16,99 €
Was unterscheidet die Ironie von der Komik oder vom Zynismus? Wie lässt sie sich überhaupt verstehen und bestimmen? Vladimir Jankélévitchs großer Text über die Ironie steht in der brillanten Tradition französischer Essayistik. Ungeheuer gelehrt, geht er dem Phänomen der Ironie in all seinen Facetten nach.
Von Sokrates bis zur Romantik und zu Kierkegaard werden zentrale philosophische und literarische Behandlungen der Ironie durchmessen. Sie wird von Jankélévitch vom Zynismus oder der Albernheit unterschieden und als ein freudvoller, spielerischer Bewusstseinszustand aufgefasst. Dieser kann sich jedoch nur dann einstellen, wenn die »vitale Dringlichkeit« (l'urgance vitale), also die unmittelbare und die spielerische Distanz abbauende Nötigung von Instinkt, Trieb, Leid oder Krankheit, überwunden ist. Ironie ist für Jankélévitch eine Form der Erkenntnis und der Muße, die den Ernst des Lebens überschritten hat.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 307
Veröffentlichungsjahr: 2012
Vladimir Jankélévitch Die Ironie
Aus dem Französischen von Jürgen Brankel
Suhrkamp
Titel der Originalausgabe: L’ironie© Flammarion, Paris 1964
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Unterstützung des französischen Ministeriums für Kultur – Centre National du Livre und der Maison des sciences de l’homme.
Ouvrage publié avec le concours du Ministère français chargé de la culture – Centre National du Livre et la Maison des sciences de l’homme.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2012
© dieser Ausgabe Suhrkamp Verlag Berlin 2012
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
ISBN 978-3-518-79540-8
www.suhrkamp.de
Мόνῳ γὰρ τῳ σπουδαίῳ σπουδαστέον ἐν σπουδαίοις τοῖς ἔργοις.
Denn allein mit dem ernsten und edlen Menschteile darf man bei ernstem Werke ernstlich sich bemühen.
Plotin, Enneaden, III, 2, 15.
Ἔστι δὴ τοίνυν τὰ τῶν ἀνθρώπων πράγματα μεγάλης μὲν σπουδῆς οὐκ ἄξια, ἀναγκαῖόν γε μὴν σπουδάζειν.
Es sind nun zwar die menschlichen Angelegenheiten erheblicher Mühe und ernsten Eifers nicht wert; gleichwohl bleibt uns dies Bemühen nicht erspart.
Platon, Gesetze, VII, 803 b.
Inhalt
KAPITEL I Die Bewegung des ironischen Bewusstseins
1. Die Ironie über die Dinge
2. Die Ironie über sich: »Ökonomie«
3. Die Ironie über sich: die Kunst zu streifen
KAPITEL II Die ironische Pseudologie und über die Finte
1. Varietäten des Geheimnisses und der Allegorie
2. Von der ironischen Verkehrung
3. Über die doppelte Verneinung
4. Zynismus
5. Ironischer Konformismus
KAPITEL III Über die Fallen der Ironie
1. Konfusion
2. Schwindel und Überdruss
3. Probabilismus
4. Die humorige Ironie
5. Spiele der Liebe und des Humors
KAPITEL I Die Bewegung des ironischen Bewusstseins
ΑΛΚΙΒΙΑΔΗΣ: Σώκρατες, καθεύδεις; – ΣΩΚΡΑΤΗΣ: Οὐ δὴτα …
Alkibiades: Sokrates, schläfst du? – Sokrates: Bewahre …
Platon, Gastmahl, 218 c.
Οὐ καθευδητέον ἐν τᾑ μεσημβρίᾳ.
Sollten sie nun gewahr werden, dass auch wir beide während des Mittags einnicken, so würden sie uns mit Recht auslachen.
Phädros, 259 d.
Ἄρα οὖν μὴ καθεύδωμεν ὡς οἱ λοιποί, ἀλλὰ γρηγορῶμεν …
So lasset uns nun nicht schlafen wie die anderen, sondern lasset uns wachen und nüchtern sein …
1. Thess., V, 6.
Es gibt eine elementare Ironie, die sich mit der Erkenntnis vermischt und wie die Kunst eine Tochter der Muße ist. Sicherlich ist die Ironie wohl zu moralisch, um wirklich künstlerisch zu sein, wie sie zu grausam ist, um wirklich komisch zu sein. Es gibt jedoch einen Wesenszug, der sie annähert: Kunst, Komik und Ironie werden da möglich, wo die vitale Dringlichkeit nachlässt. Doch ist der Ironiker noch freier als der Lacher; denn der Lacher beeilt sich sehr oft nur zu lachen, um nicht, wie diese Feiglinge, weinen zu müssen, die lauthals in die tiefe Nacht hineinrufen, um Mut zu bekommen; sie glauben, der Gefahr allein dadurch zuvorzukommen, dass sie sie benennen, und sie geben sich als Freigeister in der Hoffnung, ihr zuvorzukommen. Ironie, die keine Überraschungen mehr fürchtet, spielt mit der Gefahr. Diesfalls ist die Gefahr in einem Käfig; die Ironie wird sie besuchen, sie ahmt sie nach, provoziert sie, macht sie lächerlich und nährt sie für ihre Erholung; die Ironie wird sich sogar durch die Gitter zwängen, damit das Vergnügen so gefährlich wie möglich ist, um die vollständige Illusion der Wahrheit zu erhalten; sie spielt mit ihrer falschen Furcht und ermüdet nicht, diese kostbare Gefahr, die ständig stirbt, zu besiegen.
Die Schliche können, um die Wahrheit zu sagen, schlecht enden, und Sokrates ist daran gestorben; denn das moderne Bewusstsein versucht nicht ungestraft die monströsen Geschöpfe, die das alte Bewusstsein in Furcht und Schrecken versetzten. Dennoch ist der Geist der Ironie wohl der Geist der Entspannung, und er nutzt die geringste Windstille, um sein Spiel wiederaufzunehmen. Im Verlauf seiner Geschichte hat so das Denken mehrere Oasen der Ironie durchquert; es sind Epochen des »scholastischen Lebens« und freien Gespötts, in denen das Denken Luft holt und sich von den kompakten Systemen ausruht, die es bedrückten; Generationen von Ironikern wechseln mit den zu ernsten Generationen ab, wie sich im individuellen Leben das Tragische und das Frivole abwechseln. Das Auftreten von Sokrates am Ende des fünften Jahrhunderts stellt sozusagen diese erste Ironie des Jugendalters dar, die in uns auf die panischen Ängste und vorschnellen Begeisterungen der Jugend folgt. Die sokratische Ironie ist eine fragende Ironie; Sokrates zersetzt durch seine Fragen die massiven Kosmogonien der Ionier und den erstickenden Monismus des Parmenides. Bemerken wir zunächst, dass Sokrates ein Sophist ist, wie Prometheus ein Titan; aber er ist ein Sophist, der sich über die Sophistik ebenso lustig macht wie über die Wissenschaft der Meteore. Im Grunde ist der Geist des Humanismus und der Kontroverse, der bei diesen Scharlatanen weht, eben Sokrates’ Geist; wenn Gorgias zugunsten des Nichtseins argumentiert, bemüht er sich, uns zu mystifizieren, und ebenso der abderitische Protagoras, der ein Virtuose der »Antilogie« ist. Zum Beispiel: Die Sophisten räumen, wie auch Sokrates, die Lehrbarkeit der Tugend ein, aber aus dermaßen suspekten Gründen, dass der Sokrates des vorgibt, ihre Nichtübertragbarkeit zu lehren; dass er die Wissenschaft und nicht die Kniffe oder Rezepte sucht. Was Sokrates den Marktschreiern vorwirft (wie später Auguste Comte Saint-Simon), ist, das Pferd vom Schwanz aufzuzäumen, da zu improvisieren, wo man analysieren müsste, und kurzum zu den routinemäßigen Approximationen des Probabilismus zurückzukehren. Auf einen Sophisten gehören anderthalb Sophisten: Sokrates vereitelt den Skandal dieser Eristik, die Hochstapelei dieses »Aktivismus«; Sokrates löchert mit Fragen die Händler der schönen Phrasen und hat ein listiges Vergnügen daran, ihre Schläuche der Beredsamkeit aufzuschlitzen und aus ihren Blasen voller leeren Wissens die Luft herauszulassen. Sokrates ist das Bewusstsein der Athener, ganz zugleich ihr gutes und schlechtes Gewissen; das heißt, man findet in seiner Funktion die Diskrepanz, die den Effekten der Ironie je nachdem eigen ist, ob diese uns von unseren Schrecken befreit oder unsere Glaubensüberzeugungen wegnimmt. Einerseits amüsiert Sokrates die Athener; Schelling vergleicht ihn mit Dionysos, dem jungen Gott, dank dessen sich der öde Himmel des Uranos mit Gesängen und Geräuschen erfüllt. Parmenides ist seinerseits der Kronos der Philosophie, der bei ihrer Geburt die konkreten Besonderheiten, die Vielfalt, die Beweglichkeit, die Andersheit verschlingt. Sokrates, eine dionysische Natur, macht diese gierige Einheit lächerlich, dieses Prinzip Kronos’, das auf der fröhlichen Varietät der Unterschiede lastete; Sokrates hat etwas vom Scharlatan, vom Jongleur, vom Magier; er berauscht die alte starke und steife Polis, er begründet schließlich ein beflügeltes, subtiles, menschliches Wissen, in dessen Umfeld die Analyse des Aristoteles stattfinden wird. Ein Hauch Wahnsinn weht also über den Athenern; der Dämon der Dialektik bestürmt die Jugendlichen auf den Plätzen und an den Kreuzungen; Alkibiades leistet sich alle Arten von Extravaganzen, um die Aufmerksamkeit der Stadt auf sich zu ziehen … Es ist Sokrates, der dämonische Mensch, der die Bürger wahnsinnig macht, der sie mit Dialektik und scharfen Ideen trunken macht; es gibt nunmehr Platz in Griechenland für die beweglichen und losgelösten Ideen, für die fruchtbare Kritik. »Wenn ich dich höre«, sagt ihm Alkibiades am Tisch des Dichters Agathon, »schlägt mein Herz heftiger, als wenn ich von dem Tanz der Korybanten erregt wäre […]«; und er vergleicht ihn nacheinander mit einem Silen und dem Satyr Marsyas, die dionysische Wesen sind. Doch ist Sokrates auch der einzige Mensch, der Alkibiades zum Erröten bringt; der Einzige, der ihm begreiflich macht, dass zu leben, wie er es macht, nicht zu leben wert ist. Alles erscheint flach neben dem herrlichen und bewegenden Lob, mit dem Platons endet. Alkibiades ist ein wenig trunken, gerade genug, um in der ganzen Spontaneität einer ersten Bewegung zu sprechen. »Ich muss ihn also meiden und mir die Ohren zustopfen, wie um den Sirenen zu entkommen […]. Er ist der Einzige, der in mir ein Gefühl erweckt, dessen man sich kaum für fähig halten würde: Scham in Gegenwart eines anderen Menschen; und oft würde ich, glaube ich, es vorziehen, dass er nicht existierte.« Sokrates ist also für die frivole Polis eine Art lebender Gewissensbiss; er erquickt sie, aber beunruhigt sie auch; er ist ein Spielverderber. Die Menschen verlieren bei seinem Kontakt die täuschende Sicherheit der falschen Evidenzen, denn man kann Sokrates nicht gehört haben und weiterhin auf dem Kissen der alten Gewissheiten schlafen: Es ist also nunmehr vorbei mit dem Dämmerzustand, dem Ausruhen und dem Glück. Er stachelt an, er hält die Dämmernden in Atem: Eutyphron, den schüchternen Frömmler, Laches, den Soldaten, Hippias, den Allwissenden, den Scharlatan … Er drängt sie alle in eine Sackgasse, er wirft sie in die Unschlüssigkeit der , die die durch Ironie hervorgerufene, symptomatische Verwirrung ist: Obgleich du selbst verlegen bist, bringst du die anderen in Verlegenheit (αὐτός τε ἀπορεῖς καὶ τοὺς ἄλλους ποιεῖς ἀπορεῖν)! Nachdem sie sich ihrer eigenen Unwissenheit bewusst geworden sind, fühlen sie sich von einem unerklärlichen Unwohlsein bedrängt: ein durch den Widerspruch hervorgerufenes Unwohlsein, das gemäß dem Platon des die Wiedererinnerung einleitet. Daher heißt es im : Iris ist Tochter des Thaumas, und die Wissenschaft ist Tochter des Erstaunens, das heißt: der Aporie. Diese Aporie, die mit der Mäeutik verbunden ist, das heißt mit einer Art von geistiger Geburtshilfe, enthüllt uns noch deutlicher ihre erotische Natur: Das Unwohlsein der Widerlegung, ἔλεγχος, ist wie eine Liebesqual, und der »Gott der Widerlegungen«, θεὸς ἐλέγχων, sollte vielleicht den Namen Eros tragen. Sokrates stellt also ein Alarm- und Mobilitätsprinzip dar: Als elektrisches Geschöpf mobilisiert er das Unbewegliche, bestreitet er das Unbestreitbare, und sein unermüdliches Misstrauen ist immer wach. Er lähmt nicht seine Gesprächspartner wie die Eule, die nach dem Sophisten Elien die Vögel durch ihre Grimassen fasziniert, wie die Maske der Medusa, die die Menschen erstarren lässt, sondern er lässt sie erschlaffen, um sie gewitzter zu machen. So beschämt Jesus durch seine Fragen die Männer des Gesetzes und bringt sie entweder zum Schweigen oder zur Absurdität: Zum Beispiel erklärt er ihnen, dass aller Reichtum von der List oder Gewalt abstammt, dass aller Besitz die Tochter der Ungerechtigkeit und des Instinkts der Habsucht ist; das ›Haben‹ ist unwesentlich: Jesus löst also das ›Haben‹ in Luft auf; es gibt kein Eigentum, keine Erbschaft, kein Geld, keine Zugehörigkeit, kein Mein und Dein, was substanziell wäre. Aber Jesus wird nicht über eine Heimtücke, die die Grundlage der Böswilligkeit ist, triumphieren, es sei denn durch seinen Tod selbst; dagegen fährt Sokrates die Spaßmacher an und entlarvt so schon hier auf der Erde eine oberflächliche Selbstgefälligkeit, die nach allem nur ein schlechtes Gewissen ist. Das Evangelium sagt zu Recht: Sie wissen nicht, was sie tun; aber ihre Verblendung selbst ist übernatürlich und fordert ein übernatürliches Vergeben. Nun, es gibt in Athen keine teuflische Halsstarrigkeit, keine Unkenntnis, deren Geständnis die Ironie nicht herbeiführen könnte. Ξύνοιδα ἐμαυτῶ ὅτι οὐκ οἶδα (Ich bin mir bewusst, dass ich nicht weiß). Sokrates lässt die Luft aus der zufriedenen Selbstgefälligkeit heraus; er macht die Menschen unzufrieden, gewissenhaft, für sich selbst schwierig, er verleiht ihnen den Stachel, sich zu erkennen und zu definieren. Dennoch betet das Gewissen im Grunde den beruhigenden Irrtum an, von dem Sokrates es befreit; es ruft die dialektische Person, die es operieren will, herbei und verdammt sie zugleich, es empfindet ihr gegenüber ein ambivalentes Gefühl; es will nicht der Versuchung zu untersuchen, dem Geist der Prüfung und der freien Bewegung nachgeben. Der misstrauische Philosoph wird also seinerseits verdächtig werden: So wird Sokrates den Schierlingsbecher leeren. Sokrates ist tot, und dennoch ist sein Tod unter den Menschen lebendig geblieben; Sokrates lebt jeden Augenblick in unseren Herzen auf, denn man weicht nicht seinem schlechten Gewissen nur dadurch aus, dass man ihm den Schierling zu trinken gibt: Denn das Schierlingsgift selbst verwandelt sich nach dem Wort von Leo Schestow in ein herzhaftes Stärkungsmittel. Im Übrigen wissen die Menschen nicht, was sie wollen; οὐδεῖς ἑκὼν ἁμαρτάνει (niemand verfehlt sich freiwillig), das heißt: Sie töteten Sokrates, aber Sokrates hat Zeit gehabt, sie zu definieren. Er hat sich an seinen Anklägern gerächt, indem er ihnen seinen Tod vererbte.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
