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Martina Mauritius betreibt eine Art Erholungsheim für weibliche VIPs in den Niederlanden. Als die Star-Klarinettistin Lena van Langen einen Nervenzusammenbruch erleidet, zieht sie sich auf Martinas Anwesen zurück. Nach anfänglichen Schwierigkeiten miteinander beginnt Martina Gefühle für Lena zu entwickeln, doch ihr Berufsethos verbietet jegliche Annäherung. Zumal in der begleitenden Psychotherapie herauskommt, dass Lena große Probleme mit Sexualität in jeglicher Hinsicht hat. Die Therapie hilft Lena, zu sich zu finden, doch flieht sie zunächst vor den neuen Gefühlen, die auf sie einstürmen ...
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Seitenzahl: 372
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Roman
© 2016édition el!es
www.elles.de [email protected]
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-95609-198-8
Coverfoto: © Ferenc Szelepcsenyi – Fotolia.com
Für alle Musikliebhaberinnen
»Du siehst müde aus«, bemerkte Martinas Freundin Janneke, als sie sich in einem ihrer Lieblingscafés in Amsterdam gegenübersaßen. »Waren wohl kurze Nächte, was?«
»Durchaus«, antwortete Martina knapp und nippte an ihrem Kakao. Sie wusste nicht, ob sie bereit war, Janneke zu erzählen, wie sie diese Nächte verbracht hatte: mit einer Zufallsbekanntschaft namens Doris und mit ziemlich viel Sex. Wobei die Freundin sich das sicher denken konnte. Der entscheidende Punkt, über den Martina lieber nicht nachdenken wollte, war, dass sie immer weniger Gefallen an dieser Art sexueller Befriedigung fand. Seit ihrem 40. Geburtstag vor einigen Jahren gelang es ihr immer seltener, sich nach einem One-Night-Stand ausgeruht und voller Tatendrang zu fühlen, so wie früher.
Ich weigere mich zu akzeptieren, dass ich mitten in der Midlife-Crisis bin, dachte sie jetzt missmutig.
Glücklicherweise hakte Janneke nicht weiter nach. Stattdessen fragte sie: »Schläfst du heute Nacht zu Hause und isst mit uns zu Abend?«
Ihr Blick wärmte Martina und vertrieb die grausame Kälte, die sie in sich hochsteigen fühlte. Sie nickte dankbar. Es war schön, dass sie Jannekes und Tonis so normales wie erfrischendes Familienleben heute Abend noch einmal genießen durfte, bevor sie wieder nach Oostkapelle aufbrach, wo sie morgen eine neue Klientin aufnehmen würde. Sie war die Patentante von Thies, Jannekes Dreijährigem. Seit kurzem waren die beiden außerdem Eltern einer kleinen Tochter, Sina, die ihnen derzeit den wohlverdienten Schlaf raubte, aber der ganze Stolz der beiden Mütter war. Martina fand den Gedanken tröstlich, dass es in den Niederlanden so viel einfacher für lesbische Paare war als in Deutschland, Kinder mittels einer Insemination zu bekommen. Sie und Ragnhild hatten es auch versucht . . . Leider hatte Ragnhild das Kind verloren. Jetzt lebte die Partnerin nicht mehr. Martina seufzte tief.
Aber heute Abend hatte sie gar keine Zeit für Trübseligkeiten: Thies und Sina würden ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Sie rang sich ein Lächeln ab und winkte dem Kellner, um die Rechnung zu bezahlen.
Gutgelaunt und in aufgeregter Erwartung parkte Martina ihren Wagen in unmittelbarer Nähe des Terminals. Der Abend mit Janneke, Toni und den beiden Kindern war wirklich schön gewesen und hatte die trüben Gedanken verscheucht. Jetzt fühlte sie sich sogar endlich ausgeruht und erholt. Und heute war dazu auch noch ihr Glückstag: Sie fand einen Parkplatz direkt vor einem der Eingänge.
Sie nahm es als gutes Omen für ihren neuen Gast, den sie noch nicht persönlich kennengelernt hatte. Eigentlich verstieß das gegen ihre selbst auferlegten Regeln. Normalerweise suchte sie immer den persönlichen Kontakt über Skype oder zumindest E-Mail, bevor sie eine Besucherin in ihrem Rückzugsort für gestrauchelte, überforderte Frauen aufnahm, denen sie half, ihr Leben wieder zu meistern. Aber die Managerin der weltberühmten Klarinettistin, die für die nächsten vier oder fünf Monate, vielleicht auch länger, in ihrem Haus logieren sollte, hatte sich derart für ihre Chefin eingesetzt, dass Martina gar nichts anderes übriggeblieben war, als dem Aufenthalt der Musikerin zuzustimmen.
Jetzt sah sie der Ankunft ihres neuen Gastes mit gespannter Neugier entgegen. Dass der Weltstar der klassischen Musik eine Herausforderung sein würde, hatte deren Managerin mehr als einmal durch die Blume zu verstehen gegeben. Die Frage, warum sie diese Frau überhaupt als Besucherin akzeptiert hatte, konnte sich Martina noch immer nicht wirklich beantworten. Wahrscheinlich weil die Managerin so verzweifelte Mails geschrieben und am Telefon so eine erotische Stimme gehabt hatte.
Beschwingt betrat Martina die Ankunftshalle des Amsterdamer Flughafens Schiphol. Vermutlich wusste die Musikerin gar nichts über sie als Gastgeberin und ihre Philosophie, weil sie direkt aus einer nordamerikanischen Fachklinik für Psychiatrie kam und seit ihrer Einweisung nur eine Handvoll Kontakte aus ihrem privaten und beruflichen Umfeld hatte haben dürfen. Carol, die Managerin, hatte Martina eingeschärft, ihre Chefin nicht zu überfordern. Dieser Hinweis wäre gar nicht nötig gewesen: Die Frauen, die zu ihr kamen, brauchten allesamt eine behutsame Behandlung, da die meisten von ihnen eine schwere Zeit durchgemacht hatten und in erster Linie Ruhe und rücksichtsvolles Entgegenkommen benötigten. Bisher war es Martina auch immer gelungen, sich genau auf die Bedürfnisse ihrer Klientinnen einzustellen und ihnen gezielt so zu helfen, dass sie letztlich gestärkt in ihr Leben zurückfanden. Ob ihr das bei der Klarinettistin gelingen würde, wusste sie nicht. Sie schien eine komplizierte Persönlichkeit zu sein, wenn man Carol glauben durfte. Außerdem kannte sich Martina überhaupt nicht mit klassischer Musik aus. Herausforderungen waren jedoch eine ihrer Stärken. Sie freute sich schon darauf, die anstehende Aufgabe mit Professionalität und Engagement zu meistern.
Dem Bildschirm in der Ankunftshalle entnahm Martina, dass die Maschine mit ihrer neuen Klientin bereits gelandet war. Sie würde also in Kürze durch den Zoll kommen. Martina machte sich auf zum richtigen Ausgang und wartete geduldig. Da alle ihre Klientinnen prominente Persönlichkeiten waren, nahm sie davon Abstand, mit einem Namensschild durch das Terminal zu laufen, um keine unerwünschte Aufmerksamkeit auf ihre Gäste zu lenken. Stattdessen prägte sie sich vorher die Gesichtszüge der Person ein, die sie empfangen würde. Sie hatte sich das Foto der Klarinettistin auf deren Homepage genau angesehen und hielt nun nach einer Frau Ende dreißig Ausschau, mit kurzen, dunklen Haaren, die mit einer Handvoll grauer Strähnen durchsetzt waren. Die ersten Passagiere traten bereits durch die Tür. Sie betrachtete sie eingehend. Bis jetzt war das richtige Gesicht noch nicht dabei gewesen.
Eine Frau mit Kurzhaarschnitt und einer Sonnenbrille trat durch den Spalt und blickte sich suchend um. Das könnte sie sein. Martina ging auf die Frau zu und fragte: »Entschuldigen Sie bitte. Sind Sie Frau van Langen?«
Durch die Sonnenbrille konnte sie die Reaktion ihres Gegenübers nicht deuten. Die Frau blickte sie durch die dunkle Brille an und nickte nur. Ihre Züge wirkten starr, wie in Stein gemeißelt. Ihre helle, fast fahle Haut verriet, dass sie in den letzten Monaten kaum die Sonne gesehen hatte.
Martina streckte ihr die rechte Hand entgegen und sagte: »Martina Mauritius. Guten Tag und herzlich willkommen!«
Die andere ignorierte ihre Hand und quetschte nur ein »Tag!« heraus.
Na gut, dann nicht. Vielleicht war sie übermüdet, offenbar kam sie ja direkt aus Nordamerika. Martina warf einen Blick auf den winzigen Koffer, den die Frau hinter sich herzog, und fragte verdutzt: »Ist das Ihr ganzes Gepäck?«
»Sie werden doch wohl eine Waschmaschine im Haus haben?«, kam es grob aus Richtung der Sonnenbrille. »Und ich bin mir sicher, dass es auch in Holland so etwas wie Bekleidungsgeschäfte gibt.«
Martina zog unmerklich die Augenbrauen hoch. Witzig sind wir heute auch, dachte sie sarkastisch. Und inkorrekt noch dazu. Schließlich wird sie die nächsten Wochen zwar in den Niederlanden verbringen, aber nicht in der Provinz Nord- oder Südholland, sondern in Zeeland. Doch sie verzichtete darauf, die Terminologie richtigzustellen. Stattdessen sagte sie unbeirrt freundlich: »Ich hatte Glück mit dem Parkplatz. Wir haben es nicht weit.« Damit setzte sie sich in Richtung Ausgang in Bewegung.
Sie ging voraus in der Annahme, dass Frau van Langen in der Lage war, ihr übersichtliches Gepäck selbst zu bewältigen. Dabei hatte sie Carols Rat im Ohr: »Fassen Sie sie nur nicht mit Glaceehandschuhen an. Das mag sie gar nicht.« Normalerweise hörte Martina nicht auf solche Ratschläge, sondern machte sich lieber selbst ein Bild. In diesem Fall entschied sie allerdings ganz im Einklang mit Carols Empfehlung, dass Ignoranz genau die richtige Verhaltensweise wäre.
Beim Auto angekommen, sah Martina aus den Augenwinkeln Frau van Langens abschätzigen Blick. Im nächsten Moment muffelte die Klarinettistin auch schon: »Ein anderes Modell war wohl nicht in Ihrem Budget? Dabei nehmen Sie es von den Lebendigen.«
Immerhin hat sie sich über meine Preise informiert, dachte Martina und gab sich alle Mühe, das Ganze mit Humor zu sehen. Sie ließ die arrogante und noch dazu reichlich unverschämte Aussage – immerhin bot sie einiges für besagte Preise – unkommentiert, setzte ihr lieblichstes Lächeln auf und sagte freundlich: »Ich hoffe, Sie fahren trotzdem mit.« Im Stillen sagte sie sich: Wählerisch ist die Dame auch noch. Aber ich lasse mich nicht provozieren.
Sie öffnete den Kofferraum des Kastenwagens, der bereits ihren eigenen Koffer sowie ihr Fahrrad beherbergte. Zugegeben, der Wagen war keine Limousine, aber er bot Stauraum im Überfluss, und Martina liebte es, ihr eingefahrenes Tourenrad überallhin mitnehmen zu können. Und Frau van Langens kleiner Trolley würde sich auf der großzügigen Ladefläche noch mit Leichtigkeit unterbringen lassen. Sie nahm dem Gast den kleinen Koffer ab, verstaute ihn im Kofferraum und bat die Fremde, auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. Ein anderer Sitzplatz stand nicht zur Verfügung, da sie die Rückbank heruntergeklappt hatte, um Platz für das Fahrrad zu schaffen.
Sie sitzt wahrscheinlich lieber im Fond und lässt sich durch die Gegend chauffieren, dachte Martina zynisch, während sie selbst auf den Fahrersitz kletterte und den Motor startete. Und dabei macht sie unqualifizierte Bemerkungen. Wetten? Sie schluckte ein Kichern hinunter.
Durch einen Seitenblick vergewisserte sie sich, dass der Weg frei war, dann fuhr sie vorsichtig an. Es dauerte nicht lange, und sie waren auf der Autobahn Richtung Rotterdam unterwegs.
»Wie lang fahren wir?«, fragte Frau van Langen im Befehlston.
Martina ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. »Etwa zwei Stunden.«
»Ich dachte, es geht schneller.« Die andere schien etwas ungehalten über den weiten Weg. Doch das war nun wirklich nicht Martinas Problem. Die Musikerin hatte sich offenbar überhaupt nicht auf ihren Aufenthalt vorbereitet und es noch nicht einmal für nötig gehalten, sich die geographische Lage ihres neuen Domizils genauer anzusehen. Schon wieder muffelte es vom Beifahrersitz: »Aber wahrscheinlich ist dieses Ungetüm auch noch eine lahme Ente.«
»Es sind etwas über 160 Kilometer, und die letzten 70 legen wir auf der Landstraße zurück. Das dauert nun mal seine Zeit. Im Übrigen beträgt die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen in den Niederlanden 130 Stundenkilometer.« Martina versuchte, sachlich und beruhigend zu klingen. Ein schnippisches »Und ich habe nicht vor, Ihretwegen die Geschwindigkeitsbegrenzung zu ignorieren!« konnte sie sich allerdings nicht verkneifen.
»Wofür bezahle ich Sie dann?«, war die patzige Antwort.
Doch das leichte Zittern in Lena van Langens Stimme war Martina nicht entgangen. Und das ungehaltene Benehmen konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Martinas neuer Gast offenbar kurz vor einem Heulkrampf stand. Auch das noch . . . Martina würde wirklich sehr behutsam vorgehen müssen. Auf eine erwachsene Frau, die auf den Arm will, habe ich im Moment so gar keine Lust, dachte sie leicht genervt. Vor allem, wenn sie gleichzeitig so tut, als sei sie eine von der ganz harten Sorte.
»Das dauert mir alles zu lange. Ich bin seit gestern früh unterwegs. Ich bin hungrig und müde.« Frau van Langen klang wie ein trotziges Kind, das seinen Willen nicht bekam. Das hatte Martina gerade noch gefehlt, dass sie sich jetzt alle fünf Minuten diese Quengelei würde anhören müssen. Sie beschloss, einfach nicht darauf zu reagieren.
Das erwies sich als die richtige Strategie, denn kaum hatte die Klarinettistin ihre trotzigen Worte ausgesprochen, war sie auch schon eingeschlafen. Sie scheint wirklich müde zu sein, dachte Martina, schon etwas versöhnter. Na ja, ich weiß ja selbst, dass so ein langer Flug ganz schön schlaucht. – Aber jetzt bin ich viel zu schnell viel zu nachsichtig mit ihr, fiel ihr auf. Sie beschloss, sich derartiges Genörgel und sonstige Frechheiten im täglichen Umgang mit der Musikerin nicht gefallen zu lassen.
Martina war eine sichere und besonnene Fahrerin, und so verlief die Fahrt sehr ruhig. Frau van Langen schlief während der gesamten Fahrzeit friedlich weiter. Schließlich waren sie am Ziel: einem recht großzügigen Anwesen zwischen den beiden Örtchen Oostkapelle und Vrouwenpolder, wenige Meter von der niederländischen Nordseeküste entfernt inmitten der Dünen gelegen. Ein Ort, an dem alle Welt Urlaub machte. Um diese Jahreszeit freilich war es ausgesprochen ruhig, nahezu ausgestorben: Die Ferien waren vorbei, die Menschen bereiteten sich auf das Ende der Saison und damit die ungemütlichste Jahreszeit vor, mehr als die Hälfte der Restaurants befand sich bereits in der Winterpause.
Martina parkte den Wagen und drehte sich zu ihrer immer noch schlafenden Beifahrerin um. Einen Augenblick betrachtete sie das entspannte Gesicht der Fremden, deren Atemzüge flach, aber gleichmäßig waren. Sie sieht verdammt gut aus. Und mit Sicherheit ist sie lesbisch. Diese Vermutung ließ sie einen Moment innehalten. Komisch, darüber habe ich in der Presse gar nichts gelesen . . . Vielleicht weiß sie es selbst nicht.
Amüsiert über sich selbst schüttelte sie den Kopf. Mit knapp vierzig nicht zu wissen, dass oder ob man lesbisch war, schien ihr doch einigermaßen absurd. Auf der anderen Seite waren ihr während ihrer Arbeit immer wieder Frauen begegnet, die sich auch in fortgeschrittenem Alter ihrer sexuellen Orientierung nicht sicher waren. Es konnte ja nicht jede schon mit sechzehn wissen, dass sie lesbisch war. Das war zumindest das Alter gewesen, in dem Martina klargeworden war, dass sie nur auf Frauen stand.
Jedenfalls wünschte sie Lena van Langen, dass sie ihr Coming-out schon hinter sich hatte. Dadurch wurde doch so einiges leichter. Und falls nicht, wäre es in ihrer, Martinas, Obhut vielleicht einfacher, ihre Sexualität zu entdecken, als im mehr oder weniger öffentlichen Alltag eines Weltstars. Obwohl Martina und die Klarinettistin nicht den besten Start gehabt hatten, fühlte sie sich in diesem intimen Moment der Betrachtung mit der Musikerin verbunden. Sie lächelte.
Sanft legte sie ihre Hand auf Frau van Langens linken Arm und weckte sie so behutsam wie möglich, um sie nicht zu erschrecken oder sich erneut eine herrische Bemerkung einzufangen. Die Fremde blinzelte, bevor sie die Augen öffnete. Kurz vor dem Einschlafen hatte sie die Sonnenbrille abgesetzt und im Handschuhfach verstaut. Jetzt sah Martina in ein leuchtendes Braun, in dem sich die tiefstehende Sonne spiegelte und das ihr in diesem Augenblick vorkam wie das glänzende Fell eines Rehkitzes. Sie schmunzelte: Ein Rehkitz – mit fast vierzig? Na ja, vielleicht ist sie genauso unberührt.Aber eine unberührte Frau mit knapp vierzig – wo gibt es denn so was?
Nur ganz kurz war der Blick des Weltstars unsicher, bevor sie sich daran erinnerte, wo sie sich befand und wer da gerade neben ihr saß. »Wo sind wir?«, fragte Frau van Langen barsch, so als hätte Martina sie entführt.
»Wir sind da«, informierte Martina sie. »Hier werden Sie in den nächsten Monaten wohnen.«
»Das werden wir noch sehen.« Der Ton der Fremden war immer noch feindselig. Weggeblasen waren alle Assoziationen mit einem Reh.
Martina stieg aus, öffnete den Kofferraum und hievte die Koffer heraus. Um ihr Fahrrad herauszuholen, musste sie ein wenig in die Ladefläche klettern. Sie löste die Gurte, die das Gefährt gehalten hatten, schob es rückwärts aus dem Laderaum heraus und radelte die paar Meter zum Schuppen, um es dort zu verstauen, während die Klarinettistin aus dem Wagen stieg. Nachdem sie den Schuppen wieder verschlossen hatte, schlenderte sie langsam zum Auto zurück und widmete sich den Gepäckstücken, die auf dem Boden standen.
»Ich transportiere meinen Koffer selbst«, kam es ebenso unwirsch wie zuvor von dem neuen Gast. Augenblicklich ließ Martina den Koffer der anderen los und ging mit ihrem eigenen auf das Haus zu. Die Fremde schien einen Moment unschlüssig, nahm aber schließlich doch ihren Trolley und folgte ihr durch die Tür.
Martina hatte sich schon die Jacke ausgezogen und ihren Koffer zur Seite gestellt. »Kann ich Ihnen zuerst etwas anbieten?«, fragte sie höflich. »Oder wollen Sie gleich Ihre Wohnräume inspizieren und eine kleine Hausführung unternehmen?«
»Ich habe Durst«, kam es schroff zurück, in demselben nörgeligen Ton wie am Flughafen.
Martina blieb ganz geschäftsmäßig. »Was kann ich Ihnen bringen: Wasser, Tee, Kaffee, Saft?« Ihre Stimme war provozierend gelassen.
»Wasser!« Schon wieder dieser Befehlston.
Na ja, wenigstens nicht das nervige Quengeln. »Still oder mit Kohlensäure?«
»Still!«
Martina ging in die Küche, wo sie zuerst tief durchatmete und anschließend zwei Gläser mit stillem Wasser einschenkte, die sie im Wohnzimmer servierte. Frau van Langen nahm ihr ungeduldig ein Glas ab und trank es in einem Zug aus.
»Jetzt würde ich gern Ihr Haus sehen«, sagte sie, als sie das leere Glas auf dem Tisch abstellte. Es klang etwas versöhnlicher, schien aber immer noch nicht ihr normaler Tonfall zu sein. Martina fragte sich, wie ihr normaler Tonfall wohl klingen mochte, denn den hatte sie ja noch gar nicht vernommen.
»Bitte hier entlang«, sagte sie einladend und begann ihren Gast durch das Haus zu führen. Neben den Wohnräumen im Erdgeschoss zeigte sie Frau van Langen den wunderschönen Wintergarten mit Blick auf die Nordsee, der zum Gemeinschaftsbereich gehörte. Bevor sie sie in eine der zwei Wohnungen im ersten Stockwerk führte, die für sie reserviert war, ging sie mit ihr in den Keller, der neben einem Fitnessraum und einem Saunabereich ein kleines Schwimmbecken beherbergte. Der Pool war Martinas ganzer Stolz. Sie hatte ihn zusätzlich einbauen lassen, nachdem sie das Anwesen gekauft hatte, und jede ihrer Klientinnen hatte es bisher geliebt, schon morgens ihre Bahnen zu ziehen und so eine erste Trainingseinheit zu verrichten.
»Hier absolviere ich jeden Morgen mein Schwimmtraining«, erklärte Martina. »Dieser Bereich steht Ihnen selbstverständlich auch zur Verfügung.«
»Wer macht hier sauber?«, fragte die Fremde bissig.
»Ein Hausmeister kümmert sich um die tägliche Reinigung des Beckens.« Äußerlich blieb Martina sachlich und ruhig, innerlich kochte sie fast. Das kann ja heiter werden, wenn das so weitergeht. Dann könnte sie die Erste sein, die ich rauswerfe.
Als hätte sie ihre Gedanken gelesen, sprach Frau van Langen während des restlichen Rundgangs nur noch wenig – und deutlich weniger scharf. Und als sie wieder in der Küche angekommen waren und Martina begann, einen Salat als Abendessen zuzubereiten, schickte sich ihr Gast sogar an, beim Schneiden der Zutaten zu helfen.
Wenn das ein Friedensangebot sein soll, überlegte Martina, ist es sehr subtil.
»Mögen Sie Wein zum Essen?«, fragte sie in neutralem Ton. Und um bissiges Nachhaken erst gar nicht zuzulassen, fügte sie hinzu: »Ich beziehe meinen Wein aus Deutschland. Sie haben die Wahl zwischen Mosel- und Naheweinen. Rot oder weiß?«
»Ich bevorzuge rot«, war die kurz angebundene Antwort. »Die Wahl des Flusses überlasse ich Ihnen.« Sie sah kurz in Martinas Richtung und schob hinterher: »Die nordamerikanischen Weine schätze ich überhaupt nicht.«
Martina beschloss, diesen Zusatz nun wirklich als Versöhnungsangebot zu werten. Und vielleicht war ihre Anspielung auf den Fluss ja sogar ein Versuch, Humor zu zeigen, dachte sie und lächelte innerlich. Nach außen gab sie sich weiterhin professionell-distanziert: »Merlot oder Dornfelder?«
Die andere schien von dem Angebot überrascht, denn sie hob anerkennend die Augenbrauen, während sie antwortete: »Merlot.«
»Ich hole eine Flasche aus meinem Weinkühlschrank«, beeilte Martina sich zu betonen, um jeder sarkastischen Bemerkung zur richtigen Behandlung von Rotwein zuvorzukommen. Sie besaß tatsächlich einen Weinkühlschrank mit intelligenter Kühlung und einem eigenen Regal für jede Rebsorte, so dass jedes Getränk angemessen temperiert werden konnte. Und offensichtlich hatte sie den Gast sowohl mit ihrem Angebot an Weinen als auch mit deren professioneller Lagerung zum Schweigen gebracht, denn Lena van Langen enthielt sich diesmal jedes Kommentars.
Martina hatte sich angewöhnt, den Merlot in einem dickbauchigen Bordeauxglas zu servieren. Darin konnten sich das Aroma und der Geschmack voll entfalten. Sie wappnete sich schon für boshafte Kritik an der unpassenden Wahl des Glases, aber die Fremde nickte nur schweigend, als sie ihr das Weinglas reichte.
Sie saßen sich am Esszimmertisch gegenüber und hoben ihre Gläser, ohne sie jedoch gegeneinander klingen zu lassen. Frau van Langens Blick hatte fast etwas Weiches angenommen, als sie verträumt einen Schluck nahm. Sie schloss sogar für einen kurzen Moment die Augen, während sie die Flüssigkeit im Mund hin und her bewegte, und schien sich ganz dem Geschmack hinzugeben. Sie scheint eine Kennerin zu sein, dachte Martina anerkennend. Wie schön.
Die Musikerin schluckte den Wein hinunter und bemerkte mit hörbarer Wertschätzung in der Stimme: »Der ist gut.«
So viel Lob aus dem Mund des Weltstars hatte Martina gar nicht erwartet, ebenso wenig wie diese gewisse Sanftheit in ihrem Tonfall. Wahrscheinlich ist sie wirklich nur erschöpft von der Reise und deshalb so unwirsch.Ich gebe ihr eine zweite Chance, beschloss sie. Morgen. Sie lächelte ihr Gegenüber zurückhaltend an und nahm selbst einen zweiten Schluck des köstlichen Tropfens.
Das Abendessen nahmen sie weitgehend schweigend zu sich. Die Musikerin konzentrierte sich ganz auf ihren eigenen Teller und ließ keinen Blickkontakt zu. Martina wunderte sich beinahe, dass sie die Sonnenbrille nicht wieder aufgesetzt hatte, um eine sichtbare Distanz zu schaffen. Als etwas später der Tisch abgeräumt und das Geschirr in der Spülmaschine untergebracht war – wobei Frau van Langen überraschenderweise geholfen hatte –, verabschiedete sich die Klarinettistin mit den Worten: »Ich gehe ins Bett. Ich bin sehr müde.« Sie wandte sich schon zum Gehen, drehte sich aber noch einmal um: »Und danke für die leckere Mahlzeit, das hat mir gutgetan.« Den Blick hielt sie weiterhin gesenkt.
Erneut war Martina überrascht. Ein Dank dieses anspruchsvollen Gastes kam vermutlich einer hohen Auszeichnung gleich. Aber warum sieht sie mir nicht ins Gesicht?, fragte sich Martina.
Auch sie selbst begab sich wenig später ins Bett. Es war ein langer Tag gewesen. Während sie noch ein wenig in ihrem neuen Buch las, das sie sich heute Morgen in Amsterdam besorgt hatte, konnte sie die unerfreulichen Erlebnisse mit ihrer neuen Klientin ausblenden und schlief schließlich mit einem zuversichtlichen Gefühl ein.
Am nächsten Morgen war Martina einmal mehr gutgelaunt aufgestanden, hatte ihre morgendlichen tausend Meter im Schwimmbecken absolviert und war dabei, das Frühstück zuzubereiten. Carol hatte ihr eine lange Liste gemailt mit den Vorlieben und Abneigungen der Klarinettistin in Bezug auf Lebensmittel und Speisen. Die Liste hatte Martina zwar abgespeichert, aber nicht gelesen. Sie wollte diese Informationen lieber von Lena selbst hören.
Heute sorgte sie für die größtmögliche Auswahl. Von Müsli bis Brötchen inklusive Wurst und Käse tischte sie alles auf, frisch gepresster Orangensaft komplettierte das Angebot. Eier in jedweder Form wären ebenfalls schnell zubereitet. Martina war bereit für Lena van Langens großen Auftritt.
Bis diese den Weg zum Frühstückstisch fand, dauerte es allerdings noch eine Weile. Vermutlich hatte die Anreise sie doch mehr mitgenommen, als sie selbst es erwartet hätte. Immerhin reiste sie sonst um die ganze Welt, und man hätte annehmen können, dass sie an lange Flüge und ebenso lange Tage gewöhnt war. Martina war längst mit dem Frühstück fertig, als der neue Gast verschlafen im Bademantel in der Küche auftauchte.
»Morgen.« Die Stimme der Klarinettistin klang noch äußerst schläfrig.
»Guten Morgen«, erwiderte Martina fröhlich. »Kann ich Sie mit einem Kaffee oder Tee erfreuen?«
»Tee?«, fragte Lena skeptisch. »Frisch aufgebrüht?«
»Was wohl sonst?«
Die Aussicht auf frisch aufgebrühten Tee weckte offensichtlich die Lebensgeister der Musikerin, denn ihre Augen leuchteten regelrecht, und ihr Gesicht erschien wesentlich weniger abweisend als gestern. Ein solcher Luxus war ihr wohl in den Hotels, in denen sie während ihrer Tourneen logierte, nicht vergönnt. »Welche Sorten können Sie denn anbieten?«
»Darjeeling, Assam, Ceylon, Oolong . . .«
»So viel Auswahl?«, unterbrach Lena mit großen Augen. »Ich trinke am liebsten Assam.«
Passt hervorragend zu ihren Augen, wenn sie von der Sonne angestrahlt werden, dachte Martina und wandte schleunigst den Blick ab, fast ein wenig erschrocken von diesem Gedanken. Die wunderschönen braunen Augen hatten sie gestern Abend schon gefesselt. Und dass sie selbst Assam ebenfalls ganz besonders liebte, weckte ein seltsames Gefühl der Verbundenheit in ihr, das sie irritierte.
»Drei oder vier Minuten?«, fragte sie rasch, um sich abzulenken.
»Vier.«
»Milch und Zucker?«
»Weder noch.«
»Kommt sofort.«
Während Martina das Teewasser aufsetzte, nahm Lena van Langen vor dem einzigen Teller Platz. »Ich bin wohl etwas spät?«, fragte sie und deutete auf das unbenutzte Gedeck.
Noch konnte Martina nicht sagen, wie die Musikerin gelaunt war. Ihr Tonfall war neutral, vielleicht geschäftsmäßig – immerhin aber nicht so scharf wie gestern. »Keinesfalls«, versicherte sie ihrem Gast. »Hier gibt es keine festen Frühstückszeiten. Außerdem wusste ich nicht, ob Sie meine Anwesenheit wünschen.«
»Das Abendessen in schweigsamer Zweisamkeit gestern hat mir ganz gut gefallen.« Ein zaghaftes Lächeln. »Ich fände es schön, wenn Sie noch einen Tee mittränken.«
Der Morgen fängt an, wie der Abend aufgehört hat, dachte Martina erstaunt. Mit so viel Zurückhaltung, ja Freundlichkeit hätte sie nach dem Auftritt am Flughafen nicht gerechnet. »Hatte ich vor«, sagte sie und goss den Tee in zwei dünnwandige Tassen, von denen sie eine vor Frau von Langen hinstellte. »Die passen nicht so ganz zum übrigen Geschirr, aber daraus schmeckt der Tee noch eine Spur besser. Habe ich bei einem meiner Streifzüge durch die Antikläden der Amsterdamer Altstadt entdeckt.« Sie wollte einer eventuellen abfälligen Bemerkung über die bunte Mischung des Geschirrs gleich den Wind aus den Segeln nehmen. Vielleicht bot sie ihrer neuen Klientin damit viel zu viele Informationen an, aber da musste diese jetzt durch. Martina, alles andere als ein Morgenmuffel, liebte ein Gespräch am frühen Morgen über alles, respektierte es aber auch, wenn andere Menschen etwas länger brauchten, um in den Tag zu finden.
Lena van Langen nahm vorsichtig einen kleinen Schluck des Tees zu sich, der golden in der Tasse glänzte. »Mmh«, war alles, was sie verlauten ließ, während sie die Augen schloss und sich den Tee sichtlich auf der Zunge zergehen ließ, wie sie es gestern Abend mit dem Wein getan hatte.
Scheint ihr zu schmecken, dachte Martina erfreut. Eine Plaudertasche ist sie allerdings nicht gerade. Aber daran werde ich mich wohl gewöhnen können. Mit einem Lächeln schenkte sie Lena van Langen noch etwas Tee nach.
Martina hatte sich nach der ersten gemeinsamen Tasse Tee dezent mit ihrem neuen Buch in den Wintergarten zurückgezogen. Letztendlich hatte sie ihrem Gast dann doch nicht beim Frühstücken zusehen mögen, weil sie das unhöflich fand. Nachdem sie herausgefunden hatte, was die Klarinettistin alles zum Frühstück haben wollte, hatte sie es bereitgestellt, die restlichen Sachen weggeräumt und sich leise entfernt.
Sie hatte kaum eine halbe Seite gelesen, als sie plötzlich Frau van Langens Stimme neben sich hörte, die freundlich fragte: »Darf ich Ihnen noch etwas Tee eingießen?«
Martina glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Überrumpelt blickte sie auf und konnte sich gerade noch daran hindern, ihren Gast verblüfft anzustarren. Die Klarinettistin hatte sich schon über Martinas Tasse gebeugt und wartete auf ihre Zustimmung. Als Martina nur stumm nickte, goss Frau van Langen ihr die dunkel-goldene Flüssigkeit ein. Die Kanne stellte sie auf dem kleinen Beistelltisch ab, nachdem sie sich selbst noch von dem Getränk genommen hatte. Nun stand sie einen Moment da, nach wie vor im Bademantel, offenbar unschlüssig.
»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihnen Gesellschaft leiste?«, fragte sie schließlich leise und ungewohnt zaghaft. »Ich störe Sie auch nicht beim Lesen.«
Martina, die sich mittlerweile von ihrer Überraschung erholt hatte, legte den Zeigefinger zwischen die Seiten ihres Buches und bot ihr mit einer Handbewegung den Sessel neben sich an: »Nehmen Sie doch bitte Platz.« Die beiden bequemen Sessel standen so nebeneinander, dass man aus den bodentiefen Fenstern einen phantastischen Blick aufs Meer hatte. Heute toste und brandete es heftig auf den Strand, denn es war windig und regnerisch. Die Wolken hingen schwer über der See und wirkten bedrohlich. Der Wind rüttelte lautstark an den Fensterläden des Wintergartens. Gestern war wohl einer der letzten schönen Tage im Jahr, dachte Martina wehmütig.
Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Lena van Langen sich setzte und ebenfalls dem Tosen draußen zusah. Nach einer Weile nickte sie. »Schön haben Sie es hier.«
»Ja«, sagte Martina versonnen, die Augen auf das brodelnde Wasser gerichtet. »Diesen Blick liebe ich besonders.«
Frau van Langen wandte sich vom Meer ab und ihr zu, und ihr Blick fiel auf das Buch in Martinas Schoß. »Entschuldigung«, sagte sie. »Ich wollte ja nicht beim Lesen stören.«
Martina machte eine abwehrende Handbewegung. »Keine Ursache. Ich muss sowieso eine kleine Pause einlegen.« Sie hob das Buch, so dass der niederländische Titel sichtbar war. »So gut ist mein Niederländisch nun offenbar doch noch nicht, obwohl ich schon viele Jahre hier lebe.«
»Sie lesen den Roman im Original?« Lena van Langen lächelte anerkennend.
»Zumindest versuche ich es«, schränkte Martina ein. »Ich war gestern noch in einem Buchladen in Amsterdam und habe dieses Buch beim Stöbern entdeckt. Mit dem Klappentext hatte ich keine Probleme. Das hat mich übermütig gemacht und mir suggeriert, ich könnte den gesamten Roman leicht bewältigen.«
Lena van Langen hob fragend eine Augenbraue.
»Das war ein Irrtum«, erklärte Martina. »Es ist wesentlich mühsamer, als ich geglaubt habe. Aber jetzt habe ich einmal angefangen, da lese ich es auch zu Ende.«
»Macht es denn Spaß?«
»Eigentlich ja.« Dessen wurde sich Martina erst in dem Moment bewusst, als sie die Antwort aussprach. Ja, es machte ihr Spaß, die niederländischen Sätze zu entschlüsseln und die Zusammenhänge zu erkennen. Einige Passagen, deren Wörter sie kannte und nicht erst langwierig nachschlagen musste, konnte sie sogar schneller lesen, und sie wurde immer besser darin. Deshalb hatte sie auch die Volkskrant abonniert, eine niederländische Tageszeitung, um regelmäßig in der Fremdsprache zu lesen. Um sich allerdings an das Sprechen und Verstehen zu gewöhnen, dazu hatte sie zu viel Kontakt zu der kleinen deutschen Gemeinde hier, die sich hauptsächlich aus Freundinnen zusammensetzte. Da wurde überwiegend deutsch gesprochen. Und auch ihre niederländischen Freundinnen beherrschten die Sprache so gut, dass selten die Notwendigkeit bestand, sich des Niederländischen zu bedienen.
»Ich bewundere Sie dafür«, bemerkte Lena van Langen leise, den Blick wieder auf das stürmische Meer gerichtet.
Martina sah sie verdutzt an. »Wofür?« Heute erstaunte ihr Gast sie immer wieder. Sie konnte sich nicht vorstellen, wofür eine weltberühmte Virtuosin sie bewundern sollte – einmal abgesehen davon, dass sie gestern noch gedacht hatte, sie hätte es mit einer völlig ungenießbaren Zeitgenossin zu tun.
Frau van Langen antwortete, ohne sie anzusehen: »Für diese Beharrlichkeit. Dafür, dass Sie am Ball bleiben, obwohl es vielleicht nicht ganz einfach ist.«
»Aber Sie selbst sind doch viel beharrlicher.« Martina schaute zu ihr hinüber, jetzt ihrerseits mit Bewunderung. »Nur mit eiserner Disziplin kann man dort hingelangen, wo Sie sind.«
Die Klarinettistin gab keine Antwort. Minutenlang hing ein unbehagliches Schweigen in der Luft. Martina konnte ihren Gast atmen hören; es klang schwer und gepresst. Und als sie erneut hinübersah, stellte sie fest, dass Frau van Langens Miene sich verdüstert hatte.
»Nicht mehr«, kam es schließlich kaum hörbar aus der Richtung der Musikerin. »Nicht mehr.« Sie erhob sich und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.
Mist, dachte Martina. Das erste richtige Gespräch habe ich wohl vermasselt.
Sie hörte, dass in Lena van Langens Badezimmer in der oberen Etage die Tür zur Dusche lautstark geschlossen wurde. Seufzend schlug sie ihr Buch wieder auf.
Viel wusste Martina nicht über das, was vor einem Dreivierteljahr im Leben der weltberühmten Klarinettistin vorgefallen war. Carol hatte sie nur mit dem Notwendigsten an Informationen versorgt. Und sie selbst hatte kein Verlangen gespürt, sich umfassender im Internet zu informieren – falls es dort überhaupt ausreichend Informationen zu lesen gab, die auch der Wahrheit entsprachen. Ob sie das noch tun sollte, um einen Zugang zu Lena van Langen zu bekommen? Später, dachte sie. Zuerst wollte sie sich ein ungefiltertes Bild der Fremden machen.
Bisher war es nie erforderlich gewesen, sich mehr Fakten über einen Gast zu beschaffen, denn sie hatte ja mit allen – Frauen ohne Ausnahme – vor dem Aufenthalt bereits persönlichen Kontakt gehabt. Sämtliche Frauen, die ihre Dienstleistungen in Anspruch nahmen, waren prominent und hatten einen Zusammenbruch hinter sich, welcher Art auch immer. Sie kamen hierher, um neue Kräfte zu sammeln, sich aufzurappeln und ihr Leben wieder positiv zu gestalten. Und ein Zugang zu ihnen hatte sich immer ergeben – früher oder später hatte sich jede von ihnen Martina geöffnet. Sie hatte jedoch noch nie einen Gast gehabt, mit dem sie nicht vorher in irgendeiner Form kommuniziert hatte. Schließlich war das auch wichtig, damit die Gäste wussten, was sie erwartete und worauf sie sich einließen. Außerdem gab Martina ihnen immer die Gelegenheit, im Vorhinein Wünsche zu äußern, auf die sie sich dann vorbereiten konnte. Für eine der Frauen, direkt zu Beginn ihrer Arbeit, hatte sie sogar eigens eine Ausbildung in Meditation gemacht. Seither war diese Dienstleistung Teil ihres Programms, und die Meditation hatte sich auch für Martina selbst als eine große Bereicherung herausgestellt. Darüber hinaus praktizierte sie Yoga und konnte ihre Gäste darin anleiten; und wenn eine professionelle Yogalehrerin gefragt war, gab es im Umkreis einige Adressen, an die sie die jeweilige Besucherin vermitteln konnte. Als ausgebildete Physiotherapeutin bot Martina außerdem ein umfassendes Sport- und Wellnessprogramm an, von Jogging über Schwimmen bis Gymnastik und sogar Golf. Den Fitnessraum konnten ihre Klientinnen ebenfalls nach Belieben nutzen. Und Massagen waren obligatorisch.
Zusätzlich zu Martinas vielseitigem Angebot nahmen die meisten ihrer Gäste die Hilfe der Psychologin Amanda Bach in Anspruch. Amanda und Martina hatten sich kurz nach Martinas Umzug in ihr neues Haus kennengelernt und angefreundet, und heute waren sie beste Freundinnen. Auch Amanda stammte aus Deutschland. Das war ihr erster Anknüpfungspunkt gewesen, doch bald hatten sie noch viele weitere Gemeinsamkeiten festgestellt, und heute konnte Martina die Freundin gar nicht mehr aus ihrem Leben wegdenken. In der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft hatte sich Amanda in einer ähnlichen Situation befunden wie sie selbst: Sie hatte gerade eine langjährige Beziehung hinter sich, und Martina hatte ihre Lebensgefährtin verloren. Das war der Grund für Martina gewesen, aus Deutschland regelrecht zu fliehen.
Und der Neuanfang hier war alles andere als leicht gewesen. Sie hatte sich hoch verschuldet, um sich den langgehegten Traum eines Rückzugsorts für Frauen zu erfüllen: eine Art Rund-um-die-Uhr-Betreuung mit Angeboten aller Art – außer Sex natürlich. Dass dieses Konzept vor allem für Berühmtheiten interessant war, war eher Zufall, jedenfalls war es keineswegs Martinas ursprüngliche Absicht gewesen. Es erwies sich jedoch als ein enormer Glücksfall. Auf diese Weise konnte sie nicht nur ihre Schulden schneller tilgen, weil diese Frauen mindestens ein halbes Jahr oder sogar länger blieben; sie konnte außerdem mit sehr angenehmen, zurückhaltenden Klientinnen arbeiten. Die Frauen waren dankbar für Martinas umfangreiches und professionelles Angebot und sogen die Hilfe regelrecht auf. Manchmal war das eine geradezu berauschende Erfahrung, und Martina liebte ihre Arbeit bald über alles. Es bescherte ihr jedes Mal aufs Neue ein großes Glücksgefühl, wenn sie einer Frau helfen konnte, sich wieder in einem »normalen« Leben zurechtzufinden. Und mit fast allen ihrer Klientinnen hatte sich im Laufe ihres Aufenthalts ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt, das bis heute bestand.
In den entsprechenden Kreisen hatte es sich bald herumgesprochen, dass Martina zuverlässig, diskret und vor allem erfolgreich mit ihrem Konzept war. Fast alle Frauen, die sich bei Martina neu orientiert hatten, waren heute wieder in ihrem Beruf tätig, und die meisten waren erfolgreicher als je zuvor. Sie hatten ins Leben und zu sich selbst zurückgefunden – das war für Martina das Entscheidende. Und die, die es vorgezogen hatten, sich aus dem Rampenlicht zurückzuziehen, lebten dennoch glücklich und zufrieden ein neues Leben, das sie Martina und ihrer Arbeit zu verdanken hatten. Inzwischen war es fast zu einer festen Regel geworden: Wer ein ernsthaftes Problem hatte und berühmt war, stieß früher oder später auf Martinas Webseite. So war auch der Kontakt mit Carol zustande gekommen. Sie hatte sich mit Martina in Verbindung gesetzt und den Aufenthalt Lena van Langens in ihrem Haus gebucht.
Es war das erste Mal gewesen, dass Martina von ihrer Regel abgewichen war, die neue Klientin zumindest einmal persönlich zu sprechen. Es war auch das erste Mal, dass sie jemanden zu dieser Zeit bei sich aufnahm: Mitte Oktober. Normalerweise brauchte Martina die Zeit von Oktober bis Februar, um sich zu erholen und neue Kräfte zu sammeln für die nächsten Herausforderungen. Außerdem konnte das Wetter um die Winterzeit ausgesprochen ungemütlich sein, und die Aktivitäten, die sie in diesem Zeitraum anbieten konnte, waren daher etlichen Einschränkungen unterworfen. Sie hatte also zwei große Ausnahmen gemacht – für eine Frau, mit der schon die erste Begegnung äußerst unangenehm gewesen war.
Martina klappte das Buch zu und erhob sich von ihrem Sessel im Wintergarten. Nach dem recht irritierenden Verlauf ihres ersten ernsthaften Gesprächs mit Lena van Langen hätte sie sich ohnehin nicht mehr auf das Lesen in der Fremdsprache konzentrieren können. Und jetzt stand ihr die nächste Konfrontation bevor. Es wurde Zeit, herauszufinden, wie sich ihr Gast den Aufenthalt bei ihr überhaupt vorstellte.
Sie fand Lena im Wohnzimmer des Gemeinschaftsteils der Wohnung, wo sie sich einen Überblick über die Musik und die Bücher ihrer Gastgeberin verschaffte. Sie machte einen gelassenen Eindruck.
Wahrscheinlich hat sie sich schon wieder erholt, und ich mache mir viel zu viele Gedanken, dachte Martina. Oder sie hat einfach ihre Gefühle gut im Griff. »Die kleine Bibliothek steht Ihnen selbstverständlich zur Verfügung«, sagte sie, als sie den Raum betrat.
»Davon bin ich ausgegangen«, kam es mit einer Spur Arroganz vom Regal her, wo der Gast gerade die Buchtitel studierte.
Schon wieder dieses Überhebliche. Sofort spürte Martina Ärger in sich aufsteigen. Vorhin dachte ich, sie hat auch weiche Seiten, sie ist verletzlich, und jetzt wieder so ein Gezicke . . . Aber wahrscheinlich überspielt sie ihre Verletzlichkeit nur durch diese Undurchdringlichkeit, durch diese ekelhafte Schroffheit.
Wie dem auch sei: Eine derart arrogante Frau hatte bisher noch nicht ihre Hilfe beansprucht. Die meisten Frauen, die Martinas Haus aufsuchten, waren anfangs eher scheu und zurückhaltend, manchmal sogar ängstlich, und es dauerte immer seine Zeit, bis sie Zutrauen zu Martina fassten. Aber vielleicht ist es mit Lena van Langen ganz genauso, rief Martina sich noch einmal ins Gedächtnis. Vielleicht gibt sich dieses unverschämte Gehabe, wenn sie sich erst einmal eingewöhnt. »Sie haben recht«, sagte sie laut, noch immer freundlich-distanziert. »Alles in diesem Raum steht Ihnen zur Verfügung.«
»Einschließlich der Dame des Hauses?« Lena van Langen sah noch nicht einmal auf, sie machte die provokative Äußerung ganz beiläufig.
Was zum . . .? Martinas Gedanken rasten. Ich überinterpretiere, mahnte sie sich. Sie meint es ganz geschäftsmäßig. Ich stehe ihr ja tatsächlich zur Verfügung. Und das rund um die Uhr. Sie musste lächeln. Wenn auch nicht so, wie man es vielleicht verstehen könnte.
»In diesem Raum?«, fragte sie nüchtern. »Natürlich.«
»Wo sonst?«, fragte die Musikerin zurück. Sie schoss ein zweideutiges Lächeln in Martinas Richtung und wandte sich dem CD-Regal zu. »Sie haben kaum klassische Musik.«
Höre ich da etwa Kritik heraus? »Ich kenne mich damit nicht aus.«
»Ich finde es ganz gut so. Dann komme ich nicht in Versuchung«, teilte die Musikerin sachlich mit.
Das ergab für Martina keinen Sinn. »Was meinen Sie?«
»Darüber möchte ich jetzt nicht reden.« Lena van Langens Ton wurde kühler. »Mich würde mehr interessieren, was Sie mir anbieten können in den nächsten Monaten, damit ich nicht vor Langeweile sterbe.« Und schon wieder nahm Martina einen herablassenden Unterton wahr, den sie sich ganz sicher nicht einbildete.
»Hier geht es nach Ihren Wünschen«, erklärte sie, innerlich brodelnd, äußerlich ruhig und professionell.
»Ich habe keine.« Die Klarinettistin sah sie provozierend an. »Und nun? Ich hatte gedacht, Sie hätten ein Konzept, nach dem Sie vorgehen. Das hat Carol zumindest behauptet. Sie hat Sie in den höchsten Tönen gelobt. Und wenn sie das nicht getan hätte . . .« Martina meinte, die Vollendung des Satzes ». . . dann wäre ich nicht hier« im Raum widerhallen zu hören, obwohl die Musikerin ihn gar nicht zu Ende gesprochen hatte. Fast schien Lena van Langens Stimme etwas enttäuscht zu klingen – so als hätte sie eine Erwartung gehabt, die jetzt nicht erfüllt wurde.
Martina entschied sich, die Situation mit einem Themenwechsel zu entschärfen: »Ich würde gern über die Mahlzeiten mit Ihnen sprechen.« Das war erfahrungsgemäß ein guter Anknüpfungspunkt für ihre Gäste. Das Thema »Nahrungsaufnahme« war einigermaßen neutral und barg nicht das Risiko, unangenehme Gefühle heraufzubeschwören.
Aber Martina hatte die Rechnung ohne Lena van Langen gemacht. »Essen wird überbewertet«, sagte diese mit herausfordernder Schärfe. »Ich hatte eher an ein Sportprogramm gedacht.«
»Gut. Dann informiere ich Sie einfach über die Gepflogenheiten bezüglich der Mahlzeiten.« Martina war nicht bereit, das Thema fallenzulassen. Ihr Blick war fest auf Lena van Langen gerichtet. »Ich frühstücke gegen halb neun. Einen kleinen Mittagssnack nehme ich gegen eins zu mir.«
»Ich esse zu Mittag nichts.« Lena van Langens Stimme klang gereizt und ziemlich genervt.
»Müssen Sie auch nicht«, versicherte Martina mit gleichbleibender Ruhe. »Ich teile Ihnen lediglich meinen Tagesablauf mit.«
»Ich dachte, ich könnte machen, was ich will.« Martina konnte sehen, wie sich der Körper der Musikerin versteifte.
Und ich dachte, sie will Programm, dachte sie sarkastisch. Wohl etwas ambivalent, die Dame. Laut sagte sie: »Natürlich können Sie das.« Aber ihre Ruhe ließ sich so langsam nur noch mit Mühe aufrechterhalten. Was soll das hier werden? Die Meuterei auf der Bounty? Sie ist doch kein Kind mehr. Und ich bin nicht ihre Mutter . . . Vielleicht ist das das Problem? »Ich dachte nur, die Mahlzeiten würden den Tag etwas strukturieren. Für den Anfang wenigstens.«
»Ich brauche keine Struktur. Von Struktur habe ich wirklich die Nase voll.« Jetzt klang die andere eindeutig trotzig. Als würde sie sich aus Prinzip gegen einen Vorschlag auflehnen und nicht deshalb, weil sie sie aus Überzeugung ablehnte.
»Jedenfalls gibt es Abendessen so gegen sechs. Das gestern war eine Ausnahme, weil wir ja später zu Hause waren.«
»Das hier ist definitiv nicht mein Zuhause«, schoss Lena van Langen sofort zurück. »Und ich esse nicht so früh zu Abend.«
»Auch gut. Ich schon. Ich versuche dann einfach, etwas vorzubereiten, das Sie sich später aufwärmen können.«
»In der Mikrowelle?«
»Eine Mikrowelle habe ich nicht, aber auf dem Herd geht es auch.«
»Wenn es sein muss«, murrte Lena van Langen und muffelte noch etwas in ihren Bart, das »Noch nicht mal eine Mikrowelle« hätte heißen können.
»Sie können sich auch selbst etwas kochen«, schlug Martina vor.
»Ich kann nicht kochen.«
Das habe ich mir fast gedacht. Sie lässt sich lieber von anderen bedienen. Aber wenn sie nicht mit mir essen will, wird sie wohl oder übel selbst etwas tun müssen. »Also Aufwärmen«, meinte Martina abschließend und wandte sich zum Gehen.
Hinter sich hörte sie Lena van Langens Stimme: »Und was gibt es noch zu klären?«
Überrascht drehte sie sich wieder um. Sie hatte angenommen, das Gespräch sei vorerst beendet, so unkommunikativ, wie sich die Musikerin gezeigt hatte. Da hatte sie sich wohl getäuscht. Also gut, sie würde das Spielchen noch eine Weile mitspielen. »Gibt es einen Sport, der Ihnen besonderes Vergnügen bereitet?«, ging sie auf die Frage ein.
»Zu Hause bin ich gejoggt«, erwiderte die andere knapp.
»Das lässt sich einrichten.«
»Eigentlich hasse ich Joggen.« Lena van Langen rümpfte die Nase.
Dann eben nicht, dachte Martina und fühlte erneut Gereiztheit aufwallen. »Was haben Sie noch gemacht?«
»Ich habe ein Fitnessstudio in meinem Haus in Kanada.« Lena van Langen sah Martina mit undurchdringlichem Blick an. »Dort habe ich regelmäßig trainiert.«
»Den Fitnessraum hier können Sie natürlich jederzeit benutzen«, bot Martina an. »Wenn er sicher auch nicht so groß ist wie Ihrer zu Hause . . .«
»Das ist gar kein Vergleich«, unterbrach der Gast unhöflich.
Martina ließ sich nicht beirren, obwohl es sie immer mehr Beherrschung kostete. ». . . enthält er doch alle Geräte, die man für das Training sämtlicher Muskelgruppen braucht.«
»Woher wollen Sie das wissen?« Frau van Langens Ton wurde wieder aufbrausender. Deutlich hörte Martina ein überhebliches »Davon haben Sie ja wohl überhaupt keine Ahnung!« mitschwingen.
Sehr sachlich erklärte sie: »Ich habe den Raum nach physiotherapeutischen Gesichtspunkten eingerichtet.«
»Da kennen Sie sich aus?« Nun klang die Stimme ihrer Besucherin überrascht.
Martina nickte. »Ich bin gelernte Physiotherapeutin mit dem Schwerpunkt Leistungssport und Prävention. Da sollte ich mich wohl gut auskennen.« Und wenn du dich ein wenig über mich erkundigt hättest, wüsstest du das.
»Ich kann die Geräte ja mal ausprobieren.« Wieder dieser herablassende Tonfall. Immerhin: Die Musikerin gab ihrem Fitnessangebot eine Chance.
»Und schwimmen können Sie auch jederzeit«, ergänzte Martina. »Sagen Sie mir, wann Sie das Becken nutzen wollen, und ich weise meinen Hausmeister an, es kurz vorher zu reinigen.« Sie sah Lena van Langen offen ins Gesicht.
Diese schien sich ertappt zu fühlen, denn sie errötete. »Das wird nicht nötig sein«, beeilte sie sich zu sagen und wandte den Blick ab. »Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich Ihnen beim Schwimmen Gesellschaft leisten. Sie schwimmen um sieben, oder?«
Martina bejahte und fragte sich, ob die andere sie heute Morgen gehört hatte. Plötzlich hatte sie das Gefühl, dringend frische Luft zu brauchen. Die Gespräche mit dieser Frau sind verdammt anstrengend. Ob es daran liegt, dass sie Musikerin ist? Künstlerinnen sind ja immer besonders sensibel. Das hatte sie schon oft festgestellt.
Als sie bereits an der Tür war, fragte die Klarinettistin völlig unerwartet: »Was gibt’s heute Abend zu essen?«
Martina beschloss, sich über gar nichts mehr zu wundern. »Den Speiseplan für diese Woche habe ich noch nicht gemacht«, erklärte sie freundlich, als habe es den aggressiven Ton von vorhin nie gegeben. »Und das Einkaufen erledige ich nachher.«
»Wie wäre es, wenn ich zum Einkaufen mitkäme?«, fragte Lena van Langen, wiederum wie aus heiterem Himmel. »Dann könnte ich auch gleich den Ort ein bisschen kennenlernen.« Ihre Stimme klang versöhnlich. Wie schon gestern Abend überlegte Martina, ob das wohl ein Friedensangebot hatte sein sollen.
»Gut«, sagte sie, »ich fahre um eins. Am ersten Tag nach meiner Rückkehr esse ich immer Pommes in der besten Frittenbude an der niederländischen Nordseeküste. Sie können es sich ja überlegen, ob Sie dort auch etwas essen wollen.« Und bevor Lena van Langen so etwas entgegnen konnte wie »Ich esse kein Fast Food«, verließ sie eilig den Raum, um sich eine Jacke überzuziehen und einen zügigen Strandspaziergang zu unternehmen.
Das Meer war heute besonders aufgewühlt. Na, das passt ja hervorragend zu meinem neuen Schützling und meiner Stimmung,
