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Der Imperativ der Würde steht heute im Zentrum zahlreicher sozialer Bewegungen und gesellschaftlicher Debatten über Diskriminierung, Arbeit oder sogar Tierhaltung. Gleichzeitig haben sich jedoch Verletzungen der Würde und Erfahrungen der Würdelosigkeit vervielfacht: in Krankenhäusern und Pflegeheimen zum Beispiel oder in Flüchtlingslagern und Gefängnissen. Das Versprechen der Würde, das die Moderne stolz verkündete, scheint wiederholt verraten worden zu sein, wie die französische Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury in ihrem neuen Buch zeigt.
Sie plädiert für eine psychoanalytische Klinik der Würde, um eine philosophische Diagnose stellen und therapeutische Lösungen finden zu können. Unter Berufung auf die Schriften von James Baldwin, auf Theorien der Sorge und postkoloniale Ansätze fordert sie dazu auf, sich nicht mit Untätigkeit abzufinden und das Konzept der Würde von seinen Rändern her neu zu denken. Im Zusammenspiel von Psychoanalyse, Literatur und Sozialwissenschaft gewinnt die Forderung nach Würde im Zeitalter des Anthropozäns so ihre ganze Radikalität zurück.
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Seitenzahl: 202
Veröffentlichungsjahr: 2024
3Cynthia Fleury
Die Klinik der Würde
Aus dem Französischen von Andrea Hemminger
Suhrkamp
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Die Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel La clinique de la dignité bei Éditions du Seuil/La Républiques des idées
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2024
Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2024
© der deutschsprachigen Ausgabe Suhrkamp Verlag AG, Berlin, 2024© Éditions du Seuil/La Républiques des idées, August 2023
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Umschlaggestaltung: Hermann Michels und Regina Göllner
eISBN 978-3-518-78053-4
www.suhrkamp.de
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Einleitung
Kapitel 1 Die Zeitalter der Würde
Von der aristokratischen
dignitas
zur gleichen Würde
Der Anerkennung würdig
Kapitel 2 Die universelle Unwürde
Die »schwarzen« Narrativitäten
Die narrative Ethik der Unwürde
Der Exilstatus: die Würde der Vertriebenen
Die Spannung mit dem Unversöhnlichen
Kapitel 3 Die Klinik des »Schmutzigen«
An den Grenzen von
dark
und
dirty care
: eine Klinik im Kampf.
Die klinische Funktion des Intimen: Garant des Gefühls der Würde sein
Die »Banalität« der Unwürde
Gemeinschaft und Immunität
Kapitel 4 Die Pathologien der Würde
Von den Pathologien der Freiheit zum nekropolitischen Akt der »Beraubung der Würde«
Die Fabrik des Unlebbaren
Die Verdammten der Würde: die eigene Würde mit Gewalt zurückerobern
Kapitel 5 Das Unwürdig-Werden der Welt
Das Anthropozän oder die Drohung systemischer Unwürde
Die Brutalität der Welt
Beschädigte Formen der Würde in Institutionen
Die Unbewohnbarkeit oder die Gewöhnung an die Unwürde
Gegenüber der Unwürde, die Zukunft der Gastlichkeit
Kollaps und Hyperkonsum: Wie kann man sich dagegen wehren?
Kapitel 6 Von der Empörung zur Würde in Aktion
Stärken und Grenzen der Rhetorik der Empörung
Das Theater der Empörung
Ehre und
dignitas
: die Rückkehr der
di-fama
Die
Care
-Ethik: Wie man würdevoll handelt
Von der Würde der
Commons
Lernen von Würde: »gemeinsame Aufmerksamkeit« und tun
Epilog
Danksagung
Namenregister
Fußnoten
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Im Herzen der sozialen, politischen und ethischen Debatten, die sich zweifellos überlappen, hat sich in den letzten Jahrzehnten der Begriff der Würde als ebenso zentral durchgesetzt wie die Begriffe der Freiheit und Gleichheit, die für die Dynamik der sozialen Bewegungen in ähnlicher Weise konstitutiv sind. Der Begriff wird ständig benutzt, ganz gleich, ob es sich um die eher traditionelle Thematisierung der »Würde der Arbeiter« handelt, um die »Würde schwarzen Lebens« (Black Lives Matter), die »Würde der Revolution« (Maidan[1] ), die »Würde Europas«[2] oder auch um das »Recht, in Würde zu sterben«, um die Verteidigung der Würde des Alters und der Abhängigkeit sowie der Behinderung, ganz zu schweigen von der Würde der Tiere oder der Würde des Lebenden. Diese neue Geltendmachung ist mit einer ebenso generellen Anprangerung der Unwürde bestimmter Verhaltensweisen oder sozialer Kategorien verbunden, so als würde die neue Achse, die die Gesellschaft teilt, diejenigen, die in den Genuss würdiger Lebensbedingungen kommen, denjenigen gegenüberstellen, die ihnen zu Diensten, »Geber von Würde«, weil Geber von Fürsorge sind, denen gegenüber sich Erstere jedoch oft unwürdig verhalten, obgleich alle dieselbe irreduzible und nicht verhandelbare Würde besitzen.
8Die Moderne hat sich in den westlichen entwickelten Gesellschaften um eine doppelte, gegenläufige Dynamik herum entwickelt: auf der einen Seite um den immer feierlicheren Diskurs von der Wertschätzung der menschlichen und universellen Würde wie auch der Natur und des Lebenden – obwohl sich erweisen kann, dass sie miteinander konkurrieren – und auf der anderen Seite um die Zunahme beschädigter Formen der Würde in Institutionen und sozialen Praktiken (Krankenhäuser, Altenheime, Gefängnisse, Flüchtlings- oder Migrantenzentren, Armut und Prekarisierung des gewöhnlichen Lebens usw.). Das Unwürdig-Werden der Gesellschaft ist alltäglich geworden und zeigt, dass die Achtlosigkeit in unser alltägliches Leben zurückgekehrt ist, insbesondere in der Welt der Pflege – Pflegekräfte bekunden ein großes »ethisches Leiden«, dessen Ursache sie hauptsächlich auf ihre unwürdigen Arbeitsbedingungen zurückführen, die weit entfernt sind von einer Berücksichtigung der Singularität und Vulnerabilität der Menschen – der Patienten wie auch der Familien und Pflegekräfte selbst.
Die Moderne schien vom Ideal der Förderung und Verteidigung der Würde eines jeden Menschen geleitet zu sein. Wie steht es damit zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Hat die Kritik an der Aufklärung und am westlichen Universalismus den Begriff der Würde endgültig entwertet, ganz wie die neue Sensibilität für die Natur und die Sache der Tiere, die die Beziehungen zwischen Menschen und Nicht-Menschen neu definiert? Um die Würde als Wert und Praxis ist es schlecht bestellt. Muss man sie deshalb aufgeben und sich mit der Verallgemeinerung der Unwürde abfinden? Hier wird eine Analyse des Konzepts der Würde anhand seiner Ränder und Kehrseite ausgearbeitet, indem eine »Klinik der Unwürde« vorgeschlagen wird – der einzige Weg, um die Würde und das, wofür sie in unseren Gesellschaften steht, neu zu denken. Welches Ziel und Protokoll hat diese »Klinik«, die versucht, sowohl eine Diagnose als auch therapeutische Lösungen zu entwickeln, und die die Methoden der Moralphilosophie und der poli9tischen Philosophie sowie die Sozialwissenschaften – insbesondere die kritische Soziologie – mit der Erörterung klinischer Fälle verbindet (die Gefängnissoziologie wie auch die stigmatisierende Geschichte der AIDS-Klinik zeigen weiterhin, wie die Prüfung der Unwürde die Individuen normiert, indem jeder befürchtet, dem Risiko der Unwürde ausgesetzt zu sein, wenn er die Werte und Regeln der sozialen Kontrolle in Frage stellt)? Die Verinnerlichung der Angst, in die Unwürde abzugleiten, sowie die Ungerechtigkeit, die diejenigen trifft, die tatsächlich dazu bestimmt sind, normiert die Menschen, unterwirft die Subjekte im Sinne Foucaults und zeichnet ihre Lebensführung vor.
Fortan in öffentlichen Bewegungen die Würde der Person zu reklamieren, ist daher ein Zeichen für ein neues Zeitalter des politischen Handelns, das sich ganz der Rückeroberung einer Würde in Aktion widmet, deren »Materialisierung«[3] neue Formen an10nimmt. Die »Prüfungen des Lebens« haben seit jeher die Moraldiskurse und andere Initiationserzählungen strukturiert. Sie waren – per Definition – der Ort der Inkarnation der Würde der Person: Der verdienstvolle Mensch ist auch derjenige, der diese Prüfungen durchläuft, sie zuweilen akzeptiert und sie immer durch Sublimierung und einen Lernprozess besteht. Dennoch wird eine neue Art von Prüfungen immer alltäglicher, als ginge es darum, die Fähigkeit zu beweisen, ihnen die Stirn zu bieten und würdig zu bleiben, obwohl alles zur Unwürde neigt und Formen der Entwürdigung nicht mehr außergewöhnlich, sondern üblich sind. Muss man darin die Rückkehr des alten religiösen Begriffs der Schuld sehen – als würde dieses Risiko für immer auf uns lauern – oder vielmehr ein Wiederaufleben der Biomacht, die weiter auf dem Körper und Geist lastet, indem sie sie mit Unwürde bedroht? Die Verletzung der Würde der Person ist in der Gesellschaft zu einem gängigen Führungskonzept geworden, sowohl in ihrer Mitte (der »inklusiven« Arbeitswelt) als auch an ihren Rändern (der Welt der sozialen Ausgrenzung). Die Gefängniswelt ist mehr noch als eine Erfahrung des Freiheitsentzugs der Ort par excellence, an dem die Verletzung der Würde der Person Gestalt annimmt.
Warum also eine Klinik der Würde gründen? Weil es ein Paradoxon gibt zwischen der verstärkten und proklamierten Erwartung von Würde und der zunehmenden Unsichtbarmachung einer Fülle von Aufgaben und Arbeiten, deren Ziel es ist, dieser eine neue Dynamik zu verleihen. Am Krankenbett »unwürdiger« Leben entsteht eine reale und nicht phantasmatische Analyse der 11»Würde«: indem man die Last untersucht, die diese Leben auf den Körpern der Verwundbarsten hinterlassen, während gleichzeitig ihr idealtypischer Wert in den Demokratien gepriesen wird. Hinter der großen sozialen und politischen Bewegung zur Materialisierung der Rechte und würdiger Lebensbedingungen der Individuen verbirgt sich ein immer noch mächtiges »Unwürdig-Werden«, das unablässig neue Formen annimmt.
Klinik, weil der wiederholte und institutionalisierte Mangel an Würde unweigerlich zu Beeinträchtigungen der körperlichen und geistigen Gesundheit führt. Keine Politik der Würde kann sich entfalten, ohne sich – ohne Selbstgefälligkeit – auf eine Klinik der Würde zu stützen, die ihre Widersprüche aufdeckt und sie zwingt, wieder eine von Sorgsamkeit geprägte Beziehung zu den Körpern und Personen zu praktizieren. Die Moderne kann sich nicht mehr konstituieren, indem sie sich damit zufriedengibt, systematisch unmenschliche und unwürdige Kosten der Würde zu produzieren, die sie zudem universalisiert: die Unwürde anderer Leben, die bestimmten Menschen die Entfaltung eines würdigen Lebens gestatten, die Unwürde der Beziehung zur Erde und zum Lebenden, die die Sonderstellung des Menschen auf die Seite der moralischen Verfehlungen und Erniedrigungen stellt, während gleichzeitig das Konzept der Würde dem Fehlen einer relationalen Definition nicht widersteht.
Sicher, es gibt die irreduzible und symbolische Würde des Menschen und des Lebens, die umso symbolischer leuchtet, je weniger sie in unserem realen Leben vorhanden ist. Niemand kann die Notwendigkeit einer solchen Fiktion oder Sublimierung leugnen, um weiter unser Leben zu leben, doch kann auch niemand leugnen, dass die Herstellung von Würde einen neuen Akt in ihrer »Materialisierung« erfordert, der die Lebensbedingungen der Personen betrifft, vor allem aber die relationale Klinik, die sie verbindet. Auch wenn die Würde als axiomatischer, irreduzibler und symbolischer Punkt definiert wird, als Dreh- und Angelpunkt jeder Moralphilosophie, erinnert die Klinik der Würde daran, dass 12die Frage der Würde in der politischen Philosophie und Sozialphilosophie weniger substantiell als relational ist. Denn diese Frage betrifft ein kollektives Werk, das die Würde der sozialen Interaktionen und die Materialisierung würdiger Lebens- und Arbeitsbedingungen in einer solidarischen Verbindung mit der Gesamtheit des Lebenden garantiert. In gewisser Weise begnügt sich die Würde nicht mehr damit, eine metaphysische Eigenschaft des Menschen zu sein, sondern sie ist das, was ein Handeln definiert, sie ist eine Würde in Aktion, in der Produktion wechselseitiger Interaktionen, innerhalb unserer menschlichen und natürlichen Ökosysteme.
Wenn der Begriff der Würde zu Beginn des 21. Jahrhunderts in den Medien und der Öffentlichkeit in den Vordergrund gerückt ist, dann auch, weil eine neue »öffentliche« und »bürgerliche« Sensibilität aufgekommen ist, die eine andere Vorstellung von dem hat, was tolerabel ist, versus dem, was nicht mehr tolerabel ist. Diese Vorstellung stützt sich auf die Care-Ethik, die eine kritische Phänomenologie der Politik vorschlägt, indem sie die Regime der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Prozessen der Vulnerabilisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen oder auch der negativen externen Effekte unserer industriellen Produktions- und Konsumentscheidungen auf die Natur entschlüsselt.
Historiographisch betrachtet, besiegelte das Aufkommen des Konzepts der Würde die Forderung nach einem neuen sozialen und demokratischen Zeitalter, in dem die soziale Frage zum Kern der politischen Frage wurde, mit der Konkretisierung sozialer Rechte und, allgemeiner gesagt, der Materialisierung würdiger Lebens- und Arbeitsbedingungen, wobei jedem Menschen – und nicht nur jedem Bürger – die gleiche Würde zuerkannt wurde, die nicht mehr nur das Privileg der Eliten war. In Frankreich verband das Ideal der Republik und Revolution Gleichheit immer mit Freiheit, und der Begriff der Gleichheit implizierte immer die gleiche Würde der Menschen. 1789 hat den Begriff der Würde »befreit«, indem es ihn von der sozialen Geburt unabhängig machte und 13eine »dynamische« Definition vorschlug, die auf die Teilhabe am »gemeinsamen Nutzen« ausgerichtet war. Dennoch scheinen die Grundsätze der Freiheit und Gleichheit vorrangig die politische und soziale Vorstellungswelt strukturiert und die Erzählung von der individuellen und kollektiven Emanzipation geleitet zu haben. Erst in jüngster Zeit weht im Konzept der Würde ein frischer Wind der Radikalität, als müsste es nun den Beweis erbringen, dass die Grundsätze der Freiheit und Gleichheit tatsächlich existieren, oder umgekehrt, dass sie nicht existieren. Seitdem entfaltet sich das Konzept der Würde wieder mit einer neuen Amplitude und steht nun sowohl für die absolute Respektierung der Singularität der Menschen als auch für den Schutz der Qualität der Interdependenz, die sie verbindet, oder auch für die Anerkennung des intrinsischen Werts der Natur und der Welt des nichtmenschlichen Lebenden. Nachdem die Geltendmachung der Würde im Zentrum des Kampfs gegen die Sklaverei und die Kolonisation[4] stand oder untrennbar mit der Arbeiterfrage verbunden war, wird sie nun wieder zentral, um über die Beziehung zur Welt zu spre14chen, innerhalb der menschlichen Gesellschaften, aber auch zwischen den Individuen und der Gesamtheit des Lebenden. Denn unwürdig sind in fine nicht diejenigen, die unter unwürdigen Bedingungen leben, sondern diejenigen, die diese Bedingungen schaffen und tolerieren. In diesem Sinne geht die Unwürde alle an, ob wir es wollen oder nicht.
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Die Würde ist von der Philosophie über die Religion oder die Bioethik bis zum Recht einer der meistuntersuchten Begriffe.[5] Für die Philosophie der Aufklärung (Rousseau, Kant) ist das Prinzip der Würde von der Frage der Humanität nicht zu trennen, insofern es den intrinsischen Wert der Person wie auch der Menschheit behauptet;[6] seine Anerkennung ist daher untrennbar mit 16den menschlichen Prinzipien der Freiheit, Autonomie und Gleichheit unter den Individuen verbunden. Die Konzeption der Menschenrechte in den Erklärungen von 1789 und 1948 ist die rechtliche Umsetzung dieser revolutionären philosophischen Idee, die die Würde als das Unantastbare des Menschen festlegt und sie vor allem untrennbar mit positiven, wenn auch nicht streng formalen Rechten und Pflichten verknüpft: Wenn die Menschenwürde die Sonderstellung des Menschen gegenüber anderen Arten von Lebewesen begründet, ist diese Würde auf der Seite der Verantwortung, eines bestimmten zu erfüllenden Ethos anzusiedeln und nicht auf der der Allmacht. Und man darf nicht vergessen, dass die Menschenwürde zu ihrer Verwirklichung einen Rahmen voraussetzt, in dem sich die Würde mit der Würde anderer im Dialog befindet, da jeder Mensch seine Würde zu verlieren riskiert, wenn er sich gegenüber einem anderen Menschen unwürdig verhält. Nicht, dass es den Begriff der Würde vor der Aufklärung nicht gegeben hätte, doch war er nicht untrennbar mit der Handlungsfähigkeit, der Geltendmachung der Autonomie und der Willensfreiheit verbunden.
Die Theologen haben stets eine Konzeption der Menschenwürde vertreten, die untrennbar mit der Idee des Geschöpfs nach dem Bild Gottes verbunden ist und deren Wert gerade in dieser Abstammung begründet ist. In der Zeit vor der Aufklärung ist die Würde des Menschen in seinem Dialog mit Gott irreduzibel: Sie kann ihm nicht geraubt werden, weil er ein göttliches Geschöpf ist. Doch auf dem historischen und soziopolitischen Terrain kann die Würde des Menschen je nach dem sozialen Status variieren, ohne dass ihre Unantastbarkeit im theologischen Kontext in Frage gestellt würde. Bei den Philosophen der Aufklärung besteht 17der Charakter der Unantastbarkeit fort, doch bezieht er sich nicht auf den Status des Geschöpfs, sondern auf den der »Person« – die von anderen niemals als ein »Mittel« betrachtet werden kann. In beiden Konzeptionen und trotz der paradoxalen Spannung, die dies bedingt, können weder die Sünde noch eine unmoralische Handlung die unantastbare Würde des Menschen aufheben, die als regulative Idee diesseits oder jenseits jeder verwerflichen erlittenen oder begangenen Handlung bestehen bleibt.
Zwischen diesen beiden Ansätzen, dem der Theologen und dem der Aufklärung, vollzieht Pico della Mirandola im 15. Jahrhundert eine grandiose Wende, indem er sowohl die historische Zeit aufnimmt, die ihm vorausgeht und die den Menschen als göttliches Geschöpf darstellt, als auch die künftige Zeit, die ihn zum Subjekt kürt, das seine Form erfinden kann. Diese Konzeption der Würde, die die Plastizität des Menschen annimmt – in dem Sinne, dass er derjenige ist, der seine Form vollendet –, ist nicht mit der Konzeption der transhumanistischen Denker gleichzusetzen, die den Begriff karikieren, indem sie ihn jeder Idee der Grenze und der symbolischen Sublimierung entfremden. Bei Pico, wie auch bei den Philosophen der Aufklärung, versucht der Mensch, die Freiheit zu behaupten, während er sich gleichzeitig seiner ontologischen Grenzen (der Endlichkeit) und der moralischen, symbolischen Verpflichtung bewusst ist, diese zu überwinden, und sei es nur, indem er sich weigert, damit einen Nihilismus zu assoziieren. Der Mensch ist der Garant dafür, dass die körperliche Unversehrtheit eines jeden Menschen respektiert wird, dass sein Körper wie auch der anderer nicht angetastet wird. Im Gegensatz dazu geht es für die Transhumanisten nicht mehr um das Symbolische, sondern um Technik, und die formale Plastizität weicht einer materiellen Plastizität, die auf die quantitative Steigerung ausgerichtet ist (und nicht auf die qualitative Vervollkommnung, die der Aufklärung am Herzen liegt). Daher bestünde die »Würde« des Menschen gerade darin, sich von einer Definition des Menschen lösen zu können, die, wie die Transhumanisten 18meinen, zu sehr in ihren körperlichen sowie rechtlichen Attributen verankert ist.
Die historiographische Annäherung an das Konzept der Würde zeigt, dass es verschiedene »Zeitalter« der Würde gibt, in denen die eine oder andere, zuweilen miteinander unvereinbare Konzeption im Vordergrund steht. Zunächst gab es ein Zeitalter der Menschenwürde, das mit der Ungleichheit kompatibel war, ja sie sogar verlangte, eine Würde, die von einer Gesellschaft von Ungleichen nicht zu trennen war und die von der sozialen und theologischen Hierarchisierung der göttlichen, menschlichen und nichtmenschlichen Geschöpfe nicht zu trennen war. Eine Zeit, in der die dignitas des wohlgeborenen, oft aristokratischen Individuums Vorrang vor jeder anderen, mehr intrinsischen Konzeption der Würde hatte, die jedem Menschen zukommt. Dignitas ist der andere Name für den öffentlichen Wert, der einem Individuum verliehen wird und der untrennbar mit seinem Prestige und seiner Ehre verbunden ist. Sicher, die Antike vertrat ein Kontinuum zwischen dignitas und Verdienst, so als sei Erstere die Materialisierung einer unbestreitbaren Qualität des Individuums. Dignitas kann nicht einfach nur der Anschein von Tugend oder Kompetenz sein; sie tritt als eine Art natürliche Autorität auf. Gleichwohl muss man feststellen, dass sie selten das Privileg von Individuen ohne jeglichen gesellschaftlichen oder ökonomischen Status ist.
Die Unantastbarkeit[7] der Menschenwürde vertritt die Sonderstellung des Menschen gegenüber allem Lebendigen, aber auch die Teilbarkeit der irdischen und göttlichen Zeiten, wobei Erstere irreduzible Diskriminierungen predigen. Bossuets Predigt De l'éminent dignité des pauvres (1659) ist symptomatisch für diese kommende »Schwelle« zwischen der antiken und der modernen 19Konzeption der Würde. Bossuet steht in der Tradition des Reichtums der materiell Armen in dem Sinne, dass diese Garanten einer größeren Spiritualität seien als die Reichen. Dennoch findet er sich in keiner Weise damit ab, dass die »Last« der Armen nur von diesen getragen wird.[8] Die Lektüre Bossuets kündigt an, was als Widerspruch erlebt werden wird, nämlich die Dichotomie zwischen dem Charakter der Unantastbarkeit der Menschenwürde und ihrer physischen Realität, wobei man sich mit einem rein abstrakten Charakter zufriedengibt, der durch seine Abstraktheit die Idee der Würde selbst desavouiert. Es ist evident, dass die Konzeption der Würde nicht durch den Zwang zur vollständigen Materialisierung entfremdet werden kann, insbesondere wenn sie mit dem subjektiveren und mit dem »Gefühl« verbundenen Begriff matter dialektisch wird. Die Forderung nach Materialisierung ist jedoch ein Zeichen für die Gültigkeit des Konzepts der Würde, für seine 20Glaubwürdigkeit; sie erlaubt, die skeptische Kritik der Würde im Stil Schopenhauers zu überwinden, der sie als ein Schibboleth für »alle rat- und gedankenlosen Moralisten« betrachten kann.[9] In seinem der Frage der Würde gewidmeten Buch ermittelt Michael Rosen mehrere »Ebenen« der historischen und aktuellen Bedeutung der Würde: Würde als sozialer Status (dignitas), als intrinsischer Wert, als würdevolles Verhalten oder auch als moralischer Anspruch an andere. Rosen zeigt vor allem, dass das Konzept der Würde, ähnlich wie das der Ethik, immer weiter ausgedehnt wird, um auch das einzubeziehen, was in der Vergangenheit nicht dazugehörte. Der »Kreis der Würde« folgt dem der Ethik, indem er sich erweitert, bis er auch das Nicht-Menschliche, das Lebende als Ganzes, einbezieht. Ebenso wird das Konzept der Würde, das mit einer Gesellschaft von Ungleichen kompatibel ist, von einer menschenwürdigen Gesellschaft untrennbar, in der jeder in seiner Singularität geachtet und in seinen Rechten anerkannt wird.[10]
Nach dem Zeitalter der Würde in der Gesellschaft der Ungleichheiten brach ein »demokratischeres« Zeitalter des Zugangs zu gleicher Würde an, der für das 18. Jahrhundert, mit dem Aufkommen der sozialen Frage und der Arbeiterfrage aber noch spezifischer für das 19. Jahrhundert konstitutiv war. Wenn das Konzept der Würde heute jedoch erneut hinterfragt wird, dann weil es 21mit Problemen konfrontiert ist, die seine Definition verändern können: Wie kann man die Menschenwürde in einem Kontext definieren, der den Begriff des Universellen entwertet oder die Sonderstellung des Menschen gegenüber den restlichen Lebewesen nicht anerkennt? Wie kann man an die Gültigkeit dieses Konzepts glauben, während die Moderne eine kollektive Fabrik der Unwürde der Leben bleibt und das Risiko der Unwürde als neue »zu bestehende Prüfung« zu banalisieren scheint, die für die aktuellen sozioökonomischen Kontexte der Verdinglichung archetypisch ist? Das gilt a fortiori in der allgemeineren Situation des Anthropozäns, die das Risiko der Vulnerabilität und eines unlebbaren Lebens, das nicht den Kriterien des guten Lebens entspricht, systematisiert.
In Das Recht der Freiheit greift Axel Honneth den kantischen Begriff der Würde auf, um daran zu erinnern, wie sehr die heutigen Subjekte die doppelte Bewegung vergessen, in die die Würde des Menschen eingebettet ist:
[…] demnach gründet die »Würde« des Menschen jetzt nicht mehr in der Voraussetzung, daß er als ein Geschöpf Gottes zumindest partiell dessen Eigenschaften teilt, sondern in seiner moralischen »Selbstzweckhaftigkeit«, die ihm allein dadurch zukommt, daß ihn alle anderen Menschen bei der rationalen Rechtfertigung ihres Handelns als eigenständige Person berücksichtigen müssen. […] Aber in all diesen soziokulturellen Veränderungen kommt nicht zwangsläufig zu sozialer Geltung, was Kant in einem positiven Sinn unter »moralischer Freiheit« verstanden hat; denn damit ging bei ihm ja die Idee einher, daß wir nur insofern tatsächlich frei sind, als wir nicht bloß vorgegebene Ansprüche auf der Basis von allgemein nachvollziehbaren Gründen zurückweisen können, sondern unser Handeln 22selbst »von innen heraus« an solchen universalisierungsfähigen Gründen zu orientieren vermögen.[11]
Anders gesagt, wird mit Kant die Würde des Menschen säkularisiert, sie verpflichtet die Individuen, sich selbst als Zweck an sich zu betrachten, aber auch ihre »bloßen Impulse und Antriebe in vernünftige Gründe [umzuformen und], zugleich und in eins damit […] aus der unparteilichen Perspektive der Moral« zu handeln.[12]
