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Das Buch beginnt mit der Schilderung eines scheinbar ganz normalen Tages im Jahr 1938 in Paris. Menschen eilen hastig am Montagmorgen des 7. November in die Metro. Man unterhält sich über die Ereignisse des Wochenendes. An der Station "Madelaine" steigt gegen 9 Uhr ein junger Mann im hellen Trenchcoat zu. Niemand ahnt, dass er es sein wird, der wenige Augenblicke später die Welt in Atem halten wird. Die Zeitungen in aller Welt berichten über ihn, den aus Hannover nach Paris gekommenen Juden Herszel Grynszpan. Er verschafft sich auf ominöse Weise Zutritt zur Deutschen Botschaft Paris und erschießt den Legationsrat Ernst vom Rath. Ob er aus eigenem Antrieb handelte oder im Auftrag höherer Instanzen ist Gegenstand der Recherchen des Autors.
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Seitenzahl: 267
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Eberhard Schiel
Herszel Grynszpan
Ein Phantom der Geschichte
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel: Das Attentat
2. Kapitel: Das Opfer
3. Kapitel: Der Tod Ernst vom Raths
4. Kapitel: Der Attentäter
5. Kapitel: Charaktereigenschaften Herszel Grynszpans
6. Kapitel: Die Reaktion der Weltpresse
7. Kapitel: Die Kristallnacht in Hannover
8. Kapitel: Die Grynszpans vor Gericht
9. Kapitel: Herszel Grynszpan in Untersuchungshaft
10. Kapitel: Die Frage nach den Hintermännern
11. Kapitel: Das Zwischenspiel
12. Kapitel: Die Entführung des Attentäters
13. Kapitel: Grynszpan in Deutschland
14. Kapitel: Der Kriminalfall
15. Kapitel: Der homosexuelle Komplex
16. Kapitel: Das Tatmotiv
17. Kapitel: Das Phantom der Geschichte
18. Kapitel: Epilog
19. Kapitel: Anhang
20. Kapitel: Dankeschön
21. Kapitel: Quellennachweis
Impressum neobooks
Es ist eigentlich kaum zu erklären, warum sich ausgerechnet im unfreundlichsten Monat des Jahres, dem November, die Regisseure der politischen Weltbühne wiederholt in Szene gesetzt haben und für revolutionäre Umwälzungen oder Gewaltakte sorgten. Am Morgen des 7. November 1938 dachte in der französischen Metropole wohl niemand an ein Ereignis, dass für Hunderttausende von Menschen zum Verhängnis werden sollte.
Dabei fing alles so harmlos an. Im Rundfunk singt der “Spatz von Paris” seinen neuesten Gassenhauer “C èst lui mon coeur a choisi”. Radio Paris meldet im Wetterbericht mäßige Winde bei wolkenverhangenem Himmel. Stellenweise ist Nebel angesagt, gelegentliche Niederschläge, meist als Regen, bei Temperaturen von verträglichen 12-14 Grad. Gegen 8 Uhr sind viele Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Ich stelle mir vor, worüber man sich in der Pariser Metro unterhalten haben könnte. Mit Sicherheit über den Sport vom Wochenende, schließlich fällt der 7. November auf einen Montag. In der 1. Division der französischen Fußball-Liga gewinnt St. Etienne gegen Marseille mit 1:0 und übernimmt die Tabellenführung. In Algier verteidigt Weltergewichtler Koudri seinen Titel durch Abbruch-Sieg in der 7. Runde gegen Bianchini und bleibt somit Champion seines Landes. Für reichlichen Gesprächsstoff dürfte auch der Weltrekord-Versuch dreier englischer Piloten gesorgt haben. Sie wollen den bisherigen Rekord im Langstreckenflug, den die russischen Flieger Gromow, Dalinin und Tschumanow halten, überbieten. Ihre Maschine ist mit 250/kmh von Ismalia (Ägypten) nach Port Darwin (Australien) unterwegs. Wer sich nichts aus Sport macht, schwärmt vielleicht eher für den seit 14 Wochen laufenden Film “Der Ganove”, gezeigt im Kinopalast Savoy, mit Danielle Darrieux in der Hauptrolle, oder für den nicht ganz jugendfreien Kracher “Die Regimentsbraut” im Ambassador. Und wie ich die Pariser kenne, nehmen sie in der Metro auch die L `Humanite` zur Hand. Wer leichte Unterhaltung mag, wird darin sicher den Fortsetzungs-Roman über den Grafen von Monte Christo lesen. Die politisch interessierten Fahrgäste hingegen finden diese Schlagzeile: “Faschistische Vandalen der Bande um La Roque und Doriot plünderten die Geschäftsstelle der KP Frankreichs.” Am gleichen Wochenende bejubeln die Sozialdemokraten Leon Blums leidenschaftlich vorgetragene Rede anlässlich der außenpolitischen Debatte im Nationalrat. Was gibt es noch? In Spanien geht der Bürgerkrieg weiter. Eine große Spendenaktion unter den französischen Linken ist angelaufen. Hitlers anmaßende Rede in Weimar stößt dagegen in einigen Tageszeitungen, so auch in der Le Soir, auf heftige Kritik. In der L` Humanite` entdeckt der aufmerksame Leser indes eine kleine Karikatur, die oben links gleich neben dem Namen der Zeitung abgedruckt ist. Man sieht drei mysteriöse Gestalten. Eine davon trägt eine Kapuze. Sie stehen devot vor einem offensichtlich sehr einflussreichen Mann und erwarten seinen Befehl. Darunter der Text: “Und nun, äh? Wann steht das Palais Bourbon in Flammen?”( Dieses Gebäude ist der Sitz der Französischen Nationalversammlung, mit dem Reichstag in Berlin vergleichbar). Welch eine prophetische Gabe des Zeichners. Das Palais Bourbon wird zwar nicht in Flammen aufgehen, aber dafür steigt in der Station “Madelaine” ein junger Mann im hellen Trenchcoat zu. Der Bursche ist bewaffnet. In der linken Tasche des Jacketts steckt ein Trommelrevolver mit fünf Schuss Munition. Niemand ahnt, welchen Zündstoff für die Weltpolitik dieser unscheinbare Fahrgast mit sich herumträgt. Er steigt nach wenigen Minuten an der Station “Solferino” aus. Es ist jetzt exakt 9.20 Uhr. Noch zehn Minuten Zeit, bis sich die schwere Pforte vor dem Palais Beauharnais öffnet. Hier, in der Rue de Lille 78 ,macht unser überaus ruhig wirkende Jüngling halt, trifft auf die Frau des Pförtners Mathes, die ihren Mann in der Einlassloge vertreten muss, weil dieser sich nach dem eben erfolgten Hof fegen gerade umzieht. Der Besucher erklärt gelassen, er habe ein wichtiges Dokument an einen “Sekretär” zu übergeben. Frau Mathes denkt sich nichts dabei. Sie zeigt dem angeblichen Boten hilfsbereit die Eingangstür zum diensttuenden Amtsgehilfen Nagorka. Bei letzterem hat sich jeder fremde Besucher, der einen Sachbearbeiter sprechen möchte, schriftlich anzumelden. Auf einem entsprechenden Vordruck ist der volle Name, die Staatsangehörigkeit und der Besuchszweck anzugeben. Nach dem Ausfüllen des Formulars erfolgt durch den Amtsgehilfen die Anmeldung des Besuchers beim zuständigen Sachbearbeiter. Im Ermessen des Beamten liegt es nun, ob er noch ergänzende Angaben zur Person und die Vorlegung von Ausweispapieren anzufordern gedenkt oder nicht. Erst jetzt darf man als Gast in Begleitung eines Amtsgehilfen die Büroräume der Deutschen Botschaft betreten. So schreibt es das Verfahren offiziell vor. Warum ausgerechnet am 7. November 1938 mit eben jenem geschilderten Besucher eine Ausnahme gemacht wurde, gehört zu den vielen ungeklärten Fragen, die uns noch heute beschäftigen. Im vorliegenden Fall wiederholt der Jüngling gegenüber dem Amtsgehilfen nur sein Anliegen, nennt seinen Namen, Herszel Grynszpan, und als Nagorka das vermeintliche Dokument zur Weiterleitung an sich nehmen will, verweigert Grynszpan die Herausgabe mit dem Hinweis, es handle sich um ein wichtiges Papier, das er auf gar keinen Fall in fremde Hände geben könne, wobei man ohnehin darüber auch noch einige Worte im Beisein des “Sekretärs” anmerken müsse. Nagorka kapituliert. Er verständigt den zu jenem Zeitpunkt einzigen anwesenden Beamten höheren Ranges, den Legationsrat Ernst vom Rath, fragt ihn, ob er bereit sei Herszel Grynszpan zu empfangen. Es sei noch einmal wiederholt: Der Besucher hatte kein Formular ausgefüllt. Bei vom Rath spielt dieser Umstand offenbar an diesem Tag ausnahmsweise keine Rolle. So nimmt das Schicksal dann seinen Lauf. Der kleine Attentäter, er misst ganze 1,54 m, wie spätere Untersuchungen ergeben sollten, gelangt durch eine Seitentür in das Büro des “Sekretärs”. Es liegt am Ende eines langen Korridors im äußersten Flügel des Palais Beauharnais. Hier steht nun Herszel Grynspan in dem 3x4 m großen Raum. An der Wand, gleich rechts neben der Eingangstür, hängt das Bild des Führers. Ernst vom Rath sitzt mit dem Rücken zum Eintretenden am Fenster, gerade eine deutsche Zeitung studierend. Er macht mit seinem Stuhl eine Drehung, um seinem Gast ins Gesicht sehen zu können. Anschließend bittet er ihn, in einem tiefen Ledersessel Platz zu nehmen. Was nun geschieht, ist kaum zu glauben. Es gab für die Tat auch nur einen einzigen Zeugen, Herszel Grynszpan, der allerdings kaum ein Interesse an der Aufdeckung der wahren Geschichte gehabt haben dürfte. Im Laufe der langen Haft wird er dem Untersuchungsrichter abwechselnd einige Varianten auftischen, die sich zum Teil widersprechen oder völlig einander ausschließen, ganz wie es die entsprechende Strategie der Verteidigung für notwendig erachtet. Gegenüber Kriminalkommissar Charles Badin erklärt Herszel Grynszpan:: “Ich bat um eine Unterredung mit einem Mitglied der Botschaft und ich bestand darauf, in dem ich sagte, ich hätte einen dringenden Brief zu übergeben. Ich wollte den Brief persönlich einem Mitglied der Botschaft, der mich empfangen sollte, übergeben. Ich nannte dem Beamten meinen richtigen Namen und wartete einen Augenblick im Empfangssaal. Kurz darauf wurde ich in ein Büro geführt und von einem Mitglied der Botschaft begrüßt. Er bot mir einen Sessel an, neben ihm, in der Nähe des Schreibtisches. Der Beamte bat mich, ihm den Brief zu zeigen. Ich zog den Revolver aus der Rocktasche und sagte, bevor ich schoss: Es genügt nicht, dass die Juden in Deutschland so leiden und in die Konzentrationslager geworfen werden, jetzt vertreibt man sie wie gemeine Hunde...Nach diesen Worten schoss ich auf den Beamten und feuerte fünf Kugeln ab. Getroffen durch die Kugeln, legte der Beamte die Hände auf den Unterleib und besaß noch die Kraft, mir einen Faustschlag ins Gesicht zu versetzen und zu sagen: Schmutziger Jude! Er eilte zur Tür und schrie um Hilfe. Ich wollte mich für dieses Schimpfwort rächen und schleuderte meine Waffe gegen seinen Kopf, traf ihn aber nicht. Einige Augenblicke später wurde ich auf der Stelle verhaftet. Ich habe nichts mehr zu sagen.”
In der ersten Vernehmung durch Polizeikommissar Monneret präsentierte Grynszpan eine andere Version, wonach er auf die Bitte um Aushändigung des wichtigen Dokuments, in dem es um “deutsche Geheimnisse” ginge, wie folgt reagiert haben will:” Ich rief aus: Du bist ein dreckiger Deutscher und im Namen von 12.000 gepeinigten Juden, hier ist das Dokument!” - Ich zog den Revolver, den ich in der Innentasche meines Rockes versteckt hatte, und schoss. In dem Augenblick, da ich die Waffe zog, erhob sich der Attaché` von seinem Sessel. Ich feuerte jedoch sofort alle Kugeln ab. Ich zielte in die Mitte des Körpers. Mein Opfer versetzte mir einen Faustschlag und verließ hilferufend das Zimmer. Ich blieb im Büro, wo ich unmittelbar danach verhaftet wurde. Im Büro warf ich meine Waffe weg.”
Hier ist schon nicht mehr von einer Beschimpfung des deutschen Legationssekretärs die Rede, dafür erwähnt Herszel, im Gegensatz zum ersten Verhör, dass er genau auf die Mitte des Körpers zielte.
Im Laufe der monatelangen Untersuchung wird der Attentäter noch häufig widersprüchliche Aussagen machen, doch in einem Punkt bleibt er sich treu, in der Angabe des Tatmotivs:” Ich habe aus spontaner Rache wegen der schikanösen Vertreibung meiner Eltern aus Deutschland gehandelt.” Zum Beweis führt er die Karte seiner Schwester Beile vom 31. Oktober 1938 aus Zbaszyn an. Zudem hat man bei seiner Verhaftung eine Abschiedskarte gefunden, geschrieben am 7. November im Hotel “Suez”, kurz vor dem Waffenkauf. Der in Deutsch verfasste Text lautet:”Meine lieben Eltern! Ich konnte nicht anders tun, soll G` tt mir verzeihen, das Herz blutet mir wenn ich von eurer Tragödie und 12 000 anderer Juden hören muss. Ich muss protestieren das die ganze Welt meinen Protest erhört, und das werde ich tun, entschuldigt mir. Hermann.”
Die sogenannte deutsche Zivilpartei, vertreten durch Prof. Grimm, leitet aus dem Inhalt der Karte ab, dass der Plan, einen solchen Abschiedsgruß zu formulieren, dem jungen Mann von dritter Seite nahegelegt worden sei, und zwar von der Seite, welche die Propaganda leitet. Das ist schon richtig , aber man denkt dabei natürlich nicht an die eigene, sondern an die der Franzosen. Bevor jedoch die französische Kriminalpolizei in einem ersten Verhör Herszel Grynszpan über die Motive der Tat vernehmen will, greift bereits die Deutsche Botschaft in die angelaufene Untersuchung ein. Eine halbe Stunde nach dem Attentat schickt sie ihren “Kanzler” Lorz in das Pariser Polizeikommissariat des Stadtteils “Invalides und Ecole Militaire”. Und nun läuft in der rue de Bourgogne ein höchst seltsames Justizgebaren ab. “Ich bat den Kommissar, an den Vorgeführten einige Fragen richten zu dürfen, was er mir gestattete”, vermerkt dazu Lorz in seinen Aufzeichnungen vom 8. November 1938. Während der Deutsche den 17-jährigen Juden Herszel Grynszpan vorschnell in die Kategorie der fanatischen Juden einstuft, der französische Kommissar eher von einem “desequilibre” (Geistesgestörten) spricht, wittert die Presse der KP, namentlich die L` Humanite` , einen ganz anderen Hintergrund. Sie stellt die These in den Raum, ob hier nicht ein Fall von monströser Provokation zum Zwecke einer umfangreichen Verleumdungs-Kampagne gegen Frankreich hinsichtlich der Emigranten-Politik vorliege, die von Nazi-Deutschland gesteuert und in Paris inszeniert worden ist. Die Zeitung legt am 9. November den Finger auf die Wunde, als sie der zentralen Frage nachgeht, warum man dem Attentäter so ohne weiteres Einlass in die Deutsche Botschaft gewährt hat. “In welcher Eigenschaft kam er? Als persönlicher Freund? Als Spezialagent? Als Spion?“ So orakelt die L` Humanite`. Das sind zweifellos peinliche Fragen. Und das Blatt setzt noch eins drauf, in dem sie ihre Leser über ein Gespräch zwischen dem deutschen Botschafter Graf von Welczeck und dem französischen Innenminister Bonnet informiert, welches am Tage des Attentats gegen 16 Uhr stattfand. Im Verlaufe dieser Unterredung hätte der deutsche Diplomat seine Sorge darüber zum Ausdruck gebracht, ob die Öffentlichkeit es nicht merkwürdig finden könnte, dass Herszel Grynszpan so leicht und ungehindert in das Büro des Herrn vom Rath einzudringen in der Lage gewesen wäre. Das gleiche Organ argwöhnt sogar, der Täter wäre wohl nicht das erste Mal in der Deutschen Botschaft gesehen worden, was getrost als Hinweis auf dessen nähere Bekanntschaft mit seinem Opfer gewertet werden sollte.
Gustav vom Rath, der Vater des Opfers, gehörte einer alten, konservativ denkenden Adelsfamilie an, deren Karriere als Staatsbeamte stets vorgezeichnet war. Am 21. Februar 1879 in Düsseldorf geboren, studierte er später Jura in Heidelberg, Genua und Bonn. Im Jahre 1902 trat er als junger Rechtsanwalt in den Zivildienst ein. Die nächsten Jahre, mit Ausnahme der Militärzeit, arbeitete vom Rath in Danzig und von 1912 an in Köln. 1920 quittierte er den Staatsdienst, ging nach Breslau und übernahm dort die Leitung der familienbezogenen Zuckerfabrik.
Ernst vom Rath, ältester der drei Söhne, wurde am 3. Juni 1909 in Frankfurt am Main geboren. Er besuchte die Mittelschule zunächst in Frankfurt, dann in Breslau, wo er auch 1928 das Abitur ablegte. Anschließend studierte Ernst vom Rath an den Universitäten Bonn, München und Königsberg in der Fachrichtung Rechtswissenschaften. Nach erfolgreich bestandenem Examen war er vorübergehend als Gerichtsreferendar am Stadtgericht Zinter im Umkreis von Königsberg tätig. Sicher beeinflusst durch seinen Onkel Roland Köster, dem damaligen Botschafter der Deutschen Botschaft Paris, entschied sich Ernst vom Rath 1934 für eine diplomatische Laufbahn. Er begann als junger Zivilangestellter im Auswärtigen Dienst, bestand die geforderten Prüfungen und schloss ein sechswöchiges Training ab bei der Deutschen Botschaft Budapest. In Vorbereitung auf den sprachlichen Teil der Prüfung verbringt er den Sommer 1934 in Paris.
Am 13. April 1935 wird der junge Diplomat formell beim Außenministerium eingestellt und zum Attaché ernannt. In dieser Eigenschaft ist für ihn eine reizvolle Aufgabe in der Deutschen Botschaft Paris verbunden. Er wird persönlicher Sekretär seines Onkels, führt die Protokolle, erhält Einsicht in die Außenpolitik des Dritten Reiches. Doch kurz nach dem Tod von Botschafter Roland Köster ruft man ihn am 1. April 1936 zurück nach Berlin. Ernst vom Rath steht vor neuen Prüfungen, auf ihn wartet eine Arbeit im Generalkonsulat Kalkutta, die er noch im gleichen Jahr, im Oktober, annimmt. Der neue Dienstherr heißt Graf von Podewils-Dürnitz. Unter dessen Anleitung hält Ernst vom Rath vor Parteigenossen Vorträge, unter anderen, über den Vierjahresplan, nimmt nebenbei regelmäßig an den Übungsstunden der Sportabteilung teil, bis ihn eine rätselhafte Krankheit wiederholt ans Bett fesselt. Er muss stationär behandelt werden. Gehen wir der Sache näher auf den Grund, denn sie spielt eine entscheidende Rolle beim Fall “Herszel Grynszpan”. Die offizielle Diagnose lief damals auf ein chronisches Magenleiden hinaus, eventuell auch Ruhrverdacht. Eine ärztliche Untersuchung im Berliner Institut für Radiologie schien unumgänglich zu sein. Ernst vom Rath verzichtet schweren Herzens auf seine geruhsame Tätigkeit in Kalkutta und fährt nach Berlin. Später erzählt er, der die mysteriöse Krankheit unbedingt geheim halten will, er hätte an einem leichten Fall von Lungenentzündung gelitten. Deshalb sei er auch nach der Behandlung für vier Monate in einem Sanatorium von St. Blasien gewesen. Als dann seine Gesundheit im Juli 1938 halbwegs wieder hergestellt ist, schickt das Auswärtige Amt ihn erneut nach Paris. Es ist sein dritter Aufenthalt in der französischen Hauptstadt innerhalb von vier Jahren. Man betraut ihn mit dem Empfang jener Besucher, deren Besuchszweck nicht eindeutig zu definieren ist. Was sich hinter dieser Funktion wirklich verbarg, werden wir nie erfahren, denn die Diplomatie ist ein weites Feld, voller Geheimnisse, Diskretionen und mitunter auch Machenschaften. Das soll uns jedoch nicht daran hindern, den Karriereweg Ernst vom Raths weiter zu verfolgen. Am 18. Oktober 1938 würdigt man seine Verdienste mit der Ernennung zum Legationssekretär. Ein durchaus steiler, aber auch verdienter Aufstieg, wie aus den Beurteilungen in den Personalakten hervorgeht. Seine Vorgesetzten beschreiben ihn als einen Mann mit großem Urteilsvermögen, er sei ein energischer Arbeiter, vertrauenswürdig, habe ein freundliches und angenehmes Wesen. Besonderes Lob erntet er für seine Fähigkeit im Umgang mit anderen Leuten, auf die er mit seiner ihm innewohnenden Bescheidenheit zugehe, sowohl im als auch außerhalb des Büros. Seine vornehme Zurückhaltung bei großem Wissen ist eine weitere Tugend, die bei der Beurteilung des Ernst vom Rath ins Feld geführt wird. Alles in allem lernen wir aus den Berichten einen äußerst sympathischen jungen Diplomaten und Menschen kennen. Da stellt sich ja gleich die Frage: Wie konnte eine solch allseits beliebte Person nur Mitglied der “Braunen Horden” werden? Zur Erinnerung: Ernst vom Rath trat am 14. Juli 1932 in die NSDAP ein. Das war noch zu jener Zeit, da er an der Universität Königsberg Jura studierte, während der heißen Phase des frühen Nationalsozialismus, die Zeit der brutalen Einsätze der SA gegen Kommunisten und Sozialdemokraten, gelegentlich auch schon gegen Juden. Und kaum war Hitler an die Macht gekommen, drängte es den zartbesaiteten Adelsspross drei Monate später, Mitglied in der SA zu werden. Ernst vom Rath waren die Methoden der Schläger-Truppe bekannt. Er soll sie als Mittel der Politik abgelehnt haben, wie aus seinem Umfeld verlautete. Bekannte des Diplomaten begründeten diese Haltung mit ethisch-religiösen Prinzipien, die er sich zur Maxime gemacht hätte. In der Tat war er kein ständiger Kirchgänger wie Vater vom Rath, jedoch ein Moralist im christlichen Sinne. Das Außenministerium notierte in ihrer Personalbeschreibung über vom Rath nur Randbemerkungen bezüglich seiner Mitgliedschaft zur Partei. Beamte aus seinem Umfeld bescheinigen ihm Loyalität und Gehorsam gegenüber Hitler und der Nazi-Bewegung. Die Presse macht aus ihm einen “Märtyrer”. Fast alle Fotos, die man anlässlich seines Todes veröffentlichte, zeigen Ernst vom Rath in Zivilkleidung. Nur ein Fotograf des Propaganda-Ministeriums lichtet ihn für eine Broschüre in SA-Uniform ab.Das Foto ist sicher fünf Jahre vor dem Attentat entstanden, gleich nach seiner Aufnahme, denn nach der “Nacht der langen Messer” hat sich wahrscheinlich ein politisches Umdenken in dem sensiblen Diplomaten vollzogen. Er soll zu diesem Zeitpunkt seine jugendlichen Illusionen und die damit verbundene Begeisterung für die “Bewegung” verloren haben. So heißt es in der politischen Beurteilung des Gauleiters Bohle: …..”Während vom Rath in Budapest und Paris als Parteigenosse nur wenig in Erscheinung getreten ist, hat er in Kalkutta…..“
Wie dem auch sei, er bleibt ein Parteimitglied, was natürlich seinem Vorteil diente, aber vielleicht nutzte er auch seine auswärtigen Aufgaben dazu, um sich selbst von den täglichen Aktivitäten der Nazis zu distanzieren. Es kamen Gerüchte über einen vom Nationalsozialismus enttäuschten Ernst vom Rath auf, die in der ausländischen Presse breiten Raum einnahmen. Am 7.Januar 1939 gab Gustav vom Rath hierzu vor dem französischen Untersuchungsausschuss eine ausführliche Erklärung ab. Nach der Versicherung, dass er hier als Zivilkläger gegen Herszel Grynszpan und dessen eventuelle Komplizen auftrete, machte er einige tendenziöse Angaben zu seinem Sohn. Schließlich, in Beantwortung einer Serie von Fragen des Untersuchungsausschusses, nahm der alte vom Rath zu gewissen Berichten in der Presse Stellung.”In der Absicht, die Wahrheit wieder ans Tageslicht zu bringen, die Entstehung irgendwelcher falschen Legenden zu verhindern, versichere ich mit allem Nachdruck, dass mein Sohn ein Mitglied der nationalsozialistischen Bewegung gewesen ist. Er trat bereits 1932 in die Partei ein, das heißt bevor die Partei an die Macht kam. Er war total einverstanden mit der Regierung und war dem Nationalsozialismus voll zugetan. Was mich betrifft: Ich war Regierungsrat seit 1919 und bin jetzt pensioniert. Ich lebe im vollen Einverständnis mit den politischen Ansichten meines Sohnes. Es ist sehr peinlich für mich in gewissen Zeitungen zu lesen, dass mein Sohn Differenzen mit meiner Regierung hatte und dass anlässlich seiner Beerdigung ich einen Streit mit dem Führer gehabt haben soll. Ich erkläre, dies sind alles nur Lügen. Es ist auch ein Gerücht, dass ich in ein KZ gebracht worden bin. Ich denke, meine Anwesenheit in diesem Gerichtssaal, zusammen mit meinem Sohn Guenther, widerlegt diese Lüge ausreichend.”
Ob die demonstrative Loyalitätserklärung des Herrn vom Rath zum Naziregime aus eigenem Bedürfnis geschah? Oder ist sie ihm nachdrücklich von offizieller Seite ans Herz gelegt worden? Eine derart penetrant wirkende Aussage entspricht eigentlich nicht dem Charisma des Gustav vom Rath. Die Familie war viel zu schmerzerfüllt, viel zu rücksichtsvoll und diskret, um ein Statement solcher Art bezüglich des Todes ihres Sohnes abzugeben. Ein bisschen weiß man ja auch von Ernst vom Raths Sympathie für die Juden. Einer seiner früheren Kollegen bezeugte nach dem Krieg, dass vom Rath die Maßnahmen der deutschen Regierung gegen die Juden bedauerte, weil sie seinem humanistischem Geist widersprachen, aber er ist nicht energisch genug dagegen aufgetreten, weil er glaubte, sie seien für das deutsche Nationalwohl anscheinend notwendig. Eine andere Zeugin, Fräulein Ebeling, seinerzeit Dienstmädchen in Paris, sagte aus, Ernst vom Rath habe in ihrer Gegenwart niemals eine Meinung über die Juden fallengelassen. Sie hatte stets den Eindruck, weder er noch seine Eltern seien antisemitisch eingestellt gewesen. Sie fügte hinzu:” Das Privatleben des jungen Mannes ist sehr anständig verlaufen. Er besaß nur fünf persönliche Freunde und generell lebte er sehr zurückgezogen.” Was seinen Charakter betraf, bescheinigte ihm Fräulein Ebeling, es wäre sicherlich schwierig einen freundlicheren und dankbareren Menschen als ihn zu finden. Wir wissen ferner von vom Raths großer Liebe für Frankreich. Anfangs besaß er eine recht dürftige Kenntnis der französischen Sprache, aber dann begann er bei Mademoiselle Taulin Stunden zu nehmen, zuerst während des Sommers 1934. Sie schwärmte regelrecht von dem jungen Mann mit der großen Intelligenz und den perfekten Manieren. “Sein extrem zurückhaltendes und ruhiges Wesen war außergewöhnlich”, sagte sie. “Ich habe bei ihm niemals das leichteste Anzeichen von Gedanken und Ausdrücken beobachtet, welche die Gefühle des Anderen verletzen könnten oder ordinär gewesen wären.” Er kannte französische Familien und wurde gern von ihnen nach Hause eingeladen. Ansonsten war sein gesellschaftliches Leben eher spartanisch ausgerichtet. Der Privatsekretär des Botschafters, Theodor Auer, gehörte zu vom Raths wenigen Freunden. Wie der Botschaftskollege berichtete, gingen sie hauptsächlich wegen der angegriffenen Gesundheit Ernst vom Raths mitunter gemeinsam spazieren. Ebenso erwähnt Auer, dass vom Raths Privatleben ohne “Episoden” verlief, er hätte sich immer sehr moderat ausgedrückt. Wir werden wahrscheinlich nie etwas über die wahren Gefühle des jungen Diplomaten gegenüber dem Naziregime erfahren. Wenn es stimmt, was man von ihm sagt, so hat er eine gehörige Portion Naivität beim damaligen Eintritt in die Partei an den Tag gelegt, die man am besten mit jugendlichem Leichtsinn umschreibt. Der alte vom Rath wurde während des Krieges in den Dienst zurückberufen und erhielt eine Stellung bei der Gestapo, in Eichmanns Ressort. Er war für Ausreisefragen der Juden zuständig. Bekanntlich bemühte er sich dabei, den Opfern der Nazis zu helfen.
Nach dem der Amtsgehilfe Wilhelm Nagorka seinen Besucher bis zum Büro Ernst vom Raths gebracht hatte, ging er in das Zimmer des Botschafters Graf von Welczeck. Dort angekommen, will er Hilferufe aus dem Arbeitsraum Ernst vom Raths gehört haben, über eine Entfernung von 27 Metern hinweg. “Ich eilte sofort zum Büro und traf unterwegs den verletzten vom Rath. Ich ging ins Büro und verhaftete Grynszpan, der bewegungslos dastand. Die neben dem Büro von Raths liegenden Zimmer waren leer. Dadurch ist es erklärlich, dass die Schüsse nicht gehört wurden. Ich hörte erst die Hilferufe, die Herr vom Rath ausstieß, nach dem er das Büro verlassen hatte und während er im Korridor lief”, gibt Nagorka zu Protokoll. Von einem zweiten Amtsgehilfen, der Nagorka bei der Verhaftung und Übergabe an die französische Polizei zu Hilfe kam, lesen wir nur etwas in der Anklageschrift des Oberreichsanwalts, allerdings ohne Nennung des Namens. Ich zitiere: “Hierauf fasste Nagorka den Angeschuldigten beim Arm und führte ihn zusammen mit einem weiteren Hauswart...vor die Tür des Botschaftsgebäudes, wo er ihn dem dort befindlichen französischen Schutzmann Autret mit der Erklärung übergab, dass der Angeschuldigte soeben auf einen Botschaftssekretär mehrere Schüsse abgegeben habe. Auf dem Wege zur Tür des Botschaftsgebäudes äußerte der Angeschuldigte zweimal: “Dreckiges Schwein”.
Nach eben jener Anklageschrift - und nur darauf können wir uns berufen - sollen sich zwei Beamte der Botschaft um den Getroffenen bemüht haben. Der Legationssekretär Ernst von Achenbach und der Botschaftskanzler Kurt Bräuer. Sie wären nach den Hilferufen Ernst vom Raths aus ihren Zimmern gekommen und hätten dann ihren Kollegen in dessen Dienstraum am Boden liegend vorgefunden. Auf ihre Frage, was denn eigentlich vorgefallen sei, hätte vom Rath geäußert, er wäre vom Angeschuldigten alsbald nach dessen Eintritt in seinen Amtsraum beschossen worden, aus Rache für die nach Polen ausgewiesenen Juden.
Die erste Hilfe ist dann schnell durch von Achenbach und Bräuer organisiert worden. Sie meldeten sofort ein dringendes Gespräch zu einem der Botschaftsärzte, zu Dr. Claas, an. Der Anrufer handelte sofort und veranlasste die Einlieferung des Schwerverletzten in die Universitätsklinik, 166 rue de l` Universite. Prof. Dr. Baumgartner als leitender Chirurg der Deutschen Botschaft wurde zum Krankenbett Ernst vom Raths gerufen. Er blieb gleich dort und übernahm die weitere Behandlung des Patienten. Gleich nach der ersten Untersuchung erwogen die Mediziner, das vermeintliche Opfer eines Anschlags ins Amerikanische Hospital, in der Vorstadt Neuilley gelegen, zu verlegen, doch angesichts der durchrissenen Milz und mehrerer innerer Blutungen musste sofort operiert werden, ohne die Zustimmung vom Raths abzuwarten. Prof. Baumgartner nahm den komplizierten Eingriff vor. Nach der Entfernung der Milz musste die Magenwand genäht und die Blutgerinnsel entfernt werden. Vom Rath erhielt massive Bluttransfusionen unter Oberaufsicht des berühmten Spezialisten Dr. Jube`. Der Spender, Besitzer eines Pariser Restaurants und ein hochdekorierter Kriegsveteran, machte Schlagzeilen. In den letzten acht Jahren hatte Monsieur Thomas mehr als hundert Mal Blut gespendet. Nun tat er es für einen Deutschen, einem Angehörigen der Deutschen Botschaft! Die Presse bejubelte ihn. Sein “Heldentum” nutzte die deutsche Propaganda aus, um daraus angesichts des bevorstehenden Ribbentrop-Besuches ein Symbol der deutsch-französischen Freundschaft abzuleiten. Eine Freundschaft, welche das “Weltjudentum”, gemeint war Herszel Grynszpan, gewaltsam zerstören wollte. So der Tenor in Goebbels Interpretation.
Als die Nachricht von den Schüssen in der Pariser Botschaft den “Führer” erreicht, sendet dieser seinen Begleitarzt Dr. Karl Brandt, und den Direktor der Chirurgischen Klinik München, Dr. Magnus, nach Paris. Die beiden Mediziner sollten nach außen hin das persönliche Interesse Hitlers an dem Fall demonstrieren, hatten aber sicher noch andere Absichten, die nirgendwo in den Akten vermerkt sind. In den frühen Morgenstunden des 8. Novembers trafen sie auf dem Pariser Flughafen Le Bourget ein. Gegen 10.30 Uhr betraten Dr. Brandt und Dr. Magnus die Universitätsklinik, in Begleitung von Botschafter Graf von Welczeck und Botschaftsrat Bräuer. Im ersten Bulletin für die Presse sprach man von einem sehr ernsten Zustand des Legationssekretärs vom Rath, speziell wegen der Verletzungen am Magen. Im weiteren Text hieß es jedoch, die exzellente chirurgische Behandlung durch Prof. Baumgartner ließe hinsichtlich der Besserung des Gesundheitszustandes gedämpften Optimismus aufkommen. Dr. Brandt und Dr. Magnus begaben sich am Abend ein weiteres Mal zum Patienten. Der Zustand Ernst vom Raths hatte sich nicht gebessert. Ganz im Gegenteil. Die Situation schien kritisch zu werden. Größte Sorge bereitete den Ärzten das ständig hohe Fieber. Erste Anzeichen einer akuten Herzschwäche tauchten auf.
Am selben Tag, am 8. November 1938, kam Gustav vom Rath mit seinem Sohn Guenther in der französischen Hauptstadt an. Sie stiegen aus dem Zug Köln-Paris und gingen umgehend in die Universitätsklinik. Der junge Diplomat soll seine Familienmitglieder erkannt haben. Es war ihm aber durch Dr. Magnus und Dr. Brandt streng verboten worden sich mit ihnen zu unterhalten, während man dem Patienten zuvor gestattet hatte, ein paar freundliche Dankesworte für den Blutspender Thomas und die ihn betreuende Krankenschwester zu sagen.
Frau vom Rath kam einen Tag später nach Paris. Gemeinsam mit ihrem Gatten und Sohn Guenther besuchten sie am 9. November gegen 10 Uhr die Klinik d` Al mata. Die Mutter Ernst vom Raths führte einen kleinen Handkoffer bei sich, anscheinend in der Absicht, die Nacht über am Krankenbett ihres Sohnes zu wachen. Ob die Eltern von sich aus eindringlich den Sohn baten lieber zu schweigen, da ihn das Reden eventuell zu sehr anstrengen könnte, lassen wir lieber unkommentiert stehen. Man wird sie darauf eingeschworen haben. Als Prof. Baumgartner nun um 10.30 Uhr die Klinik verließ, wurde er von den lauernden Journalisten befragt wie es um den Gesundheitszustand des deutschen Legationssekretärs bestellt sei. Der Arzt antwortete in knappen Worten: “Ernst vom Rath schwebt weiterhin in Lebensgefahr.” Einer der Presse-Leute bemerkte: ”Wenn man bedenkt, wie jung er noch ist, dann könnte man doch etwas mehr Hoffnung auf seine Genesung setzen, oder?” Prof. Baumgartner zuckte nur mit den Schultern und sagte: “Wenn es nur eine Wunde gäbe, aber es sind deren drei!”
Gegen Mittag betraten Dr. Magnus und Dr. Brandt das Krankenhaus. Beim Verlassen des Gebäudes in der rue Universite berichteten sie den Journalisten nichts Neues. Sie benutzten etwa die gleichen Worte wie zuvor Prof. Baumgartner sie formuliert hatte, und versprachen eine weitere Visite. Daran hielten sie auch fest. Kurz nach 15 Uhr waren sie wieder vor Ort. Ernst vom Rath lag im Koma. Er starb um 16.45 Uhr in Gegenwart seiner Eltern und den zwei deutschen Ärzten.
Das frühe Ansteigen der Temperatur, der Schockzustand des Patienten und der rasche Tod deuteten darauf hin, dass die verletzte Bauchspeicheldrüse die unmittelbare Todesursache gewesen sein dürfte. Um 17.25 Uhr verließen die leidgeprüften Eltern die Klinik. Das von Dr. Magnus und Dr. Brandt unterzeichnete Kommuniqué hatte folgenden Wortlaut:
“Gesandtschaftsrat I.Klasse Parteigenosse vom Rath ist seinen am 7. November erlittenen Schussverletzungen erlegen. Im Laufe des Vormittages tat bei Gesandtschaftsrat I. Klasse vom Rath eine weitere Verschlechterung seines Zustandes ein. Eine nochmalige Blutübertragung hatte nur vorübergehende Wirkung. Der Kreislauf reagierte auf Herzmittel nur ungenügend. Das Wundfieber blieb hoch. Gegen Mittag gab es keine Hoffnung mehr wegen der Magenverletzungen in Verbindung mit dem Milzverlust. Der Kräfteverfall ließ sich nicht aufhalten, so dass um 16.30 Uhr der Tod eintrat. Der französische Chirurg Dr. Baumgartner hat nach kunstgerechter Operation auch die weitere Wundbehandlung selbst sorgfältig durchgeführt. Die Klinik de l`Alma stellte ihre guten Einrichtungen zur Verfügung; das Pflegepersonal hatte sich aufopfernd eingesetzt. Der trotzdem erfolgte Tod des Gesandtschaftsrats I. Klasse vom Rath ist allein durch die Schwere der Schussverletzungen verursacht.
Gez. Dr.Magnus, Gez. Dr.Brandt.”
Die Autopsie der Leiche Ernst vom Raths hat dann der vielbeschäftigte französische Pathologe Dr. Paul im Beisein der vom Führer nach Paris entsandten deutschen Ärzte vorgenommen. Der Arzt leitet seinen Ärztlichen Obduktionsbefund so ein: “Wir haben uns am 7. November in die Universitätsklinik begeben, um einen Bericht von Dr. Baumgärtner über die von ihm am Vormittag durchgeführte Operation zu erbitten. Nach den Informationen, die uns gegeben wurden, ist vom Rath durch zwei Revolverschüsse verletzt worden. Eine Kugel hatte die Region des Brustkorbs getroffen; Vorne, Oben und in der Mitte, und diese Kugel hat sich in der Achselgegend befunden. Das andere Projektil war in die linke Flanke eingedrungen und verursachte eine tiefe Wunde im Unterleib. Nach einem Bauchschnitt stellte man zerfetzte Milz, eine transfixiante Wunde am Magen und eine Verletzung der Bauchspeicheldrüse fest. Dieses Projektil befand sich in der Region des Unterleibs. Der Zustand von Monsieur vom Rath verschlechterte sich. Wegen der Verletzungen und des operativen Eingriffs an der Milz wurde eine längere Betäubung notwendig. Er war außerstande sich dem kürzesten Verhör unterziehen zu lassen. Das chirurgische Personal bat inständig darum, man möge ihm absolute Ruhe gönnen. - Am 8. November waren wir mehrmals bei vom Rath und jedes Mal fanden wir den Kranken in einem fortschreitend alarmierenden Zustand vor. Sehr rasch setzte Fieber ein. Trotz wiederholter Bluttransfusionen blieb Monsieur vom Rath in einer Verfassung, in dem man ihn auf gar keinen Fall einem Verhör unterziehen konnte. Monsieur vom Rath starb am 9. November 1938.”
Auffällig im Text wirkt die zweimalige Betonung der absoluten Ruhe und des Verzichts auf jegliche Befragungen des Opfers. Darauf scheint Dr. Paul eingeschworen zu sein. Aus gutem Grund, wie wir bald erfahren werden.
Mir liegt übrigens der vollständige Obduktionsbefund vor, mit allen Einzelheiten, der Öffnung des Körpers, den Aushöhlungen des Schädels, des Brustkorbs und des Unterleibes, wobei noch festgestellt wurde, dass die Bauchhöhle eine kleine Menge Blut, etwa 60 gr, enthielt. Unter dem Röntgenschirm hatte Dr. Paul in Höhe der Wandung des rechten Brustkorbs, unterhalb der rechten Rippen-Ecke, ein Projektil des Revolvers entdeckt. Auf Höhe der rechten Achselhöhle fand er ebenfalls ein derartiges Geschoss.
