Die Kraft der Überflüssigen - Kai Ehlers - E-Book

Die Kraft der Überflüssigen E-Book

Kai Ehlers

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Beschreibung

Überflüssig? Abgedrängt? Kein Ausweg? Keine Perspektive? Nur noch der große Crash? Nur noch Selektion von Nützlichen und nicht Nützlichen? Oder Revolten? Schauen wir genau hin: Die "Überflüssigen" sind nicht das Problem, das entsorgt werden müsste - sie sind die Lösung. Sie sind Ausdruck des über Jahrtausende angesammelten Reichtums der Menschheit - wirtschaftlich, sozial und kulturell. Sie sind Ausdruck der Kräfte, welche die Menschheit heute zur Verfügung hat, um vom physischen Überlebenskampf aller gegen alle in eine ethische Kulturgemeinschaft überzugehen, die am Aufstieg des Menschen zum Menschen orientiert ist und keinen Menschen mehr ausschließt. Das vorliegende Buch zeigt: Wer die "Überflüssigen" sind, welche Kräfte in ihrem "Überflüssigsein" liegen, welchen Widerständen bis hin zu eugenischen Selektionsphantasien der heute Mächtigen ihr Aufbruch ausgesetzt ist, welche Kraft die "Überflüssigen" bilden, wenn sie sich entschließen, ihr Leben selbst zu organisieren - und schließlich, wie der Weg der Selbstorganisation in einer neuen, sozial orientierten Gesellschaft aussehen könnte.

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Seitenzahl: 466

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Die Krise nutzen:

Flucht aus der Wachstumsbrache –

Wie wir wirklich leben wollen

Geleitwort zur Neuauflage

Die „Kraft der ‚Überflüssigen‘“ erscheint hiermit als eigene Neuauflage in neuer Gestaltung, unterstützt durch den „Verein zur Förderung der deutsch-russischen Medienzusammenarbeit. Ursache der Neuauflage sind nicht etwa inhaltliche Korrekturen des 2013 erstmals erschienenen Textes, sondern die – selbst juristisch – nicht aufklärbare Unfähigkeit des Verlages seinen Auslieferungspflichten nachzukommen. So musste ich mich entscheiden, das Buch in eigener Initiative neu herauszugeben, um es im Angebot zu halten.

Die Neuauflage gibt mir jedoch Gelegenheit, die Bedeutung des Themas noch einmal zu betonen. Was bei Erscheinen des Buches vor drei Jahren noch als auf uns zukommende, möglicherweise eruptive Tendenz erscheinen konnte, nämlich der Aufbruch der „Überflüssigen“ aus der Südhalbkugel des Globus, hat sich im Zuge der „Flüchtlingskrise“ inzwischen zur manifesten Herausforderung Europas entwickelt, die dem Problem der hiesigen „Überflüssigen“ die explosive globale Dimension unübersehbar hinzufügt.

Aber weit entfernt davon, das akute Ansteigen des Migrationsdrucks als Aufforderung zu verstehen, den Ursachen dieser Entwicklung jetzt endlich an die Wurzel zu gehen, indem zumindest Ansätze gemacht würden, die dahinter stehenden Ausplünderung des Südens durch den „entwickelten Norden“ zu korrigieren, werden nur die Symptome der Krise bekämpft, um die Flüchtlinge abzudrängen, werden die Zäune noch höher gezogen, wird inzwischen zur militärischen Abwehr der nach Norden drängenden „Flüchtlingsströme“ übergegangen.

Insofern war der Analyse von der Grundtendenz her nichts hinzuzufügen. Leichte statistische Schwankungen der Arbeitslosenstatistik in den „entwickelten Ländern“ sowie der Zahlen der nach Norden strebenden Menschen aus dem Süden haben demgegenüber bloß konjunkturellen Charakter. Ergänzt habe ich die Neuausgabe über einige formale Korrekturen hinaus lediglich um einen Text von mir, der im Vorfeld der Arbeiten zu den „Überflüssigen“ aus Gesprächen mit dem inzwischen verstorbenen Künstler und Kulturökologen Herman Prigann entstanden ist, dessen Projekt „Terra Nova“ am Schluss des Buches vorgestellt wird. Der Text findet sich im Anhang unter der Überschrift „Die Krise nutzen“.

Eine Bemerkung schließlich noch zur Kritik eines Lesers der ersten Auflage, ich hätte den eugenischen Tendenzen, die sich heute abzeichnen, zu viel Platz eingeräumt. Ich gebe zu, es ist mühsam, diese Tendenzen wahrzunehmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Aber anders als der kritische Leser, dem ich sehr dankbar für seinen Einwand bin, sehe ich mich durch die tatsächliche Entwicklung eher bestätigt – nur treten die heutigen eugenischen Tendenzen natürlich nicht in der historisch bekannten Form auf; sie erscheinen heute als Präventionsstrategie im Namen globaler, sogar „ganzheitlicher“ Sicherheit. Die Form dieser Präventionslogik reicht heute von Peter Sloterdijks in schöner Sprache formulierten „Menschenzucht“, über die Verwandlung des individuellen Wunsches nach Gesundheit, über den Druck zum Nutzen der Gemeinschaft nicht krank sein zu dürfen, bis hin in das beständig ansteigende Niveau der über den ganzen Globus sich ausbreitenden Ideologie des Terrors, die letztlich nichts anderes propagiert als die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“. Dabei spielt es schon keine Rolle mehr, wer Terrorist, wer Anti-Terrorist ist.

Um aber zu erkennen, woraus auch die „moderne Eugenik“ wieder hervorgeht, ist es wichtig sich ihres historischen Kerns zu erinnern: Sie war Ausdruck des totalisierten nationalen Einheitsstaates, der den Zugriff auf sämtliche Lebensbereiche, die vollkommene geistige und physische Verfügungsgewalt über den einzelnen Menschen hatte. Die Ideologie und die Realität dieses Einheitsstaates aus der Kraft selbstbewusster Individuen zu überwinden, die sich mit anderen in kooperativer Gemeinschaft für eine lebensförderliche Welt souverän verbinden, steht heute auf der Tagesordnung und wird mit jedem Tag aktueller.

Entwickeln und sortieren wir die möglichen Alternativen.

Ich wünsche ihnen nunmehr eine ertragreiche Lektüre.

Kai Ehlers

Inhaltsverzeichnis

Vorwort:

Warum dieses Buch?

Teil I - Wer darf leben?

Überfluss:

Sieben, acht, neun Milliarden

Kräfte der Zukunft

Wer sind die „Überflüssigen“?

Die jungen Empörten

Die aktiven Alten

Kranke, Behinderte, Hypersensibilisierte

„Spinner“, Spieler, Forscher und Künstler

Proletariat, Prekariat, Drohnen

Exkurs - Unbekannte Antipoden: Marx und Steiner

Ethnologische Korrekturen

Grenzen – neue Zäune:

Nach wie vor Raubbau

Fesselung der Initiative

Die Alten: ausgedient und abgedrängt

Krankheit als Risiko

Virtuelle Selbstverlorenheit

Präventionswahn

Die Geburt von „Transferbabies“ begrenzen?

„Bruch mit der Mangelpflege“ und

Zukunft durch „Anthropotechniken“?

DOK - Definition von Eugenik

Ein Blick auf die biomächtige Gesellschaft

Zwei notwenige Ergänzungen

nicht-faschistische Eugenik und Grenzen des Genom-Wahns

Blick in den Abgrund

Transformationen - Angebote an die verlorene Seele:

Globale Perestroika

Russland

Fragen über Fragen

Islam: „Prinzip des mittleren Weges“

Islam Banking

Der große Zeigefinger

Das chinesische Prinzip

Kontrollierte Experimente statt „Schocktherapie“

„Den Bauch füllen und die Knochen stärken“

Zukunft ohne Hölle?

Die Vielen und die Wenigen

Stärke aus Schwäche

Afrikas Immunschwäche

Der vieldimensionale Tisch

Teil II - Am Horizont die neue Allmende

Eine Hymne anstimmen

:

Ein Signal aus Oslo

DOK - „Kollektive Bedarfsgemeinschaft“

„Tragödie der Allmende“

„Trittbrettfahrer“

Soziales Kapital

Stichwort Arbeit - Stichwort Versorgung

Stichwort Versorgung

Arbeit & Versorgung neu verknüpfen

Eine mögliche Struktur

Der Praxis auf der Spur

Und endlich der Rest der Hymne…

Von der Produktionsgesellschaft zur Bedarfsgesellschaft –

Der Staat

Aufbruch in die Empathie?

Teil III - Der Weg

Das radikale Ich:

Stirner und Steiner

Ort der Umstülpung

Das solidarische Du:

Instinkt und Moral

Mensch, Natur, Technik

Wir und die Heimat:

Im Gespräch

Die Kunst der Pause

Ausflug ins metamorphe Feld

Terra Nova – eine Pause für die Erde

Ausgang

Alles hat seine Zeit

Anhang

Die Krise nutzen:

Ausbruch oder Aufbruch aus der Wachstumsbrache?

Vom ökonomischen zum sozialen und kulturellen Wachstum.

Welches sind die Entwicklungskräfte heute?

Annäherung an einen Kulturraum der Entschleunigung

DOK - Manifest der Empörten

DOK - Bestuschew-Lada: Die Welt im Jahr 2000

Verwendete Literatur

Bücher

Borschüren, Aufsätze

Kai Ehlers, Über den Autor, Eigene Bücher

Danksagung

Julia und Kim-Fabian meinen Kindern und ihren Freunden gewidmet, denen ich den Entschluss zu danken habe, dieses Buch zu schreiben. Für die die Möglichkeit, das Thema dieses Buches mit ihnen in einem gemeinsamen Seminar durcharbeiten zu dürfen danke ich meinen sibirischen Freunden

Des Weiteren danke ich allen, mit denen ich Teilaspekte bereits erarbeiten und in Teilen in den Jahren zuvor vorstellen konnte.

Steffen Andreae von der Kommune Niederkaufungen danke ich für das Gespräch mit ihm; Aisha Prigann für die kritische Überprüfung des Terra Nova Kapitels und die Überlassung der Bilder ihres Vaters.

Sodann danke ich allen, die die Mühe auf sich genommen haben, mir eine Rückmeldung zur ersten Fassung des Manuskriptes zu geben. Ich danke meiner Nachbarin Gisela Kowalewski, die die Arbeit an dem Buch mit gesundem Menschenverstand begleitet hat.

Und ich danke schließlich allen, die meine Arbeitswut tagtäglich ertragen mussten.

Ein ganz besonderer Dank gilt schließlich den vielen ungenannten Autorinnen und Autoren, die mit WIKIPEDIA ein Arbeitsinstrument zur Verfügung stellen, das seinesgleichen bisher nicht hatte.

Vorwort

Liebe Leserinnen, lieber Leser,

„Die Kraft der ‚Überflüssigen’“ – warum dieses Buch? Wie ist dieser Titel zu verstehen? Was kann Kraft mit „Überflüssigen“ zu tun haben? Ist diese Formulierung nicht ein Widerspruch in sich? Ein unsinniges Paradoxon? Und überhaupt, macht es einen Sinn von „Überflüssigen“ zu reden? Wer ist damit gemeint? Wer spricht so?

Lassen Sie mich zunächst aus eigener Erfahrung antworten.

Es waren meine eigenen Kinder, die mich mit solchen Fragen bestürmten: Wo ist mein Platz in der Welt, wenn schon alles besetzt ist? Wofür werde ich noch gebraucht, wenn ich doch nichts ausrichten kann? Wer bin ich, wenn jede meiner Initiativen schon zahllose Vorgängerinnen im Internet hat? Ein Klick auf Facebook und es gibt mich in 10.000 Facetten. Wohin kann ich mich mit meinen Sehnsüchten wenden, wenn sich doch alles nur noch um Geld dreht? Wie soll ich in einer Welt leben, in der ich einer von sieben Milliarden Menschen bin, von denen jedes Jahr Millionen verhungern?1 Was kann ich glauben, wenn im Namen der Menschenrechte gemordet und Kriege geführt, im Namen der Religion Bomben gelegt werden?

Sinnfragen junger Menschen sind natürlich nicht neu. Jede Generation stellt sie und jede Generation muss ihre eigene Antwort finden. Die Antwort meiner Generation war die Kulturrevolution der 60er und der folgenden Jahre; danach war es der ökologische Umschwung. Heute sehen sich alle Generationen gemeinsam einer aus dem Ruder laufenden globalen Profitkultur gegenüber, die dabei ist, die Bewohnbarkeit des Planeten unwiederbringlich zu zerstören.

Was zählt der Mensch noch in dieser Welt?

Vor Jahren schrieb ich meinem heranwachsenden Sohn einen Brief zu diesen Fragen, den ich hier in Auszügen voranstellen möchte:

„Mein Lieber, Du möchtest schöpferisch in einer Weise tätig sein, die den ganzen Menschen fordert, fördert und erfreut – triffst aber auf eine Situation, in der man Dich zum Erfüllungsgehilfen eines bereits stattfindenden, zunehmend automatisierten Prozesses degradiert, in dem dir nur noch die Funktion zufällt, von der großen Zivilisationsmaschine vorgegebene Muster zu bedienen… Das erscheint natürlich als ein persönliches Problem, muss auch von jedem Einzelnen als persönliches Problem gelöst werden, ist aber selbstverständlich kein persönliches Problem, sondern eben Ausdruck der genannten Tatsache, dass die Maschine den Menschen in wachsendem Maße zum Erfüllungsgehilfen eines allgemeinen organisierten technischen Prozesses macht.

Also, was tun? Hier ist der erste Reflex, den ich bestens verstehe: Ausbrechen! Der zweite, den ich ebenso verstehe: den ganzen Mist zerschlagen! Der dritte, auch verständlich, aber natürlich tödlich: Resignation. Zynismus, Nihilismus. Ist alles klar! Geht Dir so, geht all denen so, die in diese Erniedrigung gedrückt werden – das ist die Mehrheit. Eine Minderheit passt sich dem Apparat an – und bedient ihn. Das ist scheinbar ein Privileg, in Wirklichkeit ist auch das ätzend – Stress pur, in dem die Menschen, scheinbar mächtig sind, scheinbar selbstständig, doch sehr schnell verbrannt werden.

Für Menschen wie Dich, die das Pech oder auch das Glück haben, über den eigenen Bauchnabel hinaus zu schauen/schauen zu müssen, gibt es nur eines: die eigene „Überflüssigkeit“ als Chance, als Aufforderung zur Entwicklung von Perspektiven zu nutzen, die über die bloßen Effektivitätsanforderungen der Gegenwart hinausführen…

Ich muss hier zurzeit nicht mehr darüber sagen.

Vielleicht nur noch dies: Mir geht es ja nicht anders – die aktuelle Vernutzung des Menschen als Erfüllungsgehilfe der maschinisierten Zivilisation halte auch ich nur aus, indem ich die Perspektive heraus-arbeite, dass eben diese Zivilisation Kräfte freisetzt, die bisher gebunden waren. In Leben verwandeln kann man diese Kräfte nur, denke ich, wenn man ihren Ursprung aus dem konkreten Prozess der Über-Effektivierung, der Automatisierung etc. pp. erkennt. Das bedeutet einfach: Das Überflüssig-Werden nicht nur als Krankheit der Gesellschaft und als ausweglose eigene Situation zu begreifen, sondern als Freiheitsgewinn, als Aufforderung; die freigesetzten Kräfte anders einzusetzen…“

Es waren die Gespräche mit meinen Kindern und ihren Freunden, die mich dazu brachten, der Frage der „Überflüssigen“ so nachzugehen, wie Sie es auf den folgenden Seiten lesen können; nicht zuletzt war es auch die Tatsache, dass ausgerechnet meine Tochter, vom Ansatz her eher an künstlerischen Fragen als an Politik interessiert, die Weitergabe traumatisierender Erfahrungen am Beispiel des Zweiten Weltkrieges und die damit verbundene Auseinandersetzung mit immer noch nicht überwundenen Folgen des Faschismus als Thema für ihre Diplomarbeit wählte. Schließlich waren es aber auch, das muss ich unbedingt hinzufügen, nachdem ich es beinahe selbst übergangen hätte, die vielen Begegnungen mit den Menschen der ehemaligen Sowjetunion, später Russlands und anderer Gebiete des ehemals real-sozialistischen Raumes, die aus meiner jahrelangen Erforschung der Perestroika und ihrer Folgen hervorgingen.

In diesen Begegnungen erlebte ich in großem und erschreckendem Maßstab, wie aus sozial abgesicherten Menschen, aus strammen oder auch weniger strammen Sozialisten, aus „Helden der Arbeit“ quasi über Nacht ein ganzes Heer von „Überflüssigen“ hervorging, sozial entwurzelt, ratlos, ihres Glaubens beraubt, Menschen, die verzweifelt nach neuen Wegen suchten und immer noch suchen. In dem von dieser Situation ausgehenden Transformationsdruck liegt ein weiterer Impuls, der mich zu diesem Buch führte.

Bevor ich Sie aber aus dieser Einleitung entlasse, möchte ich Ihnen noch einen Text mit auf den Weg geben, der mich auf den verschiedenen Etappen, in denen ich den Fragen der „Überflüssigen“ nachging, die ganzen Jahre über begleitet hat. Es handelt sich um die Geschichte, wir könnten auch ruhigen Gewissens sagen, das Gleichnis vom alten Eichbaum, das sich in den philosophischen Erzählungen Chuang Dsi’s, dem Geistesverwandten und Nachfolger des bekannten chinesischen Weisen Laotse, unter dem Thema „In der Menschenwelt“ findet.2 Die Geschichte steht dort neben weiteren ähnlichen, die sich alle um die Nutzlosigkeit des Nutzens drehen und die alle sehr lesenswert sind.

„Der Zimmermann Stein“, so erzählt Chuang Dsi‘s liebevoll übersetzt von dem Sinologen Richard Wilhelm, „wanderte nach Tsi. Als er nach Kü Yuan kam, sah er einen Eichbaum am Altar, so groß, dass dessen Stamm einen Ochsen verdecken konnte¸ er maß hundert Fuß im Umfang und war fast so hoch wie ein Berg. In einer Höhe von zehn Klafter erst verzweigte er sich in etwa zehn Äste, deren jeder ausgehöhlt ein Boot gegeben hätte. Er galt als eine Sehenswürdigkeit in der ganzen Gegend. Der Meister Zimmermann sah sich nicht nach ihm um, sondern ging seines Weges weiter, ohne innezuhalten. Sein Geselle aber sah sich satt an ihm; dann lief er zu Meister Stein und sprach: ‚Seit ich die Axt in die Hand genommen, um Euch nachzufolgen, Meister, habe ich noch nie ein so schönes Holz erblickt. Ihr aber fandet es nicht der Mühe wert, es anzusehen, sondern gingt einfach weiter, ohne innezuhalten: weshalb?’

Jener sprach: ‚Genug! Rede nicht davon! Es ist ein unnützer Baum. Wolltest du ein Schiff daraus machen, es würde untergehen; wolltest du einen Sarg daraus machen, er würde bald verfaulen; wolltest du Geräte daraus machen, sie würden bald zerbrechen; wolltest du Türen daraus machen, sie würden schwitzen; wolltest du Pfeiler daraus machen, sie würden wurmstichig werden. Aus dem Baum lässt sich nichts machen, man kann ihn zu nichts gebrauchen. Darum hat er es auf ein so hohes Alter bringen können.’

Der Zimmermann Stein kehrte ein. Da erschien ihm der Eichbaum am Erdaltar im Traum und sprach: ‚Mit was für Bäumen möchtest du mich denn vergleichen? Willst du mich vergleichen mit euren Kulturbäumen wie Weißdorn, Birnen, Orangen, Apfelsinen, und was sonst noch Obst und Beeren trägt? Sie bringen kaum ihre Früchte zur Reife, so misshandelt und schändet man sie. Die Äste werden abgebrochen, die Zweige werden geschlitzt. So bringen sie durch ihre Gaben ihr eigenes Leben in Gefahr und vollenden nicht ihrer Jahre Zahl, sondern gehen auf halbem Wege zugrunde, indem sie sich selbst von der Welt solche schlechte Behandlung zuziehen. So geht es überall zu. Darum habe ich mir schon lange Mühe gegeben, ganz nutzlos zu werden. Sterblicher! Und nun habe ich es so weit gebracht, dass mir das vom größten Nutzen ist. Nimm an, ich wäre zu irgendetwas nütze, hätte ich dann wohl diese Größe erreicht? Und außerdem, du und ich, wir sind beide gleichermaßen Geschöpfe. Wie sollte ein Geschöpf dazu kommen, das andere von oben her beurteilen zu wollen! Du, ein sterblicher, unnützer Mensch, was weißt denn du von unnützen Bäumen!’

Meister Stein wachte auf und suchte seinen Traum zu deuten.

Der Geselle sprach: ‚Wenn doch seine Absicht war, nutzlos zu sein, wie kam er dann dazu, als Baum beim Erdaltar zu dienen?’

Jener sprach: ‚Halte den Mund, rede kein Wort mehr darüber! Er wuchs absichtlich da, weil sonst die, die ihn nicht kannten, ihn misshandelt hätten. Wäre er nicht Baum am Erdaltar, so wäre er wohl in Gefahr gekommen, abgehauen zu werden. Außerdem ist das, wozu er dient, von dem Nutzen all der anderen Bäume verschieden, sodass es ganz verkehrt ist, auf ihn die (gewöhnlichen) Maßstäbe anwenden zu wollen.’“

Ein paar Sätze weiter beschließt Chuang Dsi sein Kapitel über die Menschenwelt mit den Worten: „Jedermann weiß, wie nützlich es ist, nützlich zu sein, und niemand weiß, wie nützlich es ist, nutzlos zu sein.“3

Wenn wir nun noch einmal fragen, was dies alles mit der „Kraft der „Überflüssigen“ zu tun hat, dann heißt es: Überflüssiger als der hier geschilderte Baum kann wohl kaum etwas sein. Der Baum hat alles, was ein Baum braucht und mehr: einen mächtigen Stamm, eine Höhe wie ein Berg, Äste vom Volumen eines Bootes, lauter Superlative und ist doch zu nichts nutze – aber eben darum ist er wichtig und eben darum kann er am Erdaltar dienen.

So auch die „Überflüssigen“ – eben darum, weil sie in einer Welt des Überflusses „überflüssig“ sind, werden sie eine Kraft. Man muss es nur verstehen. Dieses einfache Paradoxon, das unsere Welt gegenwärtig erlebt, möchte ich jetzt genauer beleuchten.

Zu diesem Zweck lade ich Sie ein, mit mir zusammen nach der labyrinthischen Methode, das heißt, Umlauf für Umlauf in einer allmählich enger werdenden Pendelbewegung, von der Bestands-aufnahme des Überflusses über die Grenzen und absehbaren Gefahren, durch die heute schon stattfindenden Transformationsprozesse zu möglichen Alternativen und schließlich zu den eigentlichen Kraftquellen vorzudringen.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme und ertragreiche Lektüre,

Kai Ehlers

1 Hunger bedroht die Menschheit auch im 21. Jahrhundert. Jeder siebte Mensch hungert. Weltweit sind es insgesamt 854 Millionen. Jedes Jahr verhungern 8,8 Millionen; alle drei Sekunden stirbt ein Mensch an Hunger. In Afrika hungern 206 Millionen. In Asien und dem Pazifikraum haben 524 Millionen Menschen nicht genug zu essen, 52 Millionen Hungernde zählt Lateinamerika und im Nahen Osten sind es 38 Millionen. Selbst in den Industrieländern gibt es neun Millionen Hungernde.

Quelle: http://www.3sat.de/page/?source=/scobel/126374/index.html

2 Dschuang Dsi: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. Übersetzt von Richard Wilhelm. Diederichs gelbe Reihe, Köln 1969, Buch IV, In der Menschenwelt, S.67

3 ebenda, S. 71

Teil I – Wer darf leben?

Überfluss

Beginnen wir also mit dem offensichtlichsten Widerspruch unserer Zeit, den wir heute beobachten können: Er zeigt sich darin, dass in einer Welt des Überflusses und der zunehmenden globalen Entgrenzung immer mehr Menschen als überflüssig bezeichnet werden oder sich selber so fühlen und immer höhere Zäune gezogen werden.

Unworte wie „Reichen-Ghetto“ oder wie „menschlicher Müll“ bezeichnen heute Realitäten, wenn die Reichen und Superreichen sich hinter immer höheren Mauern verschanzen, während die Ärmsten der Armen auf den Abfallbergen der Welt vegetieren. Von einer 20:80-Gesellschaft ist die Rede, also von einer Gesellschaft, in der 80% der Menschheit zu den „Überflüssigen“ zu zählen sei4; geredet wird auch von einem Ansturm der „Überflüssigen“ auf die „Zivilisation“, die verteidigt, von einem „schrumpfenden Europa“, das geschützt werden müsse. Unausgesprochen, aber unüberhörbar wird die Frage gestellt: Wer darf leben? Und wie? Eine Wiedergeburt eugenischen Denkens im Gewand einer präventiven Sicherung der Zukunft erscheint da am Horizont. Aber erschrecken Sie nicht angesichts dieser kategorischen Feststellungen.

Niemand muss diese Tatsachen für unabwendbar halten. Kein Mensch, einmal geboren, ist von Natur aus überflüssig, das sei hier vorausgeschickt, so wenig wie unser Globus, das Sonnensystem oder das Universum überflüssig sind. Jeder Mensch, der geboren wird, das durfte ich von einer russischen „Nanja“, Kinderfrau lernen, der ich einst mit ihren Schützlingen in der Transsibirischen Eisenbahn begegnete, bringt etwas Neues in die Welt, nicht anders als jeder Stern. Diese Botschaft gibt sie ihren Kindern mit, wenn diese ihre ersten Fragen nach dem Sinn des Daseins stellen. Damit können die Kleinen leben, denke ich.

Auch ist das Wort „überflüssig“ von seinem Wesen her keineswegs ein Schimpfwort. Unsere Sprache erzählt da ihre eigene Geschichte: „Überfluss“ habe ursprünglich „große Fülle“, „Reichlichkeit“, das davon abgeleitete Wort „überflüssig“ habe „strömen“ und „überquellen“ bedeutet. Das lässt sich in jedem etymologischen Lexikon nachlesen. Erst im 16. Jahrhundert verengte die Bedeutung des Wortes „überflüssig“ sich auf „überreichlich“, im 18. Jahrhundert auf „nutzlos“ oder auch „zwecklos“.5 Beides, vor Fülle überströmen’ wie auch ‚nutzlos sein’ im Sinne von ‚zwecklos’ könnte also gemeint sein, wenn von „Überflüssigen“ die Rede ist.

Doch Perspektiven wie die oben genannten provozieren die Frage: Wollen wir wirklich so leben? Soll es wirklich so weitergehen? Es ist ja nicht das erste Mal, dass Zäune gebaut und Menschen, seien es Einzelne, Gruppen, Stände, Klassen oder ganze Völker ausgegrenzt und gar vernichtet werden. Es ist auch nicht das erste Mal, dass die Ausgegrenzten um Teilhabe kämpfen. Es ist aber das erste Mal, dass solche Kämpfe den ganzen Globus erfassen, dass schon die bloße Zahl der „Über-flüssigen“ den Abbau der Zäune, vielleicht sogar deren gewaltsames Niederreißen erwarten lässt. Darin liegt Chance und Bedrohung zugleich.

Es war Jean Jaques Rousseau, der die Abfolge von immer wiederkehrender Ausgrenzung und deren Überwindung durch „Überzählige“ am Vorabend der französischen Revolution zum ersten Mal aus einem unhinterfragten Naturkreislauf heraushob und als gesellschaftliche Tatsache aussprach. In seinem Bemühen, seinen Zeitgenossen einen Weg aus der Ungleichheit zu zeigen, formulierte er im Jahre 1755, wenige Jahre vor dem Ausbruch der französischen Revolution, in seinem programmatisch nach diesem Ziel benannten „Diskurs über die Ungleichheit“ die seither immer wieder zitierte Passage:

„Der Erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: dies ist mein und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Not und Elend und wie viele Schrecken hätte derjenige dem Menschengeschlecht erspart, der die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: ‚Hütet euch, auf diesen Betrüger zu hören; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte allen gehören und die Erde niemanden.’“6

Auf knapp hundert Seiten beschrieb Rousseau sodann, wie die Ungleichheit unter den Menschen durch schrittweise Zerstörung des Naturzustandes entstanden sei, welche die „Überzähligen“7, dazu gezwungen habe „ihren Lebensunterhalt aus der Hand der Reichen entweder zu empfangen oder zu rauben und wie daraus, je nach den verschiedenen Charakteren der einen und der anderen, die Herrschaft und die Knechtschaft oder die Gewalt und die Räubereien entstehen.“ Und weiter dann: „Dies war, oder muss der Ursprung der Gesellschaft und der Gesetze gewesen sein, die dem Schwachen neue Fesseln und dem Reichen neue Kräfte gaben. die natürliche Freiheit unwiederbringlich zerstörten, das Gesetz des Eigentums und der Ungleichheit für immer fixierten, aus einer geschickten Usurpation ein unwiderrufliches Recht machten und um des Profites einiger Ehrgeiziger willen fortan das ganze Menschengeschlecht der Arbeit, der Knechtschaft und dem Elend unterwarfen.“8

Die Französische Revolution fegte die so beschriebene Ungleichheit für ein paar Jahre hinweg, nicht allerdings, ohne zugleich neue Zäune zu errichten. Die Guillotine wütete nicht nur gegen den Adel, mit ihr entledigte sich die neue bürgerliche Herrschaft zugleich der proletarischen Elemente der Revolution, die weitergehende Vorstellungen zu Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit hatten als allein die Freiheit des Geldes herzustellen.

Was sich durchsetzte, war ein auf Profitstreben ausgerichtetes Bürgertum, das aufgebrochen war, die Welt zu erobern.

Renaissance, Reformation, religiöse Impulse wie die Prädestinationslehre der Calvinisten, wie die Leistungsaskese englischer Reformierter, wie die nach Amerika ausgewanderten „Pilgrim-Fathers“ und andere ganz der Diesseitigkeit verpflichtete Gottsucher hatten die Wurzeln für eine Kapitalisierung der Welt gelegt, die scharf zwischen erfolgreichen, also gottgefälligen und nicht erfolgreichen Menschen zweiter Klasse, jenen, die Rousseau die „Überzähligen“ genannt hatte, unterschied.

Seit den Tagen der französischen Revolution hat die Auseinandersetzung um die „Überzähligen“ und die „Zäune“ ihre Geschichte. Als überflüssig bezeichnete der britische Ökonom Thomas Robert Malthus noch während der französischen Revolution die von der einsetzenden Industrialisierung in England hervorgebrachten Armen.

In einem 1798, also ein Jahr vor dem Ende der Revolution, veröffentlichen „Essay on the principle of population“ definierte er die Frage einer möglichen Überbevölkerung als ökonomisches Problem. Er behauptete, mit mathematischer Präzision belegen zu können, dass sich in einer industriellen Gesellschaft wie der damals in England entstehenden Menschen mit unausweichlicher Naturnotwendigkeit schneller vermehrten als Lebensmittel – wenn nicht Krankheiten, Elend und Tod immer wieder für ein Gleichgewicht sorgten.

Berüchtigt wurde Malthus` Verdikt: Ein Mensch, der in einer schon „occupirten Welt“ geboren werde und dessen Familie nicht die Mittel habe, ihn zu ernähren oder dessen Arbeit von der Gesellschaft nicht benötigt werde, habe „nicht das mindeste Recht, irgend einen Teil von Nahrung zu verlangen, und er ist wirklich zu viel auf der Erde. Bei dem großen Gastmahle der Natur ist durchaus kein Gedeck für ihn gelegt. Die Natur gebietet ihm abzutreten, und sie säumt nicht, selbst diesen Befehl zur Ausführung zu bringen.“ 9

Karl Marx war es, der diesen Thesen fast hundert Jahre später, 1887, mit seiner Analyse des Kapitals entgegentrat. Statt die „Paupers“ zu einer die Existenz Englands bedrohenden Überbevölkerung hochzurechnen, wie Malthus es getan habe, statt also von „absolutem Überwuchs“ zu reden, so Marx, müsse vielmehr von einer „relativen Überzähligmachung“ gesprochen werden, mit der sich das Kapital eine „industrielle Reservearmee“ halte.10

Damit war der Grunddissens benannt, in dem sich die Beurteilung des Phänomens der „Überflüssigen“ weiter entwickelte: Hier eine angebliche natürliche, geradezu biologische Unvermeidlichkeit, dort eine von der kapitalistischen Wirtschaftsweise, also von Menschen hervorgebrachte Erscheinung, die folgerichtig auch von Menschen zu korrigieren ist.

Marx hat, um das noch klarer zu sagen, die Entstehung der „Reservearmee“ als unvermeidlichen, wenn auch in seinen sozialen Folgen zu kritisierenden Fortschritt beschrieben; erst im Übergang zur proletarischen Revolution könne dieses Problem bewältigt werden. Für Paul Lafargue11, den Schwiegersohn von Karl Marx, war dieser „Fortschritt“ Anlass, sein berühmtes Pamphlet zum „Lob der Faulheit“ zu verfassen, in welchem er rät, die durch Maschinen eingesparte Arbeitskraft für Erholung, Bildung und Kultur einzusetzen, statt sie für die weitere Steigerung der Produktion überflüssiger Produkte zu verbrauchen.

Ähnlich argumentierten andere Vertreter emanzipatorischer Grundideen, die mit dem Proletariat verbunden waren, bis hin zu Rudolf Steiner. Sie alle gingen dabei davon aus, dass die „Überflüssigen“ keine natürliche Erscheinung, sondern Resultat gesellschaftlicher Verhältnisse, konkret, sozialer Ungerechtigkeit seien.

Aus der Malthusschen Argumentation entwickelte sich dagegen eine geistige Bewegung, die über die Rassismuspropaganda des 18. Jahrhunderts – Arthur de Gobineau und andere - direkt in die Eugenik des 19. und 20. Jahrhunderts führte und – traurig zu sagen – aller historischen Erfahrungen zum Trotz bis in die heutige Genetik führt Für überflüssig hielten schließlich selbst die proletarischen, nicht anders als die pseudo-proletarischen, nationalen Revolutionäre bis hin zu den Nationalsozialisten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, darin Friedrich Nietzsche variierend, das Bürgertum, verdammt dazu, einem „neuen Menschen“ zu weichen, sei es als technokratische, sei es als ideologische Schöpfung; Faschismus und Sozialismus gaben ihm die jeweilige Form: Der wirkliche Mensch degenerierte zum „Volksgenossen“ oder zum „Schräubchen“. Diese hier skizzierte Entwicklung wird im Verlauf des Buches genauer beleuchtet werden.

Was könnte also gemeint sein, wenn heute von „Überflüssigen“ gesprochen wird? Und worin könnte ihre Kraft bestehen?

Nun, es heißt zunächst, wenn wir die engste Bedeutung anschauen, mit der das Wort heute gebraucht wird, dass immer weniger Menschen im profitorientierten Produktionsprozess benötigt werden, weil immer mehr, immer kompliziertere, immer intelligentere und immer effektiver arbeitende Maschinen den Einsatz physischer menschlicher Arbeitskraft, tendenziell sogar geistiger in zunehmendem Maße überflüssig machen.

Immer mehr Arbeitsprozesse werden roboterisiert; Menschen werden, um dies in einem Bild zu verdeutlichen, „unten“ aus ihren Subsistenzen heraus in die industriellen Lohnarbeitsprozesse hineingezogen, dort als Arbeitskraft verwertet, um dann „oben“ in beschleunigtem Maße als nicht mehr benötigt wieder ausgestoßen zu werden. (siehe dazu die nachfolgende Skizze)

Unten ihrer lokalen, ihrer traditionellen Möglichkeiten der Selbstversorgung beraubt, oben als Erwerbslose ohne Einkommen und Lohn ins Nichts entlassen, werden sie unten wie oben an den Rand der menschlichen Gemeinschaft gedrängt, die Gelderwerb durch Lohnarbeit zum Gradmesser des Menschseins erhoben hat. Gleichzeitig werden die, die noch in Lohnarbeit stehen, immer intensiveren Anforderungen unterworfen, die sie hinnehmen müssen, wenn sie nicht ebenfalls zu den Entlassenen gehören wollen.

Schema des globalen Verwertungswolfes

An der Basis der beiden Füße befinden sich Substenz/Eigenversorgung/lokale Wirtschaft; in der Mitte, wo beide Schenkel des X zusammenkommen dreht sich die Produktionsspirale; nach oben hinaus über die beiden auseinandergehenden Schenkel werden links und rechts die Entlassenen ausgespuckt. Es entsteht der Eindruck eines stehenden Fleischwolfes, der von der Basis Menschen rundherum aufsaugt, sie in der Mitte auspresst, und oben leer wieder ausscheidet. Dabei stellt die Mitte den aktiven Teil der Gesellschaft dar, unten und oben befinden sich die Felder, auf denen die „Überflüssigen“ als Rückstand zurückbleiben – unten mit zerstörter Subsistenz, oben als Lohnarbeitslose, (oder auch beides zugleich).

Im Gefolge des technologischen Fortschritts entsteht so eine doppelte Entwürdigung des Menschen, der in die vollkommene Abhängigkeit verfällt – der eine durch Ausgrenzung vom gemeinsamen Wohlstand, der andere in die intensivierte Produktion eingeschlossen, durch die er als Inhaber einer Erwerbsarbeitsstelle zwar über finanzielle Mittel verfügt, selten aber noch über die Kraft und die Fähigkeit, sich ausreichend um sich selbst als Mensch zu kümmern. Diese Entwicklung zieht sich heute durch alle Gesellschaften, gleich, aus welcher Geschichte sie kommen; besonders krass tritt sie in Ländern hervor, die sich auf dem Weg der nachholenden Industrialisierung befinden. Dort werden Millionen von Menschen aus ihren traditionellen Versorgungsverhältnissen gerissen, wie seinerzeit bei Beginn der Industrialisierung in England und dann im übrigen Europa, ohne einen neuen Platz finden zu können, von dem aus sie sich und ihre Familien menschenwürdig versorgen könnten.

Merke gut: Dies alles geschieht heute, obwohl der industrielle Entwicklungsprozess, evolutionär betrachtet, eine zunehmende Befreiung des Menschen von der Notwendigkeit beinhaltet, sein Überleben durch Einsatz seiner physischen Arbeitskraft zu sichern. „Eigentlich“ liegt in dieser zunehmenden Freisetzung „überflüssiger“ Kräfte bei steigender Produktivität heute die Chance für die unterschiedlichen Gesellschaften, ja, für die Menschheit insgesamt, sich mehr als bisher anderen Aufgaben als denen des bloßen physischen Überlebens zuzuwenden. Das wären gute Voraussetzungen für die Entwicklung eines Zuwachses an Freiheitsgraden und Menschenwürde, wenn Freiheit und Menschenwürde an der Fähigkeit des Menschen gemessen würde, sich als Mensch verwirklichen zu können und Formen des Miteinander Lebens zu entwickeln, die den Engpass der gegenwärtigen Produktions- und Lebensverhältnisse hinter sich ließen - und wenn die Verhältnisse, unter denen die „Überflüssigen“ heute freigesetzt werden, als das erkannt würden, was sie sind, als Überfluss nämlich, und wenn dieser Überfluss genutzt würde, die „Überflüssigen“ zu Eigeninitiativen zu ermutigen, statt sie als „Arbeitslose“, genauer als Erwerbslose, die nicht einmal mehr ihre ihnen im Kapitalismus zugedachte Mindestrolle als Konsument ausfüllen können, unter Kontrolle zu halten.

Sieben, acht, neun Milliarden

Eine weitere Tatsache rückt an dieser Stelle in den Blick, die das Problem gewissermaßen verdoppelt oder vielleicht auch vervielfacht: Zeitgleich zur Freisetzung der „Überflüssigen“ aus dem Wirtschaftsprozess steigt die Zahl der Menschen auf dem Globus rasant an. Heute teilen sich sieben Milliarden Menschen den Globus, 2020 werden es neun, 2050 etwa zehn Milliarden sein. Jährlich kommen ca. 80 Millionen Menschen hinzu.

Zwar sind Demographen aller Länder darin einig, dass die Kurve der jährlichen Zuwachsrate der Weltbevölkerung sich entgegen den Erwartungen, die noch in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts galten, abgeflacht habe, dass die Dynamik des Wachstums trotz absolut steigender Bevölkerungszahlen rückläufig sei. Das Gespenst einer allgemeinen “Bevölkerungsexplosion“, welche die „Tragfähigkeit“ des Globus sprengen werde, sei also gebannt, dafür habe sich aber eine gefährliche Disproportion des realen Wachstums herausgebildet. Salopp gesprochen ist als Tatsache zu konstatieren: Die Bevölkerungen der westlichen Industrieländer schrumpfen, einschließlich Russlands, das von dieser Entwicklung am krassesten betroffen ist, die Länder des globalen Südens dagegen erreichen Geburtenraten, die um ein Vielfaches über denen der westlichen Länder liegen.

Während die durchschnittliche Geburtenrate in den alten und älteren Industrieländern des Westens (einschließlich Russlands) statistisch gesprochen mit 1,4 - 1,2 Kindern pro Frau unter die Reproduktionsgrenze zurückgefallen ist und noch immer weiter zurückfällt, ist sie in den heute selbstständig gewordenen Ländern der ehemaligen Kolonien auf drei, vier oder sogar fünf Kinder pro Frau angestiegen. Das gilt allerdings, um gleich zu differenzieren, nicht mehr für China, das im letzten Jahrhundert noch Sorgenkind Nummer eins der Demographen war. Chinas Zuwachsrate, bei nach wie vor steigender absoluter Zahl der Menschen dort, ist ebenfalls deutlich abgeflacht. Es gilt aber nach wie vor für Indien und die Mehrheit der muslimischen Länder, vor allem aber gilt es für Afrika.12

Der Anteil von Jugendlichen in diesen Gesellschaften ist überdurchschnittlich angewachsen, in den Spitzen auf 40 bis 45% der Bevölkerung und wird in der kommenden Generation noch weiter anwachsen.

Entgegen weit verbreiteter Annahmen ist dies jedoch nicht vornehmlich durch muslimische Familienpolitik bedingt, sondern durch andere Faktoren - extreme Armut, Unwissenheit, unterentwickelte Verkehrswege etc., nicht zuletzt auch durch die Verdikte der katholischen Kirche, die den Gebrauch von Kondomen untersagen.13 Festgehalten werden muss aber auch, um der Entstehung eines falschen Bildes vorzubeugen, dass der Anteil der Älteren in diesen Ländern ebenfalls zunimmt.

Kurz, das Wachstum der Weltbevölkerung findet wesentlich in den ehemaligen Kolonien Europas statt, während der europäisch-stämmige Anteil an der Weltbevölkerung schrumpft und relativ zur übrigen Weltbevölkerung altert.

Kräfte der Zukunft

Müssen die sich auf diese Weise vermehrenden Milliarden Menschen notwendigerweise als Bedrohung des Weltfriedens gesehen werden, wie das aus der Logik der heute herrschenden Sicherheitsstrategien folgt?

Nein, müssen sie nicht!

Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (United Nations Population Fund, UNPF) hat seinen hat seinen Weltbevölkerungsbericht 2011 unter die Überschrift „Herausforderung und Chancen“ gestellt: Unter dem Motto: „Wir sind sieben Milliarden Menschen mit sieben Milliarden Möglichkeiten“ heißt es da: „Wir sind überzeugt, dass auf unserer Welt der sieben Milliarden Menschen blühende, nachhaltige Städte möglich sind, produktive Erwerbstätige, die das Wirtschaftswachstum antreiben, nachrückende Jugendgenerationen, die zum Wohlergehen ihres Landes beitragen, und eine Generation älterer Menschen, die gesund ist und sich aktiv an den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Angelegenheiten ihrer Gemeinschaft beteiligt.“14

Insbesondere das wachsende Selbstbewusstsein der jungen Frauengeneration gebe Anlass zur Hoffnung, dass viele Probleme, unter ihnen die wichtige Frage der Geburtenregelung, gelöst werden könnten, auch wenn gerade auf diesem Gebiet noch sehr viel zu tun sei, damit Frauen selbst entscheiden könnten, wie viele Kinder sie gebären wollen.

Und in der Tat! Schauen wir genau hin: Auch wenn die Zäune noch so hoch gezogen werden: Die Hinausgedrängten, ebenso wie die noch nicht Hineingelassenen sind unsere Zukunft! Sie repräsentieren die im Laufe von Jahrtausenden unter großen Opfern erarbeitete Möglichkeit des Menschen, sich unabhängig von der Not unmittelbarer physischer Reproduktion als Mensch verwirklichen zu können, jedenfalls unabhängiger als früher. Sie sind Ausdruck des Reichtums, welcher der Menschheit heute als Erbe ihrer Vorfahren zur Verfügung steht. Die Welt hätte auch heute für alle genug, auch für sieben Milliarden Menschen, wenn nicht künstlich verknappt, das heißt, wenn für den Bedarf und nicht für den Profit produziert würde. Darin besteht kein Zweifel. Selbst erklärtermaßen unpolitische Organisationen wie „Brot für die Welt“ treten inzwischen unter dem von Attac im Jahr 2000 geprägten Motto „Es ist genug für alle da“15 vor die Öffentlichkeit – allerdings machen sie die Bedingung nicht klar, unter welchen der von ihnen benutzte Slogan Gültigkeit hätte, nämlich: das könnte so sein, wenn nicht Profitmaximierung, sondern das Bestreben nach Versorgung aller Menschen die Triebfeder der Produktion wäre.16

Selbst ein Presseorgan wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) – als konservatives Blatt nicht gerade durch ein Eintreten für Weltgerechtigkeit bekannt – fand nichts dabei, anlässlich der Überschreitung der Sieben-Milliarden-Grenze der Weltbevölkerung am Ende des Jahres 2011 zu schreiben17, das sei „zunächst eine gute Nachricht“; die Lebenserwartung steige, die Kindersterblichkeit sinke, immer mehr Krankheiten verlören ihren tödlichen Schrecken. Und „natürlich müsste es keinen Hunger geben, vermutlich nicht einmal dann, wenn zehn oder elf Milliarden Menschen diesen Planeten bevölkerten.“ Bedingung sei allein, „dass sich nicht 40% des weltweiten Kapitals in den Händen von nur 35 Millionen Wohlhabender“ befinden dürften.

Voila! Ein Blick in eine bessere Zukunft von berufener Seite!

Die Tatsachen sprechen für diesen Blick. Die sich herausbildende computergestützte, global vernetzte Dezentralisierung der Produktion schafft heute Voraussetzungen für die Entwicklung von Formen der Arbeit, welche die hierarchischen Strukturen aus den Anfängen der Industrialisierung hinter sich lassen. Die Möglichkeit einer am Bedarf, schärfer gesprochen, einer am Überleben der Menschheit orientierten Produktionstechnik deutet sich an – wenn diese Möglichkeiten tatsächlich ergriffen würden.

Mit unfreiwilliger Klarheit bringt ein Buch diesen Widerspruch zum Ausdruck, dass vor ein paar Jahren von einer Agentur „Accenture“ unter dem Motto „Globalisierung war gestern“18 veröffentlicht wurde. „Accenture“ ist nach eigenen Angaben ein „Internationaler Managementberatungs-, Technologie- und Outsourcing- Dienstleister“, also einschlägig qualifiziert, Aussagen über den aktuellsten Stand wirtschaftlicher Innovationen zu machen.

In dem Buch wird die hochkomplexe, multipolare Welt von morgen in forschem Entwicklungsoptimismus als Geschäftsziel von heute propagiert – eine mobile Produktion, die dem Bedarf folgen müsse! Aber dann zeigt sich auch schon die Doppelwertigkeit der Grenze, an der wir heute stehen: Diese Welt brauche ökologisch bewusste „manpower“, fordert die Agentur. Die Produktionsprozesse müssten „künftig so organisiert sein, dass einzelne Wertschöpfungsabschnitte leicht an andere Standorte verlegt werden können – je nachdem, wo die Arbeitskraft der verschiedenen Levels zu den günstigsten Bedingungen verfügbar ist.“19 Hier geht es also zwar schon um einen Bedarf vor Ort anstelle abstrakter Produktionsberge, die dann durch teure Werbefeldzüge entsorgt werden müssen, aber es geht dabei noch nicht um den Bedarf der Menschen, sondern bisher nur um den des Betriebes, das heißt, zwar schon um dezentrale Formen der Produktion, immer noch nur um Profit. Die „Arbeitskräfte“, müssen den Standortwechseln des Kapitals folgen, ob sie wollen oder nicht – wenn sie nicht zu den Ausgebrannten und „Überflüssigen“ zählen wollen. Eine allgemeine Mobilität, gewissermaßen ein industrielles Nomadentum, das den Arbeitsplätzen nachzieht, wie die Nomaden den Weiden, ist die Folge. Das Netz der wechselnden Niederlassungen wird durch ein mobiles Kommandozentrum erhalten – Internet, Laptop und Roboterisierung vor Ort machen es möglich. Die physische Arbeitskraft ist nur Ergänzung – jederzeit durch andere Menschen an anderen Orten zu ersetzen. Die Zahl der „Überflüssigen“ nimmt im Zuge der Entstehung dieser Strukturen nicht ab, sondern noch zu.

Die Dezentralisierung der Wirtschaft, also die technischen und logistischen Voraussetzungen einer möglichen Demokratisierung der Produktion und der immer noch und sogar vermehrt stattfindende Ausschluss von „Überflüssigen“ aus dem gesellschaftlichen Leben, heißt das, gehen in einem sich immer weiter öffnenden Spagat auseinander.

Die Entwicklung der Produktivkräfte heißt das, um es unmissverständlich und mit Rückgriff auf Karl Marx zu formulieren, rüttelt an den Fesseln der gegenwärtigen Produktionsverhältnisse. Der Übergang zu neuen Produktions- und Lebensverhältnissen steht auf der Tagesordnung. Das Kapital selbst bringt sie hervor. Die „Überflüssigen“ sind der Ausdruck dieses Widerspruchs.

Nicht von ungefähr kommen in den hochindustrialisierten Ländern heute Bestrebungen nach Einführung einer Gemeinwohlökonomie, nach Einführung eines allgemeinen Grundeinkommens, kommen Theorien einer Schenkwirtschaft und andere Alternativen zur herrschenden Lohnarbeits- und der privatwirtschaftlichen Profitordnung auf. Die Idee des Gemeinwohls zielt auf eine Wirtschaft, die weniger am Profit, dafür mehr am Wohl der Gesellschaft und einer ökologischen Ausrichtung der Produktion orientiert ist. Die Forderung nach Einführung eines Grundeinkommens zielt auf ein Einkommen, das eine politische Gemeinschaft bedingungslos jedem ihrer Mitglieder gewährt, gleich wo die Produktion stattfindet.20 Die Vorstellungen zu einer Schenkökonomie gehen darüber hinaus; sie zielen auf eine Ablösung des geldgebundenen Warentausches, den sie durch einen Austausch auf Gegenseitigkeit unterhalb der Geldschwelle ersetzt sehen möchten.21 Initiativen der „Neuen Arbeit“22 wollen „nur“ eine andere Lohnarbeitsordnung.

Diese Vorstellungen sind nicht in allem kompatibel, sogar widersprüchlich, wenn etwa für das Grundeinkommen eine finanzielle Grundsicherung gefordert wird, während die Vertreterinnen und Vertreter der Schenkökonomie das Geld lieber abschaffen, die Initiativen für „Neue Arbeit“ dagegen nur die Arbeit neu organisieren wollen. Im Zusammenklang der unterschiedlichen Initiativen ergibt sich jedoch eine starke Grundkritik an den bestehenden Verhältnissen, die über die jetzige Situation hinausweist.

Wer sind die „Überflüssigen“?

Schauen wir uns also das Heer der „Überflüssigen“ an, wer sie sind, was sie sind, was sie tun – und was sie tun könnten, wenn sie nicht durch eine rückständige Ordnung daran gehindert würden, die von denen aufrechterhalten wird, die Angst vor einer Zukunft haben, in welcher Arbeit nicht mehr einem profitgeleiteten Lohndiktat unterläge, nicht mehr zum Verkauf auf einem „Arbeitsmarkt“ stünde, sondern selbstgewählt, selbstbestimmt und am Bedarf der Arbeitenden orientiert, ja, unausdenkbar, gar ein freies Tun der gegenseitigen Hilfe, ein Geschenk sein könnte.

Erlauben wir uns daher zunächst einen Blick in die Welt des Möglichen.

Eine Freilassung der „Überflüssigen“ könnte das Privileg der Zuteilung des allgemeinen Produktionsvolumens in Frage stellen, das die Nutznießer der gegenwärtigen Ordnung für sich in Anspruch nehmen. Es könnte, genauer gesagt, das System der mehrfachen Ausbeutung der arbeitenden Bevölkerung in Frage stellen. Mehrfache Ausbeutung bedeutet: erstens Ausbeutung des unmittelbaren Produzenten, dem sein Anteil am Mehrwert abgezwackt wird. Das bedeutet zweitens seine Ausbeutung als Konsument, dem überteuerte Waren aufgeschwatzt oder gar aufgezwungen werden. Das bedeutet drittens seine Abkassierung als Steuerzahler, der für die Instandhaltung und den weiteren Ausbau der Infrastruktur, in der er sich als Bürger bewegt, mit aufkommen muss. Es bedeutet, seine faktische Inhaftnahme für die Risikogeschäfte der Banken, die mit seinem Geld spekulieren. Schließlich werden der Bevölkerung Leistungen auch noch in der Form freiwilliger Ehrentätigkeit abgenommen.

Die Kontrolle über diesen komplizierten Apparat der mehrfachen Ausbeutung ginge den Mächtigen von heute verloren, wenn die notwendige Grundversorgung der aus dem Lohnarbeitsverhältnis Gedrängten nicht durch Kontrollnetze wie Hartz IV, sondern in der Form einer Grundversorgung an alle Menschen gleichermaßen ausgegeben würde – ungeachtet der Frage, ob als finanzielle Leistung, als sachliche Vergütung oder in der Form der allgemeinen infrastrukturellen Absicherung des Lebensniveaus oder ob schließlich in einer Mischung aus allen drei Elementen.23

Eine gewaltige Kraft würde freigesetzt, welche die gegenwärtige Lohnarbeitsmarktordnung aushebeln könnte, wenn Arbeit nicht mehr allein an Lohnzahlung gebunden, sondern frei verfügbar wäre – Revolution?

Ja, das Kapital hätte kein Reserveheer an verfügbaren Arbeitskräften mehr – der heute so genannte Arbeitgeber erschiene endlich wieder als der, der er ist: als ein Mensch, der sich um Mitarbeiter für eine gemeinsame Sache bemühen muss.

Der Freilassung der „Überflüssigen“ in den Metropolen entspräche im Übrigen die Öffnung der Grenzen in den hochindustrialisierten Ländern für ein freizügiges Aus- und Einreisen der „Überflüssigen“ aus nachkolonialen Gebieten der Erde.

Selbstverständlich erforderte eine solche Öffnung ein schrittweises Vorgehen, Vortasten geradezu, um soziale Anpassungsprozesse zu ermöglichen, zugleich auch eine andere Entwicklungspolitik. Den nachkolonialen Ländern müsste zugleich beim Aufbau einer Infrastruktur geholfen werden, in der die lokalen Wirtschafts- und Lebensräume gestärkt würden. Es ist klar, dass eine solche Vorgehensweise einer fundamentalen Veränderung der jetzigen internationalen Beziehungen gleichkäme, die bisher allen Beteuerungen der Welt-Handels-Organisation und ähnlicher Organisationen zum Trotz auf die Erhaltung, ja, auf die Herstellung von Abhängigkeiten auf Kosten der lokalen Wirtschaften der ehemals kolonisierten Länder zielt. Die ehemaligen Kolonialisten müssten sich als Erste unter Gleichen einordnen, statt weiterhin ausbeutende Nutznießer unter Ungleichen zu sein – auch das wäre eine Revolution!

Was für ein Ausblick!

Lange, das darf man getrost hinzufügen, wird eine solche Revolution nicht mehr auf sich warten lassen. Die Schuldenkrise der bisherigen Hegemonialstaaten wirkt unübersehbar als gewaltiger, globaler Gleichmacher. Er öffnet China und anderen ehemals kolonisierten Ländern der Erde den Eintritt ins Management der internationalen Beziehungen, sei es bei den Vereinten Nationen, der Welt-Handels-Organisation oder dem Internationalen Währungsfonds. Wie diese Organisationen sich durch ihre Neumitglieder verändern werden, steht noch in den Sternen; dass sie sich verändern werden, ist sicher. Nicht zufällig mahnte die deutsche Kanzlerin bei einem der letzten Parteitage ihrer Stammpartei CDU Ende 2011, man müsse sich nur vorstellen, dass zu Adenauers Zeiten noch jeder fünfte Erdenbürger Europäer gewesen sei, heute dagegen nur noch jeder vierzehnte, um zu wissen, welche Verantwortung „Europa“ heute habe.24 Dieser Auftritt ist exemplarisch. Deutlicher lassen sich die Ängste einer auslaufenden Epoche kaum noch formulieren.

Die jungen Empörten

Gehen wir ins Detail, doch ohne uns im politischen Alltag zu verfangen.

„Überflüssig“ und damit ein Potential der Veränderung sind Millionen Erwerbslose in aller Welt, genauer, diejenigen, die heute keine Arbeit für Lohn finden. Das gilt vor allem für Jugendliche, die noch nicht und für Ältere, die nicht mehr profitabel in der Wirtschaft „genutzt“ werden können. Diese Aussage gilt auch dann, wenn im Einzelnen konjunkturelle Entspannung am „Arbeitsmarkt“ verkündet wird wie etwa in der Mitteilung der deutschen Agentur für Arbeit, dass 2011 über 40.000 Lehrstellen in Deutschland nicht besetzt worden seien.25 Es gilt auch für Erfolgsmeldungen wie die, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland 2011 auf 9,1 Prozent gesunken sei.

Solche Angaben darf man getrost als Ausnahmen von der gegenwärtigen Regel betrachten, wenn nicht gar als geschönt. Nach Angaben des statistischen Bundesamtes Deutschlands waren fast 40% der jungen Deutschen, die eine bezahlte Arbeit gefunden hatten, 2011 in sogenannte prekäre Arbeitsverhältnisse geraten. Das bedeutete: Zeitarbeit, befristete Arbeit oder Teilzeitarbeit für weniger als 20 Stunden die Woche, dazu Löhne vielfach unter 400 Euro im Monat.26 Zudem werden die deutschen Daten durch Daten in anderen Teilen der Europäischen Union und darüber hinaus mehr als relativiert. Das sind, um nur Spitzenzahlen der Jugendarbeitslosigkeit des Jahres 2011 zu nennen: in Spanien 45,7%%, in Griechenland 38,5%, in der Slowakei 33,3%, in Litauen 33,3 % in Lettland 32,6%, in Italien 29,7 % – und so geht es weiter die Reihe abwärts.

Mit „nur“ 9,1% liegt Deutschland am unteren Ende dieser Skala; niedriger liegen nur noch Österreich mit 8,2, die Niederlande mit 7,1%27; England liegt bei 20%, die USA 24,5%. Lassen wir es bei diesen Zahlen – sie ändern sich ohnehin beständig im Detail. So viel aber ist sicher: der Durchschnitt der „überflüssigen“ Jugendlichen der EU-Länder lag 2011 bei ca. 20%. Zu den Jugendlichen ohne Ausbildung oder ohne bezahlte Arbeitsstelle kommen noch die erwerblosen älteren Menschen hinzu. Hier lag Spanien im Jahr 2011 mit 22% ebenfalls an der Spitze. Der EU Schnitt lag bei ca. 10%. Auch bei den erwachsenen Arbeitslosen kommt eine Dunkelziffer an „prekären“ Beschäftigungsverhältnissen hinzu. Entspannung am europäischen „Arbeitsmarkt“ war auch 2012 nicht in Sicht.28

Zusammen bilden diese Millionen ein gewaltiges Potential von Menschen, die dem Lohndiktat nicht mehr unterliegen – jedenfalls nicht direkt. Sie sind gezwungen, ihre eigenen Kräfte zu entfalten, ob sie wollen oder nicht. Was sich da im Ansatz herausbildet, ist ein Netz gegenseitiger Unterstützung, selbstbestimmter Tätigkeiten, vermittelt nach dem Tausch-, hier und da auch bereits nach dem Schenkprinzip, genauer, dem Prinzip gegenseitiger Hilfe und gegenseitiger Gunstbezeugung. eine zweite Realität neben der Lohnarbeit, also „Schwarzarbeit“, wenn wir es in den geltenden Ordnungsbegriffen benennen.

Tendenziell entwickelt sich da eine gemeinschaftliche Bewirtschaftung der uns heute zur Verfügung stehenden Ressourcen; konkret ist es ein Feld der durch die herrschende Lohnarbeitsordnung nicht zugelassenen Tätigkeiten, die sich schon wegen ihrer Ungesetzlichkeit im Flair des Protestes bewegen. ‚Tendenziell’ heißt selbstverständlich: keineswegs alle Erwerbslosen wenden sich aktiven Alternativen zu. Viele bleiben in der Schwarzarbeit stecken, werden von der „Stütze“ gefesselt, sofern sie eine erhalten, oder ordnen sich in der Hoffnung, doch noch einmal gebraucht zu werden, dem Diktat der staatlichen Regulierung des „Arbeitsmarktes“ unter, erstarren in der Verfügbarkeit.

Nichtsdestoweniger bildet das bloße Anwachsen der nationalen „Reservearmeen“ zu einem globalen Heer schon eine kritische Masse, die an der Basis der auf Lohnarbeit gegründeten Gesellschaft rüttelt. Träger möglicher Alternativen sind Erwerbsloseninitiativen, sind die Initiativen für „Neue Arbeit“, ist eine wachsende Zahl von Gemeinschaften, in denen Erwerblose und noch Verdienende Wege des gemeinsamen Wirtschaftens in Experimenten einer ökologischen Bewirtschaftung suchen und finden. Träger ist auch, vornehmlich in Deutschland, die Bewegung für ein bedingungsloses Grundeinkommen, in der viele Erwerbslose aktiv sind, die einfach etwas tun wollen. Das bloße Aufwerfen der Frage nach einem Grundeinkommen, ungeachtet aller Details, stellt ja schon die herrschende Lohnarbeitsordnung und den von ihr ausgehenden Zwang in Frage. Träger sind kleine, radikale Gruppen wie beispielsweise „Die Überflüssigen“, die als gesichtslose Maskierte immer wieder einmal öffentlich medienwirksam auf ihren Status als „Überflüssige“ aufmerksam machen.29 Träger sind schließlich, nicht zu vergessen, auch noch all jene, die befürchten müssen, morgen selbst zu den „Überflüssigen“ zu gehören.

Stilbildend wurden die spanischen Jugendlichen, die mit ihrem „Sternmarsch der Empörten“ am 15. Mai 2011 eine Bewegung anstießen, die sich über ganz Europa und darüber hinaus verbreitete. (siehe dazu das „Manifest der Empörten im Anhang)

Die „Empörten“, konnte man in einigen Kommentaren lesen, bildeten eine Kraft, die mehr in Bewegung gesetzt habe als seinerzeit die 68er. Das klingt ein bisschen emphatisch, doch könnte man einer solchen Perspektive zustimmen, wenn sich der Aufstand der „Empörten“ Europas, der „Occupy“-Bewegung und anderer mit Protesten in den Ländern nachholender Industrialisierung, wo der soziale Protest heute in politische Rebellion übergeht, einschließlich solcher in Ländern des ehemaligen sozialistischen Blocks verbände – und wenn sich diese örtlichen Proteste ihrerseits für eine globale Protestkultur öffneten.

Mit den Protesten in der arabischen Welt hat die Unruhe auch die muslimische Welt, einschließlich Afrikas erreicht. Bemerkenswert an den heutigen Bewegungen ist, dass sie nicht mehr auf das klassische Industrieproletariat beschränkt sind, auch nicht auf ein um die Bauernschaft ergänztes Proletariat, sondern als neuen Typ des Aufständischen den globalen „Wutbürger“ hervorbringen, der gleichermaßen vom Verlangen nach Teilhabe an den Reichtümern und Entwicklungsmöglichkeiten der Welt wie von einer tiefen Angst vor der großen Krise, vor dem Ende des Lebens auf dem Planeten getrieben ist.30

„Wutbürger“ – vom Ursprung her als Schimpfwort von denen entwickelt, die damit die Proteste diffamieren wollen, trifft trotz seines bösen Klanges doch recht gut das, worum es heute geht: Um die gesteigerte Empörung von Menschen, die sich in ihrer Entfaltung als Individuen behindert und in ihren Lebenserwartungen bedroht sehen – oder soeben zu einem Bewusstsein als Individuen erwachen, die erkennen, dass ihnen ein Platz in der Welt zusteht.

Der Weltbürger und die Weltbürgerin, vornehmlich junge, aber auch ältere Menschen, treten auf den Plan, die freie, gleiche, selbstbestimmte Möglichkeiten für alle Menschen ungeachtet ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse, Klasse,, Schicht oder einem bestimmten Alter fordern. Sie tun dies nicht aus Altruismus; es treibt sie dazu, weil sie leben wollen

Die aktiven Alten

„Überflüssig“ und auch sie ein Potential, sind die an Zahl zunehmenden Alten in einer insgesamt älter werdenden Gesellschaft. Die Lebenserwartungen in den entwickelten Industriegesellschaften haben sich in den letzten hundert Jahren nahezu verdoppelt. Auch in den Ländern mit nachholender Industrialisierung steigen die Lebenserwartungen ungeachtet der disproportionalen Entwicklung der Bevölkerungskurven in verschiedenen Teilen der Welt.

Schauen wir also, welche Kraft die Alten darstellen können.

Im UNPFA-Weltbevölkerungsbericht 2011 heißt es dazu unter der schönen Überschrift „Die Welt ergraut“: „In jedem Land – ob reich oder arm, ob Industrie- oder Entwicklungsland – altert die Bevölkerung mehr oder weniger. Während die heutige Jugend ein mittleres und höheres Lebensalter erreicht, wird die Gruppe der Alten bis mindestens 2050 schneller wachsen als irgend deine andere Altersgruppe der Weltbevölkerung. Zu diesem Ergebnis kommt der von der Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen veröffentlichte Bericht „World Population Aging 1950 – 2050“. In den Ländern, in denen die Lebensdauer hoch ist, wurde diese große politische Herausforderung bereits erkannt. Auch in Ländern mit mittlerem Einkommen und in den einkommensschwachen Ländern steigen die Bevölkerungsanteile der über Sechzigjährigen, der über Siebzigjährigen und in einigen Fällen sogar der über Achtzigjährigen langsam, aber stetig an.“

In den Industrieländern, so der Bericht weiter, sei die Lebenserwartung zwischen 1950 und 2010 um elf Jahre gestiegen; in weniger entwickelten Regionen sei die Zunahme noch wesentlich höher gewesen: „Dort stieg die Lebenserwartung im gleichen Zeitraum um 26 Jahre. In den ärmsten Entwicklungsländern betrug die Zunahme 19,5 Jahre.“ 31

Für Deutschland nennt das Bundesfamilienministerium die bemerkenswerte Zahl von 30 Jahren, um die sich die Lebenserwartung im Verlauf der letzten 100 Jahre verlängert habe.32

Ein wachsendes Potential an Erfahrung und Lebensweisheit in den älteren Teilen der Gesellschaften baut sich auf, das der nachwachsenden Generation zur Seite stehen könnte. Mehr und mehr Alte suchen heute ein nachberufliches Betätigungsfeld, in das sie ihre Lebenserfahrungen einbringen können. Neben der zweiten Realität der jungen und früh entlassenen Lohnarbeitslosen entsteht so eine dritte Realität, die aus der Altenbildung als neuer Kulturimpuls hervorgeht. Weltweit werden inzwischen die unterschiedlichsten Programme aufgelegt, um dieser Entwicklung gerecht zu werden.

In ihrem Programm „Neue Bilder vom Alter“ 33 aus dem September 2011 wirbt Bundesfamilienministerium Deutschlands zum Beispiel für eine wirtschaftliche und kulturelle Einbindung der Alten in die Gesellschaft – nicht ohne Hinweis darauf, dass es der schrumpfenden deutschen Bevölkerung in nächster Zukunft sonst an Masse fehlen könnte, die Alten zu versorgen. Ähnliche Initiativen werden rundum entwickelt.

Exemplarisch ist China, das infolge seiner rigiden Ein-Kind-Politik noch stärker als andere Länder vor dem Problem einer alternden Bevölkerung steht. Als Folge der schnellen Industrialisierung ist dort das Phänomen der „leeren Nester“ entstanden, weil junge Menschen auf der Suche nach Arbeit ihre Familien auf dem Lande oder in kleinen Städten verlassen. Die Alten bleiben allein in viel zu großen Häusern zurück. Angesichts dieser Tatsachen, so berichten chinesische Bevölkerungswissenschaftler, bemühe sich die Regierung um eine Politik, die Menschen im hohen Alter das Wohnen zu Hause ermöglichen. Die Alten wünschten es so und außerdem spare es Kosten für den Neubau von Unterkünften und die Bereitstellung zusätzlicher Dienstleistungen.34 Es liegt auf der Hand, dass eine Politik, sei es in China, sei es anderswo die Familien wieder zusammenbringen will, dezentrale Arbeits- und Lebensangebote erhalten oder schaffen muss, wo junge und ältere Menschen eine neue Basis des Zusammenlebens finden können. Es wird sehr spannend sein zu beobachten, was in China aus diesen Bemühungen entsteht.

So oder so weist auch diese Entwicklung – und dies nicht nur in China, sondern weltweit – über die Lohnarbeitsordnung, welche die Generationen in Teilzeitarbeiter zerreißt, hinaus.

Kranke, Behinderte, Hypersensibilisierte

„Überflüssig“ ist die wachsende Zahl von kranken, behinderten oder hypersensibilisierten Menschen in Ländern wie Deutschland. Es wird Sie überraschen, wie es mich überrascht hat, eine Mitteilung des deutschen Statistischen Bundesamtes35 zu lesen, wonach in Deutschland zur Zeit, das heißt 2010/11 etwa 8,7, Millionen Behinderter leben. Das wären rund 10% der Bevölkerung.

Nach diesem Befund, dem man gut und gern noch eine hohe Dunkelziffer von Menschen hinzufügen darf, die sich aus Scham oder Unkenntnis nicht an die Ämter wenden, befände sich die Bevölkerung Deutschlands nicht nur auf dem Weg zu vergreisen, wie im letzten Kapitel besprochen. Sie wäre auch dabei, ein Volk der Kranken und Behinderten zu werden.36

Bei genauem Hinsehen ist die Zunahme der Zahl Behinderter jedoch Ausdruck längerer Lebensdauer, gewachsener medizinischer Standards wie auch einer höheren Wertschätzung des Lebens. Das lässt sich der Statistik ebenso entnehmen, wenn angegeben wird, knapp die Hälfte der Behinderten gehöre der Altersgruppe zwischen 55 und 75 Jahren an, wie die erschreckenden 10%, die aus ihr hervorgerechnet werden. Man muss nur erkennen, dass Beschwerden, die früher als Krankheiten abgehakt wurden, einschließlich verschiedener Altersbeschwerden, heute als Behinderungen betrachtet werden.

Alter ist aber nicht identisch mit Krankheit und Krankheit nicht mit Behinderung; Behinderung wiederum ist nicht identisch mit Lebensunfähigkeit oder sozialem Unvermögen. Die Alten, die Kranken und mehr noch die Behinderten verfügen nicht selten, wenn sie nicht weggesperrt werden, über besondere, soziale, emotionale oder seelische Fähigkeiten, die das heute „Normale“ oft weit hinter sich lassen. Eine wachsende Literatur über „Krankheit als Weg“37, über „Behinderung als Chance“38 und Ähnliches, die heute Millionen von Menschen erreicht. gibt darüber Auskunft.

Die Entwicklung von staatlichen und privaten Eingliederungshilfen, ein boomender therapeutischer Markt, der auch dem Schwächsten noch eine Lebensmöglichkeit geben will, machen die Bedeutung dieser Entwicklung sichtbar: Heute sind Lebensweisen möglich, die in frühen Gesellschaften ausgegliedert, zu Beginn der Industrialisierung ausgesondert, im Zeichen der Zwangsindustrialisierungen des 20. Jahrhunderts als „lebensunwertes Leben“ vernichtet wurden. In dem Maße, in dem eine Gesellschaft ihren Kranken, Schwachen und Behinderten zu einem menschlichen Leben verhilft, wird ihr kulturelles Niveau erkennbar – und wird dieses Niveau heute gemessen.

Das Annehmen von Hilfe ist eine Entscheidung, die eigene „Nutzlosigkeit“ und „Überflüssigkeit“ zu akzeptieren und darin einen Wert zu erkennen, der menschliche Beziehungen begründet und sie erhält; auch sich helfen zu lassen ist eine Leistung, die Kommunikation herstellt, Hilfsbereitschaft fördert, Wärmeräume und Seelenkräfte entstehen lässt. „Überflüssig“ zu sein kann ein Geschenk sein, in dem Menschlichkeit entsteht. Das gilt umgekehrt auch für diejenigen, die sich entschließen, Kranken, Behinderten, Alten oder Kindern zu helfen. Beides, helfen und sich helfen zu lassen, sind wichtige Gegenimpulse zu den kalten Abläufen der Technik und der Ökonomisierung des Lebens. Die einen wie die anderen erhalten menschliche Wärme und Bestätigung ihres Da- und Soseins aus einer solchen Beziehung, die Qualität der „Mütterlichkeit“ auf der einen, der „Kindlichkeit“ auf der anderen. Das Erlebnis des „Menschseins“ erwächst hier aus der direkten Beziehung. Hier kann ein neuer Begriff von „Heimat“ aus der Wiederentdeckung von gegenseitiger Hilfe entstehen, die keineswegs nur dem kranken oder behinderten Körper gilt, sondern Geist und Seele erfrischt. Das alles eröffnet einen weiten empathischen Horizont.

Bewegend und erhellend, was Rüdiger Dahlke, selbst Vater einer Tochter mit Down-Syndrom, die zur Zeit des Gespräches fünf Jahre alt war, in einem Interviewer auf die Frage antwortete, worin die Chance eines Umgangs mit Behinderten bestehe: „Wenn der Intellekt zum Beispiel weitgehend wegfällt, bei geistig behinderten Kindern, dann ist da ja immer ein sehr viel stärkerer gefühlsmäßiger Bereich wunderbar entwickelt. Und den bekommt man auch viel, viel mehr mit. Das sind so Dinge, die dann ganz schnell sehr direkt spürbar werden. Wenn unsere Tochter ein Problem spürt, dann nimmt sie den Kopf von meiner Frau und mir und hält unsere Köpfe minutenlang zusammen. Das ist etwas, was natürlich viel mit uns macht. Vom Therapeutischen her muss ich sagen, therapiert sie uns auf eine sehr sanfte und liebevolle Weise, in einem Ausmaß, wie ich das von guten Therapeuten gar nicht erlebt habe. Ich habe das bei vielen Eltern gesehen, die sich darauf einlassen, dass sie von den besonderen Kindern auch besonders gelernt haben und tiefer berührt wurden. Es ist einfach