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AM GRUNDE DER SCHLACHT VON HASTINGS LIEGT EIN VERBRECHEN AN ZWEI KLEINEN KINDERN. England im elften Jahrhundert: Während der mächtigste Mann im Kronrat, Earl Godwin von Wessex, sich mit den Normannen herumschlägt, die im Gefolge des neuen Königs Edward auf die Insel gekommen sind, wachsen seine Kinder zu gekrönten Häuptern, aber auch zu Mördern und Verrätern heran. Als sich die Spannungen in einem Aufstand entladen, ahnt Godwin nicht, dass damit auch der Grundstein für die Schlacht von Hastings gelegt wird. Und jedem der Godwin-Kinder hatte das Schicksal eine Rolle zugedacht in diesem epischen, tragischen Sturz des angelsächsischen Königreichs.
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Seitenzahl: 1097
Veröffentlichungsjahr: 2022
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FelicitasDietrich
DieKinder
Impressum:
1.Auflage
DeutscheErstausgabeMärz2022
©2022FelicitasDietrich
Umschlagabbildungen:Detailsausdem„TeppichvonBayeux“,11.Jahrhundert.Nutzungder Fotografien mit freundlicher Genehmigung der Stadt Bayeux.
WiedergabedesaltenglischenVaterunsersaus:Wikipedia,„Altenglisch“, https://de.wikipedia.org/wiki/Altenglisch (per 8. Februar 2022).
WeitergabelizensiertunterderCreative-Commons-Lizenz„Namensnennung–Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international“.
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de (per8.Februar2022).
AlleRechtevorbehalten.
KonzeptionundUmschlaggestaltung:DeborahKlein
Lektorat und Korrektorat: Stephanie Schilling
Buchsatz: BookDesigns, Heidesee
BibliografischeInformationder
DIEWICHTIGSTENHISTORISCHENPERSONEN:
Aelfgar,SohnvonLeofric
BjörnEstrithson,VetterderGodwinsonsundBrudervonSven,demdänischenKönig
Copsi, ein Thegn aus Northumbria und Vertrauter von Tostig
Eadgifu,ÄbtissinvonLeominster
Ealdgyth, Tochter von Aelfgar
Ealdred, Abt von Tavistock
Edgar„Aetheling“,SohnvonEduard
Edith Godwinsdatter
EdithSwan-Neck
Eduard„Aetheling“,SohnvonKönigEdmundIronside
Edward, König von England (später „der Bekenner“)
Edwin, Sohn von Aelfgar
Emma von der Normandie, Königin von England, zweite Frau von Knut, davor Frau von Aethelred
EustachiusvonBoulogne,SchwagervonKönigEdward
Godgifu/Godiva, Gemahlin von Leofric von Mercia
Godwin Wulfnothson, Earl of Wessex
GruffydapLlewellyn,KönigvonGwynedd
Gruffyd ap Rhydderch, König von Powys
Guy de Ponthieu
GyrthGodwinson
Gytha,FrauvonEarlGodwin
Harald„Hasenfuß“,SohnvonKnutundAelfgifu
Harald Hardrada, König von Norwegen Hardaknut, Sohn von Knut und Emma
HaroldGodwinson
JudithvonFlandern,HalbschwestervonBaldwinV.
Knut,KönigvonEnglandunddesskandinavischenGroßreichs
Leofric, Earl of Mercia
Leofwine Godwinson
Magnus,KönigvonNorwegen
Morcar, Sohn von Aelfgar
Odda von Deerhurst, Gefolgsmann von König Knut
Odo,BischofvonBayeuxundHalbbrudervonWilliam
Ralph vom Vexin, Neffe von König Edward
RobertChampart, Abt von Jumièges
RobertfitzWimarch,VerwandtervonKönigEdward
Siward, Earl of Northumbria
Stigand, Hofgeistlicher und Hauskaplan von Königin Emma
Sven Estrithson, König von Dänemark
SvenGodwinson
Tofig,derStolze,GefolgsmannvonKönigKnut
Tostig Godwinson
ToviWidenesci,AnführerderHousecarlsaufGodwins/HaroldsHof
William, Herzog der Normandie
WulfnothGodwinson
ALLEFIKTIVENPERSONEN:
Aelfwold, der Müller
Agatha,FrauvonHereward
Alwin, Shire-Reeve von Reading
Brennan, ein Barde auf Godwins Hof
Eadric, Sohn von Richard und Moira
Ethil, Shire-Reeve von Reading
Gilbert, Sekretär von Robert Champart
Giles Montague
HenrydeBrus
Hereward,ThegnvonAshford
Hrothgar, Anführer der Housecarls auf Godwins Hof
Hywel,einVertrautervonKönigGruffydapLlewellyn
Ilda, ein Mädchen auf dem Hof von Henry
IsabelladeBrus
Leon Norville
LeonoradeBrus
Lufu, Ediths Kindermädchen
Moira, dieNichtedesMüllers
Oswin „Pferdegesicht“, Gefolgsmann von Sven
Pater Corwyn
RicharddeBrus
Tidulf, Kollege von Eadric
Wiglaf,EigentümerderWerkstatt
Wulf,AnführerderHousecarlsauf
Aetheling
Kronprinz,Blutserbe
Danegeld
Sonderzahlung, mittels derer sich die Angelsachsen seit dem Jahr 991 Frieden vor den fortgesetzten Dänenüberfällen erkauften.
Danelag
Der von den Wikingern besetzte Ostteil der Insel, in dem dänisches Recht galt. Die HerrschaftsteilungwurdeimJahre886vereinbart,dieGrenzeverliefetwaentlangeiner Linie London – Chester.
Earl/Earldoms
Entstanden während der Herrschaftszeit Knuts des Großen. Bedingt durch die Größe seines Reiches war König Knut des Öfteren in anderen Landesteilen oder auf See. Während seiner Abwesenheit wurde die Regierungsgewalt von einem der vier Earls ausgeübt, deren Earldoms viele Grafschaften (Shires) umfassten und die vom König eingesetzt worden waren.
Fyrd
DasaufWeisungdesKönigsoderdesEarlszusammengerufeneHeer.EsfochtzuLand oder zur See und bestand aus nichtausgebildeten Männern, deren Unterhalt von den Hides (s.u.) übernommen werden musste. Der Fyrd konnte nur für eine gewisse Zeit einberufen werden. Wer sich dem Heer freiwillig anschloss, durfte auch wieder gehen, ohne dass dies Desertion gewesen wäre.
Hide/Hufe
(vonangels.Higig,Hiwed,Hid–Haushalte)
Housecarls
Die ständige Schutztruppe eines Königs oder Earls. In Friedenszeiten versahen sie Wach- und Geleitdienste. Im Kriegsfall waren sie die Leibgarde des Königs. Es wurde von ihnen erwartet, bis zum letzten Mann für ihren Herrn zu kämpfen.
Lord
(vonHlavord–derdieBrotlaibeverwaltet)
DieBezeichnungLordistnichtmitdemheuteüblichenAdelstitelzuverwechseln.Sofern sie überhaupt schon gebräuchlich war, bezeichnete sie den Mann, der Schutzherr und Gebieter über das ihm anvertraute Land und seine Bewohner war. Ihm leistete manzunächstalleDienste,arbeiteteaufseinenFeldern,zahltealleAbgabenanihnund war ihm Gehorsam schuldig.
Pallium
EinweißerSchalausWolle,mitpurpurfarbenenKreuzenbestickt.Erwurdenurdurch den Papst verliehen und symbolisierte die erzbischöfliche Autorität.
Shire-Reeve/Sheriff
(vonshire–dieGrafschaftundreeve–Amtmann)
Der Shire-Reeve oder Sheriff war der Sachwalter des Königs in dessen Ländereien. Er sorgte dafür, dass des Königs Wille durchgesetzt wurde, nahm die Steuern ein und saß zusammen mit dem Earl oder dem Bischof im sogenannten Shire-Court zu Gericht.Er leitete Klagen an den König weiter und war für die Durchführung der Urteile verantwortlich. Der Sheriff unterstand nur dem König. Earls oder Bischöfe waren ihm gegenüber nicht weisungsbefugt.
Thegn
Ursprünglich der Stammesfürst, war der Thegn des 11. Jahrhunderts der kleine Landeigentümer und Herr über die Krieger dieses Landes. Er war das Bindeglied zwischen demVolkunddemEarlbzw.demSheriff.EsgabThegns,denenbiszusiebzigDörfer gehörten, andere waren teilweise oder auch ganz vom König abhängig. Viele Thegns trieben Handel, ganz im Gegensatz zu den normannischen Rittern, die von einem solchen Tun niemals auch nur geträumt hätten. Auch ein Händler, der dreimal auf eigene Kosten und Risiko das Meer überquerte, hatte das Anrecht auf Titel und Privilegien eines Thegn.
Witenagemot
(Wita–jemand,derweiß;Gemotvonmot,altnordisch–Zusammenkunft)
Ein Witan war jemand, der in irgendeiner Form ein öffentliches Amt bekleidete und dem zugestanden wurde, Recht und Tradition zu kennen. Durch seine Anwesenheit beim Witenagemot konnte er den König beraten und gleichzeitig bezeugen, dass die gefällte Entscheidung Recht und Tradition entsprach und damit gültig war. Je mehrdie zu treffende Entscheidung die Nation beeinflusste, desto repräsentativer war idealerweise dieZusammensetzung solcher Gemots. EingroßesWitenagemot bestandaus dem König, der Königin, den beiden Erzbischöfen, vielen Bischöfen – manchmal die HälfteallerBischöfevonEngland,odersogaralle–einerAnzahlÄbtevongroßenund kleinerenKlöstern,manchmaldieköniglichenKaplanesowieeinPriester,Diakonoder Mönch aus der Nachbarschaft des Versammlungsortes. Die weltliche Gruppe setzte sich aus einem Teil der Earls, manchmal allen, zwischen fünf und fünfundzwanzig Thegns, einigen Sheriffs und den Mitgliedern des königlichen Haushalts wie Steward oder Chamberlain zusammen. Ein kleinerer Witenagemot hatte die gleiche Zusammensetzung, bestand aber aus weniger Personen. Der König musste jedoch nicht alle Witan konsultieren, um eine Entscheidung zu fällen. Er entschied, wen er fragte, und das konnten alle, ein paar oder auch keiner sein. Um eine Entscheidung zu fällen, war dieSachemaßgeblich,nichtdieAnzahlderEntscheidenden.EinWitenagemotwaralso jede Gelegenheit, bei der der Rat, die Zustimmung, die Zeugnisbereitschaft oder die GenehmigungderGroßendesLandesangebotenwurde.DerKönigkonntediejenigen befragen, die gerade bei ihm waren oder die er ad hoc zusammenrief, weil er ihren Rat wünschteodereresfürnotwendighielt,siezubefragen.(vergl.
DerjungeMannsaßaneinemderwenigenLagerfeuerundstarrteindieFlammen. Er war ärmlich gekleidet, doch er war ein freier Mann, der Waffen tragen durfte. Tragen musste. Seine Hände schwitzten, er war starr vor Angst.
Sein Thegn, der Anführer der Männer aus seinem Dorf, hatte ihm schon den ganzen Tag zugesetzt. Er hatte ihn angeherrscht, ihn verspottet und versucht, ihn bei der Ehre zu packen, doch nichts half. Nun ließ er ihn einfach am Feuer sitzen, und der Jüngling war froh, ignoriert zu werden. Die anderen Männer am Lagerfeuer führten das Wort. Wie in den Lagern rundum bestätigten sie sich gegenseitig, wie mutig und stark sie waren, und sie prahlten, wie sie morgen in der Schlacht den Feind niedermachen würden. Doch er fühlte sich wie der einsamste Mensch auf der Welt. Das etwa achttausendMannstarkeHeer,welcheskaumeinenhalbenTagesmarschvomKüstenstädtchenHastingsentferntaufdemHügellagerte,undvondemereinTeilwar,nahm er nicht wahr.
Da trat ein hochgewachsener Mann ans Feuer. Er trug einen senfgelben Umhang über einer dunkelroten Tunika, sein blondes Haar fiel bis auf die Schultern herab. Er hatte den Jungen aus dem Dunkeln heraus beobachtet und seine Angst erkannt.
Der Thegn sah den Mann, stand auf und verbeugte sich. Dann trat er dem Jungen in die Seite.
„Steh auf! Dasist deinKönig!“
DerMannhobabwehrenddieHand,danndrückteerdenJüngeren,dersichschon halb erhoben hatte, wieder auf den Boden und ließ sich neben ihm nieder. Dass der König sich neben ihn gesetzt hatte, riss den Jüngling aus seiner Lethargie. Er starrte denÄlterenan.DerhieltdieHändeansFeuerundwärmtesich.DieOktobernachtwar kühl. Schließlich ließ er die Hände sinken und sah den jungen Mann an.
„Wieheißtdu?“
„Wulfric“,antwortetederJunge.
„Wulfric.EinstarkerName.DerNameeinesKriegers“,sagtederÄltere.
„DerhieristkeinKrieger,meinKönig.DasisteinMilchbart,dernochkeinen Kampf gefochten hat“, höhnte der Thegn.
„Nun,dasistnichtseineSchuld“,gabderKönigzurück.ErsahWulfrican.
„DuhastAngst“,sagteerdann.
Wulfric nickte. Selbst im Halbdunkeln des Lagerfeuers konnte man die kalkweiße Haut des Jünglings erkennen. Der König hob den Arm und zeigte mit dem Finger in die Runde der Männer, die sich inzwischen um sie herum gebildet hatte. Verschwörerisch neigte er sich zu dem Jungen hinüber.
„SieallehabenauchAngst.Siesindnurbesserdarin,eszuverbergen.“
„HabtIhrAngst,Herr?“,fragteWulfric zaghaft.
„Ja“,nicktedaderKönig.„Ja,ichhabeauchAngst.NureinNarrhättekeineAngst voreinerSchlacht.DochAngstistkeineSchande.Angstkannunsstarkmachen,damit wir kämpfen, und sie macht uns vorsichtig, damit wir überleben.“
DerKönigstandauf.ErsprachjetztzuallenUmstehenden.
„WirüberwindendieAngst,dennwirwissen,wofürwirkämpfen.“ErhobdenArm und wies nach Süden.
„DortdrübenliegendieNormannen.SiesindinunserLandeingedrungen.Wiralle haben die Spuren der Verwüstung gesehen, die sie angerichtet haben.“
„Ja!!“ DieMänner nickten,einigereckten ihreSpeere undSchwerterin dieLuft.
„WirkämpfenfürunsereFrauen,unsereFamilien.Siesindschutzlosundverlassen sich auf uns.“
„Ja!!“Wiedernicktendie Männer.
„Ihrallehabtvielzuverlieren.IhrkämpftfüreureFamilien,füreureFelderundfür euer Vieh. Wollen wir dies alles den Normannen überlassen?“
„Nein!!“,kamdieAntwortderUmstehenden.DieSchwerterschimmertenimLicht der wenigen Flammen.
„Unddarum“,ersetztesichwiedernebenWulfric,„darumüberwindetderKrieger seine Angst.“
Er legte dem jungen Mann eine Hand auf die Schulter. „Du wirst deinen Mut finden, das weiß ich. Wir alle finden ihn, immer wieder, und nur der ist wahrhaft tapfer, der die Angst überwindet.“
„Ich…ichhabekeineFamiliemehr,Herr,undauchkeinVieh.Ichbinnichtswert“, stammelteWulfricundließdenKopfhängen.DerKönigwarsofreundlichzuihmund er konnte ihm nichts dafür bieten.
„Nun, du hast zwei starke Arme. Und wenn du nicht für deine Familie und deinen Boden kämpfst, dann kämpfe für den Mann, der morgen neben dir im Schildwall stehen wird.“ Der König drückte begütigend die Schulter des Jungen. „Kannst du das für mich tun?“
„Ja“,nickteWulfricschließlich,„ichwillesversuchen.“
„Gut“,erwidertederKönig.„Vergissnie,dubistnichtallein.DuhasteinenWaffenbruder an deiner Seite. Er wird für dich kämpfen, so wie du für ihn kämpfst. Sie alle“, er zeigte wieder mit dem Finger in die Runde, „sind deine Waffenbrüder.“
Wulfric sah sich um, als nähme er zum ersten Mal seine Umgebung wahr. Selbst sein Thegn schien jetzt milder auf ihn herabzublicken.
„SindesdennvieleNormannen?“,fragteer.
„Essindetwasovielewiewir,ungefährachttausendMann“,antwortetederKönig.
„UndsiesindzuPferd,alsosetztdieSpeereein,wieeureAnführereseuchbeigebracht haben.“
Wulfricschienwiederzuverzagen.DerKönigsah es.
„Wenn du morgen im Schildwall stehst und das Heer gegenüber siehst, dann denk daran, dass du nicht alle achttausend Mann alleine bekämpfen musst. Töte immer nur einen. Den einen, der vor dir steht. Und dann den nächsten. Und den nächsten. Aber bleibe im Schildwall. Solange der Wall steht, können sie uns nichts anhaben. Verstehst du das?“
Wulfricnicktewieder.
„Gut.“ Der König blieb noch einen Moment sitzen, dann stand er auf und wandte sich zum Gehen.
WulfricnahmallseinenMutzusammen.
„Herr?“
DerKönigwandte sichwieder umundsah Wulfrican.
„Ja?“
„Tutessehrweh?DasSterben,meineich?“
„Der Tod ist der schwarze Gefährte eines jeden Kriegers“, erwiderte der König. „Ein Krieger teilt den Tod aus, und er muss bereit sein, ihn ebenso selbst zu erleiden. Nur Gott allein weiß, wie es uns bestimmt ist, zu sterben. Darum hofft und betet jeder KriegerumeinenehrenvollenTod,dochesistkeineSchande,auchumeinenschnellen Tod zu beten.“
Wulfricsahweiterunverwandtzuihmhoch.OffenbarwarenihmdieWortedesÄlterennichtTrostgenug.DerKönigblicktesichum,docheswargeradekeinPriesterin derNähe.AlsosetzteersichselbstvorWulfricnieder,schlugdieBeineunterundnahm die Hände des Jünglings zwischen seine. Dann begann er das Gebet aller Christen.
„Fæderūreþūþeeartonheofonum,sīþīnnamagehālgod…“
DieUmstehendennahmendasVaterunseraufundmurmeltenleise mit.
„… tōbecume þīn rīce, gewurþe þīn willa, on eorðan swā swā on heofonum …“
DasGemurmelsetztesichindiebenachbartenLagerfort;jeder,dernochwachwar, fielindasGebetmitein.
„…andforgyfūsūregyltas...“
„Fang mich doch!“
Edith rannte über den Platz zwischen dem Mühlenbach und dem Meeresufer, ihre blonden Flechten sprangen auf ihren Schultern hin und her. Dann blieb sie stehenundsahsichum,dochihrkleinerBruderTostigverfolgtesieimmernochnicht. Er hatte zwei halbherzige Hüpfer vollführt, hielt dann aber wieder inne, gebannt vom AnblickseinerbeidenälterenBrüder,diesichetwasweiteramStrandentlangmitHolzschwerterngegenüberstandenundaufeinanderlosdroschen.Tostighättevielliebermit ihnen gespielt, doch er war erst acht Jahre alt, ein Jahr jünger als Edith, und seine BrüderSvenundHaroldwarenschonvierzehnundzwölf.BesondersSvenverscheuchte den kleineren Bruder zumeist, woraufhin der sich dann zu Edith flüchtete. Seine Mutter hatte mit dem jüngsten der Familie, dem zweijährigen Gyrth, genug zu tunund daher wenig Zeit für Tostig, aber von Edith wurde er immer mit offenen Armen empfangen.
„Lassdochdiezwei!“EdithstießihnamArman.„Mutterwirdsicherbaldmerken, dass ich weg bin, dann holt sie mich wieder rein und ich muss helfen.“ Sie zog eine Schnute.
Alshättesieesgeahnt,tauchteihreMutterGythakurzdaraufanderBrückeauf,die über den Mühlenbach führte, nach Bosham hinein und damit auch zum heimatlichen Hof. Sie brauchte nicht lange, bis sie ihre Tochter gefunden hatte; das springlebendige Mädchen war schon von weitem zu sehen.
„Edith!“Siewinkte.
IndemMomenttratPaterCorwynausderKirchentür.DiekleineKirchelagaufder linkenSeitehinterderBrücke.ErsahGythadortstehenundverneigtesichrespektvoll. Dann trat er lächelnd auf die Frau zu.
„Sie ist ein kleiner Wildfang!“
„Ja!“, stimmte Gytha zu. Es klang etwas verzweifelt. „Man wird im Kloster seine liebe Not haben, ihr Manieren beizubringen.“
PaterCorwynnickte.„EswirdjanocheineWeiledauern,vielleichtwirdesmitden Jahren etwas besser werden.“
Das Mädchen würde in einem Nonnenkloster erzogen werden. In zwei oder drei Jahren würde es soweit sein. Bis dahin aber konnte sie der Mutter noch mit der vielen Arbeit helfen, die auf einem solch großen Hof anfiel.
„Die Brücke ist nicht mehr sehr zuverlässig“, bemerkte der Pater und wippte auf den Holzbohlen, die bedenklich durchhingen. Gytha nickte, sie hatte dies auch schon bemerkt.
„IchwerdeesmeinemMannsagen“,antwortetesie.Dannriefsiewieder„Edith!!“, lauter diesmal und mit etwas mehr Strenge in der Stimme. Das Mädchen kam angesprungen,siewusste,dasssieihrerMutternichtaufDauerentkommenkonnte.„Komm, dukannsteinwenigaufGyrthaufpassen,ihrkönntdieEiereinsammelngehen.Wenn deinVaternachhermitdenMännernnachHausekommt,wollendochallesattwerden.“
„Ja, ist gut, Mutter.“ Sie winkte ihrem Bruder und folgte ihrer Mutter, die grüßend Pater Corwyn zunickte. Sie gingen an der Kirche vorbei in Richtung Dorf. Gleich neben der Kirche, etwas zurückgesetzt, lag der Eingang zum väterlichen Hof. Sie passierten die weit geöffneten, schweren Bohlentüren.
Tostig blieb allein auf dem Platz zurück. Er sah am Ufer entlang und suchte den MeeresarmRichtungSüdenab,oberschondieSchiffedesVaterssehenkonnte.Doch das Wasser lag ruhig und glitzernd vor ihm, es war noch nichts zu sehen. Die beiden älteren Brüder übten eine unwiderstehliche Faszination aus. Vielleicht hatte Sven ja gute Laune und würde ihn mitspielen lassen.
*
„Au!“, entfuhr es Harold, dem jüngeren der beiden Jungs. Die Holzschwerter hatten keine Parierstange am Griff wie die echten Schwerter, und so fuhr das Holz seines Brudersanseinemeigenen„Schwert“entlangrunterbisaufdenDaumen,derdenGriff umklammert hielt.
„Pass eben besser auf!“, höhnte Sven und hieb nach. Harold kannte das schon und zogrechtzeitigdenArmweg.DannhieberseinerseitsaufSveneinundzwangihn,sein Holzschwert zur Abwehr hochzunehmen.
Tostig stellte sich daneben und sah zu. Die beiden Jungs hatten nur die Schwerter, keine Schilde, daher konnten sie sich nicht so gut gegen die Hiebe des anderen schützen. Harold war sich bewusst, dass er aufpassen musste, um Sven nicht wirklich zu verletzen.Svenjedochzügeltesichwenig.ErhiebundstachnachHarold,wannimmer er konnte.
„Mach Platz!“, rief Sven unwirsch dem kleinen Bruder zu, als der nicht rechtzeitig genug beiseite sprang. „Du stehst wieder nur im Weg herum!“
„Lass ihn doch“, meinte Harold und wich nach hinten aus, weil Sven nach seinen Beinen hieb. Sven stellte den Kampf kurz ein und sah den kleinen Tostig an.
„DubistlästigwieeineWanze.SogarEdithhatwasBessereszutunalssichmitdir abzugeben.“ Erschlugspielerisch mitdemSchwertnach ihm,alswürde ereineFliege verscheuchen.DabeitraferdenKleinenamBauch.TostigsAugenfülltensichmitTränen,halbwegendesTreffersundhalbwegenderGemeinheitseinesBruders.Erdrehte sich um und lief auf die Brücke und den heimatlichen Torbogen zu.
„Ja, renn zu Edith und versteck dich hinter ihren Röcken!“, höhnte Sven ihm hinterher. Dann hob er wieder das Holzschwert. Harold fand, dass Sven es wieder einmal übertrieben hatte, doch er bekam keine Gelegenheit, den Mund aufzumachen. Sven drosch schon wieder drauf los.
SpäteramTagwarderZwistvergessen.DiebeidengroßenJungswarenmüde,Wikinger zu spielen, und da Gytha keine Aufgaben mehr für Edith hatte, tobten die drei gemeinsam durch die Salzwiesen, den unvermeidlichen Tostig im Schlepptau. Dabei waren sie so sicher wie in Abrahams Schoß, niemand hätte ihnen auch nur ein Haar gekrümmt. Jeder kannte die Kinder des Earls.
*
Segelte man auf die Südküste Englands zu und ließ die Isle of Wight zu seiner Linken liegen,soerreichtemaneinKüstengebiet,welchessichinmehrereMeeresarmeaufteilte. FolgtemandemHauptarm,derRichtungOstenführte,tatsichlinkseinweitererMeeresarmauf,dernachNordenführte.DieserMeeresarmendeteineinemUfergebiet.Dort mündetenzweiFlüsschen,derCutmillCreekundderColnerCreek.DavorjedochverbreitertesichderMeeresarmnachrechtsundbildeteeineBucht,indieeinefastrechteckige Landzungehineinragte.DortlagBosham,derHauptsitzvonEarlGodwinvonWessex.
Der Earl stand im vordersten Boot und beobachtete, wie sich das rechte Ufer näherte. Der Wasserweg war ideal zum Anlanden von Booten. In der Mitte der Bucht war das Wasser tief genug, sodass die Schiffe auch bei Ebbe nicht trockenfielen, und das Ufer war flach genug und frei von Felsen, sodass man die Boote mit ihren breiten, flachenKielenauchaufdasUferziehenkonnte.SchondieRömerhattendiesenFlecken Land mit seinem natürlichen, gut geschützten Hafen zu schätzen gewusst.
IneinemseltenenMomentderZufriedenheitglittGodwinsBlicküberdasUferund seine Bauten. An der südöstlichsten Ecke der Landzunge traf man, von See her kommend,zuerstaufdengroßen,festgestampftenPlatz,andemauchFischerundHändler ihre Boote festmachten. Dort am Kai stand die Halle von König Knut, allerdings war derschonlangenichtmehrnachBoshamgekommen.Gingmangeradeausweiternach Osten, traf man auf die Wassermühle, die dem kleinen Flüsschen, das von Norden nachSüdenfloss,seinenNamengab.DahinterlagderKornspeicherundlinksvonder Mühle lag die Brücke. Überquerte man sie, kam man an der Kirche vorbei, wo Pater CorwynsichmitvierweiterenBrüdernumdasgeistlicheWohlderBewohnerkümmerte.DieKirchehatteeinenzweigeschossigenKirchturm,auf
UmdieKircheherumzogsicheinkleinerFriedhof,begrenztvomSchutzwall,dersich um das benachbarte Godwinsche Anwesen zog. Weiter im Osten, landeinwärts, lagen die Hütten der Dörfler und das Gemeinschaftsfeld.
Godwin war ein großgewachsener, fast hagerer Mann Anfang vierzig mit langen, sehnigen Gliedmaßen. Sein Gesicht hatte Ähnlichkeit mit einem Raubvogel. Das ehemals blonde, knapp schulterlange Haar war über die Jahre nachgedunkelt. Die grauen Augen verrieten Entschlossenheit und Ehrgeiz. Strenge gegenüber sich und anderen hatte einen harten Zug um seinen Mund gelegt, sein Gesicht hatte nur wenig Lachfalten. Seine Hände, schwielig und hart von vielen Kämpfen, griffen nach dem Dollbord,alsdasBootknirschendaufdenKiesstrandauflief.Erhatteessichnichtnehmen lassen, die zwei neuen Boote selbst abzuholen; ein drittes war repariert worden. Die Boote würden jeweils Platz für zwanzig Paar Ruderer bieten, also vierzig Mann pro Boot.Sovielewarenallerdingsnichtnötig,umdieSchiffeabzuholen,mankonnte sie auch mit wenigen Männern segeln. Die Männer in den Booten wussten, was sie zu tun hatten, Godwin konnte ihnen die Anlandung überlassen. Sie ließen die Ledersegel fallen, während Godwin aus dem Boot sprang. Er trug eine Tunika mit einem breiten Gürtel und Hosen, die an den Unterschenkeln mit Beinlingen umwickelt waren. Kurze Lederstiefel, die über den Rist geschnürt wurden und ein goldener Armreif, das Zeichen eines hochgestellten Adeligen, vervollständigten die Kleidung. Der schwarze Wollumhang mit dem Pelzkragen verstärkte noch die Ähnlichkeit mit einem Raubvogel. An seinem Gürtel hing ein Schwert. Es war jedoch nur ein Alltagsschwert, keines der Prachtschwerter mit Goldeinlagen, die er sonst trug. Hier musste niemand beeindruckt werden.
Godwin schritt über die Brücke, an der Kirche vorbei und auf das Tor zu. Der Wachtposten,deramEingangstand,richtetesichauf,alsseinHerrsichnäherte.Nicht, dass ein ernsthafter Wachdienst nötig gewesen wäre; die Gegend war jetzt seit vielen Jahren ruhig, aber es war trotzdem nicht geraten, den Unwillen des Earl zu erregen. Godwin ging grußlos an ihm vorbei und betrat den Hof.
EswareingroßerHof,wieereinemAdeligenseinesStandeszukam.BegrenztwurdeervoneinemErdwall,dervoneinerHolzpalisadegekröntwar.Davorzogsichaußen ein Graben um den südlichen, östlichen und nördlichen Wall, im Westen war der Hof durch den Mühlbach geschützt, der kurz darauf an der Kirche und der Mühle vorbeilief, um dann direkt ins Meer zu münden. Das so geschützte Stück Land zog sich fast rechteckig Richtung Norden. Dem Eingang gegenüber, am anderen Ende des Hofes, standeinweiteresTor,welcheszudenWeidenführte.DazwischenhattesichderHauptweg gebildet, der den Hof in eine linke und eine rechte Hälfte teilte. Die Wohnhallen lagenaufderlinkenHälfte.RechtslagenvielekleineHütten,diezumeistalsLageroder Werkstättengenutztwurden.DortwohntenauchdieSklavenundHalbfreien,dieden Hof bewirtschafteten. Daran schlossen sich Back- und Brauhaus an sowie Spinnerei, Weberei und die Küche. Im hinteren Bereich der rechten Seite befand sich der große Stall. Auf der linken Hälfte des Anwesens kam zuerst die alte Wohnhalle, dahinter die etwas kleinere Hütte von Gytha. Und ganz hinten auf der linken Seite stand Godwins ganzer Stolz, die neue Halle.
Die meisten Bauten der Angeln und Sachsen waren aus Holz. Das einfache Volk wohnte in Hütten, deren Seitenwände aus Flechtwerk bestand, welches mit Lehm verstrichenwar.GrößereHallenvonEarlsoderdenrangniederenThegnswarenausmassivem Holz gebaut, oft mit einem Fußboden aus Holzbohlen. Um Feuchtigkeit von den Böden fernzuhalten, lagen die Bohlen nicht direkt auf der festgestampften Erde, sondern waren etwas erhöht. Es gab auch Hütten mit regelrechten Erdgruben unter den Böden, die zumeist als Lager dienten. Die Grube unter den Bohlen hielt die Waren kühl. Flachs, den man in diesen eingetieften Räumen aufbewahrte, war durch die höhere Luftfeuchtigkeit geschmeidiger und damit besser zu verarbeiten. Waren, die obenaufdenBohlenbödengelagertwurden,bliebentrockenundzumeistfreivonUngeziefer. Alle Bauten, egal ob Hütte oder Halle, waren mit Reet gedeckt. Steinbauten warenselten,undwenn,dannhandelteessichinallerRegelumKirchen.Dazuwurden oftmalsdieSteinewiederverwendet,dievondenRömerngeschlagenwordenwaren.In denStädtenmochteesvorkommen,dasssicheinAdeligerindenRuinenderrömischen Villen einrichtete, aber sich selbst neue Häuser aus Stein zu bauen, das konnte sich kaum jemand leisten.
BisaufGodwin.
Er hatte nicht nur den Neubau der Kirche in Stein finanziert, sondern sich dabei selbst eine Halle aus Stein bauen lassen. Nicht einmal der König hatte eine Halle aus Stein. Nun ja, für den König lohnte sich diese Investition auch kaum, da er unentwegt im Reich unterwegs war. Knut hatte sich England einverleibt und zusammen mit Dänemark,seinemStammland,sowieNorwegenundTeilenvonSüdschwedeneinganzes Großreicherschaffen.Godwinhatteihndabeitatkräftigunterstützt,dennKnutsHerrschaftsanspruchwarnichtunangefochtengeblieben.AlsDankfürseineHilfehatteihn KnutzumEarlvonWessexernannt,derreichstenderenglischenGrafschaften.Under hatte ihm Gytha zur Frau gegeben. Sie war die Schwägerin von Knuts Schwester, und gerade stand sie vor der neuen Halle, um ihn zu begrüßen.
*
Gytha sah ihrem Mann entgegen. Die Kinder waren schon vorausgelaufen und sprangen um ihn herum, während er sich der Halle näherte. Sie waren jetzt fünfzehn Jahre verheiratet,GythahatteihmfünfKindergeboren.UndderkleineGyrthwürdenicht das letzte Kind bleiben. Sie war vier Jahre jünger als ihr Mann, und ihre ehemals mädchenhafte Figur hatte sich gewandelt. Ihre Hüften waren breiter geworden und ihre Brust schwer. Es war keine Liebesheirat gewesen. Das war für eine Adelige aus dem dänischen Königshaus auch nicht zu erwarten gewesen, aber sie hatte Godwin sympathisch genug gefunden, sodass ihr die ehelichen Pflichten nicht zur Last wurden – manchmalfandsiesogarErfüllung.ZuneigungundRespektwarenerstmitdenJahren gewachsen. Godwin war ein ehrgeiziger, zielstrebiger Mann; für seine wachsende Familiewürdeerallestun.ErselbstwarderSohnvonWulfnoth,eineskleinenThegnsin Sussex,undhattesichdenAufstiegunddenRespektdesKönigsharterkämpft.Gytha war die Einzige, die er hin und wieder ins Vertrauen zog, aber er weihte niemanden in all seine Pläne ein. Und er hatte große Pläne, soviel wusste Gytha.
Auf die Kinderschar, die ihm hinterherlief und um seine Aufmerksamkeit bettelte, ging er kaum ein. Aber gerade wegen seiner sparsamen Gefühlsäußerungen war den KindernjederBlickvonihm,jedeGeste,doppeltwertvoll.DiegrößteAufmerksamkeit erhieltnaturgemäßSven,seinÄltester.ErwürdedernächsteEarlvonWessexwerden. Es gab zwar kein Erbschaftsrecht für diesen Titel; es war allein das Recht des Königs, Earldoms zu vergeben, zu verändern oder wegzunehmen, aber Godwin beabsichtigte nicht, dem König irgendeinen Anlass zu geben, von diesem Recht Gebrauch zu machen. Er wusste sehr genau, wie man sich andere Menschen gewogen machte. Schon allein die Namenswahl für seine beiden ersten Söhne war sehr überlegt erfolgt. König Knuts erster Sohn war 1016 geboren worden, er hatte ihn Sven genannt. Als Godwins erster Sohn im Jahr 1020 geboren wurde, nannte er ihn ebenfalls Sven. Seinen zweiten Sohn Harold, der zwei Jahre später kam, hatte er nach Knuts zweitem Sohn Harald genannt.
SvenliefnunnebendemVaterherundzupfteihnamÄrmel.
„Ich habe heute fast den ganzen Tag mit dem Schwert geübt! Sag, wann darf ich endlich mit den Männern üben?“
„Das habe ich dir doch schon gesagt. Wenn du anfängst, einen Bart zu kriegen“, antwortete Godwin. Der Junge war begierig darauf, von den Housecarls des Vaters, der Schar von Bewaffneten, die für die Sicherheit des Earls und seiner Familie verantwortlich waren, die Kriegskunst zu erlernen. Junge Männer lernten den Umgang mit Waffen, den Kampf, die Jagd, die Selbstversorgung in der Wildnis und das Segeln. Er würde dann auch nicht mehr bei den anderen Kindern in der Hütte der Mutter schlafen müssen, sondern bei den Männern leben dürfen.
„Schau mal, hab ich nicht schon einen? Ein kleines bisschen?“ Sven tanzte um den Vaterherum.DabeigerietderkleineGyrthzwischendieBeinederanderenKinder.Er fiel hin und begann zu wimmern. Godwin bückte sich und hob ihn auf. Bei Gytha angekommen,drückteerihrdenJüngstenindenArm.Ernicktegrüßend,Gythalächelte zurück. Mehr erwartete sie nicht von ihm. Sie wusste, ihr Mann war kein Romantiker. Zusammen betraten sie die große Halle.
DieHallemaßzehnmalzwölfMeterundwardamitetwasgrößeralsdiealte Halle aus Holz. Sie war so in die Ecke des Geländes gebaut, dass die Sonne den ganzen Nachmittag über die breite Front wärmen konnte. Man betrat die Halle über eine Steinplattenstufe von der breiten Seite her. Den Eingang bildete eine schwere Eichentür,diesichuntereinemkleinenVordachnachinnenöffnete,damitman sie bei Bedarf von innen versperren konnte. Drinnen sah man sich drei massiven Säulen mit darüberliegenden Rundbögen gegenüber, die sich von links nach rechts querdurchdieHallezogenunddasDachgebälkstützten.DadurchwurdedieHalle in eine vordere und eine hintere Hälfte geteilt. Direkt rechts neben dem Eingang befanden sich ein geschnitzter Stuhl mit Lehne sowie mehrere Hocker. Sie standenum eine offene Feuerstelle herum. Ging man unter den beiden rechten Rundbögen hindurch in den hinteren Teil des Raumes, fand man eine zweite Feuerstelle, um die herum jetzt Tafeln aufgestellt waren, die für die Abendmahlzeit gedeckt waren. Anden Wänden entlang zogen sich Bänke, dahinter waren Felle angebracht, damit man sich nicht an die kalte Wand lehnen musste. Einige Bänke hatte man an die Tafeln geschoben, damit die Familie und die Housecarls Platz nehmen konnten. Später würde man die Bänke wieder an die Wand schieben und die Tafeln wegräumen. Dort würden dann die Housecarls schlafen, zumindest die Junggesellen, die noch keine eigene Hütte hatten. Links vom Eingang befand sich ein großer Tisch mit einem weiteren geschnitzten Stuhl, dort erledigte der Earl seine wenigen Schreibarbeiten. Anden Wänden entlang standen Truhen. Eine davon war voller Pergamente, die meisten anderen jedoch beinhalteten Waffen und Rüstungen: Schwerter, Helme, Lederhemden mit aufgenähten Kettengliedern sowie Pfeile für die Jagd. Die beiden linken Rundbögen hatte Godwin zumauern lassen; dahinter befand sich sein Schlafgemach. Um die Säulen herum staken in einem Metallgestänge ein Vorrat an Speeren, an den Wänden hingen Äxte und Jagdbogen neben Feldzeichen sowie das Drachenbanner,die Standarte von Wessex. In der Wand befanden sich neben dem Eingang je zwei Rundbogenfenster, ein weiteres Fenster befand sich an der rechten Seitenwand. Die Fenster waren schmal, damit man sie im Winter gut mit lederbespannten Rahmen verschließen konnte und sie waren hoch genug angebracht, dass niemand einsteigen oder hindurchschießen konnte. Jetzt, im Sommer, waren sie offen. Das Dachgebälk warrippenartigverschränktundschonjetztnachgedunkelt,obwohldieHalleerst seit vier Jahren stand. Als Rauchabzug für die beiden Feuerstellen dienten zwei Eulenlöcher im First. Der Boden war mit Steinplatten belegt, aber Godwin hatte Holzbohlen darüberlegen lassen, damit es im Winter nicht zu kalt wurde. Felle lagen auf dem Stuhl, den Bänken und auf dem Boden.
Inzwischenhatten sich auch die Männereingefunden, die Godwin begleitet hatten. Ihnen folgten die Hofhunde, die genau wussten, dass es jetzt ein paar extra Happen geben würde. Wasserbecken standen bei den Tafeln, jeder wusch sich die Hände, ehe man sich niederließ und zugriff.
Schüsseln mit Schaffleisch, Geflügel und Fisch standen verteilt auf allen Tafeln, dazwischenZwiebeln,KarottenundKohl.EsgabauchSchüsselnmitGerstenbreiund, zur Freude nicht nur der Kinder, Haferbrei, der mit etwas Rahm und Honig verrührt war. Honig war eine Kostbarkeit, die Waliser in den westlichen Bergen zahlten damit ihren Tribut an den König. Es standen Holzbecher auf den Tischen ebenso wie Tonkrüge mit Wasser und Bier. Auch die Dienerschaft nahm Platz. Wer ein Messer hatte, spießte sich die Fleischbrocken aus den Schüsseln heraus. Gytha hatte zwei Teller vor sich stehen, auf denen sie für die jüngeren Kinder ein paar Brocken Fleisch mit Gemüse anrichtete. Es wurde schnell laut.
SvenhattesichindieNähevonHrothgargesetzt,demAnführerderHousecarls. Hrothgar hatte beide Ellbogen auf den Tisch gestützt. In der Rechten hielt er das Messer mit einem halben Hühnchen, mit der linken Hand zog er das Fleisch von den Knochen und steckte es sich in den Mund. Sven ahmte jede seiner Bewegungen nach. Als Hrothgar nach dem Bierkrug griff, sah Sven kurz zu seinem Vater. Der nahm augenscheinlich kaum Notiz von ihm, also griff auch Sven nach einem Bierkrug und schenktesichein.GythaschobdenKinderndieTellerhinundfingselbstan,zuessen.
„IstallesgutgegangenmitdenBooten?“,fragtsieihrenMann.Der nickte.
„HastduetwasvomKöniggehört?IsterinEngland?“Godwinnicktewieder.
„Ja,abereristobenimNordenunterwegs.DiesesJahrwirderwohlnichtmehrnach Süden kommen.“ Damit hatte Godwin die Hände frei, sich um sein großes Earldom kümmern zu können.
„Glaubst du, er wird nochmal nach Bosham kommen? Seine Halle am Hafen steht schon lange leer.“
„Nein.Ichdenke,derKönigwirdauchinZukunfteinengroßenBogenumBosham machen.“
HaroldsahvonseinemTellerauf.
„Wegenmir?“,fragteerbedrückt.
„Nein, nicht wegen dir, mein Schatz“, antwortete Gytha und strich ihm über das Gesicht. „Du konntest nichts dafür.“
Sie dachte zurück an den Tag vor vier Jahren, als Knut zu Besuch gekommen war, um die neue Kirche aus Stein zu bewundern, die sein Earl hatte bauen lassen, und er hatteessichnichtnehmenlassen,auchdieseneueHallemitseinemBesuchzubeehren. Knut hatte bei seinem Herrschaftsantritt klar gemacht, dass er mit der Kirche zusammenarbeitenwolle.DieKirchehieltvielLand,daherwardasnurfolgerichtig,fand Godwin, der ansonsten nicht sehr gläubig war. Aber er hatte gleich die Gelegenheit ergriffen, die Worte des Königs in die Tat umzusetzen, indem er die alte Kirche aus Holz abreißen und durch eine Kirche aus Stein ersetzen ließ. Knut war sehr zufrieden gewesen, mit dröhnendem Lachen hatte er gesagt:
„Ich glaube gar, ich habe Euch zu reich gemacht!“ Dann hatten sie in der neuen Halle zusammengesessen, hier an diesen Tafeln.
Knut hatte seine jüngste Tochter dabeigehabt, sie war damals acht Jahre alt und damit im gleichen Alter wie Harold. Die beiden Kinder hatten draußen am Fluss gespielt,undzuHaroldsewigemEntsetzenwardieKleineaufdemfeuchtenBodenausgerutschtundindenFlussgefallen.EinigeDörflerhattenallesmitangesehen.Männer waren ins Wasser gesprungen, doch sie konnten nur noch die Leiche des Mädchens bergen. Schreckliche Tage folgten. König Knut blieb noch, bis der Sarg unter einer Steinplatte in der Kirche beigesetzt war, dann verließ er Bosham. Er war seither nicht wiedergekehrt. Harold hatte damals viel Zeit bei Pater Corwyn zugebracht. Er fühlte sichschuldigundwollteallesdarüberwissen,wieesindiesemHimmelzuging,indem dasMädchenjetztwar.Eshattelangegebraucht,bisderJungewiederanandereDinge denken konnte.
„Vielleichtkommternochmal,umamGrabzubeten“,meinteGodwinhalbherzig.
„Seine Halle werden wir in Zukunft für den Zehnten nutzen.“ Gytha nickte. Ihr fiel noch etwas ein.
„DieBrückemüssterepariertwerden,meintPaterCorwyn.DieBrettersind schon arg durchgetreten.“ Godwin nickte wiederum, er hatte es ebenfalls bemerkt.Als Earl war es seine Pflicht, Brücken und Wege im Königreich instand zu halten.Das Flüsschen stellte die Wasserversorgung für das ganze Dorf dar, alle holten sichihrWasseroberhalbderBrücke,amnördlichenEndederPalisadenwand.Etwas zur Mitte der Palisade hin standen ein paar Büsche, die Böschung dort diente den Hofbewohnern als Abort. Unterhalb von Brücke und Mühle, kurz vor der Mündung, wurden die Abfälle hineingeworfen, die dann zumeist ins Meer geschwemmt wurden. Das fehlte noch, dass die Brücke durchbrach und jemand in den darunterliegenden Müll stürzte.
„Geh ins Dorf und sag Bescheid, sie sollen ein paar neue Stämme besorgen.“ PlötzlichschreckteeinKnalldieGesellschaftauf.TostighattesichWassernachschenken wollen, doch der Krug war zu schwer für ihn, er war ihm aus der Hand gerutscht und auf dem Boden in Scherben gesprungen.
„Trottel!“,kommentierteSvendasGeschehen.
„Aber er hat es doch nicht mit Absicht gemacht!“, rief Edith sofort. „Mama, er hat esnichtmitAbsichtgemacht!“,wiederholtesie,andieMuttergewandt,Strafefürihren kleinenBruderfürchtend.EineFrauausdemGesindeklaubtedieScherbenzusammen.
„Michhastdunochniesoverteidigt“,spöttelteSven.DerKopfdesMädchensfuhr herum, sie streckte ihm nur die Zunge heraus.
„Kommt,jungerHerr,dashiermüsstIhressen!“,versuchteHrothgarSvenabzulenkenundspießtesicheinStückSchafleberauf.„DavonkriegtIhrHaare“,ermachteeine kurzePauseundsuchtenacheinemanderenWortalsdem,wasihmaufderZungelag, „aufderBrust“,beendeteerdenSatzmiteinemSeitenblickaufGytha.
SvensahvollerAbscheuindieSchüsselmitdenInnereien.Danngriffernacheinem fleischigen Knochen.
„He! Weg da!“ Er trat nach einem der Hunde, der sich etwas zu sehr für den Knochen interessierte. Das Tier jaulte auf und zog sich unter dem Tisch zurück. Godwin schiennichtsdavonzubemerken,aberGythabeobachtetedieSzenegenau.Siedachte zumwiederholtenMal,dassGodwindemJungenzuvieldurchgehenließ.Haroldwarf dem getretenen Tier einen Brocken Fleisch unter den Tisch.
„Wie lange wirst du bleiben?“, fragte Gytha ihren Mann. Der Earl war viel unterwegs, und auch jetzt war der Aufenthalt nur kurz.
„Ich reite morgen früh wieder los. Ich will beim Grafschaftsgericht dabei sein.“ Godwin war zwar kein Richter, die Urteile wurden vom Shire-Reeve gesprochen, der den König vertrat, aber ein kluger Reeve würde wissen, wie er zu entscheiden hatte, wennderEarldanebensaß.AußerdemkonnteerdanngleichdenDrittenPfennigkassieren.VielekleinereVergehenkonntendurchStrafzahlungenandenKönigabgegolten werden; davon stand dem Earl ein Teil zu.
„Darfichmit?Bitte!“,riefSven.
„Nein. Morgen kommt Pater Corwyn“, antwortete Godwin und erinnerte Sven an dieleidigenLehrstundeninLesenundRechnen.„DubistmirkeineHilfe,wenndudir nichteinmaldieBußgelderausrechnenkannst.“SeineStimmeduldetekeinenweiteren Widerspruch.
AnderTürerschienderWachpostenvomTor.
„Herr, es ist Besuch da. Ein Barde.“ Godwin winkte, und die Wache schob einen schmächtigen jungen Mann durch die Tür, der sich staunend umblickte. So einen prächtigen Bau hatte er noch nie gesehen.
„Kommt herein, nehmt Platz und esst“, sagte Gytha. Die Menschen am Tisch rutschten zusammen. Der Mann nickte dankend und setzte sich.
„Wie ist Euer Name, und woher kommt Ihr?“ Die Kinder bestürmten ihn mit Fragen. Ein Barde kam selten so weit an der Südküste vorbei und war daher etwas Aufregendes, er brachte immer Neuigkeiten mit und wusste endlos viele Geschichten. Godwin gedachte, ihn später etwas auszufragen.
„Mein Name ist Brennan“, antwortete der junge Mann, „ich komme aus Irland.“ ManhörteesanseinemZungenschlag.WanderndeBardenwarennichtungewöhnlich. Manch junger Mann zog für einige Jahre über Land, um sich damit sein Auskommen zuverdienen.WirklichguteBardenmitschönerStimmeundvielenGeschichtenkonnten am königlichen Hof enden.
Die Kinder waren schon dabei, sich eine Geschichte zu wünschen, die Brennan später erzählen sollte.
„Beowulf!!“,riefenSvenundHarold.Gythafanddaszu blutrünstig.
„WiewäreesmiteinerGeschichtevonSt.Cuthbert?“,schlugsievor.
„Ach, Heilige!“ Harold machte eine wegwerfende Handbewegung. Gytha lächelte, sie wusste, dass sie gegen die Kinder und gegen eine Halle voller Housecarls nicht ankam.
Godwin hatte sein Mahl beendet und stand auf. Sven hatte sich nach dem letzten Wortwechsel zurückgehalten, aber die Augen, die am Vater hingen, sprachen Bände. Godwin erwiderte den Blick.
„IchwerdenachdemGrafschaftsgerichtnochzueinigenunsererHöfereiten“,sagte er. Einige säumige Zahler mussten an ihre Pflicht erinnert werden. „Danach werdeich in Sandwich nach der königlichen Flotte sehen. Ich werde erst in ein paar Wochen wiederdasein.Wennichzurückbin,kannst duzudenMännernziehen.“Godwinsah Hrothgar an, der nickte. Sven jubelte.
Gytha dachte nach. Dann würde also ihr Ältester nicht mehr bei ihr und den Kindernschlafen.ErwurdelangsamzumMann.NachdemdieneueHallefertiggeworden war,warGythamitdenKindernausihrerHütteindiealteHalleumgezogen.Dortwar vielmehrPlatzfürdiewachsendeKinderschar,aberdergroßeRaumwarauchschwerer zuheizen,besondersimWinter.WennsieschwangerwarodereinKleinkindwieGyrth bei sich hatte, ließ sie öfters die älteren Kinder unter der Obhut des Gesindes zurück und schlief wieder in ihrer Hütte. So viel Platz war ein großer Luxus; normalerweise lebte eine Familie in einer einzigen Hütte oder Halle zusammen, oft auch noch mit Hühnern, Schweinen und einem oder zwei Rindern unter dem gleichen Dach. Da ihr MannabernurheuteNachtzuHausewar,wusstesie,dasssiedieseNachtnichtinihrer gemütlichen Hütte verbringen würde.
*
Später, als die Tafeln weggeräumt waren, hatten sich alle Bewohner des Hofes auf den BänkenunddemBodenverteilt,umdemBardenzulauschen.Derfreutesich,dass er einen so gut gedeckten Tisch und einen Platz für die Nacht gefunden hatte, und schmückte die Erzählung von Beowulf besonders farbig aus. Edith und Tostig saßen auf dem Boden vor Sven und Harold und lauschten gespannt, denn sie kannten die Geschichtenochnicht.AlsderBardezudenReimenüberGrendelkam,das Monster, dasüberdieMenschenindesKönigsHalleherfielundsieauffraß,neigtesichSvenzu Tostigs Ohr hinunter.
„Buh!“, machte er und lachte schadenfroh, als der Kleine zusammenzuckte. Edith drehte sich um und knuffte Sven heftig ans Knie. „Hör auf!“
Es wurde ein langer Abend. Nachdem der Barde schließlich geendet hatte und die MännersichumdieFeuerstelleherumniederlegten,brachteGythadieKinderüberden Hof in die alte Halle. Sie war sicher, dass zumindest Tostig schlecht schlafen würde. Danach kehrte sie zurück. Sie sah Godwin und den Barden an Godwins Tisch sitzen. Der junge Mann hatte viele Fragen des Earls zu beantworten. Sie ging an den beiden vorbei in das Schlafgemach. Auch dort gab es eine Feuerstelle; sie zündete das bereits aufgeschichtete Holz an. In den Truhen an der Wand befanden sich die Kleidung von Godwinundihr,sowieseineeigenenWaffen.InderEckewareineBettstattausHeusäcken, Leintüchern, Fellen und Wolldecken über einer Steinplatte aufgebaut. Unter der Steinplatte gab es eine Vertiefung im Boden, darin lag der Familienschatz, bestehend aus Münzen sowie den kostbareren Schmuckstücken der Familie.
Godwin hatte endlich den Barden aus seinem Verhör entlassen und betrat die Schlafkammer. Gytha hatte sich bereits entkleidet und lag im Bett. Godwin begann, sich ebenfalls auszuziehen.
„DumusstmitSvenreden“,sagteGytha.„Erpeinigtalle,diejüngeroderschwächer sind als er.“
„DieMännerwerdenihmschonseineGrenzenzeigen.“ErzogsichdieTunikaüber denKopf,dannwickelteersichdieBeinlingevondenUnterschenkeln.Gythawarsich dessen nicht so sicher. Sven war immerhin der nächste Earl, da würden die Männer es vielleicht nicht wagen, die nötige Härte zu zeigen. Sie wiegte den Kopf. Godwin, jetzt ebenfalls entkleidet, schlüpfte unter die Felle und zog seine Frau an sich.
„Lass das jetzt“, beendet er das Thema. Seine Hände fuhren über ihre Brüste. Ein paarbesitzergreifendeKüssespäterwarersoweit.BereitwilligöffnetesieihreSchenkel und nahm ihn auf.
*
Am nächsten Vormittag betrat Pater Corwyn den Hof und ging auf die Halle zu. Er und seine Mitbrüder lehrten die älteren Kinder des Earls, oder wenigstens versuchten sie es. Pater Corwyn war nur knapp ein Dutzend Jahre älter als Sven und Harold, aber zumindest für Harold und Edith schien er der Hort allen Wissens zu sein. Jetzt allerdings erwischte er Sven und Harold, wie sie verbotenerweise auf den Reetdächern der Vorratshütten herumrutschten. Unten stand Tostig und sah neidisch hinauf.
„Kommtihrwohldarunter!“,riefderPater.„IhrbrechteuchnochdasGenick!“
Die Jungs kamen halb widerwillig, halb ergeben mit dem Pater in die Halle. Sie wussten, dass die Dächer tabu waren. Nur die Erwachsenen durften da hinauf, wenn esZeitwar,dasReetauszutauschen,aberderVaterwarschonfrühamMorgenmitein paar Männern aufgebrochen, und sie hatten sich die Gunst der Stunde nicht nehmen lassen wollen.
InderHallenahmensieamTischdesVatersPlatz.PaterCorwynrollteetwasPergamentaus,welcheserfürEdithmitgebrachthatte,dieschoninderHallegewartethatte. ZuihrenFüßensaßTostigundspieltemitHolzfiguren.DerPaterzeigteEditheinpaar BuchstabenundsiebegannmitFeuereifer,dieBuchstabenabzumalen.Dannwandteer sich der eindeutig schwereren Aufgabe zu, den Jungs etwas beizubringen.
„Alsogut,rechnenwireinwenig“,kündigteeran.„ZwölfPenniessindeinShilling, zwanzigShillingsindeinPfund“,erinnerteerdiebeidenanihrefrüherenLehrstunden.
„WievieleShillingmusstdueinemBauergeben,wenndueineKuhzufünfzehnPfund kaufen willst?“
„Sowenigewiemöglich!“,antworteteSvenundgrinste.
PaterCorwynschüttelteleichtdenKopf.Erversuchteesumgekehrt,vielleichtnahm Sven das Geld lieber ein als es auszugeben. „Wie viele Shilling musst du bekommen, wenn du eine Kuh zu achtzehn Pfund verkaufen willst?“
„Sovielewiemöglich!“,riefSvenundlachteüberseineScherze.DerPatersahSven nur an, dann wandte er den Blick. „Harold?“
DerwarschnellimKopfundantwortete:
„300,wennichkaufe,und360,wennichverkaufe.“
„Stimmt!“ErsahwiederzuSven.Derblickteverächtlichdrein.
„Gut, vielleicht fangen wir lieber mit etwas Geschichte an.“ Pater Corwyn schätzte sichglücklich,dasserhieramHofdesEarlssozusagenanderQuellesaßundvieleDingeerfuhr,diesichwoandersviellangsameroderauchüberhauptnichtherumsprachen. ErliebteGeschichteundfandeswichtig,dassdieKinderverstanden,warumdieWelt, in der sie lebten, so war, wie sie war.
„Erzählt mir von den Wikingern“, forderte er die Jungs auf. Sven fand das Thema interessanteralsPfundundShilling,abererwolltedemPaternichtdenWillentunund schwieg. Also hub Harold an:
„DieWikingerkamenvorvielenhundertJahrenausDänemarkundNorwegenüber dasMeer.SieplündertenanderOstküsteundnacheinpaarJahrenfuhrensiemitihren Booten und der Beute nicht mehr weg, sondern blieben über den Winter.“ Der Pater nickte. Die Zeitrechnung legte er etwas großzügig aus.
„Unddann?“
„DannsiedeltensieimOstenEnglands,vonderschottischenGrenzebisrunterzur Watling Street.“
DerPater nickte wieder. Dieblutigen Schlachten dieser dunklen Zeitüberging er.
„UndwoverläuftdieWatling Street?“
„Von der Küste bei Dover, über Canterbury und London in die Shropshire Hills“, wiederholte Harold die Ortsnamen, die er von Pater Corwyn gelernt hatte. Er hatte noch keinen davon gesehen. Aber er würde sie alle sehen, das hatte er sich fest vorgenommen.
„Undwarumistdaswichtig?“
„Dort beginnt heute das Danelag, wo viele Wikinger gesiedelt haben“, antwortete Harold.
„Ja, das stimmt, aber sie gehören heute genauso zum Königreich wie wir. Wir sind alle ein Volk.“
„Aberdiesindärmeralswir!“,trumpfteSvenauf.
„Auchdasistrichtig“,bestätigtePaterCorwyn.DerSüdenundWestendesLandes waren ertragreicher. Die Winter fielen milder aus und in manchen Jahren gab es sogar zwei Ernten. Je weiter man nach Norden kam, desto härter und länger wurden die Winter, die Böden waren nicht so ergiebig. Aus diesem Grund mussten die Menschen im Danelag und oben um York herum weniger Steuern zahlen. Auch hielten sich im Danelag noch hartnäckig viele alte, skandinavische Traditionen.
„ErzählemirnunetwasüberKönigKnut.“
„Vor vierzig Jahren kamen wieder Wikinger übers Meer. Die Könige von Wessex haben versucht, sich mit viel Geld freizukaufen, aber stattdessen kamen immer mehr Dänen. Vor zwanzig Jahren dann hat Knut das Land von Norden her erobert, weildie vielen Wikinger, die dort lebten, ihn als König anerkannten. Nur Wessex hat sich geweigert und hat seinen eigenen König behalten, aber als der starb, hat Knut auch Wessex übernommen. Er hat das Land in Grafschaften aufgeteilt und an die Earls vergeben.“
„Unddasgrößteundreichstehaterunsgegeben!“,fielSveneinundgabsichüberlegen.„WarumistWessexjetztkeinKönigreichmehr?Sindwirjetztnichteigentlichdie Könige von Wessex?“
PaterCorwynstöhnteinnerlichauf.Dasfehltenoch,dassderJungesichFlausenin den Kopf setzte.
„Nein, der König ist der König, und zwar von ganz England. Wessex ist nur noch eine Grafschaft. Der vorletzte König von Wessex ist in die Normandie geflohen, zur Familie seiner Frau. Dann kam er zurück, um mit seinem Sohn gegen Knut zu kämpfen,abererstarbimApril1016.SeinSohnwarnurkurzKönig,erstarbimNovember desgleichenJahres,undseitheristKnutderKönigdesganzenLandes.“Ermachteeine Pause. „Wie hießen die beiden letzten Könige von Wessex?“
„AethelredundseinSohnEdmundIronside“,antworteteHarold.
„Richtig“,bestätigtederPater.„EigentlichistdaseineIronie.Aethelredbedeutet ‚edler Rat‘, aber er hat den Rat seiner Edlen nicht angenommen. Die hätten lieber gekämpft, als sich mit immer mehr Zahlungen von den Wikingern loskaufen zu wollen. Stattdessenhatteersie nur noch mehrangelockt.“Dasgriffetwaszukurz,aberderPater wolltekeinepolitischeDiskussionmitdenJungsbeginnen,schongarnichteine,dieihr Bild von König Knut beschädigen würde.
Edith hatte der gesamten Unterhaltung zugehört. Sie war schon lange fertig, das Pergament war vollgeschrieben mit kleinen, sauberen Buchstaben.
„Das hast du schön gemacht“, lobte der Pater, dann wandte er sich wieder seinen anderen beiden Schülern zu. Sie rechneten noch ein wenig, doch dann war es mit der Konzentration vorbei und Pater Corwyn ließ sie gehen.
Als sie zur Tür hinausrannten, kam ihnen Gytha entgegen. Sie brachte dem Pater einen Krug frisches Bier, etwas Brot und Schinken.
„DankefürEureMühen,Pater“,sagtesie.„Wiemachensichdiebeiden?“ Er nahm einen Schluck vom Bier und griff nach dem Brot.
„Harold ist ein kluger Kerl, und sehr wissbegierig. Aber Sven ...“ Er schüttelte den Kopf. „Er vergeudet seinen Geist.“
„Und Eure Zeit, Pater. Es tut mir wirklich leid“, antwortete Gytha. Sie schwiegen einen Moment. Dann sagte sie mehr zu sich selbst:
„Wassollnurausihmwerden?“
DerPaterjedochdachtebeisich:„UndwassolleinstausWessexwerden?“
„Freispruch!“
DerBoterittohneRücksichtaufdieWacheamToroderaufsonstjemanden mitten in den Godwin‘schen Hof und rief wieder „Freispruch!!“
Sofort liefen die Bewohner zusammen, Rufe der Freude und des Dankes wurden laut.
GythastandbeiihrerHütte.SiewarhochschwangerundhattedenjüngstenSpross der Familie, den fünfjährigen Leofwine, an der Hand. Vor lauter Erleichterung hätten ihr fast die Beine versagt. Doch sie nahm sich zusammen und kam zu dem Reiter, so schnell es ihr Zustand erlaubte.
„Sitztabundkommtherein!Erzähltmiralles!WannkommtderEarl?“ Der Reiter sprang vom Pferd und verneigte sich kurz.
„Ichweißnichtmehralsdas,Mylady.DerHerrkommtinetwazweiTagen,aberer hieß mich, vorauszureiten und Bescheid zu sagen. Er weiß, dass Ihr Euch sorgt.“
Das war bei weitem untertrieben. Gytha war krank vor Angst gewesen.
AuchHaroldwardurchdieRufedesBotenaufmerksamgeworden.Erkamausden StällenherbeiundgriffnachdenZügeln,umdasabgehetztePferdaneinenWassertrog zu führen.
„Wiegehtesihm,Mann?“,fragteerdenBoten.
„Er ist bei guter Gesundheit, wie immer, Herr. Er sagt, Ihr sollt euch nicht sorgen, und er würde alles erzählen, sobald er da ist.“
Das war wenig befriedigend, aber im Moment war nicht mehr zu erfahren. Harold kümmerte sich um das Pferd, während Gytha den Mann in die Hütte mit dem Herdfeuer brachte, wo er sich stärken konnte.
*
Vielwarpassiert,seitderBardevorsechsJahrendenHofbesuchthatte.ImJahrdarauf war König Knut verstorben, er war Anfang vierzig gewesen. Sofort war ein heftiger Kampf um die Nachfolge entbrannt.
KnuthattedreiSöhnevonzweiFrauen.MitseinererstenFrau,AelfgifuvonNorthampton, hatte er die Söhne Sven und Harald. Letzteren nannte man inzwischen Hasenfuß, nicht etwa, weil er ein Feigling gewesen wäre, sondern weil sein Schritt bei der Jagdsoschnellundleisewar.DiebeidenwarendieNamenspatronefürGodwinsSöhne gewesen. Von seiner zweiten Frau, Königin Emma von der Normandie, hatte er einen Sohn,Hardaknut.KönigKnuthatteverfügt,dassHaraldüberEnglandherrschensollte, HardaknutüberDänemarkundSvenüberNorwegen.Svenwarallerdingsebenfallsgestorben,esbliebenalsonurzweiSöhnevonverschiedenenMüttern.KöniginEmmawar natürlich bestrebt, ihren eigenen Sohn Hardaknut auf dem englischen Thron und als KönigüberdasGroßreichzusehen.Godwinunterstütztesiedabeizunächst.Hardaknut musstesichallerdingserstimStammlandDänemarkdieThronfolgesichernundkonnte nicht in England zugegen sein. Der englische Rat der Edlen, die Witan, sprachen sich, dem Wunsch König Knuts folgend, für Harald aus, und so wurde dieser im gleichen Jahr,1035,inOxfordzumKöniggewählt.HaraldfandimNordenEnglandsvieleUnterstützer,derSüdenjedoch,allenvoranWessex,standweiterhingegenihn,undeskam immerwiederzuKämpfen.UmdasProblemzulösen,wurdefestgelegt,dassHaraldso lange England regieren sollte, bis Hardaknut selbst über das Meer kommen konnte.
Um die Lage noch komplizierter zu machen, stellten auch die Söhne Königin EmmasausersterEheAnsprücheaufdenenglischenThron.DennEmmawardiegleiche Frau,dieschoninersterEhemitAethelredverheiratetgewesenwar,ebenjenemKönig vonWessex,denmanspäterdenUnberatenennannte.IhreSöhneAlfredundEdward waren seinerzeit in die Normandie zur Familie der Mutter geflüchtet und sahen jetzt eine, wenn auch geringe Chance, die alte Königslinie von Wessex wieder aufleben zu lassen. Alfred hatte von der Normandie aus übergesetzt, vorgeblich, um seine Mutter in der alten Königsstadt Winchester zu besuchen, doch er war den Männern von Earl Godwin in die Hände gefallen. Niemand wusste, wie groß die Streitmacht war, die er hätte aufbringen können, und ob es eine solche Streitmacht überhaupt gab. Godwin wollteauchnichtabwarten,biseresherausfand.InzwischenhatteerimStreitderKönige die Seiten gewechselt und übergab Alfred an König Harald.
Die anderen Edlen rätselten darüber, warum der Earl von Wessex wohl die Seiten gewechselthatte,docheinGodwinhatteesnichtnötig,sichzuerklären.Erhatteseine Gründe.Außerdemwaresunklug,einenKönigimeigenenLandzuignorieren.Vorallem,wenndieserKönignichtdieAbsichthatte,seinemBruderkampflosdenenglischen Thronzuüberlassen.SchließlichkonntemansichvonHaraldebenfallseinAnwachsen vonMachtundAnsehenerhoffen,sofernmanihmguteDienstebot.Unddamitkannte sich der Earl aus. Leider kam der gefangene Alfred nicht mehr beim König an. Er war geblendet worden und starb an den Folgen der Verwundungen.
Dann war Harald im März 1040 überraschend in Oxford gestorben. Hardaknut landetemiteinerFlotteimJuniinSandwichundbestiegumgehendundohneweiteren Widerstand den englischen Thron.
Nun begann das große Abrechnen. Godwin war einer der ersten, die Hardaknut sichvornahm.Erwarihmgram,dassGodwindieSeitengewechselthatte,undernahm ihmdenTodseinesHalbbrudersAlfredübel.GodwinwarvorGerichtgestelltworden und die Familie hatte mit dem Schlimmsten gerechnet, aber das Urteil lautete nun, für viele überraschend, Freispruch.
Gythakonntekaumabwarten,bisihrMannendlichwiederbeiihrwar.Eswarspät im Jahr und die Wege waren schlecht, es konnte also noch etwas dauern. Sie vertrieb sich die Zeit damit, die bereits für die Flucht gepackten Truhen wieder auszupacken. Eswäregutmöglichgewesen,dasssieallesverlorenhätten;selbsteinTodesurteiloder ein heimtückischer Giftanschlag wäre möglich gewesen. Gytha durfte gar nicht daran denken.
*
Auch für die Kinder des Earls hatte sich viel verändert. Nicht nur Sven lebte nun bei denHousecarls,auchHaroldlerntedenUmgangmitdenWaffen.SiewarenjetztzwanzigundachtzehnJahrealt.SventriebsichallerdingsviellieberindenDörfernderUmgebungoderinChichesterherum.Auchjetztwarernirgendszusehen.Haroldsattelte dasPferdabundriebestrocken.ErhättedasaucheinemderStallburschenüberlassen können, aber er kümmerte sich gerne um die Pferde; er mochte diese Tiere sehr. Auf einer Weide konnten sie große Ruhe ausstrahlen, und in vollem Galopp waren sie ein Urbild für Kraft und Freiheit. Er suchte ihre Nähe, wann immer er konnte.
Harold war zu einem freundlichen, offenen und wissbegierigen jungen Mann herangewachsen. Auch er war froh und erleichtert, dass die Familie und vor allem der Vateroffenbarsicherwaren.Svenwürdenochfrühgenugdavonerfahren,aberjemand müsste Edith Bescheid geben. Sie war bestimmt ebenfalls voller Sorge. Harold dachte zurück an den Tag vor drei Jahren, als Edith den Hof verlassen musste und in die Abtei von Wilton gebracht worden war. Damals war sie zwölf Jahre alt gewesen. Es war ein denkwürdiger Tag, denn am Abend zuvor hatte Tostig die Scheune abgefackelt. Harold hatte ihn aus dem brennenden Gebäude kommen sehen. Er war allerdings der Einzige, der wusste, wer an dem Brand schuld war. Nun, nicht ganz. Edith wusste es auch, denn Tostig war sofort zu ihr gerannt, um das Missgeschick zu beichten. Aber alsderVaternachdemSchuldigengefahndethatte,hattesieihnangelogenundgesagt, Tostig sei den ganzen Abend bei ihr gewesen. Den jüngeren Bruder zu schützen und ihmausallenUnbildenherauszuhelfen,warwieeinReflexfürEdithgeworden.Eswar fürGodwinnichtfestzustellen,wiedieScheuneinBrandgeratenwar.Haroldhattenie herausfinden können, was Tostig dort überhaupt mit einer Fackel wollte. Der jüngere Bruder war bald sehr verschlossen geworden, nachdem Edith weg war. Sie war seine Vertraute gewesen, seine beste Freundin und sein Schutz gegen alle, von denen er sich abgelehntundverspottetfühlte.Jetztmussteeralleinzurechtkommen.Inzwischen
