DIE KANARISCHE FIBEL - Günter Voss - E-Book

DIE KANARISCHE FIBEL E-Book

Günter Voss

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Beschreibung

Seit 500 Jahren reisen Deutsche nach den Kanarischen Inseln. Der Geologe Leopold von Buch kam mit einem englischen Segelschiff, der ehemalige Berliner Polizeipräsident Julius von Minutoli reiste – als preußischer Generalkonsul für Spanien – von Cadiz mit einem spanischem Dampfschiff nach Teneriffa. Ernst Haeckel wurde von dem preußischen Segelschulschiff Niobe mitgenommen, Catharina von Pommer-Esche fuhr von Hamburg mit einem Dampfer der Woermann-Linie nach Gran Canaria. Der Geologe suchte das Geheimnis der Caldera von La Palma zu ergründen, der Politiker suchte nach den Ursachen für den trostlosen Zustand der Bevölkerung, die kranke Pommer-Esche suchte Genesung von ihrer Tuberkulose. Wie die anderen reisten und was sie beschäftigte, ist in diesem Buch zu lesen. Das Buch enthält biografische Skizzen von über 40 Reisenden, die in eingestreuten Zitaten mit ihren Beobachtungen selbst zu Wort kommen. Hinzu gefügt wurden Angaben zu mehr als 250 bibliografischen Quellen. Daraus ist ein Bild des Wandels der Gesellschaft und der Naturbeschreibung auf den kleinen atlantischen Inseln im Laufe von über 150 Jahren entstanden.

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Seitenzahl: 530

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Günter Voss

DIE KANARISCHE FIBEL

AUS DEUTSCHEN SCHRIFTEN 

1777 - 1965

Impressum

Die kanarische Fibel Günter Voss

Copyright: © 2012 Günter Voss

published by: epubli GmbH, Berlin

www.epubli.de

ISBN 978-3-8442-3123-6

Günter Voss

San Bartolome de Tirajana

[email protected]

Seit 500 Jahren reisen Deutsche nach den Kanarischen Inseln. Der Geologe Leopold von Buch kam mit einem englischen Segelschiff, der ehemalige Berliner Polizeipräsident Julius von Minutoli reiste - als preußischer Generalkonsul für Spanien - von Cadiz mit einem spanischem Dampfschiff nach Teneriffa. Ernst Haeckel wurde von dem preußischen Segelschulschiff Niobe mitgenommen, Catharina von Pommer-Esche fuhr von Hamburg mit einem Dampfer der Woermann-Linie nach Gran Canaria. Der Geologe suchte das Geheimnis der Caldera von La Palma zu ergründen, der Politiker suchte nach den Ursachen für den trostlosen Zustand der Bevölkerung, die kranke Pommer-Esche suchte Genesung von ihrer Tuberkulose.

Wie die anderen reisten und was sie beschäftigte, ist in diesem Buch zu lesen.

Das Buch enthält biografische Skizzen von über 40 Reisenden, die in eingestreuten Zitaten mit ihren Beobachtungen selbst zu Wort kommen. Hinzu gefügt wurden Angaben zu mehr als 250 bibliografischen Quellen.

Daraus ist ein Bild des Wandels der Gesellschaft und der Naturbeschreibung auf den kleinen atlantischen Inseln im Laufe von über 150 Jahren entstanden.

Inhalt

Die Eidechsen der Herren Juba und Simony

Der Botanische Garten von Orotava

- Hermann Wildpret

Die Vögel

- Carl Bolle

Wirtschaftliche Betrachtungen

- Julius von Minutolis von Minutoli, preußischer Generalkonsul

- Malvasier - Die Legende

- Walther Kampf

- Cochenille – Der kurze Wohlstand

- Eduard Wiepen

Alexander von Humboldt

Adelbert von Chamisso

Geologische Erkundungen

- Christian Leopold von Buch

- Georg Hartung – Wilhelm Reiß – Karl von Fritsch

- Georg Hartung

- Wilhelm Reiß

- Karl von Fritsch

- Walther von Knebel

- Curt Gagel

Organische Ablagerungen

-  August Rothpletz

Die Senckenbergische naturforschende Gesellschaft

- Georg Hermann Grenacher

- Friedrich Carl Noll

Klimatologische Beobachtungen

- Oscar Burchard

- Julius von Hann

Vegetation. Vom Sammeln zur Pflanzenökologie

- Hermann Schacht

- Hermann Christ

- Heinrich Schenck

- Leonhard Lindinger

- Karl Sapper

Die Deutsche Tiefsee-Expedition Valdivia

- Carl Chun

Anthropologie. Die Altkanarier werden vermessen

- Felix von Luschan

- Eugen Fischer

- Hans Ritter

- Ilse Schwidetzky

Die Sprache der Megalithkultur

- Dominik Josef Wölfel

Die Pfeifsprache

- Max Quedenfeldt

Demografie und Morbidität

Reisen – Wohnen – Betreuung

- Walther May – Die Waldinsel Gomera

- Walther May und Ernst Haeckel

- Haeckel und Richard Greeff reisen nach Arrecife

- Die Exkursion des Eidgenössischen Polytechnikum

Tourismus

- Hans Meyer

- Gustav Pauli

- Victor Meyer

- Catharina von Pommer-Esche

- Otto Arens

- Richard von und zu Eisenstein

- Walther Neubach

Thérèse de Dillmont

Kanarische Lebensarten

- Franz von Löher

Restliche Angaben

- Gesamtdarstellungen

- Fauna

- Anthropoidenstation u. a. Forschungen

Quellen

Autorenverzeichnis

Die Eidechsen der Herren Juba und Simony

Auf allen sieben Inseln kann man beobachten wie sie aus ihren Schlupflöchern heraus kommen, sich an den Strahlen der Sonne wärmen, ihren Bauch an die warme Erde drücken und ihre Beine abwechselnd von sich strecken und bei der geringsten verdächtigen Erschütterung pfeilschnell im Gesträuch oder in ihren Höhlen verschwinden. Sie waren bestimmt schon da, als die Teilnehmer der Forschungsreise im Auftrag des mauretanischen Königs Juba II. (* ca. 50 v. Chr; f 23 n. Chr.) die kanarischen Inseln besuchten. Leider gibt es von der Reise nur die kurze Stelle in der NATURGESCHICHTE des Gaius Plinius Secundus etwa aus dem Jahre 77: „Capraria wimmelt von großen Eidechsen.“ Von Eidechsen auf anderen Inseln steht nichts darin. Leider ist auch keine Karte der besuchten Inseln überliefert, um sie mit den heute bekannten zu identifizieren, was zu Spekulationen führte. Meistens ist die Insel Hierro das Capraria des Plinius. Und leider gibt es keine Maßangabe für ,groß’.

Jahre später, etwa 1405, sahen die beiden Priester Bontier und Le Verrier, die die Eroberer nach den Kanaren begleiteten, auf der Insel Hierro, Eidechsen, groß wie Katzen, wie es im Kapitel LXV ihres Eroberungsberichtes steht. Waren die Eidechsen gewachsen oder hatten sie eine andere Insel als Capraria besucht? Auch bei ihnen ist von diesen Tieren nicht mehr zu lesen als dieses.

1867 schreibt Karl von Fritsch in seinen REISEBILDERN: „Es scheint nach den vielfach an mich gerichteten Fragen der Herrenos, ob ich solche Tiere nicht gesehen, daß - besonders im Ostteile der Insel und beim Salmore-Felsen, der dort isoliert aus der See aufragt - die von den Bethencourtschen Kaplänen im Mittelalter erwähnten, aber wohl noch von keinem Zoologen untersuchten großen Eidechsen (Cameleones der Einwohner), ,des lezarda grands comme des chats et hideux’, noch vorkommen und von der etwa 30 Zentimeter langen größeren Eidechse, die auf den Canaren häufig ist, verschieden sind.“

Und in der der Arbeit ÜBER DIE OSTATLANTISCHEN INSELGRUPPEN von 1870: „Als hauptsächlichster Fundort wurden mir die Umgebungen des isolierten Salmore-Felsens, der Nordteil der Insel, genannt. Obwohl ich nun nie ein solches Tier zu Gesicht bekam, glaube ich dasselbe doch nicht für eine Ausgeburt der Phantasie ansehen zu dürfen und hoffe, daß reisende Zoologen endlich dieses Wesen zur Untersuchung und Vergleichung werden sammeln können.“

Karl von Fritsch brachte von seinen Reisen 1862 und 1872 einige Eidechsen mit nach Frankfurt, Friedrich Carl Noll von seiner Reise 1871. Alle wurden von Oscar Böttger untersucht und nur die seit 1839 bekannte Lacerta Galloti nachgewiesen.

So blieb es bei den großen Eidechsen auf Capraria bis der sechsunddreißigjährige Wiener Mathematiker Oskar Simony von allen sieben Inseln lebende und tote Exemplare der Eidechsen mit nach Wien brachte und Franz Steindachner, Direktor am K. u. K. Hofmuseum, zur Bestimmung überließ. Das Ergebnis der vorzüglich erhaltenen, mit zuverlässigen Fundortsangaben versehene Kollektion gab den ersten gründlichen Einblick in die eigentümliche Reptilienfauna: auf Lanzarote, Fuerteventura und auf den kleinen Inseln der östlichen Gruppe lebt die bekante Lacerta atlantica, auf Palma und Teneriffa die auch schon bekannte Lacerta Galloti und auf Hierro und Gran Canaria eine von diesen verschiedene Art, die Steindachner Lacerta Simonyi nannte. Welche Ehre für einen Mathematiker, zweitausend Jahre nach Juba II. für seine wissenschaftliche Aufklärung der ,großen Eidechsen’.

Die größten Exemplare fing Simony auf der kleinen Felseninsel Zalmor bei Hierro und nach ihm manch anderer Forscher, bis sie dort nicht mehr zu finden waren. Ausgeforscht nach zweitausend Jahren. Simony fing sie „mittels zerquetschter Früchte einer Varietät von Solanum Lycopersicum, welche auf den Canarischen Inseln als Tomate bezeichnet wird, leicht in ein schräg auf den Boden aufgelegtes Schmetterlingsnetz“.

Steindachner bemerkt noch, dass die L. Simonyi phylogenetisch der Urform der Echsen näher steht als L. Gallotii und es daher höchst wahrscheinlich ist, dass Gran Canaria und Hierro einer früheren erdgeschichtlichen Periode ihre Entstehung verdanken als die übrigen Mitglieder des Archipels.

Auf Hierro sollen sie jetzt noch vorkommen, die Einwohner gaben ihr den Beinamen ,gigantisch’. Die größten Exemplare, die Simony fing, waren 525 mm lang.

Oscar Simony 1852 - 1915 Mathematiker

Oskar Simony wurde am 23. 4. 1852 in Wien geboren. Er studierte an der Universität dort Mathematik und Physik und wurde 1880 als ordentlicher Professor an der Hochschule für Bodenkultur in Wien in den Fächern Mathematik, Physik und Mechanik angestellt.

In den Sommerferien der Universität reiste er nach den Kanarischen Inseln. August - 10. Oktober 1888, Mitte Juli - 8. Oktober 1889 und August 1890 - 4. November 1890. Während der ersten Reise zum Studium des Sonnenspektrums nahm er auf 420 Fotoplatten die atmosphärischen Absorptionslinien auf.

„Während jenes Aufenthaltes in der vulkanischen Hochregion ergab sich vielfach Gelegenheit zu anderweitigen naturwissenschaftlichen Beobachtungen, sowie zu photographischen Aufnahmen landschaftlich, beziehungsweise geologisch interessanter Szenerien, die vermöge ihres eigentümlichen Charakters besser durch Bilder als durch Worte geschildert werden.“

Daraus ergab sich im Laufe der drei Reisen eine Sammlung von einer Guanchenmumie, neun Guanchenschädel, circa 160 teilweise neue Arten von Reptilien und Fischen in circa 1200 Exemplaren, etwa 600 Spezies von Insekten aller Ordnungen in circa 4000 Exemplaren, sowie eine umfangreiche Kollektion vulkanischer Gesteine, namentlich merkwürdiger - bis zu 50 kg schwere - vulkanischer Bomben und 413 fotografische Aufnahmen in der Größe von 21 mal 16 cm, die er dem K. u. K. Naturhistorischen Hofmuseums als Geschenk übergab. Seine geologischen Funde wurden von Berwerth, seine Sammlung von Krebstieren von Koelbel ausgewertet.

Im Winter 1898/1899 nahm er an der Expedition der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften nach Südarabien und Sokotra zur topographischen und geologischen Erkundung der Küstengebiete teil. Hugo Lojander erwähnt in seiner Dissertation die Insel Sokotra, von der im Altertum meistens das Drachenblut-Harz des Drachenbaums kam.

Simony veröffentlichte Publikationen über Mathematik, Physik, Astronomie und hielt Vorlesungen in den Fächern Mathematik, Physik und Mechanik, Meteorologie und Klimatologie. In der Mathematik beschäftigte er sich mit der seltsamen Aufgabe, in ein ringförmig geschlossenes Band einen Knoten zu machen. Die Knotentheorie, die mit dem verschlungenem Möbiusband 1858 begann, führte ihn zu den Geheimnissen der Primzahlen und ihrer Verbindung mit der Dimensionalität des Raumes. Die dabei benutzte 4. Dimension, in der mathematisch vieles anders ist als in der 3., wurde von seinem Zeitgenossen Rudolf Steiner in seinen verschlungenen Ideen einer anthroposophischen Weltanschauung eingegliedert, zur gleichen Zeit in der Ernst Haeckel seinen Monismus formte.

1913 emeritierte Oskar Simony und vollendete sein mathematisches Primzahlenwerk und beschäftigt sich weiter mit Knotenstudien.

Am 6. April 1915 ging er nach einem Schlaganfall in den Freitod. Sein Grabstein auf dem Wiener Friedhof Pötzleinsdorf ist mit den zwei elementarsten Simonyschen Knotengebilden geschmückt.

AUTOREN

Böttger, Oscar

Die Reptilien von Marocco und den canarischen Inseln; Abh. der Senckenberg. Gesellsch., Bd. IX, 1873 - 1875; S. 121 - 191; Frankfurt/M.

Simony, Oscar

Über eine naturwissenschaftliche Reise nach der westlichen Gruppe der Canarischen Inseln. Bericht; Mitt. d. k. k. Geogr. Ges. 33 (N. F. 23); S. 145 - 176, 209 - 231, Schluss fehlt; 16 Phototypien; Wien, 1890

Über eine naturwissenschaftliche Reise nach der westlichen Gruppe der Canarischen Inseln. Vortrag; Verh. d. Ges. f. Erdk., 17; S. 207 - 210; 3 Phototypien; Berlin, 1890 Das Sonnensprectrum und dessen ultraviolette Fortsetzung; Außerord. Beil. zu d. Monatsbl. d. Wiss. Clubs in Wien, 12. Jg.; S. 33 - 60; 2 Phototypen; Wien, 1891 Der Pik von Tenerife; Vortrag im Club; Monatsblätter des Wiss. Clubs in Wien, 12. Jahrg.; S. 3 - 10; Wien, 1891 Über eine Reihe photographischer, zu wissenschaftlichen Zwecken unternommener Aufnahmen auf den canarischen Inseln; Photogr. Rundschau 1892; Halle Das Sonnensprectrum und dessen ultraviolette Fortsetzung; Gaea, 28. Jg.; S. 65 - 72, 134 - 141, 190 - 199, 260 - 268, 305 - 317; 8 Phototypen; Leipzig, 1892 Die Canarischen Inseln, insbesondere Lanzarote und die Isletas; Gaea, 28; S. 433 - 440, 510 - 518, 563 - 568, 601 -606, 665 - 669; 2 Karten, 16 Phototypien; Leipzig, 1892 Die Canarischen Inseln, insbesondere Lanzarote und die Isletas; Vortrag; Schriften d. Ver. zur Verb. naturwiss. Kenntnisse 32; S. 325 - 398; 10 Tafeln; Wien, 1892 Über den Einfluß der fortschreitenden Entwaldung auf die Flora des canarischen Archipels; Verh. D. Ges. D. Naturf. u. Ärzte, 66. zu Wien, 2. Teil, 1. Hälfte; S. 164 - 165; Leipzig, 1895

Photographische Aufnahmen auf den Canarischen Inseln; Ann. d. k. k. naturhist. Hofmuseums, 16; S. 36 - 62; Wien, 1901

Steindachner, Franz

Über die Reptilien und Batrachier der westl. und östl. Gruppe der Canarischen Inseln; Ann. d. k. k. naturhist. Hofmus. 6; S. 287 - 306; Wien, 1891

Der Botanische Garten von Orotava

Hermann Wildpret

„Außer dem Pik ist von den Tenerife-Reisenden nichts auf der Insel so oft und ausführlich beschrieben und gepriesen worden wie der botanische Garten“, Meyer 1895 und Bolleter setzte diesen Satz 1909 fort: „und stets wird sein Schöpfer rühmend erwähnt.“

Sein Gründer, nicht der Schöpfer, war Alonso de Nava y Grimon, Marques Villanueva del Prado (1757 - 1832).

Humboldt, der ihn 1799 besuchte, fand „die Errichtung eines botanischen Gartens auf Teneriffa ... als ein sehr glücklicher Gedanke, wegen des doppelten Einflusses, welchen derselbe auf die Fortschritte der Botanik und auf die Einführung nützlicher Pflanzen in Europa haben kann“.

Der Garten war 1799, sieben Jahre nach der begonnenen Anpflanzung, noch wenig reich an Pflanzen, dennoch sammelten Humboldt und Bonpland daselbst reife Samen mehrerer schönen Arten von Glycine aus Australien, die sie mit auf ihre große Reise nahmen und die der Gouverneur von Cumana mit Erfolg pflanzte und seitdem an den Küsten des südlichen Amerikas wild geworden sind.

Die nächsten Nachrichten von diesem Pflanzgarten in deutschen Berichten stammen von Mac-Gregor aus dem Jahre 1831 und sie künden dessen jahrelange Vernachlässigung. „Die Anstalt, mit Sorgfalt geleitet, versprach dem Botaniker die genügendsten Erfolge, als der Unternehmer auf den unglücklichen Gedanken geriet, der spanischen Regierung mit der ganzen Anlage ein Geschenk zu machen. Während der Stürme der Revolution konnte nichts für ihre Unterhaltung geschehen; jetzt scheint man sie völlig aufgegeben zu haben, denn ihre Ländereien werden nur noch zum Kohl- und Kartoffelbau benutzt.“

Minutoli gedenkt 1853 „des traurigen Verfalles des herrlichen botanischen Gartens, „. der Mangel an Interesse und Gemeinsinn der vollständigen Verwilderung und Verwüstung Preis gegeben ist... Es mag dahin gestellt bleiben, ob es gegründet ist, was man erzählt, daß einem benachbarten Grundbesitzer die Benutzung dieses botanischen Gartens gegen die Verpflichtung seiner Unterhaltung überlassen sei; daß derselbe es aber vorgezogen habe, das ausschließlich für den Garten bestimmte Wasser für seine eignen Felder zu benutzen; unbekümmert, ob die Pflanzen und Bäume des ihm anvertrauten fremden Eigentums darüber verdursten und verdorren.“

Schacht fand ihn 1857 nicht „viel besser als ein großer Küchengarten in dem noch einige ausländische Bäume stehen“ und ihm fehlten „hier die Engländer mit ihrer Vorliebe für die Gartenzucht“. Das fand auch Franz von Löher: „Nun wollten Engländer eine Akklimatisationsstätte daraus machen für Tiere wie für Pflanzen. Dies Fremde tun zu lassen litt der spanische Stolz nicht, es wurde erwidert: man wolle dies schon selbst besorgen. Und nachdem sie diese hohe Antwort gegeben, hatten sich die Herren natürlich genug getan. Der Garten verwilderte weiter, bis vor fünfzehn Jahren ein Deutscher, der als Gärtner auf der Insel war, berufen wurde, ihn wieder etwas in Ordnung zu bringen.“

Bolleter beschreibt in BILDER UND STUDIEN VON EINER REISE NACH DEN KANARISCHEN INSELN, 1909, das Leben des Gärtners Wildpret.

„Hermann Josef Wildpret wurde am 5. Oktober 1834 in Warmbach bei Rheinfelden geboren. Nach dreijähriger Lehrzeit als Gärtner in Aarau verbrachte er einige Zeit in Zürich, worauf er sich nach Frankreich wandte, um die französische Sprache zu erlernen. In Besangon erhielt er von dem frühern Direktor des Olsbergerstiftes, Herrn Regierungsrat Lindemann, einen Brief, in welchem ihm dieser mitteilte, daß sein Freund, Herr Hermann Honegger aus Wollishofen, Kaufmann in Santa Cruz auf Tenerife, in der Schweiz weile und auf seiner Rückreise einen jungen Gärtner mitnehmen möchte. Wildpret entschloss sich kurzerhand die Stelle anzunehmen. Im Dezember 1856 reiste er nach Marseille ab, um sich mit Herrn Honegger einzuschiffen.

Wildpret verbrachte nun zwei Jahre in Santa Cruz auf Tenerife als Gärtner des Herrn Honegger. Leider kamen für die Firma schwere Zeiten; das Geschäft mußte aufgegeben werden und Wildpret hatte sich nach einer andern Stelle umzusehen. Er zog nach Orotava im Norden der Insel und etablierte sich dort als Handelsgärtner. Seine Hauptaufgabe bestand in der Anlage neuer Gärten; daneben befaßte er sich mit einem ausgedehnten Samenhandel.

Im Jahre 1860 wurde die Stelle eines Gärtners am botanischen Garten in Orotava vakant; sie wurde Wildpret mit einem Gehalt von 1000 Pesetas angeboten und er nahm sie an. In dieser Stellung verblieb unser Freund vierunddreißig Jahre lang und er hätte sie wohl noch länger innegehabt, wenn er nicht 1893 vom Gouverneur vor die Alternative gesetzt worden wäre, entweder Spanier zu werden oder seinen Posten als Gärtner am botanischen Garten aufzugeben. Mit Entrüstung wies der stets eifrige Vaterlandsfreund das Ansinnen, die Schweizerfahne zu verlassen, von sich, trat von seinem Amte zurück und widmete sich fortan seiner Familie und seinem privaten Geschäfte. Die letzten Jahre seines Lebens brachte er in Santa Cruz zu.

Hermann Wildpret 1834 -1908 Gärtner

Schon im Frühjahr 1908, als die Rikli-Schrötersche Exkursion nach den Kanaren stattfand, fühlte er sich nicht immer wohl, trotzdem sein Humor stets ein goldener war. Nichtsdestoweniger führte er noch im September 1908 die Gesellschaft deutscher Ärzte, welche die Insel behufs Studium des Klimas wegen event. Erstellung von Sanatorien besuchten, durch den Park des Humboldtkurhauses, den botanischen Garten und die Stadt Villa Orotava. Im Oktober nahmen seine Kräfte ab; am 24. dieses Monats schrieb er scherzhaft in einem Briefe, ,daß er vor einigen Tagen geglaubt hätte, bald zur großen Armee abmarschieren zu müssen’. Nur vorübergehend erholte er sich wieder; am 19. Dezember 1908 schloß er nach kurzer Krankheit sein Auge für immer.“

Als Wildpret 1860 die Stelle als Gärtner erhielt, nahm er sofort ein Inventar der vorhandenen Pflanzen auf; es enthielt die Namen von 220 Spezies. Mit Feuereifer machte sich der junge Schweizer an die Arbeit und 1879, als er einen gedruckten Katalog des Gartens erscheinen ließ, war die Anzahl bereits auf 2486 gestiegen.

Das Budget des Gartens belief sich in den Jahren 1860 - 1893 auf 7500 Pesetas: 2000 für den Direktor, 1000 für den Gärtner (Wildpret), 1500 für die Arbeiter, der Rest für Pflanzenankäufe, Dünger, Werkzeug, Bauliches usw. Wildpret hatte während der genannten Zeit acht Direktoren, die weder von Botanik, noch von Pflanzengeographie irgend etwas verstanden; wohl kassierten sie die Summen vom Staate ein, sahen sich aber nicht bemüßigt, auch ihren Untergebenen den wohlverdienten Lohn zu verabfolgen.

Der Schweizer Botaniker Christ schildert die Anlage des Gartens in seiner FRÜHLINGSFAHRT 1885:

„Schon vor der hohen Gartenmauer zeigen uns einige alte Drachenbäume, was uns im Innern erwartet. Die Anordnung ist einfach. Das längliche Rechteck ist der Länge nach durch breite Wege in vier Beete geteilt; die Beete sind mit hochstämmigen Bäumen eingefaßt, die stattliche Alleen bilden; ein großes Wasserbassin, an welchem Wege sich kreuzen, unterbricht das Ganze. Der Gesamtanblick ist entzückend. Palmenkronen der mannigfachsten Art tauchen über dem massiven Laube fremder Bäume auf; alle Formen des Tropenwaldes sind hier in erwachsenen Exemplaren vertreten und wenn sie auch an Schwung und Masse des Wuchses mit ihren heimatlichen Vorbildern keinen Vergleich aushalten, so zeigen sie doch, was eine winterlose Zone zu leisten vermag. Das edle, tief sich neigende Fiederblatt der Königspalme auf dem glatten, verjüngten Aufsatze ihrer Scheiden, das leicht wie Straußenfedern emporstrebende des Cocos und der guineischen Ölpalme, das farnartig zerschlitzte, abgebissene, überaus zerteilte der Caryota, die tief herabfallenden oder steil aufragenden Fächer der Latanien und die stammlosen, aber riesenhaften Fiedern der Carludovica von Panama zeigen uns so ziemlich die gesamte Formenreihe des Palmentypus. Doch allen ebenbürtig, wenn nicht überlegen an glänzendem Grün, an Fülle der Krone und mächtigem Blütenstande ist die einheimische ,Palma canaria’.“

„Doch neben der Pracht der tropischen Gewächse und noch mehr als sie fesseln uns die zahlreichen Seltenheiten der canarischen Flora, deren wilde Standorte meist so vereinzelt und oft so unzugänglich sind, daß die Vereinigung einer größeren Zahl dieser erlauchten und so höchst eigentümlichen Inselflora für den Botaniker weitaus das größte Interesse dieses Gartens bildet. Sind es ja doch fast ausnahmslos Pflanzen, die nur auf den Inseln und in vielen Fällen nur auf einer Insel, ja nur in einem Barranco oder auf einer Felsklippe gefunden sind und dabei nicht etwa schwach ausgeprägte, von gemeinen Arten sich kaum unterscheidende Formen, sondern Pracht- und Kraftgestalten originellster, ja eigentlich idealisierter Anlage.“

Als Bolleter den Garten 1908 besuchte, sah er den „rasch überhandnehmenden Verfall; herrliche Pflanzen sind wegen Mangel an Pflege zugrunde gegangen; manchenorts wuchert üppiges Unkraut; die Etiketten, mit denen Wildpret seine Pfleglinge versah, sind verschwunden oder verblichen. Man sieht, daß der Garten nicht mehr mit der Liebe gepflegt wird, wie dies von seiten Wildprets geschah.“

Aus Dankbarkeit für sein verdienstvolles Wirken haben die Botaniker manche Pflanze nach Wildpret benannt.

AUTOREN

Bolleter, E.

Bilder und Studien von einer Reise nach den Kanarischen Inseln; 179 S.; Abb.; Leipzig, 1910

Die Vögel

Carl Bolle

„Wenn man die Frage aufwirft, was den Ruf der glücklichen Inseln am weitesten in die Welt hinausgetragen habe, so muss die Antwort sein: der Canarienvogel, dieser reizende kleine finkenartige Sänger, der von allen seinen Gattungsgenossen allein der Zähmung würdig befundene, über ganz Europa verbreitete, dem zivilisierten Menschen jetzt in alle Zonen folgende.“ So charakterisiert der Berliner Vogelkundler Carl Bolle den kleinen Finken in seinen BEMERKUNGEN ÜBER DIE VÖGEL DER CANARISCHEN INSELN von 1854.

Carl Bolle 1821 -1909 Botaniker Ornithologe

Sich selbst charakterisiert er dort so: „Der Schreiber dieser Zeilen, der es zu den günstigeren Schicksalen seines Lebens rechnet, ein Jahr lang unter dem schönen Himmel jenes tiefen Südens verlebt zu haben, gesteht, dass ihn mehr Neigung, als streng wissenschaftliche Befähigung, den Fuß mit Schüchternheit gerade auf dieses Gebiet setzen lässt. Zu jener Zeit nur allein botanischen Studien und seiner Gesundheit in einem reinen, ungetrübten Naturgenusse inmitten der großartigsten Szenerien lebend, waren ornithologische Forschungen für ihn in den Hintergrund gerückt: so dass die Lust an Beobachtungen, zu denen er sich jetzt lebhaft angeregt fühlt, nur in Zwischenräumen, je nach der stoßweise gleichsam aufflammenden Liebhaberei, in ihm rege wurde. Aber baut sich das Gebäude der Wissenschaft nicht aus tausend kleineren Tatsachen auf, von denen keine, wenn aufrichtig und treu wiedergegeben, eine Lücke auszufüllen verfehlt? Ist der kleinste Baustein zur Vollendung des großen Ganzen nicht eine annehmbare Gabe?“

Als er 1851 auf den Kanarischen Inseln nur seiner Gesundheit lebte, waren ornithologische Studien ihm noch Liebhaberei, 1884 folgte er dem in diesem Jahre gestorbenen Alfred Brehm als Präsident der Allgemeinen Deutschen Ornithologischen Gesellschaft.

Carl Bolle wurde geboren am 21. November 1821 in Schöneberg. Schöneberg wurde zwar erst 1920 kommunalpolitisch ein Teil von Berlin, aber die Schöneberger waren schon damals Berliner. Berliner, bei denen sich Geburt, Reichtum, Talent und Wissen in wunderbarer Weise vertrugen. Sein Vater David Bolle war Besitzer einer Bierbrauerei, seine Mutter hieß Henriette Marggraf.

So war es wohl möglich, dass Christian Ludwig Brehms HANDBUCH DER NATURGESCHICHTE ALLER VÖGEL DEUTSCHLANDS bei seinem Erscheinen 1831 auf dem Geburtstagstisch des jungen Bolle lag und auch ihm die ersten, einfachen Kenntnisse über Vögel gab und in ihm die Liebe zur Tierwelt erwecken konnte.

Er besuchte das Französische Gymnasium und ab 1841 die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. Nach zwei Jahren Studium in Bonn kam er 1845 zur Berliner Universität zurück und promovierte am 11. Juli 1846 zum Doktor ,in medicina et chirurgia’; seinen vornehmlichen naturwissenschaftlichen Interessen gemäß über ein aktuelles Problem: ÜBER DIE ALPINE VEGETATION IN DEUTSCHLAND AUSSERHALB DER ALPEN.

In seiner Promotion wurde er zu einem naturgeschichtlichen Problem geführt, das seit Jahrzehnten die Botaniker und Erforscher der aus der Eiszeit verbliebenen Relikte hochalpiner Formen unablässig beschäftigte. Man hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts die chaotischen Ablagerungen in Nordeuropa und im Alpenraum von den darunter liegenden geordneten Schichten zu unterscheiden gelernt und ihre Verschiebung weit von ihrer Herkunft der Wirkung des Wassers zugeschrieben. Die Anlehnung nahm man aus biblischen Nachrichten über die Sintflut oder den noch üblichen Anschauungen des Neptunismus. Wasser war ja schon fast richtig, nur war es gefrorenes in bisher nicht vorstellbarem großem Ausmaße. Die Eiszeit war noch kein anerkanntes Ereignis.

Die Bierbrauerei seines Vaters gab hinreichen Gewinn Carl Bolle zu gestatten, die Heilkunde an den Nagel zu hängen und seinen naturwissenschaftlichen Liebhabereien nachzugehen.

Wissenschaftliche Reisen führten ihn nach Madeira, den Capverden und besonders nach den Kanarischen Inseln, die er von 1851 bis 1856 öfters und monatelang besuchte.

Schon 1854 veröffentlichte er seine BEMERKUNGEN ÜBER DIE VÖGEL DER CANARISCHEN INSELN im Journal für Ornithologie, denen zwei Fortsetzungen 1857 und 1858 folgten. Bolle war nicht der erste der über die kanarischen Vögel schrieb, aber seine Arbeiten sind die reichhaltigsten. Er konnte sich auf die Forschungen von Andre Pierre Ledru (1761 - nach 1830) und MacGregor beziehen.

Bei Sabin Berthelot, der in seiner Jugend ein intimer Freund MacGregors war und Hand in Hand mit ihm manche seiner so höchst interessanten Fußwanderungen durch Teneriffa gemacht hat, genoss er an seinem gastfreundlichen Herd auf Teneriffa die Sympathien vertrauter Freundschaft einer zweiten Heimat.

„Was die Kenntnis der Ornithologie überhaupt anbelangt, so sind wir berechtigt, dieselbe den Hauptzügen nach eine fast vollständige zu nennen. Der Charakter der Fauna tritt uns aus dem Material, welches die Frucht der bisherigen Bestrebungen ist, mit genügender Klarheit entgegen und kaum wird man im Stande sein, dem Verzeichnisse der konstanten Ornisbürger des Landes noch einen bedeutenden Zuwachs zu verleihen. Wie viele Lücken aber bleiben trotzdem nicht noch auszufüllen! Vom Apagado kennen wir nicht einmal die Familie, vom Guincho nicht die Species, der er angehört. Der Specht und der Würger der Canaren sind ungenügend bestimmt. Die zweite Art von Torcaz, die unzweifelhaft auf Gomera vorkommt, die Gruppe der Blaumeisen, ihrem Vorkommen auf den Inseln nach, liegen noch in einem Dunkel, das der Aufklärung entgegen harrt. Wer hat die Brutplätze der Sturmtaucher und Thalassidromen auf den Desertas, die ihr ausschließlicher Tummelplatz sind, gesehen und mit kundiger Feder geschildert? Wer hat die Arten dieser interessanten Bewohner der Salzflut im Gebiete streng gesondert? Wie steht es mit unserer Kenntnis der Fortpflanzung der rein atlantischen Species, wie mit der Oologie derselben?“

Bolle stellt fest, dass von den 134 auf den Kanarischen Inseln überhaupt vorkommenden Vogelarten 84 Land- und 50 Wasservögel sind. Im Lande selbst brüten 72 und 61 berühren dasselbe nur auf dem Zuge oder Striche und von den letzteren nur vierzehn regelmäßig und mehr oder minder häufig.

Zum Vergleich mit den anderen westatlantischen Inseln notiert Fritsch 1870: „Von den Azoren werden 51 Vogelarten aufgezählt, darunter etwas über 30 Brutvögel. Madeira soll unter 99 Formen nur 30 Brutvögel besitzen, die Canaren 72 Brutvögel unter 134 Formen; auf den Capverden werden etwa 40 Vogelarten bis jetzt gezählt, wahrscheinlich zu wenige... Daß die Ornis die Canaren die reichste von allen diesen Inselfaunen ist, erklärt sich wohl hauptsächlich aus der Mannigfaltigkeit der dortigen Bodenverhältnisse, weil wir auf diesem Archipel Küsten, Steinklippen, kahles Hochgebirge, waldige Berghänge und wohlkultivierte Landstriche finden.“

Etwas später als Fritsch schreibt Richard Greeff: „Diejenigen Vögel, die hier einheimisch sind und als den Inseln eigentümlich gelten müssen, sind erstens drei Finkenarten, zu denen der bekannte Kanarienvogel gehört, dann eine wilde Taube (Columba laurivora, Webb und Berthelot), die in den Lorbeerwäldern von Tenerife lebt und sich ausschließlich von den Beeren dieser Bäume nährt, wodurch das Fleisch derselben einen eigentümlich aromatischen Geschmack erhalten soll; ferner eine Mauerschwalbenart (Cypselus unicolor, Jardine) und ein Schwimm- und Seevogel zur Gattung der Sturmtaucher gehörig (Puffinus ColumbinusW.u. B)... Aber auch die drei zuletzt genannten, nämlich die Lorbeertaube, Mauerschwalbe und der Sturmtaucher sind außer den Canaren auch auf Madeira einheimisch, so dass also nur die drei verschiedenen Finken übrig bleiben. Diese sind

1.) der weltbekannte Canarienvogel oder -fink (Fringilla canaria),

2.) der Teydefink (Fringilla Teydeana,W.und B.) und

3.) der Tintollo (Fringilla TintillonW.und B.).“

Aber auf den fremden Inseln wurde nicht nur geforscht. Am Tage genossen die Naturforscher die schöne Farbe und den eleganten Flug ihrer Vögel, am Abend genossen sie ihr Fleisch - gebraten - nachdem sie tagsüber das Abschießen ihrer Lieblinge genossen hatten.

Bolle, der spätere Ornithologen-Präsident, schoss fast alles: Alpendohlen als höchst mittelmäßiges Wildpret, Fringilla hispaniolensis holte er mit einem Schusse 10 bis 20 herunter, den Kanarienvogel - diesen reizenden kleinen Sänger - auf einen Schuss ein Duzend von ihnen und mehr und vom Wiedehopf sogar unendlich viele. Das Letztere ist aber wohl als Jägerlatein einzuordnen.

Den Storch ließ er leben, er wurde vom kanarischen Landmann als Vogel mit günstiger Vorbedeutung begrüßt, den zu töten ein großes Unrecht wäre.

Tauben aller Art waren gemeinstes Federwildpret der Inseln. Gewöhnlich brüteten sie in Felslöchern. Auf Lanzarote bestand ein besonderes Jagdvergnügen darin, im Dunkeln mit Fackeln in diese Grotten einzudringen, den Eingang zu verstopfen und dann mit Stangen und Knütteln unter den überraschten Tauben, von denen auch viele lebendig gefangen wurden, eine große Niederlage anzurichten.

Steinhühner, Wachteln, Becassinen, Trappen, Lerchen, „deren Fleisch nicht minder wohlschmeckend und dieselbe, obwohl kleiner, doch nicht weniger fett, als unsere besten Leipziger Lerchen. Hinsichtlich des Genießens kleiner Vögel sind jedoch die Islennos zum Vorteil der Individuenzahl jener, aber zu großem Nachteile ihres Küchenzettels, das wahre Gegenteil der Bewohner Italiens“.

Die vogelfleischfreundlichen Islennos nutzten die Padelas - Seemöwen - „indem man die sehr feilen Jungen durch Frettchen aus den Erdlöchern, in denen sie ausgebrütet wurden, hervorholen lässt und sie fassweise einsalzt, eine in jenem Lande sehr beliebte, obwohl etwas fischig schmeckende und fast allzu fette Speise. Die Salvajes, zwischen Madera und den Canaren gelegen, sollen jährlich 30 000 Stück liefern“.

Ein Problem wurde von den deutschen Forschern im 19. Jahrhundert öfters berührt, aber nicht gelöst: Wie kommen die Pflanzen auf die Inseln? Welchen Anteil haben dabei das Wasser, die Luft, die Vögel und die Menschen? Gab es zeitweise eine Landbrücke nach Afrika oder Europa?

Für Wind oder Vögel spricht, dass die durch ihren Federschopf ausgezeichneten Samen von Kompositen ein großes Kontingent zur Flora stellen und fast keine Pflanze der atlantischen Inseln große Keime oder Samen besitzt. Die östlichen Kanaren, wohin von Afrika her jedes Jahr Scharen von Vögeln gelangen, haben von allen Kanaren am meisten eine der nordostafrikanischen ähnliche Vegetation.

Da in Südeuropa westliche Winde vorherrschenden sollen, könnten aber nur ausnahmsweise Samen nach dem Süden ausgebreitet werden. Auch sollen die Kanaren außerhalb der Zugstraße der meisten Vogelarten liegen.

Manche Forscher nahmen an, dass Pflanzensamen am Gefieder der Vögel kleben kann, oder er im Verdauungstrakt transportiert werden könnte. So, wie die Taubenarten der Inseln mit Vorliebe die Früchte der Lorbeerbäume fressen, sie also wohl auch verbreiten.

Genauer untersucht wurden all diese Fragen und Antworten nicht. Es gab kaum Aufzeichnungen über vorherrschende oder nicht vorherrschende Windströmungen, der Vogelzug wurde nicht durch Beringungen beobachtet und ob der Verdauungstrakt keimfähige Samen übrig lässt, nicht experimentell nachgewiesen. Für einige Wissenschaftler blieb dann nur die Landbrücke als Erklärung für das Vorkommen der Pflanzen und Tiere übrig.

1867 wurde Carl Bolle Erbpächter der Insel Scharfenberg im Tegeler See bei Berlin. Diese Inseln waren seit 1796 im Besitz der Familie von Humboldt, 1832 erhielt Wilhelm von Humboldts Kammerdiener Sandrock sie in Erbpacht, dann ein Landwirt Krause. Danach kamen sie an Bolle, der sich nach seinen Studienreisen zu den Kapverdischen und Kanarischen Inseln hier niederließ. Er pflanzte 752 ausländische Gehölze an. Durch die Geschosse des nahe gelegenen Tegeler Schießplatzes (seit 1948 bis voraussichtlich 2012 Flughafen Tegel) wurde es Bolle zu laut und gefährlich und er verließ die Insel zeitweilig. 1922 wurde die ,Schulfarm Scharfenberg’ - zunächst eine Sommerschule - im Wohnhaus von Bolle, als reformpädagogische Schule eingerichtet. Der Gründungsvater war der Lehrer Wilhelm Blume. Die Villa wurde 1951 abgerissen, doch haben sich einige von ihm gepflanzte Bäume erhalten.

Auf dem Gebiete der Baumkunde stand Carl Bolle, wie ihm das sein Freund Graf Schwerin, Vorsitzender der deutschen Dendrologischen Gesellschaft, wiederholt bezeugt hat, als Forscher und Praktiker unter den ersten im Vordergrunde.

Am 15. Oktober 1855 wurde Carl Bolle in die Kaiserlich Leopoldinisch-Carolinische Deutsche Akademie der Naturwissenschaftler aufgenommen. Auch wirkte er in der Deutschen Dendrologischen Gesellschaft und in der Brandenburgia, einen Heimatverein. Nach den Streitigkeiten in der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft war Bolle Mitglied der daraus sich abgegliederten Deutschen Ornithologischen Gesellschaft und wurde 1884 ihr Präsident, nachdem die beiden Gesellschaften 1875 sich wieder vereinigten.

Es gibt von ihm Artikel in Zeitschriften, aber kein größeres schriftliches Werk - sein größtes Werk war wohl das Arboretum auf Scharfenwerder. Veröffentlicht hat er im Journal für Ornithologie, in der Zeitschrift für allgemeine Erdkunde, in der Bonplandia und auch in Virchows Archivs, in dem ein Brief über die Lepra und einer über die Elephantiasis auf den Kanaren enthalten sind. Seine kleine Sammlung von Vögelbälgen, die er im Laufe des Jahres 1856 zu Stande gebracht und für das Zoologische Museum in Berlin bestimmt hatte, ging während eines heftigen Sturmes zur See verloren. Seine ausgedehnten Herbarien hat das Herbarium in BerlinDahlem vererbt erhalten.

Der Tod ereilte Carl Bolle 17. Februar 1909. Sein Grab befand sich auf dem Berliner Matthäikirchhof.

„Das beifolgende Bild von 1902 gibt Bolles wohlwollenden, dabei leicht sarkastischen Ausdruck gut wieder. Es ist auf der Rückseite von ihm bezeichnet: ,Der Überlebende eines verflossenen Jahrhunderts, 1902 Carl Bolle’“, wie es im Nachruf seines Freundes Ernst Friedel in der Brandenburgia steht.

AUTOREN

Bolle, Carl

Bemerkungen über die Vögel der canarischen Inseln; Journal für Ornithologie; 1854, S. 447 - 462

Mein zweiter Beitrag zur Vogelkunde der canarischen Inseln; Journal f. Ornithologie, V; S. 258 - 292, 305 - 351; Cassel, 1857; Nachträgliches, in Betreff der Ornis der canarischen Inseln ; Journal für Ornithologie, 1858, Heft 6, Nummer 3; S. 225 - 228 Der wilde Canarienvogel, eine Biographie ; Journal für Ornithologie, 1858, Heft 6, Nummer 2; S. 125 - 151

Die Palmen auf den canarischen Inseln; Bonplandia. Zeitschrift für die gesammte Botanik; 1854, Nr. 23, S. 270 - 277 Die Canarischen Inseln. Aus eigener Anschauung beschrieben; Zeitschrift für allgemeine Erdkunde. Neue Folge; 1861 Band X; S. 1 -33, 161 - 214; 1861 Band XI; S. 73 - 114; 1862 Band XII; S. 225 -278; 1 Karte, Berlin, 1861 - 1862

Die Scrophularien der canarischen Inseln; Verh. der K. K. zool.-bot. Ges. XI; S. 193 - 208; Wien, 1861

Bericht über den Aussatz auf den Canaren ; Virchows Archiv, Heft 22, Nummer 3 - 4, Mai 1861

Über die Lepra auf den Canaren ; Virchows Archiv, Heft 24, Nummer 3 - 4, Mai 1861

Die Standorte der Farrn auf den Canarischen Inseln; Zeitschrift für allgemeine Erdkunde; Mai 1863 S. 289 - 324; Okt. 1864 S.249 - 282; 1866, Heft 3, S. 209 - 238; 1866, Heft 4, S. 273 - 287; Berlin, 1863 -1866

Im Schatten des Piks von Teneriffa.; Ornithologisches Jahrbuch, Band I, Juli 1890, Heft 7; S. 121 - 132; 1890; Flora insularum olim Purpuraruarum, nunc Lanzarote et Fuertaventura, cum minoribus Isleta de Lobos et la Graciosa in Archipelogo canariensi; Botanische Jahrbücher für Systematik, Pflanzengeschichte und Pflanzengeographie, hgg. von A. Engler, 1891, Band 14; S. 230 - 257; Leipzig, 1892 Botanische Rückblicke auf die Inseln Lanzarote und Fuerteventura; Botanische Jahrbücher 1892, Band 16; S. 224 - 261; Leipzig, 1893

Friedel, Ernst

Nachruf auf Carl Bolle; Monatsblatt der Ges. für Heimatkunde Prov. Brandenburg, XVIII. Jg. 1909/1910; Berlin, 1910

Hartert, E.

Aus den Wanderjahren eines Naturforschers.; 329 S.; 13 Tafeln, 18 Bilder; Berlin, 1901

Koenig, A.

Ornithologische Forschungsergebnisse einer Reise nach Madeira und den canarischen Inseln; Cabanis Journ. f. Ornithologie, 38 (4. F. 18); Leipzig, 1890

Teneriffa in zoologischer Beziehung; Verh. d. niederrhein. Ges. 47, Sitzber.; S. 3 - 13, 20 - 28; Bonn, 1890

Polatzek, Johann

Ornithologische Forschungsergebnisse einer Reise nach Madeira und den canarischen Inseln; Ornithologisches Jahrbuch, 1908, S. 197; 1909, S. 1, 117, 202; Hallein

Wirtschaftliche Betrachtungen

Julius von Minutoli, preußischer Generalkonsul

Im Sommer 1851 sorgte Freiherr Julius von Minutoli sich um sein Äußeres mehr als gewohnt. Der Siebenundvierzigjährige hatte ein Rendezvous mit einer Einundzwanzigjährigen. Es war kein gewöhnliches Treffen. Es war eine Audienz von Isabella II. Königin von Spanien für den neuernannten preußischen Generalkonsul für Spanien - und auch für Portugal. „Ihre Majestät war in ihren Bewegungen sehr verbindlich und höflich, aber unruhig, scheu und verlegen. Die Unterhaltung währte, wie stets bei solchen Gelegenheiten, nur kurze Zeit; ich bin außer Stande anzugeben, ob sie spanisch, französisch oder italienisch geführt wurde“, schrieb Minutoli einige Tage später an den preußischen König. (Dieses Zitat ist aus Dorothea Minkels 1848 GEZEICHNET. DER BERLINER POLIZEIPRÄSIDENT JULIUS VON MINUTOLI; einem sehr dichten, ausführlichen Werk, aus dem auch Angaben zu Minutolis Leben entnommen sind.)

Julius von Minutoli 1804- 1860 Polizeipräsident Generalkonsul

Julius von Minutoli war bestimmt nicht scheu und verlegen vor einer Königin zu stehen. Er war mit gekrönten Häuptern aufgewachsen. Sein Vater Johann Heinrich Carl von Menu - der Name Menu wurde später in Minutoli geändert - war zur Geburt seines zweiten Sohnes Julius Rudolf Ottomar, am 30. August 1804 -nach der von D. Minkels erstmals veröffentlichten Geburtsurkunde -Lehrer am Adeligen Kadettenkorps in Berlin. Nachdem die in Preußen hochverehrte und geliebte Königin Luise 1810 starb, gab König Friedrich Wilhelm III. seinen neunjährigen Sohn Carl dem Major Menu zur Erziehung. Vater Menu zog - dem Adressenregister nach - ins königliche Palais Unter den Linden.

Frau Minkels nimmt in ihrem Werk an, dass Major Menu zahlreiche Exkursionen mit den Prinzen und seinen Söhnen in die Umgebung von Berlin zur Betrachtung der vaterländischen Altertümer und ihrer über Jahrhunderte veränderten Baustile durchführte. Sie werden die privaten und auch die königlichen Sammlungen italienischer Gemälde, römischer Skulpturen und antiker Vasen in den Schlössern gesehen haben, das eigene Antikenkabinett des Major Menu, über 1000 Stück, von ihm erklärt bekommen haben und Skizzen von Einzelheiten angefertigt haben.

Nach dem Abitur immatrikulierte sich Julius von Minutoli im Oktober 1822 an der Berliner Universität in den Fächern Jura und Kameralwissenschaften, 1824 wechselte er an die Universität Heidelberg und studierte dann wohl ab 1825 in Halle und legte das Staatsexamen ab. Er wurde 1828 in den preußischen Staatsdienst als wie üblich unbezahlter Referendar aufgenommen und nach der höheren amtlichen Staatsprüfung als Kammergerichtsassessor beim Regierungskolleg in Koblenz angestellt.

Neben dieser Tätigkeit sammelte Minutoli Material zur historischen Entwicklung des römischen Rechts auf dem linken Rheinufer, das 1831 im renommierten Jahrbuch für die preußische Gesetzgebung als Aufsatz veröffentlicht wurde. Der Oberpräsident der Provinz Posen, Eduard von Flottwell, war von dieser sorgfältigen Arbeit beeindruckt und bat das preußische Innenministerium den talentierten Regierungsassessor nach Posen zu versetzen. Zum Oktober 1832 erfolgte seine Ernennung zum Regierungsrat in der Provinz Posen zur Bearbeitung von Polizei- und Militär-Angelegenheiten.

In der Provinz Posen lebten auf 29 000 km2 im Jahr 1831 1 040 712 Einwohner (Kanarische Inseln etwa 7 500 km2, 250 000 Einwohner). Posen war bis ins 18. Jahrhundert größtenteils fester Bestandteil des Königreichs Polen. Auf dem Wiener Kongress 1815 erhielt Preußen dieses Gebiet. Knapp zwei Drittel der Einwohner waren Polnischsprachige, über ein Drittel Deutschsprachige. Nach dem gescheiterten Novemberaufstand in Kongresspolen 1830 förderte Flottwell die Entwicklung der Provinz Posen und wollte die Bauern und das schwache polnische Bürgertum durch materielle Vorteile und Bildungsmöglichkeiten gewinnen und gleichzeitig den Einfluss des polnischen Adels und der katholischen Geistlichkeit eindämmen. Dabei sollte ihm Minutoli helfen.

Und er tat es. Er gründete einen Verein nach dem anderen. 1834 einen Verschönerungsverein, um Baumschulen zu gründen, auf denen Alleebäume gezogen werden konnten. 1836 den Posener Kunstverein, 1840 einen Philharmonischen Verein, Mäßigkeitsvereine, eine Beschäftigungsanstalt für Arbeitslose. Er organisierte 1839 das erste Pferderennen in Posen, veranstaltete Kunstausstellungen, Wohltätigkeitsfeste, organisierte 1845 eine Aussprache über wirtschaftliche Fragen.

Das waren die angenehmen Seiten seines Lebens in Posen. Angenehm war auch ein Reiseauftrag des preußischen Innenministerium zum Studium der Gefängnisse, der Besserungsanstalten und ihrer Verwaltung, der ihn 1842 nach Frankreich und Algier, auch zum ersten Male nach Spanien, dann nach Portugal, England und Holland führte.

Aber noch angenehmer war ihm die Heirat mit dem 22-jährigen Fräulein Mathilde Henriette Wilhelmine Karoline Marie Auguste Freiin von Rotenhan am 22. November 1834 in Berlin, Kochstraße 60; sie hatten einen Sohn und drei Töchter.

Unangenehme Probleme kamen 1845 auf ihn zu, die er behutsam, doch mit Nachdruck löste: die Entdeckung des großen polnischen Aufstandsversuches in Posen.

Antriebe für einen Aufstand gab es genug: deutscher Nationalismus wirkte gegen polnischen, statt christlicher Nächstenliebe entzweite man sich in katholisch-protestantischer Feindschaft, Liberte und Egalite statt arm und reich war immer noch eine gut zu gebrauchende Losung und es gab Revolutionäre aus Berufung mit internationalen Verbindungen. Als Dank für die Verhinderung des Aufstandes und der Vermeidung von Blutvergießen wurde Julius von Minutoli in den Johanniter-Orden aufgenommen.

Als die Phytophthora infestans, der Erreger der Kartoffelfäule, auch in Posen einen hungrigen Winter 1846 ankündigte, gründete er noch einen Suppenverein, einen Kranken- und einen Wöchnerinnenpflegeverein. Im März darauf wurde er auf ausdrücklichen Wunsch König Friedrich Wilhelm IV. zum Polizeipräsidenten in Berlin ernannt. In Posen bedauerte man den Weggang des sozial denkenden und sozial handelnden Mannes. Er hatte Belebungen in die Provinz gebracht.

Seiner Präsidentschaft in Berlin unterstanden unmittelbar die Abteilungen der Orts-, Feuer-, Bau-, Schul-, Kriminal- und Sittenpolizei, die Gewerbeaufsicht und das Gesundheits- und Sozialwesen. Dazu hatte er etwa im Haus 30 Untergebene, 20 Polizeiräte und -kommissare in den 27 Kommissarien, 40 Sergeanten und 110 Gendarmen im Außendienst mit einer Fläche von acht Quadratmeilen und einer Bevölkerung von 400 000 Seelen. Dazu kam ein immenser Fremdenverkehr, wie es sich für eine europäische Hauptstadt gehörte.

Der Polizeipräsident unterstand nicht der Stadt Berlin, sondern dem preußischen Innenminister, darüber kam schon Friedrich Wilhelm IV., der, selbst entscheidungsschwach, den zu entschlossenen Handeln befähigten Minutoli als Sicherheit für sich, seine Familie und das preußische Königtum nach Berlin geholt hatte.

Bis zum 18. März 1848 war es nicht mehr weit.

Nachdem am 18. März vor dem Hohenzollern-Schloss in Berlin auf des Königs Untertanen geschossen wurde, waren diese nicht mehr zu beruhigen. Das Militär war auf Einsätze gegen die Bevölkerung nicht vorbereitet, was den Thronfolger Prinz Wilhelm nicht störte, sich später als Kartätschenprinz bei den Berlinern unbeliebt zu machen, später aber als König Wilhelm I. beim Volke sehr populär wurde und nach seinem Tode wollte das Volke sogar seinen ,alten Kaiser Wilhelm wieder haben’. Aber am 18. war die Lage der Truppen mehr als bedenklich, der König zog sie aus Berlin ab. Die Ordnung in Berlin war aufgelöst. Die Bürger mussten sie wieder herstellen. Bürgerbewaffnung! Durch sein besonnenes und versöhnliches Verhalten im März hatte sich Minutoli Anerkennung in weiten Kreisen der Bevölkerung erworben. Der Polizeipräsident wurde am 19. zum Führer der Bürgerwehr gewählt. Als Anfang April das Militär wieder nach Berlin zurückkehrte, wurde es von den Berlinern und ihrer Bürgerwehr festlich empfangen. Minutoli hatte einen Teil seiner schwierigen Aufgabe, zwischen Königtum und den Aufständischen zu vermitteln, erfüllt und legte am 4. April sein Kommando der Bürgerwehr nieder.

In Berlin sammelten sich immer mehr Menschen, die den Aufruhr von einem berlinischen zu einer preußischen und deutschen Revolution machten wollten. In Berlin wurde das preußische Königtum angegriffen und verteidigt. Die sozialen Missstände wollten weder das Militär mit Prinz Wilhelm an der Spitze noch die von der Königin unterstützte konservative Hofpartei beenden. Man wollte wieder scharf durchgreifen. Der sozial handelnde Vermittler sollte weg.

Man ließ ihn wissen, sein Vertrauen nicht mehr zu haben. Auf seinen wiederholten Antrag entband ihn König Friedrich Wilhelm IV. am 27. Juni 1848 von seinem Amte als Polizeipräsident von Berlin.

Das war die merkwürdige Karriere eines Polizeipräsidenten, der von der Revolution nicht gehenkt wurde, sondern durch seine Vermittlung sowohl dem Volke als auch dem Könige diente und sich allseitig Achtung verschaffte. Dann aber wurde er außer Landes geschickt und zurückkehrend blieb er ohne Anstellung. Wer die Gründe dafür suchen will, wird sie bei dem missgünstigem preußischen Generalsadel finden.

Erst am 3. März 1851 geruhte seine Majestät König Friedrich Wilhelm ihn wieder anzustellen, weit weg, als Generalkonsul in Spanien und Portugal. Minutoli hatte in diesen Ländern die Konsuln zu betreuen, weitere Kaufleute für dieses Ehrenamt gewinnen und sie mit den erforderlichen Informationen über den Handel in Spanien, Portugal und im Gebiet des Deutschen Zollvereins versorgen. Dazu musste er viel herum reisen, um Land und Leute kennen zu lernen. Was er sehr gerne tat.

Seine Erfahrungen hielt er in SPANIEN UND SEINE FORTSCHREITENDE ENTWICKLUNG MIT BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG DES JAHRES 1851 fest, das schon 1852 in Berlin erschien, der Königin Isabell II. gewidmet. Dieses Werk enthält eine statistische Übersicht, die spanische Verfassung von 1845, Beschreibungen der Ministerien - ein Nachschlagwerk für deutsche Kaufleute.

Seine nicht amtlichen Eindrücke und archivalische Funde hielt er in ALTES UND NEUES AUS SPANIEN, 1854 in Berlin in zwei Bänden, fest - ohne Widmung. Darin über Wirtshäuser in Spanien, Markgraf Johann von Brandenburg, den Königsmörder Merino und eine namentliche Auflistung der über 30 spanischen Ministerpräsidenten von 1833 bis 1853.

Über die Kanarischen Inseln erschien in Berlin 1854 ein gesondertes Werk: DIE CANARISCHEN INSELN, IHRE VERGANGENHEIT UND ZUKUNFT.

Im Vorwort legt der ehemalige Polizeipräsident seine Grundhaltung zu den gesellschaftlichen Fragen seiner Zeit dar: „Möge nur eine wohlwollende und weise Regierung sich niemals über die in den obwaltenden Verhältnissen liegenden Übelstände täuschen. Möge sie nie vergessen, daß zu den Fragen des Jahrhunderts auch die sociale gehört und daß man jeder Erscheinung auf der Welt ihr gewisses Recht einräumen muß... Wahre sich die Regierung, daß es nicht zu einem Versuche der gewaltsamen Lösung komme, denn ein solcher muß notgedrungen durch gewaltsame, vernichtende Mittel unterdrückt und beseitigt werden.“ Seine Grundhaltung veranschaulicht er dann an vielen Erlebnissen und Erfahrungen auf den einzelnen Inseln.

Nach den allgemeinen statistischen Angaben über die Inseln, der Geschichte ihrer Eroberung, den Sitten und Gebräuchen der Urbewohner schildert er die Bodenkultur und die Bevölkerungsverhältnisse. „Die Bodencultur der canarischen Inseln wird durch das dortige Klima vorzugsweise begünstigt.“ Ausführlich beschreibt er den Anbau von Mais, Weizen, Roggen, Gerste, Alpiste, Gemüse, Kartoffeln, Erdbirnen, Kohl, Zwiebeln, Barilla, Nopal, Wein, Oliven, Mandeln, Pinien, Feigen, Palmen, Fruchtbäumen und die dazu erforderlichen Anlagen zur Bewässerung: „Wiewohl wir gesehen, wie kostbar das Wasser in den Canarien ist und verwertet wird, wie viele Bewässerungs- und Berieselungsanlagen für die Bodenkultur vorhanden sein, angelegt und unumgänglich unterhalten werden müssen, so bleibt doch in der Nivellierung und Regulierung dieser Anlagen, um daraus vollen Nutzen zu ziehen, noch viel zu wünschen übrig und es erscheint noch große Tätigkeit unerläßlich, sei es um noch unfruchtbar liegende Strecken in Kultur zu setzen, sei es um das Wasser ökonomischer und zweckmäßiger zu verteilen und endlich um neue Wasseradern aufzusuchen und Reservoire und Zisternen anzulegen.“ Und dennoch gab es nicht ausreichend Nahrungsmittel. „In armen Gegenden oder in schlechten Jahren wird das Mehl zum Gofio mit dem Mehle von gerösteten Farrenkrautwurzeln, oder mit dem Samen der Barilla und des dem letzteren verwandten Cosco gemischt... Häufig mussten die Bewohner ihre Zuflucht zu Brot nehmen, aus Roggenmehl und Farrenkrautwurzeln gemischt.“

Die „überhand nehmende Verarmung und Elend“ ward Veranlassung der spanischen Regierung „Versuche zu entsprechenden Veränderungen und Verbesserungen eintreten zu lassen... Da die vorhandenen Übel jedoch nicht allein in dem materiellen Leiden der Inselbewohner ihren Grund hatten, sondern auch in der geistigen und religiösen Erniedrigung und Verwahrlosung der Bevölkerung zu suchen waren, so vereinigten sich die weltlichen mit den geistlichen Oberbehörden, um über die zweckmäßigsten Mittel zur Abhilfe und Besserung der obwaltenden Verhältnisse nachzudenken und gemeinschaftlich oder gleichzeitig zu handeln.“ Minutoli gibt eine Darstellung des Bildungswesens. „Das Schulwesen auf den Canarien läßt noch sehr vieles zu wünschen übrig. Ein Schulzwang besteht nach den spanischen Gesetzen nicht.“ In Las Palmas besuchte er das neu eröffnete Priester-Seminar zur Heranbildung eines neuen Priesterstandes unter der Leitung der Jesuiten. Und es kamen ihm Zweifel: „. allein wenn man von den Schülern auf die Lehrer zurückblickt, wenn man von der Denk- und Handlungsweise dieser auf jene zurückzuschließen berechtigt ist, ... so muß man einem Jeden gestatten, über die Konsequenzen der fraglichen Maßregel seine eignen Gedanken zu hegen und daran die Besorgnis zu knüpften, daß der neuherangebildete Einfluß der anzustellenden Priester von der Kanzel herab sich nicht auf das Seelenheil und den Unterricht der Pfarrkinder, sich nicht auf die Familien beschränken, sondern je nach den eintretenden Verhältnissen und Umständen sich auch weiter auf Regierung und Thron erstrecken dürfte.“

„’Die jüngsten Schüler sind uns entschieden die liebsten’ sagte der Superior, sich freundlich blinzelnd die Hände reibend. ,Sie glauben nicht, wie weich und empfänglich das kindliche Gemüt und das kindliche Alter überhaupt ist und sich hingibt, ähnlich dem weichen und geschmeidigen Modellierton, der sich unter der Hand des Bildners nach allen Richtungen, zu allen Gestalten, drehen, formen und diese wiederum, wenn es sein soll, vernichten läßt.’“

Erwähnenswert fand Minutoli auch die Geschichte der Universität in Laguna: 1817 gegründet, 1823 suspendiert, 1825 wieder eröffnet, 1830 mit sämtlichen Landes-Universitäten wieder geschlossen, 1834 zum dritten Male eröffnet und 1845 definitiv aufgelöst. (1927 wurde die Universität wieder eingerichtet.)

Das Gesetz vom 17. März 1852 zur Trennung der Zivil-Verwaltung der Kanaren bringt er im Wortlauf in deutscher Übersetzung und wendet sich dann auch den Kommunal-Anstalten zu.

„Wenn im Allgemeinen der Umfang und die Ausstattung der Communal-Anstalten zunächst durch die Mittel der Gemeinde bedingt und da, wo solche beschränkt sind, oder nach den bestehenden Lokalverhältnissen fast ausschließlich nach bestimmten Richtungen hin verwendet werden müssen - nicht mehr als das Notdürftige erwartet werden kann, so ist doch andererseits zur zweckmäßigen Verwendung des Gemeinde-Vermögens oder zur Beschaffung außerordentlicher und freiwilliger Beiträge und Opfer, Gemeinsinn, Talent, Energie und Ausdauer notwendig, um seiten des Magistrates dasjenige zu beschaffen oder herzustellen, was den Anforderungen des Orts und der Zeit entspricht.

In dieser Beziehung tritt auf den canarischen Inseln eine im Allgemeinen nicht zu verkennende Lauheit und ein Mangel an Gemeinsinn zur Förderung gemeinnütziger Unternehmungen störend und unangenehm entgegen. Hat diese Gleichgültigkeit auch wesentlich in den hohen landesherrlichen Abgaben, in dem Mißverhältnisse der Besteuerung überhaupt ihren Grund, so liegt der Mangel an Willfährigkeit andererseits auch in dem Egoismus und dem Neide einzelner Communen und Inseln, welche lieber auf Vorteile und Bevorzugungen selbst verzichten, als dazu beitragen wollen, daß solche gleichzeitig ihren Nachbarstädten und Inseln zu Teil werden. Es ist dieser Mangel an Einigkeit trotz der Einheit der Interessen auf den Canarien sprichwörtlich geworden. Eine jede Insel möchte die erste, wichtigste, reichste und bevorzugteste des Archipelagus sein; eine jede von ihnen beneidet die übrigen in ihren Fortschritten und den dadurch erreichten Vorteilen und wenn solche auch nur dem Fleiße und der Anstrengung der Beteiligten zuzuschreiben sind. Auf jeder einzelnen Insel besteht nicht ein Wettstreit, aber eine Eifersucht und Bitterkeit zwischen den Hauptorten im Innern und den Hafenpunkten über die Wichtigkeit, Wohlhabenheit und Bevorzugung der einen vor den andern; und diese Eigentümlichkeit geht in ihrer Konsequenz so weit, daß man behauptet, es gebe auf den Canarien keine Insel und auf den Inseln keine Stadt und in den Städten keinen Grundbesitzer der nicht mit seinen Nachbarn in mindestens einem Prozesse verwickelt wäre.“

Bei dem Mangel an Gemeinsinn wird Minutoli an seine Zeit in Posen gedacht haben, an seine Vereinsgründungen.

„Was die Industrie auf den canarischen Inseln anbelangt, so kann der Stand derselben im allgemeinen nicht befriedigen. Der Kunstfleiß ist gering. Es fehlt an Speculationsgeist, Talent und Erfahrung.“ Er empfiehlt, „die unter ihrem schönen Himmel gedeihenden mannigfachen Naturprodukte in der den Lokalverhältnissen entsprechenden Weise zu verwerten“ und gibt dazu an den Wein, die Seide, Südfrüchte, Mandeln und die Fischerei, als eines Industriezweiges, „welcher in seiner eigentlichen Bedeutung bisher noch nicht richtig erkannt und ausgebeutet, sondern leider in hohem Grade vernachlässigt ward“.

Der preußische Generalkonsul für Spanien wusste aus Erfahrung - 1834 wurde der Deutsche Zollverein gegründet - dass durch den Wegfall von Zöllen der Handel und der Verkehr gefördert werden. Durch ihre abgelegene Lage waren die Kanaren auf Schiffsverkehr angewiesen. So zitiert er auch das Gesetz vom 11. Juli 1852, durch welches die Häfen der kanarischen Inseln zu Freihäfen erklärt wurden und hofft: „Es ist inzwischen ein Jahr vergangen und wenn es auch längerer Zeit bedarf, um sich ein umfassendes Urteil über die fortschreitende Entwickelung eines ausgedehnteren Handelsverkehrs und darüber zu bilden, ob die erwarteten Vorteile eingetreten sind oder eintreten werden; worin dieselben eigentlich bestehen und wenn solche zunächst zu statten kommen - so muß man einstweilen die vorhandenen Tatsachen entgegen nehmen und das Weitere der Zukunft anheim stellen.“

Danach lässt Minutoli noch drei Kapitel folgen, zwei schwierige: ,Die Gründe der Verarmung und Entvölkerung’, ,Maßregeln der Regierung zur Förderung des Wohlstandes der canarischen Inseln und seine Beurteilung dieser Maßregeln’ und ein weinseliges: ,Schluß’.

Es fällt ihm schwer: „Mit einem Gefühl der Wehmut geht der Verfasser zu dem Inhalte dieses Abschnittes über. Die Extreme berühren sich vielfach im Leben.“ Und man liest nicht leicht über diese Zeilen: „Das Schicksalsbuch läßt Menschen im Überfluß leben und andere in der Not verkommen. Ist es aber eine Ironie des Weltschicksals, oder sind es warnende Fingerzeige von oben - wenn der Reichtum sich neben dem Elende, wenn der Überfluß sich neben der äußersten Entbehrung bettet, wenn an den Palast sich die Erdhütte anlehnt? Geht nicht so schnell und gleichgültig bei dem Unglücklichen vorüber! Beruhigt Euch nicht mit dem Gedanken, daß ihr ja an seinem Elende nicht schuldig seit! Disputiert euch nicht vor, daß andere berufen seien, der Armut unter die Arme zu greifen und rühmt Euch nicht der Pfennige, die ihr dem Bettler mißmutig hinwerft! Es gibt viele Unwürdige; aber der Hunger tut weh und Bitten wird vielen schwer; und wir haben immer noch genug um Elenden abgeben zu können und wir sind berufen, wir alle ohne Unterschied, ein jeder in seiner Weise, um darüber nachzudenken und dazu beizutragen, die Not des Einzelnen zu lindern und die Lage ganzer notleidender Klassen, je nach unseren Mitteln und Kräften bessern zu helfen.“

„Man kann es nur aufrichtig beklagen, wenn die vernachlässigte Volkserziehung viele Begriffe unentwickelt und unklar gelassen und den Glauben an Hexen und böse Geister bewahrt hat. Gegen den bösen Blick vergräbt man noch heute Bockshörner an Weinbergen; hängt den Pferden Amulette an die Stirnriemen, oder zieht die Beinkleider verkehrt an. Auf den Jahrmärkten kann man immer noch solche Amulette öffentlich kaufen und jede Ortschaft hat ihren Animero oder Geisterbanner.“

Als weiteren Grund für die Verarmung der Bevölkerung nennt er den Tagelohn, der in Naturalien entrichtet wird, in barem Geld nur ausnahmsweise auf den Lande. Auf Fuerteventura hatte er einen überaus reichen Gutsbesitzer kennen gelernt: „’Diese [Arbeiter] verlangen mehr, als ich zu geben gewohnt bin und dabei verlangen sie noch einen Teil des Tagelohn in barem Gelde’. ,Nun’, sagte ich, ,das scheint mir nicht ganz so unbillig; da der Tagelohn so äußerst gering, das Getreide billig und den Palmaer Arbeiter die Verwertung des Lohngetreides nur mit Opfern möglich sein wird. Übrigens steht ja die geringe Mehrausgabe auch in gar keinem Verhältnisse mit dem Werte der nach der Arbeit zu erwartenden Cochenille-Ernte’. ,Das weiß ich sehr wohl’, erwiderte er. ,Aber das ist mir ganz gleichgültig. Ich gebe nicht mehr und ich bezahle nicht anders, als mein Vater und Großvater getan. Und ehe daß ich einen Cuarto (ein Dreier) zum Tagelohn zulege, oder bar zahle, mag die ganze große schöne Cactusplantage unbenutzt bleiben. Ich kann es aushalten.’“

Und noch einen Grund: „Der Grundbesitz auf den canarischen Inseln ist mit geringen Ausnahmen unter dem Adel der Provinz geteilt... Verpachtungen kleiner Parzellen finden am häufigsten statt. Sie werden immer nur auf einige Jahre geschlossen... Die Medianeros oder Halbmeier sind im Grunde nichts als Knechte und es ist dafür gesorgt, daß die Pachtbedingungen so lästig sind und ihnen nebenbei durch den Verpächter oder vielmehr dessen Unterbeamte so willkürliche und drückende Verpflichtungen auferlegt werden, daß sie sich auf die Dauer nicht erhalten können und nur die Zahl der Notleidenden und Auswanderer vermehren. In guten Jahren können diese Familien bestehen. Die guten Jahre gehören aber auf den Canarien, mindestens auf den östlich belegenen Inseln, zu den Ausnahmen; und da in schlechten Jahren dem Pächter gar nichts bleibt, nicht einmal das Notwendigste zum mageren Leben und zur neuen Saat, so muß er dann entweder mit Weib und Kind den Hof verlassen, oder er macht noch einen eben so bedenklichen Versuch, durch Entnehmen von Vorschüssen seinen unfehlbaren Ruin vorzubereiten. Die kurze Pachtzeit; der häufige Wechsel der Pächter; die wegen Mangel an hinreichender Düngung auch nun unvollkommene Bestellung des Ackers; das Unbestelltbleiben vieler Parzellen, alles dies wirkt natürlich auf Bodencultur und Rente nachteilig - während gleichzeitig die Pächter darüber zu Grunde gehen.“

Zum Gesetz zur Förderung eines freieren Handelsverkehrs vom Juli 1852 lagen Minutoli „über den Schiffsverkehr, über den Wert der Importation und über den Tabaks-Consume im Hafen von Santa Cruz de Tenerifa bis zum 10. Oktober 1853 amtliche Notizen vor“, die eine Steigerung des Schiffsverkehrs nachwiesen.

„Die von der Regierung angeordneten und eingeleiteten Maßregeln zur Belebung des Ackerbaues und der Industrie, wie solche oben angeführt sind, werden sich als sehr zweckmäßig bewähren. Insbesondere steht in der überhand nehmenden Cochenillezucht und Fischerei eine Quelle bedeutender Einnahmen den Inseln zu Gebot und hierdurch wird ein bedeutender Verkehr mit dem Auslande unterhalten werden... Weniger kann bei der Lage der Dinge von der Besserung und Ausdehnung der Communal-Anstalten erwartet werden, so lange die Armut der Gemeinde und Überbürdung mit Abgaben einen scheinbar gegründeten Vorwand zur Aufrechthaltung des jetzigen Standes der Dinge abgeben werden... Ähnlich gestaltet es sich mit dem Bestreben, der geistigen Verarmung und dem sittlichen Verfall durch die Heranbildung eines tüchtigen Priesterstandes entgegen zu wirken.“

„Zu den im Übrigen zur Beförderung eines freieren Verkehrs beitragenden Mitteln, gehört die größere Frequenz von Reisenden, welche teils aus Interesse für die Naturschönheiten und Naturwissenschaften, teil aus Gesundheitsrücksichten, teils zur Anknüpfung von irgend welchen Verbindungen, die Inseln mittelst der erleichterten Kommunikationsmittel besuchen.“

„Trotz solcher vielleicht verbreiteten Ansichten, darf man die Hoffnung auf Erfolg nicht aufgeben. Wenn bei den reichen Grundbesitzern die Überzeugung immer mehr werktätig werden muß, daß ihr eigener Vorteil mit dem materiellen Wohlbefinden und mit dem guten sittlichen Zustande ihrer Arbeiter wesentlich verknüpft ist, wenn die Regierung den Gegenstand von der richtigen Seite aufzufassen und mit der notwendigen Geschicklichkeit und Nachdruck durchzuführen weiß; denn ich wünsche nur, daß es ihr klar werde, wie der gegenwärtige Zustand ein unbilliger und unhaltbarer ist, wie ohne seine Abhülfe die erwarteten Resultate nicht allein nicht zu erreichen, sondern in ihrer Allgemeinheit ganz unmöglich sind.“

Zum Schluss seines Werkes: „Es war ursprünglich meine Absicht auf einigen Bogen ein Kapitel einzuschalten, ausschließlich bestimmt, um meinen Lesern eine Schilderung der über alle Beschreibung hinausreichenden, unendlich schönen, ich möchte sagen, paradiesischen Natur zu geben und in der Schilderung die Einfachheit, Herzlichkeit und gewiß nirgends übertroffene Gastfreiheit der Bewohner der canarischen Inseln zu verweben... Allein ich mußte mir sagen, daß der Stoff zu mächtig ist.“ Minutoli beschränkt sich dann darauf, zu beschreiben, was er beschreiben wollte.

In DIE CANARISCHEN INSELN, IHRE VERGANGENHEIT UND ZUKUNFT gibt Minutoli für seinen Aufenthalt dort das Jahr 1853 an. Er besuchte La Palma, auf der er viel Elend sah, „häufig müssen die Bewohner ihre Zuflucht zu Brot nehmen, das aus Roggenmehl und Farrenkrautwurzeln gemischt ist“.

Teneriffa: Der ganze gegen Norden und Westen belegene Teil besitzt einen Überfluß an Wasser, fördert die reichlichsten und edelsten Früchte, Pflanzen, Weine und Bäume... Auf dieser Insel haben sich Waldungen erhalten, welche als Eigentum der Gemeinden mehr forstwirtschaftlich behandelt werden müßten. Leider sind aber Bäume edler Art, welche früher in großer Menge auf der Insel vorhanden waren, wie Cedern und Palmen, canarische Fichten und Drachenbäume, fast gänzlich verschwunden.

Gran Canaria: Wald- und Gebirgslandschaften habe ich in reicher Auswahl in meiner Mappe gesammelt. Das Hauptblatt ist das Doramas-Gebirge und der schönste Punkt da oben - die Hacienda der Generalin Morales, gegenüber Moya. Eine entzückend schöne Besitzung. Die würdige und ausgezeichnete Dame hatte mich in liebenswürdigster Weise bestimmt, auf meinen Exkursionen ihr Sommerpalais im Gebirge auf einige Tage zu besuchen.

Fuerteventura: Auf dieser Insel, wo die Bewässerung nur mittelst solcher Bebedores und einiger wenigen gegrabenen Brunnen möglich ist, aus denen in Ermangelung von Pumpen und andrer mechanischer Hilfsmittel das Wasser mit der Hand herauf gezogen werden muß, würden Wasserleitungen, Reservoire und Ziehbrunnen sich als sehr zweckmäßig bewähren.

Lanzarote: Der Mangel an Wasser ist aber noch größer. Eine Reihe von Notjahren haben auch zur Entvölkerung und Entmutigung der Bewohner so sehr beigetragen, daß die Fortschritte immer verhältnismäßig gering sind.

Ob er auf Gomera und Hierro war, lässt sich aus seinen Angaben nicht feststellen.

Gomera: Das Terrain ist bergig. Die Waldungen gehören den Gemeinden. An Wasser ist ein großer Überfluß, jedoch sind die Wasserläufe meistens im Privatbesitz und deshalb die Bewässerungsanlagen mangelhaft und oft die benachbarten Grundstücke benachteiligend.

Hierro: Es fehlt dieser Insel, welche zusammt Gomera großenteils zu den Besitzungen des Marquis Belgida San Juan gehört, ganz an fließendem Wasser und Zisternen-Wasser allein gibt den Bedarf für Menschen und Vieh. Kaum der vierte Teil der Insel befindet sich in noch dazu mangelhaftem Kulturzustande. Ein Dritteil besteht aus Heide und Busch, der Rest aus unfruchtbaren Gebirgen und Schluchten. Gute Erde, aus Schlacken und Lavaasche bestehend, ist nur in geringer Menge vorhanden. Wenn es ab und zu regnet, gedeihen Cerealien, Gemüse und Baumfrüchte gut. Die Trauben von Hierro sind die vorzüglichsten auf den Canarien. Die Ackergerätschaften befinden sich in der allerersten Kindheit und die Stiere tragen nicht einmal ein Joch, sondern ziehen mit der Brust an zerlumpten Strickgeschirren den alten römischen Pflug.

1858 hielt Minutoli den Aufbau der preußischen Handelsmissionen für abgeschlossen und kehrte nach Berlin zurück um es auf königlichem Extrawunsch wieder nach Persien verlassen zu müssen. Ende 1859 reiste er als Ministerresident mit seiner Begleitung nach Teheran. Am 10. Mai 1860 wurde er vom Schah von Persien empfangen.

Am 5. November 1860 starb Freiherr Julius von Minutoli auf einer Inspektionsreise in der Nähe von Schiraz.

Malvasier - Die Legende

Den Wein erwähnen fast alle Deutschen in ihren Schriften über die Kanarischen Inseln - Anbau, Produktion, Arten, Handel, Geschmack, Trinksitten.