Die Kinder vom Hühnerberg - Eberhard Schiel - E-Book

Die Kinder vom Hühnerberg E-Book

Eberhard Schiel

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Beschreibung

Anliegen dieses Buches ist es, einer heute verstärkt zu beobachtenden Verklärung der damaligen Ereignisse in der DDR den Zahn zu ziehen, der Nostalgie nicht zu viel Raum zu geben und die wahren Verhältnisse aus dem Blickwinkel eines heranwachsenden Kindes zu sehen, wobei die erzählten Geschichten auf zwei Sprachebenen dargeboten werden, eben der des Kindes, und der des Autors. Im Mittelpunkt der Konfrontation mit den damaligen Ereignissen steht die Auseinandersetzung zwischen mir und meinem Bruder, dem naiven Kind und dem schon staatsbewußten Bruder und FDJ-ler, wobei der Humor nicht auf der Strecke bleibt.

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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Eberhard Schiel

Die Kinder vom Hühnerberg

Nachkriegs-Geschichten aus Stralsund

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel: Tod und neues Leben

2. Kapitel: Die Russen kommen

3. Kapitel: Umzug auf den Hühnerberg

4. Kapitel: Mein Bruder Wolfgang

5. Kapitel: Spiele und kaum Brot

6. Kapitel: Silvester bei Onkel Werner

7. Kapitel: Der Krieg der Kinder

8. Kapitel: Schulzeit

9. Kapitel: Das erste Stralsunder Bäderrennen

10. Kapitel: Der Gingster Großbrand

11. Kapitel: Die Weltfestspiele in Berlin

12. Kapitel: Dialog zwischen Reiter und Pferd

13. Kapitel: Hartmuth sucht die Hauptstadt der DDR

14. Kapitel: Weihnachten

15. Kapitel: Romantik auf dem Friedhof

16. Kapitel: Erste erotische Untersuchung

17. Kapitel: Wir lernen Russisch

18. Kapitel: Besuch in Westberlin

19. Kapitel: Der Sozialismus zieht über den Frankendamm

Impressum neobooks

1. Kapitel: Tod und neues Leben

Ich habe lange überlegt, mit welchem Transportmittel ich durch die Geschichte meiner Kindheit reisen werde. Ein Flugzeug ist zu schnell, auf dem Rücken einer Riesen-Schildkröte bin ich zu langsam, daher fiel die Entscheidung für ein Pony, das man ja heute, wie alles auf der Welt, kaufen oder ausleihen kann. Wir nennen es einfach “Liese”. Sie schafft das schon, wenn wir auch mal schneller, mal langsamer laufen, vielleicht auch gelegentlich stehen bleiben, oder, wenn das Pferdchen bockt, einige Schritte zurück traben, dann wieder nach vorne preschen, so wie es seine Laune gebietet. Wenn wir an gewissen Stellen unseres Weges stolpern, in eine Sackgasse geraten sollten, uns verirren, so ist das weiter nicht schlimm. Da kommen wir schon raus. Habt also Nachsicht mit uns. Seid tolerant gegenüber dem Temperament meines Pferdes und meinem nachlassenden Gedächtnis.

So, nach dem dieser Punkt auch geklärt ist, geht es gleich los. Die “Liese” wird schon ganz unruhig. Na, dann komm! Ich zeige dir die Stationen meiner Kindheit, führe dich dort hin, wo auch ich einst ein Wildfang gewesen bin. Ja, lach` nur. Du wirst schon sehen. Bei dir bleibt das Alter auch nicht stehen. Das sag` ich dir: Irgendwann kommt die Zeit, da du nur noch von der Erinnerung zehrst. Eventuell - und das wäre sehr anständig von dir - erscheine ich dann in deinem Rückblick und du denkst an den Ausflug mit dem schreibenden Reiter. Jetzt packen wir erst einmal die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in den Futtersack und entfliehen der Langeweile.

Ja, nun mach hin! Warum geht es nicht los? Hast du etwas in den falschen Hals gekriegt? - Aha, ich ahne es. Du möchtest gerne wissen, was es mit den Zeitformen auf sich hat, stimmt`s? Dann spitze mal deine Ohren. Vergangenheit ist alles, was ich gleich erzählen werde. Die Gegenwart steuert auf dich zu, wenn wir uns beide unterhalten. Und zur Zukunft gehören alle meine Träume, die stets unerfüllt bleiben. Alles klar? Pferdchen nickt. Wir starten:

Es war am 28. August 1942, da in der Privatklinik von Dr. Karl in der Tribseer Straße 30 ein neuer Reichsdeutscher geboren wurde. Spötter haben diese Adresse gern als “Drei-Mörder-Haus” bezeichnet, weil dort neben diesem Arzt noch zwei weitere Mediziner arbeiteten. In jenem anrüchigen Gebäude hat man mich also aus dem geborgenen Schoß der Mutter in die raue Wirklichkeit des Krieges gezerrt. Es geschah unter künstlicher Beleuchtung, die nicht nach draußen scheinen durfte wegen eines drohenden Fliegerangriffs. Düstere Aussichten sind vorprogrammiert. Aber noch breitet der Reichsadler auf meiner Geburtsurkunde seine mächtigen Schwingen aus. Das Hakenkreuz ist fest an seinen Krallen verankert. Er glaubt noch nicht, was einst mit ihm geschehen wird. Der deutsche Raubvogel hat die halbe Welt erobert, ist über die Oder und die Weichsel immer weiter nach Osten geflogen. Er drehte an der Wolga weiter südlich auf Stalingrad zu, machte einen Abstecher zu den Ölfeldern des Kaukasus. Niemand hielt ihn in seinem Höhenflug auf. Er träumte schon von neuer Beute, wollte ganz Russland unter seine Fittiche nehmen. Der Größenwahn bricht ihm das Genick, als er erneut um Stalingrad kreist. Da nimmt er Kurs auf sein Verderben. Dort fliegen die Fetzen. Er wird verwundet. Das Federkleid ist zerzaust. Unter Hunger und Durst leidend, sucht der einst so stolze Diktator der Lüfte Schutz in den russischen Wäldern. Partisanen lauern ihm auf. Nach einer schweren Verwundung bleibt er am Boden liegen, kriecht noch mit letzter Kraft über die verbrannte Erde, schutzlos dem russischen Bären ausgeliefert, der ihn seit Stalingrad verfolgt. An der Oder bäumt sich der Adler noch einmal gegen das Ungeheuer mit dem roten Stern auf. Dann ist es um ihn geschehen. Er haucht vor der Reichskanzlei, wo alles begann, sein Leben aus. Wenn ihm dieses Schicksal ein Hellseher in dem Jahre, da ich geboren wurde, vorausgesagt hätte, wäre er auf der Stelle erschossen worden.

Für die Zeit meiner Geburt im August 1942, bis zum Kriegsende im Mai 1945, zehre ich nur von einem einzigen Bild des Vaters, von dem ich nicht einmal weiß, ob die Skizze dazu nicht durch Mutters spätere Erzählung entstanden ist. Ich sehe meinen Vater, wie er mich auf sein Fahrrad setzt. Er lenkt mich ein Stück des Weges, so als wolle er mir symbolisch eine Starthilfe für mein weiteres Leben geben, für ein Leben, das ohne ihn stattfinden wird. Anschließend verschwindet der Vater völlig aus meiner Erinnerung. Papa ist nicht mehr da. Mutter sagt nur, er sei da oben im Himmel, bei den Engeln. Dort würde er mit ihnen singen. Er hätte schon als Kind im Chor gerne Lieder angestimmt. Na, ja, ich sollte nicht traurig sein. Das Leben müsste irgendwie weiter gehen. Wir würden uns neu einrichten. Der übliche Trost für kleine Kinder. Kein Kommentar. Ich nehme alles zur Kenntnis. Aber ich vermisse ihn, und Mitbegründer der “Plattdütsch Späldäl to Stralsund”, den unermüdlichen Bastler, Fotografen, Zeitungsschreiber, und natürlich, in erster Linie, den lieben Vater.

In seiner Hosentasche fand man einen Zettel, auf dem geschrieben stand: “Ich bin von den Angehörigen der Roten Armee immer gut behandelt worden.” Die pure Angst hatte ihm die Feder diktiert. In Wirklichkeit musste er etliche Schikanen erdulden. Zuletzt noch bei seiner Beerdigung. Er wurde, angeblich aus Sicherheitsgründen, nicht in einem Sarg aufgebahrt. Sein Leichnam steckte in einem Papiersack. Auf einem Karren brachte man ihn auf den Friedhof. Einzige Freiheit: Mutter durfte um ihn weinen, aber das ging nicht, denn die Quelle, aus dem das Leid nach außen dringt, war bereits versiegt.

Die Mutter spricht in dieser Zeit wenig über die Vergangenheit. Sie ist überhaupt recht wortkarg. Erst Jahre später, als die Mangelwirtschaft in der DDR ihre ersten Vorboten sendet, der Strom unverhofft abgeschaltet wird, unterhält sich meine Familie bei Kerzenschein über das, was ich nicht bewusst erlebt habe. Ich bekomme eine Identität. Sie wächst langsam, doch vom “Drei-Mörder-Haus” erfolgt zunächst mein Umzug in die Dienstwohnung des Vaters, Greifswalder Chaussee 6a. Es riecht hier mächtig nach Gas, besonders, wenn der Druck aus dem großen Kessel abgelassen wird. Ohnehin dreht sich alles in der Familie - wenn nicht gerade vom Krieg gesprochen wird - um das Gaswerk. Vater ist als Werbeleiter beschäftigt, Onkel Hans arbeitet auch im Büro, und Opa Schiel verwaltet die Rohrleitungen. Wenn nicht gerade Krieg wäre! Es ist aber Krieg. Darum sage ich als erstes deutlich gesprochenes Wort auch nicht “Mama” oder “Papa”, sondern “Buttertonni”. Gemeint war allerdings kein Depot für Lebensmittel, sondern eher ein maritimer Begriff, der aktuell einen militärischen Anstrich erhielt. Es ging um Kriegsnachrichten. Schließlich horchte Vater jeden Tag am Radio die Meldungen ab, wie viele feindliche Schiffe mit wie vielen Bruttoregistertonnen von unseren U-Booten versenkt worden sind. Der Mann aus dem Volksempfänger machte mich darauf aufmerksam. Von ihm hatte ich das Wort gehört und einfach in Kurzform nachgesprochen.

Eines Abends, da mal wieder mitten im “Mensch-Ärger-dich-nicht”- Spiel der Strom abgeschaltet wird, legt Mutter verärgert die Brille beiseite, holt tief Luft und zündet dann eine bereits in Reichweite befindliche Kerze an. Und ein Lächeln huscht über ihre ausgetrockneten Lippen. Sie sagt:

“Weißt du noch, Bübi, wie du - als wir noch auf der Greifswalder Chaussee wohnten - wie du da plötzlich auf den großen Gasbehälter geklettert bist? Du warst noch nicht mal drei Jahre alt. Ach, nein, dann kannst du es ja gar nicht wissen. Also, ich ging in den Garten. Du hinter mir her. Hieltst dich an meiner Kittelschürze fest. Ich ahnte nichts Böses. Mitten beim Unkraut ziehen schaute ich nach dir. Du warst verschwunden. Ich dachte: so ein kleiner Kerl wird sich doch nicht in Luft auflösen. Die Nachbarin, Frau Ewert, rief plötzlich: `Frau Schiel! Der Bübi ist da oben. Das gibt`s ja gar nicht. Der klettert da auf dem Gasbehälter rum. Erschrecken Sie ihn nicht, Frau Schiel. Er kommt von ganz allein wieder runter.` Frau Ewert behielt recht. Du bist wie ein kleiner Dackel zu mir an die Schürze gekrabbelt. So als wäre nichts gewesen.”

Warum hatte ich diesen Höhenflug unternommen? Religiöse Gründe, etwa dem lieben Gott etwas näher zu sein, schieden aus. Das Schicksal hatte uns während des Krieges zu hart bestraft. Selbst wir Kleinkinder glaubten nicht mehr an Gott. Was war es dann? Etwa der erste Versuch sich abzuheben von der grauen Masse. Einmal ganz oben zu stehen, wo keiner schimpft und tadelt und dich zurechtweist. Oder bin ich einfach der inneren Neugier gefolgt? Wollte ich als Erster in Erfahrung bringen, was es mit den weißen Tannenbäumen auf sich hat, von denen die Erwachsenen immer redeten, wenn es am Himmel dröhnte und brummte. Wahrscheinlich kommt dies der Tatsache am nächsten. Ich dachte, wenn sie davon anfingen, im Himmel ist Weihnachten. Mitten im Frühling. Der liebe Gott beschert seine Engel zu einer anderen Jahreszeit als der Weihnachtsmann die Kinder der Erde. Hätte ja sein können. Das war für mich eine Entdeckung, die nur mir allein gehören sollte. Stolz kehrte ich von der Stufenleiter meines ersten Erfolges wieder zurück in den Garten.

Später, viel später, dringt die wahre Geschichte über die Tannenbäume am Himmel ans Licht der Erkenntnis. Dazu bin ich im März 2013 mit einer Zeitzeugin verabredet. Sie lebt im “Betreuten Wohnen”, ist 88 Jahre alt und seit 70 Jahren meine Schwester. Inge hat sich gut auf die Fragen ihres Bruders vorbereitet. Auf dem Tisch liegen Briefe, alte Zeitungen und Fotos ausgebreitet. Wir kommen über die Ereignisse des Bombenangriffes ins Gespräch. Inge erzählt:

Der 6. Oktober 1944 war einer jener hellen und goldenen Herbsttage, wie sie bei uns oft zu erleben sind. Die Insel Hiddensee mit dem Leuchtturm auf dem Dornbusch lag zum Greifen nahe. Besucher am Hafen freuten sich über die weite Sicht zum “Söten Länneken”. Arglos gingen die Leute in der Mittagssonne spazieren. Die wenigsten Stralsunder hatten die 11-Uhr-Luftlage im Radio gehört. Sie besagte, dass ein starker Fliegerverband über der Nordsee in Richtung Schleswig-Holstein gesichtet worden sei. Um 11.45 Uhr gingen die Sirenen. Vollalarm für Stralsund. Um 12.30 Uhr fielen die ersten Bomben auf die Altstadt. Bei uns am Gaswerk wurde der Sportplatz Süd getroffen. Wir standen große Ängste aus. Es schlug rechts und links von uns ein. Wir hörten die Detonationen. Im Luftschutzkeller fiel der Putz von der Decke. Der Fußboden erzitterte. Wir zuckten unwillkürlich zusammen, wenn es krachte, mir wurde übel. Jemand sagte: `Wenn eine Bombe im Gasbehälter explodiert, sind wir verloren.` Diese Worte beherrschten den Raum. Dann Schweigen. Jeder war mit den Gedanken bei seiner Familie. So ging das eine halbe Stunde lang: Immer nur Abwarten auf das, was über uns geschieht, und die Hoffnung im Herzen tragen, dass die Unsrigen vom Bombenterror verschont bleiben. Dreißig Minuten wurden eine Ewigkeit. Auf einmal Stille. Ende des 1. Aktes. Zwei weitere folgten, wie im Theater, doch das hier war kein Theater, es war grausame Wirklichkeit. Plötzlich verstummte das Geräusch der Motoren. Endlich hörte das entsetzliche Getöse der Flugzeuge auf. Sie waren wohl abgedreht. Hatten ihren Auftrag erfüllt. Papa bestätigte unsere Vermutung. Er ging aus seinem Büro in den Luftschutzraum und rief uns zu: `Der Angriff ist vorbei. Kommt raus!` Unser Vater machte sich sogleich Sorgen über Oma Matzanki, die im Großen Diebsteig wohnte. Die Gegend sollte, wie man erfuhr, stark betroffen worden sein. Er lief so schnell er konnte zu ihr. Sie war nicht mehr da. Papa sah noch die Rauchschwaden, die schwelenden Deckenbalken, verkohlte Möbelstücke, von der Glut versengte Textilien. Er sah die Trümmer, aber kein Haus. Omas Heim war eine Adresse für Leichen geworden. Papa hatte anschließend überall nach ihr gesucht und sie nicht gefunden. Keiner wusste genau, wo die Toten des Bombenangriffs aufgebahrt wurden. Es waren zu viele. Man sprach schon von über achthundert Opfern. Unser Vater rannte verzweifelt durch die Straßen der Stadt, drängelte sich an blutverschmierten Leibern vorbei, an Leuten, die völlig geschockt auf ihrer letzten Habe saßen. Auf seinem Weg nach Nirgendwo sah er brennende Häuser, Rauch geschwärzte Gesichter, halb verrückt gewordene Menschen. Er taumelte von Leichenhalle zu Leichenhalle, fragte im Krankenhaus, in der Not-Ambulanz und bei ihm bekannten Ärzten nach dem Verbleib unserer Oma. Die Sanitäter, die er um Auskunft bat, hatten nicht einmal Zeit ihm zu antworten. Papa drehte die grausam verstümmelten Körper eigenhändig um, sah in die Grimassen des Todes und wurde selbst halb irre. Im Chor der kleinen gotischen Johanniskirche endete seine Odyssee. Der Schluss entbehrt nicht einer makabren Fußnote der Geschichte. Unser Vater war erleichtert, Oma Matzanki wenigstens als Leiche identifiziert zu haben, damit er sie christlich beerdigen konnte. Welch ein Wahnsinn, nicht wahr?

2. Kapitel: Die Russen kommen

Monate später marschierte die Rote Armee in Stralsund ein. Mein Vater machte, wie eingangs erwähnt, die kürzeste Bekanntschaft mit der russischen Besatzungsmacht. Ein solcher Zustand widerstrebte seinen politischen Ambitionen. Sein Weg führte ihn schließlich vom Evangelischen Jünglings-Verein hin zur Romantik, von dort unter dem Kaiser zum Patriotismus und letzten Endes, seit dem Machtantritt der Nazis, zu militanten Gefühlen. Er träumte von Deutschlands Größe, von der Tilgung der Schmach am Ende des I. Weltkrieges. “Der Verrat durch den Feind im eigenen Land darf künftig nicht mehr zugelassen werden”, lese ich in seinen Tagebüchern. Er glaubte bis zum Schluss ebenso an den Endsieg wie an das Evangelium, an Hitler wie an Gott. Der Nationalsozialismus war ja gerade für ihn, dem typischen Vertreter des deutschen Kleinbürgertums - zumindest in der Theorie - irgendwie maßgeschneidert. Raus aus der Deckung, sich wieder als starke Militärmacht der Welt präsentieren, zum Angriff übergehen, Rache für Versailles nehmen, das war ganz nach dem Geschmack eines breiten Teils der Bevölkerung. Nur der Erzfeind fehlte zunächst, bis Hitler ihn am “Bolschewistischen Weltjudentum” festmachte.

Manchmal frage ich mich, ob Vater von der grausamen Judenvernichtung wusste Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, denn sein Schwager war während der Nazizeit als Jurist in der Stadtverwaltung tätig. Onkel W. nahm an den wöchentlichen kommunalpolitischen Besprechungen teil, wie aus den entsprechenden Akten ersichtlich ist. Gelegentliches Thema: “Maßnahmen gegen Juden”. Was meinen Vater nun veranlasst hat Mitglied der NSDAP zu werden, finde ich ebenfalls in Unterlagen des Stadtarchivs. Ihm wurde mehrmals eine beantragte Gehaltserhöhung verweigert. Als Pg bekam er sie sofort. Denunziert oder anderswie geschadet hat er niemanden. Im Gegenteil. Mutter erwähnte diesbezüglich, er habe sich in den letzten Kriegstagen für einige Kollegen des Gaswerks eingesetzt, damit sie nicht zum Landsturm gezogen wurden. Solch ein Hilfsdienst setzt zwar einen gewissen Einfluss in der Partei voraus, aber in diesem Fall auf unterster Ebene. Für die Deportation jüdischer Mitbürger Stralsunds - der ersten in Deutschland überhaupt - zeichnete eine anderer Genosse verantwortlich, der OB Dr. Werner Stoll. Ihm krümmte man meines Wissens in Schleswig-Holstein, wohin er sich vor dem Einmarsch der Russen absetzte, kein Haar. Vater dagegen blieb in Stralsund, zumal ein früherer Versuch sich in Bielefeld eine Arbeitsstelle zu suchen fehlschlug. Ein Mann mit kinderreicher Familie war damals nicht sehr begehrt auf dem Arbeitsmarkt. Also hieß es aushalten bis die Russen kommen. Sie schikanierten ihn, er hielt dem Druck nicht mehr stand, verabschiedete sich von dieser Welt, die er nicht mehr aushalten mochte. Für uns hatte sein Entschluss schwerwiegende Folgen, die das ganze weitere Leben in der Familie beeinflussten.

Nun waren wir nur noch zu Viert. In kalten Wintertagen, da wir alle näher an den Ofen rücken, erzählen meine älteren Geschwister und die Mutter, wo der Rest geblieben ist. Meine Ohren sind auf Empfang gestellt. Das Kleinhirn erhält den Befehl: “Jetzt speichern!” So bringe ich in Erfahrung, wie meine Schwester Inge mit Renate und Hans-Joachim aufwuchs. Alle drei erblickten nach einander das Licht der Welt, zwischen 1924 bis 1926. Sie bildeten ein Dreigestirn, das eine besonnte Kindheit verlebte. Dafür sorgte schon der umtriebige Vater. Er bastelte für sie einen Kaufmannsladen, eine Puppenstube, ein Kasperle-Theater, ein Segelboot. Er weihte Jochen in die Geheimnisse der Laubsäge-Arbeiten ein, er sang mit seinem Trio, machte eben all das, was die Herzen der Kinder höher schlagen lässt. Auf vielen Fotos sieht man die Geschwister zusammen spielen. Sie schienen unzertrennlich zu sein. Da schlug es zum ersten Mal in der Familie ein. Ich wurde schmerzlich daran erinnert als ich vor Jahren einige Aufnahmen von Renate fand. Sie lagen in einer Lohntüte der Deutschen Reichsbahn. Auf der Rückseite des Umschlags stand geschrieben: “Sicherheitsposten lasst Euch nicht ablenken!” Fettgedruckt am seitlichen Rand liest man: “Versichere Dich bei der Deutschen Reichsbahn-Sterbekasse.” Ein ungewollter Bezug zu Schwester Renate. Ihre Fotos erschrecken mich. Ich hole den Tod ans Tageslicht, und erkenne das Innere der Heiliggeistkirche. Sie ist meine Versöhnungskirche gewesen. Auf einem der Fotos liegt Renate friedlich schlummernd in der offenen Bahre, flankiert von vier Kandelabern. Die Kerzen sind schon angezündet. Rings um den Sarg Blumenkränze. Auf dem weißen Leichentuch ebenfalls frische Blumen. Die Trauerfeier steht kurz bevor. Ich schaue in ihr Gesicht. Es ist unterhalb der Nase durch dunkle Flecken gekennzeichnet. Da schläft keine Prinzessin. Renate war nicht hübsch. Ob sie darunter gelitten hat? Ich weiß es nicht. Kinder, die von der Natur etwas benachteiligt werden, sollen es in der Schule mitunter nicht leicht haben. Bei Renate sah man wohl darüber hinweg, weil ihre nette Art ihr viel Sympathie einbrachte. Jedermann hatte sie gern. Die ganze Klasse nahm von Renate Abschied. Sie starb an einem sonnigen Apriltag an Scharlach. Meine Mutter fehlte bei der Beerdigung. Aus biologischen Gründen. Ich war auf dem Vormarsch. Mein Herzschlag setzte schon Signale. Ich funkte in die aus den Fugen geratene Welt, wie dicht manchmal Leben und Tod nebeneinander liegen können. Mutter wurde im schwarzen Kleid zur Geburtsklinik gefahren. Am 28. August um 22.15 Uhr war es soweit. Ich kam zur Welt. Manchmal, aber nur an bestimmten Tagen, denke ich, die Mutter wird unter den gegebenen Umständen nicht ganz bei der Sache gewesen sein. Sie hat mich nur halb geboren. Der andere Teil wird irgendwann nachgeliefert. Doch ich warte vergebens auf ein Wunder.

Ein Jahr nach meiner Geburt meldete sich Jochen freiwillig an die Front. Er wollte bei der Neuordnung der Welt unbedingt dabei sein. Je früher, desto besser. Den Kurs hatte ihm der Vater bereits abgesteckt. Zuerst rein in die Hitler-Jugend. Dort sollte er für Ordnung und Sauberkeit auf den Straßen sorgen. In jeder Beziehung.

Als ich viele Jahre später meine Schwester Inge fragte, was denn damals unter Ordnung zu verstehen war, sagte sie: “Na, Jochems Trupp hat aufgepasst, dass sich Jugendliche auf der Straße gesittet gegenüber den Erwachsenen benehmen.” Dann war die Hitlerjugend eine Ordnungspolizei der Minderjährigen? Im Warschauer Ghetto wurde für Männer und Frauen auch eine Ordnungspolizei eingesetzt, für Juden, die erschossen wurden, weil sie sich nicht anständig gegenüber der SS benommen hatten. Aber lassen wir das Thema. Ich habe darüber ein Buch geschrieben. Mir wird schlecht, wenn ich etwas über die sprichwörtliche deutsche Ordnung höre oder lese. Gerade im Zusammenhang mit den Gräueltaten der SS.

Ja, wie ging es weiter mit unserem Jochen. Was die schweigsame Mutter nicht sagt, erzählen Erinnerungsstücke von Jochen. Mein Vater hatte übrigens für jedes Kind ein Album und ein Tagebuch eingerichtet. Bei Jochen sind einige Zeichnungen eingeklebt worden. Vielleicht galten sie als Hausaufgabe im Zeichen-Unterricht. Dennoch befremdet mich die Studie des kleines Künstlers Jochen Schlei, die da unter titelt ist: “ SA marschiert, die Reihen fest geschlossen!” Den Eintritt in die HJ kann man wohl noch als normal für die damalige Zeit betrachten, aber die Begeisterung, mit der der Pimpf Hans-Joachim über das Lagerleben berichtet, ist schon arg bedenklich zu nennen. Mein Vater macht aus Jochems Schilderung einen Artikel für die Zeitung. Sie bewegen sich beide in eine verderbliche Richtung. So kam es schließlich, wie es kommen musste. In der Schule wird der Unterricht langweilig, weil einige ältere Kameraden, mit denen man zufällig befreundet ist, bereits abenteuerliche Briefe aus dem Feld schreiben. Die Leistungen lassen nach. Auf dem letzten Zeugnis vor dem Abmarsch an die Front steht nur einmal das Prädikat “gut” vermerkt. Im Sport natürlich. Ein großer Sportler wollte Jochen werden. Nun ist er Soldat.

Die erste Feldpostkarte erreicht die Heimat. Auffällig der dicke Stempel mit dem Aufdruck: “Zarewitsch-Einfallstor zum Warthegau - Alte deutsche Stadt des Ostens.” Jochen schreibt am 13. Oktober 1943:

“Liebe Eltern!

Zum Ersten Mal bin ich an Eurem Geburtstag nicht anwesend. Als Soldat im Wartheland grüße ich Euch auf das herzlichste. Früher kamen wir Kinder dann immer mit einem Blumenstrauß an Euer Bett und gratulierten. Nun treffen von Euren großen Kindern aus der Ferne Glückwünsche ein. So läuft die Zeit dahin.”

Von meinem ältesten Bruder sind nur wenige Briefe erhalten geblieben. Er schreibt über die Kameradschaft im Grenadier-Ersatz-Bataillon 458, über einstige Weggefährten, die entweder inzwischen befördert wurden oder schon gefallen sind. Er schreibt ferner über die schönen Tage des letzten Fronturlaubs, von Onkel Willis nettem Paket. Gelegentlich findet man zwischen den Zeilen einen Hauch von Romantik, gewürzt mit einer Priese Gefahr. Ansonsten Monotonie des Alltags. Wenig Ablenkung. Der Bau eines riesigen Bunkers für 200 Soldaten wird erst kurz vor seinem Tod fertig. Jochen sieht unter Tage den Film: “Der kleine Grenzverkehr.” Wo der Junge sich den Film ansieht, an welchem Abschnitt der Front er genau in Stellung ist, das bleibt militärisches Geheimnis. Er schreibt eben aus dem Osten. Das genügt. In einer Zeile ist von einem Fluss die Rede, der zum Baden einlädt. Mehr hat den Zivilisten an der Heimatfront nicht zu interessieren.

Wichtig für den Grenadier Jochen Schlei scheint die Beantwortung der Frage zu sein, ob denn das Paket mit den Rauchwaren unversehrt zu Hause angekommen ist. Diese Anfrage steht fast übermächtig im Raum. Mitunter gewinnt man beim Lesen der Briefe den Eindruck, unser Jochen wäre nur an der Ostfront, um für die Daheimgebliebenen Zigaretten zu besorgen. Hierzu gesellt sich noch das permanente Versprechen an meinen Bruder Wolfgang, ihm endlich die Splitter einer echten russischen Granate zu schicken. Groß aufgebauscht wird eine kleine Beinverletzung Jochems. Bald meldet er nach Hause: “Ich kann schon wieder Kopfstand machen und laufen wie ein Windhund!” Damit ging er sogar über die Forderungen seines Führers weit hinaus. Schnell wie ein Windhund sollte Grenadier Schlei schon sein, aber einen Kopfstand machen, bei dem geringen Sold, wäre nicht nötig gewesen. Hart wie Leder und zäh wie Krupp stahl war Jochen auch. Alles Eigenschaften, die sowohl für den Angriff als auch für den Rückzug zu gebrauchen sind. Nur stark wie ein Bär sein, diente allein der Offensive. Warum taucht die Stärke des Bären nicht in den Forderungen an die deutsche Jugend auf? Hat Hitler selbst nicht an den Endsieg geglaubt? Sah er in seinen Alpträumen den wütend gewordenen russischen Bären auf sich zukommen? Mein Bruder schweigt zu dem brisanten Thema. Man hat als Leser ohnehin das Gefühl, da formuliert jemand mit angezogener Handbremse die Grüße an die Heimatfront. Und dennoch finde ich in ihnen einige bemerkenswerte Hinweise auf meine Biografie. Jochen plaudert ein wenig mit den Eltern über meine Frühgeschichte. Es gibt ja, wie man so hört, einige Leute, die noch im hohen Alter an den lieben Gott die Frage richten, warum er sie eigentlich in die Welt gesetzt hat. Also, was mich betrifft, so kann ich ganz unbescheiden sagen: die ersten zwei Jahre meines Lebens dienten der Erhöhung der Wehrkraft im Osten. Dafür hätte ich mindestens das E.K. I verdient gehabt. Was der “Bübisch” nämlich alles an Mutters Herd und anderswo anrichtet, wird postwendend an die Ostfront gemeldet. Der Grenadier Hans-Joachim Schlei lacht darüber wie ein kleines Kind. Er antwortet sofort:”Was Ihr mir über “Bübisch” schreibt, das gibt es ja gar nicht. Da reißt der kleine Kerl doch glatt die Küchenschüssel um. Das ist vielleicht ein Racket. Berichtet mir, was er demnächst wieder anstellt. Er wird ja immer putziger. Nun baut Papa für den litten Wildfang einen Käfig, damit er im Garten nicht mehr zum Gasbehälter ausbüxen kann.”

Jochen muss sich disziplinieren. Das Heimweh steigt in ihm auf, die Sehnsucht nach dem nächsten Heimaturlaub wächst. Nicht daran denken, lautet seine Devise. Er berichtet vom belanglosen Dingen an der Front, legt ein Foto anbei, auf dem er einsam und allein im russischen Wald auf einem Holzstapel zu sehen ist. Jochen hält eine Flasche Sekt im Arm. Er blickt in Gedanken versunken zum Fotografen. Sein Lächeln wirkt gequält. Irgend etwas ist in ihm zerstört worden. Es offenbart sich ihm scheinbar die völlige Sinnlosigkeit des Krieges. Und mit diesem Wissen ist schlecht kämpfen. Ahnt er, dass ihn schon bald der Tod ereilen wird? Solche Vorahnung bei Soldaten soll keine Seltenheit sein. Entsprechend seines Gemütszustandes lässt er in seinem nächsten Brief der eingekapselten Seele einen gewissen Freiraum, etwa da, wo geschrieben steht: “Nun ist der erste aus meiner ehemaligen Klasse gefallen....Dieser arme Kerl musste schon so früh sein junges Leben hingeben. Im April fiel er. Wer wird wohl der Nächste sein?” Man spürt förmlich, wie die Seele für einen kurzen Moment nicht mehr im Gleichschritt marschiert. Sie gerät aus dem Takt. Doch einige Zeilen dahinter beklagt Jochen schon wieder die begonnene Invasion der Engländer und Amerikaner. Er hat sich wieder im Griff, wenn er großspurig tönt: “Die Spannung ist vorbei. Wir wissen nun, wo der Feind steckt und wo wir ihn packen können. Jetzt heißt es, den Engländer auf dem Kontinent zu vernichten und damit die Entscheidung des Krieges zu erzwingen.”

Mit dieser Drohung endet sein letzter Brief von der Ostfront. Datiert vom 11. Juni 1944. Was danach an Feldpost nach Hause geschrieben wird, trägt die Unterschrift des Kompaniechefs und des medizinischen Personals. Lassen wir zunächst den Oberstabsarzt Dr. Hering zu Wort kommen:

“O.U., den 12. Juli 1944 - Lieber Herr Schlei!

Es ist mir eine traurige Pflicht Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr lieber Sohn, der Gen. Hans-Joachim Schlei, am 27.6.1944 an den Folgen einer schweren Verwundung verstorben ist. Zu diesem schweren Verlust spreche ich Ihnen mein tiefempfundenes Beileid aus.

Nach dem Ihr Sohn schwer verwundet worden ist, sollte er, durch die Lage an der Front bedingt, mit einem Lazarettzeit in ein rückwärtiges Lazarett verlegt werden. Leider hat er durch die Schwere der Verwundung diesen Transport nicht überstanden. Ich kann Ihnen aber versichern, dass von Seiten der Ärzte alles getan worden ist, um dem tapferen Soldaten die Schmerzen seiner Verwundung zu erleichtern und ihm seinen Zustand erträglich zu gestalten. Irgendwelche Wünsche hat Ihr Sohn nicht mehr geäußert. ..

Der Nachlass Ihres Sohnes wird Ihnen gesondert zugeschickt werden.

Ihr Sohn wurde auf dem Heldenfriedhof in Baranowitsche im Beisein des Kriegspfarrers unter soldatischen Ehren beigesetzt.

Mit stillem Gruß!

Dr. Hering”

Na, gut. Nun kam es auf eine Lüge mehr oder weniger auch nicht mehr drauf an. In einem Punkt hielt der Arzt allerdings Wort. Er schickte unverzüglich den Nachlass des “gefallenen Helden” an meine Eltern. Im Anschreiben wird akribisch aufgelistet, was der Jochen in Besitz hatte: Bargeld in Höhe von 23 M, 1 Geldbörse mit Münzen, 1 Brustbeutel, 1 Notizbuch, 1 Spiegel, 1 leere Geldbörse, 1 Kamm. - Das ist alles preußisch korrekt. Aber was ist mit dem Todesdatum? Maschinenschriftlich lese ich, dass er am 29 Juni gestorben ist, jemand hat das Datum dann mit der Hand auf den 27. korrigiert, während Unteroffizier Altendorf Jochens Sachen am 28. aus dem Lazarettzug geholt hat.

Trotz dieser Ungereimtheiten lässt Vater diese Todesanzeige in die Zeitung setzen: “ Im festen Glauben an Deutschlands Endsieg starb an einer sehr schweren Verwundung am 27.6.44 i.e. Lazarettzug im Osten unser lieb. ältester Junge und Bruder, der Grenadier und Kompaniemelder Hans-Joachim Schiel im 19. Lebensjahr. Stralsund im Juli 1944.”

Unter den Namen der trauernden Hinterbliebenen auch Renate, die seit zwei Jahren nicht mehr lebt. Dafür fehle ich. Warum? Auch mit zwei Jahren kann man schon trauern. Das hat uns doch der Krieg gelehrt.

Wie gesagt, die Zweifel bleiben bestehen. Vater bittet um die Schilderung der näheren Umstände des Ablebens seines Sohnes. Ein gewisser Leutnant Müller antwortet am 8. August 1944 so: “Da die Einheit 10 879 b wegen Auflösung der Division nicht mehr besteht, wurde Ihre Anfrage vom 22.7. zum Abwicklungskdo. 727 b Gren. Ers. Btl. 488 Lindau i.B. gesandt. Ich hoffe, dass von dort wenigstens ein Teil Ihrer Fragen zufriedenstellend beantwortet werden kann. Gleichzeitig spreche ich Ihnen...”

Die üblichen Floskeln am Schluss solcher Briefe schenken wir uns. Bei seiner Danksagung an Leutnant Müller für dessen Beweise innerer Anteilnahme spricht Vater weiterhin vom Heldentod des Kriegsfreiwilligen Hans-Joachim Schiel. War das notwendig? Wurden andere Anzeigen gar nicht erst angenommen? Ich weiß es beim besten Willen nicht. Eine andere Frage drängt sich mir auf. Hatte Jochen eine Freundin, die damals um ihn weinte? Wie vieles andere, ist man auch hier auf Vermutungen angewiesen. Eine Beileidskarte vom 7. August 1944 deutet eventuell darauf hin. Da schreibt eine Frau aus Bergen. “Zu dem überaus schweren Verlust, der Sie mit dem Heldentode Ihres lieben, tapferen Sohnes Hans-Joachim betroffen hat, spreche ich Ihnen meine herzlichste Teilnahme aus.

Mit stillen Grüßen Ihre mitfühlende Christa Baum.”

Um die Geschichte meines Bruders Jochen zu Ende zu bringen: Noch im Februar 1945 findet Vater im Briefkasten einen Feldpostbrief. Der Inhalt ist verschwunden. Ich halte den Briefumschlag in den Händen. Ein roter Stempel von der Dienststelle mit der Feldpostnummer 47852 ist der einzige Hinweis auf eine weitere Anfrage meines Vaters. Die Nachricht vom Tod seines Sohnes hatte er - nebenbei erwähnt - selbst austragen müssen. Er hatte sich ja freiwillig im Rahmen der Parteiarbeit dazu bereit erklärt, Todesmeldungen von der Front an die Angehörigen der gefallenen Soldaten persönlich auszuhändigen.

Meine Mutter glaubte indes weiter an den großen Irrtum. Als die ersten Gefangenen aus Russland wieder in der Heimat eintrafen, lief sie zum Bahnhof. Inge, die bei der Güterabfertigung arbeitete, wollte sie davon abhalten, um ihr eine Enttäuschung zu ersparen. Mutter soll daraufhin unwirsch reagiert haben, in dem sie gesagt hätte: “Bei dem Sohn von Viehhändler Jantzen hieß es immer, er wäre in Stalingrad gefallen. Nun ist er als einer der ersten Heimkehrer wieder in Stralsund angekommen. Bei Jochen kann es ja auch so sein.”

Mutter war in dieser Beziehung starrköpfig. Sie lief zum nächsten Zug, zum übernächsten, zum über übernächsten. Der Jochen lief ihr nie in die Arme. Bis zum Schluss ihrer Tage, im September 1977, glaubte sie wenigstens noch an den Heldenfriedhof in Baranowitsche. Ich hatte ihr das Versprechen gegeben, dass wir irgendwann gemeinsam dort hinfahren würden. Wir wollten verspäteten Abschied von Jochen nehmen. Es ging nicht. Baranowitsche befand sich in Russland. Einzelreisen nur in Sonderfällen möglich. Und das bei aller Freundschaft zweier Diktaturen. Wie gesagt, nur in Ausnahmefällen war die Einreise erlaubt, aber dann bitte genaue Adresse angeben, Überprüfung vor Ort. Jochens Adresse hieß: Heldenfriedhof Baranowitsche. Es wird ihn nie gegeben haben, diesen Heldenfriedhof für deutsche Soldaten des II. Weltkrieges. Eine Anfrage an die Deutsche Kriegsgräber-Fürsorge bestärkt mich in dieser Vermutung. Muttis größter Wunsch blieb also unerfüllt. Sie hat darunter gelitten. Wer aus unserer Familie weiß es besser als ich, der ich auch am längsten bei ihr blieb. Bis zu ihrem Tod.