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Der griechische gelehrte Ptolemy bezeichnete die Inselgruppe der Andamanen im 2. Jhd. als "Inseln des Glücks". Vielleicht aus dem Grund, weil die Völker, die dieses Land bewohnten, ein Leben im Einklang und als Teil der Natur und ihrer Gaben führten. Die Zwänge und Herausforderungen einer Gesellschaft, wie es sie zu Ptolemys Zeiten gab, waren ihnen unbekannt. Mit der Kolonialisierung der Inselgruppe im 19. Jhd. begannen die indigenen Völker jedoch ihre traditionelle Lebensweise zu verlieren. Nur den Sentinelesen auf der kleinen Insel North Sentinel Island ist es gelungen, sich von den Einflüssen unserer modernen Kultur erfolgreich abzugrenzen. Bis heute leben sie als eines der letzten Urvölker dieser Erde in völliger Isolation wie zu prähistorischer Zeit. Der Autor erzählt die Geschichte der neuzeitlichen Besiedelung der andamanischen Inselgruppe und den damit verbundenen Kampf der Sentinelesen und der anderen Urvölker der Andamanen gegen den Vormarsch unserer Zivilisation in ihren Lebensraum.
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Seitenzahl: 77
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Die Insel der
Urmenschen
Das Urvolk der Sentinelesen
„Ein Wilder ist nicht jemand der im Wald lebt, sondern jemand der den Wald zerstört.“
Sentinelesen auf North Sentinel Island
Titelgestaltung: Karsten Hennig
Titelbild gezeichnetvonJamesLim
Foto: Fotolia/aboard
2. AuflageJanuar 2015
Copyright © 2015Karsten Hennig, Oldenburg (OLDB)
Alle Rechte vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis:
Vorwort
Einführung
Ein paar Worte zur Geografie
Die Geschichte der Andamanen
Die Jangil und die Groß-Andamanesen
Jack Andamans Reise nach Kalkutta
Johann Helfer bei den Groß-Andamanesen
Die Havarie der Emily
Neue Siedler kommen auf die Insel
John Hagenbeck bei den Groß-Andamanesen
Das Ende der stolzen Wilden
Die Jarawa
Die „Andaman Trunk Road“ wird gebaut
Die Onge
James Edward Alexander besucht Ongeland
Der Onge-Krieg
Portman und die Onge
Die Onge werden zivilisiert
Die Geschichte von North Sentinel Island
Die Havarie der Nineveh
Ungebetene Gäste
Die Havarie der Primrose
Im Dienst der Wissenschaft
Die Insel wird Sperrgebiet
Der Tsunami von 2004
Der Tod zweier Wilderer
Anmerkung des Autors
Literaturnachweis
Begonnen hat es mit einem Zeitungsartikel über eine kleine Insel und ihre Bewohner im Indischen Ozean, der mich zu der Recherche zu diesem Buch inspiriert hat. Die Rede war von einem Volk, das isoliert von der Welt noch heute, wie schon seit Menschengedenken, seine archaische Lebensweise beibehalten hat. Zwar haben auch seine Menschen Bekanntschaft mit unserer fortschrittlichen Zivilisation gemacht, sich aber bewusst dafür entschieden nichts von dem anzunehmen, was ihr Leben vermeintlich erleichtern würde. Stattdessen haben sie uns unmissverständlich klargemacht, dass sie auf ihrem Eiland nicht gestört werden möchten. Somit wissen wir fast nichts über ihre Lebensweise, ihre Bräuche und Riten und ihre familiären und gesellschaftlichen Beziehungen. Bei der Lektüre der mir zugänglichen Literatur über dieses Inselvolk geht es hauptsächlich um die Erfahrungen, die über die Jahrhunderte bei den Versuchen einer Kontaktaufnahme gemacht und aufgeschrieben wurden. Dabei kam es nicht selten zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Inselbewohnern, die ihr Territorium gegen Eindringlinge verteidigen wollten und den ungebetenen Gästen. Gerade diese dramatischen Ereignisse finden dann ihren Weg in die Literatur und bleiben uns als einzige Zeugnisse der Vergangenheit erhalten. Dieses Buch ist das Resultat dieser Recherche und in den beschriebenen Ereignissen spiegelt sich folglich oft diese Gewalt. Meine Intention ist es aufzuführen, welchen Einfluss unsere moderne Zivilisation auf das Leben der indigenen Völker auf den Andamanen hatte und noch heute ausübt. Dazu halte ich es für sinnvoll, darzustellen wie wir uns im Laufe der Geschichte den indigenen Völkern gegenüber verhalten haben und wie wir uns noch heute verhalten, denn ihre Zukunft ist weiterhin ungewiss, solange wir versuchen ihre Lebensweise zu beeinflussen. Wenn wir das Überleben der letzten noch vorhandenen indigenen Völker auf den Andamanen bewahren möchten, brauchen sie eine weltweite Lobby. Dafür müssen wir wissen, was sie bedroht und was sie zu ihrem Schutz benötigen. Das vorliegende Buch ist ein Schritt, die bedrohliche Lage der Naturvölker auf den Andamanen in den Fokus der Öffentlichkeit zu stellen.
Stellen Sie sich vor, es gibt irgendwo eine kleine Tropeninsel, deren Bewohner noch heute so leben wie schon vor 60.000 Jahren. Als Jäger und Sammler und nur mit dem, was ihre winzige Insel als Lebensraum für sie bereithält. Und die niemals Kontakt zu anderen Kulturen unterhielten und daher ihre Lebensweise nie verändert haben.
Tatsächlich gibt es diese Insel und ihr Inselvolk. Sie heißt Nord Sentinel (eng. North Sentinel Island) und wir nennen ihre Bewohner die Sentinelesen. Wie sie sich selber nennen, das wissen wir nicht, denn ihre Sprache ist uns unbekannt. Nord Sentinel ist Teil der Inselgruppe der Andamanen und Nikobaren im Golf von Bengalen, und gehört zu Indien. Das sagen jedenfalls die Inder. Die Sentinelesen wissen nicht, dass es Indien überhaupt gibt.
Nord Sentinel hat mit 60 km² etwa die Größe der nordfriesischen Insel Föhr. Während auf Föhr jedoch ca. 8000 Menschen leben, wird die Bevölkerung von Nord Sentinel auf 50 bis 250 Einwohner geschätzt. In nur einem Tagesmarsch können die Sentinelesen ihre ganze Welt umrunden. Nord Sentinel ist komplett mit mächtigen Bäumen bewachsen, die sich bis zum Strand erstrecken. Um die Insel herum gibt es ein breites Korallenriff, das die oft mächtige Brandung zähmt und fremden Schiffen den Zugang erschwert.
Luftbild von Nord Sentinel. (Foto: Google Earth)
Während die Welt eine unglaubliche Entwicklung von der Steinzeit zur Bronzezeit, Eisenzeit, der Antike, dem Mittelalter, bis hin zur Neuzeit einschließlich dem Industrie- Atom- und Informationszeitalter vollführte, blieb auf Nord Sentinel die Zeit stehen. Über all die Jahrtausende schien sich niemand für die kleine Insel und ihre Bewohner besonders zu interessieren, und bis heute ist unser Wissen über diese aus der Zeit gefallene unerforschte Welt sehr gering. Erklären lässt sich das damit, dass die Sentinelesen ihre Insel nie verließen, um sich mit anderen Völkern auszutauschen und auch keine Fremden auf ihrer Insel duldeten. Ungebetene Gäste mussten bei einem Besuch bei den Sentinelesen mit der Todesstrafe rechnen, wenn sie es wagten sich der Insel zu nähern.
Eine erste Beschreibung der Insel erhalten wir von Maurice Vidal Portman, dem damaligen kommandierenden Britischen Offizier der Andamanen, der 1879 und 1880 als erster Europäer einen Erkundungsbesuch nach Nord Sentinel unternimmt. Er schreibt, die Insel bestehe hauptsächlich aus Kalkstein und Korallen, die mit ihren scharfen Kanten das Laufen erschweren: „Die Erde aber ist leicht und hervorragend zum Anbau von Kokospalmen geeignet, da sie sehr viel Regenwasser aufnimmt.“ (Kokospalmen sind auf Nord Sentinel unbekannt). „Der Dschungel ist an vielen Stellen offen und parkähnlich. Und es gibt wunderschöne Gehölzgruppen mit Bullet-Wood Bäumen.“ (lat. Mimusops elengi; Indischer Fruchtbaum). Seine Gruppe kam auch zu einem prächtigen Exemplar des Roten Seidenwollbaums (lat. Bombax malabaricum) mit über 8 Meter langen Brettwurzeln.
Beispiel eines Wollbaums mit Brettwurzeln von den Bahamas. (Foto:Public Domain)
Man vermutet, dass die Sentinelesen bereits vor 60.000 Jahren aus Afrika auf die Andamanen und somit nach Nord Sentinel gelangten, als die Inselgruppe noch über eine Landzunge mit dem burmesischen Festland verbunden war. Seitdem leben sie dort in völliger Isolation und auf dem technischen Stand der Jungsteinzeit als Jäger und Sammler. Zu ihrer Nahrung zählen neben Früchten und Wurzeln vor allem Wildschweine, Fische und Insekten, sowie wilder Honig. Als Jagdwaffen verwenden sie lange Holzspeere, sowie Pfeil und Bogen. Die Pfeilspitzen sind meist im Feuer gehärtet. Die Methode Federn ans Schaftende zu stecken, um die Reichweite und Treffsicherheit der Pfeile zu erhöhen, haben die Sentinelesen noch nicht erfunden. Es gibt aber auch keine Hinweise, dass die Sentinelesen Vögel jagen und somit die Federn nutzen könnten. Vermutlich sind Vögel für die Sentinelesen heilige Tiere, so wie es bei den benachbarten Onge, einem weiteren Urvolk der Andamanen, für einige Vogelarten auch der Fall ist. Oft werden die Pfeilspitzen auch mit scharfen Muscheln bestückt, oder mit Metall, das sie z.B. als Treibgut an Holzplanken finden. Die Bögen haben etwa eine Größe von 1,80 Meter, und sind somit so groß, wie die männlichen Sentinelesen selbst. Auch haben die Sentinelesen die Kunst des Feuermachens noch nicht entdeckt. Sie hüten das Feuer, das durch Blitzschlag verursacht wurde.
Obwohl die Sentinelesen in unmittelbarer Nachbarschaft zu anderen Stämmen auf den Andamanen leben, gibt es seit jeher keinen oder kaum Kontakt zwischen den einzelnen Gruppen. So hat sich die Sprache der verschiedenen Stämme auch unterschiedlich entwickelt, so dass keine Verständigung mehr möglich ist. Wir unterteilen die Ureinwohner der Andamanen in verschiedene Gruppen: Die Jangil, die Groß-Andamanesen, die Jarawa, die Onge und die Sentinelesen. All diese Völker haben ihre Wurzeln nach heutiger Erkenntnis direkt in Afrika. Südlich der Andamanen gibt es die Inselgruppe der Nikobaren, deren Einwohner jedoch von den Burmesischen Ureinwohnern abstammen. Aus diesem Grund beschränken wir unsere Beobachtungen auf die Völker der Andamanen.
Bis heute sind die Sentinelesen die einzige Gruppe der Andamanen, die noch nicht so viel Kontakt mit unserer Zivilisation hatte, dass es ihre natürliche Lebensweise nachhaltig verändert hat. Das heißt auch, dass wir kaum etwas über die Sentinelesen wissen. Wollen wir also ihre Lebensweise verstehen, so lohnt es sich einen Blick auf die anderen Urvölker der Andamanen und ihre Geschichte zu werfen. Diese lebten bis zum Eintreffen der britischen und indischen Siedler im 19. Jahrhundert noch ebenso naturverbunden wie die Sentinelesen.
Auch kann uns die umfassende Degeneration dieser Völker nach dem Kontakt mit unserer technisch höher entwickelten Zivilisation eine Warnung sein. Denn wie die Geschichte zeigt, bedeutet der Kontakt mit unserer zivilisierten Welt häufig den Untergang des Naturvolkes.
