The Million Cover Face 1 - ANGRY - Nora Amelie - E-Book

The Million Cover Face 1 - ANGRY E-Book

Nora Amelie

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Beschreibung

Um den Diebstahl seiner Model-Fotos aufzuklären, zieht Marc nach Berlin. Er ahnt nicht, dass er dort vor einer Horde hysterischer Liebesroman-Fans flüchten muss, dass die Täter-Suche eine alte Freundschaft gefährdet und dass sein Herz in starke Turbulenzen gerät. Doch die Schatten der Vergangenheit bedrängen ihn. Kann er die Kontrolle über sein Leben zurückgewinnen?

Spannender Gegenwartsroman mit aufregenden Typen, selbstbewussten Frauen und schwarzen Vögeln. Tiefgang, Humor und Romantik inklusive.


Im Roman geht es um folgende Tropes:
  • Secret Identity
  • Romantic Suspense
  • Junge Erwachsene
  • Stolen Face
  • Machtmissbrauch & Vertrauen
  • Opposites Attract
  • Trauma und Heilung
  • Forced Proximity
  • Slow Burn
  • Neighbors to Lovers
  • Exes to Friends

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch
Prolog
1 Unglücksboten
2 Von Mann zu Mann
3 Adam
4 Die Elfe
5 Pinkes Desaster
6 Es gibt solche und solche
7 Unerwartete Begegnung
8 Christian, der Große
9 Herrenbesuch
10 Avancen
11 Der Ernst der Lage
12 Svenja
13 Unter Nachbarn
14 Nachts in Berlin
15 Sonntag
16 Der Deal
17 Wanted!
18 Mieses Spiel
19 In den Startlöchern
Wie weiter in der Fortsetzung?
Marc, Adam und die Frauen
Mehr über die Autorin
IMPRESSUM

Nora Amelie

The Million Cover Face – angry

Roman Teil 1

Über dieses Buch

Um den mysteriösen Diebstahl seiner alten Model-Fotos aufzuklären, zieht Ex-Arzt Marc nach Berlin. Er ahnt noch nicht, dass er dort vor einer Horde hysterischer Liebesroman-Fans flüchten muss, dass die Suche nach dem Täter eine langjährige Freundschaft gefährdet und dass sein Herz nicht nur wegen Nachbarin Nika in gefährliche Turbulenzen gerät. Doch die Schatten seiner Vergangenheit werden immer länger. Kann er die Kontrolle über sein Leben zurückgewinnen?

»The Million Cover Face – ANGRY« ist Teil 1 des Romans um Dr. Marc Dubois und drei Frauen, die sein Herz berühren. Die eine ist seine Ex, in die andere verliebt er sich und die dritte würde er beim ersten Treffen am liebsten übers Knie legen.

Im Roman geht es um folgende Tropes:

Secret Identity

Stolen Face

Machtmissbrauch und Vertrauen

Opposites Attract

Trauma und Heilung

Forced Proximity

Slow Burn

Neighbors to Lovers

Exes to Friends

Die beiden Fortsetzungen Teil 2 GUILTY und Teil 3 LOVELY erscheinen in Kürze ebenfalls in deinem bevorzugten E-Book-Shop und sind vorbestellbar.

Hinweis zum Cover: Das Cover wirkt, als würde sich hinter cremefarbenen Stofffalten das Bild eines Männermodels verbergen. Sein Gesicht wird nur durch die großen Lettern des Romantitels sichtbar.

Prolog

Sie rannten durch die schmale Gasse hinterm Theater, dann quer über den Marktplatz, rein in die um diese Zeit totenstille Passage und weiter Richtung Stadtpark. Aber bevor sie ihn erreichten, machten sie einen Schlenker nach rechts und nahmen den von Nebelschwaden gesäumten Weg zum Fluss. Erst am Ufer blieben sie keuchend stehen, um in die Nacht zu lauschen.

Das Stimmengewirr hinter ihnen hatte sich fast gänzlich verloren. Offensichtlich waren sie dem Mob entwischt.

»Scheiße, Mann, ist das immer so?« Marc fuhr sich aufgebracht durchs Haar. »Alter! Das mach ich aber nicht lange mit!«

Adam lachte verhalten. »Dafür gab‘s fünfhundert Mäuse und die hier.« Er griff in seine Sakkotasche und hielt ein Knäuel Höschen hoch. »Jedes noch mal fünfzig wert.« Während er sie zurücksteckte, hob er herausfordernd das Kinn. »Zeig mal deine!«

»Ich hab nicht so viele.« Marc zog missmutig seine Beute hervor. »Sag ich doch. Nur fünf.« Mit spitzen Fingern hielt er sie dem anderen hin. »Hier. Ich will die Dinger nicht.«

»Du weißt ja nicht, was dir entgeht.« Wieder erklang das unterdrückte Lachen von Adam. Dann griff er zu und verstaute die restlichen Höschen in der Innentasche seines Sakkos.

»Und was jetzt?« Marc starrte auf das träge dahinfließende Wasser. »Hier können wir uns nicht mehr blicken lassen.«

»Quatsch. Bis morgen haben die Schnapsdrosseln unsere Gesichter wieder vergessen.«

»Sicher? Ich hab da meine Zweifel.«

Adam legte Marc den Arm um die Schulter und dirigierte ihn zur Straße zurück. »Was denkst du, wo die ihre Augen hatten, hm?« Er blieb stehen und guckte belustigt. »Dein hübsches Lächeln ist denen egal, glaub mir.« Dann deutete er mit dem Kopf nach unten und griff Marc blitzschnell in den Schritt. »Das ist das Einzige, was die interessiert. Manchmal schließen sie vorher Wetten ab, wer den größeren hat.«

Marc krümmte sich, auch wenn der plötzliche Angriff von Adam keinen echten Schmerz verursachte.

Scheiße! Der hatte sie wohl nicht mehr alle!

Adam schob ihn ungeduldig weiter. »Jetzt krieg dich wieder ein, Kumpel. So sind die Weiber eben. Bei unsereinem schreien sie los, wenn wir ihnen zu lange auf die Titten gaffen. Und hintenrum stecken sie dir ihre Nummer zu.« Er zückte zwei Visitenkarten und hielt sie triumphierend in die Höhe. »Siehst du? Die hier ist von ... Madeleine«, las er laut vor. »Und die von der lieben Kitty. Ah, klingt nach einer Professionellen. Kann gleich wieder weg.« Achtlos ließ er die Karte fallen.

Langsam hatte Marc das Gefühl, im falschen Film zu sein. »Und du triffst die dann hinterher?«

»Warum nicht? Irgendjemand muss sich doch um die Gewinnerin kümmern, oder?« Adam feixte.

»Aber heute ...«

»Heute ist ne Ausnahme«, fiel er ihm ins Wort. »Aber beim nächsten Mal legen wir jeder eine flach. Mindestens.«

Marc verhielt instinktiv den Schritt. Er war doch kein Freiwild! Gegen die Show an sich war ja nichts einzuwenden. Aber sich von der aufgeheizten Menge begrapschen zu lassen – nee! Darauf konnte er verzichten!

Unbeirrt zog Adam ihn weiter. »Doch, doch, mein Freund. Schon wegen der hier.« Er klopfte sich seitlich auf die Sakkotasche. »Meine Abnehmer warten.«

»Pfui Teufel!« Marc verzog angewidert das Gesicht. »Das versteh, wer will ...«

»Lass uns einen Absacker nehmen«, schlug Adam vor. »Und dann ab ins Körbchen. Beim nächsten Mal siehst du das alles gelassener.«

Wenn es ein nächstes Mal gibt. »Ich muss morgen früh raus«, protestierte Marc. »Hab keinen Bock, das Physikum zu vermasseln.«

»Das passt schon. Bist doch ein schlaues Bürschchen.« Adam drängte weiter. »Bei Papa Klaus wird’s jetzt erst gemütlich. Vielleicht können wir ja doch noch ne Mieze klarmachen.«

»Für mich nicht.«

»Quatsch. Für dich auch. Was der Mann braucht, muss er haben.«

Was weißt du schon, was ich brauche?, dachte Marc, unwillig hinter Adam hinterhertrottend. Frauen, die beim Anblick gut definierter Männerkörper ausrasteten und ihm mit ihrem alkoholgeschwängerten Atem blöde Anmachsprüche entgegenschleuderten, gehörten definitiv nicht dazu.

Während sie sich auf den Weg in ihre Stammkneipe auf dem Campus machten, grübelte er darüber, wie er aus der Nummer wieder rauskam ...

1 Unglücksboten

Marc steht gegen die Glasfront seines Penthouses gelehnt, trinkt Kaffee und beobachtet währenddessen die beiden Raben, die in einiger Entfernung auf dem Rand einer tönernen Pflanzschale hocken. Abwechselnd beugen sie sich vor, senken die Schnäbel ins Wasser und richten sich wieder auf, sobald sie ein paar Tropfen zu sich genommen haben. Seltsamerweise legen sie den Kopf nicht in den Nacken beim Schlucken, wie man das erwarten würde. Es sieht eher danach aus, als könnten sie das Wasser in sich hinein saugen.

Die schwarz Gefiederten sind ihm schon aufgefallen, als er vor zwei Monaten hier einzog. Bis dahin hatten sie sich wohl mit der Regenrinne begnügen müssen, die unterhalb seiner Dachterrasse verläuft. Inzwischen jedoch füllt er jeden Morgen die eigens für sie aufgestellte Tonschale mit frischem Wasser. Wenn seine Vorräte es hergeben, legt er ihnen auch ein paar Brocken rohes Fleisch dazu. Sicher könnte er sie mit den Resten seines Essens füttern. Raben sind ja angeblich Allesfresser. Aber das erschien ihm bislang als unangemessen. Erst recht, da er sich gelegentlich von ihnen beobachtet fühlt und dann immer daran denken muss, welch hohe Intelligenz man diesen Vögeln nachsagt. Vielleicht ist das mit dem weisen Raben gar kein so großer Firlefanz, wie die Leute behaupten ...

Manchmal glaubt er, aus ihrer Richtung sogar so etwas wie Dankbarkeit zu spüren. Schließlich hat er ihnen Namen verpasst. Und das hätte er gewiss nicht getan, wenn er nicht davon ausgehen würde, dass sie bei ihm bleiben.

Ein spöttisches Grinsen schleicht sich in sein Gesicht. Bei ihm bleiben ... Als könnten die beiden Vögel bewusste Entscheidungen treffen. Einen Spleen hat er wohl schon, wenn er das denkt. Aber egal – er wird ihre Gesellschaft genießen, solange es eben geht. Vielleicht ja für länger. In der Mythologie gelten Raben als Unglücksboten, als gefährlich, diebisch, wahlweise auch hinterhältig. Doch wenn sogar der Londoner Tower eine Schar davon hält, muss ihnen ja schon irgendetwas Gutes anhaften ...

Marc stößt sich mit den Schultern von der Glaswand ab, schlendert rüber zur Brüstung und schaut über die Dächer ringsum. Die wenigsten sind begrünt oder mit solch großzügigen Dachterrassen versehen, wie er sie neuerdings sein eigen nennt. Lauter vertane Gelegenheiten. Er hat wirklich Glück gehabt.

Unwillkürlich schnellt sein Blick wieder zu den Raben ... Ist das eins von den guten Zeichen, die er ihnen gern andichten würde?

Das Smartphone in seiner Hosentasche vibriert. Er wirft nur einen flüchtigen Blick aufs Display und geht ran. »Daniel«, brummt er in den Hörer. »Du störst meine Morgenandacht.«

»Ach komm, es ist nach neun.«

»Bei dir.« Marc schnaubt. »Hier liefen gerade die Acht-Uhr-Nachrichten.« Was zwar stimmt, aber nichts an der Tatsache ändert, dass er sie wie so häufig in letzter Zeit verpasst hat. Die Raben zu beobachten, hat etwas Meditatives. Das kann er gerade besser brauchen als Nachrichten. Seit Tagen fühlt er sich extrem angespannt. Da muss er jede Gelegenheit nutzen, sich zu erden.

»Ich schätze, du bist trotzdem scharf auf meine News«, kommt es vom anderen Ende.

»Gibt’s denn welche?«

»Und ob!«, entgegnet Daniel, bevor er wieder schweigt.

Marc sieht ihn förmlich vor sich, wie er die Brauen hebt, während er bedeutungsschwer vor sich hin nickt. Er neigt zu Übertreibungen. Bei seinen News scheint es sich jedenfalls nicht um die Geschäfte zu handeln, denen sie beide nachgehen. Das wüsste Marc. Niemand ist so gut informiert wie er. Auch Daniel nicht. Der hockt gerade auf seiner Ferieninsel und schaukelt sich die Eier. Während Marc an den Kursentwicklungen der Kryptos klebt. Die sind morgens sein erster und abends sein letzter Gedanke. Er guckt sogar nachts nach dem Rechten aus Sorge, Wesentliches zu verpassen.

»Na los, sag schon! Was ist es diesmal?«, verlangt er ungeduldig.

Der andere stößt hörbar Luft aus. »Eine Dreiecksgeschichte.«

»Was?«

Scheiße! Schlagartig wird ihm flau im Magen. Der nächste Stress. Dass das aber auch nie ein Ende nimmt ...

Dennoch versucht er, sich vor Daniel nichts anmerken zu lassen. Bisher hat er es stets geschafft, cool und souverän zu bleiben. So souverän, wie man es von ihm gewohnt ist.

»Dann bin ich diesmal nicht allein drauf?«

»Nein. Es gibt einen Zweiten. Aber kein Gesicht, das ich kenne.«

»Ich vielleicht.«

»Möglich ... Die Autorin heißt Sarah Tears.«

Marc öffnet die Amazon App auf seinem Smartphone und gibt den Namen ein, während er ihn halblaut vor sich hin murmelt. Innerhalb von Sekunden findet er, was er sucht.

»Interessant«, stellt er lakonisch fest. Den Typen, mit dem er sich diesen neuen Auftritt teilt, erkennt allerdings auch er nicht. Kein Wunder. Er steht mit dem Rücken zum Betrachter.

»Und?«, hakt er nach. »Hat Jeannie mehr über diese Geschichte erzählt?«

Jeannie ist Daniels Freundin und sitzt sozusagen an der Quelle. Sie liest diesen ganzen Scheiß ...

»Nicht viel. Es geht um zwei Freunde, die sich in dieselbe Frau verlieben.«

»Ja klar. Du sagtest: Dreiecksgeschichte.«

»Aber hier ist es Absicht.«

»Wie ... Absicht?«

»Die Typen haben das so abgesprochen.«

Marc runzelt die Stirn. »... Du meinst: Sie wollen sich eine Frau teilen?«

»So hab ich das verstanden.«

»Was für ein Schwachsinn«, grummelt er. Dann trinkt er seinen Kaffee aus und geht zurück in die Wohnung. »Hast du schon was über die Autorin rausgefunden?«

Er schiebt die Terrassentür zu, verriegelt sie und tippt ein paar Befehle auf dem Display daneben ein. Augenblicklich fahren die Außenjalousien herunter, so dass sich ein dezenter Schatten über den großen Wohnraum legt.

»Nichts«, kommt es währenddessen vom anderen Ende. »Sie hat eine Website. Die gibt aber genauso wenig her wie das Impressum des Buches. Ich schätze, sie benutzt ein Pseudonym.«

»Tun sie ja alle«, wirft Marc ein.

»Genau. Und deshalb wird es ne Weile dauern, ehe ich dir mehr sagen kann.« Daniel hält erneut ein paar Sekunden inne und fügt hinzu: »Oder nichts. Kommt drauf an, wie gut sie sich versteckt.«

Tief aus Marcs Brust presst sich ein unartikulierter Laut. So langsam geht ihm die Sache auf die Nerven.

»Wie lange bleibt ihr noch?«, will er von Daniel wissen, dessen Geturtel auf Kreta kein Ende zu nehmen scheint.

»Mal sehen. Jeannie ist es zu einsam hier. Sie will mehr Strand, mehr Leute, mehr shoppen.« Der Freund lacht sarkastisch. »Perfektes Timing, oder? Derweil rinnt mir die Zeit durch die Finger.«

»Solange du Netz hast ...«, stellt Marc trocken fest und läuft mit dem Telefon am Ohr Richtung Bad. »Wir müssen uns vertagen, mein Lieber. Ich hab einen Termin.«

»Klar, mach mal. Ich plansche im Pool ne Runde für dich mit.«

»Zwei«, gibt Marc zurück.

»Was?«

»Zwei Runden. Ich muss mich bewegen, sonst setze ich an.«

Daniels gutmütiges Lachen klingt ihm noch in den Ohren, als das Gespräch bereits beendet ist.

Über das Waschbecken gebeugt, putzt Marc sich die Zähne und stellt sich dabei vor, was Daniel und Jeannie wohl im Pool treiben mögen. Denn dass der Freund dort nur seine Muckis trainiert, nimmt er ihm nicht ab. Dafür hat er ein paar Mal zu oft durchblicken lassen, wie kreativ er in Sachen Sex ist und dass er genau damit bei den Frauen punkten kann. Okay, vielleicht doch Muckis. Aber eher die unter der Gürtellinie.

Marc kennt Jeannie nur von Fotos. Und so, wie sie aussieht, tut Daniel gut daran, sie zu verstecken. Er wacht sogar darüber, dass sie bei den gelegentlichen Videocalls nicht etwa unvermittelt ins Bild gerät. Der muss wirklich eine Höllenangst davor haben, dass ihm einer seiner vielen Freunde und Bekannten das Mädel ausspannt.

Wir haben alle unser Kreuz zu tragen, denkt Marc belustigt und spuckt mit dem Rest Zahnpasta auch das flaue Gefühl aus, das ihn schon wieder zu übermannen droht, wenn er an Daniels News denkt.

Wenige Minuten später verlässt er das Haus Richtung S-Bahn. Unterwegs hört er sich den Podcast eines Kollegen zur Kursentwicklung des Bitcoin an.

Die Branche ist gerade in heller Aufregung. Von Tag zu Tag legt die wichtigste Kryptowährung an Wert zu. Waren sie vor einem halben Jahr noch bei dreitausend Euro, kostet der Bitcoin jetzt fast das Dreifache davon. Und er hat nicht nur einen. Er hat viele Coins. So viele, dass ihm manchmal himmelangst wird. Wenn das so weitergeht, erleben sie demnächst Verhältnisse wie Ende zwanzigsiebzehn.

Marc seufzt.

Und Kumpel Daniel hockt auf einer Insel im Mittelmeer und chillt auf Anordnung seiner Liebsten vor sich hin. Das muss so was von an den Nerven zerren ... Er möchte wahrlich nicht in seiner Haut stecken. Er weiß schon, warum er derzeit lieber auf Frauen verzichtet.

In der Ferne taucht die Bahn auf. Marc setzt zu einem kleinen Spurt an.

*

Die gute Anbindung an die Öffentlichen war ihm bei seiner mehrere Monate währenden Wohnungssuche in Berlin wichtig. Er fährt zwar ganz gern Auto, aber Fahrspaß kann man hier komplett vergessen. Nicht nur wegen der ständigen Staus in der Innenstadt, sondern auch wegen der leidigen Parkplatzsuche. Sein Auto hat er kurzerhand abgeschafft. Wenn er nach außerhalb will, kann er eins mieten. Ansonsten lebt er jetzt so, dass die wichtigsten Hotspots der Stadt zu Fuß, per Bahn oder mit dem Rad erreichbar sind. Heute allerdings ist es zu heiß fürs Fahrrad. Er wäre völlig durchgeschwitzt, wenn er in seiner neuen Zahnarztpraxis ankäme.

Während er die zwei Stationen bis zu seinem Umsteigepunkt zurücklegt, beobachtet er ein Pärchen, das flirtend in der Mitte des Waggons steht, und muss unweigerlich wieder an Daniel denken. Eines hat der Freund ihm voraus: Er geht die Sache mit den Frauen entspannter an. Dass er Jeannie vor allen verbirgt, kam eher zufällig zustande, wurde dann zu einem Selbstläufer und hat sich schließlich zu einem Running Gag entwickelt, dem Daniel nun stets und ständig gerecht zu werden versucht. Ansonsten hat Marc das Gefühl, der Mann wüsste ziemlich genau, wie Beziehung funktioniert, was geht und was nicht und an welchen Stellschrauben er drehen muss, um den Familienfrieden zu erhalten. Na ja, Familie ist jetzt ein bisschen übertrieben. Er und Jeannie sind ja nicht verheiratet. Noch nicht. Aber was soll das auch – heiraten? Ist doch altmodisch!

Am Westkreuz wechselt Marc die Bahn und findet sich knapp zehn Minuten später im Verkehrsgewusel des Potsdamer Platzes wieder. Hier, direkt im Zentrum der Hauptstadt, ist es so heiß und stickig, dass er sich augenblicklich in sein klimatisiertes Penthouse zurückwünscht. Eine Schnapsidee, bei diesem Wetter zum Zahnarzt zu gehen. Aber wer konnte ahnen, dass schon Anfang Mai eine erste Hitzewelle über sie hereinbrechen würde? Das Wetter spielt langsam wirklich verrückt. Na, wenigstens haben sie einen Fahrstuhl und er kann sich das schweißtreibende Treppensteigen sparen.

Der Aufzug hält im elften Stock. Auf Marcs Klingeln öffnet sich leise surrend eine Tür aus mattiertem Glas.

In Sachen Stil und Eleganz ist er mittlerweile einiges gewohnt. Schließlich hat er sich sein Studium mit den verschiedensten Jobs finanziert, unter anderem als Model – er hat Glück mit seinem Aussehen. Aber dass das hier eine Zahnarztpraxis sein soll, hätte er auf den ersten Blick nicht vermutet. Der Bodenbelag in dunklem Rot kontrastiert hervorragend zu strahlend weißen Wänden. Die wie in einer Galerie nebeneinander aufgereihten überdimensionalen Fotografien haben, soweit er es beurteilen kann, durchaus künstlerischen Wert. Und der mit genarbtem Leder bezogene Rezeptionstresen setzt dem Ganzen die Krone auf. Er wirkt nicht nur, als schwebe er im Raum, sondern unterstreicht das elegante Understatement der Räumlichkeiten auf eindrucksvolle Weise.

Schon im Internet fand er das schick. In echt haut es ihn fast um.

»Herr Dubois?«, hört er seinen Namen.

Überrascht gleitet sein Blick zu der attraktiven, braunäugigen Blondine hinterm Tresen.

»Willkommen in unserer Praxis. Ich hoffe, Sie haben gut hergefunden.«

Sie ist aufgestanden. Fast erwartet Marc, dass sie hinter dem Möbel hervorkommt, um ihm die Hand zu schütteln. Doch sie lächelt nur und legt ein Tablet vor ihn hin.

»Ich würde Sie bitten, unseren Anamnesebogen auszufüllen. Sie sind ja heute zum ersten Mal hier.« Das Lächeln um ihre geschminkten Lippen vertieft sich. »Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Kaffee oder Schorle?« Mit der ausgestreckten Hand deutet sie nach links. »In unserem Wartezimmer stehen auch Karaffen mit frischem Wasser bereit.«

»Das reicht mir«, sagt Marc und greift nach dem Tablet. Dabei spürt er das angenehm weiche Leder der Tresenoberfläche unter den Fingern. So angenehm, dass er versucht ist darüberzustreichen.

»Gut. Dann gebe ich Dr. Scherzer Bescheid, dass Sie da sind«, meint die Blondine, während sie etwas in ihren Computer tippt. »Wenn Sie mögen, setzen Sie sich gern auf die Terrasse. Ich fürchte nur, es ist zu heiß draußen.«

Marc nickt, denkt, dass sie ihm diese Entscheidung getrost überlassen kann, und wendet sich dem Wartebereich zu. Bis auf zwei Anzugträger, die sich leise miteinander unterhalten und kaum Notiz von ihm nehmen, ist es hier leer.

Er setzt sich in einen schlichten, apfelgrünen Sessel, schlägt die Beine übereinander und lässt das Ambiente auf sich wirken.

Der Minimalismus aus dem Vorraum setzt sich hier fort. Wenige, aber stilvolle und sogar richtig bequeme Möbel, eine kleine Bar, auf der neben den versprochenen Wasserkaraffen Tageszeitungen und Magazine ausliegen, und eine geschickt in eine Nische eingebaute Garderobe.

Sein Blick bleibt an einem Sideboard hängen, auf dem mehrere Bücher angeordnet sind. Links davon befindet sich die Tür zur Terrasse.

Wenn er nachher fertig ist, wird er noch einen Blick nach draußen werfen. Aus der elften Etage dürfte man einen gigantischen Blick über die Stadt haben. Bestimmt weiter als von seiner Dachterrasse aus. Aber tatsächlich weiß er im Moment zu schätzen, dass die Temperaturen hier im Warteraum erträglich sind. Auf der Terrasse wird es kaum auszuhalten sein.

Vorn am Anmeldetresen gibt es Bewegung. Kurz darauf kommt die braunäugige Blondine zu ihm. »Dr. Scherzer bittet Sie noch um Geduld«, entschuldigt sie sich bei ihm für die Verspätung, die ihn offenbar erwartet. »Sein Termin verzögert sich.«

»Kein Problem.« Marc nickt freundlich.

Wartezeiten ist er gewohnt. Sie sind ihm willkommene Gelegenheit, Mails, News und Börsenkurse zu checken. Warum also sollte er sich über so was aufregen?

Eine weitere Angestellte erscheint, spricht mit einem der Anzugträger und begleitet ihn dann zu den Behandlungszimmern. Der zweite Typ folgt den beiden ohne ein weiteres Wort.

Marc zieht irritiert eine Braue hoch, als er ihm hinterherschaut. Trägt der etwa ne Knarre unterm Sakko?

Als müsse er sich vergewissern, dass ihm seine Wahrnehmung keinen Streich spielt, wirft er einen Blick auf die Rezeptionsdame. Doch für die scheint hier alles normal zu laufen. Also konzentriert er sich wieder auf das Tablet. Der obligatorische Fragebogen wartet.

Beim Papierkram ist er jedes Mal hin und her gerissen. Einerseits findet er es gut, wenn man auf seine Bedürfnisse eingehen möchte, andererseits ist es einfach nur lästig, die immer gleichen Fragen zu beantworten. Wer hat Sie empfohlen? Was führt Sie zu uns? Ist das wirklich von Belang, wenn er mal eben kontrollieren lassen will, ob seine Zähne in Ordnung sind? Seine alte Praxis hat dichtgemacht. Jetzt braucht er einfach eine neue.

»Herr Dubois? Es tut mir leid, aber Dr. Scherzer ist noch immer in der Behandlung. Unerwartete Komplikationen«, hört er die Dame von der Rezeption sagen.

Er schaut auf. Mit missmutig verzogenem Schmollmund steht sie vor ihm. Die Verzögerung ist ihr sichtlich unangenehm.

»Möchten Sie trotzdem warten? Ich kann Ihnen natürlich auch anbieten, dass ein anderer unserer Ärzte Ihren Termin übernimmt ...«

»Wenn das geht ...« Er hält ihr das Tablet hin.

»Aber natürlich. Frau Dr. Mertens ist sofort bei Ihnen.«

Sie ist kaum wieder nach draußen verschwunden, da taucht im Türrahmen eine weitere Frau auf. In einem eng anliegenden weißen Shirt zu einer ebenfalls weißen Jeans. Das ebenholzfarbene Haar hat sie zu einem Dutt hochgebunden. Um ihren Hals baumelt ein Lupenbrillenmodell, wie Marc es von Zahnärzten mittlerweile gewohnt ist.

Verdammt hübsch, schießt ihm als Erstes durch den Kopf. Und als Zweites gratuliert er sich zu der Entscheidung, sich heute Morgen auf eine Anzughose festgelegt zu haben. Obwohl ihm bei dem Wetter der Sinn eher nach Shorts und Tanktop steht. Aber wer geht schon im Freizeitlook zum Zahnarzt? Außerdem – Kleider machen Leute. Er weiß, dass die richtigen Klamotten über den ersten Eindruck bestimmen. Und bei dieser Frau mit ihrem Lächeln und der kecken Stupsnase ist ihm der plötzlich wichtig.

Vage kommt sie ihm bekannt vor. Was vermutlich daran liegt, dass er die Internetseite seiner neuen Zahnarztpraxis ausgiebig studiert hat. Wahrscheinlich gibt es dort ein Foto von ihr, wie von allen anderen im Team.

»Guten Tag, Herr Dubois.« Die Zahnärztin hält ihm die Hand hin. »Ich bin Lara Mertens. Tut mir leid, dass Sie nun mit mir vorliebnehmen müssen.«

Marc erhebt sich aus seinem Sessel und greift nach der ausgestreckten Hand. »Das muss Ihnen nicht leidtun.« Ganz und gar nicht, denkt er und fragt sich im Stillen, warum er den Termin nicht gleich bei ihr gemacht hat. Wie alt sie wohl ist? Älter als dreißig bestimmt nicht, oder?

Während er darum bemüht ist, ihr nicht zu auffällig auf den wohlgeformten Hintern zu starren, folgt er ihr in die Tiefen der Praxis und lässt sich auf den Small Talk ein. Wobei ihre Worte gar nicht so richtig bei ihm ankommen. Er lauscht mehr auf ihre Stimme. So glockenhell und rein und dann ohne jeden Akzent, das hört man selten. Er wüsste nur zu gern, woher sie kommt, dass sie so ein sauberes Hochdeutsch spricht.

Das Behandlungszimmer, das sie betreten, ist nicht sehr groß, aber hell und angenehm klimatisiert. Vor allem riecht es nicht nach Zahnarzt.

Frau Dr. Mertens deutet auf ein apfelgrünes Sofa und nimmt selbst auf dem Sessel gegenüber Platz. »Was kann ich für Sie tun, Herr Dubois?« Lächelnd schlägt sie die Beine übereinander und schenkt ihm einen aufmerksamen Blick.

Sogar seinen Namen spricht sie richtig aus, ohne sich dabei die Zunge zu verbiegen, stellt Marc amüsiert fest. Dann spult er die Informationen ab, die ihm wichtig erscheinen. Währenddessen allerdings wirbeln seine nicht unbedingt jugendfreien Gedanken umher. Die großen dunklen Augen der hübschen Zahnärztin sind nicht ganz schuldlos daran.

Herrgott noch mal, denkt er. Das hier ist ein Arzttermin, kein Date!

»Regelmäßige Prophylaxe empfehle ich Ihnen weiterhin, aber ein Bleaching halte ich nicht für nötig«, fasst die Zahnärztin den Inhalt seiner Worte schließlich zusammen. »Sie haben von Natur aus helle Zähne. Also werden wir vorerst nur Ihren Problem im Oberkiefer beobachten. Wenn Sie einverstanden sind, fordere ich von Ihrer vorherigen Praxis die Röntgenbilder an, um vergleichen zu können.«

Marc nickt zerstreut, während sie lächelnd auf den Behandlungsstuhl deutet. »Dann nehmen Sie bitte Platz.«

Er ist seltsam angespannt, als er die langen Beine auf die Polster schwingt und sich zurücklegt, während Frau Dr. Mertens den Stuhl auf Knopfdruck ausrichtet. Kurz darauf schwebt Ihr Gesicht mit der Lupenbrille so dicht über ihm, dass er jede Hautpore und jede Unregelmäßigkeit in ihrem Teint erkennen könnte, wenn er genauer hinschauen würde.

In den behandschuhten Fingern Spiegel und Sonde, tippt sie an seine Unterlippe. Das Signal, den Mund zu öffnen. Er überlegt, die Augen zu schließen, statt auf den Flatscreen an der Decke zu starren. Doch dann wandert sein Blick ein bisschen alibimäßig hierhin und dahin und als er sicher ist, dass weder die Assistentin noch die Zahnärztin selbst etwas merkt, bleibt er an ihrem ebenholzschwarzen Haar hängen.

So glattes, seidiges Haar ist ihm selten untergekommen. Eigentlich kennt er das nur von Svenja, seiner Ex. Allerdings in einem gänzlich anderen Ton. Frau Dr. Mertens hat ihres für die Arbeit locker zurückgebunden. So locker, dass sich jeden Moment eine Strähne daraus lösen könnte.

Fast wünscht er sich das. Fast hofft er darauf, dass sie durch eine unbedachte Bewegung dafür sorgt und sich von dieser Strähne ein bisschen wuschig machen lässt. Sie würde wohl den Arm heben und versuchen, sie hinters Ohr zu streichen. Hinter diese niedlichen kleinen Ohren, in denen auf jeder Seite eine dunkle Perle glänzt.

Die Zahnärztin beginnt, ihrer Assistentin den Status zu diktieren, und Marc lauscht wieder auf ihre wohlklingende Stimme. Schade, dass sie Mundschutz trägt. Wie gern würde er ihre vollen Lippen betrachten und die geraden weißen Zähne, die vorhin beim Sprechen dahinter vorblitzten. Ein Mund wie ihrer kann einem Mann schon süße Träume bescheren ...

Ach, verdammt!

Er ruft sich die aktuelle Bitcoinkurve in Erinnerung, als er merkt, was seine Gedanken auslösen und dass er dringend Ablenkung braucht. Dann beginnt er, Zahlen zu Gleichungen zusammenzufügen. Und zwingt sich letztlich sogar dazu, den Code seiner allerersten Wallet, einer Art Konto für die Transaktion von Kryptowährungen, gedanklich vor sich her zu sagen.

Als die Zahnärztin ihre Untersuchung beendet, klopft sein Puls wieder normal. Aber er spürt ein leichtes Bedauern darüber, dass sich ihr und sein Dunstkreis nun wieder auseinanderdividieren.

An der Rezeption, wohin sie ihn kurz darauf geleitet, treffen sie auf einen ihrer Kollegen. Ein attraktiver, dunkelhaariger Mann mit einem gepflegten, kurz gehaltenen Bart.

»Jetzt kann ich Sie doch noch mit Dr. Scherzer bekanntmachen«, sagt Frau Dr. Mertens.

Der Mann dreht sich um, als er seinen Namen hört. »Ah, Frau Mertens. Danke, dass Sie meinen Termin übernommen haben.« Er schenkt der Zahnärztin ein umwerfendes Lächeln, mustert Marc und wirkt für einen Moment, als würde er sich an etwas erinnern. »Herr Dubois, nehme ich an?«

»So ist es.« Marc nickt. »Ihre Kollegin hat sich bestens um mich gekümmert.«

Scherzer scheint sich darüber zu freuen. Seine Augen leuchten auf. »Davon bin ich überzeugt. Frau Dr. Mertens ist eine von den Guten.«

Die Zahnärztin errötet bei diesem Lob. Was einfach hinreißend ausschaut und das Mädchenhafte in ihr erneut zum Vorschein bringt. Am liebsten würde Marc besänftigend den Arm um sie legen. Doch er ist abgelenkt. Denn Scherzer hat jetzt schon zum zweiten diesen seltsamen Blick aufgesetzt. Als würde er krampfhaft darüber nachdenken, wohin er den neuen Patienten stecken soll.

Ein Blick, den Marc kennt. Aber das ist unmöglich, oder? Der liest doch keine Liebesromane! Herausfordernd hält er dem Blick des anderen Mannes stand.

»Irgendwoher kommen Sie mir bekannt vor«, meint Scherzer schließlich, während er sich wieder dem Tresen zuwendet, wo er Papiere unterschreibt, die ihm seine Mitarbeiterin hingelegt hat. »Sind wir uns schon mal begegnet?« Ein fragender Blick streift Marc.

Der zuckt die Achseln. »Nicht dass ich wüsste. Ich bin neu in Berlin.«

»Sicher eine Verwechslung«, murmelt Scherzer, bevor er den Stift zurücklegt und ihm stattdessen die Hand hinhält. »Ich muss wieder. Hat mich gefreut, Herr Dubois. Und – willkommen in Ihrer neuen Zahnarztpraxis.« Mit einem Nicken in Richtung seiner Kollegin verschwindet er wieder.

Frau Dr. Mertens macht ebenfalls Anstalten zu gehen. Sie überreicht Marc ihre Visitenkarte. »Wegen eines Termins zur Besprechung der Röntgenaufnahmen rufen Sie vorher an. Dann kann ich das kurzfristig einschieben.« Sie hat sich schon fast umgedreht, da fällt ihr noch etwas ein. »Und lassen Sie bitte die Adresse Ihrer bisherigen Praxis da. Damit wir uns die alten Aufnahmen zuschicken lassen können.«

Marc nickt. Dass es die alte Praxis nicht mehr gibt, fällt ihm erst wieder ein, als die Zahnärztin bereits in ihrem Sprechzimmer verschwunden ist.

2 Von Mann zu Mann

Am frühen Abend hat Marc sein Tagespensum erledigt und lehnt sich erleichtert in seinem Schreibtischstuhl zurück. Während er mit über dem Kopf erhobenen Armen ein paar Dehnübungen macht, beobachtet er die beiden Monitore mit den Währungs- und Kryptokursen. Allerdings ist das nur Routine. Seine Gedanken sind längst wieder woanders. Sie kreisen um die Geschichte, die Daniel ihm morgens erzählt hat, um diesen neuen Roman, auf dessen Cover sein Gesicht wieder mal zu sehen ist. Und es gärt in ihm. Heute mehr als sonst. Er muss endlich in die Puschen kommen und etwas dagegen unternehmen, verdammt!

In den letzten Monaten hat er wahrhaft eine steile Karriere als Coverboy gemacht. Das muss man schon sagen. Wenns danach geht, taugt er als talentierter Liebhaber ebenso gut wie als kaltblütiger Mafia-Boss, Drogenbaron, Multimilliardär, ja selbst als schottischer Zeitreisender.

Nicht zu fassen!

Am Anfang hat er noch geglaubt, das würde bald wieder aufhören. Niemand, der halbwegs bei Verstand ist, verwendet ein Gesicht für sein Romancover, das in der Buchbranche inzwischen so bekannt ist wie seines. Aber er hat sich geirrt. Was sich ändert, sind Setting und Figuren, meistens der Name der Autorin und halbwegs auch der Titel. Darin dominieren häufig Formulierungen wie verführt, verkauft, gezähmt, beherrscht und düster. Manche Autorinnen nennen es Dark Romance oder geben ihren Storys irgendwelche Zusätze, in denen dann noch das Wort Fake vorkommt.

Wenn es das doch nur wäre, ein Fake! Nichts gegen Fantasie, gern auch schön schmutzig. Aber dass er für irgendwelchen Schwachsinn seinen Kopf hinhalten muss, und zwar nicht nur im übertragenen Sinne, sondern äußerst bildhaft, findet er inzwischen nicht mehr lustig.

Das Problem ist: Die Sache beginnt, unangenehme Blüten zu treiben. Nicht nur Daniels Freundin Jeannie hat ihn auf den Covern ihrer Bücher erkannt. Auch eine Bekannte sprach ihn darauf an. Er war zwei-, dreimal mit ihr im Bett. Nichts Weltbewegendes, aber nachdem sie herausgefunden hatte, dass sein Gesicht auf den Umschlägen diverser Liebesromane prangt, hätte es wohl weltbewegend werden können. Sie wollte nämlich prompt wissen, was er vom gemeinsamen Besuch in einem Swingerclub hielte. Jemand wie er hätte doch sicher Spaß daran.

Jemand wie er? Das heißt dann wohl im Klartext, dass die Leserinnen solcher Geschichten die männliche Hauptfigur mit dem Typen auf dem Cover gleichsetzen. Und wenn er eines hasst, dann Behauptungen wie, er sei durch und durch verkorkst, ginge über Leichen und interessiere sich einen Scheißdreck für die Gefühle einer Frau. Das nämlich steht in solchen Geschichten über die männlichen Helden. Oft jedenfalls.

Aber, so ist er nicht!

Langsam hat er die Schnauze voll. Er hat keinen Bock mehr darauf, wegen solcher Bücher dermaßen verkannt zu werden – und das auch noch in aller Öffentlichkeit. Wenn er diese Sarah Tears in die Finger kriegt, kann sie sich frisch machen. Natürlich hat sie nicht damit angefangen, sein Foto für hanebüchene Storys wie diese Dreiecksgeschichte zu missbrauchen. Aber sie ist der berühmt berüchtigte Tropfen, der das Fass nun zum Überlaufen bringt. Um seines Seelenfriedens Willen – das kann er nicht mehr einfach so hinnehmen!

Marc beugt sich weit über den Schreibtisch und greift nach der Flyersammlung der umliegenden Restaurants. Als hätten die eine Spürnase dafür, wer wo wann neu ist, haben sie ihre Empfehlungen pünktlich zu seinem Umzug im Briefkasten hinterlassen. Seitdem probiert er sie alle durch. Umweltfreundlich ist das natürlich nicht – schon allein wegen der Verpackung, in der das Essen geliefert wird. Aber danach fragt sein Magen gerade nicht.

Na wenigstens kann er die Reste der Steaks, für die er sich heute entscheidet, später einer sinnvollen Verwertung zuführen. Soweit er weiß, mögen Raben auch gegartes Fleisch.

Nachdem er bestellt und bezahlt hat, zieht er sich mit seinem Smartphone und den Kopfhörern auf die Dachterrasse zurück. Gut eine halbe Stunde bleibt ihm zum Telefonieren, bevor sein Abendessen eintrudelt.

Die Tage sind inzwischen so lang, dass die Sonne selbst um diese Zeit noch immer hoch am Himmel steht. Was für seine Solarpanels ein Segen ist, er wird die Klimaanlage nach Herzenslust nutzen können. Die Hitze ist ätzend. Wenn er nicht das Sonnensegel über seine selbst gebaute Frühstücksbar gezogen hätte, wär’s kaum auszuhalten. Aber das Licht ist freundlicher geworden und nicht mehr so grell wie mittags.

Er sinkt auf einen der Stühle, scrollt durch seine Kontakte und drückt eine Nummer, die schon ziemlich am Ende der Liste gelandet ist.

»Alter Schwede!«, schallt ihm Sekunden später eine markante dunkle Stimme entgegen. »Dich hab ich ja überhaupt nicht mehr auf dem Schirm!«

Marc grinst. Tatsächlich dürfte das letzte Telefonat mit Adam Monate zurückliegen. Über Arbeit und Umzug hat er Bekannte und Freunde sträflich vernachlässigt. Muss er leider zugeben.

»Wo steckst du, Mann?«, will Adam wissen. »Warum seh ich dich nicht mehr?«

»Bin umgezogen.«

»Was? Wohin?«

»Berlin.«

»Ach du Scheiße. Hast also wirklich ernst gemacht ... Was willst du Landei in der großen weiten Welt?«

Früher, in einem anderen Leben, wäre Marc bei dieser Formulierung zusammengezuckt. Aber sie macht ihm längst nichts mehr aus. Schon gar nicht, wenn sie von Adam kommt. Für den ist jeder ein Landei, der nicht in Hamburg wohnt und in schöner Regelmäßigkeit um den Globus jettet.

In Marcs Fall ist vielleicht sogar was dran. Er hat zwar in Hamburg gelebt und studiert, was ihm unter anderem die Bekanntschaft mit Adam einbrachte. Aber sooft er konnte, hat er sich nach Lübeck geflüchtet. Und gegen Hamburg ist Lübeck ein Nest. Es tat immer gut, ein paar Tage in dem Häuschen am Fluss zu verbringen und Ruhe vor dem Großstadttrubel zu haben. Außerdem konnte er dort bei so ziemlich jedem Wetter sein gewohntes Schwimmtraining absolvieren und musste dafür nicht in ein öffentliches Schwimmbad gehen.

Hier in Berlin ist es damit nun leider vorbei. Zum Schwimmen muss er ins Velodrom. Was im Grunde okay ist. Mit dem Rad schafft er den Weg in fünf Minuten. Aber es ist eben nicht dasselbe wie daheim. Das wäre es nicht mal, wenn er an einen der Seen fahren würde, die die Hauptstadt tatsächlich hat. Als eingefleischtes Nordlicht, mit Ost- und Nordsee aufgewachsen, gibt er nicht allzu viel auf ein Bad in einem puplauen Tümpel. Und dann wüsste er auch gar nicht, welchen der puplauen Tümpel er überhaupt auswählen sollte, weil er nicht ganz so puplau ist wie alle anderen. Dann wirklich lieber eisig kalt in einem Gebirgssee. Damit könnte er sich am ehesten anfreunden.

Aber so ist das nun mal. Sein Gefühl hat ihm gesagt, es wäre Zeit für diesen Schritt, für mehr Nähe zum pulsierenden Leben.

»Ich dachte, ich nehm mal ne Nase voll Berliner Luft«, sagt er jetzt auf Adams Frage und lacht. »Fühlt sich immerhin nicht so versnobt an wie in der HafenCity.«

»Na, na, na«, macht sein Freund, stimmt aber in das Lachen ein. »Wo bist du denn untergekommen?«

»Prenzlauer Berg.«

»Wie sich das für ein typisches Landei gehört.« Adam schnaubt amüsiert. »Und? Schön?«

»Gemütlich«, sagt Marc. »Zentral, schick und kultig.«

»Aber das war nicht der Grund für den Umzug, oder?«

»Natürlich nicht. Ich brauchte mal bisschen Abstand.« Marc verschränkt die Hände im Nacken, legt den Kopf zurück und blinzelt gegen die tief stehende Sonne. »Meine Mutter hat endlich geheiratet und wohnt jetzt bei dir um die Ecke.«

»Ach nee ...«

»Doch. Treppenviertel.«

»Na, schau einer an. Und euer Haus in Lübeck?«

»Steht leer.«

»Genau. Man könnte es ja vermieten, aber man weiß nie, ob dem Landei die große weite Welt bekommt.«

---ENDE DER LESEPROBE---