Im Garten der Gefühle - Ina Sembt - E-Book

Im Garten der Gefühle E-Book

Ina Sembt

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Beschreibung

Für eine brisante Reportage erhält Alexandra den Auftrag, undercover intime Details über die Mode-Magnatin Susanne von Saalfeld herauszufinden. Alexandra gibt sich als Gartenarchitektin aus und kommt Susanne näher als geplant. Doch noch bevor Alexandra ihren wahren Beruf beichten kann, prangen bereits skandalträchtige Schlagzeilen in der Boulevardpresse - Susanne zieht sich wütend zurück. Alexandra versucht verzweifelt alles Menschenmögliche, um Susanne von ihrer Liebe zu überzeugen ...

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Seitenzahl: 380

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Ina Sembt

IM GARTEN DER GEFÜHLE

Roman

© 2013édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-002-8

Coverfoto: © Dmitri Zakovorotny – Fotolia.com

Ich bin el!es sehr dankbar für die Möglichkeit, meinen Roman zu veröffentlichen. Ein weiteres dickes Dankeschön an meine Lektorin Silke Lambert für ihre inspirierende Zusammenarbeit.

Für Siggi im März 2012

1. Kapitel

»Alexandra, hast du ein paar Minuten Zeit für mich?« Regine, die Chefredakteurin, war am Telefon. Ihre Stimme verhieß, dass sie keine Widerrede duldete – wie meistens.

Alexandra hätte nicht sagen wollen, dass es unangenehm war, hier zu arbeiten: in der Redaktion eines Frauenmagazins, das zufällig Alexandras Namen trug. Aber Regine war zweifellos das, was man heutzutage wohl ein Alphaweibchen nannte. Sie ließ keine Gelegenheit aus, die Chefredakteurin herauszukehren, und konnte ihren Mitarbeiterinnen damit ganz schön auf die Nerven gehen. Außerdem war sie ehrgeizig und zielstrebig, und Unpünktlichkeit war ihr ein Graus. Wenn sie »jetzt« sagte, dann meinte sie »jetzt«. Alexandra brach also sofort alle Arbeit ab und eilte umgehend in Regines Büro.

Im Grunde verstand sie sich gut mit Regine. Die hatte sie bei der Gründung von »Alexandra« vor einigen Jahren als eine der ersten Mitarbeiterinnen von einem anderen Frauenmagazin abgeworben, das immer mehr in den Boulevard-Journalismus abzudriften drohte. Alexandra kam die Arbeit mit einer Frauenzeitschrift, die deutlich mehr Gewicht auf Kultur und Politik und vor allem Qualität legte, sehr entgegen, und sie hatte voller Enthusiasmus zugesagt. Bisher war sie nicht enttäuscht worden. Die Arbeit machte ihr großen Spaß, und sie konnte dabei sogar ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen: dem Lesen. Zum überwiegenden Teil rezensierte sie Romane, die neu auf dem deutschen Buchmarkt erschienen, und ab und zu auch einen englischen Titel. Sie führte Interviews mit den Schriftstellerinnen, organisierte Lesungen junger, aufstrebender Autorinnen und plante hin und wieder auch Vorträge von Wissenschaftlerinnen oder Künstlerinnen. Außerdem lernte sie eine Reihe von Verlegerinnen kennen, denen sie ab und zu über die Schultern schauen durfte, um danach eine Reportage über deren Arbeit zu schreiben. Insgesamt war ihr Job also vielfältig, abwechslungsreich – und vor allem kulturell anspruchsvoll.

Irgendwann hatte allerdings auch das Frauenmagazin »Alexandra« einsehen müssen, dass gewisse Verkaufszahlen für das Überleben einer Zeitschrift, die noch dazu die Hälfte der Menschheit ausklammerte, unverzichtbar waren – und dass sich diese Werte ohne eine Boulevard-Sparte nicht halten ließen. Alexandra sollte es recht sein, solange sie nicht mit hineingezogen wurde.

»Alexandra, du wohnst doch in diesem kleinen Kaff jenseits von Düsseldorf?«, begann Regine das Gespräch, ohne sich groß mit Höflichkeiten aufzuhalten.

Vor etwa eineinhalb Jahren war Alexandra nach der Trennung von ihrer letzten Partnerin aus der gemeinsamen Wohnung in Düsseldorf in ein kleines Bauernhaus an der holländischen Grenze gezogen. Sie hatte damals schwer an der Trennung zu knabbern gehabt. Aber der Umzug war der Beginn eines neuen Lebens, und inzwischen liebte sie ihre Freiheit ebenso sehr wie ihre neue Heimat.

Wollte Regine jetzt smalltalken oder führte sie irgendetwas im Schilde, fragte Alexandra sich nun. Ersteres war angesichts von Regines effizienter Arbeitsweise und der Tatsache, dass sie so gut wie nie private Gespräche mit ihren Mitarbeiterinnen führte, ziemlich unwahrscheinlich. Da musste also noch irgendwas kommen, etwas Hinterhältiges.

»Hm-hm«, machte Alexandra erst einmal nur. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, dachte sie sich.

»Na, dann rate mal, wer auch da wohnt!«

»Mein Bäcker, meine Buchhändlerinnen . . .«, antwortete Alexandra arglos.

»Sind die etwa populär?«

»Bei mir schon!«

»Ich merke schon, du stehst auf dem Schlauch. Der Name Susanne von Saalfeld, sagt der dir was?«

»Das ist doch die schwerreiche Fabrikantengattin.«

»Nicht ganz. Gattin stimmt zwar – oder besser: stimmte. Aber die Fabrik gehört ihr, und er ist nur der Gatte. Jetzt geht er bei der Scheidung leer aus, weil die Frau von und zu schlauerweise einen Ehevertrag abgeschlossen hatte. Der Exgatte ist obersauer. Ging durch alle Magazine.«

»Du weißt doch, dass ich hier nicht die Boulevard-Tussi bin«, wandte Alexandra ein. Ihr war immer noch nicht klar, worauf die Chefredakteurin hinauswollte. »Aber das hab ich auch gehört, dass sie sich hat scheiden lassen. Alles andere interessiert mich allerdings einen feuchten Furz.«

»Etwas mehr Stil, wenn ich bitten darf. Es sollte dich nämlich interessieren. Du darfst auf dem Feld des gehobenen Boulevard-Journalismus investigativ tätig werden und dich mal wieder ins richtige Journalistinnenleben stürzen.«

»Wie meinst du das?« Alexandra setzte sich kerzengerade. Das konnte nicht Regines Ernst sein. Sie wusste doch, dass Alexandra den Boulevard hasste und obendrein am Schreibtisch am glücklichsten war.

Regine machte ihre Andeutungen deutlicher: »Du wohnst genau in dem Ort, in dem auch Frau von Saalfeld neuerdings wohnt. Sie ist frisch geschieden, und es geht das Gerücht, dass sie ihren Mann wegen einer Frau verlassen hat. Und du bist lesbisch.«

»So ganz kann ich deiner Argumentation nicht folgen. Ich soll voyeuristisch tätig werden, weil ich lesbisch bin? Ich bin für Boulevard absolut ungeeignet!«, versuchte Alexandra mit so viel Nachdruck wie möglich eine Absage zu formulieren.

Doch Regine wurde langsam ungehalten. »Hab ich doch gerade gesagt: Die Dame wohnt bei dir um die Ecke.«

»Ich hab keinen blassen Schimmer. Wo soll das denn sein?«

»Ich hab die Adresse hier.« Regine reichte Alexandra ein Post-it, auf dem sie die Anschrift der Dame von Saalfeld notiert hatte. Tatsächlich sah es so aus, als sei die Wohnung nicht weit von ihrem eigenen Haus entfernt; jedenfalls hatte sie dieselbe Postleitzahl wie ihr Wohnort. Aber wirklich gut kannte sich Alexandra in den einzelnen Stadtteilen nicht aus, und Straßennamen hatte sie sich ohnehin noch nie merken können.

So ein Pech, dass die Dame sich ausgerechnet in ihren Wohnort zurückziehen musste. Alexandra schluckte einen Seufzer hinunter. Jetzt hatte sie Boulevard am Bein.

Regine sprach inzwischen schon weiter: »Also, ich dachte mir, du trittst als Gartenarchitektin auf, um den Kontakt herzustellen. Schließlich braucht die Gutste eine Gartenarchitektin, um ihren verwilderten Garten wieder in Schwung zu bringen.«

»Davon habe ich doch keine Ahnung.«

»Das stimmt doch gar nicht. Immerhin hast du mehrere Semester Gartenarchitektur studiert.«

»Zwei, um genau zu sein.«

»Ich sage doch: mehrere Semester. Außerdem interessierst du dich für Pflanzen. Wenn ich an deinen Garten denke, werde ich ganz neidisch.«

»Ich kann ja mal deinen Garten neu gestalten«, warf Alexandra dazwischen. Im Stillen bereute sie ein wenig, dass sie ihre Kolleginnen einschließlich der Chefin im letzten Sommer zur Einweihungsparty ihres neu gestalteten Gartens eingeladen hatte. Dadurch hatten sie alle ihren selbst entworfenen Außenbereich kennengelernt und waren seither neidisch auf ihre gärtnerischen Fähigkeiten, und ständig wurde sie mit irgendwelchen banalen botanischen Fragen belästigt. Aber das Schlimmste war, dass sie sich mit der Offenbarung ihres gärtnerischen Könnens nun diese Boulevard-Geschichte eingehandelt hatte.

»Lenk nicht ab«, warnte Regine. »Du musst dich halt ein bisschen einarbeiten.«

Aber so schnell wollte Alexandra sich nicht geschlagen geben. »Das ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst. Was glaubst du, wie lange ich an meinem Garten geplant habe? Und Gartenarchitektur hat mit Hobbygärtnern nicht das Geringste zu tun.«

»Du schaffst das schon. Für die Arbeit an diesem Auftrag bist du erst mal von allen anderen Dingen in der Redaktion befreit«, versuchte Regine ihr die Sache schmackhaft zu machen. »Sogar von den täglichen Konferenzen.« Den letzten Punkt betonte sie besonders, wohl wissend, wie sehr Alexandra gerade diesen täglichen Programmpunkt verabscheute. Denn in diesen Meetings musste sie sich derzeit fast pausenlos den neuesten Promi-Tratsch anhören, aus dem das nächste Heft, zwecks Steigerung der Verkaufszahlen, zum größten Teil bestehen sollte.

»Dann hast du genug Zeit für die Vorbereitung«, ergänzte Regine ihre Anweisungen: »Schreib dich halt noch einmal ein und belege die Kurse, die du brauchst. Oder mach ein Praktikum in einem Gartencenter.« Augenscheinlich hatte sie sich die Sache schon bis ins letzte Detail überlegt.

»Regine, es geht um Gartenarchitektur. Die lernt man nicht, indem man mal eben schnell einen Kurs an der Uni belegt, geschweige denn bei der Arbeit in einem Gartencenter.« Alexandra wollte immer noch nicht aufgeben, doch ihr Einwand klang schon sehr viel schwächer.

Und sie hatte in der Tat keine Chance. »Das hier ist nicht verhandelbar. Ich möchte eine Exklusivgeschichte über Susanne von Saalfeld mit ihrer Neuorientierung auf dem Lesbenmarkt. Daraus könnte vielleicht sogar eine Serie werden – mal sehen. Du hättest also die Chance, in unserer Zeitschrift etwas Neues zu initiieren. Du wäschst ein bisschen schmutzige Wäsche, fügst einen Schuss Romantik hinzu und erwähnst die Millionen im Hintergrund. Und fertig ist die Erhöhung unserer Auflage.«

»Wie stellst du dir die Kontaktaufnahme genau vor?«, fragte Alexandra, nun jeder Hoffnung beraubt, diese Geschichte doch noch abwenden zu können. Sie spürte Übelkeit in sich aufsteigen.

»Die Gute hat eine Anzeige geschaltet, in der sie eine Architektin für die Gestaltung ihres neu erworbenen Anwesens sucht. Ich habe dir in dieser Mappe einiges zusammenstellen lassen. Unter anderem findest du darin die Anzeige und einige andere nützliche Informationen über Madame.« Regine knallte einen Hefter, der ziemlich dick aussah, vor Alexandra auf die Tischplatte. Damit betrachtete sie die Sache offenbar als erledigt: »So, das war’s. Du kannst gleich mit weiteren Recherchen und ersten Gartengestaltungsentwürfen anfangen. Du erstattest regelmäßig Bericht, indem du mich per E-Mail auf dem Laufenden hältst. In die Redaktion kommst du besser nicht mehr, falls die Dame Erkundigungen einzieht.«

»Sie wird sowieso sofort merken, dass ich keine Gartenarchitektin bin«, maulte Alexandra noch ein wenig. »Außerdem wird sie schnell herausfinden, wer ich bin, wenn sie ein bisschen googelt und meine Artikel findet.«

Doch die Chefin wischte auch diese Bedenken vom Tisch. »Zum Glück hast du einen Allerweltsnamen: Alexandra Wegener. Du kannst also locker sagen, dass du nicht die bist, die du bist. Ach, übrigens: Wir haben vorsichtshalber dein Profil von unserer Homepage genommen.« Damit erhob sie sich von ihrem Stuhl und komplimentierte ihre Redakteurin hinaus, nicht ohne ihr mit einem dünnen Lächeln ein »Viel Vergnügen!« mit auf den Weg zu geben.

Sie hatte also alles schon arrangiert, ohne Alexandra auch nur mit einer Silbe zu fragen. Seufzend fügte Alexandra sich in ihr Schicksal und ging in ihr Büro, um ihre Sachen zusammenzupacken.

Das Schöne an einem geschenkten Tag ist, dass man im Prinzip machen kann, was man will. Die Sonne schien, der Himmel war blau, und Alexandra musste vorerst nicht in die Redaktion. Herrliche Aussichten . . . wenn da nicht die schier unmöglich scheinende Aufgabe auf sie gewartet hätte, eine Gartenarchitektin zu sein, die sie gar nicht war. Also schaute sie auf dem Heimweg beim Buchladen ihres Vertrauens vorbei und bestellte alles an Gartengestaltungsbüchern, was der Zwischenbuchhändler auf Lager hatte.

Danach machte sie sich auf zu ihrem kleinen, schnuckeligen Bauernhaus, in dem sie zur Miete wohnte und einen wirklich beneidenswerten Bauerngarten angelegt hatte, der blühte und gedieh. Nicht übel, lobte sie sich selbst auf dem Weg in den Garten, wo sie zielstrebig ihren Lieblingsplatz ansteuerte: eine lauschige kleine Holzterrasse mit einem Ampelschirm in dezenter, der Umgebung angepasster Farbe. Dort gönnte sie sich erst einmal ein paar Minuten Pause in Form einer kleinen Augenpflege, während sie genussvoll ihren frisch aufgebrühten Darjeeling schlürfte.

Vor ihrem geistigen Auge tauchte eine gutaussehende Mittvierzigerin auf, die auf sie zukam, um sie heftig und leidenschaftlich zu küssen . . .

Genug der unerreichbaren Träumereien und an die Arbeit, ermahnte Alexandra sich selbst. Auf ihrer gemütlichen Gartenliege ausgestreckt, begann sie in dem Dossier von Regine zu blättern, um der Dame von Saalfeld ein wenig näherzukommen.

Die Frau hatte eine interessante Vita: Jahrgang ’63, Studium der Germanistik und Amerikanistik, M. A. und Dr. phil. mit 28. Das nannte man ein Blitzstudium. Aber wie konnte man mit dieser Studienkombination ein Unternehmen leiten? Noch dazu eines, das in Mode machte?

Neugierig geworden, begann Alexandra sich in dem Lebenslauf festzulesen.

Nach der Promotion hatten offenbar Susanne von Saalfelds wilde Jahre begonnen: Amerika, Indien, Nepal, China, Japan, wieder Indien. Die Frau war herumgekommen und hatte so gut wie nichts ausgelassen. Alexandra kannte sich nicht einmal in der Hälfte dieser Länder aus und gestand sich verschämt ein, dass sie nicht einmal den Unterschied zwischen Buddhismus und Hinduismus genau kannte – sicher ganz im Gegensatz zu Frau von und zu.

Dann brachen die Reisen unversehens ab. Frau von Saalfelds Eltern kamen bei einem Absturz ihres Privatjets ums Leben. So kam es dazu, dass sie mit knapp 33 ein großes Modeunternehmen leiten musste, das weltweit agierte. Das tat sie nun seit mittlerweile fast fünfzehn Jahren, und zwar ausgesprochen erfolgreich: Aus dem Dossier ging hervor, dass die von Saalfeld – die man ja eigentlich Frau Dr. von Saalfeld nennen müsste, ging es Alexandra durch den Kopf – expandierte und inzwischen diverse Modesparten dominierte. Ihr Privatvermögen belief sich auf mehrere Millionen Euro. Kein Wunder, dass sie bei ihrer Hochzeit vor drei Jahren auf einem Ehevertrag bestanden hatte, sehr zum Unmut ihres Gatten, Hajo Hannefeldt.

Warum hatte sie so spät geheiratet? Inmitten der 40 war sie zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit nur noch knapp im gebärfähigen Alter gewesen, überlegte Alexandra. Um einen Erben dürfte es also wohl kaum gegangen sein. Sicher war es schwierig, einen passenden Partner zu finden, der es nicht auf ihr Geld abgesehen hatte. Warum hatte sie dann überhaupt geheiratet? Diese Frage schien jedoch niemanden zu interessieren; zumindest konnte Alexandra dazu nichts in dem Dossier finden. Das wäre doch ein Ansatzpunkt für eine weitere Recherche. Sie machte eine Notiz. Aber wer sollte schon darüber Auskunft geben können, wenn nicht die Dame selbst?

Alexandra blätterte weiter und fand eine Reihe von Zeitschriftenartikeln, der erste datiert kurz vor der Hochzeit der von Saalfeld:

Susanne von Saalfeld – eine Hardcore-Lesbe?

Steht die millionenschwere Erbin des Saalfeld-Modekonzerns auf Frauen? Wie unser Magazin bereits berichtete, ist Susanne von Saalfeld mehrfach in Begleitung immer derselben Frau gesehen worden. Hand in Hand gingen sie in London über die Oxford Street zum Shoppen. In einer Londoner Lesbenbar wurden sie anschließend beim Küssen beobachtet. Was ist dran an dieser Beziehung? Handelt es sich nur um eine Affäre, oder steckt mehr dahinter? Wie uns aus gut unterrichteter Quelle mitgeteilt wurde, hat die besagte Frau ein Zimmer in der Londoner Villa der von Saalfeld. Die beiden sollen oft bis mitten in der Nacht rauschende Partys feiern. Alkohol und Drogen sollen ebenfalls im Spiel sein. Wir berichten weiter.

Na ja, das war der typische Boulevard-Tratsch. Nicht wirklich ernst zu nehmen. Von dem, was in dem Artikel stand, musste eigentlich nichts stimmen. Und was sollte überhaupt eine »Hardcore-Lesbe« sein? Dass eine Frau, nur weil sie mit einer anderen Frau Händchen haltend über die Straße ging und sie küsste, als Hardcore-Lesbe bezeichnet wurde, ließ nicht darauf schließen, dass die Schreiberin sich sonderlich gut auskannte. Im Grunde waren die beschriebenen Vorgänge einfach nur harmlos, ja, geradezu bieder. Wenn das Hardcore sein soll, dann frage ich mich, wie die über wirklichen Hardcore schreiben würden, dachte Alexandra und grinste.

Was hatte Susannchen kurze Zeit nach dem Erscheinen dieses Artikels dazu bewogen, die Öffentlichkeit durch ihre Heirat zu beruhigen? Irgendetwas musste sie enorm unter Druck gesetzt haben – anders war dieser Schritt nicht zu erklären, fand Alexandra. So richtig konnte sie sich nicht vorstellen, dass es dabei nur um Susannes Lesbischsein gegangen war. Schließlich war das hier das dritte Jahrtausend, und sogar die christlichen Demokraten konnten sich inzwischen nicht mehr dagegen wehren, die eingetragene Partnerschaft zuzulassen. Was also hatte die schwerreiche Erbin, der ihr guter Ruf angesichts der Millionen im Hintergrund doch wohl schnurz hätte sein können, in eine bürgerliche Ehe getrieben? Vielleicht eine Klausel im Testament oder so etwas Ähnliches? Noch eine Notiz.

Das ist ja eine richtig spannende Recherche . . . wenn nur der Grund dafür nicht so niederträchtig wäre: eine Schwester im Herzen – falls sie denn eine war – auszuhorchen, dachte Alexandra. Das In-die-Pfanne-Hauen einer Schwester gehörte wahrlich nicht gerade zu ihren Lieblingsbeschäftigungen und auch nicht zu ihrem Konzept von professionellem Journalismus. Mal sehen, was ich daraus machen kann . . . Vielleicht käme ja eine Hommage an Frau von Saalfeld dabei heraus. Das könnte sie eher mit ihrem journalistischen Gewissen vereinbaren.

Sie las den nächsten Artikel über die Hochzeit derer von Saalfeld. Die behielt ihren Namen – was Alexandra nicht wirklich überraschte –, und er übernahm ihren und trug fortan den melodiösen Doppelnamen »Hajo Hannefeldt-von Saalfeld«. Dass so etwas im heutigen Namensrecht überhaupt erlaubt war! Aber ein Adelsprädikat machte sich gut im Namen. Sicher hatte er bei der Scheidung ihren Namen behalten.

Es war eine pompöse Hochzeit gewesen, erfuhr Alexandra, mit allem Zipp und Zapp und von allem nur das Beste. Na ja, das kann man wohl auch erwarten bei Adels, wenn sie nicht am Hungertuch nagen, oder?, dachte Alexandra. Die vielen Fotos von der Hochzeit, auf denen natürlich in der Hauptsache das Brautpaar zu sehen war, zeigten eine nicht wirklich glücklich wirkende Susanne, die ernst in die Kamera blickte, als wisse sie bereits, dass alles nur eine Lüge war.

Alexandra musste an einen Song von Joan Baez denken, Lady Di and I. Lady Di habe eine Träne verdrückt, als sie bei ihrer Hochzeit mit Charles vom Balkon schaute, hieß es darin – weil sie gewusst habe, dass der letzte Traum des Jahrhunderts eine Lüge sei. Wie wahr, dachte Alexandra. Eine Lüge war es von vornherein gewesen, sowohl für Lady Di als auch für Susanne von Saalfeld. Aber in Bezug auf Susanne konnte sich Alexandra immerhin noch etwas Traurigeres vorstellen, als sich von einem Ehemann zu trennen, mit dem man keine Zukunft hat.

Nach der Scheidung überschlugen sich die Gazetten mit ihren Schlagzeilen. »Von Saalfelds Hochzeit – alles nur Lüge?«, »Einmal lesbisch – immer lesbisch« (na ja, das ist auch gut so!, fand Alexandra), »Muss Millionenerbin das Erbe zurückgeben?« Das war ja interessant. Die Theorie von der Klausel im Testament, die die Heterosexualität von Susanne von Saalfeld forderte, schien sich zu erhärten. Aber ohne stichhaltigere Belege blieb sie reine Spekulation; da würde Alexandra schon etwas umfassender recherchieren müssen als in den Untiefen des Boulevard. Es blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als tatsächlich persönlichen Kontakt mit Frau von Saalfeld zu knüpfen.

In den folgenden Tagen arbeitete Alexandra an einer Kontaktaufnahme-Strategie. Dazu durchforstete sie zunächst gründlich die neu erworbenen Gartengestaltungsbücher und verbrachte Stunden mit intensiver Internet-Recherche. Als sie das so ermittelte Wissen nicht für ausreichend befand, bestellte sie weiter gehende Lektüre als Fernleihe in der Stadtbibliothek. Das konnte jedoch dauern, und so langsam drängte die Zeit – Regine machte ihr bereits ab und zu die Hölle heiß. Aber noch konnte Alexandra sie hinhalten, weil sie ja erst mal eine Einarbeitungsphase brauchte. Schließlich sollten ihre Gartengestaltungsvorschläge fundiert sein. Das musste selbst eine Sklaventreiberin wie Regine einsehen.

Inzwischen war sie ein paarmal mit dem Fahrrad an der von Saalfeldschen Villa vorbeigefahren. Sie kannte das Anwesen bereits vom Sehen. Das Gebäude hatte offenbar lange Zeit leer gestanden; früher waren ihr immer die ständig geschlossenen Fensterläden aufgefallen. Aber jetzt waren sie geöffnet, und ihre zuvor grüne Farbe war einem dunklen Rot gewichen. Dadurch wirkte das recht klobige Haus nun ein wenig freundlicher.

Alexandra fragte sich, wie eine einzelne Person in einem so großen Anwesen wohnen konnte. Sie selbst würde sich einsam und verloren fühlen – mal abgesehen davon, dass sie gar kein Geld hätte, die Räume alle mit Möbeln zu bestücken. Aber das war wohl das kleinste Problem, wenn man sich eine solche Behausung leisten konnte. Und bestimmt gab es jede Menge Personal, da hatte die Einsamkeit wahrscheinlich gar keine Chance.

Dem Garten, stellte Alexandra nun bei genauerer Betrachtung fest, fehlte jeder Charme. Kein Wunder, dass Frau von und zu eine Gartenarchitektin sucht, dachte sie. Mitten auf dem ungepflegten Rasen stand etwa eine große, alte Eiche, um die irgendein Feld-Wald-und-Wiesen-Schreiner eine windschiefe Holzbank gezimmert hatte. Das alles sah nicht sehr einladend aus.

Paparazzi sah Alexandra bei ihren Inspektionsbesuchen nie. Das konnte nur heißen, dass noch niemand genau wusste, wo die von Saalfeld logierte. Aber woher hatte Regine dann ihre Adresse, und wieso schickt sie ausgerechnet mich Promi-Muffel hierhin?, überlegte Alexandra. Da hat es in der Anzeigenannahme irgendeiner Zeitung des gehobenen Journalismus offenbar jemand nicht so genau mit dem Datenschutz genommen. Sie beschloss, sich bei Regine über gar nichts mehr zu wundern.

Dass ihr die Villa schon früher aufgefallen war, würde sie jedenfalls als Motivation nutzen, um in Kontakt mit der neuen Besitzerin zu treten. Aus dem Gedächtnis zeichnete sie skizzenhaft das Anwesen mit dem dazugehörigen Garten auf und machte erste Umgestaltungsentwürfe. Das klappt ja ganz gut, sagte sie sich. Ich brauche nur mehr Informationen darüber, welche Pflanzen die von Saalfeld bevorzugt, damit ich mich von der Masse der Architektinnen, die sich zweifellos um den Auftrag reißen wird, abhebe. Also wieder auf in den Buchladen, der sich über eine neue, umfangreiche Bestellung zum Thema Pflanzen und Bäume freute. Außerdem zog Alexandra im örtlichen Gartenbaubetrieb, der auf Alleebäume spezialisiert war, einige Erkundigungen ein. So gewann sie bald konkrete Ansätze für die Gartengestaltung und konnte mit Hilfe eines speziellen Garten-Zeichenprogramms bereits die ersten Ausdrucke anfertigen. Die Spesenrechnung würde sich sehen lassen können!

Diese ersten Entwürfe sahen jedenfalls gar nicht so übel aus. Vielleicht war an ihr doch eine Gartenarchitektin verloren gegangen. Aber die Hauptsache war, dass sie sich nun bereit fühlte, der Frau von und zu gegenüber als Profi mit maßgeschneidertem Dienstleistungsangebot aufzutreten.

Aber wie das oft so ist, kam alles ein wenig anders, als Alexandra es so minutiös geplant hatte . . .

2. Kapitel

»Kann ich Ihnen behilflich sein?«

Alexandra hatte die Frau auf dem Fahrrad nicht kommen hören, als sie durch den Gartenzaun auf den Garten blickte. Die Fremde verlangsamte ihre Fahrt. Sie hielt genau vor dem Gartentor, schloss es auf und schob ihr Fahrrad halb hinein.

Das musste sie sein! Alexandras Herz begann schneller zu schlagen. Aber sie zwang sich zur Ruhe: Jetzt war absolute Professionalität gefragt.

»Oh, nein«, sagte sie. »Entschuldigen Sie bitte. Ich bin schon mehrmals an dem Haus vorbeigekommen, und jetzt sind mir die roten Fensterläden aufgefallen. Sie passen viel besser zu dem Haus als die grün gestrichenen. Außerdem habe ich dabei einen Blick auf den Garten geworfen.«

»Ich finde auch, dass die rote Farbe dem Haus mehr Pepp verleiht«, meinte Susanne von Saalfeld. »Sie haben völlig recht. Was halten Sie von dem Garten?«

»Na ja, der Garten haut mich nicht gerade vom Hocker, wenn ich das so salopp ausdrücken darf«, erwiderte Alexandra in ihrer gewohnt schnoddrigen Art – und fragte sich gleich darauf, ob sie damit nicht etwas zu weit gegangen war.

Aber die andere schien ihr die offenherzige Bemerkung nicht übel zu nehmen. »Wenn ich ehrlich sein soll: mich auch nicht. Er ist so einfallslos.«

»Ja, ich glaube, das ist der richtige Ausdruck. Vor meinem geistigen Auge habe ich gerade einige Umgestaltungen vorgenommen«, ließ es sich Alexandra nicht nehmen, direkt schon mal auf ihre Fähigkeiten anzuspielen.

»Tatsächlich? Was haben Sie umgestaltet?«, kam es zurück, neugierig und interessiert.

»Ich würde alles zuerst einmal komplett herausnehmen, um dann den Gartenbereich in einzelne Teile abzugrenzen und verschiedene Arten von Gärten anzulegen.«

»An welche Arten dachten Sie?«, fragte Frau von Saalfeld erwartungsvoll.

»Kennen Sie die englischen Gärten?«, fragte Alexandra zurück.

»Nur von Fotos. Ich war leider nie selbst dort.«

Komisch, dachte Alexandra, da ist sie überall in der Welt herumgekommen und kennt die herrlichen britischen Gärten nicht. Laut sagte sie: »Es gibt einen wunderschönen Garten in Schloss Sissinghurst, der von Vita Sackville-West und ihrem Mann gestaltet wurde. Sie haben einen Teil ihres Gartens in verschiedenen Farben angelegt: den weißen Garten, den blauen Garten und so weiter. Dieses Prinzip würde ich mir dort hinten rechts zunutze machen. Ich würde allerdings die Pflanzen nicht durch Hecken trennen, wie es in Sissinghurst der Fall ist, sondern sie aufeinandertreffen lassen. Es gäbe dann einen weißen, einen blauen, einen roten und einen gelben Teil mit in diesen Farben blühenden Blumen. Außerdem könnte man bei der Auswahl der Arrangements darauf achten, dass zu jeder Jahreszeit andere Pflanzengruppen blühen, so dass der Garten nie trostlos wirkt.«

Die von Saalfeld wirkte beeindruckt. »Das hört sich ja spannend an. Planen Sie immer gleich einen Garten neu, wenn Sie daran vorbeikommen?«

»Nein, nur bei Gärten, die mich dazu inspirieren. Das ist eine Berufskrankheit«, antwortete Alexandra, die sich diese Vorlage nicht entgehen lassen konnte.

»Das gibt’s ja gar nicht. Ich bin gerade auf der Suche nach jemandem, der meinen Garten neu gestaltet«, rief die von Saalfeld entzückt aus.

Alexandra versuchte einigermaßen überrascht zu wirken: »Ach nein, wirklich? Was für ein Zufall.«

»Wenn Sie einen Moment Zeit hätten, würde ich Sie gern hereinbitten und etwas mehr darüber erfahren.«

»Ja, gern.« Das läuft ja wie am Schnürchen, gratulierte Alexandra sich selbst. Und richtig nett ist sie außerdem. Wer hätte das gedacht, bei den Massen an Geld und Glanz und Ruhm!

»Kommen Sie doch herein. Ihr Fahrrad können Sie drüben vor dem Haus abstellen. Mögen Sie Tee?«, fragte die Hausherrin weiter.

»Oh ja, sehr gern.«

»Jemand, der Tee trinkt und Gärten gestaltet . . .« Die von Saalfeld schien sich ehrlich zu freuen. »Ich glaube, heute ist mein Glückstag. Wenn Sie jetzt auch noch Nichtraucherin sind, ist der Tag perfekt.«

»Bin ich.«

»Wunderbar«, rief Susanne von Saalfeld aus, und ein intensiver Blick aus tiefblauen Augen traf Alexandra. »Bitte, nehmen Sie doch dort drüben auf der Terrasse Platz. Es dauert nicht lange, bis der Tee fertig ist. Ich serviere dann draußen, wenn es Ihnen recht ist?« Sie sah Alexandra fragend an.

»Ja, wirklich sehr gern.« Mein Gott, kann ich nicht mal etwas anderes sagen in Gegenwart dieser Frau?, schalt Alexandra sich selbst, während sie es sich in einem der Sessel auf der Terrasse bequem machte – die übrigens auch schon bessere Tage gesehen hatte. Hier bestand ebenfalls dringender Überarbeitungsbedarf, konnte Alexandra nicht umhin zu konstatieren.

Susanne von Saalfeld balancierte gekonnt ein Tablett mit der Teekanne und den Tassen und verteilte alles auf dem Tisch. Während sie eingoss, fragte sie: »Nehmen Sie Ihren Tee mit Milch und Zucker?«

»Nein, ich trinke Tee immer schwarz. Darjeeling vor allem, sonst bekommt man ja nichts von dem köstlichen Geschmack mit«, antwortete Alexandra und schnupperte an ihrer Tasse. »Das ist doch Darjeeling? Der riecht ausgesprochen lecker.«

»Ja. Das ist mein Sonntagstee, den ich nur zu besonderen Gelegenheiten serviere«, sagte die von Saalfeld mit einem Zwinkern. »Ich habe ihn selbst in Darjeeling eingekauft. Ein Bekannter von mir hat dort eine kleine Teeplantage. Das ist etwas anderes als Tee von einer der großen Plantagen.« Es entstand eine kleine Pause, als sie sich beide hingebungsvoll den ersten Schluck auf der Zunge zergehen ließen. »Er vertreibt seinen Tee exklusiv«, schob Susanne hinterher.

»Ich bin beeindruckt und fühle mich sehr geehrt, dass Sie meinetwegen den Sonntagstee servieren, obwohl heute Donnerstag ist«, meinte Alexandra. »Ich glaube, einen solchen Tee habe ich noch nie probiert. Ist ja fast zu schade zum Trinken.«

»Nur keine falsche Scheu. Endlich mal jemand, der sich mit Tee auskennt. Sonst trifft man überwiegend auf Teebanausen. Genießen Sie ihn einfach«, riet Susanne.

Minutenlang sagten beide gar nichts, sondern widmeten ihre gesamte Aufmerksamkeit ihrem Tee. Alexandra schloss die Augen und nahm seinen Duft in sich auf, während sie den Geschmack auskostete. Das war wirklich etwas ganz anderes als die Tees, die sie bisher getrunken hatte, und dabei kaufte sie wahrlich nicht die billigsten Sorten.

Als sie die Augen wieder öffnete, schaute sie zum zweiten Mal an diesem Tag direkt in die von Susanne. Wie schon zuvor legte ihr Herz einen kleinen Sprint ein. Aber was sie fühlte, war keine Nervosität; ihr war eher, als öffne das tiefe Ozeanblau von Susannes Iris ganz neue Horizonte, so als blicke sie tatsächlich über ein Meer. Sämtliche Sinneseindrücke schienen viel intensiver als sonst: das herrliche Aroma des Tees, das leise Säuseln des Windes in den Blättern und der zart-blumige Duft von Susannes Parfum, der ab und zu in ihre Richtung wehte. Wenn sie einen Gedanken daran verschwendet hätte, hätte sie sich eingestehen müssen, dass diese Frau ihr ziemlich gut gefiel.

Aber das war ja keineswegs der Grund, warum sie hier war. Fast gewaltsam musste sie sich aus dem Rausch der Sinne in die schnöde Wirklichkeit ihres Auftrags zurückrufen.

»Ich bin überwältigt. Das ist wirklich etwas ganz Besonderes«, erwies Alexandra dem Tee noch einmal die angemessene Ehre und hielt dann einen Moment inne, bevor sie weitersprach: »Jetzt muss ich mich aber wirklich entschuldigen, dass ich mich noch gar nicht vorgestellt habe. Ich bin Alexandra Wegener und arbeite freiberuflich als Gartenarchitektin.«

Ihr Gegenüber lächelte. »Dann müssen Sie mir aber auch verzeihen, dass ich Sie so plump hier hereinbitte, ohne mich vorzustellen. Susanne von Saalfeld, seit kurzem Besitzerin dieses traumhaften Hauses und des scheußlichen Gartens.« Sie lachte und reichte Alexandra die Hand.

»Es freut mich wirklich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, Frau von Saalfeld«, erwiderte Alexandra artig. Eine altmodische Erziehung hat doch was für sich, dachte sie amüsiert.

»Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Frau Wegener. Wo ich Sie nun schon hierher gelockt habe, würde ich Sie gern fragen, ob Sie denn bereit wären, mir einen Vorschlag zur Gartenneugestaltung zu unterbreiten?«, fragte Susanne.

Innerlich machte Alexandra Freudensprünge. Wer hätte gedacht, dass alles derart glattgehen würde! Aber sie bemühte sich um Ruhe und professionelle Sachlichkeit, als sie erklärte: »Wenn das ein Auftrag ist, übernehme ich ihn gern. Allerdings sehe ich mich normalerweise bei meinen Kundinnen und Kunden etwas genauer im Haus um, damit ich eine Vorstellung davon bekomme, welche Stilrichtungen sie bevorzugen. So ganz ins Blaue hinein ist mir die Planung der Gartengestaltung zu wenig auf die Kundschaft zugeschnitten.«

»Das heißt, Sie wollen mein Haus sehen?«

»Nicht das ganze Haus. Ein Blick in Ihr Wohnzimmer und Ihre Küche sowie den Essbereich würde mir genügen«, antwortete Alexandra. »Aber wenn Sie gestatten, würde ich diese Besichtigung gern in einem anderen Outfit vornehmen.«

»Oh, mein Gott, natürlich, Sie müssen von Ihrer Radtour ja völlig verschwitzt sein. Wie unaufmerksam von mir«, entschuldigte sich die Hausherrin. »Dann machen wir doch einen Termin aus. Passt es Ihnen schon in der nächsten Woche?«

»An welchen Tag dachten Sie da?«, fragte Alexandra.

»Wie wär’s mit Dienstagnachmittag?«

»Ja, das passt mir gut. Wäre Ihnen 17 Uhr recht?«

»17 Uhr ist perfekt«, antwortete Susanne.

Mission erfüllt!, jubelte Alexandra innerlich. Oder, um genau zu sein, zumindest der erste Schritt der Mission. Jetzt hat Regine keinen Grund mehr, sich weiter als Sklaventreiberin zu betätigen! Aber wenn sie ganz ehrlich war, war Regine ihr im Moment herzlich egal. Und der Fortschritt im Hinblick auf ihren Arbeitsauftrag war auch nicht der Grund dafür, dass sich ein Kribbeln von ihrem Magen aus im ganzen Körper ausbreitete, so dass sie Mühe hatte, still zu sitzen.

Die beiden Frauen redeten noch ein wenig über dieses und jenes. Alexandra baute ihre fiktive Identität ein wenig aus und erzählte, dass sie nicht weit von hier ein Bauernhaus gemietet hatte und sich dort seit ein paar Wochen freiberuflich versuchte. Das ist wenigstens nicht ganz gelogen, dachte sie.

Dann saßen sie noch eine Weile still nebeneinander und tranken ihren Tee – nein: genossen ihn. Und schließlich machte sich Alexandra auf den Weg nach Hause, nicht ohne sich sehr herzlich für den exquisiten Tee zu bedanken.

Komisch, dachte sie, während sie in Richtung ihres Bauernhauses radelte. Mit dieser Frau war es keine Sekunde lang unangenehm, nichts zu sagen. Das Schweigen mit ihr hatte geradezu eine beruhigende Wirkung.

Normalerweise hielt sie immer auf der Brücke, die über die Autobahn führte, um einen Augenblick innezuhalten, die LKW zu beobachten oder den Autos hinterherzusehen. Aber heute nahm sie die Umgebung kaum wahr.

Mein Gott, diese Frau ist ja ein Traum. Sie sieht gut aus, hat hervorragende Umgangsformen und drückt sich sprachlich vollendet aus. Diese strahlend blauen Augen, perfekt harmonierend mit ihren dunklen Haaren, die einen leichten Ansatz von Grau zeigen . . . Sie hält es offenbar nicht für nötig, das Grau zu übertünchen. Und Make-up benutzt sie auch nicht. Sie ist einfach auf natürliche Weise schön – und steht dazu, wie sie ist.

Und sie ist nett. Nicht gezwungen höflich, sondern wirklich sympathisch. So eine Frau findet man selten. Alexandra, Alexandra, du musst mächtig aufpassen, dass du dich nicht in sie verguckst – wenn es dazu nicht schon zu spät ist . . .

Aber jetzt musste sie erst mal duschen und anschließend detailliertere Entwürfe für den Garten von Frau von Saalfeld skizzieren, damit sie am nächsten Dienstag die ein oder andere konkrete Idee äußern konnte.

Es machte Alexandra großen Spaß, erste Pflanzenvorschläge für den Garten ihrer neuen Arbeitgeberin zu entwickeln. Ins Innere des Hauses hatte sie zwar noch keinen Blick werfen können, um diese Überlegungen zu untermauern, doch immerhin hatte sie einen ersten – sehr positiven – Eindruck von Susanne von Saalfelds Persönlichkeit gewonnen. Also überlegte sie sich zuerst, welche Farben wohl zu ihr passen könnten, um danach die Pflanzen für verschiedene Teile des Gartens zu bestimmen. Helle Farben müssten es sein, dachte sie, und klare Strukturen. Susanne war ihr bei der ersten Begegnung sehr geradlinig vorgekommen; das sollte sich in ihrem Garten widerspiegeln.

Das Aussuchen der Farben für eine Person empfand Alexandra immer als besondere Herausforderung, weil es für jede Farbe positive wie negative Assoziationen gab. So wird die Farbe Rot etwa einerseits mit Kraft, Leidenschaft und Liebe in Verbindung gebracht, aber gleichzeitig für Korrekturen und Verbote verwendet. Die entscheidende Frage war also, welche Assoziationen eine bestimmte Person – in diesem Falle Susanne von Saalfeld – wohl am ehesten mit einer Farbe verband.

Alexandra fand, dass Gelb zu Frau von Saalfeld passen würde: die Farbe der Sonne und der Erleuchtung. In einem Buch über die Wirkung von Farben schlug sie nach, welche Wirkung der Farbe noch zugeschrieben wurde. Gelb, las sie dort, galt zwar als die Farbe von Neid und Egoismus, stand jedoch auch für Reife und sinnliche Liebe. Dieser Gedanke gefiel Alexandra. Ja, Gelb musste auf jeden Fall sein: ein tiefes Gelb, wie die Sonnenblumen es hatten. Für den Garten eigneten sich außerdem die Bulgarische Staudenkamille oder die gelbe Taglilie.

Dann ging sie den Stapel laminierter Fotos durch, die Pflanzen in der Blüte zeigten und die sie bereits am Anfang ihrer Recherchen als Anschauungsobjekte angefertigt hatte. Welche davon sollte sie sonst noch zum von Saalfeldschen Haus mitnehmen? Auf jeden Fall Blau, dachte sie – vielleicht Kronenanemonen, Blaukissen oder Herbstastern. Blau war Alexandras Lieblingsfarbe, und schon deshalb wollte sie es gern in Susannes neuem Garten wiederfinden. Außerdem hatte sie bemerkt, dass auch Susanne selbst offenbar ein Faible für Blau hatte. Sie hatte bei ihrer ersten Begegnung eine blaue Jeans und dazu eine etwas hellere blaue Bluse getragen. Blau symbolisierte Treue; auch das fand Alexandra passend: Für sie war Treue grundlegend für eine Beziehung.

Moment mal. Was hat das Wort ›Beziehung‹ hier zu suchen?, fragte sie sich. Aber dann rief sie sich rasch in Erinnerung, dass auch in der Freundschaft Treue und Loyalität unverzichtbar waren.

Na also . . . ist doch alles ganz harmlos.

Weiterhin symbolisierte Blau zwar auch Kälte, galt aber andererseits als die Farbe der Sehnsucht – man denke nur an die blaue Blume der Romantik. In diesem Zusammenhang fiel Alexandra das Gedicht Mein blaues Klavier von Else Lasker-Schüler ein. Als Teenager hatte sie Gedichte geliebt und die, die ihr besonders gefielen, auswendig gelernt. Ein paar davon hatte sie bis heute im Gedächtnis behalten. Mein blaues Klavier gehörte dazu.

Die Komplementärfarben von Gelb und Blau – Violett und Orange – sollten auch dabei sein, überlegte Alexandra weiter. Violett galt als Farbe der Extravaganz. Nur Kaiserinnen und Kaiser trugen purpurfarbene Kleidungsstücke als Zeichen ihrer Macht. Allerdings galt die Farbe auch als Ausdruck der Eitelkeit, die ja eine der sieben Todsünden darstellte.

Als Alexandra in ihrem Buch über Farben nachlas, war sie überrascht, wie vielfältig die Symbolik war, die dieser Farbe zugesprochen wurde. Unter anderem ordnete man Violett zusammen mit Rot auch der Wollust zu. Am besten aber gefiel ihr, dass Violett als Farbe der Kreativität galt. Und waren nicht lesbische Frauen oft in violette Garderobe gekleidet? Ob das etwas damit zu tun hatte, dass diese Farbe auch mit Magie in Zusammenhang gebracht wurde? Die Assoziationen waren schier endlos – und jede einzelne schien in Verbindung mit Susanne von Saalfeld Sinn zu ergeben.

Auch bei den violetten Blumen gab es eine reiche Auswahl. Bougainvillea zum Beispiel konnte man als purpurfarbene Blüte kaufen. Oder Purpur-Prunkwinde.

Orange gehörte für Alexandra zu den mediterranen Farben. Susanne hatte sie in ihrem Haus verwendet – bei einem flüchtigen Blick durch ein Fenster hatte Alexandra ganz deutlich einen orangefarbenen Schimmer gesehen. Das hatte sie überrascht, denn Orange war ihrer Erfahrung nach nicht sehr beliebt und galt vielen als Farbe der Aufdringlichkeit. Allerdings wurde der Farbe auch Energie zugesprochen, vor allem im Einklang mit den Farben Rot und Gelb.

Na immerhin, dachte Alexandra. Ihr gefiel die Farbe auf jeden Fall, und blaue Blüten in Kombination mit orangefarbenen machten sich hervorragend in einem Garten. Die orangerote Garten-Sonnenbraut fiel ihr ein, die besonders üppig wuchs. Die orangerote Lichtnelke konnte sie sich ebenso gut vorstellen.

Zufrieden klappte sie das Farbenbuch zu und legte die Auswahl der laminierten Blätter zurecht, die sie Susanne zeigen würde. Sie fühlte sich optimal vorbereitet für ihren ersten offiziellen Auftritt als professionelle Gartenarchitektin. Und nur deshalb freute sie sich auf diesen Termin wie eine Schneekönigin.

Warum auch sonst?

Am Dienstag stand Alexandra pünktlich um 17 Uhr vor Susannes Tür. Sie hatte Herzklopfen wie ein Teenager beim ersten Rendezvous. Aber das war sicher nur die Aufregung; schließlich war dies die erste Bewährungsprobe für ihre neu erworbene Kompetenz als Gartenarchitektin.

Als die Tür geöffnet wurde, blickte sie direkt in diese ozeanblauen Augen, die sie schon vom ersten Augenblick an fasziniert hatten. Ohne dass es ihr bewusst war, breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus.

Ihr Gegenüber lächelte ebenfalls und hielt ihr zur Begrüßung die rechte Hand hin. Als Alexandra sie ergriff, jagte ihr ein kribbeliger, nicht unangenehmer Schauer den Rücken hinunter. Gleichzeitig schien ihr Magen plötzlich ganz leicht, so als säße sie in einer Achterbahn, die bergab saust.

Komisch, dachte sie, ich muss mich ein bisschen zu sehr beeilt haben mit dem Fahrrad.

Für eine neutrale Begrüßung währte die Berührung einen Moment zu lang – was Alexandra vielleicht aufgefallen wäre, wenn sie sich nicht so über ihre körperlichen Reaktionen gewundert hätte. Susanne von Saalfeld hielt ihre Hand noch fest, während sie sagte: »Guten Tag, Frau Wegener, ich freue mich sehr, Sie zu sehen.« Ihre Stimme hatte einen so warmen Klang, dass ihre Worte sehr viel tiefgründiger wirkten als eine bloße Höflichkeitsfloskel. Dann ließ sie Alexandras Hand los und machte eine einladende Geste: »Kommen Sie doch herein.«

Gespannt folgte Alexandra ihr ins Haus.

Vom Flur aus gelangte man sofort in einen weiten, offenen Wohnraum, den Alexandra auf mindestens 100 Quadratmeter schätzte, mit integriertem Essbereich. Warme Farben dominierten die gesamte Einrichtung. Die Wände zierte ein in freundlichem Gelb gestrichener Rauputz. Vielerorts hingen großformatige Kunstwerke, ausnahmslos abstrakte Gemälde, deren Farben perfekt zu den Möbeln passten.

Gelb war also schon mal ein Volltreffer!, konstatierte Alexandra und sagte: »Schön haben Sie es hier. Weitläufig.«

»Mir gefällt es auch gut. Bitte, nehmen Sie doch Platz«, sagte Susanne und wies auf eine Couch: ein Traum in Royalblau. Ich sage doch, dass Blau ihre Lieblingsfarbe ist. Noch ein Volltreffer, dachte Alexandra sofort. Es war ein Zweisitzer in Leder, dessen Armlehnen sich in einer sanften Steigung von der Sitzfläche erhoben. Zum Liegen wirkte das äußerst komfortabel, aber zum Sitzen war es sicher nicht ganz so bequem, vermutete Alexandra, als sie sich vorsichtig darauf niederließ. Na ja, Anlehnen scheint immerhin zu gehen. Die Armlehne war jedoch viel zu weit weg, um den Arm darauf platzieren zu können. Und überhaupt bin ich ja auch nicht zum Ausruhen hier, sondern zum Arbeiten, ermahnte sie sich.

»Sie glauben nicht, wie lange ich nach dieser Couch gesucht habe«, bemerkte Susanne. Sie schien Alexandras Skepsis bemerkt zu haben, denn sie fuhr fort: »Auf den ersten Blick sieht sie nicht so gemütlich aus, aber zum Liegen ist sie wirklich klasse. Ich kuschele mich hier oft ein und lese ein gutes Buch. Und . . . zu zweit kann man übrigens auch prima drauf liegen.« Den letzten Satz sagte sie in beiläufigem Tonfall, während sie auf einem der beiden Bauhaus-Sessel in rotem Leder Platz nahm, die der Couch gegenüber standen.

»Mies van der Rohe?«, fragte Alexandra. Sie wunderte sich nicht schlecht über die Offenherzigkeit ihrer Gastgeberin über ihre Liegegewohnheiten, aber da es sich hier um ein Arbeitstreffen handelte, war es vermutlich am besten, gar nicht darauf einzugehen.

»Sie kennen sich auch noch bei der Inneneinrichtung aus. Ich bin wirklich beeindruckt«, gab Susanne zurück.

Neben diesem Ensemble von Designerstücken nahm sich der Tisch geradezu banal aus. Es war ein schlicht gehaltener Glastisch.

»Tja, da habe ich noch nicht das Richtige gefunden. Ich bin noch auf der Suche nach einem Tisch, der sich nicht von diesen exquisiten Stücken einschüchtern lässt«, erklärte Susanne, als sie Alexandras Blick folgte.

Das konnte Alexandra gut nachvollziehen. Vor allem, wenn man berücksichtigte, dass die Beschreibung »exquisit« ansonsten auf jedes einzelne Möbelstück passte. Ein zweiter Sitzbereich bestand aus einem Zwei- und einem Dreisitzer eines namhaften deutschen Möbeldesigners, wie Alexandra sofort erkannte; hellbraunes Leder war es dieses Mal, die Formen puristisch und geradlinig. Der Tisch dort war ebenfalls ein Glastisch, jedoch perfekt auf die Sitzmöbel abgestimmt und von schlichter, aber bestechend ungewöhnlicher Eleganz – mit zwei beweglichen Tischplatten auf verschiedenen Höhen. Auf einer davon prangte eine lange, schmale Vase, ebenfalls aus Glas.

Hier steht gar nichts herum.Ganz anders als bei mir, fiel Alexandra plötzlich auf. Sie war sich nicht ganz sicher, ob ihr das gefiel. Wenn Bücher oder Zeitschriften irgendwo herumlagen, bedeutete das doch, dass es Leben in der Bude gab. Das hier wirkte dagegen trotz aller Exklusivität etwas steril – oder vielleicht gerade deswegen. Ihrem Garten werde ich eine persönliche Note verpassen, dachte Alexandra.

Susanne schien zu bemerken, wie der Blick ihres Gastes durch das Wohnzimmer wanderte, und sagte: »Ich bin noch nicht sicher, ob ich einen Teppich für die Couchgarnitur kaufen soll. Auch hier hat sich das Passende noch nicht gefunden.«

»Vielleicht sollten Sie gar keinen Teppich dort hinlegen«, schlug Alexandra vor. »Der Parkettboden passt doch hervorragend zu den Sofas. Ein Teppich könnte ihnen die Schau stehlen.«

»Tja, Sie sagen es! Dieses Problem hat sich bei jedem Teppich ergeben, den ich bisher ins Auge gefasst hatte.«

»Dieses blaue Sofa finde ich übrigens ganz fantastisch. Und man sitzt bequemer, als ich zuerst gedacht hatte.« Alexandra fühlte sich bemüßigt, ihren ursprünglichen Eindruck von ihrem Sitzmöbel ausdrücklich zu revidieren.

»Ja, nicht wahr? So ist es mir auch ergangen, als ich zum ersten Mal darauf saß.«

In diesem Moment fiel Alexandra ein bombastischer schwarzer Flügel ins Auge, der die rechte hintere Ecke des Raumes ausfüllte. Er stand zwar nicht im direkten Licht – deshalb war er ihr zuerst auch nicht aufgefallen –, komplettierte aber dennoch das Gesamtkunstwerk dieses Raumes.

»Mein blaues Klavier«, sagte Alexandra nur – obwohl der Flügel gar nicht blau war. »Etwas despektierlich diesem hervorragenden Flügel gegenüber. Aber das kann einem hier ja nur einfallen.« Sie klopfte bekräftigend auf das royalblaue Leder des Sofas.

»Else Lasker-Schüler«, bemerkte Susanne.

»Natürlich, Sie als Germanistin müssen das Gedicht ja kennen.« Kaum waren die Worte heraus, hätte sich Alexandra am liebsten die Zunge abgebissen. Den Blick gesenkt, fügte sie hastig hinzu: »Ich habe ein wenig gegoogelt.« Puh, gerade noch mal die Kurve gekriegt. Das hätte auch ins Auge gehen können. Nicht nur, dass sie um ein Haar ihre fiktive Identität preisgegeben hätte – es war peinlich genug, Susanne gegenüber heraushängen zu lassen, dass sie sich über sie erkundigt hatte. Das konnte die von Saalfeld ja nur gegen sie einnehmen . . .

Aber Gott sei Dank, sie fragte nicht nach.

Um rasch das Thema zu wechseln, fragte Alexandra: »Spielen Sie? Klavier, meine ich?«

»Nein, leider spiele ich gar kein Instrument. Woher kennen Sie denn das Gedicht?«, fragte Susanne, und ihr Gesicht zeigte dabei wieder den Ausdruck neugierigen, ehrlichen Interesses, der Alexandra schon bei ihrer ersten Begegnung so unwiderstehlich erschienen war.

Alexandra fiel ein Stein vom Herzen: Offenbar hatte ihre unbedachte Äußerung der offenen, angenehmen Atmosphäre keinen Abbruch getan. »Ich habe mich in meiner Schulzeit vor allem mit Gedichten von Frauen befasst«, erklärte sie bereitwillig. »Und Else Lasker-Schüler war einmal meine Lieblingsdichterin. Ich kann das Gedicht sogar noch auswendig.«

»Das glaube ich jetzt nicht.« Susanne lächelte, überrascht und fast ein wenig ehrfürchtig.

Alexandra fühlte eine warme Welle in sich aufsteigen, erfreut und geschmeichelt durch den bewundernden Blick dieser faszinierenden Frau, die doch eigentlich alles hatte und alles kannte. Sie machte eine wegwerfende, etwas verlegene Handbewegung. »Früher wusste ich natürlich viel mehr Gedichte auswendig, aber ein paar sind noch hängen geblieben.«

»Sie sprachen davon, dass Else Lasker-Schüler Ihre Lieblingsdichterin war, wer ist es denn heute?«, erkundigte sich Susanne neugierig.

Alexandra räusperte sich. »Ich weiß nicht, ob ich mich heute so festlegen würde wie als Teenager, aber eine der Frauen, deren Gedichte ich liebe, ist Audre Lorde.«

»Ich kenne ihre Texte auch. Intensiv, würde ich sagen.«

Aha, dachte Alexandra. Wer die Gedichte von Audre Lorde kennt, muss lesbisch sein . . . »Finde ich auch«, sagte sie.

»Sagen Sie nicht, Sie können auch ihre Texte auswendig?«

»Ein paar.« Alexandra zuckte fast entschuldigend mit den Schultern beim Gedanken an ihr Lieblingsgedicht von Audre Lorde, das den Titel Liebesgedicht trug. Ein Text für nicht enden wollende Liebesnächte – etwas, das man der Liebsten leidenschaftlich ins Ohr flüsterte. Sie konnte spüren, wie ihr das Blut in die Wangen stieg.

Rasch wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Einrichtung zu und betrachtete die Wände. Nicht alle, aber die meisten waren von den großflächigen, abstrakten Gemälden fast vollständig bedeckt. Alexandra versuchte, die Signaturen zu entziffern, und las ausschließlich Frauennamen.

Sie sammelt Werke moderner Malerinnen . . . sie unterstützt hochwertige Kunst, vor allem die Kunst von Frauen. Hut ab! Und Geschmack hat sie außerdem. Aber das ist ja hier überall unübersehbar.

»Außer der Küche und dem Bad kennen Sie jetzt den gesamten unteren Bereich«, unterbrach Susanne von Saalfelds Stimme Alexandras Gedanken. »Können Sie nun schon mehr über die Gestaltung meines Gartens sagen?« Ein offener, neugieriger Blick aus ozeanblauen Augen traf Alexandra.

Die räusperte sich ein weiteres Mal. »Zumindest kann ich sagen, dass Sie warme Farben und klare Formen bevorzugen. Das Prinzip bei der Einrichtung lautet wohl ›Weniger ist mehr‹ – Sie ziehen es vor, Ihr Zuhause nicht zu überladen. Was mir im Übrigen sehr gut gefällt. Und Sie lieben die Weitläufigkeit. Das ist schon eine ganze Menge, was sich in Ihrem Garten widerspiegeln kann.« Sie hielt inne und sah in Susannes Richtung.

Die lächelte sie weiterhin ermutigend an.

Das gab den Ausschlag. Alexandra war sich nicht sicher gewesen, ob sie wirklich so offen sein konnte, aber durch das ehrliche Interesse ihres Gegenübers löste sich der Zweifel in Luft auf. Sie gab sich einen Ruck: »Ich vermisse ein wenig die Gegenstände des täglichen Lebens. Bücher, Zeitschriften. Einen Fernseher. Eine gewisse Unordnung. Lebendigkeit.«