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Kraft zu Aufbruch und Veränderung: Die Ressourcen der Kriegsenkel Aufgewachsen mit traumatisierten Eltern, die als Kinder Krieg und Flucht erlebt haben, ist die Generation der Kriegsenkel in den letzten Jahren verstärkt in den Blick geraten. Doch ist das ganz besondere Erbe, das sie tragen, nur belastend? Durch ihre Familiengeschichte und besondere Sozialisation haben viele von ihnen eine mentale Ausstattung entwickelt, die es ermöglicht, mit heutigen Herausforderungen besser umzugehen. Die systemische Therapeutin Ingrid Meyer-Legrand richtet den Fokus auf die Ressourcen der Kriegsenkel. Viele von ihnen wagen es nicht, beruflich oder privat wirklich anzukommen. Doch dieses 'Immer-wieder-neu-Anfangen', diese Ruhe- und Rastlosigkeit lasst sich auch als Kompetenz betrachten, eine besondere Fähigkeit, flexibel mit Veränderungen umzugehen. Mit der von der Autorin speziell entwickelten Biografiearbeit wird es möglich, den roten Faden im eigenen Leben zu erkennen. Die innere Erfahrung, immer noch auf der Flucht zu sein, die bei vielen Kriegsenkeln vorherrscht, kann sich auflösen. Das bisherige Leben erscheint als weniger fragmentiert, sinnvoller und kohärent – und nicht selten stellt sich eine Hochachtung vor der eigenen Lebensleistung ein. So lassen sich die einzigartigen Kompetenzen der Generation Kriegsenkel im Umgang mit den Herausforderungen ihrer individuellen Biografie und der Zeitgeschichte wertschätzen und als Chance nutzen.
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Seitenzahl: 319
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Ingrid Meyer-Legrand
Wie Kriegsenkel heute ihr biografisches Erbe erkennen und nutzen
1. eBook-Ausgabe 2021
© 2016 Europa Verlag, ein Imprint der Europa Verlage GmbH, München
Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie
Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung eines Fotos
von © picture-alliance / Presse-Bild-Poss / Pretzl
Layout und Satz: BuchHaus Robert Gigler, München
Konvertierung: Bookwire
ePub-ISBN: 978-3-95890-464-4
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für Jozef und Jozefine
für meine Mutter,meinen Vater und meinen Stiefvater
fürHannelore, Gerhild, Bernd, Anke, Ilona, Karin
Vorwort
Einführung:Wie erzählen wir unsere Geschichte?
Meine eigene Geschichte
Die Kriegsenkel – entwurzelt, rastlos und getrieben
Aufgewachsen bei den Kriegs- und Flüchtlingskindern des Zweiten Weltkriegs
Ein Brief einer Nachkriegskindes, Dezember 2015
Die Kriegskinder des Zweiten Weltkriegs sind die Nachkommen der Kriegskinder des Ersten Weltkriegs
Der Erste Weltkrieg, die Hungerkrise und die Inflation
Mutter- und vaterlose Kinder des Ersten Weltkriegs
Die Pragmatische – Hannas Mutter
Oskar Gröning – ein Kriegskind
Das nationalsozialistische Erziehungsideal
Elisabeth – vom Regen in die Traufe
Kinder gehörten dem Führer und nicht den Familien
»Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind« (J. Haarer)
Eigene Gefühle sind bedrohlich!
Krieg, Flucht und Vertreibung
Der Krieg ist noch nicht zu Ende
Kriegs- und Fluchterfahrungen – für viele Kriegskinder ein Trauma
Die Stunde null – die Stunde der Familienzusammenführung
»Der Onkel da ist dein Vater«
»Alle Männer sind Nieten«
Vorsicht, Beziehung!
Das Recht auf Mutter und Vater – Rollenklarheit herstellen!
»Rede nicht so über diesen Mann. Nicht mit mir. Du redest über meinen Vater.«
Die schwierige Gefühlserbschaft
Die Kriegsenkelin Katharinna wächst mit einer Mutter auf, die »schlimme Sachen« gesehen hat
»Mein Großvater war ein Kriegsverbrecher, und ich fühle mich schuldig«
Transgenerationelle Weitergabe von Traumata
Kinder werden zu Eltern ihrer Eltern
Die Umkehr der Rollen zwischen Eltern und Kindern – Parentifizierung
Die Langzeitstudentin
Die Kindheit und Jugend der Kriegsenkel – aufgewachsen in Friedenszeiten und Wohlstand
Die Eltern der Kriegsenkel haben ein Leben aus dem Nichts aufgebaut
Arbeitsmarkt und die Alternativbewegung
Die Alternativen – die Nachkommen der Kriegskinder – die Kriegsenkel
Die »Neuformulierung der Grammatik von Lebensformen« (Habermas)
Die neue Unübersichtlichkeit
Die Geschichte von Carsten
Woran orientieren die Einzelnen sich?
Die Suche nach dem eigenen Platz
Stop & Grow – eine Strategie der Kriegsenkel, eine Balance in ihr Leben zu bringen?
Die Geschichte von Stefan
Zugehörigkeit und Loyalität
Ich muss alle zwei Jahre meinen Job wechseln!
Kriegsenkel – die idealen flexiblen Drifter?
Der gesellschaftliche Individualisierungsdruck
Eine Kriegsenkel-Biografie im Schnittpunkt individueller und gesellschaftlicher Geschichte
Das Genogramm
»Wer in der ersten Reihe steht, wird erschossen«
Es liegt alles an der Vergangenheit? Es liegt alles an der Kindheit?
Wie funktioniert Erinnerung?
Die »kalte Mutter« und der »ausrastende Vater« – zwei dominante Erzählungen aus der Kindheit vieler Kriegsenkel
Gesellschaftliche Verhältnisse und individuelle Handlungsentwürfe
Mit den Ahninnen verbunden
Stolz auf die eigene (Herkunfts-)Familie sein!
Ressourcen aus der Herkunftsfamilie für den Umgang mit aktuellen Fragen holen
Viel bewegt, aber nichts erreicht?
Themenbereich Herkunftsfamilie
Themenbereich Schule
Themenbereich Generation
Zum Ablauf
Was bewirken die Storyboards?
Gesellschaftliche Verhältnisse und persönliche Herausforderungen
Fragen an eine Kriegsenkelin, die in der DDR aufgewachsen ist
My Life Storyboard am Beispiel von Vera
Zusammenfassung der Reflexion der My Life Storyboards
Das Erbe der Kriegsenkel – ein gesellschaftliches Potenzial
Schlussbetrachtung
Zitierte und weiterführende Literatur
Danksagung
Anmerkungen
In ihrem herausragenden Werk Die Kraft der Kriegsenkel stellt Ingrid Meyer-Legrand in eindrucksvoller Klarheit das komplexe Spektrum der psychologischen Herausforderungen dar, denen sich die sogenannten Kriegsenkel und -enkelinnen, d.h. die Generation der Menschen, deren Eltern die Kriegskinder des Zweiten Weltkriegs gewesen sind, gegenübersahen und bis heute gegenübersehen. Bis zum Ersten Weltkrieg einen weiten Betrachtungsbogen ziehend, der ein Jahrhundert epochaler Katastrophen und im Gefolge aufgetretener tief greifender gesellschaftlicher Veränderungen umfasst, beschreibt Ingrid Meyer-Legrand – unterstützt durch bewegende Selbstzeugnisse und klinische Beobachtungen – erschütternde, lang anhaltende traumatische Auswirkungen auf familiäre Systeme und führt lebhaft vor Augen, welchen traumatischen, oft chronisch andauernden Belastungen Kriegsenkel ausgesetzt gewesen sind, obgleich sie selbst keine direkten Kriegseinwirkungen erlitten, aber eben in die Nachwehen des dunkelsten, blutigsten, mörderischsten und zerstörerischsten Kapitels deutscher Geschichte hineingeboren wurden, und zugleich in das große Spannungsfeld zwischen diesen Nachwehen und der neu sich formierenden »Multioptionsgesellschaft«.
Sosehr die umfassende Wahrnehmung, die traumapsychologische Behandlung und Bewältigung dieser so zahllosen, viele Menschen bis heute leidvoll betreffenden Kriegsverwüstungen ein Anliegen von Ingrid Meyer-Legrand sind, so ist ihr Buch zugleich auch eine große, leidenschaftliche, an die Kriegsenkel gerichtete Anregung und Ermutigung, transgenerationell übertragene Traumen zu überwinden und zu heilen und in sich selbst, den Kriegsenkeln, verschüttete, verborgene und noch nicht zur Entfaltung gekommene Ressourcen und Kräfte aufzuspüren, zu erkennen und zu aktivieren, um sich den sich ihnen bietenden Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten der Gegenwart öffnen zu können.
Ingrid Meyer-Legrands ausführliche Darstellung ihrer psychologischen Arbeit im Endteil ihres Buches gewährt einen faszinierenden Einblick, wie es gelingen kann, mithilfe von Feingefühl, Achtung, Wahrnehmungsfähigkeit, ruhiger Beharrlichkeit und einem Wissen um die psychologischen Prägungen von Kriegsenkeln die sichtbaren, aber auch unsichtbaren, unbewussten und ungelösten Knoten und Netze der Verstrickung an die Vergangenheit vorsichtig zu lösen, um freie Bewegungsspielräume für die eigene Lebensgestaltung zu schaffen und damit auch die Chance, anstelle von Leidmodellen der nächsten Generation lebenszugewandte, konstruktive Leitmodelle anzubieten, einer Generation, die dann in Zukunft vielleicht einmal mit dem Begriff der Friedenskinder bedacht werden wird.
So wünsche ich diesem so wichtigen, wertvollen und inspirierenden Buch, einer wahren Fundgrube, eine große Leserschaft. Möge es vor allem auch für die Kriegsenkel und -enkelinnen ein hilfreicher, Verstehen vermittelnder und die Seele aufmunternder Begleiter sein, ja, zu einem Vademekum für den Aufbruch in ein neues erfülltes, den weiteren Lebensweg bestimmendes und erhellendes Lebensgefühl werden.
Peter Heinl
Autor von Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg … Seelische Wunden aus der Kriegskindheit
»Eine Gesellschaft,
die diese Erinnerung nicht vereinzelt,
sondern als große Erzählung
quasi im kollektiven Bestand hat,
erträgt Veränderungen (…) leichter,
weil die Erfahrung des Neuen
und des Anderen positiv wirkt.«
M. HÜTHER
In diesen Tagen, während ich dieses Buch zu Ende schreibe – im Frühling 2016 –, versucht Europa, eine Antwort zu finden auf eine Anzahl von Flüchtenden, wie wir sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen haben.
Der Grund, aus dem erneut unzählige Menschen alles, was sie haben, ihr Zuhause, ihre gewohnte Umgebung, ihre Freunde und Verwandten, ihre Arbeit und ihr soziales Netz hinter sich lassen, um in eine ungewisse Zukunft aufzubrechen, heißt wieder einmal Krieg.
Das Wissen, das wir heute über die Auswirkungen von Krieg, Flucht und Vertreibung haben, das ich auch in diesem Buch zusammentrage, sollte es uns ermöglichen, in einen Dialog mit den neuen Geflüchteten zu treten und ihnen Wege zu einer neuen Heimat anzubieten.
Im Zuge einer allgemeinen öffentlichen Aufarbeitung der Schrecken des Nationalsozialismus, der Verfolgung und Ermordung von Millionen von Menschen, des Krieges und der Flucht ist auch das besondere Schicksal der einstigen Kriegs- und Flüchtlingskinder1 endlich ins öffentliche Bewusstsein gedrungen. Lange Zeit durfte über das Leid dieser Kinder nicht gesprochen werden, denn im Land der Täter durfte es keine Opfer geben. Und doch waren diese Kinder Opfer der verheerenden Politik der Nationalsozialisten, die schließlich zu einem grauenhaften Krieg führte, von dem kaum eine Familie in Europa verschont blieb.
Wie lange lässt sich ein gesellschaftlich verursachtes Leid verdrängen? In der Bundesrepublik hat es fast bis ins Jahr 2000 gedauert. Mit dem Kriegskinder-Kongress2 gelang es, das bis dahin ins Private abgeschobene Leid in die Öffentlichkeit zu holen.
Schon wenige Jahre später folgten diesen ihre Nachkommen – die Kriegsenkel – und begannen, über ihr Aufwachsen bei ebenjenen (Kriegskinder-)Eltern zu sprechen. Während noch vor ein paar Jahren kaum jemand etwas mit dem Begriff »Kriegsenkel«3 anzufangen wusste, findet man heute in fast jeder größeren Stadt sogenannte Kriegsenkel-Gruppen, in denen ein reger Austausch über den langen Schatten stattfindet, der sich auch auf ihr Leben erstreckt.
Das ins Private gedrängte Leid der einstigen Kriegs- und Flüchtlingskinder wurde schließlich auch wie ein privates Thema behandelt – Familienangehörige waren dafür zuständig, ihre eigenen Kinder – die Kriegsenkel. Häufig wussten sie nicht, worunter ihre Eltern litten, und konnten sich nicht erklären, woher die bedrückende Schwere kam. Schließlich gab es dazu keine Geschichte. Intuitiv aber nahmen die Kinder wahr, dass ihre häufig schwer traumatisierten Eltern Hilfe brauchten. Nahezu von Beginn ihres Lebens an taten Kriegsenkel alles, um ihre Eltern zu »retten«. Hier beginnt ihre Geschichte. Dieses Aufwachsen mit Menschen, die von Nationalsozialismus, Verfolgung, Krieg und Flucht traumatisiert waren, hat sie geprägt.
Bis zu dieser öffentlichen Debatte haben sich die 1950er- bis 1980er-Jahrgänge verschiedene Phänomene, die für ihr Leben noch heute charakteristisch sind, nicht erklären können. Schließlich waren die Kriegsenkel doch in Frieden und in Zeiten von Wachstum und Wohlstand aufgewachsen. Welchen Zusammenhang sollte es geben zwischen ihrer Thematik, endlich »anzukommen« bei sich, im eigenen Leben oder auch in dieser Gesellschaft, und dem Aufwachsen bei Eltern, die als Kinder von Bombennächten, Vergewaltigungen, Flucht und Vertreibung physisch und psychisch gezeichnet wurden? Vor dieser öffentlichen Debatte gab es keine Geschichte, die einen Zusammenhang zwischen der Geschichte der Eltern und ihrer eigenen Geschichte aufgezeigt hätte. Die »kalte Mutter« und der »ausrastende Vater«, von denen die Kriegsenkel immer erzählen, waren bis dahin ein individuelles Problem und keines, das man in den Kontext der schwierigen Erfahrungen des Aufwachsens der Eltern im Nationalsozialismus, im Krieg und auf der Flucht gestellt hat.
Wie wir die Geschichte der Kriegs- und Flüchtlingskinder erzählen können, ist auch hier die Frage. Nehmen wir den gesellschaftlichen Kontext auf, in dem die Generation herangewachsen ist, dann haben wir Zugang zu ihren Geschichten, und ihr Verhalten entzieht sich uns nicht länger in Form abstrakter Diagnosen, die ihnen »individuelle psychische Störungen« zuschreiben, wie die »Borderline-Mutter« oder die »narzisstische Mutter«.
Finden wir einen Zugang zu ihrer Geschichte und ihren Geschichten, dann erscheint ihr Leben wieder in seiner ganzen Vielfältigkeit, und wir entdecken darin zahlreiche Chancen, die sie wahrgenommen haben, um ihr Leben trotz widriger Umstände zu gestalten. So kommen auch die Kriegsenkel zu einer neuen würdigenden Erzählung, einer, in der die Nachfolgegeneration ihre eigenen Herausforderungen und Chancen und ihr ganz besonderes Erbe erkennen kann.
Die Lebenserzählung der Kriegsenkel kreist oft um das von den Eltern erfahrene Leid und ihr eigenes Bemühen, als Kinder für ihre Eltern da zu sein, und zwar seit Beginn ihres Lebens. Hier hat vielfach eine Rollenumkehr stattgefunden, in der die Kinder zu Eltern ihrer Eltern wurden. Kriegsenkel erleben sich in der Auseinandersetzung mit ihren Kriegskinder-Eltern hin- und hergerissen zwischen andauernden Loyalitätsverpflichtungen und Ablehnung.
Auch in Bezug auf die Kriegsenkel müssen wir uns fragen, wie wir zu einer anderen Erzählung kommen. Es wird zwar zu Recht sehr viel von ihrem Leid gesprochen, das in Verbindung mit jenem ihrer kriegstraumatisierten Eltern steht, aber es dabei zu belassen würde ihrer Kraft, ihren Sehnsüchten und neuen Ideen vom Leben, schlicht ihrer besonderen Rolle in der Geschichte der BRD seit den 1960er-Jahren nicht gerecht werden. Fragen müssen wir auch hier, ob die von dieser Generation geprägte neue Vorstellung vom Leben nicht auch ein Resultat ihres schwierigen Aufwachsens ist. Ergab sich nicht aus dem, was sie in ihren Familien vorgefunden hat, etwas, das neue Impulse gesetzt hat? Nach dem Motto: »There is a crack in everything, that’s how the light gets in.«4
Diese Zeit ist es, die voller Chancen und neuer Optionen für die Einzelnen war und die von den Kriegsenkeln mitgestaltet wurde. Sie haben den Wertewandel in der Gesellschaft der 1970er- und 1980er-Jahre mit vorangetrieben und neue Lebensmodelle entworfen, die heute ganz selbstverständlich sind.
Was die Kriegsenkel im Zusammenleben mit den kriegstraumatisierten Eltern bereits früh erworben haben, sind die Kompetenzen im Umgang mit ebendiesen an Leib und Seele verletzten Menschen. Sehr viele Kriegsenkel haben aus ihrem Helfen eine Profession gemacht und sich als Sozialarbeiter, Psychologen oder auch als Juristen in den Dienst der Benachteiligten und Marginalisierten der Gesellschaft gestellt. Die soziale Arbeit ist für sehr viele Kriegsenkel ein Feld beruflicher und gesellschaftspolitischer Arbeit. Dazu gehörte von Anfang an auch die Betreuung von Geflüchteten und Migranten. Auch heute finden wir sehr viele Kriegsenkel, die sich im Sinne der Willkommenskultur gegenüber Kriegsflüchtlingen aus der ganzen Welt engagieren. Sie wissen aus erster Hand, was zu tun ist.
Stellen wir immer wieder den gesellschaftlichen Bezug zur eigenen Lebensgeschichte her, können wir feststellen, dass das Klima in der »Multioptionsgesellschaft« seit Ende der 1980er-Jahre sukzessive rauer geworden ist. Kriegsenkel schauen mit ihren neuen Lebensentwürfen, der Vielfalt und Offenheit in der biografischen Gestaltung ihres Lebens auf eine Zeit zurück, die von Wohlstand und Wachstum geprägt war. Spätestens heute aber sehen sie sich einer gesellschaftlichen Situation ausgesetzt, in der viele meinen, schneller rennen zu müssen, um auf dem bereits erreichten ökonomischen Stand zu bleiben. Das Gefühl einer gewissen »Unbehaustheit« macht sich breit und schließt an ein Gefühl an, das die Kriegsenkel kennen: das Gefühl, auf der Flucht zu sein. Deshalb frage ich in den Therapie- und Beratungsgesprächen danach, woran Kriegsenkel sich heute orientieren, wenn doch traditionelle, haltgebende Strukturen und Rituale immer mehr wegbrechen.
Wollen wir zu einer neuen Erzählung kommen und damit auch zu neuen Handlungsmöglichkeiten im Leben, ist es wichtig zu lernen, anders mit »der« Vergangenheit umzugehen. In meiner Praxis habe ich festgestellt, dass sich mithilfe eines Familienstammbaums (Genogramm) oder auch mit dem »My Life Storyboard« schnell neben der »dominanten« Erzählung alternative Geschichten entdecken lassen. So kann die Familie zur Kraftquelle werden, aus der die Kriegsenkel jederzeit für Fragen ihres eigenen Lebens schöpfen können. Wie haben meine Familienangehörigen Krisen überstanden? Für viele Kriegsenkel ist das eine Möglichkeit, sich in dieser individualisierten Welt Orientierung und Halt zu verschaffen. Manche gehen noch einen Schritt weiter. Sie stellen sich in die Reihe ihrer Ahnen und sind stolz auf ihr Mehrgenerationennetzwerk, ohne die Schuld einiger Angehöriger zu bagatellisieren.
Die Familie als Kraftquelle zu betrachten ist allerdings etwas, was den Deutschen mit ihrer »verbrecherischen Geschichte im Rücken«5 zu Recht schwerfällt. Viele Kriegsenkel schämen sich angesichts der Verwicklung ihrer Familie in den Nationalsozialismus oder die SS, die sich an der Verfolgung und Ermordung von Menschen beteiligt haben. Die Schuld der Großeltern, aber auch die der Mütter oder Väter – wenngleich diese noch sehr jung waren – lastet auf ihnen und hindert sie, sich beispielsweise beruflich in die erste Reihe zu stellen. Andererseits sind es häufig diese Schuldgefühle, die Kriegsenkel über die Maßen zu Höchstleistungen antreiben. Dass der »Opa« in die Naziverbrechen involviert war, ist andererseits oft eine sehr starke Motivation, sich auch gesellschaftlich zu engagieren und auf diese Weise Wiedergutmachung zu leisten.
Die Kriegsenkel sind oftmals die Ersten aus der Familie, die sich mit diesem düsteren Kapitel befassen. Sie haben aus dieser Geschichte gelernt und in den 1970er- und 1980er-Jahren radikal eine Politik der ersten Person betrieben. Diese Politik hatte mit dem Kadavergehorsam vorangegangener Generationen nichts mehr gemein. Die Kriegsenkel haben sich stetig selbst befragt, ehe sie sich engagiert haben: »Was hat das mit mir zu tun?« Das heißt auch, dass die Geschichte der Kriegsenkel noch eine andere Erzählung und damit ein anderes Potenzial in sich birgt als das ihres schwierigen Aufwachsens in ihren Familien. Diese Geschichte handelt von der Zeit, in der sie begonnen haben, die Gesellschaft mitzugestalten und neue Lebensentwürfe zu entwickeln. Hier beginnt die eigene Story der Kriegsenkel, die ich mithilfe von My Life Storyboard in den Beratungsprozessen sichtbar zu machen versuche. Auf Basis dieser Methode frage ich, wer alles beteiligt war an ihrem Weg, welche gesellschaftlichen Optionen sie für sich genutzt oder welche Hürden sie genommen haben, welche Denkfiguren am gesellschaftlichen Horizont ihnen bei der Ausformulierung ihres Lebensentwurfs behilflich waren. Dieses aus der Arbeit mit Kriegsenkeln von mir entwickelte – narrativ-ästhetische – Verfahren setzt neue Erzählungen frei. Denn es kommt darauf an, wie wir unsere Geschichte erzählen, damit etwas Neues entstehen kann.
Den Fokus bilden die aktuellen Fragen, mit denen die Einzelnen in meine Praxis kommen. Unter diesem Fokus schauen wir uns sowohl die Familiengeschichte an als auch jene, die die Kriegsenkel selbst mitgestaltet haben.
Bei der Arbeit mit My Life Storyboard sind immer wieder alle gespannt, was die Geschichten der Familie oder auch aus der Schule oder die Geschichten, die Einzelne mit ihrer Community (Generation, Jahrgang etc.) erlebt haben, zur Lösung der aktuellen individuellen Fragen beitragen können. Viele sind verwundert darüber, wie früh sie begonnen haben, ihre heutigen Kompetenzen zu entwickeln. Andere wiederum erkennen einen roten Faden in ihrem Leben und manche die eigenen Gewissheiten, die sie in der Folge neu reflektieren können. Vielfach breitet sich eine Zufriedenheit mit sich selbst und der eigenen Geschichte aus. Sie wissen ein Stück weit mehr, wie sie geworden sind, wer sie sind und über welches Potenzial sie verfügen.
Es ist wertvoll, den Zusammenhang zwischen dem schwierigen Aufwachsen ihrer Eltern im Faschismus, in Kriegs- und Fluchtzeiten und ihren eigenen Chancen und Hindernissen in einer Gesellschaft voller Möglichkeiten herzustellen. So kann das besondere Erbe der Kriegsenkel sichtbar gemacht und für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft positiv genutzt werden.
Meine eigene Geschichte beginnt mit der großen Wanderung meiner Urgroßeltern und den anschließenden vielen Fluchten meines Großvaters. Die Vorfahren meiner Mutter sind im 18. Jahrhundert von Hamburg nach Russland ausgewandert. Ein Jahrhundert später wurde diese Familie zu Zeiten der Russischen Revolution von den Bolschewiki nach Sibirien verbannt – wie viele der sogenannten Deutschrussen. Sie galten als »konterrevolutionär«, weil sie deutsch und zu einem gewissen Wohlstand gekommen waren. Die Eltern meines Großvaters hatten ein Fuhrwerkunternehmen. Das hat sie für die Revolutionäre Lenins suspekt gemacht. In der Verbannung verhungerten die Eltern meines Großvaters – meine Urgroßeltern. Schließlich flüchtete mein Großvater mit seinen Schwestern nach Polen. Auf dieser Flucht ist eine seiner Schwestern »verloren gegangen«. Aber bald schon floh er auch aus Polen, denn er sollte zum Militärdienst eingezogen werden. Im Deutschen Reich siedelte er sich neu in der Nähe von Stettin an. 1945 war er schließlich mit seiner eigenen Familie auf der Flucht: von Stettin in Richtung Hamburg. Dort ließ er sich mit seiner Familie nieder. Für ihn hat sich hier der Kreis geschlossen, da seine eigenen Vorfahren von Hamburg aus dem Ruf Katharinas der Großen gefolgt waren.
Für mich hatte dieser Großvater etwas Fremdes an sich, so als gehörte er nicht hierher. Als einen gebrochenen Mann aber habe ich ihn nie empfunden. Seine Fluchtgeschichten haben mir bereits sehr früh imponiert. Schließlich hatte er schon einmal eine andere Welt gesehen. Manchmal spielte er auf seiner Geige.
Meine Mutter war 13 Jahre alt, als sie mit ihren Verwandten – die Eltern blieben noch ein paar Wochen länger – aus Stettin geflüchtet ist. Von ihr habe ich vor fast 30 Jahren bereits viel über ihre Kriegs- und Flüchtlingszeit erfahren. Das Einzige, was sie damals mitnahm, als es plötzlich hieß: »Wir flüchten«, war ein englisches Wörterbuch. Sie hat es gebraucht, um mit den Amerikanern zu sprechen. Auf der Flucht hat sie gedolmetscht und nahm damit eine bedeutende Rolle in ihrer Familie ein. Dieses Dictionary haben wir Kinder später noch benutzt, und wer Englisch sprechen konnte, galt auch in unserer Familie viel.
Mein Vater, aufgewachsen in der Nähe von Hamburg, war mutig genug, eine – wie es damals hieß – »Flüchtlingsziege« zu heiraten. Damit wurde er selbst ebenso zu einem Fremden in dem kleinen Dorf, in dem er bis dahin lebte. Im Laufe der Zeit ist unsere Familie sehr groß geworden. Es schien fast so, als ob sich meine Eltern mit uns Kindern eine neue Heimat schaffen wollten. In dem Dorf lebten wir gewissermaßen wie auf einer Insel. Wir waren immer die Zugezogenen, die anderen, die Fremden. Da meine Mutter als Geflüchtete sehr demütigende Erfahrungen mit Bauern gemacht hat, wurden sämtliche Bauern – also unser gesamtes nachbarschaftliches Umfeld – mehr oder weniger argwöhnisch betrachtet. »Die dummen Bauern«, hieß es immer. Oder: »Iss nicht wie ein Bauer!« Und andersherum: »Wir sind etwas Besseres!« Wir waren die Einzigen aus dem Dorf, die auf eine höhere Schule gingen. Das hat mich zwar stolz gemacht, mich aber die Fremde noch mehr spüren lassen. Zu Hause habe ich mich in dem Dorf nicht gefühlt. Es gab auch keine Onkel, Tanten, Cousins, Omas oder Opas, zu denen wir eine enge Bindung gehabt hätten. Das hatte auch Vorteile: Niemand hat uns reingeredet, kein Opa hat gesagt: »Macht das mal so, wie unsere Familie das schon seit Jahrhunderten gemacht hat.« Einen Schutz durch Verwandte gab es allerdings auch nicht. Ein Zuhause habe ich erst in der Stadt gefunden – bei den anderen Zugezogenen und Fremden und Einzigartigen.
Auch die Familie meines Stiefvaters, des Mannes, den meine Mutter nach dem Tod meines Vaters geheiratet hat, war vom Krieg betroffen. Viele seiner Angehörigen – sein Vater zum Beispiel, der sich als Bankdirektor geweigert hatte, die Hakenkreuzfahne aufzuhängen, und auch sein Onkel – hatten in der Nazizeit ein Berufsverbot auferlegt bekommen. Der Onkel, der im Besitz eines großen sozialdemokratischen Zeitungskonsortiums war, wurde darüber hinaus enteignet. Mein Stiefvater wurde noch als 17-Jähriger kurz vor Ende des Krieges eingezogen. Aber er kam zum Glück nicht mehr zum Einsatz. Er erzählte mir, wie er über Tage und Wochen zu Fuß nach Hause gelaufen sei, wo er das Elternhaus völlig zerstört und ausgebombt wiederfand.
Aber einen Nazi hatten auch wir in unserer großen Familie: Mein Onkel, der Halbbruder meiner Mutter, war in der SS gewesen. Er war 19 Jahre alt, als er von Stettin nach Berlin ging, und zählte zur typischen Klientel der Nazis: Er galt als haltlos, ohne Arbeit und entwurzelt. Seine Mutter – die auch die Mutter meiner Mutter war – ist früh gestorben, und in der neuen Familie war er nicht willkommen. Was er in der NS-Zeit angerichtet hat, haben wir nie erfahren. Ich habe ihn nur einmal gesehen.
Ich selbst wohne seit über 25 Jahren in Berlin und bin damit auf halbem Wege zurück in den Osten, dort, wohin es auch einmal meine Vorfahren gezogen hat. Freiwillig und ohne auf der Flucht zu sein, möchte ich betonen. Aber stimmt das? Vielleicht fühlte ich mich, bevor ich mich auf den Weg gemacht habe, auch getrieben und rastlos, so wie es viele Kriegsenkel erleben. Bis dahin lebte ich lange in einem gewissen Provisorium und konnte mich nicht recht entscheiden, mich endgültig irgendwo niederzulassen. Eine Freundin meinte einmal, als ich wieder auf gepackten Koffern saß: »Hier sieht’s aus wie auf der Flucht.« Vielleicht bin ich aber gar nicht vor etwas geflohen, sondern habe mich vielmehr von der Sehnsucht nach dem »richtigen« Ort leiten lassen, dorthin zu gehen, wo ich heute lebe.
Die Geschichte der Familie meines Mannes, eines Belgiers, beginnt in Frankreich. Auch seine Familie ist von zahlreichen Wanderungen geprägt. Seine Vorfahren kamen als Schneider mit der napoleonischen Armee Anfang des 19. Jahrhunderts über Dinant im wallonischen Teil Belgiens nach Flandern und sind dort bis heute geblieben. Sie haben – die Galauniformen – für die Angehörigen der napoleonischen Armee geschneidert.
Ein Großonkel meines Mannes ist von den Nationalsozialisten in ein KZ deportiert worden. Er hat es überlebt, aber er war danach ein gebrochener Mann und hatte einen Sonderstatus in der Familie inne. Man erlaubte ihm, alles zu tun, was immer er wollte, so merkwürdig es auch gewesen sein mochte. Ein anderer Onkel meines Mannes war Zwangsarbeiter in Deutschland und verliebte sich in die Tochter des Bauernhofs, auf dem er arbeiten musste. Für ihn war die Zwangsarbeit mit seiner ersten großen Jugendliebe verbunden. Er hat mich in dieser Familie – als Deutsche! – besonders willkommen geheißen.
Während der deutschen Besatzung des Dorfs, in dem die Familie meines Mannes lebte und das über ein Kraftwerk verfügte, wollte mein Schwiegervater – damals kaum 20 Jahre alt – die Deutschen mit einer Handgranate attackieren. Er konnte zum Glück noch daran gehindert werden, sonst hätte wohl das ganze Dorf büßen müssen.
Mein Mann hat sich zunächst auf die Spuren seiner Vorfahren begeben und lebte, nachdem er sein Kunststudium in Antwerpen beendet hatte, mehrere Jahre in Paris, ehe er nach Berlin kam.
»Flucht«, »Migration« oder besser »ein immer wieder neues Aufbrechen« waren auch zwischen uns lange Zeit ein Gesprächsthema. Immer wieder überlegten wir, wo wir leben wollten und ob wir nicht lieber nach Belgien ziehen sollten. Erst etwas Drittes hat uns dazu veranlasst, uns tatsächlich niederzulassen, nämlich die sich ankündigende nächste Generation – unser gemeinsames Kind, das in Berlin geboren wurde. Das ließ schließlich eine ganz neue Geschichte entstehen.
Die Kinder der Kriegsenkel können heute auf einen ganz besonderen kulturellen Reichtum in ihrem Leben zurückgreifen, einen Reichtum, der auf den Erfahrungen der Generationen vor ihnen und in der ernsthaften Reflexion und Auseinandersetzung mit ihnen und ihrer Geschichte begründet ist. Auf diesem Weg kann die Geschichte nicht länger nur als Last, sondern auch als reiche Quelle aufgefasst werden. Unsere Kinder haben inzwischen gelernt, »sich statt einer Zwangsheimat aus Glaube, Treue, Tradition und Milieu neue Wahlheimaten zu suchen oder auch zu gestalten: in einer Weltanschauung ihrer Wahl, in wechselnden Partnerschaften ihrer Wahl und in dauerhaften Freundschaften über alle Grenzen hinweg«.6
Die Schlüsselfiguren unserer Geschichte und wir selbst haben nicht nur Leid und eine verbrecherische Geschichte im biografischen Gepäck, sondern Erfahrungen und daraus erworbene Kompetenzen im Umgang mit großen gesellschaftlichen Umwälzungen, die sie und wir am eigenen Leib erlebt und bewältigt haben. Daraus können wir lernen, aufgeschlossen für und wachsam in Bezug auf (politische) Veränderungen zu sein.
Es macht einen Unterschied, ob man sich vorstellt, Teil einer großen Wander- und Flüchtlingsbewegung zu sein, oder »immer noch auf der Flucht« ist. »Wir sind die neuen Nomaden«, haben die Flüchtlingseltern einer Kriegsenkelin über sich gesagt. Diese Haltung ermöglicht es, auf die Suche zu gehen und zu ergründen, wie die Generation es vor uns gemeistert hat und woher sie die Zuversicht nahm, dass es ihnen gelingen würde, sich einen Platz in der jeweiligen Gesellschaft zu verschaffen. Mit ebendieser Haltung können sich die Kriegsenkel auch fragen, ob sie nicht gerade dafür prädestiniert sind, die eigenen Wünsche zu erkennen und umzusetzen, weil ihr mentales Rüstzeug sie dazu befähigt, Veränderungen anders zu erleben und Herausforderungen besser zu meistern.
Dazu waren die Kriegsenkel lange Zeit nicht in der Lage, denn niemand konnte sich so recht erklären, warum viele aus den Jahrgängen von ca. 1950 bis etwa 1980 immer wieder ihre Beziehungen beenden oder ihre Arbeitsstellen wechseln, um rastlos ständig neu anzufangen. Oder warum viele aus diesen Jahrgängen genauso immer wieder anhalten und auf der Bremse stehen. In Therapie und Beratung war man ebenso ratlos angesichts des Phänomens, dass viele aus diesen Jahrgängen mit ihrem Leben hadern und sich fragen, wie sie endlich ihren Platz finden können. Nur wenige professionelle Helferinnen und Helfer konnten sich erklären, warum viele aus diesen Jahrgängen das Gefühl hatten, immer noch auf der Flucht zu sein … so viele Jahre nach dem Faschismus, dem Krieg und der Flucht.
Auch ich als Therapeutin und Coach konnte lange Zeit nicht verstehen, womit das zu tun haben könnte. Viele, die in meine Praxis kamen, zeigten sich zutiefst verunsichert; sie zweifelten häufig an sich selbst und meinten, keine Existenzberechtigung zu haben. Bis heute fühlen sich viele Kriegsenkel entwurzelt, viele rastlos und getrieben. Sie leiden entweder unter völligem Stillstand oder arbeiten bis zum Umfallen. Oftmals können sie bemerkenswerte Karrieren vorweisen und sind beruflich anerkannt und erfolgreich. Trotzdem klagen sie über eine Leere und darüber, dass sich dennoch keine Zufriedenheit einstellt. Viele fragen sich: Bin ich es überhaupt wert, Erfolg zu haben? Bin ich es wert, in einer Beziehung zu leben oder eine Familie zu haben? Darf ich erfolgreicher sein als mein Vater oder meine Mutter, denen dazu die Möglichkeit fehlte, die mit schlimmen Erlebnissen während des Krieges und auf der Flucht konfrontiert waren?
Erst als die Kriegskinder, also die Eltern der Kriegsenkel, mit ihrem Leid in die Öffentlichkeit gingen – siehe der Kriegskinder-Kongress in Frankfurt/Main 2005 mit so herausragenden Experten wie Peter Heinl u. a. –, war es den Kriegsenkeln ein paar Jahre später möglich, ihre eigene Thematik als kollektives Thema in einem gesellschaftlichen Diskurs zu entwickeln. Und so haben sich die in der Mehrzahl Mitte der 1960er-Jahre Geborenen im Zuge dessen als Kriegsenkel neu erfunden.
Und dennoch möchte ich noch einmal genauer fragen: Wie kommt man aber 70 Jahre nach Kriegsende dazu, sich in den Kontext des Zweiten Weltkriegs zu stellen, wo doch die Kriegsenkel in Friedenszeiten und viele in einem relativen Wohlstand und dem unbeirrbaren Glauben an die Zukunft aufgewachsen sind? »Sie suchten sich und fanden ihre Eltern im Krieg«, heißt es in dem Buch Nebelkinder7. Auf der Suche nach sich selbst – also von heute ausgehend – haben die Kriegsenkel einen Zusammenhang entdeckt, der ihnen Erklärungen an die Hand gibt, warum sie geworden sind, wer sie heute sind, und zu wem sie in Zukunft werden können. Diese Fragen sind es auch, die Kriegsenkel in meine Praxis und zu mir als Therapeutin und Coach führen. Sie wollen wissen, warum sie immer wieder schnell aufbrechen müssen und anscheinend keine Zeit dafür haben, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ganz so, als seien sie immer noch auf der Flucht – wie einst ihre (Kriegskinder-)Eltern. Daraus hat sich bei vielen die Sehnsucht entwickelt, endlich anzukommen in privaten und beruflichen Beziehungen, im Leben und in der Gesellschaft und endlich Wurzeln zu schlagen, eine Spur zu hinterlassen und sichtbar zu werden.
Von dieser Sehnsucht ausgehend, schauen die Kriegsenkel ganz neu auf ihr eigenes schwieriges Aufwachsen mit Kriegskinder-Eltern, denn eine Kriegsenkel-Biografie beginnt mit dem Leid dieser Kriegskinder.
Eine typische Kriegsenkel-Biografie ist in einem oft unerkannten Ausmaß vom schwierigen Aufwachsen der Eltern und von deren leidvollen Erfahrungen während der NS- und Kriegszeit geprägt. Aber allein daraus lässt sich das Phänomen des »Immer-wieder-neu-Anfangens« und des »Auf-der-Bremse-Stehens« nicht erklären. Das biografische Gepäck der Kriegsenkel beinhaltet auch die Erfahrungen mit den Herausforderungen der offenen Gesellschaft beziehungsweise der »Vielfaltsgesellschaft«8. Welchen Einfluss können der schnelle Wandel und die zahlreichen und zugleich unübersichtlichen Möglichkeiten dieser Gesellschaft darauf haben, dass sie nicht ankommen können und immer wieder aufbrechen müssen?
Um zu wissen, was die Kriegsenkel in ihrem biografischen Rucksack sowohl an leidvollen Erfahrungen als auch an Sehnsüchten nach neuen Lebensmodellen und an Kompetenzen mit sich führen, lohnt es sich, in einem ersten Schritt das Leben ihrer Eltern als Kriegskinder und in einem zweiten Schritt ihr eigenes Heranwachsen in einer Gesellschaft mit zahlreichen, oftmals unübersichtlichen Optionen und Angeboten zu betrachten.
Um die Kriegsenkel zu verstehen, müssen wir uns anschauen, wer die Kriegs- und Flüchtlingskinder waren und in welcher Weise sie die Kriegsenkel-Generation geprägt haben. Zur Einstimmung auf die Thematik stelle ich einen Brief von einer Frau voran, die in der Nachkriegszeit geboren ist. Sie selbst ist weder Kriegskind noch Kriegsenkelin, aber das Beispiel ihrer Familie macht die ganze Wucht des Krieges deutlich. Schauen wir uns dieses ganz besondere Erbe einmal genauer an.
Liebe Ingrid,
Du hast mit diesem Thema meinen Lebensnerv berührt. Nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit diesen Geschehnissen spüre ich allerdings seit Kurzem, dass ich nicht mehr weit davon entfernt bin, dieses Thema loslassen zu können. Ich kann es immer mehr ohne Schmerzen in mein Leben integrieren.
Seit meiner Jugend bin ich auf der Suche nach Antworten zu genau diesem Thema. Das Leben meiner Eltern war von der Nazizeit geprägt, meine Schwester ein im Krieg geborenes Kind, mein Bruder wurde bald nach der Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft geboren, und als er nach einigen Lebensmonaten starb, nahm sein Tod auch die aufkeimende Hoffnung auf Zukunft mit sich. Später wurde ich als Nachkriegskind in die Wiederaufbauzeit geboren. Somit fanden sich in meiner Familie unterschiedliche Probleme, die jeder Angehörige für sich allein und alle miteinander lebten, aber nicht lösen konnten.
Mein Vater kam traumatisiert, verwundet und unterernährt – wahrscheinlich auch schuldig am Ermorden von Frauen und Kindern der deutschen Feinde – aus der englischen Kriegsgefangenschaft in Italien in sein nach Ausbombung nicht mehr vorhandenes Zuhause in Bonn. Das Trauma wurde im Wiederaufbau verdrängt – aber nachts schlich es sich wohl in viele Schlafzimmer. Auch mein Vater hatte – wie andere aus dem Krieg heimgekehrte Soldaten – nachts hörbare Albträume. Tagsüber hat er unser Überleben gesichert. Er hat die Familie anfangs mit Sozialleistungen über Wasser gehalten, die es aber nur dann gab, wenn man wöchentlich eine bestimmte Stundenzahl beim Aufräumen des Schutts der zerstörten Altstadt half, auch dann, wenn der Körper erschöpft war von Krieg und Gefangenschaft.
Beim Zusammensein mit Freunden, die sich oft und gerne bei uns einfanden, wurde über Kriegserlebnisse und Kämpfe gesprochen, aber nicht über ihre Gefühle. Es waren neu geschlossene Freundschaften, denn bis auf zwei überlebende Freunde aus Vorkriegs- und Kriegszeiten waren die anderen im Krieg gefallen. Ich war – heute denke ich, Gott sei Dank – still zuhörend dabei, denn mit dem Gehörten, verbunden mit dem aufkommenden Wissen über Holocaust und Krieg, konnte ich mir mit den Jahren einiges zusammensetzen und auch erklären. Zahlreiche Fragen blieben. Die Diskrepanz zwischen diesem Wissen, seinen Orden und Auszeichnungen, seiner Zugehörigkeit zur Ordnungspolizei in Polen und Serbien und zur Waffen-SS, der SS-Division »Reichsführer SS« in Korsika, Italien und Ungarn und seiner gelebten Sensibilität konnte ich aber nie auflösen oder gar verstehen. Ich hatte einen liebevollen Vater, einen, den ich jedem Kind nur wünschen kann. Die Zwiespältigkeit war aber für mich irgendwann da, weshalb eine große Verwunderung, eine Irritation geblieben ist. Noch heute sehe ich mir stets mit Herzklopfen neue Dokus oder Fotos sehr genau an, die seine Einsatzorte betreffen, in der Anspannung, ihn möglicherweise darauf zu erkennen, und atme auf, wenn es nicht so ist.
Meine Mutter litt an ihrer kriegsbedingten Traumatisierung und zeigte mir distanzierte Zuwendung – meiner Schwester aber aufgrund gemeinsamer Kriegserlebnisse Verbundenheit. Ich denke, dass ich für sie ein Ersatzkind war für meinen gestorbenen Bruder, denn ich würde heute auf ihren Wunsch sogar seinen Namen tragen, wenn ich ein Junge wäre. Für meinen Vater war ich das Wunschkind, das er hat aufwachsen sehen – meine Schwester war bereits eingeschult, als er aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Aber nach meinem Gefühl waren wir sicher keine Ausnahme mit dieser komplizierten Familienkonstruktion.
Mein Vater ist nach dem Krieg trotz gutem Angebot nicht in seinen geliebten Beruf als Polizist zurückgekehrt, sondern hat gleich ein Handwerk erlernt, mit der Begründung, nie wieder eine Uniform tragen zu wollen, und er lehnte jegliche Einladungen zu Kameradschaftstreffen ab, war sogar Mitbegründer der SPD in unserem Stadtteil. Er hatte offensichtlich seine Lektion gelernt – und heute bin ich erleichtert, dass er durch seinen frühen Tod nicht mehr das Opfer meiner jugendlichen und damals sicherlich inquisitorischen Fragen werden konnte, die von unserer Generation so gestellt wurden, dass in ihnen bereits die Verurteilung lag. Andererseits hätte gerade er mir erklärt und geantwortet. Jedenfalls gibt mir sein Tod die Möglichkeit, dies so glauben zu können. Doch wie hätte er detailliert über Taten reden sollen, die er sich wahrscheinlich selbst nie zu tun zugetraut hatte und die er doch ausführte, auch wenn er diese nun offenbar verurteilte und persönliche Konsequenzen zog.
Bei meiner Mutter war allein schon die Erwähnung einer deutschen Schuld unmöglich, denn sie fühlte sich als Opfer und nicht als Täterin. Sie schwieg und hatte angeblich nichts gesehen und gehört, was in Hitlerdeutschland geschah. Sie entzog sich jeglicher Befragung auch meiner Kinder, die von der Schule einmal die Hausaufgabe bekommen haben, mit den Großeltern über diese Zeit zu reden. Ihre Schwester führte dem von den Nazis eingesetzten Bonner Bürgermeister den Haushalt – und als ich ihr dies als Beweis vorhielt, dass es nicht möglich gewesen ist, gar nichts zu wissen, sagte sie: »Meine Schwester und ich sind uns einig, wir wissen nichts.« Dabei stand ihr Elternhaus in Nachbarschaft zur Synagoge, die in der Reichskristallnacht zerstört wurde. Sie wiederholte erklärend den Satz ihres Pfarrers, dass »die Juden unseren Herrgott gekreuzigt hätten«.
Meine Mutter litt darunter, dass ihre Generation später in der öffentlichen Meinung allein schon durch das Aufwachsen in der NS-Diktatur bereits als Täter gesehen wurde – obwohl sie selbst doch ausgebombt worden war und somit alles verloren hatte und zeitlebens den verbrannten Briefen, Fotos und Erinnerungen nachtrauerte. Das Rheinland war gegen Kriegsende Ziel von Bombardierungen, die später als Probe für die Bombardierung Dresdens in die Geschichte eingingen. Deshalb evakuierte man die Bevölkerung in den ländlichen Osten – an einem Wochentag gingen Züge nach Thüringen, an einem anderen nach Brandenburg. Meine Mutter und meine Schwester bestiegen zusammen mit meiner Tante, deren Sohn und meiner Großmutter in Bonn den Zug nach Brandenburg. Dort wurden sie als »Bombenweiber« empfangen. Sie wurden deshalb so genannt, weil sie aus dem Bombenkrieg im Rheinland kamen. Ihnen wurde bestenfalls ein Platz im Stroh zugewiesen, und nur unwillig gab man ihnen etwas zu essen. Sie wurden von dort bis Frankfurt/Oder »getrieben« und vom Russen »überrollt«, so nannten sie dies später. Was das für die Frauen bedeutete, ahnte man damals. Heute hat man darüber Gewissheit. Lange habe ich meiner Mutter gegenüber daraus keinen Hehl gemacht, dass ich diese Schilderung für etwas übertrieben hielt. Aber dann berichteten im Rheinland alte Frauen Ähnliches von ihrer Evakuierung ins Brandenburgische. Auf der Flucht von der Oder zurück nach Bonn »feierte« meine Schwester auf dem Schoß meiner Mutter sitzend im Schnee unter einem Baum vor den Toren Dresdens im Kreis der anderen Verwandten ihren vierten Geburtstag. Sie hat die helle Bombennacht nie vergessen. Ich habe schon früh die besondere Beziehung von meiner Mutter zu meiner Schwester verstanden und akzeptiert – sie hatte ihre Kindheit in Bunkern im Arm meiner Mutter verbracht. Nach ihrer Einschulung, kurz nach Kriegsende, wurde sie von kriegsversehrten, traumatisierten oder unverbesserlichen (Nazi-)Lehrern mehr schlecht als recht unterrichtet. Diese Kinder sind die gänzlich unschuldigen Opfer und hatten auch nach dem Krieg nicht dieselben Chancen wie die später Geborenen. Ich habe meine Schwester bewundert und geliebt, sie hat mich beschützt und gab mir, was meine Mutter nicht mehr zeigen konnte. Die Trauer um ihren frühen Tod schmerzt heute wie damals.
