er nicht wenig Lust, sie zu schnappen und noch mal mit ihr im Bett zu verschwinden. Aber dieser Gedanke erschien ihm dann doch zu verwegen. Hatte er einer solchen Idee überhaupt jemals nachgegeben? Eigentlich bedauerlich. Jetzt war es wohl definitiv zu spät für solch wilde Zügellosigkeiten.

Lautlos seufzte er in sich hinein.

Theresa begann offensichtlich, sich auf ein längeres Gespräch einzustellen. Sie lehnte sich im Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Es wirkte angriffslustig.

»Was spricht dagegen, dass ich mir für meine Geschichten Anregungen hole?«

Tom triumphierte. »Du gibst es also zu.«

»Ja, natürlich. Und nicht nur in Filmen. Ich lese reihenweise Romane, die mich inspirieren könnten.«

Er wusste, was sie meinte. Seit er ihr diesen Kindle zu Weihnachten geschenkt hatte, las sie häufig sogar nachts. Manchmal fragte er sich, woher sie die Energie für das alles nahm. Tagsüber die Praxis, abends schreiben und nachts lesen. Und dann war sie ja irgendwie auch noch Hausfrau und Mutter. Kein Wunder, dass sie sich in letzter Zeit oft so ausgelaugt fühlte. Wenn sie auch immer behauptete, es sei der Heuschnupfen.

»Diese Inspirationen – wie genau äußert sich das in deinen Texten?«, fragte er lauernd. Mal schauen, wie weit er sie aus der Reserve locken konnte.

Doch sie schien es sich anders überlegt zu haben, grinste plötzlich. »Willst du sie lesen?«

Er grinste zurück. »Liest du mir vor?«

»Ganz gewiss nicht. Da musst du schon alleine durch!«

Ob sie ahnte, dass er längst unaufgefordert in ihren Texten gestöbert hatte? Sie machte ja kein echtes Geheimnis daraus, hatte ihm schon ein paar Mal angeboten, ihre Geschichten zu begutachten. Als er irgendwann tatsächlich neugierig darauf geworden war, hatte er es allerdings ohne nachzufragen getan. Und eigentlich genug gesehen! Und überhaupt!

Dieses seltsame Gespräch hier in der Küche behagte ihm nicht. Wenn sie nicht aufpassten, würden sie beginnen, einander zu verletzen. Darauf hatte er keine Lust.

Wortlos erhob er sich und begann, das Frühstücksgeschirr in den Spüler zu räumen. Dann machte er sich daran, einen Pizzateig vorzubereiten. Das hatte er Jule für heute Mittag versprochen.

* * *

Theresa wusste, dass es das Letzte war, was Tom wollte: Ihre Geschichten lesen. Er ahnte sicher, dass er dann zwangsläufig Vergleiche anstellen würde und zu einer für ihn unangenehmen Erkenntnis käme. Wenn sie konnte, wollte sie ihm das gern ersparen.

Sie stand ebenfalls auf und verschwand mit ihrem Laptop im Arbeitszimmer.

So weit war es mit ihnen also gekommen. Sie schwiegen sich gegenseitig an, weil das weniger grausam war, als sich die Wahrheit zu sagen. Und was war die Wahrheit? Hatten sie aufgehört, einander zu lieben? Nein, sicher nicht. Vielleicht war es nicht mehr das Gefühl, das sie durch die ersten Jahre ihres Beisammenseins getragen hatte. Dafür aber gewann ihre Beziehung immer mehr an Tiefe und Vertrauen. Von jung-dynamisch-erfolgreich war Tom jetzt nur noch Letzteres. Aber unbeirrbar stand er als ihr Fels in der Brandung, wusste, was er wollte und wie er es bekam. Es beeindruckte sie, wie zielstrebig er daran arbeitete. Er war nicht nur ein erfahrener Zahnarzt, dem die Sympathien der Patienten zuflogen. Er war auch ein toller Freund, mit dem man Pferde stehlen konnte, und zwar immer mit dem passenden Spruch auf den Lippen.

Das hatte sie von Anfang an gemocht – seinen subtilen Humor. Wenn allen anderen nichts mehr einfiel, gab Tom noch mal so richtig Gas. Außerdem liebte er es, seine beiden Frauen zu überraschen. Gern mit einem tollen Essen. Und er kochte genial. Oder er brachte ihnen Geschenke mit: Blumen, Schokolade, Bücher, CDs. Einmal hatte er sich etwas ganz Verrücktes ausgedacht und Theresa auf einen regionalen Airport mitgenommen. Aus einer Laune heraus hatte sie damals für Flugzeuge geschwärmt. Die kleine Cirrus, eine leichte Maschine für vier Personen, hatte es ihr besonders angetan. Sie verfügte über ein so ausgeklügeltes Sicherheitssystem, dass es bei ihr wieder die Lust aufs Fliegenlernen heraufbeschwor. Die Cirrus konnte im Notfall an einem Fallschirm zu Boden schweben. Einer von Toms Patienten kannte sich mit dieser Technik aus. Sie vereinbarten eine persönliche Vorführung. Theresa durfte den Flieger im Hangar nicht nur besichtigen, sondern sogar hineinklettern. Sie war beeindruckt gewesen von Ausstattung und Eleganz des Cockpits. Es hatte sich angefühlt wie in einem Luxuswagen mit unzähligen technischen Raffinessen. Und als der Pilot begann, all die Knöpfe und Schalter zu erklären, hatte sie plötzlich kaum noch an sich halten können, es selbst auszuprobieren, das Fliegen. Sie war Tom noch immer dankbar für diese Idee. Dennoch! Es änderte nichts daran, dass sein perfektes Image im Laufe der Jahre ein paar gehörige Kratzer bekommen hatte. Sie kannte eben auch seine dunklen Seiten. Und die ließen ihn immer häufiger in einem eher ungünstigen Licht erscheinen.

Theresa hörte das Telefon klingeln. Offensichtlich Jule, denn Tom rief durch die halb geöffnete Arbeitszimmertür, das Kind käme später zum Essen. Gleich darauf vernahm man ein leise platschendes Geräusch auf der Treppe ins Obergeschoss.

Sie schmunzelte. Vor ihrem geistigen Auge sah sie Elsa mit starr in die Luft gerichteter Schwanzspitze die Stufen zu Jules Zimmer erklimmen und darauf hoffen, das jüngste Familienmitglied dort oben vorzufinden.

So intelligent die Ridgeback-Hündin auch war – es gab Dinge, die sie absolut verwirrten. Das bloße Nennen ihr bekannter Namen gehörte dazu. Sie begriff einfach nicht, dass die betreffende Person nicht zwangsläufig anwesend sein musste. Vermutlich würde sie gerade enttäuscht auf Jules Bett steigen, um sich mit einem tiefen Seufzer und zusammengerollt wie eine Katze darauf niederzulassen.

Theresa erhob sich und folgte der Hündin nach oben. Tatsächlich: Elsa lag mit fest zusammengekniffenen Augen auf Jules Bett.

Sie streckte die Fingerspitzen nach ihr aus und streichelte sie zwischen den Ohren, dort, wo das Fell samtig weich war. Elsa roch nach Knete. Dieser Gedanke amüsierte sie stets aufs Neue, aber sie fand keinen besseren Vergleich, um den wunderbar würzigen Geruch der Hündin zu beschreiben.

Überall im Zimmer lagen Sachen verstreut, T-Shirts, Hosen, Wäsche. Dazwischen die Hefter, die Jule am Freitagmorgen in aller Eile aussortiert hatte, weil sie sie in der Schule nicht benötigte.

Theresa fühlte sich bei diesem Anblick an eine Entdeckung erinnert, die sie letztes Weihnachten erschüttert hatte. Es war Jules unbedarfter Eintrag ins Poesiealbum einer Freundin. Die wollte wissen, was ihr im Leben das Wichtigste sei.

Warum hatte sie aber auch unbedingt in dieses Buch hineinschauen müssen? Noch immer sah sie sich an jenem Tag mitten in Jules Zimmer stehen …

Sie hatte im Poesiealbum geblättert und den Eintrag gelesen. Jule hatte notiert, an erster Stelle stünden ihre Freunde, an zweiter die Familie und der Hund. Fassungslos ob dieser Aussage hatte Theresa gewartet, dass sich ein Schock einstellte … Ein bisschen Verzweiflung? … Trauer? … Aber nichts dergleichen war geschehen. Als hätte sich in diesem Moment lediglich bestätigt, was sie schon länger geahnt hatte. Dass Jule mitten im Abnabelungsprozess steckte. So schnell?

Elsa war damals ins Zimmer gekommen und mit gesenktem Kopf vor Jules Bett stehengeblieben.

»Sie liebt dich ebenso wie uns«, hatte Theresa ihr zugeflüstert. »Freust du dich?«

Die Hündin hatte in ihrer Position verharrt, die braunen Augen auf Theresas Füße gerichtet. Schließlich war sie umständlich aber mühelos aufs Bett gestiegen, hatte sich mehrmals um die eigene Achse gedreht und sich mit einem tiefen Seufzer in die Kissen fallen lassen. Theresa streichelte ihr daraufhin mit den Fingerspitzen über das Hundegesicht.

Jule ließ sich nicht mehr liebkosen, nicht von ihr. Nur nachts, wenn sie vor dem Schlafengehen nach ihr sah und die Gunst der stillen Stunde nutzen konnte. Manchmal bewegte sie sich und sprach im Traum. Manchmal zog Theresa die schon ausgestreckte Hand zurück. Manchmal gar stand sie in der Tür, während irgendetwas sie daran hinderte, das Zimmer ihrer Tochter überhaupt zu betreten.

Sie hatte damals darüber nachgedacht, wann er begonnen hatte, dieser Prozess des Abnabelns. Nicht in jenem Frühjahr jedenfalls, da Jule darauf versessen gewesen war, über das Geröll eiskalter Gebirgsbäche zu klettern. Nicht, als sie beide in einer wegen Einsturzgefahr gesperrten Schlossruine herumgestöbert hatten, während Tom Schmiere stehen musste. Und auch nicht in jenem Sommer, da Jule einen umgekippten Baumstamm aufgezäumt und behauptet hatte, er sei ein Pferd. Da war sie elf gewesen ...

Hätte Theresa an jenem Morgen in Jules Zimmer besser an ihren Fähigkeiten als Mutter zweifeln sollen, statt sich über den Eintrag ihrer Tochter in diesem Poesiealbum zu ärgern? Die täglichen Routinen im Zusammenleben mit der Halbwüchsigen gerieten immer häufiger zu einer Farce. Tom hatte sie einmal gefragt, warum sie Jule morgens nicht in Ruhe ließ, zumal sie doch um deren miese Laune nach dem Aufstehen wusste. Theresa hatte daraufhin mit den Achseln gezuckt.

Sie hasste die Reibereien, diesen ständigen Zank mit Jule, weil sie nie pünktlich kam, keine Lust hatte, ihr Zimmer aufzuräumen oder für die Schule zu lernen. Weil sie abends nicht vor zehn zuhause sein wollte und kaum von allein bereit war, auch nur die winzigste Kleinigkeit im Hause zu erledigen. Und sie fühlte sich von den Vorwürfen ihrer eigenen Mutter genervt, die behauptete, sie würde dem Kind zu viel gestatten, sich nicht genug um sie kümmern, ihr nichts bieten. Was aber sollte man einer Fünfzehnjährigen bieten, der Freunde das Wichtigste waren?

Theresa hatte sogar Verständnis dafür. Sie gönnte ihrer Tochter das Gefühl, dazuzugehören. Sie fand es im Gegensatz zu Tom auch keineswegs dramatisch, dass Jule sich verliebt hatte. Dass sie Zärtlichkeiten für die Eltern bewusst zurückhielt. Dass sie sie, wenn sie es denn doch einmal tat, anders küsste. Nur mit der Aggressivität, die sich in Jules Wesen schlich wie eine heimtückische Krankheit, konnte sie nicht leben. Immer häufiger dachte sie an jenen älteren Kollegen aus ihrer Assistenzzeit, der ihr einmal unter Tränen gestanden hatte, jeder Tag, an dem der Sohn nicht daheim wäre, sei ein guter Tag. Was also sollte sie noch tun?

Sie hatte Jules Taschengeld gekürzt, damit sie sich das Rauchen abgewöhnte. Sie hatte ihr verboten, abends fortzugehen. Sie hatte sogar ihre Bücher für den Deutschunterricht gelesen, um mit ihr darüber reden zu können. Und sie teilte sich die Arbeit so ein, dass sie möglichst oft zuhause war, wenn Jule nachmittags aus der Schule kam. Dennoch blieb es immer nur ein Waffenstillstand. Der kleinste Anlass genügte, Jule auf die Palme zu treiben ...

Theresa seufzte tief, als sie jetzt an all das dachte. Sie hatte Jule damals nicht auf diesen Eintrag im Poesiealbum angesprochen. Vielleicht hatte sie es ja auch gar nicht so gemeint. Aber Theresa war verletzt gewesen. Sehr sogar. Und dass sie sich so gut daran erinnerte, zeigte ihr, wie tief diese Wunde in ihrem Herzen verankert war. Manchmal zweifelte sie daran, ob sie jemals wieder ein normales Verhältnis zu ihrem Kind entwickeln könnte. Eines, bei dem nicht jedes Wort automatisch auf der Goldwaage zu liegen kam. Und bei dem sie einander auf Augenhöhe begegnen konnten, obwohl sie Mutter und Tochter waren. Lag es vielleicht daran, dass sie für eine Pubertierende einfach zu jung war? Besaß sie mit vierunddreißig noch nicht genügend Autorität?

Sie legte die Sachen, die sie vom Boden aufgehoben hatte, auf einen Stuhl und verließ Jules Zimmer. Schreiben konnte sie jetzt nicht. Stattdessen hockte sie versunken vor dem Rechner und schaute sich das Video vom Sommerhaus auf Bornholm an, von ihrem ersten Urlaub dort.

Wie würde es sein, das ganze Haus für sich zu haben? Würde sie die Einsamkeit ertragen? Was, wenn sie begann, sich nach ihrer Familie zu sehnen? Eine verdammt fixe Idee hatte sie da ausgebrütet. Tom jedenfalls konnte seinen Unmut darüber seit Wochen kaum verbergen. Doch genau genommen zählte er nicht. Er fuhr ja selbst häufig für ein paar Tage zum Fischen. Durfte sie sich da nicht dieselben Rechte herausnehmen? Dieser Urlaub war ihr wichtig. Punkt. Sie brauchte endlich einmal Zeit, um über sich und ihn nachzudenken. Über ihre Lebensentwürfe. Die gemeinsamen, ihre eigenen und die von Tom. Über Dinge, die sie immer hatte tun wollen, doch in einer Art Endlosschleife permanent auf später vertagte. Das Geschichtenschreiben war genau genommen nur ein Ventil. Sie schuf sich surreale Welten, löste aber keine Probleme. Vielleicht klammerte sie sich ja ganz umsonst an diese zwei Wochen, die ihr momentan noch wie der Weisheit letzter Schluss erschienen. Vielleicht würde es gar nichts bringen. Zumindest nicht für ihre Beziehung zu Tom. Oder hoffte sie, er wäre bei ihrer Rückkehr geläutert? Weil sie ihm mit ihrer Abwesenheit Zeit zum Nachdenken zugestand?

Aber sie war es doch, die sich auf sich selbst besinnen wollte. Das hatte nichts mit Tom zu tun. Er würde hinterher derselbe sein. Sie in den Arm nehmen, einen Kuss auf ihre Stirn drücken und nach der Reise fragen, als wäre sie bei einer guten Freundin gewesen. Und was Frauen zu besprechen hatten, wollte ein Mann gar nicht so genau wissen. Wenn sie Glück hatte, würde ihn ihr Alleingang nicht einmal misstrauisch machen. Geschweige denn eifersüchtig. Sie hatte ihn sowieso noch nie eifersüchtig erlebt. Aber jetzt, wo sie darüber nachdachte, machte es sie stutzig.

Warum nicht? War er sich ihrer so sicher? War ihm nicht bewusst, dass sie in einer Sackgasse gelandet waren? Und warum redeten sie eigentlich nicht darüber? Warum bekam nicht wenigstens sie den Mund auf? Hatte sie etwa Angst, den Tatsachen ins Auge zu schauen? Und wenn ja, welchen Tatsachen überhaupt?

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass das Urlaubsvideo lief und lief, sie aber die ganze Zeit auf den Bildschirm gestarrt hatte, ohne etwas wahrzunehmen. Aus dem Garten hörte sie das gleichmäßige Surren des Rasenmähers. Es war wie jeden Sonntag. Tom im Garten, sie im Arbeitszimmer, Jule irgendwo bei Freunden. Würde das jetzt endlos so weitergehen? War das ihr Leben?

3 Verführt

Tom verbrachte den größten Teil des Nachmittags damit, den Rasen zu mähen. Er hatte sich letzten Sommer ein sehr professionelles Gerät dafür gekauft, bei dem es nicht mehr nötig war, alle paar Minuten den Schnittbehälter zu entleeren. Es brauchte nicht einmal Strom. Das lange Stolperkabel gehörte endgültig der Vergangenheit an. Stattdessen konnte er mit dem neuen Rasenmäher ganz gemächlich auf und ab fahren und seinen Gedanken nachhängen.

Und was für welchen! Theresas Vorwurf, der seine sexuelle Offenheit infrage stellte, fraß sich durch seinen Sonntag wie ein Virus. Er spürte, dass er immer ärgerlicher wurde. Alles nur, weil er sich diesem dämlichen Film verweigerte. Er war doch deswegen nicht prüde. Er hatte einfach seine Prinzipien. Darüber hinaus hasste er überfüllte Kinos. Ha, er und prüde! Wie war das doch damals mit dieser Geschichte bei Katja und Michael? Prüde hatte das wohl nicht ausgesehen!

Katja und Michael waren Toms Kommilitonen gewesen. Sie und er hatten zu einer eingeschworenen Truppe von sieben oder acht Leuten gehört. Nicht nur während des Studiums hatten sie aneinandergeklebt wie Pech und Schwefel. Auch danach hatten sie sich weiter getroffen, über die Assistenzzeit und ihre Absichten, sich selbstständig zu machen, gesprochen, über Promotionen, Urlaube, Beziehungsgeschichten. Der Kontakt hielt bis heute. Theresa war allerdings erst später dazu gestoßen und es war ihr nie ganz leicht gefallen, sich auf den Humor der »alten Hasen« einzustellen. Damals war sie nicht nur ein blutiger Anfänger, sondern auch wenig gesellig gewesen. Bei fast allen Zusammenkünften wirkte sie einsilbig und distanziert. Tom hatte das Gefühl, sie war nur seinetwegen dabei. Er versuchte, sie mehr einzubeziehen, spielte ihr immer wieder Bälle zu, von denen er glaubte, sie könnte sie nutzen. Und am liebsten hätte er ihr von seiner Schlagfertigkeit eine dicke Portion abgegeben. Aber viel hatte es nicht genutzt.

Dann kam jenes Oktoberwochenende. Fünf oder sechs Jahre war das jetzt her. Er und Theresa waren zu Katja und Michael gefahren. Schon ein paar Tage zuvor hatte es den ersten Schnee gegeben. Sie fröstelten, als sie ankamen. Also schlug Katja eine Aufwärmrunde in der Sauna vor. Danach sollte es Essen geben.

Theresa fiel natürlich aus allen Wolken. Sauna! Und das mit Katja und Michael! Es war ihr sichtlich unangenehm, so plötzlich alle Hüllen fallen lassen zu müssen. Das merkte Tom ihr deutlich an. Außerdem hasste sie Sauna, wie ihr jede Art von großer Hitze absolut zuwider war. Sie verabscheute das enge Beieinander schwitzender Körper und die dicken Nebelschwaden, die den Aufgüssen folgten. Sie hatte ihm einmal berichtet, Saunaluft würde ihr förmlich den Hals zuschnüren.

Trotzdem gab sie an diesem Abend nach, wickelte sich verschämt in ein großes Badelaken und stieg zu den anderen auf die Bank. Als Michael, der hinter ihr saß und sich für einen Moment vorgebeugt hatte, ihr etwas ins Ohr flüsterte, errötete sie. Tom konnte nicht hören, worum es ging. Er war mit Katja in ein Gespräch vertieft, musste über ihre Berichte immer wieder lachen und nahm Michaels Bewegung nur aus den Augenwinkeln wahr. Dem Anschein nach waren dessen Worte ausschließlich für Theresa bestimmt gewesen.

Tom schaute zu ihr rüber. Der alte Charmeur schien ihr ordentlich einzuheizen. Auf ihrer Stirn standen kleine Schweißperlen. Und er war sicher, dass die nicht nur dem Saunagang geschuldet waren.

Zu seinem Unmut wechselte Katja abrupt das Thema und fragte nach der Eierstockzyste, die der Gynäkologe drei Wochen zuvor bei Theresa festgestellt hatte. Tom hatte es ihr erzählt und gehofft, die Sache würde vertraulich bleiben. Aber was blieb bei jemandem wie Katja schon vertraulich?

»Alles wieder gut?«, wollte Katja jetzt von Theresa wissen.

Deren ohnehin zart rote Gesichtsfarbe vertiefte sich. Mit versteinerter Miene schaute sie zu ihrem Mann herauf und hob ein wenig hilflos die Schultern. »Angeblich ja.«

»Spürst du denn noch etwas?«, fragte Katja weiter.

Theresa schüttelte den Kopf.

Tom erinnerte sich, wie sie ihm erleichtert berichtet hatte, dass das merkwürdige Gefühl im Unterbauch wieder verschwunden war.

»Ich kann ja nachher mal schauen, ob noch was zu sehen ist«, bot die Freundin an.

Mit Nachdruck berührte Tom deren Knie. Konnte sie nicht endlich die Klappe halten? Theresa tat ihm fast leid, wie sie da saß und um Fassung rang. Aber Katja war unerbittlich.

»Ist doch eine schnelle Nummer. Kein Grund zur Beunruhigung. Außerdem hab ich gerade ein mobiles Gerät zum Testen bekommen. Ich muss mich sowieso damit beschäftigen.«

»Lasst uns abkühlen«, mischte sich Michael in den Disput ein und erhob sich von seinem Platz dicht unter der Decke.

Theresa war die Erste, die die Sauna verließ. Als würde sie es nach Michaels Worten keine Minute länger aushalten, warf sie das Handtuch auf eine Bank und stürzte unter die Dusche. Tom nahm die Blicke von Katja und Michael wahr. Das erste Mal, dass sie seine Frau nackt sahen. Fast empfand er so etwas wie Stolz dabei.

Sein Weib war wirklich eine Augenweide, wie sie so dastand mit ihrem langen roten Haar, den Kopf unter der Dusche weit nach hinten gelegt. Noch immer mit einer unglaublichen Figur und um einiges schlanker als Katja, deren Hüften deutlich gerundet wirkten.

Ungeniert stellte er sich hinter Theresa und umfing sie mit beiden Armen. »Du bist schön, Tess. Entspann dich.« Er lächelte ihr aufmunternd zu und schob sie schließlich ein wenig zur Seite, um selbst den kühlen Wasserstrahl über seinen Körper laufen zu lassen.

Theresa wickelte aus ihrem Handtuch einen Turban, unter dem das nasse Haar verschwand, und schlüpfte in den Bademantel, den Katja ihr hingelegt hatte. So setzte sie sich an den Tisch, begutachtete die angerichteten Speisen und goss schwungvoll Rotwein in ein Glas.

Für Tom schien es, als wolle sie sich Mut antrinken. Er ließ sich an ihrer Seite nieder. »Wie läuft’s bei euch?«, fragte er an die Freunde gerichtet und wechselte dabei unauffällig das Thema.

Katja und Michael betrieben wie er und Theresa eine Gemeinschaftspraxis. Sie als Gynäkologin, er als Allgemeinmediziner. Soweit er wusste, waren die beiden zufrieden mit dem Erfolg ihres Geschäfts.

»Wir haben den perfekten Standort gewählt«, sagte Michael und schenkte reihum alle Gläser voll. »Die Leute sind nett und die Tatsache, dass wir uns zusammen niedergelassen haben, erweist sich als kluger Schachzug.«

Katja hatte zuvor die gynäkologische Abteilung eines kleinen Krankenhauses geleitet. Während Michael wie sein Bruder in der väterlichen Praxis festhing. Mit der eigenen Niederlassung hofften sie, dem ewig gleichen Trott zu entrinnen. Und das schien ihnen nun also gelungen zu sein. Sie wirkten entspannt und gut gelaunt.

Katja nickte auf Toms Frage ebenfalls und ergänzte mit einem süffisanten Lächeln: »Micha zieht die Frauen an, ich die Männer. … Nee, natürlich Quatsch. Aber im Grunde hätten wir die Fachgebiete tauschen sollen.«

Sie lachten, während sie mit großem Appetit von Salaten, Käse und einem schmackhaften, dünn aufgeschnittenen Schinken aus Dalmatien aßen.

»Und was sagt die Konkurrenz?«, wollte Tom wissen.

Katja kaute bedächtig und spitzte den Mund. »Ihr werdet lachen, die üben sich in Zurückhaltung. Allerdings sind die alten Männer auch nicht wirklich ernst zu nehmen.« Sie nahm einen großen Schluck Wein.

Da war sie wieder, Katjas blasierte Art. Tom hatte schon so manches Mal beobachtet, wie sich Theresa in solchen Situationen auf die Lippen biss, damit ihr kein unangebrachter Kommentar entfuhr.

»Woran liegt das?«, bohrte er dennoch weiter.

»Am Alter«, sagte Katja. »Fünfzehn Jahre machen schon einen großen Unterschied. Ihr wisst ja, Erfolg ist in unserer Branche eher was für die Jüngeren.« Sie grinste und schob hinterher: »Und für schöne Männer.« Dabei zwinkerte sie Tom zu und schaute dann ihren eigenen Mann an. »Michael kann sich vor gut aussehenden Frauen nicht retten. Der Vorteil: Sie kommen dann zwangsläufig auch zu mir.« Sie griff nach einer Gewürzgurke und ließ ihre Zunge aufreizend darum kreisen, bevor sie den herzhaften Bissen in ihren noch immer kräftig geschminkten Mund beförderte.

Tom schmunzelte. »Dann machen wir ja alles richtig. Unsere weiblichen Neupatienten landen bei mir, die männlichen bei Theresa.« Er schaute mit verschwörerischer Miene zu ihr hinüber. Würde sie den Ball heute parieren?

»Das funktioniert tatsächlich«, bestätigte sie ohne Umschweife.

Sie hatte es also kapiert. Tom atmete tief durch, lehnte sich zurück und lauschte wie die beiden anderen den Worten seiner Frau.

»Man erreicht mehr Compliance, wenn es ein bisschen knistert … Am Anfang haben wir das nicht gezielt eingesetzt. Aber als uns bewusst wurde, dass es mit dieser Strategie besser läuft, war es sofort beschlossene Sache.«

»Ihr spielt bewusst mit eurem Sexappeal?« Katja zog überrascht die Brauen hoch. »Und wenn jemand explizit darauf besteht, von dir oder von Tom behandelt zu werden?«

Theresa machte eine lässige Bewegung mit der Hand, in der sie das Weinglas hielt. »Kein Problem! Dann ist es eben so. Die paar, die wirklich nur zu Tom oder zu mir wollen, sind die Ausnahme von der Regel. Und wenn sie ein Implantat oder Veneer brauchen, tauschen wir sowieso.« Sie schaute zu Tom. »Er kann es immer gar nicht erwarten, ein bisschen rumzuschnippeln. Und ich mach mir mehr daraus, Transluzenzen abzustimmen.«

Michael nickte anerkennend. »Das hört sich nach perfekter Teamarbeit an. … Da haben wir schon ein bisschen mehr Mühe, oder, mein Schatz?«

Er tätschelte seiner Frau das runde Knie, wobei die Schöße ihres Bademantels auseinanderglitten. Katja blieb jedoch gelassen und machte keinerlei Anstalten, sich Michaels Hand zu entziehen.

Ihr Mann schien über etwas nachzudenken und legte dabei die Stirn in Falten. »Eure Geschichte erinnert mich an eine Story, die irgendwann mal durch die Presse geisterte. Von einer Zahnarztpraxis, in der alle Mädels blond waren …« Er schaute auffordernd zu Theresa, als könne sie mehr dazu sagen.

Sie erinnerte sich in der Tat. »Stimmt. Der Typ hatte nur blonde Mitarbeiterinnen …«

» … und die Presse unterstellte ihm Absicht«, ergänzte Tom.

Michael guckte interessiert. »War es das?«

»Keine Ahnung.« Tom grinste. »Wegen der Berichterstattung jedenfalls ging ihm wohl der Arsch auf Grundeis. Er dementierte, dass er ausschließlich blond akzeptierte, und hat inzwischen auch ein paar dunkelhaarige Schönheiten dabei.«

Katja seufzte. »Schönheiten ist ein gutes Stichwort. Davon hätten wir auch gern mehr.« Sie warf Michael einen vielsagenden Blick zu. »Unser größtes Problem bei der Mitarbeitersuche. Da melden sich manchmal Leute …« Sie schüttelte den Kopf, » … du kriegst echt das Heulen.«

»Katja hat recht. Die kannst du wirklich nicht auf Patienten loslassen, mein Lieber.« Michael klopfte Tom jovial auf die Schulter und zwinkerte ihm zu. »Ihr dagegen habt da ein paar Schnuckelchen …«

»Im Guten oder im Schlechten?«, fragte Tom leicht amüsiert.

»Im Guten natürlich.« Michael boxte ihn. »Im Guten. … Da würd‘ ich nicht zögern, mich auf den Stuhl zu legen.«

Dieser Satz schien Katjas Stichwort zu sein. Plötzlich war sie hellwach und berührte Theresa auffordernd am Arm. »Komm. Eh ich’s vergesse, lass uns schnell nach deiner Zyste schauen.«

Theresa hatte offenbar gehofft, Katja hätte ihren Vorschlag von vorhin längst vergessen. »Mach dir meinetwegen keine Mühe. Nächste Woche bin ich sowieso wieder bei meinem Arzt«, versuchte sie auszuweichen.

»Quatsch!« Katja war bereits aufgestanden. »Ist doch kein Aufwand, mal kurz reinzugucken. Fünf Minuten, dann sind wir wieder hier.«

»Soll ich mitkommen?«

Tom setzte für Theresa seinen fürsorglichen Blick auf. Es tat ihm leid, dass er sie in diese Lage gebracht hatte. Im Nachhinein ärgerte er sich darüber, Katja gegenüber Theresas Problem erwähnt zu haben.

Seine Frau schaute frustriert sie zu ihm rüber. Dann folgte sie Katja, die schon auf der Treppe nach oben war. Ihm fiel auf, dass sie leichte Koordinationsschwierigkeiten hatte. Eindeutig zu viel Wein, dachte er dann doch wieder belustigt.

Die beiden Männer blieben allein zurück. Michael hatte von irgendwoher seine Rauchutensilien geholt und begann, eine Pfeife zu stopfen. Er musterte Tom nachdenklich.

»Auch eine?«

Tom nickte.

Michael war passionierter Pfeifenraucher, seit sie sich kannten. Auch Tom hatte in der Studentenzeit Gefallen daran gefunden. Allerdings beschränkte er das Pfeiferauchen inzwischen auf die Stunden, da er beim Fliegenbinden im Keller saß. Er brauchte die passende Stimmung dafür. Und in die kam er fast nur noch, wenn er an den fummeligen Ködern zum Fliegenfischen bastelte.

Während er nun mit dem Stopfen beschäftigt war, hielt Michael bereits ein langes Kaminholz über seine Pfeife und rauchte sie an. Dann drückte er den Tabak nach, entzündete ein zweites Kaminholz, hielt es noch einmal über den Pfeifenkopf und gab es an den Freund weiter. Schweigend beobachteten sie die dunkel aufsteigenden Rauchwölkchen.

»Was ist mit deiner Frau los? Ich dachte, du hättest die Sache endlich im Griff«, meinte Michael wie beiläufig.

Tom ahnte, worauf er anspielte. »Hab ich. Aber im Beisein anderer ist sie nach wie vor sehr zurückhaltend.«

»Also nix mit ein paar netten Stunden zu viert?«

Er schüttelte den Kopf und schwieg.

Dieses Thema hatte er längst ad acta gelegt. Und nur deshalb wieder in Erwägung gezogen, weil der Besuch hier bei Michael und Katja anstand. Aber ob Theresa sich darauf einlassen würde? Er hatte nicht die leiseste Ahnung.

»Sollen wir einen Versuch starten?«, hakte Michael nach.

Tom musterte ihn. Er wusste, dass Theresa den gemeinsamen Freund interessant fand. Dessen Präsenz, die Schlagfertigkeit und wohl auch sein Aussehen hatten sie in der Vergangenheit immer wieder dazu veranlasst, mit Tom das Gespräch zu suchen. Im Gegensatz zu ihm selbst, dem schon lange klar war, dass er nicht zu Theresas bevorzugtem Männertyp gehörte, traf das auf Michael zu. Mit dem dunklen Haar und den beinahe schwarzen Augen entsprach er ihrem persönlichen Schönheitsideal. Einmal hatte sie Tom gefragt, ob er mit Katja je etwas am Laufen gehabt hätte. Vermutlich aber zielte diese Frage auf etwas anderes ab. Er hatte sie im Verdacht, dass sie seine Reaktion prüfen wollte, wenn sie Interesse an Michael bekundete.

»Würde es dir etwas ausmachen?«, versuchte Michael jetzt, sein Schweigen zu interpretieren.

Tom schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bin mir nur nicht sicher, wie Theresa das findet …«

Michael legte seine Pfeife ab und stand auf. »Komm«, sagte er. »Wir schauen mal nach den Mädels. Ich bin sicher, da ist schon was im Gange. Die bleiben viel zu lange weg.«

»Im Gange?« Tom feixte. »Zwischen Katja und Tess?«

»Genau das.« Michael zwinkerte vielsagend. »Ich könnte meinen Arsch darauf verwetten, dass sich Katja diese Gelegenheit nicht entgehen lässt.«

Und dann hatte die Sache ihren Lauf genommen. Nicht so, wie erwartet, aber immerhin. Von wegen mangelnde Offenheit!

Am Morgen, der jenem Oktoberabend folgte, hatte Theresa allerdings schon in aller Frühe darauf bestanden abzureisen. Sie schämte sich offenbar so sehr für das, was geschehen war, dass sie es nicht ertragen konnte, auch nur eine Stunde länger zu bleiben.

Auf der Fahrt nach Hause hatten sie kein einziges Wort gewechselt. Selbst Wochen später war jedes Gespräch über die Ereignisse dieses Abends absolut tabu gewesen. Schließlich hatte Tom es aufgegeben, darauf zu hoffen, dass Theresa das Erlebte jemals kommentieren würde.

Als er jedoch kürzlich eine ähnliche Szene in einer ihrer Geschichten beschrieben fand, war er ganz überrascht von den Emotionen, die sie auf ihre Protagonistin projizierte. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben. Aber nicht, weil er es hatte geschehen lassen, sondern weil er nie darauf bestanden hatte, darüber zu reden. Denn vieles, was seitdem zwischen ihnen passiert war, stand plötzlich in einem völlig neuen Licht.

4 Zweifel

Das Schnarren des Rasenmähers brach ab und Tom schreckte aus seinen Gedanken auf. Er musste Diesel nachfüllen. Als er das erledigt hatte, genehmigte er sich eine Zigarette.

Während er den bitteren Rauch genussvoll inhalierte, schritt er die frisch angelegten Beete ab, um nach Schnecken zu schauen. Sie sammelten sich in den aufgestellten Bierfallen. Ein ekelerregender Anblick. Trotzdem würde er die Fallen erst morgen leeren. Heute erzeugte ihm schon allein die Vorstellung daran Brechreiz.

Er drückte die Kippe am Bretterverschlag des Komposthaufens aus und beförderte sie in eine extra zu diesem Zweck aufgehängte Blechdose. Deren Inhalt hatte sich verdächtig vermehrt. Er musste dringend mit Jule sprechen. Es ging nicht an, dass sie schon so selbstverständlich diesem Laster frönte!

Erneut warf er den Rasenmäher an und war bereits nach kurzer Zeit wieder in einen tranceähnlichen Trott verfallen. Das Motorengeräusch hatte etwas Beruhigendes. Es umgab ihn wie ein schützender Kokon, gegen den jeder andere Laut schlagartig verblasste.

Die Sonne stand schon weit im Westen, wärmte aber noch immer so angenehm, dass er sich mit dem Achselshirt, das er zur Cargohose trug, absolut wohl fühlte. Es würde ein schöner Sommer werden, keine Frage. Nachdem das Frühjahr so zeitig eingesetzt hatte, vermutete er, dass ihnen auch eine lange Hitzeperiode bevorstand. Vielleicht sollte er sich nach einem zweiten Rasensprenger umschauen. Das alte Teil, das er noch in der Garage stehen hatte, konnte er getrost vergessen. Es taugte nur noch für den Sperrmüll.

Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass Theresa das Haus verließ. Sie trug die Leine um den Hals und machte ihm Zeichen, dass sie mit der Hündin spazieren gehen wollte. Er winkte ihr zu.

Ja, gut, sollte sie. Früher hatten sie das oft zusammen getan, aber inzwischen ging jeder von ihnen auch gern mal seiner eigenen Wege. Kein Wunder, dass Theresa sogar den Wunsch verspürte, ihre Urlaubstage ohne ihn zu verbringen.

Dieser Gedanke führte ihn zurück zu seinem eigentlichen Problem. Zu der Frage, die sich seit Tagen wie ein kleiner aber permanenter Schmerz in seinem Hirn eingenistet hatte. Was, wenn Theresas Urlaub der Anfang vom Ende wäre?

Sein Mund wurde trocken. Er schluckte.

Reihenweise fielen ihm Kollegen ein, die das bereits hinter sich hatten. Das Ende. Und dann? Man konnte es auf eine einfache, aber katastrophale Formel bringen: Frau weg, Haus weg, Praxis weg.

Tom spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach.

Himmel! Was dachte er da bloß! Warum sollte sie ihn verlassen? Weil sie erotische Geschichten schrieb? Weil sie allein mit dem Hund spazieren ging? Weil sie Zeit brauchte für sich? Verdammt! Nach fünfzehn Jahren war das doch normal, oder? Etliche Beziehungen fielen hin und wieder mal in den Schlafmodus. Warum sollte das ausgerechnet für seine eigene das Ende bedeuten?

Ein bedrohlich klackerndes Geräusch drang an sein Ohr. Oh Shit! Er war an der Rasenkante neben dem Carport angelangt. Jetzt flogen ihm unvermittelt feine Steinchen um die Ohren und prallten gegen den schwarzen Lack des Wranglers.

Er ging in die Hocke, um den Schaden zu begutachten. Fahrig wischte er mit der bloßen Hand über die Schlammspritzer vom Vortag. Glück gehabt. Neben den langen Kratzern, die irgendwelche Sträucher bei seinen Geländefahrten hinterlassen hatten, konnte er keine neuen Beschädigungen erkennen. Am liebsten hätte er das jetzt für ein gutes Omen gehalten. Doch er fürchtete, dass er es sich damit zu einfach machte. Er brauchte einen Plan. Eine Art Vorsichtsmaßnahme. Irgendetwas, das dazu geeignet war zu verhindern, dass Theresa überhaupt erst Trennungsabsichten entwickeln konnte.

Beinahe fieberhaft überschlug er seine Chancen.

Er fand sich ganz ansehnlich, war ein engagierter Vater. Er konnte hervorragend kochen und Liebe ging ja bekanntlich durch den Magen. In seiner Gesellschaft fühlte man sich gut unterhalten, darüber hinaus war er einigermaßen beschlagen in handwerklichen Dingen. Das durfte man schließlich auch nicht außer Acht lassen. Nahm man seinen Erfolg als Zahnarzt hinzu und seine Beliebtheit bei den Mitarbeitern, konnte er sich eigentlich gar nicht vorstellen, was Theresa an ihm auszusetzen haben sollte. Na ja, das Rauchen und hin und wieder trank er auch mal einen Whisky zu viel. Aber sonst? Sie konnte sich auf ihn verlassen. Er hatte ihr nie Grund zur Eifersucht gegeben. Seine Weste war absolut rein, was das betraf.

Musste man sich also von einem wie ihm trennen?

* * *

Als Theresa an diesem Abend ihre Schreibarbeiten beendete und den Laptop herunter fuhr, vernahm sie überraschend deutlich die nächtlichen Geräusche des Hauses. Bei Jule lief noch der Fernseher. Im Keller surrte die Tiefkühltruhe. Und das Schnarchen von Tom ertönte so durchdringend laut, dass sie für einen Moment überlegte, ob sie hier unten auf dem Sofa übernachten sollte.

Kaum hatte sie sich vom Schreibtisch erhoben, stand Elsa in der Tür. Fast lautlos war sie die Treppe herunter gekommen. Zeit für ihr spätabendliches Geschäft.

Theresa ließ die Hündin in die Dunkelheit hinaus und trat selbst auf die Terrasse, um den übers Grundstück flitzenden Schatten wenigstens halbwegs im Blick zu behalten.

Wie alle Ridgebacks besaß Elsa einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. Aber wenn sich Wild in unmittelbarer Nähe des Hauses aufhielt, konnte sie den schon mal zugunsten ihres Jagdtriebs vergessen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie über den Zaun setzte, um einer Spur zu folgen.

Von den Teichen jenseits der Hauptstraße war der Gesang einer Nachtigall zu hören. Theresa lauschte. Gleich würden auch die melancholischen Sänger einfallen, die im Robinienwäldchen hinterm Feld nisteten. Und tatsächlich dauerte es nicht lange, da drangen aus dieser Richtung ebenso durchdringende Schluchzer an ihr Ohr. Dann Gezwitscher, kurze melodiöse Triller, schrilles Pfeifen und wieder lange tiefe Schluchzer.

Wunderschön!

Sie wollte sich gerade in einem der Terrassenstühle niederlassen, um sich der geheimnisvollen Atmosphäre hinzugeben, als Elsa um die Hausecke bog und zielstrebig auf das hell erleuchtete Wohnzimmer zusteuerte. Theresa seufzte enttäuscht. Sie trat hinter ihr ins Haus und schloss die Tür.

Oben im Schlafzimmer öffnete sie sofort beide Fenster. Der Nachtigallengesang war Balsam für ihre Seele. Nur allzu gern ließ sie sich davon einlullen. Und Tom schlief so fest, dass er es ohnehin nicht wahrnahm.

Doch bevor sie sich hinlegte, ging sie noch einmal zu Jule, schaltete deren Fernsehgerät ab und duldete, dass Elsa zu ihr aufs Bett stieg und sich neben ihr zusammenrollte. Jule drehte sich herum, legte mit einem winzigen Knurren einen Arm über Elsas Rücken und schlief weiter. Auf Zehenspitzen verließ Theresa das Zimmer ihrer Tochter.

Für sie war an Schlaf allerdings nicht zu denken. Tom schnarchte zum Gotterbarmen. Wann diese Art der Ruhestörung solche Ausmaße angenommen hatte, dass sie sich regelrecht gestört fühlte, konnte sie nicht mehr sagen. Inzwischen schien es ihr, als wäre es immer so gewesen. Am Anfang hatte es ihr noch leidgetan, wenn sie ihn deswegen aus dem Schlaf reißen musste. Wenn sie an ihm rüttelte oder versuchte, ihn zu einem Seitenwechsel zu bewegen. Aber das half sowieso nur für wenige Minuten. Kaum war er wieder tief eingeschlafen, setzte das laute, durchdringende Geräusch von Neuem ein. Irgendwann hatte sie es schließlich aufgegeben. Nur wenn sie gar keine Ruhe fand und den Ärger darüber in sich aufsteigen spürte, kam es vor, dass sie ihm demonstrativ die Nase zuhielt. Meist fuhr er dann schlaftrunken hoch, stierte mit einem völlig entrückten, wilden Blick an ihr vorbei und ließ sich zurück in die Kissen sinken. Gegen das Schnarchen half es nicht. Aber es gab Theresa die Genugtuung, sich wenigstens ein bisschen gewehrt zu haben.

Über die Zeit gewöhnte sie sich eine ganz eigene Strategie an, Toms Unart auszublenden. Mit fast übermenschlicher Kraft konzentrierte sie sich dann auf die Laute, die von draußen kamen, und erfand Szenen dazu. Das monotone Rattern eines Güterzuges beispielsweise versetzte sie auf einen Bahnhof. Sie sah die einzelnen Waggons an sich vorüberziehen und begann zu zählen. Wenn es sehr stürmisch war und die alten Weiden unten an den Teichen laut knackten, als würde der Wind sie umreißen wollen, mischte sich das Schnarchen ganz selbstverständlich in ihre Phantasien von mystischen Waldspaziergängen. Am schönsten aber war es, wenn im Frühjahr die Nachtigallen ihren Gesang anstimmten. Das machte sie geradezu selig. Stunde um Stunde lauschte sie, dankbar für jede neue Melodie.

Inzwischen hatte sie sich belesen. Sie wusste, dass nur die Männchen sangen. Und dass ihnen diese Fähigkeit nicht angeboren war, sondern dass sie sie erlernen mussten. Um so unglaublicher erschienen ihr die Vielfalt und überwältigende Schönheit der Töne.

Heute dachte Theresa daran, dass sie in wenigen Wochen nach Bornholm reisen würde, auf die Insel der Nachtigallen, wie es hieß. Sie würde ihnen endlich frei von anderen Tönen lauschen können, sich in ihrem betörenden Gesang verlieren und schlafen, schlafen, schlafen. Ja, darauf freute sie sich sehr. Auf einen ungestörten, traumlosen Schlaf.

Wieder ein lauter, abgerissener Schnarcher, der ihre Gedankengänge unterbrach.

Warum suchte sie eigentlich nicht das Weite? Sie könnte im Gästezimmer schlafen oder im Arbeitszimmer auf dem Sofa. Schließlich musste sie für ihren Job in der Praxis ebenso fit sein wie Tom. Doch warum sollte gerade sie aus dem gemeinsamen Schlafzimmer ausziehen? Er schnarchte. Er sollte gefälligst etwas dagegen tun! Sie hatte ihm schon vor längerer Zeit geraten, sich von einem befreundeten Kollegen eine Schnarchschiene anpassen zu lassen. Das wäre zwar nicht sehr erotisch, würde ihm und ihr aber ruhige Nächte bescheren. Außerdem – Erotik. Die war ihnen ja wohl schon länger abhandengekommen. Gemeinsames Baden wie gestern nur möglich, wenn sie ungestört blieben, was äußerst selten oder gar nicht absehbar war. An ‚richtigen‘ Sex wagte sie gar nicht erst zu denken.

Von Blowjob und Handbetrieb jedenfalls hatte sie die Nase gestrichen voll. Sie wollte Tom in sich spüren. Die Last seines Körpers, die Kraft seiner Lenden unter ihren Händen fühlen, wenn er sich auf sie legte. Er sollte sie ausfüllen, sich in ihr bewegen, sie voller Leidenschaft und Lust über die Klippe treiben. Sie wollte, dass er ihr in die Augen schaute dabei. Sie wollte seine Liebe sehen. Sie konnte sich einfach nicht damit abfinden, dass es das zwischen ihnen nicht mehr geben sollte. Was half es da, dass er ihr regelmäßig schöne Wäsche schenkte und sie mit seinen Spielzeugen verwöhnte?