Die Jagd - Bruno Hespeler - E-Book

Die Jagd E-Book

Bruno Hespeler

0,0

Beschreibung

Die Jagd verändert sich: nicht nur der Klimawandel, auch die steigende Parzellengröße in der Landwirtschaft und die zunehmende bäuerliche Nachtarbeit, der gestiegene Verkehr und der Bau neuer Straßen, sowie die steigende Naturnutzung durch Einheimische und Urlauber haben Auswirkungen auf das Verhalten des Wildes. Das alles führt zu mehr Wildschäden und in der Folge zu der Forderung an die Jagd, mehr Wild zu erlegen. Gleichzeitig sind Praktiken wie Bewegungsjagden u.a. durch die zunehmende Fragmentierung der Landschaft immer schwieriger oder gar nicht mehr anwendbar. Der Einsatz von Drohnen und Wildkameras, neue Waffentechnik und -optik verbessern aber auch die Möglichkeiten des Jägers bis hin zu Nachtsichtgeräten, die eine sichere Ansprache des Wildes in der Dunkelheit ermöglichen. Die Nachtoptik führt aber auch dazu, dass dem Wild immer weniger Ruhe bleibt, es noch mehr unter Stress steht und die Sichtbarkeit weiter abnimmt. Auf all diese Entwicklungen geht der Autor in seinem Buch ein, spricht auch heutzutage überholte, falsche Jagdpraktiken an und plädiert für Wildschutzgebiete, die in Ländern wie der Schweiz, Italien und den USA bereits üblich sind, während es solche in Deutschland und Österreich noch nicht gibt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 370

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Cover

Bruno Hespeler

Die Jagd

Was bleibt & was sich ändern wird

Leopold Stocker Verlag

Graz – Stuttgart

Copyright

Umschlaggestaltung: Werbeagentur Rypka GmbH, 8143 Dobl, www.rypka.at

Titelbild: iStock/Damian Kuzdak

Der Inhalt dieses Buches wurde von den Autoren und vom Verlag nach bestem Gewissen geprüft, eine Garantie kann jedoch nicht übernommen werden. Die juristische Haftung ist ausgeschlossen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Hinweis: Dieses Buch wurde auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt. Die zum Schutz vor Verschmutzung verwendete Einschweißfolie ist aus Polyethylen chlor- und schwefelfrei hergestellt. Diese umweltfreundliche Folie verhält sich grundwasserneutral, ist voll recyclingfähig und verbrennt in Müllverbrennungsanlagen völlig ungiftig.

Auf Wunsch senden wir Ihnen gerne kostenlos unser Verlagsverzeichnis zu:

Leopold Stocker Verlag GmbH

Hofgasse 5/Postfach 438

A-8011 Graz

Tel.: +43 (0)316/82 16 36

Fax: +43 (0)316/83 56 12

E-Mail: [email protected]

www.stocker-verlag.com

ISBN 978-3-7020-2014-9eISBN 978-3-7020-2337-9

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger jeder Art, auszugsweisen Nachdruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsanlagen aller Art, sind vorbehalten.

© Copyright by Leopold Stocker Verlag, Graz 2024 Layout und Repro: Werbeagentur Rypka GmbH, Dobl

Fragen, Wünsche oder Anregungen?Kontaktieren Sie uns!

https://www.stocker-verlag.com/die-jagd-feedback/

Hier finden Sie auch weitere Informationen über unser Programm und können sich für unseren Newsletter anmelden.

INHALT

Zum Verständnis

Ein (heiterer) Blick zurück

Die Jagd im Mittelalter war menschenverachtend

Der Weg der Schweiz

Die „48er-Revolution“ und ihre Folgen für die Jagd

Jagdausrüstung damals

Ausrottung?

Dann kam das Reviersystem

Revolution – Wild – Wald

Als der Krieg vorbei war

Kritik gab und gibt es

Klagelieder:„Es ist nichts mehr da“ bzw. „Überall Rehe“

Das Lied vom letzten Reh

Rehe und ihr Verhalten

Umdenken, was die Bejagung betrifft

Immer wieder dieselben Fehler

Noch ein Problem sei angemerkt

Menschliche und „richtige“ Nasen …

Die Rehwildjagd im Laufe der Zeit

Jede Menge alte Zöpfe

Nachdenken: Ist Rehwildjagd effektiv oder entbehrlich?

Der britische Weg oder wie es unsere Urgroßväter machten

Ansprechen beim Rehwild

Rehwildbestand & Abschussplan

Vegetation anschauen

Freiheit statt jagdlicher Sozialismus

Sündenbock Rotwild

Wenn Streifgebiete größer sind als Jagdreviere

„Teilzeitreviere“

Das Wild ist wichtig, nicht die Trophäe!

Was die Rotwildbejagung so schwierig macht

Kurz und effektiv

Anders jagen: Blick in die Schweiz

Patentjagd

Die Zukunft des Rotwildes

Landschaftszerstückelung und ihre Auswirkung auf die Rotwildjagd

Verbindung von Lebensräumen

Jagdzeiten & Reviergrößen

Nicht selbst degradieren!

Ursache und Folge von Jagddruck

Ist das noch Jagd?

Rotwildbejagung in Schottland

Wer mehr Druck macht (machen muss), erlegt weniger

Zweierlei Maß

Fachliche Qualität vor personeller Quantität

Fitness Wildtier/Jäger

Erinnerungen an den Puma

Wenn das Rotwild in freier Wildbahn überleben soll

Zu viel Rotwild

Und heute?

Eine Machtfrage

Wildbestände reduzieren – wie geht das?

Mehr Zaun – weniger Abschuss?

Oft handeln wir einfach gedankenlos

Sich ins Wild denken

Merke

Wir schießen die Unerfahrenen

Lösungsversuche: Von Rotwild-Kerngebieten und ähnlichen Überlegungen

Kein Grund sich zu wundern

Patentlösung Wintergatter?

Wintergatter

Wir müssen füttern …

Was wir erreichen

Von Trophäenkult und künstlicher Besamung beim Rotwild

EU-Norm für Hirsche?

Genetische Bandbreite ist gefragt

„In der Natur darf nur der Stärkste seine Gene weitergeben.“

Gene bestimmen …

Voraussetzungen für ein starkes Geweih

Macht selektiver Hirsch-Abschuss Sinn?

Gams

Warum Gämsen nicht gefüttert werden …

Was haben die Gämsen im Wald verloren?

Geringer Zuwachs

Natürliche Feinde der Gämsen: Adler, Luchs und Lawinen

„Mindestalter“?

Muffel(wild)

Wild oder freigelassene Weidetiere?

Schockstarre statt Flucht

Schwarzwild ohne Ende

Umweltprofiteure

Wolf und Schwarzwild

Füttern verboten, Kirren erlaubt

Bestandsregulierung früher und heute

Man könnte sie reduzieren … wenn man ernsthaft wollte!

Alte und junge Bachen

Was ist Schwarzwild noch wert?

Mit Schwarzwild-Abschüssen Geld machen

Rausche-Unterdrückung und Rauschzeit-Synchronisation – nur Schlagworte

Schäden durch Wildschweine

Schwarzwildbejagung wird zunehmend schwieriger

Schrotschuss & Bogenjagd im urbanen Bereich

In Sonderfällen brauchbar

Niederwild, Auerund Birkwild

Wiesenbrüter ohne Chancen

Zukunft der Niederwildjagd?

Birkwild

Auerwild

Die Landwirtschaft ändert alles

Parzellengröße und Fruchtvielfalt

Maschinen kontra Leben – Mähverluste

Keine Rehe auf den Wiesen

Keine Wildkräuter im Mais

Schwarzwild profitiert, Jäger verliert

Ernteschock, nicht nur beim Wild

Die heutige Landwirtschaft provoziert Wildschäden

Wenn Wildschäden nicht mehr bezahlbar sind

Schwarzwildschäden im Mais

Wildschäden

Wenn nicht mehr verpachtet werden kann

Die Wildschadens-Ausgleichskassen

Schalenwild und Waldverjüngung

Wildverbiss, Wassermangel & andere „gesundheitliche“ Probleme des Waldes

Forstliche Ausbildung

Wer braucht wen?

Österreichs Gesicht wahren

Brauchen wir die Jagd?

Wir saufen dem Wald das Wasser weg

Auswirkungen des Wassermangels auf Wald und Jagd

Auswirkungen des Wassermangels auf Landwirtschaft und Jagd

Klimatische Veränderungen: Auswirkungen auf Land- und Forstwirtschaft

Es wird uns gesagt, was kommen wird, aber wir wissen es dennoch nicht

Die Wälder sterben – wen interessiert es?

Der Wald und das Klima

Der Fluch unserer Enkel

Eichelhäher: „Helden der sozialen Arbeit“

Eichelhäher: Wider die Trostlosigkeit

Der Wald der Zukunft

Die Felder der Zukunft: Nässe und ihre Auswirkung auf das Wild

Beregnung

Kranke Logik

Niederschlagsmenge

Klimatische Veränderungen und jagdliche Konsequenzen

Hitze, Stürme & Wassermangel trotz Überflutungen

Falsche Hoffnungen

Wozu brauchen manche Wildtiere Schnee?

Wenn die Vegetation schneller wird

Früherer Brutbeginn kann problematisch sein

Frühes Winterende und langer Wanderherbst

Von Alteingesessenen und Zuwanderern

Als die Großen ausgerottet waren …

Hoffnung in Österreich

Irritation

Deutschland wurde Wolfsland

Wie wir Wölfe züchten

Trauerspiel Luchs

Aberglaube

Luchse in Bayern

Die Zukunft der großen Nutzer

Arten kommen, Arten gehen

Gefährden mehr Arten die Biodiversität?

Wie viele bleiben?

Marderhund versus Rotfuchs und Waschbär

Wen haben sie verdrängt und wem nützen sie?

Einfach nachdenken

Dummheit und Macht

Die Jagd und der Naturschutz

Wir alle betreiben Naturschutz

Verschiedene Interessen „im Namen des Naturschutzes“

Die komplette Zerstörung der Landschaft

(Wind)Räder, die keiner mehr zurückdreht

Es sind „Schredderanlagen“!

Die verdrahtete Landschaft

Stromleitungen, Kabel, Kulturzäune: Todesfallen für Raufußhühner

Tiere, die aus der Landschaft flüchten

Vorteile für Stadt-Wildtiere

Miteinander von Mensch und Wildtier in der Stadt

Sogenannte „Problem“-Tiere

Einen Prügel statt ein Handy

Die Aufgabe des Jägers

Wo Wildtiere in Reha gehen könnten

Wo die Jagd ruht

Ruheflächen für das Wild – ein Blick zu den Nachbarn

Nationalparks unerwünscht …

Bevölkerungsentwicklung, Landverbrauch und Jagdpraxis

Naturnutzer und Tourismus nehmen zu

Wir werden mehr, der freie Raum schrumpft

Schrumpfender Lebensraum für Wild

Landverbrauch und Jagd

Verkehrsfallwild

Immer mehr Jäger auf schrumpfender Fläche

Erlegen mehr Jäger mehr Wild?

Jagd muss etwas bewirken

Jagd in „Hochrisikogebieten“

Gestern gilt nicht mehr

Wie kann man da noch jagen?

Bejagung der Hasen zwischen Wohngebiet und Autobahn

Viele Jäger – viele Meinungen

Jagdgesellschaften

Hoffnung

Der verantwortliche Aufsichtsjäger

Jagdaufsicht mit Rechten und Pflichten

Ist die jagdliche Ausbildung zeitgemäß?

Frage

Jagdkurse für Menschen, die nicht Jäger werden wollen

Weiterbildung ist keine Schande

Der Jäger als „Hobby-Genetiker“

Buchhalter oder Jäger?

Ignoranz zerstört die Revierjagd

Jagdliche Service-Unternehmen

Merke

Was der Gesellschaft an der Jagd missfällt

Bilder der Jagd

Vertrauen in die Jagd

Wo Nichtjägern das Verständnis fehlt

Umgang mit Greifvögeln

Erhalten oder alles verlieren?

Die Lust am Töten?

Wildkatze und Hauskatze

Umgang mit Füchsen – darüber nachdenken

Es geht auch anders

Wer trägt die Schuld?

Von Fuchsbandwurm, Tollwut & anderen Schauermärchen

Mahlzeit

Fuchsabschuss als PR-Aktion

Sie sind nicht unser Eigentum

Das Mittelalter lebt

Gedanken zum Jagdhornblasen

Gatterjagd

„Überlebensgatter“

Wozu überhaupt noch Gatter?

Von Massenaufzucht und Massenabschuss

Scheinlösungen

Rekordhirsche

Jagdreisen & Abschuss von exotischen Wildtieren

Wie präsentieren wir uns?

Wer profitiert von all dem?

Der Gedanke an einen röchelnden Elefanten

Die Fallenjagd – Schaden für die Jagd ohne Ende

Tierquälerei

Tiere begehen keine Straftaten

Nachdenken

Norwegische Krähenfalle und andere Grauslichkeiten

Von Schwanenhälsen und ähnlichen Werkzeugen

Fang von Mensch und Pferd

Fangbunker

Kommunikation über Marderschäden

Die Zukunft nicht verweigern

„Fallenjagd ist verzichtbar“

Wie kann der Jäger seinen Ruf verbessern?

Miteinander schauen und reden

Schön!

Das „Ärgernis“ mit den Fotografen

„Jagdführer“ für Fotografen

Ein Beispiel

Jäger und Hund

Von Wölfen und Hunden

Wie behandeln wir unsere Hunde?

Raubwildschärfe und Wildschärfe

Wozu Schärfeprüfung an lebenden Katzen?

Die Tortur der Abrichtung

Erziehung zum Gehorsam

Grausam

Bauhundeprüfung

Aus der Sicht des Nichtjägers

Beruf Jagdhund

Grund uns zu schämen

Anforderungen an verschiedene Jagdhunderassen

Der Ahnungslose sagt dem Profi wie es geht …

Technik statt Handwerk

Jagd oder Kriegsführung?

Zankapfel Nachtzielgeräte

Wenn aus Jagd Tierquälerei wird

Zankapfel Schalldämpfer

Zankapfel Drohnen

Gesetzeslage bezüglich Drohneneinsatz

Klassen, Bewilligungen und Drohnenführerschein

Wie sinnvoll ist der Einsatz von Drohnen in der Jagd?

Die Kunst zu treffen

Optimale Bedingungen am Schießstand

Optimale Auflage bei der Ansitzjagd

Schießen wird schwieriger durch Änderungen in der Bejagung

Unbedingt merken

Alternative Schießkino

Praxisgerechtes Schießen

Alljährlich obligate Schießprüfung

Der Weitschusswahn

Immer weiter schießen

Die Folgen von Weitschüssen

Nicht nur wir gehen auf Distanz

Was liegt näher, als Abstand zu uns zu halten?

Landschaftliche Gegebenheiten bestimmen über Schussdistanz

Hick-Hack um Bleischrote

Schrotschuss auf Rehwild

Schrotschuss auf Schalenwild – in Zukunft unumgänglich?

Konsequenzen für die Jagd von morgen

Wald, Wild & Jagd

Der Natur das Steuer übergeben

Wald & Schalenwild

Jagdnutzung

Zuletzt die Zahlengläubigkeit

Was wollen wir?

Fazit

Literaturverzeichnis

ZUM VERSTÄNDNIS

EIN (HEITERER) BLICK ZURÜCK

Man muss vorsichtig sein, über eine Zeit zu schreiben, die man nicht selbst er- oder besser noch durchlebt hat. Wer es versucht, dem bleibt nur, sich auf die Wissenschaft zu berufen. Damit hält er ein heißes Eisen in Händen, denn seine Kronzeugin – die Wissenschaft – war ja auch nicht dabei. Sie sammelt nur Hinweise, versucht diese möglichst genau zu datieren und aus den Bruchstücken ein Bild zu gestalten.

Die Jagd war über Jahrtausende ein Handwerk, das der Menschheit Nahrung gab und ihr half zu überleben. Sie war auch Grundlage der menschlichen Kultur. Sie forderte und förderte Kreativität wie Individualität und schuf damit Identität.

Foto: Monika Baudrexl

Wir heutigen Jäger benutzen Technik in höchster Perfektion, wir haben uns Verhaltensmuster erdacht, die wir Brauchtum nennen und wir bemühen scheinbar zwingende Gründe, die unser Jagen rechtfertigen sollen. Jene, die solche Jahrtausende überdauernde Werke erschufen, war noch tatsächlich Jäger …

Foto: iStock/Norbert Hentges

Ich bin mir bewusst, mit meiner Sicht nicht nur als ziemlich ahnungslos abgestempelt zu werden; man wird mir auch ein gerütteltes Maß an Arroganz zuordnen. Ich nehme es gelassen, erinnere mich aber an zahllose, von der Wissenschaft selbst publizierte Korrekturen ihrer bisherigen Ergebnisse. Genau das – nämlich, dass sie nicht auf dem einmal Gesagten stur und beleidigt beharrt – ehrt die Wissenschaft und macht sie erst wirklich brauchbar!

Die Wissenschaft ordnet unsere fernen Vorfahren der Berufsgruppe der Jäger und Sammler zu. Das scheint ziemlich logisch. Wir Heutigen bringen den Begriff Sammler häufig mit Vegetariern in Verbindung, was nicht stimmt. Auch Fleisch kann man – völlig waffenlos – einfach sammeln. Manches Fleisch läuft dem Menschen nicht davon, ist aber außerordentlich nahrhaft. Füchse, die der heutige Jäger, wenn es um so edle Nahrung wie Hasen oder Rebhühner geht, gerne als zu bekämpfende Konkurrenten sieht, haben sich den guten Geschmack ihrer Vorfahren bewahrt. Viele Füchse bevorzugen daher immer noch Regenwürmer als Standardmenü.

Auch unsere Vorfahren werden das getan haben. Manche Leser werden sich jetzt ekeln. Doch noble (also teure) Restaurants, aber auch schlichte Bauernwirtschaften in der Schweiz, im Elsass oder im Allgäu bieten dem Gast zuweilen heute noch Froschschenkel, Shrimps Weinbergschnecken an. Französische Restaurants offerieren gegrillte Insekten. Nicht genug: Wo die Waldschnepfe heute noch höher bewertet wird als ein simpler Rehbock – in Frankreich oder Belgien – gilt deren samt Inhalt fein gehackter Darm, zubereitete mit frischen Kräutern in feiner Butter, als unübertreffliche Köstlichkeit.

Noch in den 1960er-Jahren war es eine fast heilig zu nennende Stunde, wenn man sich im März, nach einem erfolgreichen Schnepfenabend, im Hotel der Wahl, gemeinsam „Schnepfendreck auf Toast“ zubereiten ließ, dazu einen Riesling. Das war gleichermaßen höchste Jagdkultur wie Kulinarik, die für kein Geld zu kaufen war. Nur absolute Banausen bedienten sich dümmlicher Ausreden, um sich nach dem Entladen der Flinten zu verabschieden.

Zurück zu unseren Anfängen: Jeder aus den Baumkronen Herabgestiegene durfte straffrei Würmer, Schnecken, Kröten und flugunfähige Jungvögel unbegrenzt sammeln und verspeisen. War er nun Sammler oder doch schon Jäger? So wie wir Heutigen frisch aus dem Watt gebuddelte Austern lebend und „schlotzig“ schlürfen, haben unsere Uralt-Vorderen vielleicht einen Prügel genommen und einen stachligen Igel erschlagen. Damit war der Jäger geboren. Der Austernschlürfer blieb Sammler, jener, der den Igel erschlug, wurde Jäger.

Ich weiß – spätestens jetzt steigt die Adrenalinausschüttung … Aber ganz ernsthaft, ich habe diese Form früher Jagd in den 1950er-Jahren noch erlebt. In Lehm eingepackt, waren die Stacheln des Igels kein Problem mehr und im Feuer geschmort wurde er butterzart!

Es waren nicht die Stacheln, die unsere Vorfahren hinderten, sich den Igel präparieren und auf einen Ast setzen zu lassen. Sein Fleisch war entscheidend!

Foto: Bruno Hespeler

Der schlichte Holzprügel war vermutlich die erste Waffe des Menschen, frei von EU-Verordnungen und anderen Dummheiten. Es wird auch keine Modeerscheinung gewesen sein, sich statt eines kurzen und dicken Prügels einen langen, eher schlanken zu suchen, dessen dickes Ende man anspitzte. Mit Kraft geworfen, konnten damit relativ schnelle Tier langsam gemacht werden. Der Speer war geboren.

Einem anderen war auch das nicht genug. Er verzichtete auf die Spitze des Speers, versah diesen ersatzweise an beiden Enden mit je einer Kerbe, bog ihn zusammen und fixierte diese Stellung mit irgendetwas „Schnurähnlichem“. Das konnten die Sehnen eines Tieres sein oder Pflanzenfasern. Der Bogen war geboren und jetzt endlich auch die Jagd im heutigen Sinne. Wir waren also irgendwann, so grob vor 30.000 Jahren, im Prinzip schon so weit wie heute. Nur die zum Bau eines Bogens verwendeten Materialien waren umweltfreundlicher.

Der Leser wird etwas irritiert den Kopf schütteln und an das Jagdgewehr erinnern. Dabei sind wir Deutschen und Österreicher so ziemlich die Einzigen, denen man es verboten hat, im eigenen Land mit Pfeil und Bogen auf die Jagd zu gehen. Wir lehnen das kategorisch ab, fahren auf die nächste Jagdmesse und buchen den Abschuss eines Keilers in Ungarn, den eines Weißwedelhirsches in Finnland und den etlicher Fasanen in Italien, um genau das zu tun, was wir daheim verteufeln. Wer den Weg nicht scheut, fliegt über den großen Teich und erlegt auf einer Jagdfarm mit Pfeil und Bogen einen Bison.

Der geneigte Leser wird erkennen, dass sich seit der Steinzeit jagdlich gar nicht so viel geändert hat. Gut, das mit dem Gewehr ist relativ neu. Dass wir vom frisch erlegten Wild dessen noch warmes Blut trinken, ist hingegen Geschichte – wir haben Dosenbier im Rucksack …

Wie es weiterging, wissen wir alle. Als nächste Errungenschaft kamen die Armbrust und schließlich das Gewehr. Jetzt kostete die Jagd bereits Geld. Wer wann und wo die Armbrust erfunden hat, wer auf die Idee kam, mit ihr kleine – Bolzen genannte – Pfeile zu verschießen und wer herausfand, dass Eisenpfeile mehr Durchschlagskraft haben als hölzerne, wurde nicht dokumentiert.

Nach gegenwärtiger Lehrmeinung fand man im antiken Griechenland ein solches Gerät, das um 500 v. Chr. gebastelt wurde. Dabei sollen die Chinesen auch damals die Schnelleren gewesen sein. In Germaniens Wäldern dauerte das alles erheblich länger – die Konzerne wetteiferten noch nicht.

Gejagt wurde zum Nahrungserwerb und jagen durfte, wer es konnte. Es gab weder Reviere noch Experten, weder Jagdbehörden noch Jagdverbände. Niemand saß sich, ungenießbarer Knochen wegen, Wochen hindurch den Spiegel wund. Es gab auch keine Gefriertruhen, in denen Wildbret vorgehalten werden konnte. Man sammelte, jagte und fraß. Konflikte mochte es gegeben haben, wenn Jäger in das Streifgebiet benachbarter Sippen oder Dörfer kamen. Man schlug sich den einen oder anderen Schädel ein und alles war wieder gut.

Der Vogelfang ist weltweit verbreitet und hatte in Europa bis in die Anfänge des 20. Jh. große Bedeutung. In Deutschland und Österreich waren es die Dohnenstiege, die überall zu finden waren. In Italien waren es die Roccoli. Heute dienen diese großen, gartengestalterisch kunstvollen Anlagen ausschließlich der Wissenschaft.

Foto: Ermes Furlani

Das änderte sich jedoch im frühen Mittelalter. Die Jagd als reine Nahrungsbeschaffung war zwar nach wie vor notwendig. Sie wurde jedoch Privileg der Herrschenden. Das mehr oder weniger respektierte Streifgebiet der Sippe hatte seine Bedeutung verloren. Mehr und mehr beanspruchten die Einflussreichsten, vielleicht auch die Schlausten, ganz sicher aber die Skrupellosesten, Grund und Boden für sich. Der Rest der Sippe mochte murren, aber er nickte ab, was ihm vorgelegt wurde. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

Aus Besitzansprüchen im Bereich der Sippe wurden erweiterte Machtansprüche in der Mark und weiter bis zum Reich. Somit war es aus mit der freien Jagd! Die braven Ernährer von Familie und Sippe nannte man nun Verbrecher. Gedient werden musste ab sofort nicht mehr zuerst den Seinen, sondern dem Skrupellosesten. Die Kirche tat das Ihre dazu.

Was folgte, war Hunger, Not, Verlust von Freiheit und Menschenwürde. Waren es am Anfang eher überschaubare Gebiete, die sich die Herrschenden für die Jagd reservierten, wurde den Bauern die Jagd nach und nach fast überall verboten. War es zunächst der Kaiser, der sich große Bannforste reservierte, wurden nachfolgend Lehen vergeben. Der Kaiser belehnte Herzöge, diese Fürsten und Grafen. Zwar ging es immer noch um Lebensmittel, aber die Repräsentation überwog bald den vollen Bauch. Aus frei jagenden Bauern hatte man Leibeigene gemacht, deren Leben oft weit weniger wert war als das einer Wildsau.

DIE JAGD IM MITTELALTER WAR MENSCHENVERACHTEND

Die Jagd des Mittelalters und bis ins Ende der frühen Neuzeit war rücksichtslos und menschenverachtend. Bis ins 18. Jh. waren Bauern – was die Jagd betraf – „Sklaven“. Sie mussten dulden, dass ihre Felder von adligen Jagdgesellschaften zertrampelt und vernichtet wurden. Sie mussten bei den Jagden ihrer „Besitzer“ völlig entschädigungslos Robot leisten. Dies nicht nur für wenige Tage im Jahr, sondern nicht selten über Wochen und gelegentlich sogar Monate hinweg. Einen Anspruch, zumindest in Zeiten der Saat und Ernte von Treiberdiensten und Gespannleistungen freigestellt oder in irgendeiner Form entschädigt zu werden, gab es nicht. Auf den Wald nahm ohnehin niemand Rücksicht.

Wilderer – die ja mehrheitlich aus der schieren Not heraus handelten, weil die Fron sie von der Feldarbeit abhielt oder ihre Felder vom Wild abgefressen wurden, das sie nicht einmal verjagen durften – wurden brutal bestraft. In einzelnen der damaligen Herrschaftsbereiche konnte der Galgen bereits drohen, ohne dass ein realer Tatbestand vorlag. Dabei war der Galgen noch den „humanen“ Strafen zuzurechnen. Häufig wurden den Beschuldigten Gliedmaßen abgehackt, die Augen ausgestochen, Zungen abgeschnitten, man ließ sie von den Hunden des Landesherren zerreißen oder man verkaufte sie als lebenslängliche Galeerensklaven nach Venedig. Dies alles, obwohl sich die Landesherren ausnahmslos zum Christentum bekannten, welches die Bibel zum obersten Gesetz erhob. Die Kirche selbst war nicht weniger brutal und menschenverachtend, erinnert sei an die Fürstbischöfe von Salzburg.

Die jagdliche Rücksichtslosigkeit der Herrschenden war letztlich mit Auslöser für die Bauernkriege und im Gegenzug für das Gemetzel an den aufständischen Bauern.

Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn und Böhmen und somit Regentin, stand dem jagdlichen Gebaren des Adels sehr distanziert gegenüber, ebenso ihr Sohn und Nachfolger Joseph II. Sie verboten die Hege des Hochwildes in freier Wildbahn. Das war das Ende des eingestellten Jagens vormaliger Prägung in Österreich.

Gemälde von Jean-Étienne Liotard

Es war Österreichs Regentin Maria Theresia, die sich im 18. Jh. von der jagdlichen Arroganz und Rücksichtslosigkeit ihrer untergeordneten Standesgenossen angewidert sah und in der Folge mit der Jagd selbst nichts zu tun haben wollte. Sie verbot die Hege des Hochwildes in freier Wildbahn, was zu einer Entspannung zwischen Bauern und Adel führte. Was sie begann, führte ihr Sohn Joseph fort. Er hob – gegen den erbitterten Widerstand des Adels – die Leibeigenschaft auf. Im benachbarten Deutschland, das als Einheitsstaat erst 1871 unter Vorherrschaft Preußens gegründet wurde, dauerte es mit der Aufhebung der Leibeigenschaft etwas länger.

Der Weg der Schweiz

In der Schweiz sorgte schon die Revolution des Jahres 1798 für die Aufhebung der Leibeigenschaft und aller jagdlichen Privilegien des Adels. Fortan war die Jagd wieder Volksrecht, ohne jedes Reglement. Ein Jagdgesetz wurde erst 1875, also rund 80 Jahre nach der Revolution, erlassen. Dieses machte das Wild zum Eigentum des Bundes. Heute gibt es in der Schweiz ein Bundesgesetz über die Jagd und in dem von ihm vorgegebenen Rahmen auch kantonale Jagdgesetze. Die Gebirgskantone haben sich, mit Ausnahme der Kantone Luzern und Sankt Gallen, für das System der Patentjagd entschieden. Im Kanton Genf hat die kantonale Wildhut die Jagd übernommen. In allen übrigen Kantonen gilt bis heute das Revierjagd-System.

Anders als in Deutschland und Österreich mit seinen Kronländern gab es in der Schweiz nach der von Frankreich überschwappenden Revolution und den rund 80 Jahren völlig freier Jagd tatsächlich kaum noch Schalenwild. Gams und Rehwild haben sich hernach relativ schnell erholt. Steinwild wurde im benachbarten Italien, im Gebiet des heutigen Adamello-Brenta Nationalparks, illegal eingefangen und in die Schweiz verbracht. Dieser „kriminellen Tat“ verdankt heute nicht nur die Schweiz selbst einen respektablen Steinwildbestand, sondern alle europäischen Länder, in denen diese Tierart heute in Freiheit vorkommt! Rotwild wanderte erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts aus den Nachbarländern in die Schweiz ein.

DIE „48ER-REVOLUTION“ UND IHRE FOLGEN FÜR DIE JAGD

Wenn heute hundertfach behauptet und geschrieben wird, in Europa habe die Revolution von 1848 zur weitgehenden Ausrottung des Schalenwildes geführt, muss dem energisch widersprochen werden! Weite Teile Europas waren bereits vor der Revolution rotwildfrei. Rehe dürften ohnehin nicht besonders häufig gewesen sein. Die vielfach auf Bergbau, Glasindustrie, Eisenverhüttung und Köhlerei ausgerichtete Forstwirtschaft hinterließ große, an Grenzlinien arme, wenig rehwildfreundliche Freiflächen.

Es wurde aber auch auf großen Flächen noch Waldweide betrieben. Weidewälder waren des Graswuchses wegen gering bestockt. Bevorzugt wuchsen masttragende Laubbäume. Doch was auf den ersten Blick „rehfreundlich“ erscheint, war in Wirklichkeit das Gegenteil: Die grüne Weide zwischen den Bäumen wurde von Rindern, Pferden und Schafen genutzt. Was an Bäumen oder Buschwerk aufkam, wurde großteils von Ziegen totgebissen. Die Mast der Bäume (Eicheln, Bucheckern und Maronen1) war besonders wichtig und gehörte den Schweinen. Das Wild ernährte sich in den Feldern der Bauern.

Hier treffen sich zwei Zeiten: Eine ältere Köhlerin telefoniert auf dem Meiler mit dem Handy …

Foto: Bruno Hespeler

An dieser Stelle muss daran erinnert werden, dass es in einem Teil der damaligen Herrschaftsbereiche eine „Kleine Jagd“ gab. In ihr durften privilegierte Bürgerliche den Vogelfang betreiben und Rehe jagen. Letztere interessierten den Adel wenig, da sie für die großen, eingestellten Jagden unbrauchbar waren. Rehe ließen sich als „Drücker“ nicht zielgerichtet treiben. Daher genoss Rehwild zumeist keine Schonzeit. Doch niemand jagte damals irgendwelcher Trophäen wegen. Es ging ums Wildbret – ums Lebensmittel!

Was wir heute „sachliche Verbote“ nennen, etwa das Verbot bestimmter Jagdmittel und Jagdformen, gab es noch nicht. Der Fang von Rehen mit Drahtschlingen war bis Ende des 19. Jh. durchaus gängige Praxis, in Großbritannien bis Ende des 20. Jh.

Jagdausrüstung damals

Man stelle sich die Ausrüstung jener vor, die nach der Revolution die Jagd ausübten: Kraftfahrzeuge, welche die Jäger ins Revier und erlegtes Wild ins Dorf bringen konnten, waren noch nicht erfunden. Wege, auf denen man mit Pferdegespannen zügig vorankam, waren eher die Ausnahme. Im Alpenraum und in den meisten Mittelgebirgen bedeutete das viele Stunden dauernde Anmarsch- und Heimwege.

Zur kleinen Jagd gehörte auch der Vogelfang, der bis ins 20. Jh. hinein erlaubt war. Doch es waren nicht nur die Bürgerlichen, die Dorfgeistlichen und die Förster, welche Ammern, Lerchen, aber auch Haselhühner und Turteltauben in der Küche zu schätzen wussten. Den Vogelfang übten durchaus auch hohe Adelige aus. Einer, der sich besonders dafür begeisterte, war Heinrich I. (* ca. 876; † 936). Angeblich wurde ihm beim Vogelfang im Wald die Königskrone angetragen, was ihm den Beinamen „Heinrich der Vogler“ einbrachte.

Foto: Bruno Hespeler

Die Bewaffnung war mit der heutigen in keinster Weise zu vergleichen. Es waren schwere Vorderlader, die mit Schwarzpulver geladen wurden. Das Laden war umständlich und zeitraubend. Die Präzision der Läufe war mäßig, oft waren sie noch ohne Züge, ihre Reichweite eher bescheiden. Das jagdpraktische Wissen der Mehrheit der Bauern wird denkbar gering gewesen sein.

Keiner ging auf die Jagd, weil im Fernsehen nur Werbung kam oder ein Fußballmatch ausfiel. Es ging ums „Fleisch“. Man jagte teilweise zwar gemeinsam, aber solange es im Umkreis der eigenen Behausung noch etwas zu holen gab, verzichtete man auf lange Anmarschwege und auf Kollegen, mit denen die Beute geteilt werden musste. Die Drahtschlinge im hölzernen Gartenzaun war für Wild von der Größe eines Rehs abwärts ein ideales Jagdgerät!

Die Drahtschlinge ist bis heute in weiten Teilen der Welt ein häufig verwendetes Jagdgerät. Noch im 19. Jh. wurden damit Schnee-, Stein- und Haselhühner gefangen. In modifizierter Form findet sie in der wildbiologischen Forschung heute noch Verwendung.

Foto: iStock/DamianKuzdak

Es mag also durchaus so gewesen sein, dass im engeren Umfeld der Dörfer eher wenig Wild überlebt hat. Doch weite, zu Fuß viele Stunden in Anspruch nehmende Jagdausflüge in stillere, wenig beunruhigte Gebiete waren sicher nicht die Regel. Die Jagd ging zu Lasten von Landwirtschaft und Handwerk. Die Versorgung des Viehs, das Melken und die Milchverarbeitung hatten absoluten Vorrang.

Nun überlegen wir einmal, wie viele Jäger heute einen Pirschbezirk bei der Forstverwaltung haben und im ganzen Jagdjahr kein einziges Reh erlegen! Sie erlegen trotz modernster Bewaffnung und Optik, trotz Wildkamera und Kraftfahrzeug nichts. Die Begründung: „Es ist nichts mehr da …“ Was wir sehen oder fotografieren, spiegelt selten die Realität.

Ausrottung?

Wenn wir ernsthaft behaupten, die Bauern hätten in den zwei Jahren nach der Revolution das Schalenwild ausgerottet oder auch nur so nachhaltig reduziert, dass in den folgenden Jahrzehnten deshalb artenreiche Wälder entstehen konnten, stellen wir uns selbst eine Bankrotterklärung der Premiumklasse aus!

Schließlich wäre uns dann in Jahrzehnten – trotz „Grünem Abitur“ – nicht annähernd gelungen, was angeblich Bauern im absoluten jagdlichen Laienstand in zwei Jahren mit primitivsten Mitteln gelang! Nebenbei bemerkt konnte in nur zwei „gesetzlosen“ Jahren kein neuer Wald wachsen!

Vorderladerbüchse um 1850. Sie stellte die wichtigste Waffe von Bauern und Bürgern nach der Revolution von 1848 dar. Sie war schwer, und das Laden dauerte. Damit war es unmöglich, innerhalb von zwei Jahren die Schalenwildbestände auszurotten oder auch nur flächendeckend nachhaltig zu vermindern.

Foto: Frank Heil

DANN KAM DAS REVIERSYSTEM

Die Zeit, in der in Deutschland und Österreich als Folge der Revolution jedermann nach Lust und Laune jagen durfte, war nur von kurzer Dauer. Bereits zwei Jahre später hatten die meisten der damaligen deutschsprachigen Länder neue Jagdgesetze. Diese sahen ausnahmslos ein an Grund und Boden gebundenes Jagdrecht vor. Unterschieden wird bis heute das Jagdrecht vom Jagdausübungsrecht2. Das ist für Laien etwas verwirrend. Die Bildung eines Jagdreviers setzte eine gewisse Mindestgröße voraus. Diese können bis heute die allerwenigsten Bauern nachweisen. Die Mindestgröße alleine genügt jedoch nicht. Die Flächen müssen zusammenhängend sein. Der Bauer bleibt meist „Zuschauer“.

Unterschieden wurde in Eigenjagden, wenn der gesamte Grund einer Person oder einer Personengemeinschaft eigen ist, und Gemeindejagden. Zu letzteren gehörten alle zusammenhängenden Flächen einer Gemeinde, die – weil sie zu klein waren – keine Eigenjagd bilden konnten. Damit war den allermeisten Bauern die Jagdausübung auf eigenem Grund neuerlich untersagt.

Revolution – Wild – Wald

Die heute auch von Wissenschaftlern vertretene Auffassung, die Revolution hätte zur weitgehenden Ausrottung des Schalenwildes geführt, ist schlicht absurd und widerspricht jeder Praxis. Das Gegenteil war der Fall. Die neuen Jagdgesetze waren in erster Linie „Schongesetze“. Weibliches Schalenwild wurde – teils Jahrzehnte hindurch – mehrheitlich ganzjährig geschont. Ernsthafte „Unterstützer“ der Jäger – Luchs und Wolf – hatte man bereits weitgehend ausgerottet. Letztlich wurde und wird die Dynamik eines Wildbestands in erster Linie vom Nahrungsangebot und dessen Verfügbarkeit bestimmt und nicht von der Zahl seiner Nutzer.

In der DDR konnte jagen, wer Mitglied eines Jagdkollektivs war. Diese waren in die staatlichen Forstbetriebe integriert. Die Jagdkollektive hielten Waffen für ihre Mitglieder bereit, es gab aber auch privaten Waffenbesitz. Büchsen waren eher selten. Das meiste Schalenwild wurde mit Flintenlaufgeschossen erlegt, meist ohne Zieloptik. Das erforderte jagdhandwerklich absolut fitte Jäger!

Foto: Uwe Kühner

ALS DER KRIEG VORBEI WAR

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges jagten zunächst die Besatzungsmächte. Mit Wiedererlangen der Jagdhoheit war es in Westdeutschland den Jägern freigestellt, sich in Verbänden zu organisieren. Solche gründeten sich in allen fortan zur BRD gehörenden Bundesländern zwar sehr schnell, und der Organisationsgrad war hoch. Doch eine Zwangsmitgliedschaft in den Jägerschaften/Jagdverbänden gab es zunächst nur im Saarland, von dem damals noch nicht sicher war, ob es ein Teil der Bundesrepublik oder Frankreichs werden würde. Dort galt – wie im alliierten Westberlin – noch immer das Reichsjagdgesetz. Im Saarland war die Jägerschaft fortan Körperschaft des öffentlichen Rechts. Das blieb sie bis heute, aber die Zwangsmitgliedschaft wurde 1963 aufgehoben.

In der DDR war die Jagd – wie in allen Ländern des ehemaligen Ostblocks – in Jagdgesellschaften organisiert. Wer jagen wollte, musste Mitglied in einer solchen Jagdgesellschaft sein. Diese Gesellschaften waren in die lokalen Forstbetriebe eingegliedert. Einzelpächter oder Eigenjagden gab es nicht. Pacht oder Wildschaden mussten die Jäger nicht bezahlen, wohl aber einen sehr geringen Mitgliedsbeitrag, dessen Höhe vom jeweiligen Einkommen abhing.

Pflichtmitgliedschaft in der Jägerschaft des betreffenden (Bundes)Landes gibt es bis heute in den meisten Ländern des ehemaligen Ostblocks und in allen österreichischen Bundesländern, ausgenommen Vorarlberg und neuerdings das Burgenland.

Die Jägerausbildung erfolgte viele Jahre ausschließlich und auch jetzt noch vielfach durch die jagdlichen Organisationen. Die jagdlichen Organisationen verfügen über die Schießstätten. Damit war und ist eine gewisse Bindung der angehenden Jäger an ihre Jagdverbände/Jägerschaften sichergestellt. Zumindest gab und gibt es eine Einbindung in das Vereinsleben und Informationen über rechtliche Belange. Vor allem aber erschwerte das Solidaritätsgefühl das Äußern konstruktiver Kritik – und das tut es oft bis heute. Wer öffentlich Kritik an der Jagd übt, ist in den jagdlichen Organisationen unerwünscht. Diese – von der Kreis- oder Bezirksgruppe bis zur Dachorganisation – beraten die staatlichen Stellen und Gesetzgeber in jagdlichen Angelegenheiten. Nicht wenige Jagdfunktionäre waren und sind Abgeordnete, teils sogar Minister. Entsprechend ist ihr Einfluss auf die Gesetzgebung.

Kritik gab und gibt es

Kritik an der Jagd gab und gibt es, seit man sie dem Volk nahm, dennoch. Sie konnte in früheren Jahrhunderten den Kritiker allerdings den Kopf kosten. Wo nur mit Repression beantwortete Kritik zum Hass gegen die Herrschenden wurde, endete sie durchgehend blutig. Erinnert sei an die Bauernkriege und letztlich die Revolution von 1848. Mit dem Fall der jagdlichen Privilegien des Adels3 und der Bindung der Jagd an Grund und Boden traten sehr schnell die neuen, überwiegend bürgerlichen „Jagdherren“ an die Stelle des Adels.

Ernsthafte Kritik der bürgerlichen Gesellschaft an der Jagd setzte erst nach der Revolution von 1848 ein. Dem Adel waren seine jagdlichen Privilegien genommen worden und die Bauern atmeten auf, waren sich sicher, von nun an vor den ihre Ernten vernichtenden Schalenwildbeständen sicher zu sein. Das war und blieb bis heute eine Fehleinschätzung. Allerdings haben sie heute einen Rechtsanspruch auf Schadensersatz.

1 Esskastanien

2 Das Jagdrecht ist an Grund und Boden gebunden, was nicht bedeutet, dass der Inhaber des Jagdrechts auch selbst jagen darf. Dazu bedarf es eines gültigen Jagdscheines, in Österreich einer Jagdkarte. Das Jagdausübungsrecht setzt den Besitz des Jagdrechtes voraus (Grund und Boden) oder die Übertragung des Rechtes der Jagdausübung durch den Jagdrechtsbesitzer (z. B. durch einen Jagdpachtvertrag).

3 Tatsächlich schützte die Bindung des Jagdrechts an Grund und Boden den Adel davor, das Jagdrecht auf eigenem Grund zu verlieren! Genommen wurde ihm ja nur das Privileg, auf fremdem Grund zu jagen. In vielen Ländern ist das Wild und somit auch das Jagdrecht Eigentum des Staates.

KLAGELIEDER: „ES IST NICHTS MEHR DA“ BZW. „ÜBERALL REHE“

DAS LIED VOM LETZTEN REH

Wo immer gemahnt wird, die Wildbestände den Erfordernissen der Waldverjüngung anzupassen, kontern Zweifler und Gegner jeder Abschusserhöhung, es sei ja fast kein Wild mehr da. Das führte dazu, dass von einzelnen Kritikern offen bekannt wird, man schieße traditionell kein weibliches Rehwild, weil auch Vater und Großvater kein weibliches Rehwild geschossen hätten. Schon in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wurde in Nordbayern ein Verein zur Rettung des Rehwildes gegründet. Den Tageszeitungen war zu entnehmen, dass dieses in Teilen der Landkreise bereits ausgestorben sei. Dennoch steigen dort bis heute – wohl auf Druck der Waldbesitzer, der Politik und des öffentlichen Interesses – die Abschusszahlen …

Bei Gefahr bevorzugen es Rehe, sich zu verdrücken. Das kostet weniger Energie als eine Flucht. Häufig nehmen sie nur die nächste Deckung an, bleiben unbeweglich stehen und beobachten die Gefahr. So verhalten sie sich meist auch bei Störungen durch Pilz- und Beerensammler.

Foto: Bruno Hespeler

Dabei sei nicht bestritten, dass früher deutlich mehr Rehwild gesehen wurde. Auch Nichtjäger klagten darüber. Im aufgrund seiner landschaftlichen Struktur absolut rehwildreichen Voralpenland beschweren sich Vermieter von Ferienwohnungen und Fremdenzimmern, dass Stammgäste darüber klagen, kaum noch Rehe in den Wiesen zu sehen. Meist reagieren Vermieter mit einigem Bedauern über diesen Zustand und verweisen auf die junge Förstergeneration, die wildfreie Wälder wolle.

REHE UND IHR VERHALTEN

Rehe leben kleinräumig und bevorzugt an Grenzlinien. Rehwild ist kein Fluchtwild im eigentlichen Sinne. Es liebt auch nicht die Gemeinschaft großer Rudel. Wo wir solche in der Agrarlandschaft zuweilen sehen, handelt es sich um lose, zeitlich begrenzte Versammlungen einzelner Rehfamilien. Sie nutzen – weil es die Struktur der Landschaft erfordert – gemeinsam Nahrungsflächen. Wenn sie satt sind, gehen die Familien wieder eigene Wege.

Wo Rehe temporäre „Zweckgemeinschaften“ bilden, verlangen sie weite Umsicht. Die ist im Feld eher gegeben als auf großen Kahlflächen im Wald. Echte oder vermeintliche Gefahren veranlassen andere Schalenwildarten wie Rot-, Dam- oder Muffelwild, schlicht gemeinsam die Flucht zu ergreifen. Diese Arten unterscheiden sich von den Rehen nicht nur in ihrem sozialen Verhalten, auch hinsichtlich ihres Verdauungssystems.

Wer mit vielen Artgenossen gemeinsam Nahrung aufnimmt, muss sich beeilen. Er kann in der Wiese nicht lange nach einzelnen, besonders schmackhaften und energiereichen Pflanzen suchen. Er muss die Nahrungsaufnahme „rationalisieren“. Dazu bedarf es eines entsprechend großen „Vorratsbehälters“ – eines voluminösen Pansens. Das bedeutet auch, dass mehr Zeit für das Wiederkäuen aufgewendet werden kann/muss und weniger Äsungsintervalle notwendig sind.

Ein Rudel hat viele Augen, die eine auftauchende Gefahr schneller erfassen als zwei oder auch sechs Augen. Ein Rudel wird daher auch von Nutzern4 früher erkannt als ein einzelnes und zudem verhältnismäßig kleines Tier, wie es ein Reh darstellt.

Für dieses ist eine frühzeitige, weiträumige Flucht – was die notwendige Energie betrifft – eine energetisch teure Angelegenheit. Daher bevorzugen es Rehe, sich einfach zu (ver)drücken. Folgerichtig werden sie von Zoologie und Wildbiologie den „Drückern“ zugerechnet. Solche leben bevorzugt als Rand- oder Grenzlinienbewohner.

Auf großen Freiflächen im Wald tun sie sich – zumindest anfangs – schwer. Sie müssen Abstand zu möglichen Gefahren halten – zu den Forststraßen und zu den Menschen und Autos, die dort verkehren. Die Jäger werden gar nicht umhinkommen, jede Chance für einen Schuss zu nutzen. Sie sollen ja einen Plan erfüllen. Sie werden folglich gelegentlich auch aus dem Auto schießen, einfach weil das Wild den aussteigenden Jäger nicht aushält.

Das wird zu großen Diskussionen und endlosen Streitereien führen, obgleich das in vielen Revieren seit Jahrzehnten jagdlicher Alltag ist. In den Landesjagdgesetzen (LJG) ist der Schuss aus dem Fahrzeug zwar verboten, und es wird heftig gegen ihn gewettert, aber wenn es keiner sieht, wird er häufig zur Praxis.

Das Problem dabei ist, dass sich alles Schalenwild rasch auf diese Gefahr einstellt. Die meisten Arten werden schnell ihre Fluchtdistanz erhöhen. So verhalten sich auch die Rehe, die sich allerdings – wo möglich – lieber drücken als kräftezehrend zu flüchten.

In Deutschland und Österreich ist der Schuss aus einem Kraftfahrzeug verboten. Wo es doch praktiziert wird, erkennen die meisten Wildtierarten Autos als gefährlich und flüchten.

Foto: Bruno Hespeler

UMDENKEN, WAS DIE BEJAGUNG BETRIFFT

Die Jäger werden deutlich öfter sitzen müssen, ehe sie ein Reh erlegen können. Manche werden auf weitere Distanzen schießen, beides erhöht jedoch die Fluchtdistanz des Wildes. Selbst wenn die Jungbäume nicht wachsen, so wird dies in kurzer Zeit einer Schlagflora gelingen, in welcher die Rehe für den Jäger unsichtbar werden.

Einerseits werden derartige Flächen das Schalenwild zumindest temporär anziehen. Andererseits wird gesteigerte Präsenz des Jägers das Wild noch vorsichtiger machen. Die zur Erlegung eines Stückes Schalenwild notwendige Zeit wird steigen, ebenso die Frustration der Jäger. Das bedeutet, Hindernisse müssen abgebaut und der Jagddruck deutlich reduziert werden.

Natürlich ändern die bis in die Dämmerung hinein andauernden Revierfahrten das Verhalten des Wildes. Eine andere Sache: das Auto unterm Hochsitz oder nicht weit von diesem entfernt. Schalenwild ist absolut in der Lage, Hochsitz und Fahrzeug als gefährliche Einheit zu sehen. Wir hinterlassen ja zusätzlich unsere Duftmarken – beim Ansitz wie am Fahrzeug. Das Problem, das uns die Jagd erschwert ist, dass wir uns selbst fast alles und dem Wild verdammt wenig zutrauen. Das Gegenteil ist der Fall!

Deutschland und Österreich sind „Hochsitzländer“. In keinem anderen europäischen Land findet man so viele dieser nicht immer schönen Bauwerke. Das Wild tut sich leicht, Hochsitz, Auto und Jäger miteinander zu verknüpfen. Vielfach wären diskrete Schirme völlig ausreichend.

Foto: Bruno Hespeler

Immer wieder dieselben Fehler

Es muss uns Jäger doch zum Nachdenken bringen, wenn die Rehe seelenruhig äsen, während auf dem Acker neben ihnen der Traktor Furche um Furche zieht, während sie schon flüchtig werden, wenn des Jägers Auto langsamer wird!

Völlig unsinnig und kontraproduktiv ist es, wenn junge Jäger ausgebremst oder kaltgestellt werden, weil sie jagdlich erfolgreich sind. Es hat nichts mit Schießertum zu tun, wenn ein fähiger Jäger an einem Abend drei Rehe sauber erlegt. Aber es kann an Tierquälerei grenzen, wenn ein Jäger das Wild durch seine Anwesenheit acht Monate verunsichert, bis er endlich drei Rehe geschossen hat!

Je mehr Jäger sich auf einer Fläche bewegen, umso höher wird der Jagddruck, und das Wild wird unsichtbar! Dieses Problem besteht verstärkt in Jagdgesellschaften mit vielen Mitgliedern. Häufig gehört ein Drittel dieser der nicht übermäßig aktiven Schicht an. Bei vielen spielt sich die Jagd im Auto ab. Das bedeutet nicht unbedingt, dass sie aus dem Fahrzeug schießen. Vielen genügt es, am Abend die Waldränder und „rehschwangeren“ Schläge abzufahren, um zu beobachten.

Bisonherde in Alaska. An der Straße darf nicht gejagt werden, und die Wildtiere sind dort völlig vertraut. Elch, Wapiti und selbst Schwarzbären kann man sogar mitten in den Städten begegnen, während sie in der freien Landschaft flüchten. Es ist die Jagd, die Wildtiere scheu macht, und ihre Scheuheit sagt etwas über die Qualität und das Können der Jäger aus.

Foto: iStock/YinYang

Noch ein Problem sei angemerkt

Wir bilden uns ein, keine Zeit zu haben. Wir gehen oft mit dem Gedanken zum Ansitz: „Das reicht noch.“ Dabei warten unsere vierläufigen Gegenspieler schon auf uns. Sie haben schließlich eine Menge Erfahrung im Umgang mit Jägern gesammelt und verdammt viel zu verlieren.

Auch nach dem Schuss haben wir es eilig: Ein Blick durch das Glas bestätigt uns, das Stück liegt. Wir wollen keine Zeit vertrödeln, entladen und treten neuerlich in Erscheinung. Die „Zuschauer“ kombinieren: Hochsitz, von dem es immer wieder knallt. Das Erscheinen des Jägers, oft mit seinem Fahrzeug und Hund. Der Schuss und das getroffene Wild. Gestalt und Witterung des Jägers, der aufbricht und das erlegte Wild versorgt … War das Wild vor dem Schuss nicht alleine, gibt es mehrere Möglichkeiten:

Die anderen Stücke stehen noch mit hoher Pulsfrequenz in Sichtweite und gehen bei unserem Erscheinen hochflüchtig ab.

Manche haben, schon als der Schuss fiel, die nächste Deckung angenommen, wo sie auf das erlegte Stück warten und beobachten, was passiert. Sie bemerken, wie wir unseren Sitz verlassen und verknüpfen Sitz, Jäger und Schuss.

Das oder die anderen Stücke sind nach dem Schuss und einiger Zeit der Unentschlossenheit leicht beunruhig weitergezogen. Sie werden zurückkommen. Dort werden sie unsere Witterung finden, vielleicht noch die unseres Hundes, die unseres Fahrzeugs, mit dem wir das erlegte Stück abtransportiert haben, aber auch die des erlegten Stückes selbst.

Schwereres Wild müssen wir – wenn wir alleine sind – an Ort und Stelle oder zumindest in der Nähe aufbrechen. Dabei bleiben eine Menge Geruchsspuren vom Wild wie von uns zurück. So wird der Schussknall für jene Wildtiere, die das öfter erlebten, zum Trauma. Heute verwendet wohl die Mehrzahl der Jäger einen Schalldämpfer. Damit wurde die Jagd deutlich leiser. Nur das sich in der Nähe befindende Wild hört ihn. Je lauter die Landschaft insgesamt, umso weniger stört der Schuss.

Wer einen Hund hat, der wird immer wieder feststellen, dass ihm dieser Stellen verweist, an denen vor Wochenfrist ein Stück erlegt oder aufgebrochen wurde. Er tut das, obwohl er nicht dabei war, selbst dann, wenn es inzwischen geregnet oder geschneit hat, denn Örtlichkeiten, an denen ein Wild erlegt, abgelegt oder gar aufgebrochen wurde, werden von anderen Arten zusätzlich markiert.

Menschliche und „richtige“ Nasen …

Wir müssen umdenken und von echten, vierbeinigen Profis noch unglaublich viel lernen! Noch im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts lernten wir, der Hund könne die Spur eines Menschen auf Asphalt oder Beton nach wenigen Stunden nicht mehr erkennen oder gar halten. Hundeführer von Polizei oder Zoll wussten es damals schon besser. Sie orientierten sich an den Erkenntnissen der Wissenschaft, wir bevorzugten die Tradition …

Wir argumentierten, Witterung von Menschen und Tieren würden nur an Pflanzen, Laub und Holz haften, ja selbst auf unbewachsenem, verwundbarem Boden, nicht aber auf Asphalt. Das war absoluter Unfug! Witterung haftet an Pfote, Huf, Schuh und Hautschuppen.

Die Leichenspürhunde der Polizei riechen sogar Leichen oder Teile von solchen, die bereits Wochen im Wasser liegen! So – und jetzt können wir uns vielleicht vorstellen, welche unglaublichen „Geruchswolken“ sich unserem feinnasigen Schalenwild auftun, wenn wir – oft limitiert auf 100 oder nur 50 Hektar Wald – während der Jagdzeit mehrmals in der Woche unser „Unwesen“ treiben.

DIE REHWILDJAGD IM LAUFE DER ZEIT

Jede Menge alte Zöpfe

Ursprünglich war der Umgang mit Rehen recht unkompliziert, was nicht bedeutet, dass alles unseren heutigen Vorstellungen von Tierschutz entsprach. Aber es ging nie darum, durch „Zuchtauswahl“ möglichst starke Trophäen zu züchten. Rehe wurden auch nie gezählt, wie es bei uns noch bis zur Jahrtausendwende verlangt wurde. Gab es viele Rehe, wurden meist viele erlegt. Das Wildbret war wesentlicher Zweck des Jagens. Auf die Idee, Rehe in Güteklassen einzuteilen oder, wenn sie erst einmal mehrjährig waren, ihr Alter bestimmen zu wollen, kam niemand.

So richtig begann das bei uns alles erst in den 1930er-Jahren. Der im Dritten Reich um sich greifende Rassenwahn hatte kuriose Blüten getrieben. Dabei hätte man doch gerade in jenen schlimmen Hungerjahren erkennen müssen, dass ein dicker Bauch kausal primär mit der Verpflegung zu tun hat und nicht mit der Erbmasse! Natürlich war man überzeugt, Rehe zählen und ihr Alter bestimmen zu können. Das alles hat sich in den letzten Jahrzehnten gebietsweise geändert. Doch wirklich erloschen sind die damaligen Leitgedanken noch nicht überall. Selbst die Jagdwissenschaft genierte sich, endlich wieder Klartext zu reden. Sie beglückte uns auch mit wunderschönen Grafiken, die den Jägern Hilfe bei der Abschusserfüllung sein sollten (siehe Grafik auf der nächsten Seite).

Man beachte in der Grafik den Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Wild, vor allem aber, dass man geglaubt hatte, das Alter erwachsener Rehe bestimmen zu können. Ebenso ging man von einem Geschlechterverhältnis von 1:1 aus, auch bei den Neugeborenen. Angeführt wurden in der Literatur aber auch immer wieder Beispiele, die ein Geschlechterverhältnis von bis zu 1:10 nannten. Das sind Zahlen, die schon rein rechnerisch nicht möglich sind, selbst wenn über Jahre hinweg nur männliches Rehwild erlegt wird. Die Natur lässt solchen Unfug einfach nicht zu. Jeder Geburtsjahrgang greift regulierend in das Geschlechterverhältnis ein.

Noch immer gibt es Reviere, in denen die Erlegung eines solchen Jährlings dazu führt, dass ein Jäger seinen Erlaubnisschein verliert. Das ist absurd und dient wohl eher dazu, die Rehwildbestände möglichst hoch zu halten.

Foto: Bruno Hespeler

Schematische Darstellung der Gliederung und jagdlichen Behandlung eines Rehwildbestandes von 100 Stück bei einem Geschlechterverhältnis von 1:1 und einem Zuwachs von 100 % des weiblichen Frühjahrsbestandes.

Grafik: Werbeagentur Rypka basierend auf Rolf Henning (aus: „Die Abschussplanung beim Schalenwild“)

Nachdenken: Ist Rehwildjagd effektiv oder entbehrlich?

Wenn vor allem beim Rehwild die Abschussquoten über Jahrzehnte erhöht wurden, ohne dass die Bestände zusammenbrachen, dann kann in den zurückliegenden Jahren nicht einmal der Zuwachs abgeschöpft worden sein! Dann war die Jagd für die Jäger vielleicht „lustig“, sie war aber ganz sicher auch entbehrlich. Nach 1848 hatte weibliches Reh- und Rotwild in fast allen deutschsprachigen Ländern jahrzehntelang ganzjährige Schonzeit …

Die Bejagung des Rehwildes ist forstwirtschaftlich nur sinnvoll und notwendig, wenn sie die Wildbestände tatsächlich reguliert. Tut sie das nicht, ist sie für das Wild eher ein Störfaktor und entbehrlich!

DER BRITISCHE WEG ODER WIE ES UNSERE URGROSSVÄTER MACHTEN

Keine andere heimische Schalenwildart hat ein so großes und absolut unterschiedliches Verbreitungsgebiet wie das Rehwild, und keine kommt in ähnlich hoher Dichte vor. Im Rehwild spiegelt sich Europas Jagdgeschichte, denn in weiten Teilen wird immer noch so gejagt, wie es unsere Urgroßväter taten. Trophäen sind dort sekundär und spielen in manchen Ländern – so wie dereinst auch bei uns – überhaupt keine Rolle. Gejagt wird bei der lauten Jagd mit dem Hund im Spätherbst, geschossen wird nach alter Tradition mit Schrot. In vielen Ländern gibt es nicht einmal einen Abschussplan, was weder an der Nachhaltigkeit der Bejagung noch an der „Qualität“ der Rehe irgendetwas ändert. In Großbritannien beispielsweise genossen Rehe noch vor relativ wenigen Jahren auch keinerlei Schonzeit. Niemanden interessierte es, womit sie erlegt wurden. Für die eingebürgerten Muntjaks gilt das heute noch. Dennoch werden sie mehr und nicht weniger.