Die Islandglocke - Halldór Laxness - E-Book

Die Islandglocke E-Book

Halldór Laxness

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Beschreibung

Island um 1700 steht wirtschaftlich und politisch unter dem Joch der Dänen. Von Hungersnot und Seuchen heimgesucht, droht dem Land der Untergang. In dieser finsteren Zeit erdreistet sich Jon Hreggvidsson, ein einfacher Zinsbauer, den fremden König mit einer Bemerkung über dessen drei Mätressen zu verspotten. Die Herrschenden lassen den Bauern öffentlich auspeitschen. Als er auch noch unter Mordverdacht gerät, beginnt ein quälender Gerichtsprozess, der die Justiz in Island und Dänemark über dreißig Jahre lang beschäftigt. Trotz aller Bedrängnis gibt Jon Hreggvidsson nicht auf und bewahrt sich seine innere Freiheit. Schließlich kehrt er, Symbol des isländischen Volkes, das der Gewalt von Mensch und Natur trotzt, in seine Heimat zurück; alt und gebeugt, aber ungebrochen.

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Halldór Laxness Die Islandglocke

Roman

Inhaltsverzeichnis
Die Islandglocke
Erster Teil
Die Glocke Islands
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Abenteuer bei den Deutschen
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Zweiter Teil
Die lichte Maid
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Dritter Teil
Feuer in Kopenhagen
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Nachwort

Erster Teil

Erstes Kapitel

Es gab eine Zeit, heißt es in alten Büchern, da das isländische Volk nur ein gemeinsames Eigentum besaß, das einen gewissen Geldwert hatte. Das war eine Glocke. Diese Glocke hing am Giebel des Gerichtsgebäudes in Thingvellir an der Öxara, an einem Balken oben unter dem First befestigt. Sie wurde zu Gerichtsverhandlungen und vor Hinrichtungen geläutet. So alt war die Glocke, daß keiner mehr mit Sicherheit ihr Alter kannte. Doch zu der Zeit, als unsere Geschichte beginnt, hatte diese Glocke schon seit langem einen Sprung, und die ältesten Leute glaubten sich daran zu erinnern, daß ihr Klang reiner gewesen war. Trotzdem liebten alte Leute diese Glocke noch immer. In Anwesenheit des Landvogts, des Richters und des Henkers und eines Mannes, der geköpft, und einer Frau, die ertränkt werden sollte, konnte man oft an einem stillen Tag um die Mittsommerzeit, in der Brise von den Sulur und dem Duft des Birkengestrüpps aus den Blaskogar, hören, wie sich der Klang der Glocke mit dem Rauschen der Öxara mischte.

Doch in dem Jahr, als das Reskript ins Land kam, daß die Bevölkerung alles Kupfer und Messing an den König abliefern müsse, denn Kopenhagen mußte wiederaufgebaut werden nach dem Krieg, da wurden auch Männer geschickt, um die alte Glocke in Thingvellir an der Öxara abzuholen.

Wenige Tage nach dem Ende des Things reiten zwei Männer mit einigen Packpferden von Westen her den Weg am See entlang, den Hang gegenüber der Mündung herunter und durch die Furt. Sie stiegen am Rand des Lavafeldes beim Gerichtsgebäude ab, der eine ein blasser Mann mit feisten Backen und kleinen Augen, der die Arme angewinkelt hielt, wie Kinder, wenn sie vornehme Leute spielen, und einen verschlissenen Rock trug, der ihm viel zu klein war, der andere ein schwarzer, zerlumpter, häßlicher Mensch.

Ein alter Mann kommt mit seinem Hund aus dem Lavafeld und geht zu den Männern mit den Packpferden hin:

Und wer seid ihr?

Der Dicke antwortet: Ich bin seiner Majestät Inspektor und Profos.

Ah, so, murmelte der Alte heiser wie eine Stimme aus der Ferne. Trotzdem ist der Schöpfer der, der lenkt.

Ich habe es mit Brief und Siegel, sagte der Inspektor des Königs.

Oh, das weiß ich, sagte der alte Mann. Die Briefe werden immer mehr. Und es gibt vielerlei Briefe.

Willst du behaupten, daß ich lüge, alter Teufel, fragte der Inspektor des Königs.

Da wagte sich der Greis nicht näher an die Reisenden heran, sondern setzte sich auf die verfallene Umzäunung des Gerichtsgebäudes und betrachtete die beiden. Er unterschied sich durch nichts von anderen alten Männern: grauer Bart, gerötete Augen, Zipfelmütze, krumme Beine, die blauen Hände um den Stock geklammert, über den er sich mit zittrigem Kopf vorbeugte. Sein Hund lief hinter die Umzäunung und beschnupperte die Männer, ohne zu bellen, wie es heimtückische Hunde zu tun pflegen.

In der alten Zeit gab es keine Briefe, brummte der Greis vor sich hin.

Da rief der Schwarze, der Begleiter des Blassen:

Recht hast du, Kamerad. Gunnar von Hlidarendi hatte keinen Brief.

Wer bist du? fragte der Greis.

Ach, das ist ein Schnurdieb aus Akranes, er liegt schon seit Ostern in der Sklavenkiste in Bessastadir, antwortete der Inspektor des Königs und trat zornig nach dem Hund.

Der Schwarze begann zu sprechen und grinste dabei, daß seine weißen Zähne leuchteten:

Der da ist der Königshenker von Bessastadir. Den brunzen alle Hunde an.

Der Greis auf der Umzäunung sagte nichts, und auch seine Miene drückte nichts aus, aber er sah die beiden unverwandt an und zwinkerte ein wenig mit den Augen; sein Kopf zitterte.

Steig dort auf das Dach, Jon Hreggvidsson, du elender Sklave, sagte der Henker des Königs, und schlag das Seil durch, das die Glocke hält. Es freut mich, daß an dem Tag, an dem mein allergnädigster Herr mir befiehlt, dir hier an diesem Ort die Schlinge um den Hals zu legen, keine Glocke mehr läuten wird.

Führt keine lästerliche Rede, gute Leute, sagte da der Greis. Das ist eine alte Glocke.

Wenn du ein Knecht des Pfarrers bist, sagte der Henker des Königs, dann richte ihm aus von mir, daß hier alles Weh und Ach nichts nützt. Wir haben Brief und Siegel auf achtzehn Glocken und diese neunzehnte. Wir zerschlagen sie und schaffen sie auf das Schiff in Holmur. Ich bin keinem Rechenschaft schuldig, außer dem König.

Er steckte sich das Schnupftabakshorn in die Nase, ohne seinem Begleiter eine Prise anzubieten.

Gott segne den König, sagte der alte Mann. Alle die Kirchenglocken, die früher dem Papst gehörten, gehören jetzt dem König. Aber das ist keine Kirchenglocke. Das ist die Glocke des Landes. Ich bin hier in der Blaskogaheidi geboren.

Hast du Tabak? fragte der Schwarze. Der verdammte Henker ist zu geizig, einem eine Prise zu geben.

Nein, sagte der Greis. In meiner Familie hat es noch nie Tabak gegeben. Es war ein hartes Jahr. Meine beiden Enkel starben im Frühjahr. Ich bin schon ein alter Mann. Die Glocke dort hat immer dem Land gehört.

Wer hat Brief und Siegel darauf? sagte der Henker.

Mein Vater wurde hier in der Blaskogaheidi geboren, sagte der alte Mann.

Keinem gehört etwas, auf das er nicht Brief und Siegel hat, sagte der Henker des Königs.

Ich glaube, es steht in alten Büchern, sagte der Greis, daß die Norweger, als sie hierher in dieses menschenleere Land kamen, diese Glocke in einer Höhle am Meer gefunden haben, samt einem Kreuz, das verlorengegangen ist.

Mein Brief ist vom König, sage ich, sagte der Henker. Und scher dich aufs Dach hinauf, Jon Hreggvidsson, du schwarzer Dieb.

Diese Glocke darf man nicht zerschlagen, sagte der alte Mann und war aufgestanden. Man darf sie nicht auf das Schiff in Holmur schaffen. Sie gehört zum Althing an der Öxara, seitdem es gegründet wurde – lang vor den Tagen des Königs; manche sagen, vor den Tagen des Papstes.

Das ist mir einerlei, sagte der Henker des Königs. Kopenhagen muß wiederaufgebaut werden. Es hat Krieg gewütet, und die Schwedischen, die verteufelte Schurken sind und ein widerwärtiges Volk, haben die Stadt bombardiert.

Mein Großvater wohnte in Fiflavellir, hier weiter drinnen in der Blaskogaheidi, sagte der alte Mann, als ob er eine lange Geschichte anfangen wollte. Doch er kam nicht weiter.

Nicht wird der Fürst mit starkem Arm umfassen

eine Jungfrau engelsgleich

eine Jungfrau engelsgleich –

Der schwarze Dieb Jon Hreggvidsson hatte sich aufs Dach gesetzt, ließ die Beine über den Giebel herabhängen und sang die älteren Pontus-Rimur. Die Glocke war mit einem dicken Seil an dem Balken befestigt, und er schlug mit der Axt das Seil durch, so daß die Glocke hinunterfiel auf das Steinpflaster vor dem Eingang des Hauses:

eine Jungfrau engelsgleich

– außer sie ist jung und re-e-e-ei-ch,

und jetzt soll sich mein allergnädigster Erbkönig die dritte Kebse genommen haben, rief er noch vom Dach herunter, als wolle er dem alten Mann eine Neuigkeit berichten, während er die Schneide der Axt betrachtete: Und die soll die dickste sein von allen. Das ist etwas anderes als bei Sigurdur Snorrason und mir.

Der alte Mann antwortete nicht.

Diese Worte werden dich teuer zu stehen kommen, Jon Hreggvidsson, sagte der Henker.

Gunnar von Hlidarendi wäre wohl kaum vor einem blassen Fettwanst aus Alftanes davongelaufen, sagte Jon Hreggvidsson.

Der blasse Inspektor nahm einen Vorschlaghammer aus ihrem Gepäck, legte die alte Glocke Islands auf die Steinplatte vor der Tür des Gerichtsgebäudes, holte weit aus und versetzte ihr einen Hieb. Doch sie wich unter der Wucht des Hammers nur mit einem schwachen Klagelaut ein wenig zur Seite. Jon Hreggvidsson rief vom Dach herab:

Selten bricht ein Knochen ohne Unterlage, guter Mann, sagte Axlar-Björn, als er gerädert wurde.

Doch als der Henker des Königs die Glocke so hingelegt hatte, daß er auf die Innenseite schlagen konnte, mit der Steinplatte als Unterlage, brach sie an dem Sprung auseinander. Der Greis hatte sich wieder auf die Umzäunung gesetzt. Er starrte mit zitterndem Kopf ins Leere, seine mageren Hände umklammerten den Stock.

Der Henker nahm wieder eine Prise. Man konnte die Fußsohlen Jon Hreggvidssons droben auf dem Dach sehen.

Willst du den ganzen Tag auf dem Dach herumreiten? rief der Henker dem Dieb zu.

Jon Hreggvidsson sang auf dem Dach des Gerichtsgebäudes:

Nie werde ich mit starkem Arm umfassen

eine Jungfrau engelsgleich

eine Jungfrau engelsgleich

außer sie ist dick und re-e-e-eich.

Sie packten die zerschlagene Glocke in einen Sack, den sie dann auf ein Packpferd hoben, mit dem Vorschlaghammer und der Axt als Gegengewicht. Dann stiegen sie auf. Der Schwarze führte die Packpferde. Der Blasse ritt allein neben den Packpferden her, wie es sich für einen vornehmen Herrn gebührt.

Leb wohl, alter Blaskoga-Teufel, sagte er. Und richte dem Pfarrer von Thingvellir Gottes Gruß und meinen aus und sag ihm, daß seiner königlichen Majestät Inspektor und Profos, Sigurdur Snorrason, hiergewesen sei.

Jon Hreggvidsson sang:

Vorwärts wollen mit den Knappen

der Fürst und seine Damen reisen

der Fürst und seine Damen reisen

der Fürst und seine Damen reisen

– Zuchthengste in die Trense be-e-eißen.

Sie ritten mit ihren Packpferden denselben Weg zurück, den sie gekommen waren, durch die Furt in der Öxara, den Hang gegenüber der Mündung hinauf und den Weg nach Westen am See entlang in Richtung Mosfellsheidi.

Zweites Kapitel

Zwar hatte man Jon Hreggvidsson auch diesmal wieder nichts nachweisen können, er wurde aber trotzdem dafür verantwortlich gemacht, wie immer. Im übrigen versuchte in einem harten Frühjahr jeder nach besten Kräften, aus den Vorratsschuppen der Fischerbauern in Akranes alles zu stehlen, was sich stehlen ließ, die einen Fisch, die anderen Schnüre für Angelleinen. Alle Frühjahre waren hart. Doch in Bessastadir brauchte man immer viele Arbeitskräfte, und der Vogt war froh, wenn ihm die Amtleute Diebe für die Knechtestube, die auch Sklavenkiste genannt wurde, schickten, und des Diebstahls Verdächtigte waren an diesem Ort genauso willkommen wie des Diebstahls Überführte. Zu Beginn der Heuernte schickte jedoch die Obrigkeit im Borgarfjördur dem Vogt die Nachricht, er solle den Schelm Jon Hreggvidsson wieder heim nach Rein in Akranes schicken, denn seine Familie war ohne Ernährer dem Hungertod ausgeliefert.

Der Hof stand dort unter dem Berg, wo die Gefahr von Geröll- und Schneelawinen am größten war. Das Gehöft mit einem lebenden Inventar von sechs Kühen oder sechsunddreißig Schafen gehörte Christus. Ein Bischof von Skalholt hatte es vor langer Zeit durch eine Stiftung diesem Grundherrn übereignet, zugunsten einer frommen und ehrbaren kinderreichen Witwe in der Gemeinde Akranes, und wenn in dieser Gemeinde keine solche zu finden sei, sollte sie in der Gemeinde Skorradalur gesucht werden. Nun hatte es schon seit langem keine solche Witwe mehr in diesen beiden Gemeinden gegeben, so daß Jon Hreggvidsson der Pächter des Hofeigentümers Jesus geworden war.

Der Zustand daheim war so, wie es nicht anders zu erwarten war, da die Bewohner des Hofes entweder aussätzig oder geistesschwach waren oder sogar beides auf einmal. Jon Hreggvidsson war ziemlich betrunken, als er nach Hause kam, und fing gleich an, seine Frau und seinen schwachsinnigen Sohn zu schlagen. Seine vierzehnjährige Tochter, die über ihn lachte, schlug er fast gar nicht und auch nicht seine betagte Mutter, die ihn unter Tränen umarmte. Seine Schwester und seine Base, die beide aussätzig waren, die eine glatt und mit abfaulenden Gliedern, die andere voller Beulen und Wunden, hockten mit schwarzen Kopftüchern neben einem Haufen getrockneten Schafdüngers, hielten sich an den Händen und lobten Gott.

Am nächsten Morgen dengelte der Bauer seine Sense und begann dann zu mähen. Er sang aus vollem Hals die Pontus-Rimur. Die beiden mit den schwarzen Kopftüchern humpelten zum Rand der Wiese hinaus und fingen an, mit dem Rechen zu hantieren. Der Schwachsinnige und der Hund saßen auf einem Grashöcker. Die Tochter kam barfuß in einem zerrissenen Unterrock zum Hauseinang, um den Geruch des frischen Heus einzuatmen; schwarz und weiß und schmal. Aus dem Rauchloch rauchte es.

So vergingen einige Tage.

Da geschieht es, daß ein junger Bursche auf einem guten Pferd und recht großspurig nach Rein geritten kommt und Jon Hreggvidsson die Nachricht überbringt, er solle sich in einer Woche beim Amtmann draußen in Akranes vor Gericht einfinden. Am festgesetzten Tag sattelte Jon seine Mähre und ritt hinaus nach Akranes. Dort war schon der Henker Sigurdur Snorrason. Sie bekamen saure Molke. Das Gericht trat in der Stube des Amtmanns zusammen; Jon Hreggvidsson wurde angeklagt, in Thingvellir an der Öxara unsere allerhöchste, verehrungswürdige Majestät, unseren allergnädigsten Erbkönig und Herrn und Herzog in Holstein mit ungebührlichen Spottreden beleidigt zu haben, des Inhalts, daß dieser unser Herr sich jetzt drei Kebsen außerhalb seiner Ehe genommen habe. Jon Hreggvidsson stritt entschieden ab, jemals solche Worte über seinen geliebten Erbkönig und allergnädigsten Herrn und Herzog in Holstein, seine verehrungswürdige Majestät geäußert zu haben, und fragte nach Zeugen. Da schwor Sigurdur Snorrason, Jon Hreggvidsson habe diese Worte gesagt. Jon Hreggvidsson bat, das Gegenteil beschwören zu dürfen, doch sich widersprechende Eide in ein und derselben Sache waren nicht erlaubt. Als dem Bauern die Erlaubnis zum Eid verweigert worden war, sagte er, es stimmte zwar, daß er die Worte gesprochen habe, und diese Geschichte sei allen in der Sklavenkiste in Bessastadir bestens bekannt; aber er habe damit keinesfalls seinen König beleidigen wollen, ganz im Gegenteil, er habe die Vortrefflichkeit des Königs rühmen wollen, der außer der Königin noch drei Kebsen auf einmal bedienen konnte; außerdem habe er sich einen Spaß erlaubt mit seinem guten Freund Sigurdur Snorrason, der noch nie ein Frauenzimmer angerührt hatte, soweit bekannt war. Und obwohl er nun also diese Worte über seinen allergnädigsten Erbkönig geäußert hatte, hoffte er, daß die Majestät einem armen Dummkopf und törichten Bettler ein solch unsinniges Gefasel huldvoll verzeihen werde. Dann wurde die Gerichtsverhandlung beendet und das Urteil gefällt, daß Jon Hreggvidsson innerhalb eines Monats dreißig Reichstaler an den König bezahlen solle, bei Nichtentrichten der Summe werde die Geldbuße in eine Körperstrafe umgewandelt. In der Urteilsbegründung hieß es, das Urteil »sei nicht so sehr nach der Zahl der Zeugen, sondern nach dem schwerwiegenden Inhalt der Zeugenaussage gefällt worden«. Daraufhin ritt Jon Hreggvidsson wieder nach Hause. Sonst ereignete sich nichts Besonderes während der Heuernte. Und der Bauer dachte nicht daran, seine Geldstrafe an den König zu entrichten.

Im Herbst wurde im Kjalardalur Thing gehalten. Jon Hreggvidsson wurde zum Thing geladen, und es kamen zwei Bauern, die ihn im Auftrag des Amtmanns dorthin mitnehmen sollten. Die Mutter des Bauern flickte seine Schuhe, ehe er sich aufmachte. Die Stute des Bauern von Rein lahmte, und sie waren lange unterwegs; sie kamen erst spät am Tag, als das Thing schon fast zu Ende war, nach Kjalardalur. Da stellte sich heraus, daß Jon Hreggvidsson auf dem Thing mit vierundzwanzig Rutenhieben gestäupt werden sollte. Sigurdur Snorrason war bereits da mit seinen Peitschen und dem Henkersmantel. Viele Bauern waren schon vom Thing weggeritten, doch einige junge Leute von den Höfen in der Nachbarschaft waren eigens gekommen, um sich die Auspeitschung zum Spaß anzusehen. Auspeitschungen wurden in einem Pferch vorgenommen, in dem im Sommer Schafe gemolken wurden; in seiner Mitte verlief eine Trennwand, und der Delinquent wurde quer über diese Trennwand gelegt, während der Gerechtigkeit Genüge getan wurde. Die angeseheneren Männer standen währenddessen zu beiden Seiten der Trennwand im Pferch, Kinder, Hunde und Landstreicher dagegen auf den Umfassungsmauern.

Eine kleine Gruppe von Menschen hatte sich hier versammelt, als Jon Hreggvidsson in den Pferch geführt wurde. Sigurdur Snorrason trug den Henkersmantel bis zum Hals zugeknöpft und hatte bereits das Vaterunser aufgesagt, das Glaubensbekenntnis sagte er nur auf, wenn er jemanden köpfte. Er holte seine Peitschen aus einem Sack, strich mit Würde und Sorgfalt darüber und prüfte gewissenhaft die Stiele, während man auf den Amtmann und die Thingzeugen wartete – er hatte dicke, blaue, schuppige Hände mit blutunterlaufenen Nägeln. Die beiden Bauern hielten Jon Hreggvidsson zwischen sich, während Sigurdur Snorrason die Peitschen befühlte. Es regnete. Die Leute sahen geistesabwesend aus, wie so oft, wenn es regnet, und die durchnäßten jungen Leute stierten vor sich hin; die Hunde waren wild vor Läufigkeit. Schließlich wurde es Jon Hreggvidsson langweilig:

Die Kebsen machen Sigurdur Snorrason und mir wieder einmal zu schaffen, sagte er.

Einige wenige Gesichter verzogen sich langsam zu einem müden Lächeln.

Ich habe bereits das Vaterunser aufgesagt, sagte der Henker ruhig.

Laß uns auch das Glaubensbekenntnis hören, Lieber, sagte Jon Hreggvidsson.

Nicht heute, sagte Sigurdur Snorrason und lächelte. Später.

Er strich vorsichtig und sanft und ganz langsam über die Peitschen. Du solltest wenigstens einen Knoten in die Peitschenschnur machen, lieber Siggi, sagte Jon Hreggvidsson – und wäre es auch nur wegen der Königin.

Der Henker sagte nichts.

Kaum wird ein so vortrefflicher Königsmann wie Sigurdur Snorrason eine solche Herausforderung aus dem Munde Jon Hreggvidssons auf sich sitzen lassen, sagte ein Landstreicher auf der Umfassungsmauer im Sagastil.

Unser heißgeliebter König, sagte Jon Hreggvidsson.

Sigurdur Snorrason biß sich auf die Lippen und machte einen Knoten in die Peitschenschnur.

Jon Hreggvidsson lachte mit funkelnden Augen und seine weißen Zähne blitzten in dem schwarzen Bart – jetzt hat er für die erste Kebse einen Knoten gemacht, sagte er. Er ist wahrhaftig kein Feigling. Mach noch einen Knoten, mein Lieber.

Nun begann Leben in die Zuschauer zu kommen, wie wenn die Leute Spielern zusehen, die um hohe Einsätze spielen.

Oh, Diener seiner königlichen Majestät, gedenke unseres Herrn! sagte die Stimme, die zuvor im Sagastil gesprochen hatte, jetzt in erbaulichem Ton von der Mauer herunter, und der Henker glaubte zu spüren, daß alle an diesem Ort zu ihm und zum König hielten, und blickte lächelnd von einer Mauer zur andern, während er einen zweiten Knoten in die Peitschenschnur machte; er hatte kleine, weit auseinanderstehende Zähne, und man sah viel von seinem Zahnfleisch.

Tja, und jetzt kommt die dritte an die Reihe – die dickste, sagte Jon Hreggvidsson. Schon mancher gute Mann hat für etwas büßen müssen, kaum daß er wußte, wo der Knoten steckt.

In dem Augenblick kam der Amtmann mit den beiden Gerichtszeugen, angesehenen Bauern; sie schoben die Leute zur Seite und traten in den Pferch. Sie sahen, daß der Henker Knoten in die Peitschenschnüre machte, und mit der Begründung, hier solle Gerechtigkeit geübt und kein Spott getrieben werden, wies ihn der Amtmann an, die Knoten zu lösen. Dann befahl er, man solle sich an die Arbeit machen.

Der Bauer mußte seine Kleider aufmachen, und über die Trennwand wurde ein Stück Wollstoff gelegt. Dann wurde der Mann der Länge nach bäuchlings auf diese Bank gelegt, und Sigurdur Snorrason zog ihm die Hosen herunter und das Hemd über den Kopf vor. Der Bauer hatte einen mageren, aber wohlgeformten Körper, seine gewölbten Muskeln zogen sich bei jeder Bewegung lebhaft zusammen, auf seinen festen Hinterbacken und bis zu den Kniekehlen hinab wuchs ein wenig schwarzer Flaum, sonst war sein Körper weiß.

Sigurdur Snorrason bekreuzigte sich, spuckte in die Hände und machte sich an die Arbeit.

Bei den ersten Hieben rührte sich Jon Hreggvidsson nicht, doch beim vierten und fünften Hieb zog sich sein Körper krampfartig zusammen, so daß beide Enden nach oben gingen; Beine, Gesicht und der obere Teil der Brust hoben sich, und das Gewicht des Mannes ruhte auf dem gespannten Bauch, die Hände wurden zu Fäusten, die Füße streckten sich in den Knöcheln, die Gelenke versteiften sich, die Muskeln wurden hart; man konnte die Fußsohlen des Mannes sehen und daß er frisch geflickte Schuhe trug. Die Hunde kamen an den Rand der Mauer vor und bellten in den Pferch hinunter. Als acht Hiebe gefallen waren, sagte der Amtmann, daß man jetzt einen Augenblick innehalten solle, der Delinquent hatte Anrecht auf eine Ruhepause. Dabei fing sein Rücken eben erst an, rot zu werden. Doch Jon Hreggvidsson wollte nichts von einer Ruhepause wissen, sondern rief mit dem Hemd über dem Kopf:

Weiter, in Teufels Namen, Mann.

Da wurde die Arbeit unverzüglich fortgesetzt.

Als zwölf Hiebe gefallen waren, hatte Jon Hreggvidssons Rücken bereits viele rote Striemen, und beim sechzehnten Hieb begann die Haut auf den Schulterblättern und über den Lenden aufzuplatzen. Die Hunde auf der Mauer bellten wie toll, aber der Mann lag stocksteif da und rührte sich nicht.

Beim sechzehnten Hieb sagte der Amtmann, daß der Delinquent nun wieder Anrecht auf eine Ruhepause hätte.

Da hörte man Jon Hreggvidsson rufen:

In drei Teufels Namen.

Der Henker des Königs spuckte wieder in die Hände und packte den Peitschenschaft.

Jetzt kommt er zu der letzten – der dicksten, sagte der Mann auf der Mauer und lachte unentwegt.

Sigurdur Snorrason trat mit dem linken Fuß vor und versuchte, mit dem rechten Fuß einen möglichst festen Halt auf dem glatten Boden des Pferchs zu bekommen; er biß sich auf die Lippen, während er zum Schlag ausholte. Das Funkeln seiner zusammengekniffenen Augen verriet, daß er sich ganz seiner Arbeit hingab; er wurde blau im Gesicht. Die Hunde waren außer Rand und Band. Beim zwanzigsten Hieb quoll fast überall auf dem Rücken des Bauern das Blut hervor, und die Peitschenschnur war feucht und glatt geworden; zum Schluß spritzte es nach allen Seiten und manchmal den Leuten ins Gesicht, die Peitsche war heiß und triefte, der Rücken des Mannes war eine einzige, blutende Wunde. Als die Obrigkeit das Zeichen zum Aufhören gab, war der Bauer trotz allem noch so bei Kräften, daß er sich von niemandem beim Hochziehen der Hosen helfen lassen wollte; er lachte mit funkelnden Augen zu den Leuten, Hunden und Kindern auf der Mauer hinauf, und seine weißen Zähne leuchteten in dem schwarzen Bart. Während er seine Hose zuknöpfte, sang er aus voller Kehle diese Strophe aus den älteren Pontus-Rimur:

Der Papst lud hohe Gäste ein zum Feste,

der Kaiser und die Könige begannen

froh zu trinken mit den hehren Mannen.

Es war schon Abend, als sich die letzten vom Thing auf den Heimweg machten, jede der Gruppen in eine andere Richtung. In der letzten Gruppe ritt der Amtmann und die beiden Thingzeugen: die Großbauern Sivert Magnussen und Bendix Jonsson und einige Bauern aus Akranes, außerdem der Henker Sigurdur Snorrason und, nicht zu vergessen, Jon Hreggvidsson von Rein.

Bendix Jonsson wohnte in Galtarholt, und da die Leute aus Akranes noch einen weiten Weg vor sich hatten, lud er die Gesellschaft ein, bei ihm zu Hause eine Stärkung zu sich zu nehmen, bevor sie weiterritten. Bendix hatte ein Faß Branntwein in seinem Vorratshaus stehen, denn er war ein großer Herr und Signor. Er bot Jon Hreggvidsson an, ihm eine Angelleine zu leihen, was ein hochherziges Anerbieten war bei dem Mangel an Fischergerät und der Hungersnot, unter denen die Bevölkerung jetzt zu leiden hatte.

Im hinteren Teil des Vorratshauses war eine durch eine Holzwand abgetrennte Kammer, und dort hinein führte der Großbauer den Amtmann, den Henker des Königs und Monsieur Sivert Magnussen; den drei geringeren Bauern und dem Gestäupten wurden im vorderen Teil des Vorratshauses auf Sattelkissen und Mehlkisten Plätze angewiesen. Bendix schenkte den Männern fleißig ein, und nun begann in dem Vorratshaus ein großes, allgemeines Fest. Bald wurde jegliche Trennung zwischen Kammer und vorderem Teil des Hauses unnötig. Die Männer setzten sich in einer Runde im vorderen Teil des Hauses hin und fingen an, Geschichten von Heldentaten zu erzählen, Streitgespräche zu führen, Gedichte vorzutragen und sich auf andere Weise zu unterhalten. Bald waren die täglichen Widerwärtigkeiten vergessen, die Männer schlossen alle miteinander Brüderschaft, schüttelten sich die Hände und umarmten sich. Der Henker des Königs legte sich auf den Boden und küßte Jon Hreggvidsson weinend die Füße, während der Bauer singend den Becher schwang. Signor Bendix war als einziger in der Gesellschaft nüchtern, wie es sich für einen klugen Gastgeber gehört.

Es war finstere Nacht, als die Männer von Galtarholt wegritten, und alle waren gehörig betrunken. Da ihnen der Alkohol die Sinne benebelte, kamen sie vom Weg ab, kaum daß sie die Einzäunung der Hofwiese hinter sich gelassen hatten, und gerieten plötzlich in ein bodenloses Moor mit tiefen Schlammpfützen, Wasserlöchern, Tümpeln und Torfgräben. Diese Gegend schien kein Ende nehmen zu wollen, und die Reisenden irrten den größten Teil der Nacht in diesem Vorhof zur Hölle umher. Monsieur Sivert Magnussen ritt in einen Torfgraben und flehte Gott an, ihm beizustehen. In Gewässern dieser Art werden häufig Hunde ertränkt, und tatsächlich gelang es den Reisegefährten erst nach längerer Zeit, den Großbauern herauszufischen, weil es schwierig war, sich klarzumachen, was ein lebender Mensch war und was ein toter Hund. Schließlich gelang es ihnen mit Gottes Hilfe, den Mann ans Ufer zu ziehen, und dort schlief er ein. Das letzte, an das sich Jon Hreggvidsson erinnerte, war, daß er versuchte, auf seine Stute zu steigen, nachdem er Monsieur Sivert Magnussen aus dem Graben herausgezogen hatte. Doch sein Sattel hatte keine Steigbügel, ganz abgesehen davon, daß das Pferd bedeutend höher geworden zu sein schien und außerdem dauernd nach hinten ausschlug. Doch ob er auf das Pferd gelangte oder etwas anderes geschah, das ihn in der Finsternis dieser Herbstnacht an der Ausführung seines Vorhabens hinderte, daran konnte er sich später nicht mehr genau erinnern.

Bei Tagesanbruch weckte er die Leute in Galtarholt. Er war übel zugerichtet, dreckig und naß, und seine Zähne klapperten, als er nach Signor Bendix fragte. Er ritt das Pferd des Henkers und hatte die Mütze des Henkers auf dem Kopf. Bendix half dem Mann vom Pferd, führte ihn ins Haus, zog ihn aus und legte ihn ins Bett; der Bauer war sehr mitgenommen und legte sich auf den Bauch, denn sein Rücken war geschwollen; er schlief sogleich ein.

Als er gegen neun Uhr vormittags wieder aufwachte, bat er Bendix, mit ihm ins Moor zu gehen, denn er hatte seinen Hut und seine Handschuhe, seine Reitgerte, die Angelleine und seine Stute verloren.

Die Stute stand nicht weit weg bei einigen anderen Pferden, mit dem Sattel unter dem Bauch. Das Moor war nicht so groß, wie es in der Nacht gewesen war. Sie suchten eine Weile nach den verlorenen Sachen am Ufer eines schmalen Moorbaches, wo Jon Hreggvidsson glaubte, in der Nacht gelegen zu haben, was auch stimmte, denn sie fanden sein Lager am Bachufer; dort lag die Reitgerte zwischen den Fingern des einen Handschuhs und daneben die Angelleine. Einige Schritte weiter unten fanden sie den toten Henker. Er lag auf den Knien, eingeklemmt zwischen die Ufer, im Bach, der so schmal war, daß die Leiche des Mannes ausgereicht hatte, ihn aufzustauen. Es hatte sich ein kleiner See oberhalb der Leiche gebildet, und das Wasser, das sonst nur gut knietief war, reichte ihr bis zu den Achselhöhlen. Augen und Mund der Leiche waren geschlossen. Bendix betrachtete dies eine Weile, sah dann Jon Hreggvidsson an und sagte:

Weshalb hast du seine Mütze auf dem Kopf?

Ich wachte barhäuptig auf, sagte Jon Hreggvidsson. Und als ich ein paar Schritte weit gegangen war, da fand ich diese Mütze. Dann rief ich laut hallo, hallo, aber keiner antwortete, also setzte ich sie auf.

Warum sind seine Augen und der Mund geschlossen? fragte Signor Bendix.

Das weiß der Teufel, sagte Jon Hreggvidsson. Ich habe sie ihm nicht zugedrückt.

Er wollte seine Reitgerte und seinen Handschuh aufheben und die Angelleine, doch Bendix hinderte ihn daran und sagte:

An deiner Stelle würde ich zuerst sechs Zeugen herbeirufen, damit sie sich alles ansehen können.

Dies war an einem Sonntag. Sie kamen überein, daß Jon Hreggvidsson nach Saurbaer reiten sollte, um dort einige von den Kirchgängern zu holen, damit sie die Leiche des Henkers Sigurdur Snorrason in der Stellung sehen konnten, in der man sie gefunden hatte. Aus Neugierde ritten viele Leute mit hinaus, den toten Henker zu untersuchen, und sechs erklärten sich bereit, einen Eid darauf abzulegen, daß man keine Wunden an der Leiche sehen konnte und auch keine sonstigen Zeichen dessen, daß Hand an den Mann gelegt worden sei, abgesehen davon, daß Augen, Nase und Mund geschlossen waren.

Die Leiche des Henkers wurde nach Galtarholt geschafft, und danach ritten alle wieder zu sich nach Hause.

Drittes Kapitel

Am folgenden Tag war das Wetter klar und windstill, und die Menschen verrichteten verschiedene Arbeiten zu Lande und zu Wasser; Jon Hreggvidsson jedoch lag bäuchlings im Bett, verfluchte seine Frau und bat den Herrn mit Ächzen und Stöhnen, ihm Tabak und Branntwein und drei Kebsen zu geben. Der Schwachsinnige saß auf dem Boden und zupfte Wolle und lachte unaufhörlich. Der durchdringende Gestank des Aussatzes war stärker als die anderen Gerüche in der Stube.

Da springt plötzlich der Hund mit lautem Gebell auf das Dach des Hauses und gleichzeitig dröhnt draußen der Hufschlag vieler Pferde. Bald hört man das Klirren von Trensen und den Klang menschlicher Stimmen vor dem Eingang; eine gebieterische Stimme erteilt den Reitknechten Befehle. Jon Hreggvidsson rührte sich nicht. Die Frau kam atemlos in die Stube gelaufen und sagte:

Herr Jesus sei mir gnädig, es sind vornehme Leute da.

Vornehme Leute, sagte Jon Hreggvidsson. Haben sie mir nicht schon die Haut abgezogen? Was wollen sie denn noch?

Aber es blieb keine Zeit für lange Plaudereien; raschelnde Kleider, Schritte und menschliche Stimmen kamen den Gang entlang. Die Gäste warteten nicht, bis sie hereingebeten wurden.

Als erster trat über Jon Hreggvidssons Schwelle ein stämmiger, rotwangiger Herr in einem weiten Mantel, mit einem unter dem Kinn festgebundenen Hut, einem schweren, goldenen Ring, einem Silberkreuz an einer Kette und einer kostbaren Reitgerte. Nach ihm kam eine Frau mit einem hohen, gelben Hut, in einem bodenlangen, dunklen Reitumhang und mit einem roten Seidentuch, noch kaum mittleren Alters und mit frischer Hautfarbe, obwohl die Geschmeidigkeit der Jugend in ihren Bewegungen schon nachließ, ihre Figur fülliger wurde und ihr Gesichtsausdruck immer stärker von Weltlichkeit geprägt wurde. Ihr folgte eine zweite, ganz junge Frau. Sie war insofern ein lyrisches Gegenstück zu der vorigen, als sie weniger von den Dingen gekostet hatte, die eine Frau zur Frau machen; sie war barhäuptig, und ihr offen herabfallendes Haar strahlte. Die Biegsamkeit ihres schlanken Körpers war wie die eines Kindes, ihre Augen so unwirklich wie das Blau des Himmels. Sie hatte bisher nur die Schönheit der Dinge kennengelernt, nicht aber ihren Nutzen, und deshalb hatte ihr Lächeln nichts mit dem menschlichen Leben gemein, als sie dieses Haus betrat. Ihr Mantel war indigoblau, mit einer Silberspange am Halsausschnitt, und eng anliegend über der Taille, und sie raffte ihn mit ihren zierlichen Händen; sie trug rote, gerippte Strümpfe über den Schuhen.

Als letzter in dieser vornehmen Gesellschaft kam ein gemessen auftretender, nachdenklicher und in sich gekehrter Herr. Dieser Mann war von angenehmem Äußeren, und es war schwierig, sein Alter zu bestimmen; sein Gesicht war glatt, seine Nase gerade, um seinen Mund lag ein weicher und melancholischer Zug, fast weiblich, doch ohne Wankelmut. Die gesetzten Bewegungen zeugten von langer Übung. Und obwohl sein Blick fest und ruhig war, waren seine Augen voller Empfänglichkeit, groß und klar, und es hatte den Anschein, als sei ihr Blickfeld größer als das anderer Menschen, so daß ihnen weniger verborgen blieb. Diese Augen, die alles wahrnahmen, aber wie ein stiller See mehr aus natürlicher Veranlagung als aus Neugierde, mehr durch Begabung als durch Anstrengung, sie waren der Adel dieses Mannes. In Wirklichkeit glich der Gast seinem Auftreten nach mehr einem klugen Mann aus dem Volk als einem vornehmen Herrn, dessen Stellung dadurch gekennzeichnet ist, daß er über andere herrscht, hätte nicht seine Kleidung den Ausschlag gegeben. Eine gewöhnliche Standesperson erkennt man an ihrem Auftreten, dieser Mann zeichnete sich durch seinen unauffälligen, sorgfältigen Geschmack aus. Aus jeder Naht, jeder Falte, jeder Proportion im Schnitt seiner Kleider sprach der Ästhet; die Stiefel waren aus feinem englischen Leder. Die Perücke, die er selbst bei Bauerntölpeln und Bettlern unter seinem breitkrempigen Hut trug, war von guter Qualität und sauber gekämmt, als ginge er zur Audienz beim König.

Mit einigem Abstand zu dieser eleganten Gesellschaft kam der Seelsorger Jon Hreggvidssons, der Gemeindepfarrer von Gardar, samt seinem Hütehund, der einen geringelten Schwanz hatte und alles beschnupperte. Es war eng in der Stube für die vielen vornehmen Leute, und Jon Hreggvidssons Frau zog den Schwachsinnigen auf ein Bett, damit die Herrschaften Platz hätten.

Nun, mein lieber Jon Hreggvidsson von Rein, daß dir das vorherbestimmt war, sagte der Pfarrer: Hier ist der Bischof von Skalholt gekommen und seine Madame Jorunn und ihre Schwester, die Blüte aller Jungfrauen, Fräulein Snaefridur, die Töchter des Richters Eydalin; und schließlich der Vertraute unseres allergnädigsten Herrn und Erbkönigs, Assessor Arnas Arnaeus, Professor an der Universität zu Kopenhagen – hierher zu dir in deine Stube.

Jon Hreggvidsson gab nur ein leichtes Schnauben von sich, sonst nichts.

Ist der Bauer krank? fragte der Bischof, der ihm als einziger der Gäste die Hand mit dem schweren Goldring reichte.

Das kann ich eigentlich nicht behaupten, sagte Jon Hreggvidsson. Ich wurde gestern ausgepeitscht.

Das ist gelogen, ausgepeitscht wurde er vorgestern. Dagegen hat er gestern einen Mann umgebracht, der arme Tropf, sagte die Frau plötzlich mit durchdringender Stimme und schlüpfte, so schnell sie konnte, hinter dem Rücken der Gäste zur Tür hinaus.

Da sagte Jon Hreggvidsson: Ich bitte meine wohlgeborenen Herrschaften, dieses Frauenzimmer nicht ernst zu nehmen, denn wer sie ist, kann man am besten an ihrer Nachkommenschaft dort auf dem Bett sehen, und scher dich hinaus, Dummkopf, und zeig dich nicht vor ordentlichen Leuten. Gunna, kleine Gunna! Wo ist meine Gunna, die wenigstens die Augen von mir hat?

Aber das Mädchen kam nicht, obwohl er rief, und der Bischof wandte sich an den Pfarrer und fragte, ob diesem armen Menschen kein Beneficium zuteil geworden sei; er bekam zur Antwort, daß niemand darum nachgesucht habe. Die Frau des Bischofs umfaßte den Arm ihres Gatten und lehnte sich an ihn. Snaefridur Eydalin blickte ihren ruhigen Begleiter an, ihr natürliches Lächeln erstarb allmählich, bis es zu einem Ausdruck der Angst geworden war.

Der Bischof bat den Pfarrer Thorsteinn, das Anliegen des Assessors vorzutragen und dann alle Bewohner des Hofes herbeizurufen, denn er wollte ihnen seinen Segen erteilen.

Da fing der Pfarrer Thorsteinn an zu sprechen und wiederholte ausdrücklich, daß hier ein hochgelehrter Mann aus der großen Stadt Kopenhagen gekommen sei, Arnas Arnaeus, der Freund des Königs, der Amtsbruder von Grafen und Baronen und eine rechte Zierde dieses unseres armen Landes bei anderen Völkern. Er wollte alle beschriebenen Fetzen aus alter Zeit kaufen, sowohl aus Pergament als auch aus Papier, Schwarten, Scharteken und alles an Briefen oder Büchern, was jetzt dem raschen Verfall preisgegeben war im Besitz der armen und notleidenden Bewohner dieses elenden Landes, da diese kein Verständnis mehr dafür hätten, als Folge von Hunger und anderer Strafe Gottes, die unbußfertige Menschen trifft und die, die undankbar gegenüber Christo sind. Diese alten Bücher, sagte der Pfarrer, werde er dann in sein großes Schloß in der Stadt Kopenhagen bringen, um sie dort für ewige Zeiten aufzubewahren, so daß die Gelehrten der Welt sich davon überzeugen könnten, daß in Island einst große Helden, wie Gunnar von Hlidarendi und der Bauer Njall und seine Söhne, gelebt hätten. Hierauf legte der Pfarrer Thorsteinn dar, daß sein Herr die Eingebung gehabt habe, aufgrund der prophetischen Veranlagung, welche nur hochgelehrten Zeugen göttlicher Gaben zuteil wird, daß der unwissende Jon Hreggvidsson von Rein im Besitz einiger alter Pergamentfetzen mit Schrift aus papistischer Zeit sei, und deshalb habe nun diese hohe Gesellschaft, die sich auf der Reise von Eydalur im Westland nach Skalholt befinde, einen Umweg hierher nach Akranes gemacht, um mit diesem armen Pächter Christi zu sprechen, der hier frisch gestäupt auf seinem Bett lag. Der Assessor habe das große Verlangen, diese Fetzen zu sehen, wenn sie noch vorhanden seien, und sie ausleihen zu dürfen, wenn sie ausgeliehen werden könnten, oder sie zu kaufen, wenn sie verkäuflich seien.

Jon Hreggvidsson wußte nichts davon, daß sich in seinem Besitz irgendwelche Pergamentfetzen, Bücher oder Scharteken befanden, welche die Erinnerung an die alten Helden wachhielten, leider, und er fand es bedauerlich, daß eine so vornehme Gesellschaft umsonst einen so weiten Weg gemacht hatte. In diesem Haus gab es keine Bücher, abgesehen von einem zerfledderten Graduale und den schlecht gereimten Kirchenliedern des Pfarrers Halldor von Prestholar, und Gunnar von Hlidarendi hätte wohl kaum solche Kirchenlieder gedichtet. Richtig lesen könne hier auf dem Hof keiner außer Jon Hreggvidssons Mutter, was daher kam, daß ihr Vater Buchbinder beim seligen Pfarrer Gudmundur von Holt im Westland gewesen war und bis zu seinem Tod immer mit Büchern zu tun gehabt hatte. Jon Hreggvidsson sagte, er selber lese nur gezwungenermaßen, doch habe er von seiner Mutter alle notwendigen Sagas und Rimur nebst den alten Geschlechtsregistern gelernt, er meinte, er stamme in direkter Linie vom Dänenkönig Harald Kampfzahn ab. Er sagte, er werde nie so berühmte Helden der Vorzeit wie Gunnar von Hlidarendi, König Pontus und Örvar-Oddur vergessen, die zwölf Ellen groß waren und dreihundert Jahre alt wurden, wenn ihnen nichts zustieß, und hätte er ein solches Buch, würde er es unverzüglich dem König und den Grafen schicken und zum Geschenk machen, zum Beweis dafür, daß es hier in Island tatsächlich einmal richtige Menschen gegeben hat. Allerdings glaube er nicht, daß Unbußfertigkeit der Grund dafür sei, daß die Isländer jetzt ins Elend geraten waren, denn wann sei Gunnar von Hlidarendi bußfertig gewesen? Nie. Er sagte, seine Mutter singe unentwegt die Bußlieder des Pfarrers Halldor von Prestholar, aber es nütze nichts. Hingegen, sagte er, sei der Mangel an Fischereigerät sehr viel schädlicher für die Isländer als der Mangel an Bußfertigkeit, und der Beginn seines Unglücks sei gewesen, daß er sich von einem Stück Schnur habe verlocken lassen. Dennoch dürfe niemand glauben, und vor allem nicht mein Herr Bischof, daß er Christus gegenüber undankbar sei oder jemals sein lebendes Inventar aufessen würde, ganz im Gegenteil, er sagte, dieser Grundherr und himmlische Bauer sei immer mild und nachsichtig zu seinem armen Pächter gewesen, und sie seien auch immer gut miteinander ausgekommen.

Während der Hausherr sprach, kamen die Leute herein, um den Segen des Bischofs von Skalholt entgegenzunehmen; die Base mit den Beulen und den entblößten Fingerknochen und die Schwester mit den Wunden und dem abgefaulten Gesicht gaben keine Ruhe, bis sie dicht vor den Gästen standen, der Herrlichkeit der Welt von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Krüppel, und insbesondere Aussätzige, nutzen jede Gelegenheit, um ihre Gebresten zur Schau zu stellen, vor allem denen gegenüber, die Macht und Einfluß haben, oft mit einem trotzigen Stolz, der selbst den Mutigsten entwaffnet und den Schönsten in seinen eigenen Augen lächerlich macht: Sieh, dies hat der Herr mir in seiner Gnade verliehen, hier ist meine Rechtfertigung vor Gott, sagen diese Menschen und fragen gleichzeitig: Was ist deine Rechtfertigung, wessen hat Gott dich für wert erachtet? Oder sogar: Der Herr hat mich für dich mit diesen Gebresten geschlagen.

Der Schwachsinnige war stets eifersüchtig auf die beiden Aussätzigen und konnte es nicht ertragen, daß sie in der Nähe waren, wenn etwas von Bedeutung geschah; er ärgerte und plagte sie auf jede erdenkliche Weise, versetzte ihnen Fußtritte, kniff sie und spuckte sie an, und Jon Hreggvidsson mußte ihm immer wieder befehlen, sich zu packen. Der Hund des Pfarrers Thorsteinn zog den Schwanz ein und schlich hinaus. Die Frau des Bischofs versuchte, den beiden Aussätzigen, die ihre schwarzen Gesichter zu ihr emporhoben, freundlich zuzulächeln, doch Fräulein Snaefridur wandte sich mit einem Aufschrei von diesem Anblick ab, legte unwillkürlich Arnaeus, der neben ihr stand, die Arme auf die Schultern, barg mit hastiger Bewegung den Kopf an seiner Brust, riß sich wieder von ihm los und versuchte, sich zu beherrschen, und sagte dann mit leiser, etwas dumpfer Stimme:

Mein Freund, warum zerrst du mich in dieses fürchterliche Haus?

Nun hatten sich auch die übrigen Bewohner des Hofes eingefunden, um den Segen zu empfangen, die Mutter, die Tochter und die Frau. Die alte Mutter fiel vor dem Bischof auf die Knie und küßte nach alter Sitte seinen Ring, und der Herr Bischof half ihr, wieder aufzustehen. Die dunklen, ängstlichen Augen des Mädchens, rund und funkelnd, waren die Zierde des Hauses. Die Frau stand wieder in der Tür, mit spitzer Nase und durchdringender Stimme, bereit, sich sofort aus dem Staub zu machen, sollte etwas Unvorhergesehenes geschehen.

Es trifft also zu, was ich immer wieder meinem Herrn gegenüber betont habe, nämlich daß hier keine großen Schätze zu finden seien, sagte der Pfarrer Thorsteinn. Selbst die Barmherzigkeit Gottes ist von diesem Hause weiter entfernt als von anderen Häusern in der Pfarrgemeinde.

Es gab nur einen in dieser vornehmen Gesellschaft, der sich von keinem Abscheu anfechten ließ, den nichts überraschen konnte, weder an diesem Ort noch anderswo, und dessen weltmännische Selbstbeherrschung nicht ins Wanken gebracht werden konnte. Nichts in der Miene Arnae Arnaei deutete darauf hin, daß er sich in diesem Haus nicht äußerst wohlfühlte. Er hatte jetzt ein Gespräch mit der alten Frau begonnen; er sprach langsam, bescheiden und ruhig, wie ein Mann aus einem abgelegenen Tal, der in der Einsamkeit über vieles nachgedacht hat. Die Weichheit seiner tiefen Stimme war mehr mit Samt als mit Daunen verwandt. Und das Sonderbare geschah, daß er, der Vertraute des Königs, der Tischgenosse der Grafen und unsere Zierde bei anderen Völkern, dieser ferne Weltmann, den man kaum einen Isländer nennen konnte, es sei denn im Traum und im Märchen, daß er ganz genau Bescheid wußte über die Familie und Herkunft dieser einfachen alten Frau, ihre Verwandten im Westland kannte und mit ruhigem Lächeln sagte, er habe schon öfter als einmal Bücher in der Hand gehabt, die ihr Vater für einen Pfarrer namens Gudmundur, der vor hundert Jahren gestorben war, gebunden hatte.

Leider, fügte er hinzu und sah den Bischof an – leider hatte der selige Pfarrer Gudmundur von Holt die Angewohnheit, alte Pergamentbücher mit berühmen Sagas auseinanderreißen zu lassen, von denen jedes Blatt, und war es auch nur ein halbes Blatt oder ein winziger Fetzen, auro carius war, und manche davon wären mit einem Herrenhof für jedes einzelne von ihnen nicht zu teuer bezahlt gewesen. Dann ließ er diese Pergamentblätter zu Einbänden und Involucris für Gebetbücher und Kirchenlieder verarbeiten, die er ungebunden von der Druckerei in Holar bekam und gegen Fische an seine Pfarrkinder verkaufte.

Hierauf richtete er seine Worte wieder an die alte Frau:

Jetzt möchte ich gerne fragen, ob diese meine alte Mutter mir nicht eine Stelle unter einem Bett, draußen in der Küche, im Vorratsraum oder auf dem Boden des Vorratshauses zeigen kann, wo manchmal die Fetzen oft geflickter Lederhosen oder abgetragene Schuhe in den Ecken herumliegen, oder einen Winkel unter dem Dach in einem Stall, wo man bisweilen im Winter unbrauchbare Lumpen in eine Ritze stopft, damit es nicht hereinschneit, gar nicht davon zu reden, daß es vielleicht einen alten Sack oder eine Kiste mit Plunder gibt, in dem ich ein wenig herumkramen darf, es könnte ja sein, daß ich wenigstens ein kleines Stückchen von einem Bucheinband aus der Zeit des Pfarrers Gudmundur von Holt finde.

Doch in diesem Haushalt gab es keinen Sack und keine Kiste mit Plunder und auch kein Vorratshaus mit einem Dachboden. Der Assessor machte aber trotzdem keine Miene, aufzubrechen, und obwohl der Bischof ein wenig unruhig geworden war und gerne die Segenerteilung hinter sich gebracht hätte, lächelte der Freund des Königs die Leute weiterhin freundlich an.

Mir fällt nichts ein, es sei denn die Bettlade meiner Mutter, sagte Jon Hreggvidsson.

Aber ja, ganz recht, worauf liegen nicht unsere edlen alten Frauen, sagte der Assessor, zog seinen Schnupftabak heraus und bot allen eine Prise an, auch dem Schwachsinnigen und den beiden Aussätzigen.

Als Jon Hreggvidsson eine Prise von diesem ausgezeichneten Tabak genommen hatte, fiel ihm wieder ein, daß irgendwo noch die alten Pergamentfetzen sein mußten, die sie damals als Flicken für seine Hose hatten nehmen wollen, wofür sie aber nicht getaugt hatten.

Staub und Gestank stiegen auf, als man anfing, im Bett der Alten herumzustöbern, denn das Heu in der Bettlade war alt und völlig verschimmelt. Doch zwischen dem Heu lag ein Durcheinander von allerhand Gerümpel, wie alte Schuhe ohne Sohlen, Schuhflicken, alte Beinlinge, vermoderte Wollfetzen, Stücke von Schnüren und Seilen, Teile von Hufeisen, Hörner, Knochen, Walbarten, steinharte Fischschwänze, abgebrochene Riegel und andere Holzabfälle, Webgewichte, Muscheln, Schnecken und Seesterne. Doch es war nicht völlig ausgeschlossen, darunter auch nützliche und sogar interessante Dinge zu finden, wie Gurtschnallen aus Messing, Meerbohnen, Peitschenbeschläge, uralte Kupfermünzen.

Jon Hreggvidsson war selber aufgestanden, um dem Professor antiquitatum beim Stöbern im Bett der Alten zu helfen. Die Schönen waren ins Freie hinausgegangen; die Aussätzigen blieben zurück beim Bischof. Die alte Frau stand ein Stück abseits, und ihre runzligen Wangen wurden rot, als sie zu wühlen begannen, und ihre Pupillen weiteten sich, und je länger sie wühlten, und je mehr Dinge sie berührten, desto mehr Nerven wurden in ihr selbst berührt, bis sie zu zittern anfing. Schließlich hob sie den Rock an die Augen und weinte leise. Der Bischof von Skalholt hatte danebengestanden und das Vorgehen des Assessors mißtrauisch beobachtet, doch als er sah, daß die alte Frau zu weinen begonnen hatte, streichelte er ihr mit christlicher Milde die nasse, verhutzelte Wange und versuchte, sie davon zu überzeugen, daß sie ihr nichts wegnehmen würden, was für sie von Wert sei.

Nach langer und sorgfältiger Suche zog der vornehme Gast schließlich aus dem schimmligen Heu ein paar zusammengerollte Pergamentfetzen, die so zerknittert, eingeschrumpft und hart vor Alter waren, daß es unmöglich war, sie zu glätten.

Das höfliche, um Nachsicht bittende Lächeln in den Augen des bedächtigen vornehmen Herrn, während er in diesem Gerümpel gesucht hatte, verwandelte sich plötzlich in eine selbstvergessene, ernste Amtsmiene, als er seinen Fund gegen das weiche Licht der Fensteröffnung emporhielt, und das Lächeln war verschwunden. Bald blies er auf das Pergament, bald starrte er es an; dann zog er ein seidenes Tuch aus seiner Brusttasche und wischte oder staubte es damit ab.

Membranum, sagte er schließlich und blickte rasch zu seinem Freund, dem Bischof, hinüber, und sie untersuchten beide den Fund: einige gefaltete und geheftete Blätter aus Kalbshaut, der Faden der Heftung schon längst verschlissen oder vermodert; und obwohl die Oberfläche des Pergaments schwarz und sehr stark verschmutzt war, konnte man ohne Schwierigkeit einen Text in gotischer Schrift darauf erkennen. Ihr Eifer war beinahe andächtig, sie berührten diese vertrockneten Fetzen genauso vorsichtig wie eine hautlose Leibesfrucht und murmelten lateinische Wörter wie pretiosissima, thesaurus und cimelium vor sich hin.

Die Schrift ist aus der Zeit um dreizehnhundert, sagte Arnas Arnaeus. Soweit ich sehen kann, sind das tatsächlich Blätter aus der Skalda.

Dann wandte er sich zu der alten Frau, sagte, daß hier sechs Blätter aus einer alten Handschrift seien, und fragte, wie viele es ursprünglich gewesen sein mochten.

Die alte Frau hörte auf zu weinen, als sie sah, daß sie es auf nichts Wertvolleres aus ihrer Bettlade abgesehen hatten, und antwortete, es seien nie mehr als noch eines gewesen, sie konnte sich undeutlich daran erinnern, daß sie einmal vor langer Zeit diese Hautfetzen aufgeweicht und ein Blatt herausgerissen hatte, um damit die Hose ihres Jon zu flicken, doch es taugte überhaupt nicht dazu und ließ sich nicht nähen; und als der Gast fragte, was aus diesem Blatt geworden sein mochte, antwortete die Frau zuerst, daß es bislang noch nie bei ihr Brauch gewesen sei, etwas das sich noch verwenden ließ, wegzuwerfen, und schon gar nicht etwas aus Haut, bei dem Mangel an Schuhwerk, den sie ihr Leben lang hatte erdulden müssen, mit diesen vielen Füßen: Es war ein schlechter Hautfetzen, der nicht zu etwas nütze war in einem harten Jahr, wenn viele ihre Schuhe essen müssen, und ist es auch nur ein Stück Riemen, wird er Kindern in den Mund gesteckt, damit sie daran lutschen können. Meine Herren durften nicht glauben, es habe nicht seinen guten Grund, daß sie diese Fetzen zu nichts habe verwenden können.

Sie betrachteten beide die alte Frau, die sich schluchzend die Tränen abwischte. Dann sagte Arnas Arnaeus leise zum Bischof:

Ich habe jetzt sieben Jahre lang gesucht und im ganzen Land nachforschen lassen, ob es nicht irgendwo ein Bruchstück, und seien es auch nur minutissima particula, von den vierzehn Blättern gäbe, die mir von der Skalda fehlen, denn in dieser einzigartigen Handschrift sind die schönsten Gedichte des Nordens aufgezeichnet worden. Hier sind sechs gefunden, zwar zusammengeknüllt und schlecht lesbar, aber dennoch sine exemplo.

Der Bischof beglückwünschte seinen Freund mit einem Händedruck.

Nun sprach Arnas Arnaeus wieder lauter und wandte sich an die alte Frau: Ich nehme diese unseligen Fetzen mit, sagte er. Man kann damit sowieso weder eine Hose flicken noch Schuhe sohlen; und es ist ziemlich ausgeschlossen, daß Island jemals ein solches Mißjahr erlebt, daß man sie als eßbar ansehen wird. Doch du sollst einen Silbertaler von mir bekommen für deine Mühe, gute Frau.

Er wickelte die Pergamentfetzen in das Seidentuch und steckte sie unter seinen Rock; dabei sagte er zu dem Pfarrer Thorsteinn in jenem munteren, nachlässigen Ton, den man anzuschlagen pflegt, wenn man eine kameradschaftliche Unterhaltung führen will mit einem dienstbeflissenen Begleiter, mit dem man im übrigen nichts gemeinsam hat:

Es ist nun einmal so gekommen, lieber Pfarrer Thorsteinn, daß dieses Volk, das die bedeutendsten litteras in Europa seit antiqui besessen hat, jetzt lieber auf Kalbshaut geht und Kalbshaut ißt, anstatt alte Schriften auf Kalbshaut zu lesen.

Darauf erteilte der Bischof den Leuten auf dem Hof seinen Segen.

Die vornehmen Damen hatten draußen in der Abendröte auf ihre Kavaliere gewartet und gingen ihnen jetzt lächelnd entgegen. Dutzende von Pferden liefen herum und weideten eifrig und schnaubend auf der kleinen Hauswiese. Die Pferdeknechte führten vier von ihnen auf den Hofplatz. Dann stiegen die Herrschaften auf und ritten schnell über die steinigen Wege davon, daß die Funken von den Hufen stoben.

Viertes Kapitel

Wenige Tage später ritt Jon Hreggvidsson nach Akranes hinaus, um Fuchssteuern einzutreiben, denn er rottete die Füchse aus für die Leute in der Gegend. Er bekam die Steuer mit Fisch bezahlt, wie es üblich war, aber es herrschte ein Mangel an Schnüren, wie immer, deshalb hatte er den Einfall, beim Amtmann vorbeizureiten und sich von ihm ein Stück Schnur auszuleihen, um damit die Fische zusammenzubinden. Der Amtmann stand mit ein paar Bauern aus Akranes vor der Haustür, als Jon Hreggvidsson mit seinen Fischen auf den Hofplatz ritt.

Guten Tag, sagte Jon Hreggvidsson.

Man antwortete kaum.

Ich wollte eigentlich die Obrigkeit bitten, mir ein kleines Stück Schnur zu leihen, sagte Jon Hreggvidsson.

Du wirst ganz sicher ein Stück Schnur bekommen, Jon Hreggvidsson, sagte der Amtmann und wandte sich mit folgenden Worten an seine Leute: Und jetzt packt ihn, in Jesu Namen.

Es waren drei außer dem Amtmann, alles gute Bekannte Jons. Zwei wollten ihn festnehmen, einer stand daneben. Jon setzte sich sofort zur Wehr, ging abwechselnd auf die Bauern los, schlug sie und stieß sie und warf sie in den Kot, so daß sie in größten Schwierigkeiten waren, bis ihnen der Amtmann, der ein richtiger Hüne war, zu Hilfe kam. Da gelang es ihnen nach kurzer Zeit, den Bauern zu überwältigen, doch die Fische waren während des Kampfes von den Füßen der Männer in den Dreck getreten worden. Dann holte der Amtmann Fesseln und legte sie dem Bauern an und sagte währenddessen zu ihm, daß er sich in Zukunft nicht mehr selbst um eine Wohnung zu kümmern brauche. Der Gefangene wurde in den Vorraum der Gesindestube des Amtmannssitzes gebracht, wo die Leute den ganzen Tag aus und ein gingen, und dort mit Ketten an den Füßen zwei Wochen lang bewacht. Er mußte Roßhaar zupfen oder Korn mahlen, und die Knechte mußten ihn abwechselnd bewachen. Nachts durfte er auf einer Kiste liegen. Junge Burschen und Mädchen verspotteten und verhöhnten ihn, wenn sie durch die Tür gingen, und eine alte Frau leerte einen Nachttopf über ihn, denn er sang nachts die Pontus-Rimur und brachte die Leute um ihren Schlaf. Aber eine arme Witwe und ihre beiden Kinder hatten Mitleid mit ihm und gaben ihm warmes Schmalz und Grieben.

Schließlich ritt man mit dem Bauern nach Kjalardalur und hielt Gericht in der Sache. Dort stellte der Amtmann fest, daß er zu Recht festgenommen worden sei. Er wurde angeklagt, den Henker Sigurdur Snorrason ermordet zu haben, und sollte sich von dieser Anklage durch einen Zwölf-Männer-Eid reinigen; die Zeugen mußte er selbst beibringen. Die sechs Kirchgänger aus Saurbaer jedoch schworen, daß Augen, Nase und Mund der Leiche Sigurdur Snorrasons geschlossen waren, als sie sie im Bach vorfanden. Monsieur Sivert Magnussen, den man aus einer Torfgrube gezogen hatte, schwor, daß der Henker und Jon Hreggvidsson am besagten Abend gemeinsam von den anderen weg ins Dunkel geritten seien. Zugunsten von Jon Hreggvidsson wollte keiner einen Eid ablegen. Nach zweitägiger Gerichtsverhandlung wurde er für den Mord an Sigurdur Snorrason zum Tode verurteilt. Es wurde ihm gestattet, gegen das Urteil des Bezirksgerichts beim Gericht auf dem Althing Berufung einzulegen.

Das war im Spätherbst, auf den Wegen lag schon verharschter Schnee, und man kam gut vorwärts; außer dem Amtmann und seinem Schreiber gingen alle zu Fuß. Auf dem Heimweg nach Akranes hinaus ritt der Amtmann in Rein vorbei, und der Gefangene mußte gefesselt und bewacht vor seiner Hofwiese stehen bleiben, während der Amtmann ins Haus ging.

Die Leute auf dem Hof ahnten, wer gekommen war, und die Mutter Jon Hreggvidssons melkte die Kuh und brachte dem Bauern die warme Milch in einer Holzschüssel. Als er getrunken hatte, strich sie dem Mann die Haare aus der Stirn. Das Mädchen, seine Tochter, kam auch heraus und stand bei dem Mann und sah ihn an.

Der Amtmann betrat, ohne anzuklopfen, die Stube in Rein.

Dein Mann ist wegen Mordes verurteilt worden, sagte der Amtmann.

Ja, er ist ein schlimmer Mensch, sagte die Frau. Das habe ich immer gesagt.

Wo ist sein Gewehr, fragte der Amtmann. In diesem Haus sind Mordwaffen überflüssig.

Ja, es ist ein Wunder, daß er uns alle nicht schon längst mehrmals umgebracht hat mit diesem Gewehr, sagte die Frau und gab ihm das Gewehr.

Darauf nahm sie ein neues, ordentlich zusammengefaltetes Wollhemd, reichte es dem Amtmann und sagte:

Ich bin, wie alle sehen, hochschwanger und außerdem ein kranker Mensch und sehe sehr schlecht aus, und er macht sich ja wohl auch nicht viel daraus, mich zu sehen. Aber ich möchte den Amtmann bitten, ihm dieses Hemd zu geben, das ist warm, falls er lange fortbleibt.

Der Amtmann packte das Hemd, schlug ihr damit ins Gesicht und sagte, indem er es von sich warf:

Ich bin nicht der Diener des Gesindels in Rein.

Der Junge lachte laut, denn er freute sich immer, wenn man seiner Mutter Böses antat, gleichgültig, wer es war. Die Aussätzigen saßen nebeneinander auf einem Bett, die eine voller Beulen, die andere voller Wunden, hielten sich zitternd bei den Händen und lobten Gott.

Da es bereits Winter war und man eine endgültige Entscheidung in der Angelegenheit Jon Hreggvidssons erst auf dem Althing erwarten konnte, wurde bestimmt, daß der Gefangene nach Bessastadir gebracht werden sollte, denn anderswo war es kaum möglich, Leute längere Zeit gefangenzuhalten. Man schickte Männer mit einem Boot nach Alftanes hinüber; der Gefangene saß im Heck. Es war kalt und bisweilen schlugen Wellen über das Boot herein. Die Männer hielten sich durch Rudern und Wasserschöpfen warm. Jon Hreggvidsson sang die älteren Pontus-Rimur. Wenn sie ihn ansahen, hörte er für eine kurze Weile mit dem Singen auf, seine Augen begannen zu funkeln, und er lachte die Männer herausfordernd an, so daß die weißen Zähne in dem schwarzen Bart blitzten; dann sang er weiter.

In Bessastadir nahmen den Gefangenen der Verwalter des Landvogts, der Schreiber und zwei dänische Diener in Empfang. Diesmal wurde der Bauer nicht in der Sklavenkiste untergebracht, sondern er wurde gleich in das Schwarze Loch gesteckt. Eine Erdhütte, die wie ein Brunnenhaus aussah, war mit schweren Luken verschlossen und durch einen Riegel mit mächtigen Schlössern gesichert; darunter befand sich ein tiefes Verlies mit gekalkten Mauern. Man ließ eine Strickleiter hinab, und Jon Hreggvidsson mußte an ihr hinunterklettern, bis er auf dem Grund angekommen war; dann kletterten die Diener des Landvogts auch hinunter, um ihn in Eisen zu legen. Es gab dort keine anderen Bequemlichkeiten als eine schmale Pritsche mit einem Schaffell, einen Latrinenkübel und einen Richtblock; auf dem Richtblock lag ein großes Beil und daneben stand ein irdener Krug mit Wasser. Die Laterne des Verwalters beleuchtete einen Augenblick lang dieses Bild, den Richtblock, das Beil und den irdenen Krug, als die Männer wieder weggingen. Sie kletterten wieder nach oben, zogen die Strickleiter hinter sich hinauf, schlossen die Luken und schoben den Riegel vor, drehten den Schlüssel im Schloß um. Dann war alles still. Es war stockfinster, man sah die Hand nicht vor den Augen. Jon Hreggvidsson sang:

Der Schwerter Brecher unbewegt

ein Weib zu sich aufs Lager legt

dem Starken wuchs die Liebesglut

dem Starken wuchs die Liebesglut:

– nicht gleich war sie dem Recken gut.

In diesem Gefängnis sang Jon Hreggvidsson den ganzen Winter über und bis zum Sommer die älteren Pontus-Rimur.

Die Zeit verging nicht in Stunden an diesem Ort, und schon gar nicht in Tagen, es gab keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht, und er durfte nichts tun, um sich die Zeit zu vertreiben; einmal am Tag, manchmal zweimal, wurde das Essen in einem Korb zu ihm heruntergelassen. Gesellschaft hatte er nur wenig und selten.

In Wirklichkeit hatte er bereits vergessen, was Menschen sind, als die ersten Gäste zu ihm heruntergelassen wurden, so daß er sie freudig begrüßte. Es waren zwei, und beide waren sehr niedergeschlagen und erwiderten kaum seinen Gruß. Er fragte, wie sie hießen und woher sie kämen, doch sie wollten nicht antworten. Zuletzt bekam er aus ihnen heraus, daß der eine von Seltjarnarnes kam und Asbjörn Joakimsson hieß, der andere von Hraun, Holmfastur Gudmundsson.

Tja, sagte Jon Hreggvidsson. Die Leute von Hraun waren schon immer verfluchte Strolche. Aber ich hatte geglaubt, die Leute von Seltjarnarnes seien anständige Leute.

Die Männer warteten beide darauf, ausgepeitscht zu werden. Es war leicht zu erkennen, sowohl daran, wie zögernd sie antworteten und wie vorsichtig sie sprachen, als auch daran, mit welchem Ernst sie ihr Schicksal betrachteten, daß dies angesehene Männer waren. Jon Hreggvidsson fragte und schwatzte weiter. Es kam heraus, daß dieser Asbjörn Joakimsson sich geweigert hatte, den Abgesandten des Landvogts über den Skerjafjördur zu rudern. Holmfastur Gudmundsson wurde zur Staupe verurteilt, weil er vier Fische für ein Stück Schnur in Hafnarfjördur verkauft hatte, statt die Fische beim Kaufmann in Keflavik abzuliefern; zu diesem Handelsbezirk gehörte nämlich sein Hof gemäß der neuen Verordnung des Königs, durch die der Handel in Bezirke eingeteilt wurde.

Hättest du die Fische nicht genausogut in dem Bezirk abliefern können, in dem dir von meinem allergnädigsten Herrn befohlen wurde, Handel zu treiben? fragte Jon Hreggvidsson.

Der Mann sagte, daß es bei dem Kaufmann, dem der König Keflavik zugeteilt hatte, keine Schnur gegeben habe – übrigens auch nicht beim Kaufmann in Hafnarfjördur, doch ein wohlwollender Mann im Laden hatte ihm ein kleines Stück für die vier Fische gegeben. Und das mußte mir, Holmfastur Gudmundsson, passieren, sagte der Mann zum Schluß.

Du hättest dich lieber aufhängen sollen mit der Schnur, sagte Jon Hreggvidsson.

Asbjörn Joakimsson war noch wortkarger als sein Staupbruder.

Ich bin müde, sagte er. Kann man sich nirgends hinsetzen?

Nein, sagte Jon Hreggvidsson. Das ist keine gute Stube. Diese Pritsche ist nur für mich, und ich gebe sie nicht her. Und hör auf, dich dort am Richtblock herumzutreiben, du könntest mir meinen irdenen Krug mit meinem Wasser umwerfen.

Dann war wieder Schweigen, bis man in der Dunkelheit ein schweres Seufzen hörte:

Und ich, der ich Holmfastur Gudmundsson heiße.

Na und, sagte der andere. Habe ich nicht auch einen Namen? Haben wir nicht alle einen Namen? Ich glaube, es ist gleichgültig, wie wir heißen.

Wann hat man je in alten Büchern gehört, daß die Dänen einen Mann meines Namens in seinem eigenen Land hier in Island zum Auspeitschen verurteilt haben?

Die Dänen haben sogar den Bischof Jon Arason geköpft, sagte Asbjörn Joakimsson.

Wenn hier jemand meinen Erbkönig beschimpfen will, dann bin ich sein Erbdiener, sagte Jon Hreggvidsson.

Darauf war lange Zeit Schweigen. Dann hörte man, wie der Mann aus Hraun in der Dunkelheit wieder seinen Namen vor sich hinmurmelte:

Holmfastur Gudmundsson.

Und er wiederholte ihn, beinahe lautlos, als ob es ein schwer verständlicher Orakelspruch sei: Holmfastur Gudmundsson.

Dann war wieder Schweigen.

Wer hat gesagt, die Dänen hätten den Bischof Jon Arason geköpft? fragte Holmfastur Gudmundsson dann.