Die Kunst der Begegnung - Nana Walzer - E-Book

Die Kunst der Begegnung E-Book

Nana Walzer

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Beschreibung

Kaum etwas berührt uns Menschen mehr als Beziehungen. Aber nicht immer gelingen sie. Privat wie im beruflichen Umfeld liegt in der Qualität von Begegnungen die große Chance, in der heutigen sehr veränderungsfreudigen Zeit tiefgreifende und nachhaltige Zufriedenheit zu entwickeln, selbst zu initiieren und immer wieder zu erleben. Es gibt unendlich viele Arten und Weisen, Mittel und Wege, einander zu begegnen oder Beziehungen zu führen. Aber es sind ganz bestimmte Bedingungen, die eine Begegnung tiefer und elektrisierender werden lassen und dadurch Beziehungen auf Dauer bereichern.

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Seitenzahl: 323

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Nana Walzer

Die Kunst der Begegnung

Vom Ich zum Wir.Der Weg zu einer erfüllenden Beziehung

Nana Walzer

Die Kunst derBegegnung

Vom Ich zum Wir.Der Weg zu einererfüllenden Beziehung

Im Buch wird „der Mensch“ angesprochen. Wenn es also „der Partner“ heißt, ist der Mensch an unserer Seite gemeint, gleich welchen Geschlechtes.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Printed in Austria

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

1. Auflage 2016

© 2016 by Braumüller GmbH

Servitengasse 5, A-1090 Wien

www.braumueller.at

Bild: Enso (Cover + S. 3, 23, 167, 223); © Cienpies Design | shutterstock.com

Druck: Druckerei Theiss GmbH, A-9431 St. Stefan im Lavanttal

ISBN 978-3-99100-171-3

Inhalt

VORWORT – Spiele das Spiel

EINLEITUNG – Begegnung in Beziehungen

TEIL I REFLEXION – DER WEG ZU MEHR FREIHEIT

1 I DER AUSGANG: Eins-Sein

2 I DIE ANALYSE: Selbstverlust

3 I DER HINTERGRUND: Beziehungsmuster

4 I DIE MAGIE: Anziehungskraft

5 I DIE WIRKUNG: Echt, oder …?

TEIL II RADIANCE – DER WEG ZU MEHR STRAHLKRAFT

6 II DIE WIRKLICHKEIT: Triff deine Wahl

7 II DER WUNSCH: Ewige Liebe, zeitlose Leidenschaft

8 II DAS ZIEL: Der Eine sein

9 II DIE VERTIEFUNG: Begegne dir selbst

10 II DER DURCHBLICK: Die Leichtigkeit des Seins

TEIL III RESONANZ – DER WEG ZU MEHR WIRKUNG

11 III DIE KUNST: Ich und Wir

12 III DER KÜNSTLER: Meistere den Moment

NACHWORT – Mut zum Mehr

DANK

REFERENZEN

VORWORT – Spiele das Spiel

„Spiele das Spiel. Gefährde die Arbeit noch mehr. Sei nicht die Hauptperson. Such die Gegenüberstellung. Aber sei absichtslos. Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts. Sei weich und stark. Sei schlau, lass dich ein und verachte den Sieg. Beobachte nicht, prüfe nicht, sondern bleib geistesgegenwärtig bereit für die Zeichen. Sei erschütterbar. Zeig deine Augen, wink die andern ins Tiefe, sorge für den Raum und betrachte einen jeden in seinem Bild. Entscheide nur begeistert. Scheitere ruhig. Vor allem hab Zeit und nimm Umwege. Lass dich ablenken. Mach sozusagen Urlaub. Überhör keinen Baum und kein Wasser. Kehr ein, so du Lust hast, und gönn dir die Sonne. Vergiss die Angehörigen, bestärke die Unbekannten, bück dich nach Nebensachen, weich aus in die Menschenleere, pfeif auf das Schicksalsdrama, missachte das Unglück, zerlach den Konflikt. Beweg dich in deinen Eigenfarben, bis du im Recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird. Geh über Dörfer. Ich komme dir nach.“

Peter Handke

Ich liebe diese Textstelle. Sie hängt gerahmt vor mir, hier im Arbeitszimmer. Wenn ich von meinem Schreibtisch aufsehe, auf der Suche nach Inspiration, lese ich die Sätze einzeln oder die gesamte Passage in einem. Immer und immer wieder. Seit Jahren. Diese Zeilen bestärken mich in meinem Tun, bringen mir mein eigentliches Anliegen immer wieder zu Bewusstsein und beantworten auch die Frage, warum ich dieses Buch schreibe. Meine Sehnsucht ist es, reifen Menschen zu begegnen. Egal wo und wann – auf der Straße, in der U-Bahn, im Café, beim Konzert, zu Hause. Reife hat für mich nichts mit dem Alter zu tun. Eher mit Lebenserfahrung, einer gesunden Distanz zu sich und der Welt sowie mit der Fähigkeit, sich auf den Moment und auf andere Menschen einzulassen. Es geht mir spürbar unter die Haut, und bisweilen auch auf die Nerven, dass viele Menschen, denen ich im täglichen Leben begegne, an irgendetwas zu leiden scheinen. An diesen Leiden tragen aus Sicht der Leidenden meist „die anderen“ oder die äußeren Umstände, die Vergangenheit oder schlichtweg das Pech die Schuld. Sie suchen Bestätigung für ihr Leiden in unausgesprochenen Annahmen wie „Sind wir nicht alle Opfer?“ oder „Warum ist das Leben nicht so, wie es sein sollte?“.

„Aber“, möchte ich dann antworten, „sind es nicht wir selbst, die in jedem Moment bewusst oder unbewusst wählen, wie wir ihn erleben und wie wir auf innere und äußere Herausforderungen (re)agieren?“ Meine Überzeugung möchte rufen: „Nein, wir werden nicht gelebt! Es ist unser Leben, das eines jeden Einzelnen, das in Verbindung mit seiner Umwelt steht und auf diese einwirkt. Niemand anders trägt die Verantwortung dafür, wie es uns geht, außer wir selbst.“ Ich lasse es normalerweise bleiben, dies laut auszusprechen. Viele haben sich an ihr Leid gewöhnt, sind eigenartig zufrieden mit ihrer Unzufriedenheit, fühlen sich geborgen in ihrer Gewohnheit.

Reife Menschen hingegen wissen dies, sie wissen um die Möglichkeit, sich selbst zu bestimmen. Und dieses Wissen lässt sie auf eine höchst eigentümliche Weise verständnisvoll milde lächeln. „Selbstverantwortung für die eigenen Zustände, befreit von Abhängigkeit und Bewertung“ könnte die Zauberformel für einen derartigen Seelenfrieden lauten. Wer sie anwendet, weiß, wie wir mit uns und anderen so umgehen, dass die Beziehungen, die wir (er)leben uns faszinieren, bereichern, beglücken und bewegen. Dieses Buch handelt von dieser Macht des Handelns und im selben Atemzug von der Fülle des Erlebens, die mit eben jenem wissenden Tun einhergehen.

Obwohl wir unser Leben und unsere Beziehungen – also wie wir mit uns und anderen umgehen – selbst in der Hand haben, ist es nicht einfach, beides, nämlich Leben und Beziehungen, zu meistern. So habe ich dieses Buch für alle offenen, reflexionsfreudigen und lebenshungrigen Menschen unter uns geschrieben, die an die Befreiung von Altem und die Möglichkeit von Neuem glauben. Für Menschen, die bereit für spannende Beziehungen sind und die zugleich das „Anstehen“ in den verschiedensten Beziehungs-Situationen nur zu gut kennen.

Selbst in den stabilsten langfristigen Arbeits-, Familien-, Freundschafts- oder Paarbeziehungen gibt es Phasen der Unzufriedenheit. Und trotz des Wissens, dass wir unsere Welt- und Selbstbilder zumindest mit-erschaffen (ko-kreieren, wie es so schön heißt), fühlt sich das Leben oft anders an, als von uns erhofft. An dieser Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist die Art und Weise der Interaktion mit uns im Inneren und mit anderen im Außen stark beteiligt. In diesen Methoden des Umganges mit (zwischen-)menschlichen Herausforderungen liegen oft ungeahnte Wege, sich und anderen das Leben leichter, intensiver, bereichernder und nicht zuletzt befriedigender zu machen.

Um den Prozess hin zu den magischen Momenten des Miteinanders besonders anregend zu gestalten, kommen im Buch drei verschiedene Stimmen zu Wort:

Zum einen erzählen die Moments of my life von persönlichen Erlebnissen, die ich normalerweise nur guten Vertrauten offenbaren würde. Daher erlaube ich mir, Sie ab jetzt im Buch mit „Du“ anzusprechen. Das vertraute „Du“ ist auch der Intimität des Prozesses, in der du dich spätestens im Laufe der Übungen erfahren wirst, geschuldet: Um individuelle Analysen durchführen und persönliche Lösungen entwickeln zu können, findest du im Buch viele praktische Übungen (grau hinterlegt). Sie haben außer dem Erkenntnisgewinn vor allen Dingen die unmittelbare Anwendung des Inhaltes und die Umsetzung deiner Ideen und Pläne in dein Leben zum Ziel.

Die beiden anderen Stimmen stelle ich mir als weise Frau und lebenserfahrenen Mann vor – unverblümt, mit hellem Verstand und von schmunzelnder Natur: Die Magic Mom bringt den Stand der Dinge kurz und knackig auf einen Punkt. Sie spricht als der personifizierte Magic Moment. So nimmt sie quasi die „Erlebnisperspektive“ ein und erklärt, wie etwas funktioniert. Im besten Fall löst ihre Stimme einen „Aha-Moment“ aus, der durch die Kraft deines nachvollziehenden (Wieder-)Erkennens selbst zu einem kleinen magischen Moment wird. Dabei verkörpert die Magic Mom nicht unbedingt eine „Mom“ im Sinne einer Mutter, sondern steht für eine Stimme, die klar und direkt sagt, was Sache ist. Nicht weil „sie es besser weiß“, sondern weil sie sich selbst und uns Menschen im Laufe des (Er-) Lebens genau kennengelernt hat.

Die zweite Stimme, der Master of Magic Moments, empfiehlt mögliche Wege, um allgemeine Herausforderungen in konkrete Bereicherungen verwandeln zu können. Er zeigt effektive Möglichkeiten zur konkreten Veränderung auf, indem er wirksame Hebel zur praktischen Verwendung anbietet, die es ermöglichen, vom leidgeplagten Problembewusstsein zur bereichernden Lösungsfindung zu gelangen.

Die Kunst der Begegnung handelt prinzipiell von allen Arten an Beziehungen, die wir eingehen und in denen wir uns erleben. Viel Raum wird zunächst der Beziehung zwischen und zu den Eltern sowie der familiären Prägung gewidmet, da die dort entstehenden Muster unser Beziehungserleben grundsätzlich stark beeinflussen. Der partnerschaftlichen Beziehung wird ebenfalls große Beachtung geschenkt, weil kaum eine Beziehung erfüllender sein kann als eine wundervolle Partnerschaft, die uns immer wieder mit magischen Momenten überrascht und beglückt. Auch nahe Freundschaften, andere zentrale Familienverbindungen und wichtige Arbeitsbeziehungen werden betrachtet und in Bezug zu unseren grundlegenden Beziehungsmustern gesetzt. Und letztendlich gibt es noch jene ungeahnten, vielleicht sogar „namenlosen“ Begegnungen mit Unbekannten, die das Potenzial zur zwischenmenschlichen Magie haben …

Das „Lesen“ dieses Arbeitsbuches beinhaltet Pausen zum Nachdenken, Momente zum Hinspüren und Einfühlen, um Assoziationen fließen zu lassen. Es handelt davon, schon bestehende, gerade entstehende und noch kommende Verbindungen zu sich selbst und zu anderen breiter, weiter, freier und freudvoller erfahren zu können. In dem bewussten Betreten, Erleben und Gestalten dieses neuen Spielraumes entwickeln und entfalten sich berührende und bewegende, bereichernde und bezaubernde Begegnungen und Beziehungen. Solche Verbindungen beglücken uns durch ihre einzigartige Qualität, die sich etwa in Form jener magischen Momente zeigt, in denen sich das Ich im Wir oder umgekehrt begegnet. In diesen unvergesslichen Augenblicken erkennen wir, wer wir sind, und überraschen uns und einander damit, wer wir noch sein können.

Wer willst du sein und wie willst du anderen begegnen? Es liegt in deiner Hand, wie du dich und andere erleben möchtest. Auch wie du ab jetzt vorgehen möchtest: Du kannst das Buch lesen, wie du willst, kannst nach Lust, Laune und Leidensdruck dort einsteigen, wo es dich gerade besonders anspricht. Jedes Kapitel ist eine in sich geschlossene Einheit. Gehst du das Ganze von Anfang bis Ende durch, machst du quasi ein „All-over-Work-out“ für dein Beziehungsleben. Dadurch gewinnst du einen Rundumblick auf dich und deine Umgebung und stellst die Weichen für ein wahrlich Wundervolles Beziehungsleben.

Dieses Buch begleitet dich Schritt für Schritt auf deinem Weg zu mehr und intensiveren magischen Momenten des Miteinanders – und über diese Augenblicke köstlicher Verbundenheit hinaus letztendlich zu erfüllenden Beziehungen. Es wurde für Menschen mit einer gewissen Lebenserfahrung geschrieben, die jedoch nicht an ein gewisses Alter gebunden ist: Menschen, die erfahren haben, dass das Leben zwar ein Wunder ist, aber die Liebe selten ideal verläuft. Deine Wünsche, Träume und Vorstellungen sind bereits das eine oder andere Mal enttäuscht worden. Frust und Zorn sind dir nicht fremd und du kennst dich auch in traurigem Zustand. Du bist irgendwo in der unbestimmten Mitte des Lebens, es läuft ganz o. k., bloß nicht wirklich optimal. Dir ist ein klein bisschen mulmig, vielleicht nur ganz tief in dir drin, wenn du an die Zukunft denkst. Du kennst die leichte Müdigkeit in deinem Körper schon ein Weilchen, denn du hast bereits viel gesehen, viel erlebt, viel probiert. Dennoch existiert ein Teil in dir, der unbefriedigt ist und weiß, dass es da noch etwas gibt, das zu sein und zu erleben sich lohnt. Er ruft dich manchmal leise, manchmal lauter, fordert dich auf, etwas zu unternehmen. Du suchst vielleicht keine theoretischen Konzepte, sondern vielmehr praktische Erfahrungen, die dich weiterbringen. Erlebnisse, die das Leben noch lebenswerter machen, die es erfüllen, statt es auszufüllen. Du kannst dich zwar manchmal entspannen, bist aber nicht allzu oft himmelhoch jauchzend glücklich. Du bist der Leichtigkeit des Lebens nicht abgeneigt und dir ist die Schwere des Alltags nicht unbekannt. Beruflich oder in Beziehungsangelegenheiten bist du durchaus erfolgreich, zugleich aber auch nicht wirklich zufrieden. Dein Herz weiß zu lieben und sich zu schützen, dein Geist weiß zu denken und hält das Gedachte nicht für der Weisheit letzten Schluss …

Du liest dies mit dem Anflug eines inneren Lächelns, während du nach außen hin sichtbar möglicherweise sogar gerade die Stirn runzelst. Du weißt noch nicht, wo dich diese Lektüre hinführt oder ob du bis zum Ende in einem Zug dranbleiben wirst. Aber es gibt gewisse Hoffnungen, die dich zum Weiterlesen verführen: Du möchtest Unbekanntes erfahren, an Grenzen gehen, Gewichtigem begegnen, so manches Alte loslassen und dir das Tor zu ungeahnten Gefühlen eröffnen.

So viel steht jedenfalls fest: Machst du dich auf den Weg, so wirst du deine Vergangenheit durchleuchten, deine Gegenwart verändern und eine Karte zeichnen, die dein Beziehungsleben zum unerschöpflichen, magischen Abenteuerland macht.

EINLEITUNG – Begegnung in Beziehungen

„Wenn wir uns berühren lassen, ist das Kunst.“

Khalil Gibran

Wenig betrifft uns so sehr und bedeutet uns so viel wie Beziehungen. Denn sie haben die Macht, uns zu berühren. Wenn Ehen oder ganze Familien auseinanderbrechen, so brechen wir mit ihnen ein Stück weit mit. Wir brechen auf – und das ist höchst anstrengend. Streit und Konflikte am Arbeitsplatz sind nicht nur mühsam, aufreibend und kräftezehrend, sie brennen uns sogar aus. Freunde kommen uns plötzlich oder langsam abhanden, Lebensabschnittspartner kommen und gehen. Was bleibt, ist Einsamkeit. Das Scheitern im Beziehungsleben ist mindestens so hart wie das Scheitern im Berufsleben. Und oft treten beide Formen des Scheiterns gemeinsam auf. Wobei das Scheitern notwendig ist, um uns zu zeigen, was uns wichtig ist und inwiefern wir uns selbst davon abhalten, es zu erleben.

Worum es in Beziehungen wirklich geht

Eine Beziehung spendet uns den vertrauensvollen Rahmen, uns zu begegnen – zuallererst uns selbst, im und durch den anderen. Gute Beziehungen zeichnen sich vor allem durch diese Kraft der Begegnung aus. Es ist dies eine besondere Qualität, denn wir erkennen in der Begegnung nicht nur uns selbst und die Bedeutung(en) des Daseins. Wir begegnen uns darüber hinaus in einer Überfülle an Vitalität. Gute Beziehungen machen das Leben erst so richtig lebenswert. So tragen wir dann auch unsere ganz speziellen Vorstellungen in uns, wie eine richtig gute Beziehung aussehen sollte: Das ideale Bild von der glücklichen Familie, von der Traumfrau, vom Traummann. Wir haben eine klare Vorstellung vom perfekten Chef oder dem pflegeleichten, kauffreudigen Kunden, von der wunderbaren Kollegin, der besten aller Freundinnen, dem einen echten Kumpel. Wir kennen die tiefe Sehnsucht nach gegenseitigem Vertrauen, grenzenloser Unterstützung und bedingungsloser Verlässlichkeit. Wir sehnen uns nach der Erfüllung unserer Wünsche: Wir wollen gemeinsam alt werden und wir wünschen uns zugleich sinnliches Prickeln ohne Ende. Wollen treue und aufregende Partner, verständnisvolle und abenteuerlustige Partnerinnen. Einen Vorgesetzten, der klare Direktiven gibt, ohne uns zugleich vorzugeben, was wir alles wann und wie zu tun haben. Freunde, die für uns da sind, ohne uns durch ihre Sichtweisen einzuschränken. Die Wunschliste gegensätzlicher Eigenschaften einer für uns perfekten Beziehung ließe sich endlos fortsetzen.

Wir sehnen uns nach Menschen, die uns das geben, was wir – von Kindheit an – so dringend brauchen: Zuneigung, Anerkennung, Geborgenheit, Akzeptanz, Unterstützung, Wärme. Oder aber das Gegenteil, z. B. Abweisung, Abwertung, Grenzsetzung. Je nach früher Musterprägung ist ein ganz bestimmtes Setting im Sinne eines „Ursache-Wirkungsfeldes“ vonnöten, damit wir uns gesehen bzw. „geliebt“ fühlen bzw. das Gefühl von „Liebe“ in uns ausgelöst wird.

Viele unter uns, die mit ihrem Beziehungsleben unzufrieden sind, sind darauf gepolt, unglücklich damit zu sein und diesen Zustand als normal zu empfinden. Der Begriff Beziehung meint hier und in Folge nicht nur die Partnerschaft, sondern alle Formen des intensiven Miteinanders. Wobei die Intensität völlig unterschiedliche Formen annehmen kann: Manche leben in Abhängigkeitsverhältnissen emotionaler oder finanzieller Natur. Andere erwarten (nicht immer nur unbewusst), schlecht behandelt, heruntergemacht, ignoriert zu werden. Dritte brauchen die Reibungswärme, ein ständiges Auf und Ab, um sich und einander zu spüren. Unsere Beziehungsprogrammierung kreiert unablässig eine Selffulfilling Prophecy, eine sich „selbsterfüllende Erwartung“. Wir sehen uns selbst und andere durch die Brille, die uns in frühen Jahren schon aufgesetzt wurde und die wir durch Gewohnheit als unsere Wirklichkeit akzeptiert haben. So können wir damit auch nur jene Aspekte eines Menschen wirklich scharf erkennen, auf die wir trainiert wurden. Dies ist ein grundlegendes Dilemma, das es zunächst zu registrieren und mit dem es sodann umzugehen gilt.

Neue Wege zu- und miteinander

Um eine Lockerung bis Lösung des Alten, Vorprogrammierten zu erreichen und damit eine Neuorientierung zu ermöglichen, tauchen wir im ersten Teil des Buches mit dem Titel REFLEXION zunächst in deine persönliche Ausgangslage ein. Dieser Abschnitt ist dem Erkennen gewidmet. Wie wurdest du geprägt, was suchst du daher, wie und warum funktionieren deine Beziehungen (nicht)? Im ersten Abschnitt gewinnst du wertvolle Informationen über dich, deine Familie und die Beziehungen, in denen du „steckst“. Gerade bei diesen Übungen kann es vorkommen, dass die Auseinandersetzung mit vielleicht nur einer einzigen Frage lange dauert. Nimm dir diese Zeit. Keine Übung muss innerhalb von wenigen Minuten erledigt werden. Es geht in diesem Erkenntnisprozess bereits darum, die Weichen für neue Sichtweisen und Handlungsmöglichkeiten zu stellen. Schau, was dich beschäftigt, und bleib dran!

Wozu neue Wege suchen und gehen?

Du hast vielleicht den Wunsch, einen passenden Partner, inspirierende Kollegen oder vertrauenswürdige Freunde zu finden und zu halten. Du verfolgst vielleicht das Ziel, eine stabile Familie zu gründen, dein Beziehungserleben in der vorhandenen Familie zu verändern oder ganz allgemein einer dir wohltuenden Umgebung anzugehören. Zumeist jedenfalls wollen wir das Miteinander nicht einseitig, sondern uns gleichzeitig im intensiven Austausch, im „Senden und Empfangen“ bzw. im „Geben und Nehmen“ erleben. Im besten Fall verständigen sich alle Beteiligten dabei auf derselben – und darunter verstehen wir primär eine unseren eigenen Vorstellungen und Prägungen entsprechenden – Frequenz. Wir wünschen uns eine erfüllendere Gegenseitigkeit, wollen so miteinander kommunizieren, umgehen, interagieren, wie wir es ganz selbstverständlich für sinnvoll und wunderbar halten.

Die schlechten Nachrichten

Dass andere so sind oder je sein werden, wie wir sie uns vorstellen, ist jedoch ein irrealer Wunsch. Niemand ist wie du – oder deine Vorstellung. Jeder von uns ist definitiv einzigartig und weicht damit von anderen und deren Sichtweisen wie Erwartungen ab. Die Unverwechselbarkeit jedes Einzelnen ist im Prinzip auch eine großartige Sache. Aber wir wollen unsere Einzigartigkeit – oder die des anderen – während der meisten Beziehungszeit nicht wirklich wahrhaben. Hier beginnt das Problem. Wir wollen nicht zu 100 Prozent mitbekommen, was in uns selbst oder rundherum eigentlich und wirklich so los ist. Wir wollen nicht wissen, wie sehr wir uns voneinander unterscheiden. Denn unsere Verschiedenheit lässt uns einsam fühlen und alleine dastehen. Verzweifelt denken wir vielleicht immer wieder: „Versteht mich denn niemand? Gibt es denn niemand auf derselben, auf meiner Wellenlänge?“

Zur selben Zeit suchen wir üblicherweise Sicherheit in der Wiederholung uns altbekannter Muster. Durch diesen Kreislauf stets selbstähnlichen Verhaltens bewirken wir aber nur das ewig Gleiche: Statt Zufriedenheit durch einen qualitativ hochwertigen Austausch zu erlangen, erreichen wir den (Interaktions-)Partner jedes Mal aufs Neue nicht. Wir verstehen einander nicht wirklich. Wie können sich zwei Menschen auch tatsächlich begegnen, wenn beide im Grunde nur die eigene „Wahrheit“ bestätigt wissen wollen und die eigenen Wünsche und Bedürfnisse erfüllt bekommen möchten? Eine Zeit lang hilft vielleicht das „Gemeinsam-als-Familie-Funktionieren“ oder „Als-perfektes-Paar-Auftreten“ oder „Auf-gemeinsame-Zieleim-Beruf-Konzentrieren“ über diese grundlegende Ungereimtheit hinweg. Andere Formen des sich Anpassens oder Einfügens in gemeinsame Vorstellungen und Rahmen findet man auch „Beieinem-Verein/Klub/Lokal/Partei/Kirche-nach-den-Spielregeln-Mitmachen“. Früher oder später wird dabei dann entweder das eigene Selbstbild den äußeren Erwartungen angepasst oder die Regeln der Gemeinschaft werden nach den eigenen Vorstellungen verändert. Oder aber die Dissonanz, die Un-Stimmigkeit, zwischen Wunsch und Wirklichkeit wird immer größer. Oft wird dieses Gefühl des Nicht-dazu-Passens so lange verdrängt, bis wir wirklich zutiefst enttäuscht, wütend oder physisch krank werden, grundlegend an uns selbst zweifeln oder vielleicht sogar gänzlich am Leben verzweifeln.

Diese Ent-Täuschung, verursacht durch das Nicht-Übereinstimmen von der erwarteten Vorstellung und der erlebten Realität, betrifft nicht nur den Bereich der Paarbeziehung. Wir wünschen uns Akzeptanz, Verständnis und Zuneigung (in Form der jeweils eigenen Prägungen) sowohl von unseren Partnern als auch von unseren Freunden, Verwandten und Kollegen.

Real hingegen ist, dass die zwischenmenschliche Interaktion nur zu oft eine Quelle der Frustration, Enttäuschung und des Zornes ist. Wiederholte oder besonders negative Beziehungserfahrungen führen dann zum vermeintlich wohlbegründeten Ausbau von Abwehr, von Schutzmechanismen, von Be- und Verurteilungen: „Die anderen sind schuld … Es gibt einfach keinen, der zu mir passt … Die Welt ist schlecht … Frauen/Männer sind … Alles Idioten, die da herumrennen … Ich bin einfach nicht gut/schön/gescheit/genügsam genug …“ Die Varianten an Opferhaltungen oder Täterzuschreibungen sind endlos und vielgestaltig. Auch die „Retter-Haltung“ löst auf Dauer wenig anderes aus als Frustration und Erschöpfung.

Die wohlbekannten Anzeichen des Nicht-Zusammenpassens in ihrer Wirkung nach außen sind Missstimmungen, Streit, psychische und physische Gewalt, Intrigen oder Machtkämpfe. In der Innenwirkung nimmt sich vielleicht einer zugunsten des „Wir“ zurück, gibt sich auf oder macht sich klein bis hin zur Unsichtbarkeit. Oder er schleppt die mentalen, emotionalen „Rucksäcke“ aller Beteiligten, erträgt die „Altlasten“ der anderen, um sie nicht zu „verlieren“ – d. h., das Muster nicht zu unterbrechen, in dem sie miteinander funktionieren.

Negative Umgangsweisen und selbstzerstörerische Gewohnheiten entwickeln sich, um von den Unstimmigkeiten abzulenken, sie nicht spüren zu müssen. Die Effekte zeigen sich beispielsweise durch Essstörungen, übermäßiges Trinken, alle möglichen Formen von Süchten, psychosomatischen Krankheiten oder Depressionen. Viele dieser Auswirkungen von Erwartungsenttäuschungen finden ihre Ursache und Form bereits im Kindesalter. Und sie werden durch die endlose Wiederholung von altbekannten, zugleich höchst individuellen Auslösern immer wieder aufgerufen. Wir alle haben unsere „Knöpfe“, auf die andere drücken können, um uns das Nicht-Funktionieren und das Nicht-Erfüllen unserer Wünsche immer wieder zu bestätigen. Aber es handelt sich um unsere Knöpfe, selbst gemachte und übernommene, die wir kennenlernen und auch wieder lösen lernen können.

Die guten Nachrichten

Durch die immense Kraft tiefer Begegnungen können sich sowohl die eigenen Erwartungen als auch unsere Gefühls-, Denk- und Verhaltensmuster verändern. Dahin zu kommen, erfordert einen Weg, den zu gehen wir erst einmal wollen müssen. Die bewusste Entscheidung, auf das Alte, Bekannte zugunsten des Neuen, Unbekannten zu verzichten, kann wie ein unkalkulierbares Risiko wirken. Diese Neuausrichtung im Erleben von sich selbst, der Welt und anderen erweist sich letztendlich von unschätzbarem Wert. Manchmal scheint es jedoch einfacher, (sich) aufzugeben. Viele tun dies auch. Sie geben auf, die große Liebe zu finden, und geben sich mit einem „kleinsten gemeinsamen Nenner“ zufrieden, der „einfachen“ Lösung, also jemandem, der nicht anstrengend ist, der zumindest da ist und den Status quo nicht gefährdet. Jemandem, den man vielleicht sogar „herzeigen“ kann, der den Status sichert. Andere bleiben lieber alleine. Wieder andere gehen auf die beständige Jagd nach neuer Bestätigung und neuem Glück, der nächsten Verheißung. Viele lenken sich im Erfolgsstreben ab, häufen Dinge, Image und Aufgaben an. Einige suchen Schuld und Sühne in sich selbst – und kommen vor lauter Vorwürfen und Reflektieren nicht zum Leben. Auch diese Liste der versuchten Erklärungen und angeblich hilfreichen Umgangsformen mit nicht zufriedenstellenden Beziehungen ist endlos lang. Sie füllen Ratgeber ohne Ende.

Wer tief in sich hineinhört, spürt hingegen, dass alle Rechtfertigungen, jede Opferhaltung oder Täterzuschreibung künstliche Ablenkungen vom wahren Kern des Problems sind. Wir wissen irgendwo tief in uns, dass ein liebevolles Leben in guter Verbindung zu sich selbst und anderen im Bereich des Möglichen liegt. Obwohl vielleicht nicht viele diese Variante des Miteinanders tatsächlich glaubhaft vorleben. Wir wissen dennoch, dass wir eine Chance dazu und ein Recht darauf haben.

Im zweiten Abschnitt, der RADIANCE, geht es darum, den zuversichtlichen Kern in uns deutlich spürbar und strahlkräftiger werden zu lassen, ohne uns und andere durch unsere Gewohnheiten und Vorstellungen zu beschränken. Wir suchen und finden dabei neue, außergewöhnliche und einzigartige Begegnungsformen mit- und zueinander. Dies ist in Zeiten wie unseren auch dringend notwendig.

Die nackte Wahrheit über Beziehungsformen heute1

Ein Drittel aller Privathaushalte sind Singlehaushalte, in den Großstädten sind es über 45 Prozent, Tendenz steigend. Knapp die Hälfte aller Ehen scheitert, die meisten bevor sie die Zehn-Jahres-Marke erreichen. Die Fluktuationen am Arbeitsmarkt und damit der Wechsel berufsbedingter Bezugspersonen nahmen in den letzten Jahrzehnten stark zu. Seit etwa zehn Jahren sind diese Zahlen allerdings nahezu unverändert geblieben: Aus Angst vor Kündigung bzw. den Unsicherheiten des Arbeitsmarktes oder der Schwierigkeit, im eigenen Alter noch einmal umzuschulen und einen neuen Job zu beginnen, wird von vielen die Unzufriedenheit mit dem eigenen Arbeitsplatz, mit den Arbeitgebern und dem Arbeitsumfeld ertragen. Zugleich steigt der wirtschaftliche Druck auf den Einzelnen seit Jahren. Schon der Beginn von Berufslaufbahnen ist von Unsicherheit geprägt. Für Berufseinsteiger gibt es zu wenige Ausbildungsstätten, viele Volontariate und schlecht bezahlte Praktikantenjobs sowie kaum langfristige Zukunftsperspektiven. Für ältere Arbeitnehmer herrscht vielerorts oft eine langjährig durchgängige Überforderung, zum Beispiel in Form nicht enden wollender Veränderungsprozesse. Diese Überforderungen führen entweder zu innerem Widerstand (sog. „innerer Kündigung“), zu Burn-out-Phänomenen oder zur Druckentladung in Form offener Aggression bis hin zu verdecktem Mobbing. Ein innenorientierter (Nicht-)Umgang mit der Überforderung äußert sich in autoaggressiven Grundhaltungen mit akuten bis chronischen psychischen und physischen Krankheitsbildern.

Gute Beziehungen können hingegen in allen Stressphasen helfen, die Ursachen für Belastungen wahrzunehmen, aufzuarbeiten und den Druck abzubauen. „Gute“ Beziehungen – im Sinne dieses Buches sind dies Beziehungen mit hoher Begegnungsqualität – unterscheiden sich aber vielfach von der heute gelebten Beziehungspraxis: Der „gläserne Mensch“, wie er in sozialen Netzwerken scheinbar anzutreffen ist, suggeriert eine breite Verbundenheit. Die ständige Präsenz und vermeintliche Verfügbarkeit durch die allgegenwärtig eingeschalteten elektronischen Medien simulieren eine Art Miteinander, bei der kein lebendiges Wesen durch reale Anwesenheit oder eine richtige Auseinandersetzung mit den beziehungstechnischen Herausforderungen des Alltags glänzen muss. Eine intensive Reflexion von Form und Inhalt unseres Miteinanders scheint in Zeiten wie diesen nicht vorrangig. Auseinanderdriftende individuelle Interessen und konträre Bedürfnisse der Generationen sowie verschiedene Wertesysteme und Lebensvorstellungen von Menschen mit soziokulturell unterschiedlichem Hintergrund werden auch in Zukunft immer stärker dominierende Themen der sozialen Begegnung sein, auf die wir noch keine Antworten haben.

Wie sieht die tragfähige Beziehung der Zukunft aus?

Wir sehen uns derzeit vor das Problem gestellt, in unserem Zusammenleben zunehmend ohne traditionelle Vorstellungen und standardisierte Beziehungsformen auskommen zu müssen. Es gibt für Beziehungen heute kein klares, bewusst gelebtes Rezept zum Beziehungserfolg. Verbindliche Regeln und gemeinsame Bilder sind zwar in den Medien in Form gesellschaftlicher Idealvorstellungen anzutreffen. Sie erweisen sich jedoch im realen Leben aus Mangel an Alltagstauglichkeit als zum Scheitern verurteilt. Die Form einer Beziehung (bestimmt durch Normen und Regeln, gesellschaftliche Vorstellungen und Erwartungen) sagt eben noch lange nichts über ihren Inhalt und damit über ihre Qualität aus.

Dabei liegt in der Qualität von Beziehungen die große Chance, in unserer veränderungsfreudigen Zeit tief greifende und nachhaltige Zufriedenheit – privat wie im beruflichen Umfeld – zu entwickeln, selbst zu initiieren und immer wieder zu erleben.2 Das einfühlsame Verhältnis zu sich selbst, (Ehe-)Partnern, Familie, Freunden, Kollegen, Mitarbeitern und Mitmenschen zählt zu den Kernfaktoren einer stabilen Persönlichkeit. Tragfähige Beziehungen helfen uns, Krisen zu meistern, und dienen nachweislich als Quelle für körperliche und seelische Gesundheit. Wenig kann Menschen so schnell aus der Bahn werfen wie in die Brüche gegangene Beziehungen, Verluste in der Familie oder Missstimmungen im Berufsleben. Und wenig kann uns so intensiv bereichern und tief berühren, wie echte Begegnungen es vermögen. Die stabile Beziehung der Zukunft basiert meiner Meinung nach deshalb auf der Kunst der Begegnung.

Im dritten Abschnitt des Buches dreht sich alles um die RESONANZ. Durch die praktisch gelebte Kunst, das „Ich“ in ein „Wir“ und wieder zurück zu verwandeln, können wir einen Augenblick in eine kostbare Begegnung, eben in einen berührenden, bezaubernden magischen Moment, transformieren. Als Beziehungs-Weise, als Meister der Begegnung, erleben wir die kostbarsten aller Augenblicke mit uns selbst und mit anderen nicht mehr als zufällige Geschenke, sondern beginnen, sie aktiv herbeizuführen und zu gestalten. Wir begegnen uns und einander vollkommen unvoreingenommen und frei. Wir schöpfen Leichtigkeit, Tiefe, Freude, Kraft und Schönheit aus der Fülle aller möglichen Verbindungen zu- und miteinander. Solche Glücksmomente machen unser Leben zum größten aller Schätze. Und wir selbst sind der Schlüssel dazu.

Herzlichst,

Nana

TEIL I REFLEXION

SELBSTERKENNTNIS

1 I DER AUSGANG: Eins-Sein

„In der Liebe versinken und verlieren sich alle Widersprüche des Lebens. Nur in der Liebe sind Einheit und Zweiheit nicht im Widerspruch.“

Rabindranath Tagore

MOMENTS OF MY LIFE

Ich sitze im Auto, irgendwo zwischen Hamburg und Wien. Mein verbeulter VW Polo fährt am besten bei 160 km/h. Das trifft sich gut, denn ich habe es eilig. Meine Mutter liegt in Wien auf der Intensivstation. Radunfall. Sie ist Mitte fünfzig, stur, gut in Form, glaubt an ihre Unfehlbarkeit. Mit einem Wort: Lehrerin. Dennoch und gerade deshalb bin ich besorgt. Wenn es ihr schlecht geht, dann ist es schlimmer, als sie zugibt. Und momentan kann sie nicht einmal sprechen. Ich bin Anfang zwanzig, habe einen tropfenförmigen Ohrring im Ohr (an diesem Tag trage ich nur einen, ich weiß nicht warum). Ich habe wilde, lange Locken und lebe in Hamburg. Der Musik wegen. House. Mein Leben ist aufregend, spannende Leute zu treffen, ist völlig normal. Deshalb überrascht mich der schöne schwarze Mann im schönen schwarzen Porsche, der mich immer wieder spielerisch überholt, nicht wirklich. Er grinst nett. Ich schaue freundlich zurück, etwas schaumgebremst wegen meiner Mutter, versteht sich. Ich tanke, er fährt ebenso rechts ran. Es interessiert mich nicht wirklich, was er sagen wird. Bis er es sagt. „Was ist los?“, fragt er. „Meine Mutter hatte einen Unfall.“ Das war’s. Die gesamte Konversation. Er geht zu seinem Auto und holt etwas. Es ist eine Kassette (ja, wir schreiben Anfang der 90er-Jahre) mit der wohl schönsten Musik, die ich je gehört habe. Eine sanfte Männerstimme, melodiöser Jazz, ohne anstrengend zu sein, schlichtweg berührend, inspirierend, leichtfüßig tiefgängig. Das weiß ich allerdings noch nicht, als der elegante Fremde mir alles Gute wünscht und geht. Ich lege die Kassette ein und schwebe für den Rest der Fahrt nach Wien. Weine und freue mich zugleich. Dieser Zustand der ambivalenten Gefühle hat sich im Laufe meines Lebens als ganz eigene Form von Wahrhaftigkeit offenbart. Ich kann ihn nicht deuten, ihn nicht mit einer Erklärung abtun. Darin fühle ich mich mit etwas Größerem verbunden. Ich fühle mich getröstet, ohne meine Gefühle jemand anderem oder einem äußeren Umstand zu überantworten. Bin einfach nur zutiefst dankbar. Geborgenheit und Zuversicht lösen langsam die Angst auf, was mich wohl im Krankenhaus erwarten wird. Ich fühle mich eins mit dem Moment. Gestärkt und bereit, für meine Mutter da zu sein, ihr zu geben, was auch immer sie braucht.

In Anlehnung an dieses Erlebnis stellt sich eine Frage, vielleicht die wichtigste von allen: Wie können wir den Zustand des Eins-Seins erleben und immer wieder erreichen? Wir alle suchen nach dem ominösen „Ankommen“. Dieser sagenhafte, märchengleiche Zustand des endgültigen „Angekommenseins“ – in unserer eigenen Mitte, in unserer eigentlichen Heimat oder dem richtigen Zuhause, beim Seelenpartner, im anregenden Arbeits-Flow, in der Wunschfamilie – schwebt er nicht ständig wie die sprichwörtliche Karotte eine Nasenlänge vor unserem momentanen Standpunkt am eigenen Lebensweg?

Diese Anforderung, die wir an unser Leben stellen, ist leider eine nur schwer zu lösende Aufgabe. Dem begehrten Zustand Wir sind Eins liegt ein widersprüchlicher Ansatz zugrunde. Wir suchen nach der Quadratur des Kreises: Wir wollen mit dem Innen und dem Außen in einen Zustand verschmelzen. Die Legenden, Religionen, Hollywood und die eigenen Erfahrungen lehren uns, dass dies der ultimative Zustand ist. Dabei, dadurch und damit wachsen wir über unser beschränktes Selbst hinaus. Woran wir erkennen, dass unser Selbst „beschränkt“ ist? Weil es immer noch besser, weiter, schneller, tiefer, breiter, höher und ganz allgemein intensiver geht, als es eben jetzt ist. In den seltenen Momenten, in denen wir uns hingeben, aufgehen im Augenblick, eintauchen in den Flow – da wissen wir, worum es im Leben wirklich geht: voll und ganz da zu sein. Interessanterweise sind dies nur selten jene Momente, von denen erzählt wird, dass sie diese Macht der Erlebensintensität hätten: die Hochzeiten und Geburten, die beruflichen oder sportlichen Gipfelerlebnisse und Siege. Viel öfter überraschen uns diese Momente, springen uns von hinten an, hauen uns völlig unvorbereitet um.

Und was passiert danach? Nach dem Aufgehen im „großen“ Moment kann es nur eins geben – wir teilen uns wieder, fallen heraus aus dem untrennbar Verbundenen, kommen vom Zeitlosen in die Reflexion. Erkennen uns in jenem abgetrennten Teil, dem wir unseren Namen schenken. Das Ich, das sucht und will, findet und loslässt, leidet, liebt und lebt.

Wenn wir uns wieder teilen, uns ent-zweien, driften wir zugleich bei wacher Erinnerung an das Eins-Sein auseinander. Die – oft erst im „Danach“, am Unterschied des Zustandes von Vorher und Nachher, erkannte – Selbstaufgabe verändert uns für immer. Wer dieses Gefühl gekostet hat, wird wieder hineinwollen ins Loslassen und Aufgehen im Ankommen.

Blick in die Hintergründe der Sehnsucht

MOMENTS OF MY LIFE

Eine der stärksten Erinnerungen an grenzenlose Geborgenheit ist eine ganz bestimmte körperliche Erfahrung: Als Baby und Kleinkind legte mich meine Mutter oft auf ihren Bauch. Diese Haltung signalisierte meinem Unterbewusstsein „alles ist gut“ – und tut es noch. Heute bekommt mein Freund diese körperlich in mir abgespeicherte Quelle für Urvertrauen hautnah zu spüren. Groß und stark, wie er ist, hält er es rühmlicherweise aus, wenn ich ihn frontal bekuschle. Für mich bedeutet dies maximalen Wohlfühlfaktor – für ihn bin ich im wahrsten Sinne eher schwer zu er-tragen. „So nah muss Liebe gehen“, sage ich. „So viel muss man(n) für Liebe tun“, sagt er.

Eine Erfahrung, die wir alle gemeinsam haben: Wir haben das Eins-Sein im Mutterleib erlebt. In vollkommener Symbiose haben wir die ultimative Geborgenheit und Wärme erfahren. Selbst wenn wir uns daran wohl kaum bewusst erinnern können, diese Gewissheit tragen wir unbewusst in uns: näher zusammen zu sein geht nicht. Schwerelos aufgehoben, voller Vertrauen, vollkommen abhängig.

Mit der Geburt werden wir in die Welt hinausgestoßen und machen nach und nach – manche früher und schmerzhafter, manche später, behüteter und sanfter – die Erfahrung des Zwei-Seins. Doch die Ur-Sehnsucht, „zurück“ in die vollkommene Ein-heit zu gelangen, bleibt, da der Zustand des völligen Aufgehoben-Seins in den Tiefen des eigenen Erfahrungsschatzes gespeichert ist. Die Erinnerung wartet dort, ruft und lockt, mal leise, mal laut. Diese innere Stimme der Erinnerung gibt uns eine unleugbare Überzeugung, dass es die Einheit zu erreichen, zu erleben gibt, und damit die Aufgabe, sie wiederzuerlangen, mit auf den Weg. Manchmal wird diese innere Stimme der nur schwer greifbaren, weil unbewussten Erinnerung zur überwältigenden Sehnsucht nach Verschmelzung, nach Selbstauflösung.

In der Auflösung unseres „Ich-Bildes“, das ja erst viel später geformt wird, eben durch die Abgrenzung vom Außen, finden wir zurück zu ebenjenem Eins-Sein. Manche transformieren diese Sehnsucht in die Suche nach Gott, nach einem Platz im Universum, nach dem Sinn ihres Lebens oder einer Verbindung zu einer Energiequelle für den Alltag. Das All-Eins-Sein durch Selbstvergessenheit erleben verschiedene Menschen in verschiedenen Umständen ganz konkret. Es kann in der Stille der Natur oder beim Musikgenuss geschehen, im Beten, der Meditation oder beim Sport gefunden werden, in der Freude des Schenkens oder in einem Blick zwischen zwei Verliebten liegen.

Der Wunsch nach dem Zustand völliger Geborgenheit kann in die Suche nach „der zweiten Hälfte“, dem Seelenpartner, dem „Du zum Ich“, dem „Deckel zum Topf“ gegossen werden. Und diese Idee, als Einzelner nicht vollständig zu sein, erlangt, gespeist durch die frühkindliche Erinnerung, nicht selten den Status einer tiefen Überzeugung. Damit wird dem Suchen eine Richtung gegeben. Das Finden ist allerdings so gut wie unmöglich. Man kann die Annahme, es müsse eine zweite Hälfte da draußen geben, die einem das Ganz-Sein ermöglicht, sogar als durchaus fragwürdige Entscheidung in Bezug auf das Bergen unseres Lebensschatzes sehen. Mit dieser Annahme behalten wir zwar die Schatztruhe zum Beziehungsglück im Inneren, suchen hingegen den Schlüssel dazu woanders, bei jemand anderem, im Außen. Das kann nicht funktionieren. Dennoch tun viele von uns genau das: Wir suchen nach dem eigenen Glück im Außen, bei anderen, in anderen Umständen. Und wir glauben daran, dass das Wunder eines Tages geschieht. Oder wir glauben eben nicht mehr daran. Dabei sind wir selbst das Wunder.

Wie oft hören wir einander beim Leiden zu: „Keiner liebt mich“, „Wenn ich nur dünner wäre, dann …“. Wie oft beweisen wir unsere Verbundenheit, wenn wir dem Selbstzweifel entgegentreten, einander aufbauen und vom Gegenteil zu überzeugen versuchen. Und wie genau wissen wir nicht zugleich, dass dies letztendlich nur die betreffende Person selbst kann. Freunde füllen Fässer ohne Boden mit Wertschätzung und Zuneigung. Wenn jeder Einzelne die Verantwortung für seine eigene Befindlichkeit übernehmen würde – wie anders würde unser Miteinander aussehen! Doch im Allgemeinen vergessen wir, bei uns selbst zu bleiben. Wir machen andere und äußere Umstände für unsere eigenen Gefühle verantwortlich. Wir sind es schlichtweg nicht gewohnt, in den eigenen Zuständen zu leben und zu wirken. Warum ist das so?

Mit dem Verlangen nach dem Eins-Sein wird zugleich das Ende der Einsamkeit erwartet.

Der Wunsch nach dem Zuhause, dem Ankommen in einer endgültigen Zugehörigkeit, bezieht sich nicht nur auf partnerschaftliche Beziehungen, sondern auch auf das Gefühl, in einer Umgebung verankert zu sein, dazuzugehören, akzeptiert und geschätzt, geliebt zu werden für das, was und wer und wie man ist.

Die Wege, dieses Eins-Sein im und in anderen erreichen zu wollen bzw. die Faktoren, die zu einem Gefühl der sozialen Geborgenheit führen, sind so vielfältig wie die Menschen selbst. Gefühlte Hoffnungen, erlernte Erwartungen, gesellschaftliche Idealvorstellungen – und ihre Schattenseiten, nämlich unsere Ängste, enttäuschte, frustrierte Erfahrungen –, sie alle haben eine zutiefst individuelle Form in jedem von uns angenommen. Die Inhaltsvorstellungen, die wir von uns und der Welt mitbringen und auf deren Erwiderung oder Bestätigung wir warten, drücken sich in Form von Sprache, Aussehen, Geruch, Bewegung, Intellekt, Status etc. aus. Wir haben ein ganz konkretes Selbstverständnis und ein spezifisches Weltbild, wir glauben zu wissen, was richtig und falsch, wahr und gelogen, gut und böse ist. Jeder von uns vertraut dabei seiner eigenen Version von Selbst und Welt. Und oft ist uns die Form unserer eigenen Erwartung gar nicht bewusst. Wir verlassen uns da ganz auf unser „Bauchgefühl“ (sprich, auf die Bestätigung unbewusster Musterprogrammierungen, also Prägungen und Gewohnheiten mit den dazugehörigen Hormonausschüttungen).

MOMENTS OF MY LIFE

Ich bin etwa 12 Jahre alt und es gibt für mich nur einen Mann auf der Welt. Nein, nicht mein Vater oder ein Lehrer, kein Schulfreund oder Nachbar. Es ist der andere bei Wham!. Andrew Ridgeley überzeugt vor allem mit seinen treuen Hundeaugen bzw. seinem Schlafzimmerblick. Ob er tatsächlich singen kann, weiß ich nicht. Meine beste Freundin hat sich bereits vor mir und praktischerweise recht naheliegend George Michael als Subjekt ihrer Schwärmerei ausgesucht. Dass er homosexuell ist, bleibt uns zu der Zeit noch völlig verborgen. Wir sind überzeugt davon, dass wir nach dem Abschluss der Schule mit unglaublich alten 18 Jahren nach London fliegen, schnurstracks ins berühmte Hippodrome gehen, dort beide kennenlernen und heiraten werden. Daran gibt es gar keinen Zweifel.

So bescheuert diese peinlicherweise wahre Geschichte heute klingt, so ist sie doch kein Einzelfall – wie wahrscheinlich jeder bestätigen kann, wenn er ehrlich sein möchte. Ich behaupte auch, dass wir uns selbst als Erwachsene noch an realitätsferne Vorstellungen klammern, um etwas zum Schwärmen zu haben. Das Schwärmen erwärmt so manchen grauen Tag, lässt uns so manche triste Phase überstehen. Wunschvorstellungen bringen viel Nutzen mit sich, aber eben auch Leid. Und in dunklen Zeiten das Eine loszulassen, ohne etwas an seine Stelle zu setzen, scheint doppelt schwer. Selbst in lichten Zeiten lassen wir nicht gern von unseren Hoffnungen ab.

Blick in die Auswirkungen der Sehnsucht

Das Ideal. Dieses, nämlich genau unser, Ideal erreichen wir sogar in der Verblendungsphase der Verliebtheit. Bei der Realitätsverzerrung der eigenen Vorstellung helfen Hormone, Triebe, Projektionen und das grundlegende Sehnen an sich zusammen.