Die Kunst des Friedens - Daniel Gerlach - E-Book

Die Kunst des Friedens E-Book

Daniel Gerlach

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Beschreibung

Wer die aktuelle Lage im Nahen Osten
verstehen will, braucht einen neuen Blick
auf dessen Geschichte


In den Nachrichten erscheint der Nahe Osten oft als ewiger Krisenherd, wo Konflikte mit unerbittlicher Gewalt ausgetragen werden und niemand Kompromisse machen will. In einer Reise durch 3000 Jahre Geschichte hinterfragt Daniel Gerlach dieses trügerische Bild und zeigt zugleich, wie es entstanden ist. Der Nahost-Experte erzählt, wie Konflikte von außen in die Region hineingetragen oder durch externe Akteure verstärkt wurden. Wie sich mutige Figuren von einer »Jemenkrise« in der Spätantike zur Palästinafrage im 20. Jahrhundert bis zum Fall des Assad-Regimes in Syrien für Frieden einsetzten – oftmals im Geheimen und selten ohne eigene, machtpolitische Interessen. Gerlach beleuchtet die Methoden und Tricks von Unterhändlern sowie die Rückschläge, die sie erlebten, und macht deutlich: Im Nahen Osten sind Deals nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

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Seitenzahl: 437

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Wer die aktuelle Lage im Nahen Osten verstehen will, braucht einen neuen Blick auf dessen Geschichte

In den Nachrichten erscheint der Nahe Osten oft als ewiger Krisenherd, wo Konflikte mit unerbittlicher Gewalt ausgetragen werden und niemand Kompromisse machen will. In einer Reise durch 3000 Jahre Geschichte hinterfragt Daniel Gerlach dieses trügerische Bild und zeigt zugleich, wie es entstanden ist. Der Nahost-Experte erzählt, wie Konflikte von außen in die Region hineingetragen oder durch externe Akteure verstärkt wurden. Wie sich mutige Figuren von einer »Jemenkrise« in der Spätantike zur Palästinafrage im 20. Jahrhundert bis zum Fall des Assad-Regimes in Syrien für Frieden einsetzten – oftmals im Geheimen und selten ohne eigene, machtpolitische Interessen. Gerlach beleuchtet die Methoden und Tricks von Unterhändlern sowie die Rückschläge, die sie erlebten, und macht deutlich: Im Nahen Osten sind Deals nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Daniel Gerlach, geboren 1977, ist einer der führenden deutschen Nahost-Experten. Er studierte Geschichte und Orientalistik an den Universitäten Hamburg und Paris IV Sorbonne und ist Autor und Herausgeber mehrerer Sachbücher zu Geschichte und Gegenwart der arabisch-islamischen Welt. Gerlach tritt regelmäßig in deutschen und internationalen Medien auf und führt als Moderator unter anderem durch die ZDF-Reihe »Die letzten Geheimnisse des Orients«. Sein gleichnamiges Buch erschien 2022 bei C.Bertelsmann. Daniel Gerlach ist Mitgründer und Chefredakteur des Nahost-Fachmagazins zenith und Direktor des Thinktanks Candid Foundation in Berlin. Darüber hinaus engagiert er sich beratend in Friedens- und Dialoginitiativen im Nahen Osten.

www.cbertelsmann.de

Daniel Gerlach

Die Kunst des Friedens

Eine andere Geschichte des Nahen Ostens

Deals, Friedensverhandlungen & Geheimdiplomatie

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Copyright © 2025 C.Bertelsmann

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Fabian Bergmann, Gmund am Tegernsee

Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt, München

Umschlagabbildung: © shutterstock / alexkoral

Bildredaktion: Birgit Plinke und Annette Baur

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-33347-8V001

www.cbertelsmann.de

A la guerre, on devrait toujours tuer les gens avant de les connaître.

Im Krieg sollte man die Leute töten,

bevor man sie kennenlernt.

Michel Audiard, Un taxi pour Tobrouk, 1961[1]

Für E. und F., die mir einige Geheimnisse des Schachspiels enthüllt haben, sowie für L. und P.N.A., der in einer friedlicheren Welt aufwachsen möge

Inhalt

Vorwort Auftakt am Tigris

1 Krieg und Frieden im Alten Orient oder: Warum verhandeln, wenn man seinen Feind vernichten kann?

2 Das Haus des Islams

3 Kreuzzügler und Diplomaten

4 Sufis und Dschihad: Das osmanische Zeitalter

5 Der falsche Frieden: Europa bestimmt die Zukunft des Nahen Ostens

6 Geheimverhandlungen um Palästina

7 Sadat

8 Eine norwegische Familienangelegenheit oder: Von Oslo nach Jerusalem

9 Vater Abraham und der Deal des Jahrhunderts

10 Schachrätsel am Persischen Golf – das kleine Emirat Katar als großer Vermittler

11 Der Abend vor der Schlacht oder: Wie das Assad-Regime in Syrien stürzte

12 Die Rückkehr der Palästinafrage

Epilog Der Nahe Osten – ein ewiger Krisenherd?

Dank

Anmerkungen

Personenregister

Bildteil

Vorwort Auftakt am Tigris

Als Irans Präsident Masoud Pezeshkian am 25. September 2024 auf dem Flughafen John F. Kennedy in New York bei leichtem Regen einen Airbus 340 der iranischen Luftwaffe besteigt, führt er ein einzigartiges Souvenir im Gepäck mit sich. Es sind über tausend in Keilschrift beschriebene Tontafelfragmente: Verordnungen, Quittungen, Inventarlisten und andere bürokratische Archivstücke, die weltweit nur von einer Handvoll Forscher gelesen werden können, denn sie sind in Elamisch verfasst, einer der drei Verwaltungssprachen des achämenidischen Imperiums, des vom 6. bis zum 4. vorchristlichen Jahrhundert bestehenden persischen Großreiches. Frühere Staatschefs brachten Altertümer zu den Vereinten Nationen in die USA, Pezeshkian nimmt welche mit. Und die Herausgabe an Iran, veranlasst durch das State Department, das US-Außenministerium, und das Chicago Oriental Institute, ist – wie alles, was Iran und die USA betrifft – ein großes Politikum.

Die Tontafeln aus dem Festungsarchiv der von Großkönig Darius I. errichteten Hauptstadt Persepolis gelten als eine unschätzbar wertvolle Quelle für die Archäologie. Da die Achämeniden, die Dynastien des alten Perserreichs, keine bislang bekannten historischen Texte hinterlassen haben, ermöglichen nur die Tontafeln einen Blick in das Innenleben des Imperiums. Die Weltpolitik verlieh dem Schicksal des Archivs eine interessante Wendung: Als Alexander der Große das Perserreich erobert hatte, ließ er 330 v. Chr. die Königsstadt in Brand stecken – aus Rache für die Zerstörung der Akropolis von Athen durch die Perser eineinhalb Jahrhunderte zuvor. Während das verheerende Flammenmeer die Palastanlage und die umliegende Stadt zerstörte, wurden Teile der luftgetrockneten Tontafeln durch die Feuersbrunst jedoch gebacken und so für die Nachwelt konserviert.

Mitte der 1930er-Jahre wurden sie bei Ausgrabungen und Restaurierungsarbeiten in Persepolis entdeckt, wobei zwei deutsche Forscher eine entscheidende Rolle spielten: Der jüdische Orientalist Ernst Herzfeld und seine rechte Hand, der Bauforscher und Architekt Friedrich Krefter, leiteten damals die Kampagne im Auftrag des Oriental Institute, weshalb die Tontafeln zur Auswertung auch an das renommierte Forschungsinstitut nach Chicago verfrachtet wurden. Dort lag das Persepolis-Archiv nun und offenbarte seine Geheimnisse zunächst langsam, dann mit fortschreitender Scan- und Entschlüsselungstechnologie etwas schneller, bis es abermals zum Gegenstand geopolitischer Verwerfungen wurde: Anfang der 2000er-Jahre verklagte eine jüdisch-amerikanische Privatinitiative die Islamische Republik Iran vor einem US-Bezirksgericht wegen eines 1997 in Israel verübten Terrorattentates der palästinensischen Hamas, bei dem Angehörige der Kläger ums Leben gekommen waren. Das Gericht stellte 2008 fest, dass Iran als Unterstützer der Hamas schadenersatzpflichtig sei.

Der an Archäologie offenbar wenig interessierte Richter verfügte, dass das in iranischem Staatseigentum befindliche, aber eben in den USA gelagerte Archiv auf dem Kunstmarkt zu veräußern und der Erlös den Opfern zuzusprechen sei. Zerstreut in den Händen verschiedener Kunstsammler, hätte das einzigartige Archiv aber jeglichen Wert für die Wissenschaft verloren, der ja nicht im Material, sondern in den darin enthaltenen Informationen bestand. Das OI Chicago und das US-Außenministerium setzten sich erfolgreich gegen den Richterspruch zur Wehr; seitdem wurden immer wieder, wie seinerzeit bei der Fundteilung verabredet, Teile des Archivs nach Iran repatriiert.

Bei seinem Auftritt in New York hatte Pezeshkian eine entsprechende Rede gehalten: Er hatte Irans Bereitschaft versichert, den Nahen Osten nicht in Brand zu stecken und an einem nachhaltigen Frieden mitzuwirken. Sein Land wolle die »Waffen niederlegen«, wenn auch Israel dazu bereit sei. Und er hatte ein neues Kapitel der Geschichte mit der Weltgemeinschaft, insbesondere den USA, in Aussicht gestellt. Danach hatte der Präsident – von den iranischen Staatsmedien sekundiert – ein Treffen mit der »iranischen Diaspora« abgehalten und sich zu Reformen im Land ermahnen lassen. Eine Geste, die für iranische Regimevertreter nicht gerade typisch ist. Sein konzilianter Ton, den mancher Kommentator gar als Charmeoffensive wertete, war gewiss mit dem an und für sich als Hardliner bekannten Revolutionsführer und Obersten Rechtsgelehrten Ali Khamenei abgestimmt, auch wenn Pezeshkian eigene Akzente setzen konnte. Iran versuchte einen neuen und zugleich bewährten Ansatz dessen, was Khamenei in einem Aufsatz aus dem Jahr 1971 selbst einmal als »strategische Geduld« bezeichnet hatte. Pezeshkians Verhalten war also wohl keineswegs das Ergebnis eines spontanen Sinneswandels. Denn der Islamischen Republik stand an jenem Tag, als er mit dem Persepolis-Archiv nach Teheran zurückkehrte, das Wasser bis zum Hals.

Für das iranische Regime muss das Jahr 2024 einer Achterbahnfahrt geglichen haben. Seit Beginn des Gazakriegs am 7. Oktober 2023 hatte es zahlreiche Einsätze im Machtkampf um den Nahen Osten unwiederbringlich verloren, einer davon war der Grund dafür, dass Pezeshkian – zur Überraschung vieler – überhaupt ins Amt gekommen war. Am frühen Nachmittag des 19. Mai war sein Vorgänger, Präsident Ebrahim Raisi, bei einem Flugunglück ums Leben gekommen: Auf der Rückkehr von einem Protokollbesuch an der iranisch-aserbaidschanischen Grenze war Raisis Helikopter im dichten Nebel an einer Felsnase zerborsten.

Zwei Monate später, am 31. Juli, war im Herzen Teherans in einem Gästehaus des Außenministeriums der politische Anführer der Hamas, Ismail Haniyeh, durch einen Sprengsatz ermordet worden: Vermutlich hatte Israel von einer Drohne oder einem ähnlichen Vehikel eine Rakete auf ihn abgefeuert. Auch mit diesem Ereignis war Pezeshkian schicksalhaft verbunden: Haniyeh hatte am Vortag an der Zeremonie zu seiner Amtseinführung teilgenommen.

Und wieder einige Wochen darauf, am 18. September, verübten die Israelis nach heftigen Luftschlägen im Libanon einen präzedenzlosen Angriff auf das Kommunikationssystem der dort ansässigen schiitischen Hizbullah. Hunderte Pager, die in einer mehrmonatigen, eindrucksvollen Geheimdienstoperation mit Sprengstoff manipuliert worden waren, explodierten in den Händen, Hosentaschen und vor den Augen ihrer Besitzer: Die Attacke tötete 37 Menschen und verletzte oder verstümmelte mehr als 2000. Darüber hinaus versetzte sie die Bevölkerung des Libanon in Angst und Schrecken und sandte eine unmissverständliche Botschaft nach Iran: Israel hatte die Hizbullah durch und durch infiltriert. Was würde die iranischen Streitkräfte und Revolutionsgardisten wohl erwarten?

Doch war das 2024 im israelisch-iranischen Konflikt beileibe noch nicht alles. Nachdem Israel bereits am 1. April einen Luftangriff auf ein iranisches Konsulatsgebäude in der syrischen Hauptstadt Damaskus ausgeführt hatte, hatte Iran in der Nacht vom 13. auf den 14. April Raketen, Marschflugkörper und Drohnen in den israelischen Luftraum gefeuert. Zuvor hatte man die arabischen Staaten und die USA allerdings gewarnt und so den Israelis Zeit gegeben, sich vorzubereiten. Ein Großteil der Flugkörper war durch Israels Luftverteidigung abgefangen worden, auch Jordanien hatte sich am Abschuss der iranischen Raketen beteiligt.

Und jetzt Ende September sollte es noch schlimmer kommen, kaum dass Pezeshkian von der Woche bei der UN-Generalversammlung nach Teheran zurückgekehrt war: Israel machte wahr, womit es immer gedroht hatte, und flog einen kombinierten Angriff auf das Hauptquartier von Hizbullah-Generalsekretär Hassan Nasrallah in der Dahieh, einem südlichen Stadtteil von Beirut.

Ich selbst befand mich damals weit entfernt und doch gewissermaßen mitten im Geschehen: in der irakischen Hauptstadt Bagdad, wo ich mit einigen Freunden und Kollegen, darunter deutschen Verfassungsrechtlern, an einer Runde des Irakischen Nationalen Dialogs im Parlament teilnahm.

Im Irak gaben schiitische Parteien mit guten Beziehungen zu Iran den Ton an; einige mit der Hizbullah verbündete irakische Milizen waren in höchster Alarmbereitschaft, ebenso die Regierung, die eine Ausweitung des Krieges auf irakisches Territorium fürchtete. Ein irakischer Bekannter mit besten Beziehungen zu den libanesischen Schiiten berichtete mir, Abu Hadi, so Nasrallahs Kampfname, habe den Angriff überlebt und werde bald zur Überraschung seiner Feinde von einem unbekannten Ort aus zu seiner Gefolgschaft sprechen. Doch deren Hoffnung erfüllte sich nicht.

Ich war erstaunt, zu sehen, wie stoisch diejenigen irakischen Parteien, die sich sonst stark mit der Widerstandsideologie Nasrallahs identifizierten, über den Angriff hinweggingen. In der Empfangshalle des Parlaments hing zwar ein großes Transparent, welches den Märtyrer würdigte. Die Abgeordneten gingen jedoch beinahe achtlos daran vorbei.

Am Abend unserer geplanten Abreise am 1. Oktober gegen 20 Uhr wurde der irakische Luftraum für Passagierflieger gesperrt. Iran feuerte rund 200 Flugkörper auf Israel, gewissermaßen über die Köpfe der Iraker hinweg. Deren Ministerpräsident Mohammed Schia al-Sudani, der im Hintergrund mit Amerikanern und Iranern verhandelt und sich erfolgreich bemüht hatte, die Milizen im Zaum zu halten, stellte unserer kleinen Delegation eine Propellermaschine der Luftwaffe zur Verfügung, die uns zunächst nach Basra brachte. Von dort ging es auf dem Landweg weiter nach Kuwait.

Die in die Jahre gekommene achtsitzige Beechcraft King Air überfliegt den Unterlauf des Tigris und in einer knappen Stunde ein paar Jahrtausende nahöstlicher Geschichte. Sie steigt auf über den Vororten Bagdads, der »Stadt des Friedens«, wo im Mittelalter, dem »goldenen Zeitalter« des Islams, die Verschmelzung von Kulturen einen Zivilisationsschub zeitigte. Entlang der Route nach Südosten liegt Ktesiphon, die einstige Hauptstadt des Imperiums der Sassaniden mit der Palastruine, die die Iraker Taq-e Kisra nennen: »Bogen des Chosrau«. Etwas weiter südlich befindet sich Al-Kut, wo die Osmanen 1916 ein britisches Expeditionsheer umzingelten und dem Empire eine seiner schwersten Niederlagen des Ersten Weltkriegs zufügten.

Wir überfliegen das sumerische Lagasch, im 3. Jahrtausend v. Chr. einer der ersten Stadtstaaten der Geschichte menschlicher Zivilisation, und die Marschen – eine aus scheinbar endlosen Schilfwiesen und Wasserläufen bestehende Urlandschaft und der Legende nach ein Relikt des Gartens Eden, aus dem Gott die Menschen verstieß, weil sie sich seiner vollkommenen Schöpfung als nicht würdig erwiesen hatten. Als brauchte es dafür einen Beweis, werden ihre Ränder von den Ölbohrtürmen gesäumt, über denen jährlich Millionen Kubikmeter ausströmendes Erdgas abgefackelt werden, während die Bevölkerung an den Umweltschäden leidet und oft nicht einmal genügend elektrischen Strom hat, um ihren Alltag zu bestreiten.

Unter uns vereinen sich Euphrat und Tigris, jene beiden Ströme, die Mesopotamien seinen Namen gaben (auf Arabisch: bilad al-rafidain), zum Schatt al-Arab, der sich und sein vergiftetes Wasser durch ödes, versalztes Land zum Persischen Golf schleppt, als wollte er sich selbst zu Grabe tragen.

An seinen Ufern liegen die Schlachtfelder eines der abscheulichsten Kriege der Moderne. Iraks Diktator Saddam Hussein hatte ihn begonnen, sein iranischer Gegenspieler Ayatollah Khomeini, dankbar angenommen. Saddam setzte international geächtetes Giftgas ein, das er unter anderem mit deutscher Labortechnik hatte herstellen lassen. Khomeini seinerseits schickte Heerscharen von Kindern vor die Stellungen irakischer Maschinengewehre – mit einem Plastikschlüssel um den Hals und dem Versprechen, dass ihnen zwar ein kurzes Leben auf Erden, dafür aber ein langes im Paradies der Märtyrer beschieden sei. Als nach acht Jahren 1988 der Waffenstillstand unterzeichnet wurde – das Ergebnis entsprach der Ausgangslage vor dem Krieg –, sah Khomeini darin keinen Grund zur Freude: Es sei schlimmer für ihn, als einen Becher Gift zu trinken, ließ er seine Landsleute wissen. Dabei habe er doch bis zum »letzten Tropfen« seines Blutes kämpfen wollen. Dabei vergaß er, dass es nicht sein Blut war, das am Schatt al-Arab geflossen war, sondern das vieler Tausender anderer Menschen.

Der Krieg war vorbei, die Ängste, Schäden und Traumata aber blieben. Sie wirken bis heute, doch scheint es, dass die Bevölkerungen der beiden Länder – gemessen am Ausmaß der erfahrenen Gewalt – sehr schnell wieder zur Tagesordnung übergingen. Als hätten sie verstanden, dass der Krieg ihren jeweiligen Herrschern zur Festigung und Vergrößerung ihrer Macht dienen sollte, aber nicht in einer tiefen Feindschaft beider Völker begründet war.

Bei allen Berichten über Kriege und Gewalt im Nahen Osten tritt die Fähigkeit seiner Bewohner in den Hintergrund, Schrecken hinter sich zu lassen, sich in Widersprüchen einzurichten und pragmatische Lösungen zu finden. Neugierig für das Fremde zu sein, alert und aufmerksam für das, was um sie herum geschieht.

Beim Anflug auf den Militärflughafen von Basra denke ich an die Widersprüche, die die Geschichte des Nahen Ostens so vielschichtig und faszinierend machen und so manchen – einschließlich der Akteure selbst – buchstäblich in den Wahnsinn treiben. Da ist die Vielzahl der Mächte, die es unmöglich machen, den Nahen Osten nur aus der geopolitischen Vogelperspektive zu betrachten. In dieser Region, die an den strategischen und wirtschaftlichen Nahtstellen des Globus liegt, sind lokale und globale Fragen sehr eng miteinander verwoben. Weltmächte betreiben im Nahen Osten Lokalpolitik, lokale Stämme, Familien und charismatische Anführer Geopolitik. Heftige Gewalt, Fanatismus und Kompromisslosigkeit begegnen einer Kultur der Ränkespiele, geheimer Absprachen und geradezu tabuloser Diplomatie. Wer überleben, vor allem aber wer politische Macht ausüben will, muss seine Investitionen »hedgen« (also »absichern«) können und einen Plan B zur Hand haben, um manchmal mit völlig gegensätzlichen Methoden auf dasselbe Ziel zuzusteuern. Das macht es mitunter so schwer, das politische Handeln der Akteure zu entschlüsseln.

Die Tontafeln des Persepolis-Archivs, das Irans Präsident Pezeshkian aus New York mit in die Heimat brachte, sind ein gutes Bild dafür: Eine einzelne Tontafel mag eine hübsche Trophäe sein, die darüber hinaus noch etwas über sich selbst erzählt. So wie eine einzelne Nachricht, eine Begegnung, ein Einblick ins Geschehen dem Beobachter der Politik im Nahen Osten das Gefühl vermitteln kann, er habe etwas verstanden. Eine Sammlung mehrerer Tafeln verleitet zu der trügerischen Annahme, man habe viele Beispiele, die Gemeinsamkeiten aufweisen, und damit das Prinzip verstanden. Übertragen auf die Analyse des Geschehens im Nahen Osten heißt das, man tritt ein in die Phase gefährlichen Halbwissens, das Journalisten, Diplomaten und Politiker zu falscher Gewissheit und mitunter folgenschweren Fehleinschätzungen verleitet. Je mehr Teile man aber zusammenfügt, desto mehr Fragen ergeben sich und desto mehr ist man darauf angewiesen, mit anderen zu kooperieren, da niemand allein den Überblick behalten kann.

Das Palastarchiv des Perserkönigs Darius, das wie kaum ein anderer archäologischer Schatz des Altertums zum Gegenstand eines aktuellen politischen Konflikts wurde, ist eine unerschöpfliche Quelle, gleichwohl eine, die es ihren heutigen Lesern nicht gerade einfach macht, weil sie sich gar nicht an sie richtet. So dominiert bis auf Weiteres die Erzählung, welche die Feinde der alten Perser hinterlassen haben. Und so verhält es sich auch heute oft in unseren Debatten zum Nahen Osten: Es ist leicht, über diejenigen, über die man wenig weiß, Unsinn zu verbreiten und damit die Beweislast dergestalt umzukehren, dass andere diesen Unfug erst durch mühsam zusammengetragene Fakten widerlegen müssen.

1 Krieg und Frieden im Alten Orient oder: Warum verhandeln, wenn man seinen Feind vernichten kann?

Am 24. September 1970 feierte der Generalsekretär der Vereinten Nationen in New York die Enthüllung eines erstaunlichen Objekts: des überlebensgroßen Replikats einer in Akkadisch verfassten Tontafel, auf der sich der erste bekannte völkerrechtliche Vertrag befinden soll.

Pharao Ramses II. von Ägypten und Hattusili III., Großkönig der Hethiter, gelobten darin, »guten Frieden und gute Brüderschaft zwischen dem Lande Ägypten und dem Lande Hatti für immer zu stiften!« Die beiden mächtigen First Ladys, Nefertari von Ägypten und Puduhepa die Hethiterin, verbanden sich daraufhin in einer Brieffreundschaft: »Dir, meiner Schwester, möge es gut gehen, Deinem Lande möge es gut gehen«, heißt es auf einer Keilschrift-Postkarte vom Nil, die man in hethitischen Archiven fand.[1]

Zwei Könige, die größten ihrer Zeit, fassten nach jahrelangen Kriegen den Entschluss, Brüder zu sein. Ihre Völker sollten fortan in Frieden leben, nie wieder würde ein Staat den anderen attackieren: eine schöne Geschichte vom Frieden, die allerdings auch eine andere, realpolitische Seite hat.

Bis zu dem Vertrag, der wohl im Jahr 1259 v. Chr. abgeschlossen wurde, hatten die beiden Reiche in ihrer Rivalität um die Vorherrschaft im östlichen Mittelmeerraum verlustreiche Kämpfe ausgetragen. Im Gegensatz zu seinem jüngeren Gegenüber, dessen Herrschaft sich in erster Linie über einen Großteil der heutigen Türkei und Gebiete Nordsyriens erstreckte, konnte Ramses sich noch anschaulich an seine letzte epochale Niederlage gegen Hattusilis Bruder und Vorvorgänger auf dem Thron erinnern. Bei der Schlacht von Kadesch in Syrien 1274 v. Chr., der größten und berühmtesten der Geschichte des Alten Orients, hatte Ramses, der durch seine imposanten Statuen und biblische Legenden bis heute bekannte »starke Stier« und »Geliebte des Amun«, nur knapp die eigene Haut gerettet. Auch wenn er das Gemetzel später propagandistisch als großen Sieg darstellen ließ.

Und da sollten die beiden Könige sich nun eines Besseren besonnen haben. Angesichts von so großer Symbolik und romantischer Verklärung rief der ägyptisch-hethitische Friedensvertrag natürlich Kritiker auf den Plan. Denn wie es in der Geschichte der Diplomatie später häufig vorkommen würde, liegen verschiedene Textfassungen auch dieses Paktes vor, und das nur in Fragmenten: eine oder zwei in ägyptischen Hieroglyphen und eine auf einer Keilschrifttafel, welche 1906 im anatolischen Boğazköy, dem Ort der einstigen hethitischen Hauptstadt Hattusa, gefunden wurde – verfasst in Akkadisch, der in jener Zeit im Alten Orient gebräuchlichen Diplomatensprache. (Ein Fragment des Textes lagert in den Staatlichen Museen zu Berlin.)

Ob die ägyptische und die hethitische Fassung aufeinander Bezug nehmen, welche zuerst da war oder ob sich beide auf ein anderes, verschollenes Original beziehen, darüber streitet die Forschung bis heute.

In einer Welt, in der sich das Selbstbild von Königen auf den ersten Blick vor allem in Reliefs ausdrückt, auf denen sie – dreimal so groß wie alle anderen – ihre Feinde erschlagen und auf deren Köpfen stehen, mag es nicht selbstverständlich sein, dass sich zwei von ihnen auf einmal auf gleicher Augenhöhe als »Brüder« akzeptieren. Gleichwohl gibt das »Kleingedruckte« eine Ahnung davon, was anstelle von spontanem Pazifismus das wahre Motiv der beiden Vertragspartner gewesen sein könnte. Sie sichern sich gegenseitig unter anderem Militärhilfe zu, wenn einer von einer dritten Partei angegriffen werden sollte. Sie versprechen einander, dass sie niemandem Asyl gewähren, der versucht hat, gegen den jeweils anderen zu putschen – also eine Art Auslieferungsabkommen. Dafür gab es gute Gründe. Insbesondere auf der hethitischen Seite war die Gefahr von Palastrevolten real; der Pharao wiederum hatte mit aufmüpfigen Stämmen und Völkern in Nordafrika zu kämpfen. Und beide Reiche fühlten sich durch die immer mächtiger und selbstbewusster auftretenden Assyrer aus Mesopotamien herausgefordert.

Inwiefern der Sprache des Paktes schon so etwas wie ein »Staatsvertrag« zu entnehmen ist, also ein Abkommen, das sich nicht nur auf die jeweilige Person des Königs bezog, sondern darüber hinaus gültig bleiben sollte, ist ein weiteres Problem der Rechtsgeschichte. Alles in allem hielt die Vereinbarung, wenngleich sie irgendwann dadurch obsolet wurde, dass das Hethiterreich Anfang des 12. Jahrhunderts v. Chr. zerfiel und sich auch Ägypten durch eine Verkettung weltpolitischer und klimatischer Veränderungen aus dem syrolevantinischen Raum zurückziehen musste.

Das Dokument und die Diskussion darum zeigen gleichwohl exemplarisch eines: Frieden und Diplomatie können zusammenhängen, aber sie sind eben nicht dasselbe. Diplomatie mag manchmal dem Frieden dienen, sofern sie als nicht gewaltsame Methode zur Beilegung von Konflikten angesehen wird (man kann Frieden ja auch dadurch herstellen, dass man den Gegner besiegt oder vernichtet). Oftmals dient Diplomatie jedoch der Bildung von Allianzen, um strategische oder taktische Vorteile gegenüber Dritten zu gewinnen und gegen diese besser und erfolgreicher zuzuschlagen. Die Gleichsetzung von Frieden und Diplomatie hat nicht nur in der Geschichte des Nahen Ostens großen Schaden angerichtet; sie tut es bis heute.

Als der türkische Außenminister Ihsan Sabri Çağlayangil im Jahr 1970 in New York dem UN-Generalsekretär U Thant die Replik des ägyptisch-hethitischen Friedensvertrags überreichte, geschah dies sicher nicht aus Freude an der Archäologie: Die türkische Republik war in jener Zeit in den militärischen Konflikt um Zypern verwickelt, wo eine türkischsprachige Minderheit lebt. Ankara suchte internationale Legitimität und die Nähe zu den USA. Während seiner beiden Amtszeiten als Außenminister trieb Çağlayangil einerseits die Annäherung an die USA, andererseits den Abbau der Spannungen mit dem Ostblock voran; die Türkei hatte als einziges NATO-Mitglied eine direkte Landgrenze zur Sowjetunion. Und als Nachfolgestaat des hethitischen Imperiums, so ließ sich die Botschaft des Geschenks an die UNO deuten, verstand die Türkei etwas vom Krieg, aber auch vom Frieden.

Immerhin: Die Geste fand einen prominenten Nachahmer in Gestalt eines nahöstlichen Herrschers, der weitaus größere historische Ansprüche als die Türken anmeldete. Ein Jahr später vermachte Schah Mohammad Reza Pahlavi von Iran der Weltgemeinschaft eine Kopie des berühmten sogenannten Kyros-Zylinders. Anlass war die 2500-Jahr-Feier Irans; der Schah sah sich als Nachfolger des altorientalischen achämenidischen Herrschers Kyros II., mit dessen Geist er vor laufenden Kameras und zahlreichen internationalen Jetset-Gästen auch Zwiesprache hielt. Während sich die westlichen Verbündeten über das Verhalten und den Rückhalt Seiner Majestät im geopolitisch heiklen Iran sorgten, beauftragte dieser seine stets benachteiligte, aber für politische Aufgaben geeignete Zwillingsschwester Ashraf, den Vereinten Nationen das prächtige Artefakt aus dem Jahr 538 v. Chr. zu überbringen.

Im Kyros-Zylinder preist sich der antike persische Eroberer dafür, dass er Babylon seinerzeit nahezu kampflos erobert, die göttliche Ordnung wiederhergestellt und die Frevler zur Verantwortung gezogen habe. Kyros gestattete den Völkern des Alten Orients auch, die Kultstätten instand zu setzen, welche die Babylonier zerstört hatten (insbesondere in der hebräischen Bibel gilt Kyros daher als der Herrscher, der den Neubau des Tempels von Jerusalem und die Rückkehr der Juden aus dem Exil ermöglichte). Stets bemüht, der Weltgemeinschaft, vor allem der westlichen, die historische Bedeutung Irans zu vergegenwärtigen und Kritik an seiner Herrschaft zum Verstummen zu bringen, ließ Schah Mohammad Reza erklären, dass es sich beim Zylinder des Kyros um die »erste Deklaration der Menschenrechte« überhaupt handele – ein Unsinn, der seitdem gleichwohl tausendfach wiederholt wurde.

Der ägyptisch-hethitische Vertrag und der Kyros-Zylinder sind zwei der berühmtesten Beispiele dafür, wie im Alten Orient eine Art internationale Ordnung errichtet wurde. Allerdings gibt es weit ältere schriftliche Zeugnisse von dortigen Friedensvereinbarungen. Um das Jahr 2350 v. Chr. schlossen die bronzezeitlichen, im nördlichen Syrien gelegenen Stadtstaaten Ebla und Abarsal einen Vertrag. Auf einer Tontafel hielt man fest, wo die Grenzen zwischen beiden verliefen, welche Waren zwischen ihnen gehandelt wurden und auf welche Rechte sich Kaufleute im Grenzverkehr berufen konnten. Dem Abkommen war allerdings ein Krieg vorausgegangen, den Abarsal verloren hatte. Man schloss also keinen Frieden aus Brüderlichkeit, sondern um ein Vasallenverhältnis zu bestimmen. Ähnlich verhält es sich bei einem Vertrag zwischen dem König von Akkad, Naram-Sin (auch Naram-Su'en), und einem nicht namentlich bekannten Herrscher aus dem westiranischen Awan, der sich auf eine in ihrem Kern später berühmt gewordene Formel verpflichten musste: »Der Feind des Naram-Sin ist mein Feind, der Freund des Naram-Sin ist mein Freund.«[2] Laut dem Pariser Louvre handelt es sich bei dieser Tontafel aus dem Jahr 2250 v. Chr. um eines der ältesten diplomatischen Dokumente der Welt.

Unter den Hunderttausenden schriftlichen Quellen des Alten Orients, die im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte entdeckt und erforscht wurden, finden sich Verwaltungsakten, Steuererklärungen, Gebete und erotische Korrespondenzen. Friedensverträge allerdings stellen die Ausnahme dar, und viel mehr als die hier skizzierten sind tatsächlich bisher nicht bekannt. Vermutlich dachte der Mensch des Alten Orients viel über den Krieg nach. Aber befasste er sich auch mit dem Frieden?

Womöglich unterschied er sich diesbezüglich nicht von seinen Nachfahren der heutigen Zeit. Stellt man sich vor, dass in 2000 Jahren Archäologen die Welt des 21. Jahrhunderts anhand von versunkenen Akten, Büchern, Zeitungen und Festplatten rekonstruieren werden, so werden sie auf viele Nachrichten über Kriege und Gewalt stoßen und den Eindruck gewinnen, dass wir – die zukünftigen Menschen von einst – in einer besonders gewalttätigen Welt lebten und dem Krieg eine viel größere Bedeutung beimaßen als dem Frieden.

Gewalt ist newsworthy, sie verdient Aufmerksamkeit. Nach einer gewissen Epoche der Zurückhaltung scheint es auch heute wieder salonfähig, dass sich Staatschefs nicht nur mit ihrer Fähigkeit rühmen, Frieden und Ordnung zu verbreiten, sondern auch damit, dass sie brutale Gewalt ausüben können, und legitimiert sind, dies zu tun. »Assur, der Vater der Götter, gab mir die Macht, Städte zu zerstören und sie neu zu besiedeln (…). Nergal, der mächtigste der Götter, gab mir als Gabe die Grimmigkeit, die Pracht und den Schrecken«, so beschreibt der neuassyrische Herrscher Asarhaddon in einer Inschrift die Insignien seiner Macht.[3] (Abgesehen davon, dass sich US-Präsident Donald J. Trump für gewöhnlich weniger kultiviert ausdrückt, würde es heute niemanden mehr schockieren, wenn er einen Tweet mit diesem Wortlaut absetzte, um Iran, den Palästinensern im Gazastreifen oder der heimischen Demokratischen Partei zu drohen.)

Der griechische Philosoph Heraklit von Ephesus nannte den Krieg »Vater aller Dinge«. Er mache »die einen zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Sklaven, die andern zu Freien«. So zumindest überliefert es der Kirchenvater Hyppolit von Rom.[4] Dieser Satz des Heraklit wurde und wird immer wieder aus dem Kontext gerissen zitiert – oft von Apologeten des Krieges, die militärische Gewalt als eine Art Normalzustand des menschlichen Seins verklären wollen. Die Bedeutung des von Heraklit verwandten griechischen Wortes polemos ist allerdings nicht nur als bewaffneter Kampf zwischen Armeen zu verstehen, sondern metaphysisch auch als Konflikt, Widerstreit der Dinge. Und wer Heraklits Worte als Legitimation des Tötens deuten möchte, sollte sich vergegenwärtigen, dass der Philosoph insgesamt gern in Metaphern wie dieser spricht: »Die Zeit ist ein spielender Knabe, der die Brettsteine hin und her setzt.«

Aber was verstand der Mensch des Alten Orients wohl unter »Frieden«? Das akkadische Wort für Frieden ist identisch mit dem für Sicherheit und Wohlergehen (šulmu). Akkadisch war die Nachfolgesprache des Sumerischen, einer der ältesten Schriftsprachen der Menschheit. Das Verb šalâmu (unversehrt sein) taucht unter anderem im Gilgamesch-Epos und den »Amarna-Briefen« aus dem Palastarchiv des Pharaos Echnaton auf, der während seiner Regierungszeit in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts v. Chr. mit seinen Vasallen und Nachbarn im Vorderen Orient eine umfassende Korrespondenz führte. Nicht zufällig entspricht šalâmu phonetisch, aber auch in der Bedeutung dem hebräischen shalom und dem arabischen salam. Im Neuassyrischen, welches in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. verwendet wurde, steht salamu für »Allianzen schmieden, friedlich stimmen, sich versöhnen« und pašhu für »friedlich sein«.[5]

Das Ägyptische kennt hotep, woraus sich der allgemeine Zustand von Frieden, Zufriedenheit oder Ausgeglichenheit ableiten kann, der auch in den Namen prominenter Pharaonen vorkommt – etwa Amenhotep, wie gleich vier Herrscher der 18. Dynastie hießen (im Deutschen benutzt man zumeist die aus den griechischen Quellen überlieferte Variante Amenophis). Auch die Verben für »etwas beilegen« und »jemanden friedlich oder günstig stimmen« leiten sich aus dieser Wortwurzel ab. Neben hotep kannten die alten Ägypter maat, den Zustand der kosmischen Ordnung, den herbeizuführen (oder wiederherzustellen) das Ziel einer guten und gerechten Regierungsführung war. Die Hieroglyphe für hotep zeigt einen Stuhl, einen Laib Brot und einen Altar. Was braucht man sonst für den inneren Frieden?

Im Avesta, der heiligen Schriftensammlung des Zoroastrismus und einer der Hauptquellen für das Mittelpersische sowie die religiösen Vorstellungen des antiken Iran, ist von axshti die Rede, womit sowohl ein friedlicher Zustand als auch ein Friedensschluss gemeint sein kann. Hier ist man unserem aus dem althochdeutschen fridu hervorgegangenen Begriff inhaltlich schon deutlich näher, vor allem was seine Ambivalenz betrifft.

Dass der universelle Friede und der Friedensvertrag nicht ein und dasselbe sind, muss hin und wieder deutlich gemacht werden. Andererseits: Wenn kurzfristige Abkommen keine Dividende bringen, also nicht einmal eine Ahnung von jenem Zustand der Glückseligkeit vermitteln, sind sie unnütz. Mit dem Frieden ist es, um es mit den Worten des französischen Autors Michel Audiard zu sagen, wie mit der Heiligen Jungfrau bei den Christen: Wenn er nicht ab und zu in Erscheinung tritt, stellt sich der Zweifel daran ein, ob er wirklich existiert.[6]

Die arabische Sprache schließlich nuanciert zwischen drei Arten des Friedens: salam, ein universeller oder auch individueller Zustand der Unversehrtheit, silm, die Eintracht unter den Menschen, und sulh, womit ein aktiver Friedensschluss gemeint sein kann. Salam ist das Gegenteil von Chaos und Gewalt, sulh das Gegenteil von Krieg, weil es sich stets auf das Verhältnis zweier oder mehrerer Parteien bezieht.

Als die muslimischen Araber im Jahr 635 Damaskus eroberten, eine der größten Städte der damaligen Zeit, taten sie dies der Legende nach auf zweierlei Weise: Ein Teil wurde 'anwatan, durch Gewaltanwendung, unterworfen, der andere sulhan, durch Vertragsschluss, weil die Verteidiger sich ergaben. Ob diese Geschichte sich so tatsächlich zugetragen hatte, schien den späteren Denkern des islamischen Rechts zweitrangig. Viel wichtiger war das völkerrechtliche Exempel: Man konnte sich den Kalifen so oder so unterwerfen und wusste, welche Konsequenzen man jeweils zu erwarten hatte. Die vertragliche Übergabe wurde so gewissermaßen incentiviert. Beide, Krieg und Frieden, hatten durch die Epochen hindurch eine ideologische und eine propagandistische Bedeutung, und kaum eine politische Kultur nutzte diese so vollkommen wie die iranische, welche den islamischen Eroberungen vorausgegangen war.

Persische Propaganda oder: Der Schah hat immer recht

Im Jahr 211 erhob sich in der Region Persis im heutigen Iran ein Heerführer und Vasall des Partherreiches. Sein Name sollte zum Programm der durch ihn gegründeten Dynastie werden: Ardaschir stammt vom altpersischen arthakhshatra ab und lässt sich als »rechte Lehre« übersetzen.

Ardaschir stellte sich damit nicht nur in die Tradition der persischen Großkönige des Achämenidenreiches, von denen einige diesen Namen trugen (griechisch: Artaxerxes). Die Nachfahren Ardaschirs, bekannt als Sassaniden, errichteten und beherrschten das letzte spätantike Imperium des Orients. Es reichte von den Steppen Zentralasiens bis an das Mittelmeer – zeitweilig sogar vom Kaukasus bis zum Süden der Arabischen Halbinsel. Die rechte oder reine Lehre der Sassaniden war der Zoroastrismus, eine Weltanschauung, die auf den mythischen Propheten Zarathustra (Zardascht) zurückging und als eine der ersten quasimonotheistischen Religionen betrachtet werden kann.

Zwar kannte der Zoroastrismus, wie ihn die alten Perser propagierten, auch andere Gottheiten, aber nur eine universelle, mächtigste und allumfassende: Ahuramazda. Diese Gottesvorstellung unterschied sich wesentlich von denen der meisten Kulturen des Vorderen Orients, etwa der Sumerer, Assyrer oder Babylonier, in deren Pantheon auch den höchsten Göttern Grenzen gesetzt waren. Ahuramazda hingegen kannte alles, wusste alles und war überall zugleich.

Viel spricht dafür, dass das jüdische und das christliche Bild eines Gottes, der alles hört, alles sieht und überall eingreifen kann, also eine transzendente, höchste Macht ist, von dem Ahuramazdas beeinflusst wurde. Wie die Götter der griechischen Antike waren ihre Counterparts im Alten Orient nicht frei von Regungen, Leidenschaften und Eifersüchteleien – man musste sie gütig stimmen. Ahuramazda hingegen war absolut gerecht, vollkommen und nicht, wie die anderen Götter, Figur einer unterhaltsamen menschlichen Mythologie. Von einem solchen Gott machte man sich auch kein Abbild, wovon eine eher abstrakte Vorstellung Ahuramazdas zeugte.

Auf einigen Felsreliefs der Sassanidenzeit sieht man zwar – womöglich – Verkörperungen des Gottes in menschlicher Gestalt. In Tempeln und Kultstätten aber verehrte man Ahuramazdas Ordnung in Form einer anderen, absoluten Substanz: des Feuers, das jede Materie verzehren kann und selbst nicht aus Materie besteht. Feuertempel waren und sind bis heute das Erkennungszeichen der zoroastrischen Religion.

Ahuramazda verkörperte Ordnung, Wahrheit und Frieden. Und es oblag dem König als Vertreter der reinen Lehre, in diesem Fall dem Schah der Sassaniden, diese aufrechtzuerhalten.

Die auf dem Zoroastrismus aufbauende Staatsideologie war eine dualistische: Sie teilte die Welt buchstäblich in Gut und Böse ein. Schwarz gegen Weiß, Licht gegen Dunkel, Wahrheit gegen Lüge. In diesem letzten Gegensatz verbarg sich der eigentliche politische Zündstoff der sassanidischen Staatsideologie: Wenn der König der Verteidiger der Wahrheit war, so waren seine Gegner Sachwalter der Lüge, drug (das alte Wort ist verwandt mit dem deutschen »Trug« und erinnert daran, dass das Persische eine indogermanische Sprache ist).

Schon der dritte Großkönig des persischen Imperiums, Darius I., ein Militär, der sich mutmaßlich 522 v. Chr. an die Macht geputscht hatte und dem Achämenidenreich eine glanzvolle Ära bescherte, setzte diesen Ton. Ein in schwindelnder Höhe von hundert Metern prangendes Relief in einer Felswand im Nordwesten Irans zeigt Darius als Meister der Propaganda. In der nach ihrem Ort benannten Behistun-Inschrift schildert er, wie er als angeblicher Nachkomme des Reichsgründers Kyros gegen einen ominösen Magier namens Gaumata kämpfte, der sich eine falsche Identität als »König der Könige« angeeignet hatte. Darius lobt sich selbst dafür, dass er eine ganze Armee von Scharlatanen zur Strecke brachte. »Deswegen standen Ahuramazdah, der Gott der Iraner, sowie die anderen Götter mir bei, weil ich nicht treulos war, kein Lügenknecht und kein Frevler – weder ich noch meine Sippe.«[7]

So lässt es Darius die Nachwelt wissen. Den moralisch-ideologischen Anspruch der Perser übernahmen die Sassaniden, die es – vermutlich – mit den Achämeniden hielten wie die Könige Frankreichs mit Karl dem Großen: Sie sahen sich als Erben des ersten Weltreichs der Geschichte, einer Epoche, in welcher die Herrschaft vollkommen war und die Untertanen friedlich miteinander lebten.

Gleich, wie er seiner Natur nach ausgesehen haben mag, war der Monarch der Sassanidenzeit von Amts wegen schön. Als shahinshah, »König der Könige«, hatte er den prächtigsten Bart, trug den kostbarsten Schmuck, bewährte sich als größter Kämpfer und Jäger. Auch hatte er den größten Appetit und war vor allem trinkfest. Wenn der sassanidische Schah im Suff etwas beschlossen hatte, so gehörte es zum höfischen Protokoll, dass man ihm den Sachverhalt noch einmal im nüchternen Zustand zur Revision vorlegte. So weit, so menschlich.

Etwas aber unterschied ihn ganz grundsätzlich von seinen Generälen und der Aristokratie, das ihm nicht nur Schönheit, sondern Majestät, Weisheit und großen Mut verlieh. Glanz kam auf ihn in Form eines Lichtwesens, das aus dem Wasser aufstieg und sich auf dem König niederließ: Farr konnte sich verschiedentlich manifestieren – als Schatten des Adlers, in Gestalt weißer Falken oder eines Widders und als leuchtende Aureole auf dem königlichen Haupt, wie man sie – ähnlich einem Nimbus oder Heiligenschein – auf sassanidischen Felsreliefs findet.

Wer farr besitzt, hat nicht nur Superkräfte, sondern wird auch von wundersamen Tieren eskortiert. Davon berichtet das Buch der Könige(Shahnameh) des Dichters Ferdowsi, der zwar in islamischer Zeit schrieb, aber detaillierte Einblicke in die Kultur und Mythologie der Sassaniden gibt. Der mit farr gesegnete persische Held Rostam etwa reitet auf einem Pferd, das denken kann – Vorbild des Reittieres Buraq, mit welchem der Prophet Mohammed seinerzeit in einer einzigen Nacht von Mekka nach Jerusalem und wieder zurück reiste.

Dank seines Lichtgeistes, der wie eine Art Schutzengel wirkt, vermag der König auch durch Feuer zu gehen, ohne dass es ihn verbrennt, was ihm bei seiner Amtsführung als Hohepriester im Feuertempel an besonderen Feiertagen natürlich nützlich ist. Zudem kann der König die Gedanken anderer erraten, Zauber vereiteln und Lüge entlarven. Vernachlässigt er aber seine moralischen und herrschaftlichen Pflichten, kann er sein farr auch wieder verlieren. Das mag auf den ersten Blick als Widerspruch erscheinen, da ein Unfehlbarer ja keine Fehler machen kann. Aber darin lagen gewissermaßen die checks and balances des sassanidischen Staates. Ein König, der wegen seines Hochmuts vom farr verlassen wurde, verlor seine Immunität.[8] Er durfte sogar abgesetzt werden – eine Pflicht und ein Privileg, das der Priesterschaft vorbehalten war.

Zu den Verfehlungen, die sich ein Schah zuschulden kommen lassen konnte, gehörte auch die übermäßige Milde gegenüber Straftätern oder anderen Religionsgemeinschaften – zwar sollte man diese tolerieren, aber zugleich dafür sorgen, dass sie sich nicht vom ihnen zugewiesenen Platz in der Rangordnung wegbewegten. Der König der Sassanidenzeit verkörperte also ein Ordnungsprinzip. Seine Aufgabe war die Aufrechterhaltung des Kultus, aus dem sich seine Legitimation selbst ableitete. Tat der König seine Arbeit, herrschten Ruhe und Frieden im Land. Vernachlässigte er sie, stellten sich Aufruhr, Landplagen und Dürrekatastrophen ein.

Chosrau II. war einer der letzten und zugleich bedeutendsten Schahs der Sassaniden, der den Beinamen parviz (»Sieger«) trug. Zu seinen Titeln zählte pedram-e shahr, was sich mit »Verbreiter des Friedens« oder »Befrieder des Landes« übersetzen lässt. Mit besagter Befriedung hatten die Sassaniden alle Hände voll zu tun. Und eine Methode, auf die sie sich dabei verstanden, war der Krieg.

Im Osten, in den Steppen Zentralasiens und dem heutigen Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan, führten sie im 3. Jahrhundert insgesamt drei große Kriege gegen das Kuschan-Reich, das von einst aus China eingewanderten Nomadenstämmen gegründet worden war.

Im 5. Jahrhundert kämpften die Sassaniden gegen die »weißen Hunnen«, auch Hephtaliten genannte kriegerische Reiterstämme, die bis ans Kaspische Meer vorrückten. Im Jahr 484 verlor Schah Peroz I. seinen göttlichen farr, so scheint es, denn er zog angeblich gegen den Rat seiner Paladine in die Schlacht, nachdem er einen mit den Kriegern aus Zentralasien geschlossenen Waffenstillstand verletzt hatte und hochmütig die Demarkationslinie verschob. Dem Chronisten Al-Tabari zufolge versetzte Peroz den Turm, der die Grenze zwischen seinem Machtbereich und dem der Hephtaliten markieren sollte, mithilfe von Kriegselefanten und marschierte hinterher. Doch der Gegner hatte einen Graben ausheben lassen und diesen mit Gestrüpp bedeckt. Peroz und seine Truppen fielen hinein und wurden niedergemetzelt.

Immer wieder intervenierten die Sassaniden auch im Kaukasus, in Armenien und Iberien (heute Georgien), wo Aufstände und Erbfolgekonflikte zwischen den Vasallen die Macht des Schahs infrage stellten.

Gleich zweimal entsandten die Verbreiter des Friedens ein Expeditionsheer in den Süden der Arabischen Halbinsel. Auf dem Weg eroberten sie die Insel Bahrain und rückten mit ihrer Marine in den heutigen Oman vor, im heutigen Jemen stießen sie auf ein feindliches Heer. Der sassanidische General Wahrez und seine Soldaten, die wie er großenteils aus dem feuchten und kühlen Gilan am Kaspischen Meer stammten, erwiesen sich auch in den Bergen und Tälern des Hadramaut – was übersetzt »Hof des Todes« heißen könnte – als verlässliche Strategen. Und das, obwohl ihr Gegner nicht nur zahlenmäßig überlegen, sondern womöglich auch ortskundiger gewesen sein dürfte: Es war ein Heer des christlichen Kaisers von Abessinien unter dem Kommando eines gewissen Masruq Ibn Abraha. Er starb in der Schlacht um 570 oder 571 durch einen Pfeilschuss, und die Sassaniden setzten ihren Feldzug fort.

Die erste diplomatische Konferenz in der arabischen Geschichte

Die sassanidische Expedition in den Jemen gehört zu einem der folgenreichsten und in Teilen bis heute rätselhaftesten Kapitel der Geschichte Arabiens: Im Jemen, dem damaligen Himyar, hatte ein jüdisches Reich existiert, dessen König ein Massaker an Christen verübt hatte. Es setzte eine geopolitische Bewegung in Gang, indem es die drei großen Reiche – das abessinische Aksum, Byzanz (Ostrom) und die Sassaniden – auf den Plan rief. In einer Art humanitären Intervention aufseiten der Christen landeten von jenseits des Roten Meeres abessinische Truppen in Südarabien. Sie besiegten den jüdischen Herrscher und setzten einen christlichen Militärsklaven namens Abraha als Statthalter ein. Sein wenig schmeichelhafter Spitzname: der mit dem gespaltenen (oder zerfurchten) Gesicht.

Dieser Statthalter unternahm nun mehrere Expeditionen gegen die Stämme Arabiens und drang so weit nach Norden vor. Dabei setzte Abraha angeblich auch Kriegselefanten ein. In seinem Opus magnum, der Geschichte der Propheten, Könige und Kalifen, berichtet Al-Tabari von der Geburt des Propheten Mohammed und den wundersamen Dingen, die sich in jenem Jahr zugetragen haben sollen. Die Konfrontation der Imperien im fernen Jemen würde die Weltgeschichte verändern.

»Es war im Jahr des Elefanten, als der Prophet das Licht der Welt erblickte – jenem Jahr der Expedition Abrahas gen Mekka«, heißt es in der Chronik. Wer Tabaris gesamtes Werk gelesen hatte, wusste, was gemeint war. Aber auch sonst – so konnte Tabari voraussetzen – waren seine Zeitgenossen noch mit dieser Referenz vertraut. Schließlich berichtet der Chronist Ibn Ishaq in seiner Prophetenbiografie davon. Und der Koran nimmt in der bemerkenswert kurzen mekkanischen Sure 105 mit dem Titel »Al-Fil – der Elefant« darauf Bezug: »Hast du nicht gesehen, wie der Herr mit der Armee des Elefanten verfuhr? Und wie er ihren Plan durchkreuzte?«, heißt es darin.

Das »Jahr des Elefanten« könnte eine Art Nullpunkt der vor- und frühislamischen Zeitrechnung in Arabien gewesen sein, ähnlich wie die Geburt Christi für das Abendland oder die Hidschra, die Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina, die gemeinhin auf das Jahr 622 christlicher Zeit datiert wird. Etwas Spektakuläres muss in diesem Jahr stattgefunden haben, von dem man sich immer wieder neu erzählte: Als das Expeditionsheer die Kaaba, das Heiligtum von Mekka, erreichte, soll der vorausmarschierende Kriegselefant den Befehl verweigert und sich niedergesetzt haben.

Dann erfolgte die Gegenattacke aus der Luft: Schwärme von Vögeln, so erzählt es der Koran, hätten Steine und Ziegel auf Abrahas Heer hinabgeworfen und geholfen, es zurückzudrängen. Eine göttliche Intervention!

Abgesehen vom Wahrheitsgehalt der islamischen Legende brachte das glücklose Regime des Abraha Bewegung in die politischen Verhältnisse auf der Arabischen Halbinsel. Der Hedschas, die Geburtsstätte der späteren islamischen Bewegung, lag nun nicht mehr nur am Rande, sondern stand im Zentrum der Spannungen zwischen den Imperien der Spätantike. Arabien wurde zum Schmelztiegel religiöser Vorstellungen und Ideologien, aus denen sich politische Beziehungen ableiten ließen.

In der muslimischen Welt kennt jedes Kind das »Jahr des Elefanten«. Weniger bekannt ist, dass die Jemenkrise der Spätantike auch als Geburtsstunde internationaler Konferenzen für Frieden und Sicherheit gelten kann, denn eine solche hatte Abraha, der Statthalter mit der zerfurchten Visage, um das Jahr 547 einberufen.

Schauplatz der ungewöhnlichen Versammlung war Marib, eines der bedeutendsten Zentren Arabiens und einst Hauptstadt des altarabischen Reiches von Saba. Die Ruine des Awwam-Tempels mit seinen aus dem Sand ragenden quaderförmigen Säulen ist bis heute eines der Wahrzeichen des Jemen, in der Nähe liegt der berühmte Staudamm von Marib, der die Stadt an der Weihrauchstraße reich und fruchtbar gemacht hatte.

Abraha, wie gesagt Gastgeber der Friedenskonferenz, legte offenbar großen Wert aufs Protokoll, denn die angereisten Delegierten wurden entsprechend ihrer Wichtigkeit in Kategorien aufgeteilt: Die Vertreter der beiden christlichen Reiche Aksum und Byzanz wurden als »Minister« geführt, jener Persiens als »Botschafter«. In der zweiten Reihe standen die Bevollmächtigten der jeweiligen Vasallen dieser Reiche.[9] Die Stammesföderation der mit Byzanz verbündeten Ghassaniden nahm ebenso teil wie ihre Erzfeinde, die Lakhmiden, die mit den Persern im Bund standen. Beide bekämpften sich – mal im Auftrag, mal auf eigene Rechnung – leidenschaftlich, um die Vorherrschaft über das Gebiet zwischen Syrien und dem heutigen Irak zu erringen, operierten aber auch weiter südlich auf der Arabischen Halbinsel und am Persischen Golf. Auch wenn ihre Anführer, Harith bin Jabalah und Mundhir, es lauthals bestritten hätten, so waren sie doch proxies der Weltmächte und wurden bei der Konferenz von Marib entsprechend behandelt.

Was aber wurde dort besprochen? Man weiß es nicht, denn offenbar hat niemand Protokoll geführt. Die Zusammensetzung der Gäste – alle großen und mittelgroßen Akteure im Nahen Osten der damaligen Zeit – lässt vermuten, dass es darum ging, Einflusssphären abzustecken. Dass die arabischen Stämme der Halbinsel nicht vertreten waren oder nicht erwähnt wurden, deutet darauf hin, dass Abraha dieses Gebiet vornehmlich als seinen Vorgarten bzw. den seines Lehensherrn, des Kaisers von Aksum, betrachtete. Offenkundig aber dachte man bereits global: Man kannte die Geografie, die Machtbereiche und verhandelte im Jemen auch die politischen Verhältnisse in tausend Kilometern Entfernung mit. Man erkannte, dass die Lage am Roten Meer mit jener am Persischen Golf und die im Irak mit der am Mittelmeer zusammenhing.

Was ihren Ausgang anbelangt, bleibt die Konferenz von Marib ein Rätsel. Sollte ein Abkommen verhandelt worden sein, fühlten sich zumindest die Sassaniden nicht daran gebunden. In jedem Fall setzten sie im Jemen nach der Niederlage des Abraha und seiner Truppen ihren proxy ein – Schah Chosraus Truppen starteten jenen Feldzug, auf dem Abrahas Sohn Masruq ums Leben kam.

Man kann vermuten, dass sich das aus seiner nahe der heutigen irakischen Kapitale Bagdad am Ufer des Tigris gelegenen Hauptstadt Seleukia-Ktesiphon regierte sassanidische Imperium das eine oder andere Mal in seiner Geschichte überdehnte.

Zumal es an einer Front, glaubt man der politischen Propaganda der damaligen Zeit, niemals wirklich Frieden gab. Denn wo die Sassaniden im Zeichen des Feuers kämpften, führte ein mächtiger Gegner das Kreuz ins Feld. Auch er behauptete von sich, die Wahrheit und die wahre Ordnung zu vertreten, ohne die es niemals Frieden geben könne. Und auch er sah sich in der Tradition vergangener Helden und Imperien: der Augustus und Imperator Roms oder, wie er später heißen sollte, der Basileus von Byzanz.

Friedhof der Imperatoren

Manche Feindschaften sind so alt, dass man sich kaum noch fragt, wie alles angefangen hat. Für Rom und sein Nachfolgereich Byzanz gehörte es einfach dazu, gegen die Perser Krieg zu führen. Es war gewissermaßen ein politisches Ritual, ein parthicus, ein Veteran der Perserkriege, zu sein. Und man bezahlte einen Preis dafür.

Die Ostfront Roms könnte man wohl als Friedhof der Imperatoren bezeichnen. Nirgendwo sonst fielen so viele Cäsaren im Kampf, wurden verwundet oder gerieten in teils demütigende Gefangenschaft. Es begann schon schlecht zu Zeiten der späten Republik mit Crassus, dem stolzen, reichen Römer, der mit Caesar und Pompeius das berüchtigte Triumvirat gebildet hatte.

53 v. Chr. zog Crassus gegen die Parther, die seinen Übertritt des Euphrat bei Carrhae (Harran) angeblich als Einfall eines wirren alten Mannes verspotteten. Neben Tausenden Legionären fiel auch Crassus in der Schlacht. Laut Plutarch wurde er enthauptet. Einer Legende nach gossen die Parther dem für seine notorische Gier bekannten Römer flüssiges Gold in den Mund.[10]

Der Imperator Trajan hatte etwas mehr Glück. Er wurde auf seinem Partherfeldzug in Antiochia 115 durch ein Erdbeben verletzt. Trajan entkam dem Tod nur knapp, weil er durch das Fenster seines einstürzenden Hauses sprang.

Marcus Sedatius Severianus – kein Kaiser, aber ein bedeutender Statthalter und Politiker Roms – zog mit einem Heer nach Armenien, um die Truppen des Partherkönigs Balas (Vologaeses IV.) zu vertreiben. Angeblich hatte Severianus zuvor einen kuriosen Seher konsultiert, einen gewissen Alexander von Abonuteichos. Dieser sprach geheimnisvolle Orakel und hielt bei seinen Weissagungen eine Schlange mit Menschengesicht in der Hand (Alexander verwendete wohl einen ledernen Puppenkopf, den er dem armen Reptil vor seinen Séancen über den Kopf zu stülpen pflegte). Severianus zog in die Schlacht, verlor schmachvoll und nahm sich anschließend das Leben.

Damit ist die Liste der glücklosen parthici noch lange nicht abgeschlossen: Kaiser Caracalla wurde während eines Feldzugs bei Edessa in Obermesopotamien von Verschwörern ermordet, während er am Straßenrand sein Bedürfnis verrichtete.[11] Danach verlor der neue Kaiser Macrinus die Schlacht von Nisibis gegen die Parther und musste eine große Summe Geldes für freies Geleit entrichten.

Etwas eleganter als Caracalla – wenngleich die Umstände nicht eindeutig geklärt sind – starb Gordian III. in oder nach der verlorenen Schlacht von Misiche in der heutigen irakischen Provinz Anbar.

Sein Nachfolger Philippus Arabs wurde von den Sassaniden, die auf die Parther gefolgt waren, umzingelt und zur Kasse gebeten, was König Schapur I. als großen Sieg feierte. Schapur ließ den demütig zu seinen Füßen gebeugten Imperator auf einem Siegesrelief im iranischen Naqsh-e Rostam bei Persepolis verewigen, wo man ihn heute noch betrachten kann.

Immerhin blieb Philippus Arabs das Schicksal des Imperators Valerian erspart. Im Zuge der Kämpfe gegen Schapur wurde dieser in Gefangenschaft geführt und angeblich hin und wieder als Trethocker benutzt, wenn der König bequem auf sein Ross steigen wollte. Einer anderen Legende nach fristete Valerian sein Leben im persischen Gundischapur, bis man seinem Leichnam die Haut abzog und diese ausgestopft nach Rom expedierte, um den Feind noch einmal posthum zu erniedrigen.

Kaiser Carus, ein Gallier aus Narbonne, der nur ein Jahr regierte, hatte offenbar auch nichts Besseres zu tun, als sich in Mesopotamien in die Schlacht zu werfen. Er überrannte zwar Ktesiphon, die Hauptstadt des Feindes, blieb aber dann missing in action, also im Kampf verschollen.

Ein knappes Jahrhundert später starb Kaiser Julian an den Folgen einer Kampfverletzung auf seinem Feldzug gegen die Sassaniden – beim heutigen Samarra im Irak. Als Erklärung hatten die christlichen Autoren anzuführen, dass Julian, genannt »der Apostat«, das Christentum im Römischen Reich bekämpft und versucht hatte, die alten heidnischen Kulte zu restaurieren, wofür Gott ihn bestrafte.

Auch in der Spätantike setzte sich die Tradition vom Krieg im Osten fort. Die Chronisten berichten aber nicht nur von Schlachten, sondern auch teils kuriosen Momenten der Diplomatie.

Als das Heer der Sassaniden 502 in Obermesopotamien vorrückt, um – wieder einmal – die von den Byzantinern besetzte Stadt Amida (heute Diyarbakir) zu belagern, zieht es vorbei am Unterschlupf eines christlichen Eremiten, wie es in dieser Zeit viele gegeben haben dürfte. Die übermütigen Bogenschützen von Schah Kavadh I. machen sich allem Anschein nach einen Spaß daraus, den Gottesmann als Zielscheibe zu benutzen. Doch jedes Mal, wenn einer den Pfeil auflegt und die Sehne ziehen will, erlahmt ihm wundersam die Hand. Als Kavadh von dem Wunder hört, will er sich persönlich davon überzeugen und tritt dem Eremiten gegenüber, der ihm ein Versprechen abnimmt: Er solle all die durch den Krieg vertriebenen Zivilisten schonen und seiner Obhut überlassen.[12] Der Chronist, der die Geschichte überliefert, lässt wissen, dass gewaltloser Widerstand auch beim »persischen Erzfeind«, wie der Dichter Horaz die Nachbarn Roms im Osten nannte, Erfolge zeitigen könne. Ansonsten aber erscheinen die Perser als grimmige Feinde, mit denen nicht gut Kirschen essen ist.

Als Kavadh vor Amida eine Belagerungsrampe bauen lässt – eine Spezialität persischer Ingenieure –, wird diese von den Verteidigern untertunnelt und stürzt in dem Moment ein, als die Angreifer darauf vorrücken. Die byzantinische Besatzung der Festung ist begeistert. Die Soldaten lassen einige Prostituierte auf der Stadtmauer erscheinen, die unter dem allgemeinen Feixen und Gejohle der Verteidiger ihre Röcke heben, um die hinabgepurzelten Perser zu verspotten.[13] Die Belagerer rächen sich umso mehr, als sie nach zahlreichen erfolglosen Angriffen eine Lücke in der Mauer finden und nach Amida einfallen. Die Zivilbevölkerung der Stadt wird massakriert.

Eine Generalmobilmachung der Byzantiner folgt, und der Krieg geht in die nächste Runde. Am Ende sind beide Seiten allerdings so kriegsmüde, dass sie sich auf einen Waffenstillstand einigen, der auf sieben Jahre angelegt ist, aber dann sogar zwei Jahrzehnte halten wird. Der Kaiser von Byzanz und der Schah der Sassaniden beginnen, einander Briefe zu schreiben, die an die berühmte »Willy-Nicky-Korrespondenz« der modernen Zeit erinnern. (So nennt man die Telegramme, die sich Kaiser Wilhelm II. und Zar Nikolaus II. unter anderem um den Ausbruch des Ersten Weltkriegs schrieben. Sie waren nun Oberhäupter verfeindeter Staaten, aber eben auch Großcousins und unterschrieben selbst jetzt mit »Willy« und »Nicky«.) Zärtliche Worte fand auch der sassanidische Schah Chosrau I. in seinem Schreiben an Kaiser Justinian I.: »Der göttliche, gute Vater des Friedens, Chosrau, König der Könige, glücklich, fromm und wohltätig, geformt nach dem Ebenbild der Götter, an Justinian Cäsar, unseren Bruder«, so zumindest überliefert es der auf Griechisch schreibende Chronist Menander Protektor.[14]

Ein byzantinischer Kaiser und ein Schah der Sassaniden sprachen sich gegenseitig mit »Bruder« an? Laut dem Kirchenhistoriker Eusebius von Caesarea war diese Ansprache spätestens seit der mit Kaiser Konstantin beginnenden christlichen Ära Standard für alle Gotteskinder. Aber dass sich buchstäbliche Erbfeinde wie Rom bzw. Byzanz und die Perser auf Augenhöhe wähnten, ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit.

Womöglich hatten der shahinshah in Ktesiphon und sein »Bruder« in Konstantinopel ja auch eine besondere Vorstellung von diesem Begriff. Denn zum einen kommen in der sassanidischen Fassung des persischen Nationalepos zwei mythische Brüder vor, von denen der eine (Salm) den anderen (Tuz) zu einem heimtückischen Mord anstiftet, um einen Konkurrenten auszuschalten.[15] Und zum anderen war gar der Fratrizid, der Brudermord, nicht nur ein Motiv im römischen Gründungsmythos sowie im Alten Testament, sondern auch gelebte Realität in der byzantinischen Reichsgeschichte. Das offizielle Verhältnis schien jedoch tatsächlich zeitweise so herzlich, dass Schah Kavadh I. Kaiser Justin I. (genannt »der Große«) fragte, ob er nicht seinen, Kavadhs, favorisierten Erben zum Adoptivsohn machen wolle, um ihn zu schützen – wofür die Sassaniden im Gegenzug mit Byzanz Frieden schließen wollten. Justin lehnte dankend ab, wohlwissend, dass die Sache einen Haken hätte.[16]

Während eines inneren Machtkampfes rief Schah Chosrau II. die Byzantiner zu Hilfe und nannte sich »Sohn« des Kaisers. Und als dieser, Maurikios I.