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Nach der Diagnose einer Krankheit, die die weitere Ausübung ihres Berufes verhindert, zieht sich Kriegsberichterstatterin Kristin Kamrath in ein österreichisches Dorf in den Voralpen zurück. Dort lernt sie die verheiratete Dorfärztin Ute Würzburger kennen, und beide entdecken viele Gemeinsamkeiten. Vorsichtig versucht Kristin sich Ute zu nähern, doch die blockt rigoros ab. Sie ist schließlich überhaupt nicht lesbisch ... hatte sie bislang jedenfalls immer angenommen ... Aber Kristin lässt nicht locker, denn sie spürt es deutlich: Sie beide sind füreinander bestimmt.
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Seitenzahl: 381
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Roman
© 2015édition el!es
www.elles.de [email protected]
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-95609-121-6
Coverfoto: © HappyAlex – Fotolia.com
Für alle Leserinnen, die ihr Schicksal meistern
Kristin fragte sich, ob sie nach dem, was ihr gerade widerfuhr, genauso reagieren würde wie in dem Augenblick, als Charlotte ihr den Laufpass gegeben hatte. Sie hatte sich gefühlt, als sei sie in voller Fahrt einen Abhang hinuntergejagt und habe sich sämtliche Knochen gebrochen; als sei sie in einer Lawine durcheinandergeschüttelt worden und habe nicht mehr gewusst, wo oben oder unten sei, was wahr oder falsch; als sei sie in eine Felsspalte geraten und könne nie wieder das Licht sehen, Freude empfinden oder das Leben genießen.
Doch das hier war etwas ganz anderes.
Ein Satz formte sich in ihrem Innern: Ich schaffe das. Ich nehme die Herausforderung an.
Ein Lächeln legte sich auf ihr Gesicht und verschwand für eine ganze Weile nicht mehr.
Sie würde für einige Zeit alles ganz anders machen.
Sie würde ihr Leben ändern. Sie hatte irgendwo gelesen, dass es wichtig sei, alles anders zu machen als zuvor.
Sie würde wieder einmal in die Berge fahren.
Und vielleicht passierte ja etwas Unverhofftes, Unerwartetes. Vielleicht.
Als Kristin Kamrath die Gaststube betrat, schwappte ihr eine Welle aus Gesprächsfetzen entgegen, die sie nicht entschlüsseln konnte. Es war rappelvoll und der Lärmpegel enorm. An »ihrem« Tisch, der ihr von den Wirtsleuten zugeteilt worden war, hatte bereits eine Familie Platz genommen. Die Wirtsleute hatten ihr heute Mittag schon angekündigt, dass alle Plätze am Abend belegt wären. Aber sie könne auch im Speisezimmer essen, wenn sie es vorziehe, ihre Mahlzeit in Ruhe einzunehmen. Kristin wollte jedoch lieber in der Gaststube bleiben. Ruhe konnte sie jederzeit auf ihrem Zimmer haben. Hier schien das Leben zu pulsieren, und sie hatte nichts gegen die Kontakte zu den Einheimischen einzuwenden, die sich sicher automatisch ergeben würden.
Sie trat an ihren Tisch, wo noch ein Gedeck für sie aufgelegt war.
»Guten Abend«, sagte sie in die Runde und versuchte, mit möglichst vielen der am Tisch Sitzenden Blickkontakt aufzunehmen. Einige gemurmelte Guten-Abend-Grüße kamen zurück.
»Darf ich mich zu Ihnen setzen?«
»Aber natürlich«, erwiderte eine ältere Dame, sicher die Oma der beiden Teenager, denen Kristin gerade zugenickt hatte. »Wir sitzen ja an Ihrem Tisch.« Sie lächelte Kristin an.
Die setzte sich und ergänzte: ». . . der für eine Einzelperson viel zu groß ist.«
Maike Huber, die Juniorchefin, kam an den Tisch und nahm die Bestellung der Familie auf. Von dem kurzen Gespräch verstand Kristin kein einziges Wort. An den Dialekt würde sie sich noch gewöhnen müssen.
Danach erklärte Frau Huber Kristin in ihrem besten Hochdeutsch, das immer noch stark niederösterreichisch gefärbt war: »Sie haben die Wahl zwischen Berner Würschtl und Krautfleckerl.« Als Pensionsgast konnte Kristin zwischen zwei Gerichten wählen, während die Familie von der Karte bestellt hatte.
Kristin hatte der Wirtin schon mitgeteilt, dass sie am liebsten vegetarisch aß, also kamen die Würschtl nicht in Frage. Sie fragte vorsichtig nach, worum es sich denn bei den Krautfleckerln handelte.
Der Junge, der neben ihr saß – der Enkel der älteren Dame, wie Kristin vermutete –, erklärte es ihr: »Des san spezielle Nudeln mit a’m Weißkraut.«
»Also ohne Fleisch?« Unsicher sah Kristin die Wirtin an, die nickend bestätigte.
»Schmeckt geil«, rief der Junge.
»Tobias!« Der Mann, der wohl Tobias’ Vater war, ließ einen Redeschwall in tiefstem Niederösterreichisch vom Stapel. Kristin ahnte, dass es ein Tadel war. Sie sah die Frau ihr gegenüber, die die Mutter des Jungen sein musste, verstohlen grinsen.
»Und grinsen solltest eh net, sonst lernt der Junge nia, welche Worte er benutzen derf«, setzte der Vater hinzu und sah seine Frau vorwurfsvoll an.
»Hab schon verstanden«, schaltete sich Kristin ein, »es schmeckt richtig lecker.«
Tobias nickte heftig.
»Dann nehme ich es.« Sie zwinkerte dem Jungen zu und hoffte, sein Vater würde es nicht bemerken. Sonst würde sie sich auch noch eine Rüge einfangen, die sie nicht einmal verstehen würde. Tobias lächelte breit.
»Zum Trinka?«, fragte die Wirtin Kristin – die anderen hatten die Getränke bereits vor sich stehen – und korrigierte sich dann rasch: »Was darf ich zum Trinken bringen?«
Kristin grinste die Juniorchefin an und bestellte ein Sodawasser. Frau Huber rauschte ab.
Allein mit der Familie, versuchte Kristin die Verwandtschaftsverhältnisse zu ermitteln. Die beiden jüngeren Erwachsenen waren offensichtlich die Eltern der beiden Teenager: Tobias und ein etwas älteres Mädchen, das bisher kein einziges Wort gesprochen hatte und mit einer Grabesmiene in der Ecke saß. Die zwei älteren Herrschaften wiederum mussten entweder seine oder ihre Eltern sein. Das würde Kristin sicher noch herausfinden.
Den Opa jedenfalls konnte sie deutlich besser verstehen als die anderen. Vielleicht kam er nicht von hier. Der Unterhaltung zu folgen, dazu war sie dennoch nicht in der Lage. Früher war sie mit ihren Eltern und ihren Geschwistern oft in Tirol gewesen – aber immer in gehobenen Häusern, wo sie wenig Kontakt mit den Einheimischen gehabt hatten. Und die Wenigen, mit denen sie sprachen, hatten sich große Mühe gegeben, Hochdeutsch zu reden. Die Familie, mit der Kristin jetzt am Tisch saß, nahm keinerlei Rücksicht auf sie; aber letztendlich ging ihre Unterhaltung Kristin ja auch eigentlich gar nichts an. Jedenfalls hatte sie sich die Verständigung in einem deutschsprachigen Land etwas leichter vorgestellt, als es sich ihr jetzt darbot.
Die Krautfleckerl waren wirklich lecker, und Kristin aß mit großen Appetit. Als sie einmal während des Essens aufschaute, sah sie direkt in die tiefbraunen Augen der Mutter der Kinder. Ute hieß sie, das hatte Kristin mitbekommen.
Der Blickkontakt traf sie bis ins Mark, völlig unvorbereitet. Sie wollte sich in diese Augen vertiefen. Sie ausloten und erforschen. Aber schon hatte die andere ihren Blick wieder zur Seite abgewandt, um sich dem Gespräch mit ihrem Mann zuzuwenden, dessen Name Kristin den ganzen Abend über verborgen blieb.
Kristin allerdings war verwirrt. Tief war der Blick der Braunäugigen gewesen. Sehr tief. Ihr Herz pochte laut, doch in dem Lärm, der im Gastraum herrschte, ließ sich das gut ignorieren.
Nach dem Essen löste sich die Gruppe auf. Der Opa und der Ehemann nahmen am Nachbartisch Platz, um sich zum »Schnapsen« mit zwei anderen Männern zusammenzufinden – einem Kartenspiel mit einem ganz eigenen Blatt, dessen Symbole Kristin nichts sagten. Auch die Spielregeln konnte sie nicht ergründen. Jedenfalls ging es hin und wieder recht laut am Nebentisch zu.
Kurze Zeit später brach die Oma nach Hause auf. Scheinbar war die Familie morgen bei ihr zum Essen eingeladen, und sie musste den Sonntagsbraten herrichten – wenn Kristin die wenigen Worte, die sie verstanden hatte, richtig deutete.
»Oma«, quengelte Tobias, »mir wollten doch no spuin.«
»Tobias, ihr wollts doch morgen etwas essen. I hob koa Zeit. Papa.« Sie betonte das letzte Wort auf der zweiten Silbe, es schien ein Abschiedsgruß zu sein. Kristin wunderte sich, wie wenig sie von dieser Variante der deutschen Sprache wusste, obwohl sie früher so oft in Österreich gewesen war.
Unseren Eltern war natürlich nur das Beste gut genug. Mit dem richtigen Österreichisch sind wir nie in Berührung gekommen, dachte sie. Wenn sie wüssten, dass ich hier in einer einfachen Pension wohne und mich unter das gemeine Volk mische, würden sie die Nase rümpfen. Sie grinste in sich hinein.
»Servus, Oma«, verabschiedeten das Mädchen und der Junge die alte Dame im Chor.
»Pfiat di, Mama.« Die jüngere Frau gab ihr einen Kuss auf die Wange. Kristin hatte inzwischen festgestellt, dass es sich um Mutter und Tochter handeln musste, denn sie hatten dieselben Gesichtszüge und gingen herzlicher miteinander um, als man es von Schwiegertochter und Schwiegermutter erwarten würde.
»Des is jetzt oba bled.« Tobias nannte die Dinge erfrischend ehrlich beim Namen. Kristins Blick traf den der braunäugigen Frau. Sie grinsten sich kurz an.
»Jetzt san mir nur noch zu dritt«, fuhr der Junge fort, »da können wir des Spui net spuin.« Er überlegte einen Moment, dann wandte er sich an Kristin: »Vielleicht haben Sie ja Lust, ein abgewandeltes Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel ohne Würfel mit uns zu spielen. Man spielt zu zweit zusammen und gewinnt oder verliert gemeinsam. Zu dritt kann man es nicht spielen.«
Kristin war mehr als überrascht, dass er jetzt bestes Hochdeutsch sprach und sie jedes Wort verstehen konnte. Aber ehe sie etwas erwidern konnte, bremste die Mutter den Enthusiasmus ihres Sohnes in der niederösterreichischen Färbung: »Tobias, du konnst doch net wildfremde Menschen frogn, ob s’ mit dir spuin wolln.«
»I hob eh kaane Lust«, ereiferte sich jetzt die Tochter – der erste vollständige Satz, den Kristin aus ihrem Mund hörte.
»Du hast es versprochen«, maulte ihr Bruder.
Damit es nicht zum Streit kommen konnte, schlug Kristin vor: »Wie wäre es, wenn wir einfach mal eine Runde spielen?«
Die Tochter rollte mit den Augen, rang sich aber ein gequältes »Na guat!« ab.
Mit Feuereifer baute Tobias das Spielfeld auf und begann das Spiel zu erklären. Es versprach eine interessante Variante des Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiels zu sein. Die Spieler, die sich diagonal gegenübersaßen, spielten zusammen. Kristin fand sich schnell im Spiel zurecht und setzte die Karten, die man statt der Würfel verwendete, immer geschickter ein, so dass die erste Runde schließlich an sie und Tobias’ Schwester ging – deren Namen sie trotz aller Aufmerksamkeit noch nicht herausgefunden hatte. Jedenfalls schien es ihr jetzt, wo sie gemeinsam gewonnen hatten, doch Spaß zu machen, denn sie rang sich ein Lächeln ab und erhob auch keine Einwände, als Tobias gleich die nächste Runde vorbereitete.
Es war ein vergnügliches Spiel, bei dem viel gelacht wurde und kein böses Wort fiel – wie Kristin es mit ihren Neffen und Nichten erlebt hatte, die gern bei einem solchen Wettkampf aneinandergerieten. Kristin hatte richtig Freude an der Sache. Die anderen offensichtlich auch. Selbst die Tochter lächelte jetzt öfter und machte sogar einen Scherz.
Die zweite Runde ging an Mutter und Sohn. Ein Unentschieden war ein versöhnlicher Abschluss für den Abend.
»Es ist schon elf Uhr vorbei«, stellte Ute fest. »Ihr müssts morgen beide früh raus. Wir sollten jetzt gehen.« Sie erhob sich und holte die Jacken für alle.
»Und wir müssen uns bei Ihnen bedanken, dass Sie so geduldig mit uns gespielt haben«, sagte sie mit ihrem starken niederösterreichischen Akzent zu Kristin, als sie zurückkam. Ihre tiefe Stimme verursachte Kristin eine Ganzkörpergänsehaut. Sie suchte den Blick der ausdrucksvollen braunen Augen. Die andere jedoch unterbrach den Kontakt rasch, indem sie die Lider senkte.
Tobias schüttelte ihr zum Abschied die Hand und lachte sie aufrichtig an. »Ja, und es hat echt Spaß gemacht, danke!«
»Mir hat es auch Spaß gemacht. Ich danke euch für den netten Abend.« Kristin drückte Tobias und dann der Tochter kurz die Hand. Auch der Mutter hielt sie die Hand hin. Die ergriff sie – ebenfalls nur für einen kurzen Moment. Und schon waren sie aus der sich langsam leerenden Gaststube gehuscht, während ihr Mann und ihr Vater ihr eigenes Spiel nicht einmal unterbrochen hatten, um die Familie zu verabschieden.
Als Kristin auf dem Balkon ihres Zimmers stand, um einen Augenblick die frische, klare Bergluft einzuatmen, ließ sie den Abend noch einmal Revue passieren. Die Gesellschaft der kleinen Familie war ausgesprochen angenehm gewesen und die beiden Kinder ausnehmend gut erzogen. Auch wenn ihr Vater seine Sprösslinge vom Nebentisch aus des Öfteren ermahnt hatte, wenn sie seiner Meinung nach zu laut waren oder unangemessene Wörter verwendet hatten. Kristins Eindruck war eher, dass es sich um Ausgelassenheit und Lebensfreude handelte, die der Vater beharrlich bremste. Zumal er selbst längst nicht so zurückhaltend gewesen war beim Spiel mit seinen Freunden. Da hätte er sich mal an die eigene Nase fassen können. Dennoch hatten Tobias und seine Schwester offensichtlich ihren Spaß an dem Spiel gehabt. Es hatte Kristin gefreut, wie selbst Lisa – ganz am Schluss hatte sie doch noch den Namen der Tochter aufgeschnappt – im Verlauf des Abends immer mehr aufgetaut war und schließlich sogar ab und zu laut aufgelacht hatte.
Und die Mutter – Ute . . . Ihre Augen waren sich mehrfach begegnet. Immer nur für einen Moment, der aber jedes Mal Herzklopfen ausgelöst hatte. Dunkles Braun und lange schwarze Wimpern, eine fatale Kombination. Wenn Kristin nicht andere Probleme hätte, hätte sie sich augenblicklich in diese Frau verlieben können. Und Ute hatte fast immer verschämt die Lider gesenkt oder weggeschaut, wenn Kristin ihren Blick aufgefangen hatte.
Aber die Röte in ihren Wangen hatte sicherlich nur an ihrem Spieleifer gelegen. Da wollte Kristin sich lieber keine Illusionen machen.
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen unternahm Kristin einen kleinen Spaziergang durchs Dorf. Am Ende ihrer Runde kam sie oberhalb des Fußballplatzes an, auf dem gerade ein Jugendspiel stattfand. Sie erkannte Tobias sofort. Er schlug gerade eine gute Ecke, die allerdings nicht zu einem Tor führte.
Dann entdeckte er sie und winkte ihr zu. Sie winkte zurück. Im nächsten Moment hörte sie das Donnern seines Vaters, dass er sich »verdammt noch mal!« konzentrieren solle.
Meine Güte, was für ein cholerischer Zeitgenosse!
Anscheinend hatte sie nur noch den letzten Minuten des Matches beigewohnt, denn in diesem Augenblick erklang der Schlusspfiff. Der überdimensionalen Anzeigetafel konnte sie entnehmen, dass Tobias’ Mannschaft das Spiel mit 1:0 gewonnen hatte. Sie klatschte strahlend Beifall in seine Richtung, und er deutete eine leichte Verbeugung an und grinste übers ganze Gesicht. Doch das Grinsen verschwand abrupt, als sein Vater schon wieder lospolterte. Es war offensichtlich, dass er kein gutes Haar an seinem Filius ließ.
Armer Tobias. Kristin konnte diese Tirade, von der sie ohnehin kein Wort verstand, nicht nachvollziehen. Was sie vom Spiel des Sohnes gesehen hatte, war ganz annehmbar gewesen. Dass bei derart negativen, so gar nicht ermutigenden Erziehungsmethoden so nette Kinder herausgekommen waren, war eigentlich ein Wunder. Oder dem Einfluss der Mutter zu verdanken . . . Wo Ute wohl steckte?
Schade, dass sie diese Frage nicht klären konnte. Mit einem kleinen Seufzer setzte sie den Spaziergang fort.
»Grüß Gott!«, sagte Kristin, als sie am Montagmorgen in das Sprechzimmer der Dorfärztin eintrat. Im nächsten Moment blieb sie wie angewurzelt stehen. Das Gesicht hinter dem Schreibtisch kannte sie. Vorgestern hatte sie ihm gegenübergesessen, einen ganzen Abend lang. Und in diese gefühlvollen braunen Augen hätte sie sich so gern vertieft, wenn die Besitzerin sich nicht immer wieder abgewandt hätte.
Sie ist also meine neue Ärztin, dachte Kristin und lächelte die Frau hinter dem Schreibtisch an.
»Ich bin Kristin Kamrath, Kristin mit K.« Sie ging auf den Schreibtisch zu und setzte sich auf deren einladende Handbewegung hin der Allgemeinmedizinerin gegenüber. Der kleine Augenaufschlag der Ärztin sollte wohl bedeuten, dass auch sie Kristin wiedererkannt hatte.
»Grüß Gott. Ute Würzburger«, antwortete sie in geschäftsmäßigem Tonfall. »Was kann ich für Sie tun, Frau Kamrath?« Sie warf einen Blick auf die vor ihr liegende, unberührte Karteikarte.
Überrascht über die akzentfreie hochdeutsche Aussprache, fragte Kristin geradeheraus: »Sind Sie Deutsche?« Vorgestern noch hatte ihr die tiefste niederösterreichische Färbung in den Ohren geklungen, verbunden mit einer Stimme, die tiefer war als für eine Frau üblich und ihr einige Schauer über den Rücken gejagt hatte. Ebenso wie diese Blicke, die leider nur so kurz gewesen waren.
»Nein.« Ihr Gegenüber lächelte zum ersten Mal. »Mein Vater ist Deutscher. Er ist hier hängengeblieben, weil er sich in meine Mutter verliebt hat. Meine Eltern haben sehr darauf geachtet, dass ich auch Hochdeutsch spreche. Das hat mir vor allem das Erlernen der Schriftsprache erleichtert. Wenn Sie mich aber mit Einheimischen erwischen, verstehen Sie kein Wort.« Das Grinsen war noch breiter geworden.
Kristin nickte, denn das hatte sie ja bereits erlebt. Jetzt war ihr auch klar, warum sie den Vater so gut hatte verstehen können.
»Aber Sie sind sicher nicht hier, um über meinen wenig ausgeprägten Akzent zu reden?«, fügte die Ärztin hinzu – die Aufforderung, zur Sache zu kommen.
»Natürlich nicht«, beeilte sich Kristin zu antworten. »Entschuldigen Sie die persönliche Frage. Ich bin nur überrascht, im tiefsten Niederösterreich auf hochdeutsche Klänge zu stoßen. Und vorgestern war davon nichts zu merken.« Sie hielt kurz inne und erntete ein Nicken, was wohl heißen sollte, dass die Nachfrage kein Problem sei. Dann erklärte sie: »Ich habe mich für mindestens ein halbes Jahr hier im Ort einquartiert – eine genaue Festlegung will ich nicht treffen, möglicherweise bleibe ich auch viel länger – und suche eine Ärztin, die sich mit Traditioneller Chinesischer Medizin auskennt, um mich zu akupunktieren. Sie wurden mir empfohlen. Mit meiner Krankenkasse in Deutschland ist alles geregelt.«
Frau Dr. Würzburger nickte wieder. »Ich habe eine Zusatzausbildung in TCM und praktiziere die Akupunktur. Allerdings muss ich natürlich genau wissen, wo Ihr Problem liegt.« Sie lächelte: »Und mein Geld werde ich schon bekommen.« Erwartungsvoll sah sie Kristin an.
Die holte tief Luft. »Ich bin an MS erkrankt und habe mich bisher regelmäßig akupunktieren lassen, um meine Spastik in den Beinen und im Rumpf erträglicher zu machen.«
»Um welche Form der MS handelt es sich?«, fragte die Ärztin nüchtern, ohne Betroffenheit zur Schau zu stellen. Sicher hatte sie täglich mit ganz anderen Krankheiten zu tun – so erklärte sich Kristin jedenfalls ihre distanzierte Sachlichkeit. Bisher hatte sie immer nur in entsetzte Gesichter geblickt, wenn sie von ihrer Diagnose erzählte. Aber betroffen war sie ja schließlich selbst. Da war eine gewisse Distanziertheit geradezu wohltuend, stellte Kristin fest.
»Die progrediente Form«, präzisierte sie ihre Auskunft. »Primär.« Sie hatte längst gelernt, dass Ärzte gern ganz genaue Angaben wollten, und die Fachbegriffe waren ihr inzwischen selbst geläufig.
»Bemerken Sie die stetige Verschlechterung?«, wollte Ute Würzburger wissen.
Kristin schüttelte den Kopf. »Bis jetzt habe ich den Eindruck, dass sich die Erkrankung seit meiner Entscheidung, meinen Beruf zunächst ruhen zu lassen, nicht weiter verschlechtert hat.«
»Das sind doch gute Nachrichten«, schätzte Dr. Würzburger die Lage ein. Ihre Stimme klang etwas heller, als wolle sie ihre Patientin ermutigen. »Die Krankheit hat bereits zu einer Gehbehinderung geführt?« Diese Frage musste rein rhetorischer Natur sein, denn Kristins Behinderung dürfte ihr vorgestern in der Gaststube aufgefallen sein – wenn sie auch noch nicht sehr ausgeprägt war.
Kristin nickte trotzdem. »Aber ich kann mich ohne Hilfe fortbewegen. Mal besser, mal weniger gut. Eigentlich komme ich überall hin, wo ich hinwill. Ich fahre außerdem regelmäßig Rad. Mein Liegefahrrad mit elektronischem Antrieb habe ich mitgenommen, um hier flexibler zu sein.«
»Und das funktioniert gut?«, fragte Dr. Würzburger nach, in plötzlich viel lebhafterem Ton, der von echtem Interesse zeugte. Sie unterbrach sogar ihre Notizen und hob den Blick von den Unterlagen, um Kristin direkt anzusehen.
»Ja, das klappt prima. Ich muss mir beim Anhalten keine Sorgen mehr um meine Stabilität machen, weil das Rad drei Räder hat. Mein Gleichgewichtssinn funktioniert nicht mehr, wie er sollte. Deshalb bin ich mit meinem Zweirad nach dem Anhalten dauernd umgefallen. Mein Liegerad kann ich anhalten und erst einmal sitzen bleiben, ohne dass mir etwas passiert. Und ich komme gut vorwärts. Das ist sehr motivierend.« Kristin lächelte. »Außerdem fühle ich mich mit dem Rad gar nicht behindert. Es sieht ganz sportlich aus.«
»Das hört sich doch gut an«, sagte die Ärztin und lächelte. Dann wurde ihr Tonfall wieder geschäftsmäßig-nüchtern: »Ich würde mir gern ein ausführlicheres Bild machen, um einen Überblick über Ihre Probleme zu bekommen und fundiert die Akupunkturnadeln setzen zu können.« Sie erhob sich und winkte Kristin, ihr ins Nebenzimmer zu folgen und es sich dort auf der Liege bequem zu machen.
Die nächste Dreiviertelstunde unterzog Frau Dr. Würzburger Kristin einer eingehenden Untersuchung und stellte etliche Fragen, um sich ein detailliertes Bild ihrer Symptome zu verschaffen. Aber Kristin hatte nichts anderes als eine gründliche Anamnese erwartet und war dementsprechend vorbereitet.
Anschließend las sich Ute Würzburger das Begleitschreiben ihrer Kollegin aus Deutschland durch, die bis dato die Akupunktur übernommen hatte, und sagte: »Mit Ihrem Einverständnis würde ich die Nadeln gern etwas anders anordnen. Ich habe zwei Patientinnen, die auch an MS erkrankt sind und ähnliche Symptome aufweisen. Bei ihnen habe ich die Nadeln in einer anderen Kombination gesetzt, als die Kollegin es vorschlägt, und meine Patientinnen haben nahezu keine schweren Beine mehr. Auch das Korsettgefühl im Rumpf hat deutlich nachgelassen.«
»Das hört sich vielversprechend an. Ich bin einverstanden.« Kristin lächelte ihr Gegenüber an.
Die bremste sie sofort: »Allerdings werden Sie nicht gleich morgen ohne Symptome sein. Es wird eine Weile dauern, bis die Wirkung einsetzt. Ich setze die Nadeln bei meinen anderen Patientinnen zweimal in der Woche über einen längeren Zeitraum hinweg. Wie ich sehe, hat meine deutsche Kollegin längere Abstände zwischen den einzelnen Terminen gemacht.« Als Kristin nickte, fügte die Ärztin hinzu: »Nach einiger Zeit setzen wir dann zwei bis drei Wochen mit der Behandlung aus.«
»Einverstanden«, sagte Kristin noch einmal. »Es hört sich so an, als wüssten Sie, wovon Sie reden.«
»Wie gesagt, ich kann ein wenig aus der Erfahrung mit meinen beiden anderen MS-Patientinnen schöpfen. Ob die Behandlung auch bei Ihnen anschlägt, kann ich natürlich nicht versprechen.« Frau Dr. Würzburger runzelte die Stirn.
»Das weiß ich.« Kristin sah ihr fest in die Augen. »Einen Versuch ist es allemal wert.«
Dann erklärte Frau Dr. Würzburger ihr, wo genau sie die Nadeln setzen und welche Effekte sie damit erzielen wollte. Dazu musste sich Kristin bis auf den Slip entkleiden und sich auf den Bauch legen. Nachdem die Nadeln gesetzt waren, informierte die Ärztin: »Jetzt sollten Sie etwa zwanzig Minuten ruhen. Ich hoffe, Ihnen ist warm genug?«
Kristin nickte.
»Wenn etwas unangenehm ist oder Sie stört, betätigen Sie bitte diesen Knopf.« Die Ärztin deutete auf einen Schalter, der von der Liege aus gut zu erreichen war. »Dann bin ich sofort da.«
In den folgenden Minuten, während die Nadeln ihre Wirkung verbreiteten, hatte Kristin ausgiebig Gelegenheit, ihren Gedanken nachzuhängen. Schöne braune Augen hat sie, war der erste. Und sie ist verdammt attraktiv. Sie musste grinsen. Kristin, Kristin! Solche Anwandlungen solltest du dir im tiefsten Alpenland besser verkneifen.
Als Frau Dr. Würzburger den Raum wieder betrat, war Kristin überrascht, dass die zwanzig Minuten so schnell vergangen waren.
»Ich schlage vor, dass Sie am Donnerstag zur selben Zeit wieder vorbeischauen, dann setze ich die Nadeln noch einmal«, schlug die Ärztin vor, während sie die Akupunkturnadeln wieder entfernte. »Wenn Sie einverstanden sind, behalten wir diesen Montag-Donnerstag-Rhythmus bei. Ich sehe Sie erst kurz in meinem Sprechzimmer, um die Wirkung zu besprechen, und dann schreiten wir sofort zur Tat – das wird dann nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen wie heute.«
»Gut. Dann bin ich am Donnerstag wieder da«, stimmte Kristin zu, während sie sich ankleidete.
»Bis Donnerstag!« Ute Würzburger lächelte Kristin offen an. Die lächelte verhalten zurück, als sie sich per Handschlag voneinander verabschiedeten.
Wie warm ihre Hände sind . . . Unversehens spürte Kristin, wie sie errötete. Schnell wandte sie ihren Blick ab.
Nach dem Arzttermin hatte sich Kristin mit einer Decke auf eine Liege ihres Balkons zurückgezogen. Sie war etwas müde. Aber das hatte Frau Dr. Würzburger ihr angekündigt, also war sie darauf gefasst. Überhaupt war Kristin mächtig beeindruckt von ihrer neuen Ärztin. Sie hantierte nicht nur mit den Nadeln sicher, sondern analysierte und erklärte kurz und präzise.
Außerdem sah sie wirklich gut aus. Diese dunkelbraunen, fast schwarzen Haare – dafür hatte Kristin ohnehin eine Schwäche. Bei Frau Dr. Würzburger waren sie bisher immer zu einem strengen Pferdeschwanz zusammengebunden gewesen. Wie alt mochte sie sein? Ein paar Jahre jünger als sie selbst, schätzte Kristin. Und sie hat eine Familie . . . Kristin seufzte bedauernd. Pass nur auf, dass du sie nicht zu attraktiv findest.
Dennoch – wenn sie sich nicht sehr täuschte, dann hatte Ute Würzburger auf ihr zurückhaltendes Flirten hin ein wenig zurückgeflirtet. Das ist wahrscheinlich ihre Art, ihre Patientinnen für sich einzunehmen. Ist ihr gelungen. Ein Lächeln breitete sich auf Kristins Gesicht aus, bevor sie wegdämmerte.
Nachdem es am Dienstag regnerisch gewesen war und Kristin ihr Rad lieber in der dafür vorgesehenen Garage des Gasthofs hatte stehen lassen, stellte der Mittwoch sich als ein herrlich klarer und sonniger Frühlingstag heraus. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft war sie nun mit dem Rad unterwegs. Fürs Erste sollte der Nachbarort als Ziel genügen. Das waren hin und zurück etwas über zehn Kilometer, und die Hälfte davon ging ordentlich bergauf. Sie hatte sich vorgenommen, es zunächst ohne Antrieb zu versuchen – das wäre genug Anstrengung für den Vormittag. Als Belohnung würde die Rückfahrt fast ausschließlich bergab gehen.
Nach dem anstrengenden Hinweg legte sie im Gastgarten eines kleinen Gasthauses im Nachbarort eine Pause ein, damit die Beine sich für den Rückweg erholen konnten. Genießerisch hielt sie das Gesicht in die warme Frühlingssonne. Ein quietschendes Geräusch vom ortsansässigen Sägewerk durchbrach die Stille, und ein angenehmer Geruch von frisch geschnittenem Holz stieg ihr in die Nase. Die perfekte Atmosphäre zur Entspannung.
Nicht immer hatte sie bisher in ihrem Leben einen Rhythmus gefunden, der ihren Körper nicht überforderte. Das war einer der Punkte, an dem sie hier an ihrem Rückzugsort arbeiten wollte: die Balance finden zwischen An- und Entspannung.
Ein anderer, sehr viel umfassenderer Punkt bestand darin, ihr Leben neu zu ordnen. Seit der Diagnose Encephalomyelitis disseminata, umgangssprachlich Multiple Sklerose, hatte sie zunächst noch einige Zeit gearbeitet und ihre Erkrankung einfach ignoriert in der Hoffnung, so weitermachen zu können wie bisher. Aber inzwischen war die Krankheit so weit fortgeschritten, dass an ihre Arbeit als Kriegsberichterstatterin nicht mehr zu denken war. Sie würde sich also beruflich neu orientieren müssen. Die Auszeit hier war eine gute Gelegenheit, sich damit auseinanderzusetzen.
Und sie müsste endlich mit ihrem Privatleben ins Reine kommen. Sie wusste, dass sie alles andere als glücklich war, aber auch das hatte sie in den letzten Jahren zu ignorieren versucht. Ein zufriedenes, ja vielleicht sogar glückliches Leben zu führen – wie sollte das gehen? Dafür müsste sie ein anderer Mensch sein, oder? Und sie konnte nun mal nicht aus ihrer Haut.
Aber das war das Letzte, worüber sie heute nachdenken wollte. Dafür war noch Zeit genug. Jetzt wollte sie einfach diesen herrlichen Tag genießen und die wunderbar klare Luft in sich aufsaugen wie ein Schwamm, der vollkommen ausgetrocknet war.
Sie hatte gerade ihre Bestellung aufgegeben und streckte gemütlich die Beine aus, als sie ihre neue Ärztin lächelnd auf sie zukommen sah. Ihr Herz legte einen kleinen Galoppsprung ein, als sie das Lächeln erwiderte.
»Grüß Gott!«, sagte Ute Würzburger fröhlich, als sie den Tisch erreicht hatte. Die Haare trug sie heute nicht in einem Pferdeschwanz gebändigt, und Lachfältchen tanzten um ihre Augen. Dass auch die Augen lächelten, war neu, fiel Kristin auf. Bisher hatte die Ärztin trotz ihrer unverhohlenen Freundlichkeit eher einen verbissenen Eindruck gemacht. Nein, verbissen wäre vielleicht das falsche Wort. Müde passte besser. Und streng. Unnahbar irgendwie. Aber eigentlich konnte sie sich darüber gar kein Urteil erlauben, sie kannte sie ja erst ein paar Tage. Und Kennen ist sowieso schon zu viel gesagt.
»Grüß Gott«, antwortete sie. »Was treibt Sie in Ihrer Mittagspause hierher?«
»Darf ich?«, fragte Frau Dr. Würzburger und deutete auf den Stuhl neben Kristin.
»Aber selbstverständlich.«
Die Ärztin setzte sich, stellte ihre Tasche neben sich auf den Boden und erklärte: »Ich habe gerade einen Hausbesuch gemacht und habe mir jetzt einen Kaffee« – sie betonte das Wort auf der zweiten Silbe, wie es bei den Österreichern üblich war – »verdient. Aber Sie sind offenbar auch gerade erst gekommen, denn ich sehe noch keine Bestellung.« Sie sah Kristin fragend an.
»Lang bin ich noch nicht da. Aber bestellt habe ich schon.«
In diesem Moment trat die Kellnerin an den Tisch und servierte die Apfelschorle. Kristin musste grinsen: Die Bestellprozedur hatte etwas länger gedauert, denn eine »Apfelschorle« war hier niemandem ein Begriff.
»Servus, Ute!«, begrüßte die Kellnerin die Ärztin. Natürlich kannte man sich hier.
»Servus, Tina.«
»Warst beim alten Brandner?«
»Ja«, lautete die knappe Antwort. »Bringst mir an kleinen Braunen?«
»Kommt sofort!«
»Danke.« Die Ärztin schlug ihre Beine übereinander, die in einer hellen Jeans steckten.
»Ich finde es immer wieder spannend, wie viele Kaffeesorten ihr Österreicher anbietet«, sagte Kristin fasziniert. »Wenn ich Kaffeetrinkerin wäre, würde ich das Land wahrscheinlich nie wieder verlassen. Es riecht außerdem immer überall so köstlich nach Kaffee.«
»Sie trinken keinen Kaffee?« Wieder lag die Betonung auf der zweiten Silbe.
»Nein, ich trinke ausschließlich Tee. Überall, wo ich länger bleibe, bringe ich meine eigenen Teeblätter mit. Jeden Morgen fülle ich ein Beutelchen aus meinem Vorrat ab und nehme ihn zum Frühstück mit. Diesen Luxus gönne ich mir.«
»Aber jetzt trinken Sie keinen Tee«, bemerkte Frau Dr. Würzburger und deutete auf die Apfelschorle.
»Nein. Hier gibt es nur Teebeutel, deren Inhalt normalerweise bloß aus den Teeresten besteht. Dieser Tee schmeckt mir einfach nicht. Und bei Ausflügen habe ich in der Regel nicht meinen eigenen Vorrat dabei.« Kristin lächelte. »Aber dieses Getränk zu bestellen war mindestens so eine Herausforderung wie herauszufinden, ob der Tee hier frisch aufgebrüht wird.«
»Ein ›Vierterl Obi auf an Holbn g’spritzt‹ ist Ihnen nicht geläufig?« Die Ärztin lachte aus voller Kehle und warf den Kopf nach hinten. Dabei fielen ihr die Haare locker auf die Schultern.
Plötzlich musste Kristin mit aller Macht gegen den Impuls ankämpfen, über diesen makellosen Hals zu streichen. Küssen ist sicher noch besser . . . Dann könnte ich gleich ihren Duft riechen, um ihn immer mit mir zu tragen. Sie errötete. Woher kamen denn solche absurden Gedanken? Nein, eigentlich gar nicht so absurd. Frau Dr. Ute Würzburger war genau der Typ Frau, der sie immer wieder faszinierte. Nur gut, dass die Ärztin mit geschlossenen Augen gelacht und den Wechsel ihrer Gesichtsfarbe nicht mitbekommen hatte.
Rasch kommentierte Kristin das neue Vokabular: »Jetzt weiß ich’s auch. Diesen Satz vergesse ich nicht mehr.«
Die Kellnerin servierte den kleinen Braunen. Die Ärztin dankte und nahm einen Schluck. Dann richtete sie ihren Blick neugierig auf das Liegefahrrad, das Kristin neben sich geparkt hatte. »Und das ist das gute Stück, von dem Sie mir erzählt haben?«
»Ja. Sieht doch wirklich sportlich aus, oder?«
»Stimmt, ich hatte es mir anders vorgestellt. Mit Lenker«, meinte Ute Würzburger. »Das hier erinnert mich an ein Handbike. Einer meiner Patienten hat eins, weil er seine Beine nicht mehr bewegen kann. Wie lenken Sie überhaupt?«
»Neben der Sitzfläche sind zwei Griffe. Damit lenke ich. Wenn ich mich in die Kurve lege, komme ich mir vor wie eine Rallyefahrerin.« Kristin lachte. »Dort sind auch die Bremsen und die Gangschaltung. Außerdem kann ich vom Display des Bordcomputers aus die Elektronik steuern. Das Display ist ebenfalls am Lenker angebracht. Links.«
Frau Dr. Würzburger studierte das Rad eingehend und schien die angesprochenen Teile auch alle zu entdecken. Sie nickte bewundernd. »Es ist ungewohnt, so niedrig zu sitzen, oder?«, fragte sie.
»Schon, aber man gewöhnt sich sehr schnell daran. Nur muss man oft für die Autofahrer mitdenken. Die sehen mich nicht immer, trotz Fahne. Deshalb fahre ich auch so wenig wie möglich auf der Straße, und wenn, bin ich übervorsichtig.«
»Na ja, man rechnet einfach nicht mit einem Fahrrad auf dieser Höhe. Aber Sie fahren mit Helm«, stellte die Ärztin mit Blick auf den windschnittigen Fahrradhelm fest, der auf dem Sitz des Rades lag.
Kristin nickte. »Ja, damit fühle ich mich sicherer. Mögen Sie einmal eine Runde drehen?«
Die andere Frau bekam leuchtende Augen. »Oh ja, das würde ich gern.«
»Dann setzen Sie sich nur hinein.«
Frau Dr. Würzburger erhob sich, legte den Helm auf einen freien Stuhl und manövrierte sich in den Sitz des Liegerades. »Das ist wirklich sehr niedrig«, bemerkte sie, als sie endlich saß. »Und wie kommen Sie wieder heraus?«
»Ich stütze mich auf den Schutzblechen auf. Das ist kein Problem.«
Die Ärztin nickte, während sie mit den Füßen nach den Pedalen tastete. »Was muss ich jetzt tun?«
»Können Sie an die Pedale gut heranreichen?« Frau Dr. Würzburger war etwa genauso groß wie sie selbst, das hatte Kristin schon festgestellt. Eine Anpassung der Pedale war also wahrscheinlich gar nicht nötig.
»Ja. Es ist sehr bequem.«
»Dann lösen Sie die Bremse. Unter Ihrem linken Oberschenkel«, instruierte Kristin. »Und schon können Sie losfahren.«
Die Ärztin beugte sich nach unten, um die Position der Bremse zu erkunden und sie zu lösen. Dann fuhr sie los. Zuerst ein wenig hierhin und dorthin, als könne sie sich mit sich selbst nicht auf eine Richtung einigen. »An das Lenken muss man sich aber erst gewöhnen«, rief sie Kristin zu. Doch das schien ihr schnell zu gelingen, denn schon bald drehte sie einige gleichmäßige Runden auf dem Parkplatz, bevor sie ein weiteres Stück auf dem Radweg gleich hinter dem Gasthaus nahm. Als sie zurückkam, waren ihre Wangen gerötet, und sie lächelte strahlend.
»Das macht ja richtig Spaß«, sagte sie begeistert, während sie das Rad vor Kristin zum Stehen brachte. »Das hätte ich nicht gedacht.«
»Wollen Sie auch einmal den Antrieb ausprobieren?«
»Das würde ich gern ein andermal tun. Jetzt würde ich am liebsten einfach nur noch ein wenig in der Sonne sitzen und Ihnen dabei zuhören, wie sich das Radeln hier in den Bergen mit diesem tollen Fahrrad anfühlt.« Sie zog gewissenhaft die Bremse an, stieg vom Rad und ließ sich wieder auf ihrem Platz am Tisch nieder.
»Es gibt nicht sehr viel zu erzählen«, meinte Kristin. »Ich bin ja gerade erst angekommen. Das hier ist mein erster Ausflug mit dem Rad.«
»Aber Sie sind doch vorher sicher auch schon viel damit gefahren. Ich würde zum Beispiel gern wissen, ob Sie den Antrieb dauernd benutzen und wie weit Sie damit kommen.« Die Ärztin schien Feuer und Flamme.
Sie interessiert sich tatsächlich für mein Rad, dachte Kristin erfreut. »Die Reichweite ist natürlich abhängig davon, ob und in welcher Stufe ich die Elektronik einschalte. Nach Kernhof hier habe ich sie nur für den letzten Kilometer genutzt, weil vor allem mein linkes Bein müde wurde. Zurück werde ich den Antrieb sicher gar nicht brauchen, weil es fast nur abwärts geht und sich mein Bein durch die Pause auch wieder erholt hat.« Sie lächelte. »Wenn ich den Antrieb nur ab und zu aktiviere, kann er sehr lange halten, zweihundert Kilometer oder mehr.«
Frau Dr. Würzburger verzog beeindruckt den Mund. »Das hätte ich nicht gedacht. Ich hätte geglaubt, man müsste den Akku ständig aufladen.«
»Na ja«, sagte Kristin, »mal sehen, wie es bis hinauf zum Gscheid geht. Da werde ich sicher dauerhaft die höchste Stufe brauchen, um die Steigung zu überwinden. Ich habe gelesen, dass sie bis zu dreizehn Prozent betragen kann.« Die glänzenden Augen der Ärztin, die immer noch in der Sonne leuchteten, lenkten sie für einen Moment ab. Fast wäre sie darin versunken. Sie ermahnte sich, den Faden nicht zu verlieren: »Da wird der Akku sicher schneller leer sein.«
Ungläubig fragte die Ärztin: »Da hinauf wollen Sie mit dem Rad?«
Kristin nickte. »Kein Problem mit dem elektronischen Antrieb. Ich muss nur vor der Steigung meine Beine ein wenig ausruhen, damit ich auch ordentlich in die Pedale treten kann, wenn es bergauf geht. Dann ist der Berg wirklich kein Problem. Da würden Sie ein Wettrennen gegen mich glatt verlieren.«
»Das käme auf einen Versuch an. Ich bin ziemlich gut trainiert.« Frau Dr. Würzburger grinste frech über das ganze Gesicht. Der verbale Schlagabtausch schien ihr Spaß zu machen.
»Diese Herausforderung nehme ich gern an. Aber vielleicht sollte ich Ihnen fairerweise noch eine Geschichte erzählen, bevor Sie sich darauf einlassen«, lachte Kristin. »Ich habe nämlich mal zwei ziemlich hochnäsige Radler stehen lassen, die sich über meine eher bedächtige Fahrweise lautstark mokiert hatten, als sie mich auf einem flachen Stück mit einem Affenzahn überholten. Als dann ein recht steiler Anstieg kam, sammelte ich all meine Kräfte, trampelte, was das Zeug hielt, und schaltete die höchste Stufe meines Antriebs dazu. Das sind immerhin 300 Prozent. Und wenn ich wirklich stark trampele, dann kann ich locker auch fünfzehn bis zwanzig Stundenkilometer bergauf fahren – zumindest für eine kleine Weile. Lächelnd und locker fuhr ich schließlich an den ächzenden Radlern vorbei, die sich sehr anstrengen mussten und denen der Schweiß nur so von der Stirn rann. Als sie oben am Berg völlig ausgepumpt waren, konnte ich ganz entspannt weiteratmen.«
»Na, das depperte Gesicht hätte ich gern gesehen!«, versetzte die Ärztin und lachte herzerfrischend laut und frei.
Kristin war langsam dabei, sich in dem kleinen Ort zu akklimatisieren. Besonders liebte sie den Radweg, der parallel zu dem idyllischen Flüsschen Unrechttraisen verlief. Eine wunderschöne Strecke durch die malerischen Voralpen, besonders bei herrlichem Wetter ein Hochgenuss. Und die Steigungen waren einigermaßen moderat, wenn man nicht gerade aufs Gscheid fahren wollte.
Ihr Tagesablauf hatte sich eingependelt und war eine Mischung aus täglichem Schreiben, körperlicher Ertüchtigung und meditativer Ruhe. Diese drei Elemente verteilte Kristin ganz bewusst abwechselnd über den Tag, um physischer Überlastung zuvorzukommen. Zwischen die einzelnen Übungs- und Meditationseinheiten reihten sich die Mahlzeiten ein, die in Absprache mit der Küche des Gasthauses eine ausgewogene Ernährung gewährleisteten. Sie hatte der Chefin mitgeteilt, welche Lebensmittel sie nicht zu sich nehmen sollte, und wenn etwas Besonderes auf dem Speiseplan stand, hielt die Köchin Rücksprache mit ihr. Eine Ausnahme ab und an gestattete sich Kristin aber trotzdem – vor allem, wenn es eine der fantastischen »Möhlspeisn« geben sollte, für die die Österreicher ja bekannt sind. Und da die Köchin auch noch gelernte Konditorin war, stellten die Nachspeisen sich als ein Traum nach dem anderen heraus, allen voran die Sachertorte. Aber auch einen Kaiserschmarrn gönnte sich Kristin hin und wieder.
Schnell merkte sie, dass sie immer fitter und leistungsfähiger wurde. Das war nicht nur dem Radfahren und ihrem täglichen krankengymnastischen Trainingsprogramm zu verdanken, das ihre Physiotherapeutin zu Hause ihr ans Herz gelegt hatte und an das Kristin sich gewissenhaft hielt, sondern vor allem auch der Tatsache, dass der Gasthof im ehemaligen Kuhstall eine Kletterwand installiert hatte. Das war eines der wichtigsten Kriterien gewesen, nach denen sie diesen Ort ausgewählt hatte. Nun nutzte sie sie regelmäßig, manchmal sogar mehrmals am Tag für kürzere Trainingseinheiten.
Es handelte sich um eine Boulderwand, bei der man nicht gesichert werden musste; nur eine dicke Matte, die vor der Kletterwand lag, federte einen möglichen Fall ab. Vor ihrem Aufenthalt in Österreich hatte sie sich von ihrer Physiotherapeutin die Griff- und Trittkombinationen zeigen lassen, die das Klettern therapeutisch effektiv machten. Allerdings hatte sie bei ihren Überlegungen, wohin sie sich zurückziehen würde, bald gemerkt, dass kein anderer Gasthof eine solch spezielle Trainingsmöglichkeit bot. Und so hatte ihre Suche sie schließlich hierher in die verträumten Voralpen geführt.
Schon vor dem Frühstück zwischen acht und halb neun absolvierte sie zwanzig Minuten an der Wand, und über den Tag trainierte sie meist zwischen einer und anderthalb Stunden daran. Diese disziplinierte Kletterarbeit hatte ihr einige Muskeln an Stellen beschert, an denen sie überhaupt keine Muskelpartien vermutet hätte. Darüber hinaus bemerkte sie einen sichereren Halt, wenn sie ohne ihre Wanderstöcke durch den Ort spazierte. Das Klettern hatte ihren Gleichgewichtssinn enorm verbessert, und auch die allgemeine Koordination gelang ihr wieder müheloser, etwa das Zusammenspiel der Hände beim Essen mit Messer und Gabel. Kristin schrieb auch diese positiven Veränderungen dem Training an der Boulderwand zu.
Vor allem ihre Beinmuskulatur war wieder kräftiger geworden. Eine Weile lang hatte sie förmlich dabei zusehen können, wie ihre Beine dünner und dünner wurden, weil sie ihre Muskeln verloren. Damit hatte sie ihren sicheren Halt eingebüßt, der jetzt langsam, aber stetig wieder zurückkam. Auch ihre Ausdauer hatte zugenommen, und die Ausflüge mit ihrem Liegedreirad wurden allmählich länger. Sie war bereits ein paarmal in Lilienfeld gewesen – hin und zurück auf dem Traisentalradweg immerhin etwa 48 Kilometer, eine ordentliche Strecke für jemanden, dessen Nervenbahnen nicht mehr richtig funktionierten. Zumal der Rückweg stetig bergauf führte.
Dank all dieser spür- und sichtbaren Verbesserungen fühlte sich Kristin zunehmend weniger krank. Die Akupunktur-Behandlungen bei Frau Dr. Würzburger taten ihr Übriges. Offenbar verfügte die Ärztin über genügend Erfahrung und Einfühlungsvermögen in der Behandlung von MS-Patientinnen, denn die Strategie, mit der sie die Nadeln setzte, schien die richtige zu sein.
Ermutigt durch die Erfolge, die ihr das Sportprogramm auf der körperlichen Ebene bescherte, konnte sie sogar bezüglich einer ihrer großen Lebensfragen einen Entschluss fassen: Sie wollte wieder als Journalistin arbeiten. Zwar konnte sie nicht mehr als Korrespondentin direkt aus Kriegsgebieten berichten, aber auch so war sie dank ihrer Erfahrung eine zuverlässige Analytikerin, und ihre Kommentare zum Kriegsgeschehen in aller Herren Länder waren weiterhin enorm gefragt. Dass ihre Texte Abnehmer fanden, machte ihr die Entscheidung leicht. Sie fühlte sich nicht mehr so nutzlos wie ganz am Anfang, als sie notgedrungen aus ihrem Beruf hatte aussteigen müssen. Und ganz allmählich erfüllte sie ihre neue berufliche Perspektive mit großer Freude.
Heute war sie bereits zum dritten Mal mit dem Rad nach Lilienfeld gefahren. Im Innenhof des Stifts hatte sie sich an einem der Tische der dort beherbergten Gaststube niedergelassen und einen Almdudler bestellt. Ein furchtbar süßes Getränk mit Ingwergeschmack, genau das Richtige gegen den Durst und für die Lust auf etwas Süßes, das sie sonst eher mied. Außerdem hielt sich der Trubel hier um diese Jahreszeit noch in Grenzen. Lilienfeld galt zwar durchaus als Touristenmagnet und wimmelte im Sommer sicherlich von Menschen, aber jetzt, wenige Wochen vor Saisonbeginn, war es für Touristenströme noch zu früh.
Als sie gerade einen kräftigen Schluck genommen hatte, sah sie eine vertraute Gestalt aus dem Stift kommen. Einen kurzen Moment stockte ihr der Atem. Das konnte doch nicht sein – hier, 25 Kilometer von ihrer Praxis entfernt? Doch, tatsächlich, sie war es: Frau Dr. Würzburger. Die Ärztin hatte sie noch nicht entdeckt, und so konnte Kristin sie eine Weile verträumt beobachten. Mit beschwingtem Schritt und atemberaubender Figur war sie in Richtung des Ausgangs aus dem Innenhof unterwegs. Auch heute trug sie Turnschuhe und Jeans, dieses Mal jedoch dunkelblaue. Bisher hatte sie bei ihren Zusammenkünften nie etwas anderes angehabt.
Kristin selbst liebte ihre Jeans. Dass eine Frau diese Vorliebe so konsequent teilte, war äußerst selten, und der Anblick entlockte Kristin ein Lächeln. Auch dass die Ärztin nur gelegentlich Make-up trug, war ihr aufgefallen – Make-up war etwas, das sie an Frauen gar nicht mochte. Natürlichkeit war es, was sie am meisten anzog. Ob sie ihre Haare färbt?, überlegte Kristin, als die Ärztin näher kam. Die Farbe steht ihr. Falls sie färbt, war das früher bestimmt ihre natürliche Haarfarbe.
Da blickte Ute Würzburger in Kristins Richtung. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, und sie bog ab und kam direkt auf sie zu. »Sie sind offenbar immer da, wo ich gerade einen Hausbesuch mache«, grinste sie Kristin an, als sie an ihrem Tisch stehen blieb.
Kristin grinste zurück. »Oder Sie sind da, wo meine Ausflüge hingehen.«
»Oder so. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich dazusetze? Das hier war mein letzter Hausbesuch für heute. Ich kann eine kleine Pause gebrauchen.« Frau Dr. Würzburger hatte ihre Sonnenbrille abgesetzt, und Kristin meinte, ein kurzes Aufleuchten in ihrem Blick wahrgenommen zu haben.
Sie zeigte einladend auf den freien Platz neben sich. »Bitte, setzen Sie sich. So weit entfernt sind Ihre Patienten?«
»Pater Ignatius ist ein alter Freund der Familie. Da gibt es keine Kilometerbegrenzung«, erklärte die Ärztin, stellte ihre Arzttasche ab und ließ sich auf den Stuhl fallen.
Kristin sah sie ein wenig skeptisch an. »Warten Sie nicht darauf, dass Sie heute noch bedient werden.« Sie selbst hatte auf ihren Almdudler so lange gewartet, dass sie zwischendurch zur Toilette gegangen war, um ihren Durst mit Wasser aus dem Hahn zu löschen.
»Ich weiß. Hier mahlen die Mühlen sehr langsam. Ich werd drinnen bestellen, damit es vor dem Abendbrot noch etwas wird«, sagte die Ärztin fröhlich, erhob sich und verschwand in der Gaststube. Nachdem sie zurückgekommen war und sich wieder gesetzt hatte, sagte sie: »Mal sehen, wie lange es diesmal dauert.«
Kristin lächelte. »Sie kennen offenbar die Macken der Einheimischen.«
»Ich bin selbst eine Einheimische.« Dr. Würzburger grinste über das ganze Gesicht, und wieder sah Kristin die kleinen Lachfältchen um ihre Augen. »Aber im Ernst. Es wundert nicht, dass hier auch bei gutem Wetter kaum etwas los ist. Die Bedienung ist muffelig und unfreundlich . . .«
». . . und überzeugt durch aufreizende Langsamkeit«, vollendete Kristin den Satz. »Aber vielleicht sollte man es einfach Gelassenheit nennen.« Sie schnitt eine komisch-verzweifelte Grimasse.
Frau Dr. Würzburger brach in hemmungsloses Lachen aus, in das Kristin einfach einstimmen musste. Wie schon zuvor warf die Ärztin mit geschlossenen Augen den Kopf nach hinten und gab den Blick frei auf ihren makellosen Hals. »Sie bringen die Dinge auf den Punkt«, meinte sie, als sie sich wieder beruhigt hatte, und erwiderte Kristins Blick.
Wie schon so häufig inzwischen verlor sich Kristin in den dunklen Augen. Sie schienen verheißungsvolle Tiefen zu offenbaren, in denen Kristin versinken wollte. Immerhin währte der Blickkontakt jetzt etwas länger als am ersten Abend, aber allzu schnell wandte die Ärztin sich doch wieder ab.
Nach etwa zehn Minuten kam die Bedienung endlich mit dem großen Braunen. Sie näherte sich in einem provozierenden Kriechtempo, stellte die Tasse gelangweilt und ohne ein Wort auf dem Tisch ab und verschwand langsam wieder in ihren Katakomben. Die beiden Frauen sahen sich an und prusteten abermals los. Die Szene hatte etwas Groteskes, fast schon Bizarres.
»Sie haben also gleich einen großen Braunen bestellt«, gluckste Kristin, »weil Sie wissen, dass die Bedienung nie wieder herauskommen wird?«
Die Bemerkung brachte die Ärztin erneut zum Lachen. Dann nahm sie einen Schluck ihres Kaffees und verzog angeekelt das Gesicht.
Kristin verstand sofort. »Lassen Sie mich raten: Er ist kalt.«
»Lauwarm! Furchtbar.«
»Mit der richtigen Strategie könnte das hier eine Goldgrube sein«, sagte Kristin bedauernd.
»Ich glaube nicht, dass das die Intention ist. Hier will man eher seine Ruhe haben.«
»Es ist wirklich schade, dass die Gastlichkeit zu wünschen übrig lässt, denn dieser Ort ist ausgesprochen idyllisch, finde ich. Es ist ruhig hier, man ist umgeben von ehrwürdigen Mauern und kann seinen Gedanken nachhängen. Es ist, als färbe etwas von der mönchischen Gelassenheit auf einen selbst ab.«
»Wenn hier mehr Trubel wäre, dann wäre es mit dieser Idylle aber auch vorbei«, gab Dr. Würzburger zu bedenken.
»Auch wieder wahr«, stimmte Kristin zu und nahm noch einen Schluck ihres Süßgetränks.
Mit einem Blick auf die Flasche wunderte sich die Ärztin: »Der Almdudler passt gar nicht zu Ihnen.«
»Finden Sie?« Als ihr Gegenüber nickte, hob Kristin zur Erklärung an: »Nachdem ich die muffelige Bedienung gesehen hatte, habe ich mich an den Satz mit dem Apfelsaft – Verzeihung: Obi – nicht getraut. Ich hatte keine Lust, eine halbe Stunde meine Aussprache zu erläutern und am Ende ohne ein Getränk dazustehen. Oder eins zu bekommen, das ich nicht bestellt habe.« Die Ärztin lächelte breit.
