Die Königlichen - Hardy Grüne - E-Book

Die Königlichen E-Book

Hardy Grüne

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Beschreibung

Der spanische Rekordmeister Real Madrid ist zugleich der erfolgreichste Klub der Welt und schaut auf stolze 120 Jahre Vereinsgeschichte zurück. Diese ist bewegend und voller Brüche: Historisch wegen der Rolle des Klubs während des Spanischen Bürgerkriegs. Der Klub stand in dieser Zeit kurz vor der Aufl ösung. Umso erstaunlicher seine Wiederauferstehung in den 1950er Jahren mit einer Mannschaft und Spielweise, die als das "weiße Ballett" bekannt wurden. Doch auch sportlich ging es auf- und abwärts, mussten Dursttrecken auch im Wettkampf mit dem FC Barcelona um die Vormachtposition in der spanischen Primera Division durchlaufen werden. Den Thron erklomm Real Madrid spätestens seit 2009 wieder und gewann seitdem allein fünf Champions-League-Titel der insgesamt 33 internationalen Titel. Die ganze sportpolitische Geschichte des königlichen Klubs Real Madrid – für alle Vereinsfans, aber auch jeden Liebhaber schönen Fußballs, der mit Stars wie Alfredo di Stefano und Ferenc Puskas, Zinedine Zidane, David Beckham und Ronaldo oder Luka Modric, Karim Benzema und Toni Kroos groß geworden ist.

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Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dietrich Schulze-Marmeling / Hardy Grüne

DIE KÖNIGLICHEN

DIE GESCHICHTE VON REAL MADRID

1. Auflage 2023

© Verlag Die Werkstatt GmbH, Bielefeld

Folgende Ausgaben dieses Werkes sind verfügbar:

ISBN 978-3-7307-0656-5 (Print)

ISBN 978-3-7307-0684-8 (Epub)

Coverabbildung: Getty Images/FRANCK FIFE/AFP

Satz und Gestaltung: Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH, Göttingen

Datenkonvertierung E-Book: Bookwire - Gesellschaft zum Vertrieb digitaler Medien mbH

Alle Rechte vorbehalten! Ohne ausdrückliche Erlaubnis des Verlages darf das Werk weder komplett noch teilweise vervielfältigt oder an Dritte weitergegeben werden.

www.werkstatt-verlag.de

INHALT

VORWORT

DIE „KÖNIGLICHEN“ ALS ROMANTISCHE NOTE IM „MODERNEN FUSSBALL“

KAPITEL 1

EIN MYTHOS ENTSTEHT(1896–1918)

KAPITEL 2

TURBULENTER WEG AN DIE SPITZE(1918–1936)

KAPITEL 3

DER BÜRGERKRIEG(1936–1942)

KAPITEL 4

DIE „KÖNIGLICHEN“ EROBERN EUROPA(1942–1960)

KAPITEL 5

JAHRE DES UMBRUCHS(1960–1973)

KAPITEL 6

ZWEIKAMPF MIT BARÇA(1973–1990)

KAPITEL 7

„GALACTICOS“(1990–2010)

KAPITEL 8

AUF DEM WEG IN DIE MODERNE(2010–2023)

AUTOREN

LITERATUR

ERFOLGE

„Das Trikot von Real Madrid ist weiß. Es kann mit Schlamm, Schweiß und sogar Blut beschmiert werden, aber niemals mit Schande.“

SANTIAGO BERNABÉU

„Als ich zum ersten Mal das weiße Trikot angezogen habe, überkam mich ein regelrechter Schauer. Ich zitterte richtig und erschrak sogar ein bisschen darüber, wie stark mich das überwältigte.“

MESUT ÖZIL

„Wenn Real einen Platz hinter Barcelona steht, dann ist das fast, als würde die Diktatur wieder eingeführt.„

JUPP HEYNCKES

„In Deutschland arbeitete ich 14 Stunden täglich. Ich studierte, arbeitete und spielte überdies noch bei Bayern. Und vom einen auf den anderen Moment lebte ich wie ein König. Ohne Verpflichtungen außer dem Training. (…) Ich hatte rein gar nichts zu tun. Nur trainieren.“

PAUL BREITNER

„Real Madrid ist das Wichtigste, was mir je passiert ist, als Fußballer und als Mensch.“

ZINÉDINE ZIDANE

„Drei Jahre im Fußball sind lang – drei Jahre bei Real Madrid sind nochmal länger.“

TONI KROOS

„Gewinnen reicht nicht. Der Sieg muss auf eine bestimmte Art und Weise eingefahren werden.“

EMILIO BUTRAGUENO

„Wenn du Madrid nicht umlegst, legt Madrid dich um."

XAVI HERNÁNDEZ

„Der größte Klub der Welt.“

CRISTIANO RONALDO

„Real Madrid zu schlagen, erfüllt mich mit Glück.“

PEP GUARDIOLA

VORWORT

Real Madrid ist der Klub der Superlative. Rekordsieger im europäischen Landesmeisterwettbewerb bzw. in der Champions League, verbunden mit den schillerndsten Namen des Weltfußballs. Seien es Ricardo Zamora und Alfredo Di Stéfano, Günter Netzer und Raúl oder David Beckham, Cristiano Ronaldo sowie Zinédine Zidane, Luca Modrić und Toni Kroos. Wenn Barcelona „més que un club“ sein will („mehr als ein Klub“), ist Real zweifelsohne „el club más grande del mundo“ („der größte Klub der Welt“).

Die „Königlichen“ verkörpern den Aufstieg des Fußballs zu einem zentralen Bestandteil des Showbusiness und sind seit Langem umsatzstärkster Klub der Welt. Denn Vereinspräsidenten wie Santiago Bernabéu oder Florentino Pérez gaben sich nie nur mit sportlichen Erfolgen zufrieden. Sie strebten nach Klasse, Ausstrahlung, Exzellenz. „Señorío“ – Würde – ist ein Schlüsselbegriff in der DNA des Real Club de Fútbol Madrid. Von einem Spieler des Vereins wird im Umgang mit der Konkurrenz stets Souveränität auf allen Ebenen verlangt. Ein „Königlicher“ wird nicht zum Proleten.

Die Geschichte des Klubs geht weit über den Sport hinaus. Sie beginnt mit engen Verbindungen zum Königshaus, das den im Vergleich zu Barcelona und Bilbao fußballerisch spät startenden Hauptstädtern hilfreich zur Seite stand. Im spanischen Bürgerkrieg nahm Real Madrid eine umstrittene Rolle ein. Einerseits demokratisch gesinnt, andererseits durch Santiago Bernabéu fest an Francos Seite. Von den zahlreichen internationalen Erfolgen des Klubs nach dem Krieg profitierten auch die Franquisten.

Heute ist Real Madrid ein Klub für Romantiker wie Modernisten gleichermaßen. Er ist einer der wenigen mitgliedergeführten Vereine unter den Topadressen Europas und muss sich der Herausforderung durch staatenfinanzierte Fußballkonzerne wie Paris Saint-Germain und Manchester City erwehren. Aber er ist auch Verfechter einer außerhalb des größten Teils der Fußballfamilie stehenden „Super League“, türmt gewaltige Schuldenberge auf und verkauft sein berühmtes schneeweißes Trikot in alle Winkel der Welt.

Willkommen zur Geschichte der „Galaktischen“.

Dietrich Schulze-Marmeling und Hardy Grüne

DIE „KÖNIGLICHEN“ ALS ROMANTISCHE NOTE IM „MODERNEN FUSSBALL“

Die Größe Real Madrids zeigt sich selbst in der Champions-League-Saison 2022/23, in der die Fortsetzung der einzigartigen Erfolgsgeschichte des Klubs – mithin der 15. Titelgewinn in Europas wichtigstem Vereinswettbewerb – am Ende ausbleibt.

Im Halbfinale sind die „Königlichen“ eine Ausnahmeerscheinung. Neben Madrid haben sich ein „state owned club“ sowie zwei Investorenklubs unter die letzten vier in Europas Königsklasse gespielt: Manchester City, ein hochgradig alimentiertes Unternehmen, das der weltweit 13 Klubs besitzenden City Football Group gehört, die sich mehrheitlich im Besitz der Herrscherfamilie des arabischen Emirats Abu Dhabi befindet. Der aus dem East End Manchesters kommende „state owned club“ ist den Gesetzen der Marktwirtschaft nicht verpflichtet. Geld steht im Überfluss zur Verfügung. City muss keine schwarzen Zahlen schreiben, geschweige denn nennenswerte Gewinne erwirtschaften.

Neben den von Pep Guardiola trainierten „Blues“ haben die beiden Mailänder Vereine das Halbfinale erreicht. Während sich der AC Mailand im Besitz der US-amerikanischen Investorengesellschaft Elliott Management Corporation befindet, hat beim Lokalrivalen Inter die chinesische Suning Holdings Group das Sagen.

Gegen diese drei Adressen wirkt Titelverteidiger und Rekord-Champions-League-Sieger Real Madrid geradezu bodenständig, ja fast schon aus der Zeit gefallen. Real ist weder eine Kapitalgesellschaft noch im Besitz einer Privatperson. Die „Königlichen“ gehören ihren 93.176 Vereinsmitgliedern, den Socios.

Obwohl die spanische Sportzeitung Marca eindringlich vor Manchester City, dem „Monster“ aus dem hohen Norden, warnt, rechnen sich sowohl Fans als auch Verantwortliche der „Blancos“ im Halbfinale gegen den Favoriten Chancen für ihre Elf aus. Für viele Experten ist das Duell Real gegen City sogar das vorweggenommene Finale.

Beim Hinspiel in Madrid muss Real-Coach Carlo Ancelotti auf seinen gesperrten Innenverteidiger Éder Militão verzichten. Den Brasilianer an der Seite des Österreichers David Alaba ersetzt der deutsche Nationalspieler Antonio Rüdiger. Der vertritt Militão bestens, im Zusammenspiel mit Alaba stellt er Citys Torjäger Erling Haaland völlig kalt. Der Norweger wird aber auch deshalb von seinen Mitspielern kaum bedient, weil Real die Passwege auf Haaland gut versperrt. Das ist ein Verdienst von Toni Kroos, der vor den Innenverteidigern einen starken „Staubsauger“ spielt. Kroos lässt sich immer wieder in die letzte Linie zurückfallen, um Schnittstellen zu schließen.

Trotzdem gehört die Anfangsphase des Spiels den Gästen. In den ersten 16 Minuten pariert Real-Keeper Thibaut Courtois, Held des Champions-League-Finales 2022, dreimal stark gegen De Bruyne, Rodrigo und Haaland. In der 36. Minute bringt Vinícius Júnior Real mit einem Traumtor in Führung, sein Vollspann-Distanzschuss landet im oberen rechten Toreck. De Bruyne gelingt in der 67. Minute der Ausgleich, ebenfalls mit einem Distanzschuss, aber flach. Die letzte Chance des Spiels hat Real, doch Aurélien Tchouaméni scheitert an City-Keeper Ederson. Manchester verbucht deutlich mehr Ballbesitz, im zweiten Durchgang hatte das nun offensiver agierende Real dennoch die besseren Torchancen und war zeitweise dem 2:0 näher als City dem Ausgleich.

Das 1:1 ist ein leistungsgerechtes Ergebnis. Für Real ist es nicht die beste Ausgangsposition, trotzdem wird das Remis gefeiert. Im Zentrum der Hymnen stehen Antonio Rüdiger und das Stadion. So formuliert Marca: „Herr Antonio (Rüdiger) und Herr Santiago (Bernabéu) haben Haaland vertilgt.“ Das Konkurrenzblatt AS lobt „Rambo Rüdiger“ als den „großen Hauptdarsteller“. Hingegen sei Haaland nur „ein Schatten jenes Tor-Tyrannen“ gewesen, „der unglaubliche Rekorde aufstellt“.

Das Rückspiel im Etihad-Stadion von Manchester gerät acht Tage später jedoch zu einer Demonstration der neuen Machtverhältnisse. Wozu maßgeblich beiträgt, dass der für den Hinspiel-Helden Rüdiger in die Innenverteidigung Reals zurückkehrende Éder Militão einen rabenschwarzen Tag erwischt. In der 23. Minute bringt Bernardo Silva City in Führung. 14 Minuten später trifft der Portugiese ein weiteres Mal: 2:0. Von einem offenen Schlagabtausch ist 90 Minuten lang nichts zu sehen, dafür agiert Pep Guardiolas Team viel zu dominant und Carlo Ancelottis Real viel zu passiv. In der zweiten Halbzeit erhöhen der Ex-Dortmunder Manuel Akanji (76.) und der für Haaland aufs Feld gekommene Julián Álvarez (90.) auf 4:0 – und mit diesem Ergebnis sind die „Königlichen“ noch gut bedient. Ihr mit Abstand bester Mann steht im Tor: Thibaut Courtois verhindert an diesem Abend Schlimmeres. „Wir sind verdient ausgeschieden“, sagt Toni Kroos.

14 Mal hat Real Madrid den Europapokal der Landesmeister bzw. die Champions League gewonnen und ist damit einsamer Rekordhalter in diesem Wettbewerb. Auf Platz zwei liegt mit sieben Titeln der AC Mailand, gefolgt von Bayern München und dem FC Liverpool, die den Henkelpott jeweils sechsmal gewinnen konnten. Der FC Barcelona, Reals härtester nationaler Rivale, kommt auf fünf Titel. 17 Mal stand Real im Finale. Die Geschichte des Europapokals ist auch die Geschichte von Real Madrid.

Im Zeitraum zwischen 2014 und 2023 gewinnt Real nur dreimal die nationale Meisterschaft und zweimal den nationalen Pokal – aber fünfmal die Champions League. Bezieht man in diese Statistik auch noch die Siege im Weltpokal sowie im UEFA Super Cup ein, lautet Madrids Verhältnis von internationalen zu nationalen Erfolgen 14:5. Dazu passen Reals Trainer, allen voran Carlo Ancelotti. Der Italiener hat erst viermal eine nationale Meisterschaft gewonnen – aber bereits 14 internationale Trophäen eingeheimst, darunter vier Titel in der Champions League. Das Spiel in Manchester war Ancelottis 191. Auftritt in der europäischen Königsklasse, womit er Manchester-United-Legende Alex Ferguson als Rekordhalter ablöste.

Reals ruhmreiche Europapokalgeschichte begann in den 1950er Jahren. In den fünf Spielzeiten 1955/56 bis 1959/60 gewannen die „Königlichen“ fünfmal den Europapokal der Landesmeister, aber nur zweimal die Liga. Interessanterweise war die Struktur des damals als „weißes Ballett“ firmierenden Real-Teams ähnlich der heutigen.

Reals Kaderpolitik war im Prinzip über die Jahrzehnte so konzipiert, dass es nie zu einem großen Umbruch kommen musste. Das Ensemble wurde immer gezielt und punktuell erneuert – nach einem einzigen Maßstab: Für Weltklasse kam Weltklasse. Für Di Stéfano kam Amancio, für Sergio Ramos kam David Alaba, für Marcelo kam Antonio Rüdiger. Ein Kern von Spielern war stets schon ziemlich lange beim Verein. Was den großen Vorteil hatte und hat, dass sich hier kontinuierlich gemeinsame Erfahrung versammelt. Was Toni Kroos einmal sagte, gilt stellvertretend über Real-Generationen hinweg: „Wir haben insgesamt eine Mannschaft, die zusammen ein bisschen was erlebt hat, die in vielen Spielen sehr viel leiden musste. Wenn du solche Phasen überstehst und oftmals auch noch als Sieger hervorgehst, dann gibt dir das in diesen Spielen die Ruhe und den Glauben, es am Ende noch hinzubekommen.“

Das zahlte sich insbesondere in jenem Wettbewerb aus, der für Real der wichtigste ist. Die Champions League ähnelt ein bisschen einem WM-Turnier, wo Erfahrung ebenfalls eine große Rolle spielt – weniger inhaltliche Arbeit und Entwicklung wie im Liga-Fußball bzw. einem Meisterschaftsrennen. Es geht darum, bei einer überschaubaren Anzahl von Terminen „on point“ zu sein. Da ist es wichtig, dass jeder Spieler weiß, was er wann auf dem Feld zu tun hat, wie auf Rückstände reagiert wird, wann offensiv, wann defensiver zu agieren ist. Erfahrene Ausnahmekönner wissen, wie man Schwächen kaschieren und kompensieren kann, wie man einen Fußball spielt, in dem nur die Stärken zum Tragen kommen.

Real zeigte in den letzten Jahren kaum Verschleißerscheinungen. Auch weil die Mannschaft ihr Spiel perfekt dosierte. In puncto Ballsicherheit und intelligenter Verteidigung konnte den „Blancos“ kaum ein anderes Team das Wasser reichen.

Die zweite Säule der „königlichen“ Kaderpolitik bestand und besteht in der Verpflichtung junger Talente, die an der Seite der erfahrenen Akteure reifen, um irgendwann deren Nachfolge anzutreten – so wie jüngst Frankreichs Nationalspieler Eduardo Camavinga und der bereits erwähnte Vinícius Júnior. Dass diese erfolgreiche Politik in der Saison 2022/23 ihre Grenzen aufgezeigt bekam, hat zumindest teilweise auch mit einer veränderten Fußballlandschaft zu tun. Real mag noch immer der größte Klub sein – er ist aber bei Weitem nicht mehr der reichste.

Seine erste Niederlage erlitt Real bereits vor dem Saisonstart. Im Frühjahr 2022 war ein Großteil der Fußballwelt überzeugt, dass Kylian Mbappé, Starstürmer von Paris Saint-Germain und der französischen Nationalelf, nach Madrid wechseln würde. Der nächste Schritt in der Karriere des Stürmers konnte nur Real heißen. Doch Mbappé erteilte Real eine Absage und verlängerte stattdessen bei PSG. Laut Angaben der Tageszeitung Le Parisien brachte der neue Kontrakt dem Spieler 630 Millionen Euro brutto über drei Jahre ein. Nur Reals Ex-Stürmerstar Cristiano Ronaldo erhält bei seinem neuen Klub in Saudi-Arabien ein noch imposanteres Gehalt.

Wegen des geplatzten Mbappé-Wechsels war Real-Boss Florentino Pérez frustriert: „Wir müssen unsere Verträge erfüllen, und wir versuchen, gute Spieler zu holen, die besten. Aber man muss sie auch bezahlen können. Heutzutage bietet man 200 Millionen Euro, aber sie verkaufen sie dir nicht.“ Weil ein Klub wie PSG diese Spieler nicht verkaufen muss. PSG befindet sich im Besitz der Qatar Sports Investments (QSI), einer Tochtergesellschaft des katarischen Staatsfonds Qatar Investment Authority, und ist somit wie Manchester City ein „state owned club“. Doch nicht nur Geld, sondern ebenso Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron überzeugte Mbappé vom Verbleib in der Hauptstadt. Katar ist ein wichtiger Investor in Frankreich. Und neben Mbappé wurde auch der gleichfalls begehrte Erling Haaland kein „Königlicher“, sondern gab mit Manchester City einem „state owned club“ den Vorzug.

Klubs wie PSG, Manchester City oder Newcastle United, das sich seit 2021 im Besitz eines vom saudischen Staatsfonds Public Investment Fund angeführten Konsortiums befindet und sich 2023 erstmals seit 21 Jahren wieder für die Champions League qualifizierte, bedeuten das Ende für Reals bisherige Kaderpolitik. Finanziell können die „Königlichen“ nicht mehr konkurrieren. Diese „state owned clubs“ funktionieren nach anderen Regeln – ebenso wie die von US-amerikanischen Sportunternehmen geführten Klubs Manchester United und FC Liverpool.

Als weder Mbappé noch Haaland in Madrid andockten, gerierte sich Florentino Pérez sogar als Kämpfer für das traditionelle Vereinswesen und wandte sich entschieden gegen jene Klubs, bei denen es „nicht mehr auf die Qualität des Managements“ ankomme, sondern nur „auf das Geld, das dir von außen gegeben wird“. Der Real-Boss befürchtet, dass es nicht mehr lange dauern wird, „dann werden die ersten 30 Klubs in Europa im Besitz von Staaten sein“. Dies sei „nicht das Prinzip der europäischen Gemeinschaft“, das da lauten würde: „Solidarität, Wettbewerb und Fair Play.“ Interessanterweise ist Pérez zugleich davon überzeugt, dass seine (vorerst krachend gescheiterten) Super-League-Pläne sich im Einklang mit diesen Prinzipien befinden.

Natürlich weiß auch Florentino Pérez, dass der europäische Spitzenfußball finanziell am Tropf der Golf-Region hängt. Trikotsponsor der „Königlichen“ ist die staatliche Fluglinie des Emirats Dubai, die jährlich etwa 70 Millionen Euro nach Madrid überweist. In der Saison 2020/21 war dies der weltweit lukrativste Trikotdeal. Um mögliche Irritationen in der Golf-Region zu vermeiden, änderte Real sogar seine Symbolik: Auf den Trikots, die in Saudi-Arabien, Katar, Kuwait, Oman und Bahrain verkauft werden, fehlt das (christliche) Kreuz im oberen Teil des Klubwappens.

Ist die Zeit für Klubs wie Real Madrid also abgelaufen? Ist Reals Größe bald Geschichte? Oder zählt im Fußball vielleicht doch noch etwas anderes als das Geld? Jorge Valdano, Reals ehemaliger Sportdirektor und einer der Architekten der berühmten „Galácticos“-Philosophie, bleibt optimistisch. Auch in Zukunft würden die größten Namen für Real spielen, sagt er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Denn Real besitze etwas, das Klubs wie Paris Saint-Germain nicht zu eigen sei: „Fußballer in Madrid zu sein, ist nicht das Gleiche, wie Profi in Paris zu sein. In Madrid gibt es einen leidenschaftlicheren, anspruchsvolleren und mehr Fußball liebenden Rahmen. Dies finden die Spieler, die im Rampenlicht stehen möchten, sehr motivierend.“

KAPITEL 1

EIN MYTHOS ENTSTEHT(1896–1918)

1879–1896DIE VORGESCHICHTE

Vieles liegt im Dunkeln aus der Frühgeschichte von Real Madrid. Offizieller Gründungstag ist der 6. März 1902, als der bereits seit rund zwei Jahren bestehende „Madrid Foot Ball Club“ einen offiziellen Anstrich erhielt und bei den Behörden angemeldet wurde. Tatsächlich hatte man in Madrid schon seit mindestens 1896 gekickt, als ein paar vom Gaststudium an den englischen Universitäten Cambridge, Oxford und Eton zurückkehrende Spanier den Fußball im Gepäck gehabt hatten. Jüngere Forschungen ergaben sogar, dass es bereits im November 1879 zur Gründung eines im adligen Umfeld beheimateten „Madrid Cricket y Foot Ball Club“ gekommen war, der jedoch nach kurzer Zeit wieder einschlief und den Quellen zufolge lediglich zu einem Cricket-, nie aber zu einem Fußballspiel antrat.

Verlassen wir den Bereich der Spekulation, dann ist die Geburtswiege des heutigen Real Madrid Club de Fútbol die 1876 entstandene „Institución Libre de Enseñanza“ (ILE, „Freie Lernanstalt“). Sie orientierte sich an den modernen Lehrmethoden britischer Universitäten, widersetzte sich der Doktrin der Zentraluniversität von Madrid und stellte sich mit ihrer Forderung nach akademischer Freiheit gegen die von konservativen Meinungsführern der katholischen Kirche sowie vom Militär geprägte postimperiale Gesellschaft Spaniens. Unter ihren Gründern war der Rechtssoziologe Francisco Giner de los Ríos, der das liberale Denken in Spanien maßgeblich prägte und als Bewunderer der angelsächsischen Kultur neben Naturexkursionen auch Sport in seinem Lehrbetrieb einsetzte. Insbesondere Fußball betrachtete de los Ríos als probates Mittel, um die gesellschaftlichen Spannungen im zwischen Rechten und Linken zerrissenen Spanien zu überwinden. Im Mannschaftsspiel Fußball sah er zudem einen Gegenpol zum populären Stierkampf, der für ihn ein primitives Überbleibsel von Unterdrückung darstellte.

Der exakte Ablauf von den ersten Trainingsspielchen im Jahr 1896 bis zur offiziellen Klubgründung am 6. März 1902 ist lückenhaft und zudem widersprüchlich überliefert. Fest steht, dass Madrids Fußball im Landesvergleich spät dran war. In Villa de las Minas de Río Tinto sowie Huelva, zwei Kupfer- und Schwefelminen-Standorten an der andalusischen Küste, wurde schon seit den 1870er Jahren gekickt. 1878 bildeten britische Bergbau-Fachleute in Villa de las Minas de Río Tinto einen Rugbyklub, und am 23. Dezember 1889 entstand mit Recreativo Huelva der heute älteste Fußballverein Spaniens, an dessen Gründung u. a. der deutsche Ingenieur Wilhelm Sundheim beteiligt war. Auch in Bilbao und Barcelona entstanden schon vor der Jahrhundertwende Klubs. Beide Städte pflegten Kontakte ins Fußball-Mutterland England – Bilbao über die Hafenstadt Southampton sowie deren Universität, Barcelona durch Bildungseinrichtungen.

In der spanischen Gesellschaft des ausklingenden 19. Jahrhunderts spielte Sport zunächst nur eine Nebenrolle. Populär im Volk war vor allem der schon angesprochene Stierkampf, wohingegen Angehörige höherer Schichten elitären Freizeitvergnügungen wie Reiten oder Autorennen nachgingen. Während es im Nachbarland Frankreich um die Jahrhundertwende mit Radfahren, Rugby und Fußball gleich drei aufstrebende Disziplinen gab, wurzelte Sport in Spanien zunächst nur an wenigen Orten. Das hatte seinen Grund in der schleppenden Industrialisierung, jenem großen Motor der europäischen Fußballbewegung, die in Spanien abgesehen von den Ballungszentren des Nordens nur langsam vorankam. Im Gegensatz zu Nord- und Mitteleuropa gab es zudem keine nennenswerte Mittelklasse im Land, wie sie beispielsweise in Deutschland führend bei der Entwicklung des Fußballs zum Volkssport war.

Die Lebensbedingungen der spanischen Landbevölkerung gehörten zu den rückständigsten in Europa. Das Verkehrs- und das Kommunikationswesen des Landes waren schwach entwickelt, das Eisenbahnnetz lückenhaft, die Analphabetenrate hoch. Zudem gab es gewaltige regionale Unterschiede, so litten der Süden sowie Galizien angesichts der dortigen schlechten Perspektiven besonders unter Massenauswanderung der lokalen Bevölkerung nach Südamerika. Dort wiederum waren Spanier um die Jahrhundertwende vielfach an der Gründung renommierter Fußballklubs beteiligt. Bis heute gibt es spanische Vereine u. a. in Montevideo, Buenos Aires und Santiago de Chile.

Politisch befand sich Spanien seinerzeit im Umbruch. Das einst weltumspannende Imperium war spätestens mit dem Verlust der Philippinen sowie insbesondere Kubas 1898 endgültig zerbrochen und eine neue Identität noch nicht in Sicht. Das führte einerseits zu einer Regionalisierung und daraus resultierenden Autonomiebestrebungen vor allem in Katalonien sowie dem Baskenland. Andererseits verfolgte das in Madrid residierende Königshaus die Bildung eines auf das Militär gestützten starken Zentralstaates mit Basis in Madrid, einer aufstrebenden Metropole, die mitten im ländlichen und schwach entwickelten geografischen Zentrum Spaniens lag.

1897REALS FUSSBALLWIEGE

Fußball verankert sich in Spanien ähnlich wie in anderen Ländern Europas zunächst in einer privilegierten Mittelschicht, die sich von überkommenen Traditionen abgewendet hat und energisch Richtung Moderne strebt. Dazu gehören Reformen der hierarchischen Gesellschaftsstrukturen sowie Offenheit für andere Länder und Kulturen. In Madrid entwickelt sich im Laufe des Jahres 1897 aus den erwähnten Spielversuchen der Mannschaft der „Institución Libre de Enseñanza“ (ILE) die „Sociedad de Foot Ball“, deren Initiator vermutlich Manuel Cassío war, der als Lehrer am ILE wirkte. Der spanische Fußballhistoriker Vicente Martínez Calatrave führt in seiner sechsbändigen „Historia y estadística del fútbol español“ zudem den in Madrid lebenden Schweizer Paul Heubi als treibende Kraft auf. Für das Jahr 1898 wird dann Bergbauingenieur-Student Luis Bermejillo als „Präsident“ der Sociedad de Foot Ball genannt.

Im Oktober 1900 entsteht mit „Sky Foot Ball“ ein weiterer Verein. Einige Quellen sagen, er sei gegründet worden, weil es in der Sociedad de Foot Ball wegen offener Beiträge sowie geringen Engagements der adeligen Mitglieder zum Streit gekommen sei. Unter den Sky-Gründern sind die katalanischen Brüder Padrós Rubió sowie Julián Palacios, die zentrale Rollen in der Real-Geschichte einnehmen werden. Teamfotos zeigen die Akteure bereits in jener schneeweißen Kleidung, mit der Real Madrid später weltberühmt wird. Schließlich entsteht mit „El New Foot Ball Club“ (Nuevo Sociedad) noch eine dritte Mannschaft, der u. a. Studenten des französischen Lyzeums in Madrid beitreten.

Die Unsicherheiten über den genauen Ablauf der Ereignisse setzen sich im Jahr 1901 fort, als der „Madrid Foot Ball Club“ (MBFC) entsteht. Ob er das Resultat einer Fusion zwischen Sky und Sociedad de Foot Ball ist oder die Sociedad sich lediglich umbenannt hat, nachdem die Sky-Mitglieder beigetreten sind, bleibt offen. Eine dritte Version wiederum behauptet gar, der Sky Club sei bestehen geblieben und im März 1902 unter der Führung von Ceferino Rodríguez zum „New Football Club“ geworden, nachdem zahlreiche Mitglieder zum „Club Español“ gewechselt waren. In diesem Fall hätte es gleich zwei „New Football Club“ in der Real-Frühgeschichte gegeben.

Die zeitgenössische spanische Presse kann den Vorgang auch nicht aufklären. „Bei uns scheint sich eine englische Übung, ‚football‘ genannt, zu verbreiten“, heißt es 1901. „In Madrid bestehen zwei Klubs: ‚Foot-Ball-Sky‘, dessen Präsident Señor Mayora ist, und der ‚Madrid Foot-Ball-Club‘ unter der Leitung von Señor Julián Palacios. Obwohl dieses Spiel nicht unserem Charakter entspricht, muss man zugeben, dass es viele Anhänger hat. Am Sonntagvormittag sind die Spielfelder beider Klubs sehr umdrängt, und die Akteure spielen mit nicht weniger Leidenschaft und Passion als die Angelsachsen.“ Demnach ist also zumindest Sky-Mitgründer Palacios inzwischen zum MFBC gewechselt und dessen Präsident geworden.

An seiner Seite steht mit Arthur Johnson ein Mann, der eine ungewöhnliche Fußballbiografie aufweist, denn er hat in England immerhin für die berühmte Amateurmannschaft der Corinthians gespielt, die auf der Insel große Popularität genießt. Johnson bringt seinen spanischen Mannschaftskameraden nun nicht nur Taktik und Regeln bei, sondern erstellt zudem einen Trainingsplan, damit die Einheimischen auch „richtig“ Fußball lernen. In den Quellen heißt es, der damals 22-Jährige sei „un inglés muy simpático“ (ein sehr liebenswerter Engländer), der „mehr über Fußball wusste als alle anderen“: „Johnson ist Kapitän der Mannschaft – er zeichnet sich durch sein Tackling, seine Beweglichkeit und seine körperliche Eleganz aus. Er kann auf verschiedenen Positionen spielen, als Mittelläufer, Mittelstürmer oder Torwart.“ Als es am 6. Oktober 1901 auf dem Campo del Retiro zum ersten überlieferten Spiel des MFBC kommt, gehören dem Klub 15 Mitglieder an. Gegner ist der Turnverein Sociedad Gimnástica Española.

Per königlichem Regierungsdekret sind Madrids Sportvereine am 19. September 1901 aufgefordert worden, eine offizielle Zulassung zu beantragen und sich registrieren zu lassen. Einige Wochen später lösen die katalanischen Brüder Juan und Carlos Padrós Rubió Präsident Julián Palacios an der Spitze des MFBC ab. Die Padrós-Brüder sind 1876 mit ihren Eltern aus Barcelona nach Madrid gezogen. Der Vater, ein Tuchhändler, reist regelmäßig in die Textilregion von Nordengland, wo in Orten wie Blackburn, Burnley oder Darwen gerade der Profifußball entsteht. Das begeistert vor allem Carlos, den jüngeren Sohn, der seinen Vater auf den Reisen oft begleitet. Obwohl er nach einer Krebserkrankung in der Kindheit unter einem gelähmten Fuß leidet und selbst nicht spielen kann, entflammt seine Fußballbegeisterung. Sein Traum wird der Aufbau eines organisierten Ligaspielbetriebs in Madrid.

Die Brüder Padrós werden zu entscheidenden Motoren in der Entwicklung des Klubs. Sie sind ohnehin interessante Figuren der Zeitgeschichte. Juan, der ältere (geboren am 1. Dezember 1869), ist nicht nur ein unternehmungslustiges Organisationstalent, sondern zudem Naturist und Vegetarier. Carlos (geboren am 9. November 1870) wird später für die Liberale Partei für mehrere Legislaturperioden Mitglied der Cortes Generales (Parlament) sein. Es gibt auch noch eine Schwester, die einen Doktortitel in Philosophie hält und als Literatin Erfolg hat. Die Padrós Rubiós sind eine Familie, die den liberalen und weltoffenen Geist des Aufbruchs jener Zeit repräsentiert.

1902DIE OFFIZIELLE GRÜNDUNG NACH DER GRÜNDUNG

Unter Federführung der Padrós-Brüder werden schließlich die notwendigen Unterlagen für die Registrierung des Klubs zusammengetragen. Am 6. März 1902, heute offizieller Gründungstag des „Real Madrid Club de Fútbol“, treffen sich die Mitglieder im Hinterzimmer von Padrós‘ Textiliengeschäft in der Calle de Alcalá, Hausnummer 48. Nicht weit davon entfernt liegt die Plaza de Cibeles, wo Real Madrid später viele große Erfolge bejubeln wird. Auf einer Generalversammlung wird der bereits seit drei Jahren bestehende Verein nun auch offiziell gegründet, anschließend werden der zuständigen Behörde sämtliche Unterlagen zur Registrierung vorgelegt. Am 22. April bewilligt das Zivilgouvernement die Zulassung des Vereins, dem inzwischen 28 Mitglieder angehören. Geschäftsadresse ist das Textiliengeschäft der Familie Padrós. Die Spielkleidung besteht laut Satzung aus weißem Hemd, weißer Hose und schwarzen Socken. Das erste Emblem zeigt die miteinander verschlungenen Buchstaben „M“ und „F“, die von einem großen „C“ umfasst werden – statt wie bisher Madrid Foot Ball Club (MFBC) nennt man sich nun Madrid Football Club (MFC).

Gespielt wird zunächst auf dem Campo de Estrada an der Ecke Calle Velázquez y Lista (heute José Ortega y Gasset). 1903 zieht das Team weiter auf ein Feld neben der alten Stierkampfarena an der Ecke der damaligen Avenida de la Plaza de Toros (heute Calle Felipe II.) y Calle de Alcalá. Die neue Spielstätte liegt nicht weit entfernt vom Textiliengeschäft der Padrós‘, das weiterhin als Geschäftsstelle des MFC dient. Umgezogen wird sich in der Taverne „La Taurina“ an der Calle de Alcalá. Jährlich sind 150 Peseten Pacht an Königin Doña María Cristina für die Platznutzung zu zahlen. Durch das regelmäßig vor der Arena durchgeführte publikumsintensive Stiertreiben erfährt fortan auch der Fußballklub bereits in seinen Anfangsjahren viel Aufmerksamkeit.

Dass Real Madrid später verschweigt, dass es zwei Katalanen gewesen sind, die entscheidend für die weichenstellende Klubgründung und offizielle Registrierung nach Jahren des „wilden“ Spielbetriebs gesorgt haben, wird noch für einige Irritationen und Fehlinterpretationen sorgen. Vor allem die katalanische Presse greift die Herkunft der Padrós-Brüder wiederholt genüsslich auf. Mundo Deportivo im Dezember 1992: „Real Madrid von einem Katalanen gegründet!“. Tatsächlich zeigen die Padrós-Brüder jedoch keinerlei Bestrebungen, den Katalanismus zu fördern oder gar die Spaltung Spaniens zu forcieren. Sie wollen schlicht Fußball spielen bzw. organisieren. Das hindert Real Madrid 2002 aber nicht, in der von Luís Prados de la Plaza verfassten Jubiläumschronik „Real Madrid: Centenario“ zu behaupten, der katalanische Ursprung des Vereins sei „Beweis für Madrids Universalität bzw. Politik der offenen Türen“ und spiegele die „kosmopolitische Tradition“ der Stadt.

1902–1905ZWISCHEN WIEGE UND KINDERSCHUHEN

Im ersten Spiel nach der offiziellen Gründung und amtlichen Registrierung stehen sich am 9. März 1902 zwei Teams aus den eigenen Reihen gegenüber. Es soll entschieden werden, welche Akteure die künftige erste Mannschaft bilden. Vor laut El Heraldo de Sport „vielen Zuschauern“ triumphiert Klubchef Juan Padrós mit seiner „blauen“ Mannschaft mit 1:0 über das „rote“ Team um seinen Vorgänger Julián Palacios. Spielleiter des klubinternen Duells ist Carlos Padrós.

Zwei Monate später wird es ernst mit den erhofften Wettspielen. Luis Bermejillo, bereits 1897 mutmaßlicher Mitgründer des ersten ILE-Fußballteams, ist inzwischen Sekretär des Grafen De la Quinta de La Enrajada, mit dem er seit Langem befreundet ist. Der Graf hat beim Studium im englischen Oxford selbst Gefallen am Fußball gefunden. Im Verbund mit Juan Padrós sowie Madrids Bürgermeister Alberto Aguilera kann Bermejillo ihn nun überzeugen, im Vorfeld der am 17. Mai 1902 stattfindenden Krönung von König Alfonso XIII. ein Fußballturnier auszurichten. Fünf Mannschaften nehmen vom 13. bis zum 15. Mai im Hipódromo (Pferderennbahn) von Madrid an der „Copa de la Coronación de su Majestad el Rey Alfonso XIII.“ teil: Neben Ausrichter Madrid Football Club dabei sind der FC Barcelona, dessen Lokalrivale Español, eine baskische Auswahl vornehmlich mit Spielern des Athletic Club Bilbao („Vizcaya“) und der New Football Club, dem einige „Sky“-Veteranen sowie nach dem erwähnten Spiel „Blau gegen Rot“ aussortierte Akteure des MFC angehören und der zwischenzeitlich entweder neu gegründet worden ist oder den erwähnten Rest des einstigen Pionierklubs von 1897 darstellt.

Das mit der Krönungsfeier verbundene Turnier verhilft dem Fußball zum Durchbruch beim Madrider Publikum. Der Zuspruch ist derart groß, dass an der Pferderennbahn sogar eine zusätzliche hölzerne Tribüne errichtet werden muss. Gastgeber Madrid FC, angeführt vom Engländer Arthur Johnson, hat allerdings das Pech, gleich im Auftaktspiel auf den FC Barcelona zu treffen. In Barcelona wird bereits seit 1900 um die „Copa Macaya“ gespielt, und die größere Erfahrung der Katalanen sorgt dafür, dass die „El Clásico“-Geschichte mit einem aus Sicht der „Königlichen“ schmerzhaften 1:3 beginnt. Für das erste offizielle Tor der Vereinsgeschichte sorgt der Engländer Johnson; Áluaro Spottorno verschießt einen Strafstoß. Das erste Tor für Barcelona schießt mit Udo Steinberg derweil ein 24-jähriger Deutscher, der als Ingenieur nach Spanien gekommen ist. Im Spiel um Platz drei schlägt der MFC anschließend Español Barcelona mit 3:1, während sich die Vizcaya-Auswahl im Endspiel unter Schiedsrichterleitung von Carlos Padrós mit 2:1 gegen den FC Barcelona durchsetzt und damit erster spanischer „Meister“ wird. Zumindest die Schmach eines katalanischen Triumphs ist den Madrilenen damit erspart geblieben.

In der Folge entstehen weitere Klubs in der spanischen Hauptstadt, darunter der Club Español de Football, die aus der Association Sportive Française hervorgehende AS Amicale, der Moncloa FC, der Iberia FC sowie der Moderno FC. Präsidentenbruder Carlos Padrós wiederum gründet am 5. Dezember 1902 mit Vertretern der Vereine New FC, Moncloa FC, Español, Retiro FC sowie Moderno die „Agrupación Madrileña de Sociedades de Foot-Ball“, die im November 1903 die erste Fußball-Stadtmeisterschaft von Madrid organisieren wird. Dem für seine Hartnäckigkeit gefürchteten Klubchef Carlos gelingt es zudem, König Alfonso XIII. von der Stiftung eines Pokals zu überzeugen, um den fortan alljährlich in einem zunächst bis 1931 „Campeonato de España Copa de Su Majestad el Rey“ genannten überregionalen Wettbewerb gespielt wird. Der offizielle Name dieses spanischen Vereinspokals ändert sich im Laufe der Zeit einige Male entsprechend dem jeweiligen Staatsoberhaupt bzw. der Staatsform, heute ist er wieder unter der Kurzbezeichnung „Copa del Rey“ (Königspokal) bekannt. An der Premiere im April 1903 im Hipódromo de la Castellana von Madrid nehmen Athletic Bilbao, Madrid FC sowie Español Madrid teil. Das Finale verliert der Madrid FC vor 8.000 Zuschauern mit 2:3 gegen Bilbao. Ungefähr zur gleichen Zeit entsteht der heutige Stadtrivale Atlético Madrid, der am 26. April 1903 von in der spanischen Hauptstadt lebenden Basken als „Athletic Club de Madrid“ gegründet wird. Er fungiert zunächst lediglich als Madrider Dependance von Athletic Bilbao und nimmt nicht am Spielbetrieb teil.

Ebenfalls im April 1903 löst Miguel Guijarro Lledó Juan Padrós als MFC-Präsident ab. Schon nach kurzer Zeit tritt er jedoch zurück, und Carlos Padrós übernimmt den Vorsitz des Vereins. Als er erfährt, dass im Mai 1904 in Paris ein Weltfußballverband gegründet werden soll, telegrafiert er sogleich ein Beitrittsgesuch und überträgt dem Elsässer André Espir die Vertretung seines Klubs auf der Gründungsversammlung in der französischen Hauptstadt. Weil Spanien noch keinen Landesverband hat, konstituiert dort dann der Madrid FC als weltweit einziger Einzelverein gemeinsam mit den Verbänden von Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Schweiz, Schweden und Dänemark die FIFA.

Sportlich steigen die „Madrileños“ schon bald nach ihrer Gründung zu den besten Teams des Landes auf. Das verdankt man nicht zuletzt hartnäckigen Forderungen der Madrider Lokalpresse nach Bildung eines spiel- und wirtschaftsstarken Großklubs. Im Dezember 1903 kommt es zu Verhandlungen zwischen dem MFC und dem Moderno FC, dem sich kurz zuvor bereits die stärksten Spieler der Vereine Iberia FC und Victoria FC angeschlossen haben. Gemeinsam sind MFC und Moderno zweifelsohne das Beste, was Madrids Fußball seinerzeit zu bieten hat. Am 30. Januar 1904 einigt man sich schließlich auf einen Zusammenschluss. Moderno tritt dem Madrid FC bei, der damit zum führenden Klub der Stadt wird. Das zeigt sich auch in der Symbolik: Während im Klubwappen die Initialen „MFC“ als Monogramm abgebildet werden (wobei das „M“ in Violett und das „FC“ in Goldgelb gehalten sind), trägt die Mannschaft auf ihren Trikots das Emblem der Stadt Madrid.

Zunächst zahlt sich der Zusammenschluss sportlich allerdings nicht aus. Beim im März 1904 ausgespielten zweiten Campeonato de España liefert sich der MFC ein spektakuläres 5:5 gegen Lokalrivale Español. Zum Wiederholungsspiel tags darauf tritt die Mannschaft dann jedoch nicht an und scheidet kampflos aus dem Turnier aus. Immerhin gewinnt das Team im selben Jahr aber noch die Stadtmeisterschaft von Madrid. Intern kommt es zu einem Umbruch, als Juan Padrós nach dem von ihm nicht gebilligten Zusammenschluss mit Moderno aus der Vereinsführung ausscheidet und auch Ceferino Rodríguez den Klub verlässt.

1905–1910ERSTE ERFOLGE

Weil sich die „Agrupación Madrileña de Sociedades de Foot-Ball“ nicht hat etablieren können, fehlt es in Madrid noch immer an stabilen Strukturen für einen geregelten Spielbetrieb. Und auch auf nationaler Ebene hakt es weiterhin. 1905 ruft Carlos Padrós mit der „Federación Española de Fútbol“ (FEF) zwar einen designierten Nationalverband ins Leben, der die ständigen Streitigkeiten und Animositäten zwischen den autarken Fußballregionen beseitigen soll. Doch auch die FEF bewirkt nichts und erlischt bald wieder. Spanien bleibt damit im Kontinentalvergleich rückständig gegenüber Nationen wie Frankreich, Italien, Niederlande, Deutschland und Belgien.

Immerhin gelingt der MFC-Elf um den aus San Sebastián stammenden José Ángel Berraondo mit einem Halbfinal-3:0 über Recreación San Sebastián sowie einem 1:0 im Endspiel am 18. April 1905 gegen den Athletic Club aus Bilbao (Prats trifft in der 74. Minute) nun der sportliche Durchbruch im Campeonato de España. Es ist die erste „spanische Krone“ für die „Königlichen“. Ein weiteres Highlight folgt, als man den französischen Meister Gallia aus Paris zu einem Freundschaftsspiel in Madrid begrüßt. Carlos Padrós hat den Kontakt bei einem Besuch in der französischen Hauptstadt geknüpft. Der charakteristische Dress mit weißen Hosen und weißen Hemden hat den Spielern des Madrid FC im Volksmund inzwischen übrigens den Beinamen „Merengues“ eingebracht. Ein Merengue ist ein aus Eiweiß-Zuckerschaum bestehendes schneeweißes Gebäck, das andernorts „Baiser“ heißt und meist mit Schlagsahne serviert wird.

Der hochtrabend „Campeonato de España“ (Meisterschaft von Spanien) genannte Pokalwettbewerb ist in der Realität lediglich ein Miniturnier der Regionalmeister von Katalonien, der Biskaya sowie aus Madrid, das unter zahlreichen Rückschlägen leidet. So nimmt 1905 zwar ein Team aus San Sebastián teil, dafür fehlt aber Titelverteidiger Barcelona. In der katalanischen Metropole nimmt man den Wettbewerb nicht ernst und konzentriert sich auf seine eigenen regionalen Turniere. Das erweist sich als fatal für das Campeonato de España. Der Tiefpunkt wird 1908 erreicht, als lediglich zwei Mannschaften teilnehmen. Gastgeber Madrid FC gewinnt das „Finale“ bei strömendem Regen mit 2:1 gegen Vigo Sporting. Es ist zwar der vierte MFC-Triumph in Folge, aufgrund der Bedeutungslosigkeit des Wettbewerbs wird ihm aber wenig Beachtung geschenkt. 1909 reißt dann auch noch die Siegesserie, zieht der vierfache Campeonato-Sieger MFC bereits in der Stadtmeisterschaft gegen den Stadtrivalen Español den Kürzeren.

Am 4. August 1909 trifft sich Carlos Padrós mit Vertretern von zehn spanischen Vereinen, um erneut über die Gründung eines Nationalverbandes zu beraten. Inzwischen hat sich der Fußball überall in Europa ausgebreitet, sind vor allem in Mitteleuropa Hochburgen entstanden, in denen spielstarke Mannschaften große Zuschauerkulissen anlocken. Spanien hinkt dieser Entwicklung nach wie vor deutlich hinterher. Als die Funktionäre zehn Tage später erneut zusammenkommen, ist am Ende die „Federación Española de Clubs de Fútbol“ (FECF) das Resultat. Unter den Gründern sind der FC Barcelona, der Club Español de Madrid, Irún Sporting sowie Fortuna und Sporting Vigo, nicht aber der Madrid FC, Athletic Bilbao und der 1909er-Campeonato-Sieger Club Ciclista de San Sebastián. Jene Vereine erkennen die angestrebte Alleinherrschaft der FECF nicht an und rufen eine Konkurrenzorganisation ins Leben. 1910 wird daher um zwei Landespokale gespielt. Ein weiterer Rückschlag für die Etablierung des Spitzenfußballs in Spanien.

Im Zuge dieser Turbulenzen büßt auch der MFC seine sportliche Führungsrolle ein. Bereits 1908 hat sich Carlos Padrós nach internen Intrigen gegen seine Person aus der Vorstandsarbeit zurückgezogen. Neuer Vorsitzender ist Adolfo Meléndez, der einst selbst für die „Merengues“ die Stiefel geschnürt hat und 1902 dem ersten Verwaltungsrat nach der offiziellen Klubgründung angehörte. Am 2. Juni 1884 als vierzehntes von neunzehn Kindern eines Beamten aus dem Finanzministerium in La Coruña geboren, hat Meléndez nach dem Abitur vor dem Hintergrund des Kolonialkriegs in Nordafrika eine militärische Laufbahn eingeschlagen und wird letztlich bis zum General aufsteigen. Ungeachtet des Führungswechsels kriselt es intern aber weiter im Klub. So führen im Oktober 1911 die Giralt-Brüder eine Gruppe von Rebellen an, die zum Stadtrivalen Español de Madrid wechselt, der anschließend prompt Regionalmeister wird. Und aufgrund seiner militärischen Dienstverpflichtungen muss Adolfo Meléndez ständig zwischen Nordafrika und der spanischen Hauptstadt pendeln, was seine Vorstandsarbeit erschwert.

Einen Lichtblick gibt es zu jener Zeit allerdings doch, denn 1909 streift sich ein 14-Jähriger erstmals das schneeweiße Trikot des MFC über, dessen Name die Geschichte des Klubs bis zum heutigen Tag prägt: Santiago Bernabéu. Am 8. Juni 1895 auf dem Landgut „La Cueva“ seines Vaters, einem Rechtsanwalt aus Valencia, in Montealegre del Castillo (Albacete) zur Welt und mit der Familie als Fünfjähriger nach Madrid gekommen, hat der junge Santiago auf dem „Real Colegio Alfonso XII de los Agustinos“ den Fußball kennengelernt und zunächst bei der Sociedad Gimnástica Española (SGE) mittrainiert. 1909 tritt er nun der Jugendabteilung des MFC bei, steht zunächst im Tor und wechselt dann auf die Position des Mittelstürmers. Am 3. März 1912 debütiert er schließlich bei einem Freundschaftsspiel gegen den English FC 16-jährig in der ersten Mannschaft und erzielt prompt den 2:1-Siegtreffer für den MFC.

1911–1918ZWISCHEN KRISE UND STADIONBAU

Beim inzwischen 450 Mitglieder zählenden Klub gibt es neben internen Spannungen auch noch eine richtige Baustelle: Präsident Meléndez hat die Vereinsmitglieder Pedro Parages und Basque „Chefo“ Irureta mit der Planung und baulichen Umsetzung eines eigenen Stadions beauftragt. Unweit des Parque del Retiro im Stadtviertel Salamanca entsteht an der Ecke Calle O’Donnell y Calle Fernán González eine moderne, eingezäunte Spielstätte inklusive Umkleidekabine sowie Tribüne mit 200 Plätzen für die wohlhabenden Damen und Herren. Das Gesamtfassungsvermögen liegt bei 7.000 Personen. Ein Großteil der Kosten von 6.500 Peseten kommt durch den Verkauf von Anleihen über je 25 Peseten zusammen. Der dem Klub wohlgesinnte König Alfonso XIII. beteiligt sich ebenfalls, den fehlenden Rest streckt Präsident Meléndez als Kredit vor. Einer Legende zufolge soll Santiago Bernabéu beim Bau selbst mit Hand angelegt und unter anderem gemeinsam mit Bruder Marcelo die Zäune gestrichen haben. Im Herbst 1912 ist jedenfalls alles fertig, und zur Einweihung am 1. November gibt sich der kleine, aber damals zu den führenden Teams des Landes zählende Provinzklub Sporting de Irún die Ehre (0:0). Wenige Tage später weiht Stadtrivale Athletic Club (heute Atlético) kaum 100 Meter weiter südlich an der Calle O’Donnell ebenfalls ein eigenes Stadion ein. Madrid ist dabei spät dran mit dem Stadionbau. In Bilbao und Barcelona gibt es bereits moderne Arenen.

Sportlich gelingt dem MFC zu jener Zeit wenig, wobei der spanische Fußball allerdings auch unverändert von Turbulenzen und Kapriolen überschattet ist. 1911 dürfen die britischen Spieler im Campeonato nicht eingesetzt werden, 1912 weigert sich Titelverteidiger Athletic Bilbao, zum in Barcelona ausgespielten Turnier zu reisen. Zwar erreicht in jenem Jahr eine Mannschaft aus Madrid das Endspiel, doch es ist nicht der MFC, sondern die Sociedad Gimnástica Española. Zudem kommt es erneut zum Bruch im nationalen Fußball, als einige Klubs um den FC Barcelona sowie Sociedad San Sebastián am 29. November 1912 mit der „Unión Española de Clubs de Fútbol“ (UECF) eine neue Konkurrenzorganisation ins Leben rufen. Diese steht unter dem Patronat von Königin Victoria Eugenia, während König Alfonso XIII. als Ehrenpräsident der FECF fungiert. Als daraufhin 1913 wieder zwei Meisterschaften ausgespielt werden und die Rebellen der UECF zudem eine Art „Länderspiel“ gegen Frankreich organisieren, platzt dem fußballbegeisterten König der Kragen. Er ordnet den Anschluss aller Fußballorganisationen an die von ihm geführte FECF an, die nun zum einzigen legitimierten Nationalverband Spaniens wird.

Nachdem die kommissarische Verbandsführung um MFC-Präsident Adolfo Meléndez, Ricardo Ruiz de Ferry sowie Antonio Bernabéu (ein weiterer Bruder von Santiago) dem König am 30. Juli 1913 mitgeteilt hat, dass der Zusammenschluss vollzogen ist, verleiht