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Der englische Philosoph Robert Twigger erläutert in diesem populär-wissenschaftlichen Sachbuch, wie wir unser Gehirn ganz einfach auf Lernen programmieren können. Erfolgreich, vielseitig, selbstoptimiert – wer möchte das nicht sein? Doch der Weg dahin scheint vielen lang und steinig zu sein. Der englische Philosoph Robert Twigger räumt auf mit der gängigen Annahme, dass es Tausende Stunden der Übung braucht, um seine Fähigkeiten zu verbessern. Stattdessen stellt er in diesem Buch ein völlig neues Konzept vor: Indem es uns gelingt, in überschaubaren kleinen Bereichen – sei es beim Zeichnen, beim Kochen oder beim Sport – gute Fortschritte zu machen, motivieren wir uns selbst, grundsätzlich Neues zu lernen und in jeder Hinsicht besser zu werden. Anhand zahlreicher Beispiele und Tipps erläutert Twigger seine verblüffende These und zeigt, wie jeder von uns, mit Freude und Leichtigkeit sein Gehirn auf Lernen programmieren kann.
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2018
Robert Twigger
Die Kunst, einfach gut zu sein
Warum uns kleine Erfolge weiter bringen als große
Aus dem Englischen von Jochen Schwarzer und Ulrike Becker
Knaur e-books
Fast alle Nobelpreisträger brillieren nicht nur in ihrem jeweiligen Fachgebiet, sondern sind darüber hinaus begabte Künstler, Musiker, Schauspieler. Ausgehend von dieser Erkenntnis stellt der Philosoph Robert Twigger unsere Überzeugung in Frage, dass Spezialisierung zum Erfolg führe. Seine These: Nicht 10.000 Stunden des Übens bringen uns weiter, sondern gute Fähigkeiten und schnelle Fortschritte in mehreren kleinen Bereichen – sei es beim Zeichnen, beim Kochen oder im Sport. Denn dadurch bilden sich neue Synapsen im Gehirn, werden wir motiviert zu lernen. Anhand zahlreicher Beispiele erläutert Twigger seine verblüffende These und zeigt, wie jeder mit Freude und Selbstvertrauen den Weg in ein erfolgreiches Leben einschlagen kann.
Der Erinnerung an Rabia Basri 714–801
Wohl bedarf der Pionier der Wissenschaft, wenn seine Gedanken ihre tastenden Fühler ausstrecken, einer lebendigen Anschauung; denn neue Ideen entspringen nicht dem rechnenden Verstand, sondern der künstlerisch schaffenden Phantasie.
Max Planck, Nobelpreisträger für Physik 1918
Auf YouTube gibt es Videoclips von The Great Egg Race, einer beliebten Fernsehshow aus den 1980er-Jahren, die von einem liebenswerten, deutschstämmigen »Eierkopf« namens Dr. Heinz Wolff moderiert wurde. In dieser Show mussten die Kandidaten mit begrenzten Mitteln eine Apparatur bauen, um damit eine zu Beginn der Sendung gestellte Aufgabe zu lösen. Anfangs ging es dabei immer um ein Ei, das nicht zerbrechen durfte; in der ersten Folge bestand die Aufgabe darin, nur aus Büroklammern, Pappe und Gummibändern eine Vorrichtung zu konstruieren, mit der sich ein Ei über die größtmögliche Distanz transportieren ließ. Die Grundidee war simpel, führte aber zur Erfindung unglaublich einfallsreicher Apparate. Und angefangen hatte alles mit einem kleinen, unscheinbaren Ei.
Das Leben kann manchmal überwältigend sein. Wir möchten etwas erleben, die Welt sehen, Neues lernen – das kann schnell zu viel werden. Ich bin in meinem Leben irgendwann an einen Punkt gekommen, an dem ich das Gefühl hatte, mich nicht mehr für alles interessieren zu können. Mir schien nichts anderes übrig zu bleiben, als einiges außen vor zu lassen, und das gefiel mir nicht. Ich lebte in der Annahme – der falschen Annahme, wie sich herausstellen sollte –, dass es sich nur lohnte, sich für etwas zu interessieren, wenn man sich jahrelang damit beschäftigte, und ich es daher ebenso gut gleich bleiben lassen konnte.
Dagegen aber regte sich Widerstand in mir. Ich wollte trotzdem noch Neues lernen, Neues erleben. Es brauchte ja nicht gleich etwas Weltbewegendes zu sein. Erst mal klein anfangen, sagte ich mir.
Zum Beispiel mit einem Ei.
So kam es, dass ich überlegte, wie lange es wohl dauern würde, richtig gut kochen zu lernen. Mir fiel ein Koch ein, der mir einmal gesagt hatte, wahre Meisterschaft offenbare sich im Einfachen – in einem perfekten Omelett zum Beispiel. Wie viel jemand vom Kochen verstehe, zeige sich in diesem schlichten Gericht. Und so beschloss ich, die Reihenfolge umzukehren. Statt Tausende von Stunden damit zu verbringen, das Einmaleins der Kochkunst zu lernen und dann mein Können bei der Omelett-Zubereitung unter Beweis zu stellen, wollte ich einfach mit dem Omelett anfangen.
Ich konzentrierte mich voll und ganz auf dieses Omelett. Ich betrachtete es losgelöst vom üblichen Zweck des Kochens – der Befriedigung meines Grundbedürfnisses nach einem gefüllten Magen –, und gab ihm stattdessen einen besonderen Platz in meinem Leben. Es wurde zu einer Mikromeisterschaft.
Eine Mikromeisterschaft ist eine sich selbst genügende Aktivitätseinheit, in sich vollständig, aber mit einem größeren Feld verknüpft. Man kann sie für sich allein perfektionieren oder sie auf größere Zusammenhänge ausweiten – oder auch beides. Eine Mikromeisterschaft ist wiederholbar und wird mit einem Erfolgserlebnis belohnt. Sie ist also schon an und für sich eine angenehme Erfahrung. Man kann innerhalb der Mikromeisterschaft auch experimentieren, denn sie ist gewissermaßen elastisch – man kann sie formen und dehnen, und das Lernen wird dadurch zu einem dreidimensionalen Erlebnis, das die multisensorischen Neuronen in unserem Gehirn anspricht.
Genauso lernen wir als Kinder. Man eignet sich nicht alle Grundlagen auf einmal an, sondern lernt stattdessen eine coole Sache nach der anderen. Man lernt, wie man mit dem Skateboard einen Kickflip macht oder wie man einen Detektorempfänger baut. Mein Vater war Lehrer, und er hoffte, mich zu motivieren, indem er versprach, mir die Bauteile für ein Transistorradio zu kaufen, wenn ich erklären könnte, wie ein Transistor funktioniert. Mein Interesse erlosch augenblicklich. Ich wusste, wie man das Radio bauen und damit Spaß haben konnte, aber seine Funktionsweise erklären zu müssen, war etwas Schwieriges, Erwachsenes, Fremdartiges. Und falsch. (Dad, ich verzeihe dir.)
Der ungarische Psychologe Mihály Csíkszentmihályi hat viel über den »Flow« geschrieben – einen Zustand, in dem die Zeit stillzustehen scheint, weil wir vollkommen in etwas vertieft sind, das uns sehr interessiert.[1] Die Mikromeisterschaft bietet uns, da sie wiederholbar ist, ohne repetitiv zu sein, alles Nötige, um in diesen Flow-Zustand einzutreten, der eine tiefe Zufriedenheit mit sich bringt und die körperliche und geistige Gesundheit fördert.
Der Entschluss, in etwas Mikromeister zu werden, nimmt uns nicht auf so lähmende Art und Weise in die Pflicht, wie es zum Beispiel die Anschaffung eines Lehrbuchs für Anfänger tut. Indem wir uns von vornherein auf einen Teilbereich beschränken, können wir unser Interesse an der Welt im Allgemeinen aufrechterhalten. Wir gehen nicht die Verpflichtung ein, uns für eine gefühlte Ewigkeit mit dieser einen Sache zu beschäftigen, und brauchen auch nicht zu befürchten, letztlich unsere Zeit verschwendet zu haben.
Kennen Sie das? Sie belegen einen Einführungskurs in irgendetwas, geben es dann wieder auf, und wenn Sie ein paar Jahre später jemandem erzählen wollen, was Sie damals gelernt haben, fällt Ihnen rein gar nichts mehr ein? Bei einer Mikromeisterschaft ist das anders. Die bleibt Ihnen für immer erhalten – und anderen etwas zeigen zu können, ist schön. Wenn man beispielsweise eine Kampfsportart erlernt, braucht man etwas, womit man seine Freunde beeindrucken kann, wenn sie fordern: »Na los, mach doch mal was vor.«
Eine Mikromeisterschaft besitzt eine Struktur, die essenziell mit wichtigen Elementen des weiteren Felds, zu dem sie gehört, verbunden ist. Sie macht die Beziehungen und die Gewichtung der Teilelemente der Aufgabe deutlich, die sich mit lehrbuchmäßigen Erklärungen nicht vermitteln ließen. Ihre Wiederholbarkeit und der spielerische Aspekt des Ganzen (die Gameability) – den Leuten schmeckt Ihr Omelett, sie verlangen nach einem weiteren, und Sie stecken daraufhin Ihre Ziele höher – machen die Mikromeisterschaft zu einem autodidaktischen Mechanismus, bei dem das Experimentieren innerhalb klar umrissener Grenzen den Lernerfolg noch einmal spürbar erhöht.
Doch zurück zum Anfang. Man nehme also ein Ei – oder auch zwei.
Ein Koch gab mir den Tipp, das Omelett mit der Gabel aufzulockern. Ich habe immer wieder geübt. Dann habe ich mir im Internet weitere Tipps geholt. Und eine Französin riet mir, die Eier vorher zu trennen, weil das Omelett dadurch doppelt so dick und locker wird. Wenn ich meine Omeletts auftische, sagen die Gäste immer nur: »Wow!«
Das ist es, was ich als »Einstiegskniff« bezeichne. Den gibt es bei jeder Mikromeisterschaft. Es ist ein Trick, mit dem man beim Ausführen der gestellten Aufgabe mit einem Schlag merklich weiterkommt und sofort belohnt wird – im Gehirn werden positive Botenstoffe ausgeschüttet, die ein wohlig-warmes Gefühl hervorrufen.
Bei manchen Mikromeisterschaften ist der Einstiegskniff eine große Sache, ein integraler Bestandteil des Ganzen. Bei anderen gibt er einem lediglich den Impuls zum Loslegen. Es gibt viele Angeber, die sich damit brüsten, mit welcher Leichtigkeit sie Fremdsprachen, die Infinitesimalrechnung oder das Programmieren in C++ erlernt haben, doch sie alle scheinen das Wesentliche nicht zu begreifen. Lernen sollte sich nicht wie Schule anfühlen; es darf nicht langweilen. Natürlich muss es auch kein alberner Spaß sein, es sollte uns allerdings weder abstumpfen noch anöden und auch nicht überfordern. Der Einstiegskniff räumt all das im Handumdrehen beiseite.
Beim Bauen von Steinmännchen ist der Einstiegskniff besonders raffiniert. Vielleicht haben Sie schon einmal gesehen, wie ein Erbauer von Steinskulpturen am Strand zu Werke geht. Es sieht aus wie Zauberei – gerundete Steine und Mini-Felsblöcke werden zu scheinbar unmöglichen Türmen gestapelt. Als ich so eine Skulptur zum ersten Mal sah, dachte ich, da müsse Klebstoff oder eine Metallstange im Innern im Spiel sein … bis ein kleiner Junge angelaufen kam und das Werk umstieß. Als ich beim Wiederaufbau helfen wollte, zeigte mir der Künstler den Einstiegskniff.
(Die folgenden Bilder zeigen Türme, die ich selbst später, nachdem ich gelernt hatte, wie es geht, am Strand errichtet habe.)
Man kann jeden beliebigen Stein ausbalancieren, muss dazu aber auf einer Seite des stützenden Steins drei nah beieinanderliegende erhöhte Punkte finden – drei kleine Unebenheiten, oder auch nur Körnchen. Sie können winzig, fast unsichtbar sein, und je kleiner sie sind, desto besser sieht es aus. Diese drei Stellen bilden ein flaches Dreieck, in das ein zweites gerundetes Objekt sich hineinschmiegen kann. So funktioniert dieser verrückte Balanceakt. Die meisten Leute suchen nach flachen Stellen an den Steinen, um sie dort aufeinanderzustapeln, doch das klappt nicht, denn in der Natur ist nichts wirklich flach.
Steine aufeinanderzuschichten macht nicht nur Spaß, es ist auch eine perfekte Form der Mikromeisterschaft. Einerseits in sich abgeschlossen, könnte es Ihnen andererseits aber auch, sofern Sie das möchten, die Welt der Bildhauerei und Landschaftskunst eröffnen.
Wir beneiden Menschen, die perfekt Französisch sprechen, beim Kajakfahren die Eskimorolle beherrschen, ein doppeltes oder gar ein dreifaches Integral berechnen oder ein Gedicht verfassen können, das nicht albern klingt; Menschen, die gut zeichnen, einen Zaubertrick vorführen oder eine solide Ziegelwand mauern können. Diese Dinge gelten als schwer zu erlernen, und man nimmt allgemein an, dass sie auf eine weiter gehende Meisterschaft in dem betreffenden Fach schließen lassen. Bei der Mikromeisterschaft hingegen beginnt man quasi mit dem Prüfungsgegenstand und geht dann – und wirklich erst dann – eventuell ein paar Schritte zurück, um sich eingehender mit dem Thema zu beschäftigen.
Warum?
Weil die häufigsten Ursachen für ausbleibenden Erfolg darin bestehen, dass man aufgibt, gar nicht erst in Schwung kommt oder abgelenkt wird. Sie mögen sich für hartnäckig und diszipliniert halten, aber wir alle brauchen ab und zu eine Belohnung für das Lernen. Vor allem, wenn es schon einige Zeit her ist, dass wir uns das letzte Mal etwas Neuem zugewandt haben. Erlebt man beim Lernen nicht irgendwann wenigstens einen Mikroerfolg, kann es leicht passieren, dass man den Mut verliert und aufgibt, zumal, wenn man alleine lernt.
Schnelllerntechniken, Intensivkurse und Kurzlehrgänge sind schön und gut, aber wenn man am Ende nicht mit einem vorzeigbaren Ergebnis dasteht, gibt man auf. Es bringt nichts, Freunden und Verwandten zu erzählen, dass man über ein breites mathematisches Grundwissen verfügt oder sich ganz gut mit Zaubertricks auskennt. »Na los«, werden sie sagen, »dann lass mal sehen!«
Wenn man eine Mikromeisterschaft beherrscht, hat man etwas, womit man angeben kann (so laut oder so leise man möchte). Man hat etwas, womit man Kontakte zu anderen knüpfen und das so überaus wichtige Feedback erhalten kann. Kein Mann, keine Frau und kein Kind ist eine Insel – und dennoch werden wir so unterrichtet, als wären wir alle Einsiedlerhirne, die Wissen aufsaugen, bis wir eines Tages urplötzlich das Etikett »Meister«, »qualifiziert«, »lehrberechtigt« oder etwas ähnlich Fadenscheiniges angeheftet bekommen. Doch so sind wir nicht. Menschen wollen sofort zeigen und weitergeben, was sie gelernt haben, nicht erst fünf Jahre später.
Von Menschen, die Meister ihres Fachs sind, können wir so manches lernen, und bei der Entwicklung der in diesem Buch vorgestellten Mikromeisterschaften habe ich mit vielen solchen Experten gesprochen. Oft betrachten sie ihr Fachgebiet aus einer Perspektive, auf die ich nie gekommen wäre.
Als ich mit Rupert Seldon sprach, der früher in der England Schools League Rugby spielte und die Nigerian Sevens trainierte, schlug er mir nicht wie erwartet den Spin Pass als Mikromeisterschaft vor, sondern gab dem Drop Kick, der viel mehr technisches Können verlangt, den Vorzug. Ein bei Madame Tussauds ausgebildeter Skulpteur zeigte mir, dass das Modellieren eines menschlichen Schädels aus Ton oder gar Plastilin eine Mikromeisterschaft darstellt, die ein erster Schritt auf dem Weg zum Herstellen lebensecht wirkender Figuren ist. Er erklärte, dass man irgendwann beim Betrachten einer Person, die man modellieren möchte, »den Schädel unter der Haut« sehe.
Meistens stelle ich neben den Expertengesprächen noch eigene Recherchen an. Da ich in Japan traditionelle Kampfkünste erlernt habe, wusste ich bereits, dass die Japaner bei den meisten ihrer Lehren Kata und in sich abgeschlossene Übungen – Mikromeisterschaften – nutzen.
Die Japaner setzen beim Lernen – egal, ob es um Kampfkünste, die Teezeremonie oder um Kalligrafie geht – auf andere Methoden, als sie in der westlichen Welt üblich sind. Im Westen geht man stillschweigend davon aus, dass jemand entweder schon in jungen Jahren beginnt – oft von ehrgeizigen Eltern angetrieben – oder ein Naturtalent ist. Das Lehren wird als eine Art Coaching verstanden, und wem das entsprechende Talent fehlt, der gilt schnell als hoffnungsloser Fall.
Die Japaner hingegen wissen, dass Talent oft überbewertet wird. Wichtiger ist die Einstellung zum Lernen. Ihre Lehrmethode geht daher von der Annahme aus, dass jeder Mensch lernen kann – unabhängig von seinen anfänglichen Fähigkeiten. Statt zu hoffen, dass die Schüler quasi osmotisch alles in sich aufnehmen, wie es im Westen gang und gäbe ist, ersinnt man dort Mikromeisterschafts-Übungen, damit alle, selbst die scheinbar unbegabten Schüler, Lernerfolge erzielen können.
Das Zeichnen ist ein gutes Beispiel. Viele Leute behaupten steif und fest, sie könnten nicht zeichnen, meinen damit aber meistens nur, dass sie kein Bild zustande bringen, das jemand Bestimmtem ähnlich sieht. Das ist, als würde man behaupten, man könne nicht kochen, ohne je in ein Kochbuch geschaut oder auch nur die Zutaten für ein Gericht eingekauft zu haben. Man muss nur klein anfangen, mit etwas Einfachem, Bescheidenem.
Shoo Rayner – der einige Hundert Kinderbücher illustriert hat – erklärt auf seiner Website, wie man zeichnet. Als ich mit ihm sprach, betonte er, dass sich alle Gegenstände auf simple Formen reduzieren lassen – Kuben, Kugeln und Zylinder –, die man wiederum weiter auf Striche und Kurven reduzieren kann. Er sagte: »Wer einen Strich ziehen kann, der kann auch zeichnen.« Der nächste Schritt besteht darin, gerade Striche zu ziehen und dann gebogene Striche. Und an dieser Stelle kommen die Zen-Kreise ins Spiel.
Zuerst suche ich immer nach dem Einstiegskniff, der kleinen Insider-Information, durch die schon der erste Versuch besser wird als der eines durchschnittlichen Anfängers und die den Weg zur Mikromeisterschaft weist. Beim Kreisezeichnen gibt es nicht nur einen, sondern drei Kniffe, die man kennen sollte.
Den Bleistift, Stift oder im Idealfall Pinsel auf halber Höhe zu halten, ist die einfachste Methode, sein zeichnerisches Können zu verbessern. Je weiter Sie Zeigefinger und Daumen von der Stift- oder Pinselspitze entfernt halten können, desto leichter wird es Ihnen fallen. Sie werden eine erstaunliche Verbesserung des kritzeligen, verkrampften Zeichenstils erleben, den sich viele von uns in der Schulzeit angewöhnt haben. Den Stift weiter oben zu halten, wird nicht nur Ihre Zeichnungen verbessern, sondern auch Ihre Handschrift.
Anschließend können Sie versuchen, beim Kreisezeichnen die Hand vom Tisch zu heben und – statt nur das Handgelenk zu verwenden – den ganzen Arm einzusetzen. Der neurologische Grund, dies zu tun, ist, dass damit eine größere Gehirnregion angesprochen wird, wodurch das Lernen vertieft und eine Verfeinerung der Bewegung erreicht wird. Der klassische Gitarrist David Leisner sagt, er habe sich von einer fokalen Dystonie der Hand, dem sogenannten Musikerkrampf, erholt, indem er so umtrainierte, dass er nun beim Spielen den ganzen Arm statt nur das Handgelenk einsetzt. Diese Technik half nicht nur gegen die Erkrankung, sondern führte erstaunlicherweise zu einer umfassenden Verbesserung seines Spiels.
Ein weiterer Einstiegskniff, der sich bei Schildermalern, die oft akkurate Kurven und Kreise zeichnen müssen, besonderer Beliebtheit erfreut, ist der, die zeichnende Hand auf der anderen Faust abzulegen. Zeichnen Sie einen Kreis, indem Sie probieren, den zeichnenden Arm zugleich mit der anderen Faust zu führen. Mit der Stärke, in der Sie die Faust bewegen, können Sie experimentieren.
Betrachtet man die Welt unter dem Aspekt der Mikromeisterschaft, dann erscheint alles möglich. Möchten Sie Bücher binden? Yoga lernen? Stepptanz oder Panzerfahren? In all diesen Disziplinen gibt es Mikromeisterschaften. Das hat etwas sehr Befreiendes – man braucht sich nicht mehr in dem gefangen zu fühlen, was man jeden Tag beruflich macht. Man kann – in kleinem, bescheidenem Umfang – sein Leben wieder selbst in die Hand nehmen und sich von dem uns scheinbar vom Alltag aufgezwungenen Konzept verabschieden, dass wir unser Leben lang nur eine einzige Sache machen sollten.
Wenn Sie einmal erlebt haben, wie jemand draußen in der Natur mit bloßen Händen und einem schlichten Bogendrill Feuer macht, oder wie jemand ein perfektes Omelett zubereitet, oder wie jemand Sie im forschen Tangoschritt quer durch den Tanzsaal führt, dann werden Sie das nicht so schnell vergessen. Diese kunstfertigen Tätigkeiten sehen schwierig aus, lassen sich aber bewältigen, wenn man die richtige Struktur nutzt, um sie zu erlernen.
Die Struktur jeder Mikromeisterschaft sieht so aus:
Einstiegskniff
Klopf-Reib-Hürde
Ausrüstung und Ausgangslage
Belohnung
Wiederholbarkeit
Experimentiermöglichkeiten
Die Kenntnis der Struktur hilft beim Erlernen der Mikromeisterschaft und auch dabei, andere Fertigkeiten als potenzielle Mikromeisterschaften zu erkennen. Sie wird Sie in die Lage versetzen, bei der Annäherung an ein neues Thema selbst diejenigen Teilbereiche ausfindig zu machen, die sich mikromeistern lassen, was den Lernprozess beschleunigt und die Chance erhöht, dass Sie dranbleiben.
Dieser Kniff ist, wie wir gesehen haben, Ihre Eintrittskarte, Ihr Fuß in der Tür und zugleich Ihr Vorsprung. Mit dem Einstiegskniff lassen sich die Hürden, die jede neue Mikromeisterschaft mit sich bringt, leichter bewältigen. Die Überwindung dieser Hürden erfordert manchmal genug Selbstvertrauen und Übung, manchmal auch die richtige Gewichtung der einzelnen Teilaufgaben. Der Einstiegskniff ist ein schneller Weg, um eine gestellte Aufgabe grundsätzlich in den Griff zu bekommen. Letztendlich werden Sie ihn vielleicht nicht mehr brauchen – am Anfang aber ist er Ihr bester Freund.
Der Kniff kann ein einfacher Methodenwechsel sein, wie etwa den Stift weiter oben zu halten oder die Eier vor der Omelett-Zubereitung zu trennen. Oder der Kniff besteht darin, sich zuerst auf einen Teilbereich des Trainings zu konzentrieren – um zu lernen, sich beim Wellenreiten aufzurichten, kann man zum Beispiel im eigenen Wohnzimmer üben, auf dem Surfbrett aufzuspringen. Um mit dem Skateboard eine 360-Grad-Drehung zu machen, wendet man zuerst den Blick und den Kopf – der Körper wird folgen. Der Kniff kann auch darin bestehen, bestimmte Punkte besonders zu beachten: Um mit einem Bogendrill Feuer zu machen, muss alles knochentrocken und so weit wie möglich vom Boden weg sein – es ist immer wieder erstaunlich, wie sich in Bodennähe die Feuchtigkeit sammelt. (Keine Sorge, falls es so scheint, als würde es hier ein bisschen zu schnell gehen – im zweiten Teil des Buchs werden diese faszinierenden Mikromeisterschaften genauer beschrieben.)
Der Kniff ist das, was Sie anlockt und verführt – Sie sagen sich, dass Sie durch die Kenntnis des Kniffs die Sache schon so gut wie gemeistert haben. Diese Gewissheit lässt die Übungsstunden vielleicht nicht wie im Flug, aber doch mit passabler Geschwindigkeit vergehen.
Bei einigen Mikromeisterschaften gibt es mehrere Einstiegskniffe – bei den Zen-Kreisen haben wir beispielsweise gesehen, dass man die Stifthaltung ändern oder eine Hand auf die andere legen kann. Manchmal ist der Einstiegskniff ganz unspektakulär. Bei der Straßenfotografie etwa reicht es aus, einfach näher ranzugehen, denn allein durch den eingeschränkten Bildausschnitt werden Ihre Fotos exponentiell besser.
Vielleicht kommen Sie irgendwann an einen Punkt, an dem Sie feststellen, dass Sie den Kniff nicht mehr brauchen. Dann aber hat er seinen Zweck erfüllt – er hat Sie tief genug in die Sache hineingezogen, um die Mikromeisterschaft zu vervollkommnen.
Viele der Kniffe, die Ihnen einen Vorsprung verschaffen, haben mit der Klopf-Reib-Hürde (auch bekannt als Muskel-Nerven-Koordination) im Kern der Mikromeisterschaft zu tun. Das ist der Punkt, an dem man feststellt, dass zwei Fertigkeiten, die man für die Aufgabe benötigt, einander entgegenwirken. Die Bezeichnung stammt von der schwierigen Übung, sich gleichzeitig mit einer Hand den Bauch zu reiben und mit der anderen auf den Kopf zu klopfen. Auf den ersten Blick erscheint das einfach; doch wenn man es versucht, stellt man fest, dass es … so gut wie unmöglich ist. Schließlich konzentriert man sich hauptsächlich auf eins von beidem und nimmt ganz allmählich das Zweite hinzu, bis es klappt.
Wir neigen dazu, die Aneignung von Fähigkeiten stark vereinfacht zu betrachten. Man lernt eben eine nach der anderen, nicht wahr? Doch bestimmte Fähigkeiten können entweder zur meisterlichen Beherrschung anderer Fertigkeiten beitragen oder deren Erwerb sogar verzögern. Wir stellen uns das Erlernen von etwas so Komplexem wie zum Beispiel dem Autofahren als etwas vor, bei dem man verschiedene Fähigkeiten koordiniert ausführen muss. Da kann es hilfreich sein, die einzelnen Fähigkeiten durchzugehen und sich anzuschauen, wie sie gegebenenfalls den anderen in die Quere kommen. Das Schalten hilft nicht beim Lenken – es stört eher dabei. Man sollte daher beides lieber separat üben, sonst beherrscht man am Ende weder das eine noch das andere richtig gut.
Bei der Klopf-Reib-Hürde ist dieser Widerspruch am stärksten ausgeprägt. Sie ist die höchste Hürde, die es beim Erlernen von etwas Neuem zu überwinden gilt. Ist das geschafft, hat man das Schlimmste schon hinter sich. Die gegenläufigen Fähigkeiten zu bestimmen, ist eine sehr nützliche Übung, denn es nimmt dem Lernprozess den Schrecken und die Undurchsichtigkeit. So kann man den Stoff, den man sich aneignen möchte, in leicht verdauliche Häppchen zerteilen.
Bei jedem Versuch, etwas Lohnendes zu lernen, stößt man unweigerlich auf Klopf-Reib-Hürden, steht also vor der Aufgabe, unterschiedliche Nervenbahnen im Gehirn aufeinander abzustimmen. Doch den Fokus zu verlagern, ist nicht immer leicht: Oft überfordert uns eine Aufgabe, wir geraten in Panik und geben auf. »Ich kapier’s einfach nicht!«, stöhnen wir dann. Schnell lernende Menschen arbeiten bei schwierigen neuen Themen unwillkürlich ein Element nach dem anderen ab. Sie wirken dadurch manchmal ein bisschen pedantisch, aber man kann keine Achtsamkeit aufbauen, wenn man sich beeilt. Man muss sich in einen Zustand »außerhalb der Zeit« versetzen. (Ich habe festgestellt, dass ich, wenn ich für eine Lernsession zwei Stunden einplane, schnell die Zeit vergessen und mich in die Aufgabe vertiefen kann. Nehme ich mir hingegen weniger Zeit, bin ich versucht, mich zu beeilen.) Auch hier hilft der Einstiegskniff: Er mindert die Auswirkungen der Konflikte zwischen einzelnen Fähigkeiten und schafft einen Ausgleich.
Allein schon das Wissen um diese Hürde macht es leichter, die Mikromeisterschaft zu bewältigen. Es hilft Ihnen dabei, Ihre Kräfte zu bündeln.
Doch zurück zu den Zen-Kreisen. Die Klopf-Reib-Hürde ist in diesem Fall relativ unscheinbar – obwohl sie manche Leute, die überzeugt waren, nicht zeichnen zu können, durchaus verblüffen dürfte. Die beiden Elemente, die hier miteinander im Widerstreit liegen und ausgeglichen werden müssen, sind die Langsamkeit, die für eine genau und sorgfältig gezogene Linie nötig ist, und das Gespür und die Schnelligkeit, die man braucht, um eine schöne Kurve zu zeichnen. Arbeitet man zu langsam, sieht der Kreis am Ende wie eine Amöbe aus; ist man zu schnell, erhält man einen eiförmigen Schnörkel mit überstehenden Enden, die aussehen wie die Haare einer Comicfigur.
Manche Mikromeisterschaften haben niedrige Klopf-Reib-Hürden. Bei ihnen fällt der Anfang leicht. Beim Steinestapeln zeigt sich – sofern man den Einstiegskniff kennt und genügend geeignete Steine zur Verfügung hat – die Klopf-Reib-Hürde erst, wenn einem klar wird, dass der Aufbau umso schwieriger wird, je prekärer das Gleichgewicht ist. Man muss das Erkennen kleiner Unebenheiten und Balancepunkte mit der Vision eines fertigen Steinmännchens kombinieren. Ein für drei Steine bestens geeigneter Balancepunkt kann einen Turm aus fünf Steinen aus dem Lot bringen. Das Hin-und-her-Schichten der Steine, um eine ausbalancierte Sub-Einheit herzustellen, die man dann auf einem weiteren Stein ausbalanciert, ist tatsächlich genauso schwierig wie das Bauchreiben und gleichzeitige Kopfklopfen.
Bei anderen Mikromeisterschaften wiederum ist die Klopf-Reib-Hürde das Haupthindernis schlechthin. Beim Jonglieren zum Beispiel liegt sie ganz offensichtlich sehr hoch. Man muss dabei mit beiden Händen werfen und fangen können, und das auch noch fast gleichzeitig. Der Kniff besteht darin, sich eine Zeit lang nur auf das Werfen zu konzentrieren – und anschließend eine Zeit lang nur auf das Fangen. Indem man die beiden Fähigkeiten voneinander getrennt übt, stärkt man die beteiligten Nervenbahnen und kann anschließend besser auf Autopilot operieren.
Wenn Sie mögen, bewerten Sie den jeweiligen Stand Ihres Könnens oder die Intensität, mit der Sie sich auf das eine oder das andere konzentrieren, mit einer Ziffer. Vielleicht erreichen Sie beim Werfen eine »9«, beim Fangen aber nur eine »2«. Die einzelnen Elemente einer Fähigkeit zu beziffern (Timothy Gallwey hat das in seiner ausgezeichneten Buchreihe über das »innere Spiel« genauer erläutert), kann Sie von dem Druck befreien, beide Teilfähigkeiten gleichzeitig verbessern zu wollen. Wenn wir zu angestrengt versuchen, die Klopf-Reib-Hürde zu knacken, führt das meist nur zu Frustrationen. Es ist besser, immer wieder darauf zurückzukommen und die Ziffern unseres Erfolgs bei jeder der gegenläufigen Fähigkeiten kontinuierlich anzupassen.
Die Eskimorolle, die Technik, mit der man ein gekentertes Kajak aufrichtet, ohne es zu verlassen, mag auf den ersten Blick angsteinflößend wirken. Doch die Klopf-Reib-Hürde, nämlich die Hüften in Verbindung mit den Händen einzusetzen, um das Boot wieder in die aufrechte Lage zu bringen, lässt sich leicht isolieren. Man kann den Hüftschwung kontrolliert üben, während das Boot an einem Steg liegt und man sich an dessen Planken festhält. Wenn man die Klopf-Reib-Hürde im Vorhinein benennt, verliert sie viel von ihrem Schrecken.
Sich auf ein höheres Level zu begeben als das, welches man eigentlich erreichen möchte, entspricht einer Aikido-Trainingsmethode namens Hajime. Beim Hajime-Training (das Wort bedeutet im Japanischen »Anfang«) führt man jede Technik so schnell wie möglich aus. Es spielt dabei keine Rolle, wie schlecht man es macht, solange man es nur mit Höchstgeschwindigkeit tut. Dadurch erreicht man zwangsläufig einen Flow-Zustand, und das rationale Denken wird ausgeschaltet. Alternierend führt man die gleichen Übungen dann so langsam wie möglich aus. Diese Variation schärft das Bewusstsein und verankert die gegenläufigen Fähigkeiten fest im Gehirn.
Das Ausführen gegenläufiger Tätigkeiten erfordert den Einsatz von zwei Hirnregionen zugleich. Wenn Sie bewusst handeln möchten, zieht das Gehirn es vor, nur eine Sache auf einmal zu machen; sind Sie aber bereit, auf bewusstes Denken zu verzichten, dann werden Sie feststellen, dass Sie auch sehr komplexe Aufgaben meistern können, bei denen mehrere Hirnregionen gleichzeitig beansprucht werden. Denken – und damit meine ich, etwas im Kopf zu verbalisieren und dann diesen Anweisungen zu folgen – führt mit Sicherheit dazu, dass Sie wie ein Tölpel aussehen. Je schneller Sie ein Gespür für etwas bekommen und es einfach tun, desto besser.
Natürlich können ein paar Leitlinien nützlich sein. Wenn Sie Autofahren lernen, bringt der Fahrlehrer manchmal Markierungen auf der Heckscheibe des Wagens an, die Sie mit der Bordsteinkante in Übereinstimmung bringen müssen, um perfekt einzuparken. Nach einer Weile entwickeln Sie jedoch ein Gespür dafür, wo Sie sich befinden, und schaffen das auch mit Augenmaß. Das erscheint Anfängern oft erstaunlich, doch im Grunde genommen ist unser Augenmaß sehr gut. Im 19. Jahrhundert fertigten die Stellmacher perfekte Räder an, ohne sie zu vermessen – sie nutzten nur ihren hoch entwickelten Sinn für natürliche Größenverhältnisse. Etwas nach Augenmaß zu machen, bedeutet, sich die Beherrschung gegenläufiger Fähigkeiten zuzutrauen.
Bevor Sie mit dem Üben für eine Mikromeisterschaft beginnen, sollten Sie für die bestmöglichen Erfolgsaussichten sorgen. Sie brauchen die richtige Ausrüstung, beziehungsweise die richtigen Werkzeuge, ausreichend Zeit und die nötige Aufgeschlossenheit. Sie sollten es auch nicht eilig haben. Überlegen Sie zudem, wie Sie Leerlaufzeiten sinnvoll nutzen können (der Schauspieler und Komiker Steve Martin hat sich zum Beispiel das Banjospielen beigebracht, indem er in jedem Zimmer seines Hauses, auch im Badezimmer, ein Banjo deponierte). Sie müssen alle Hindernisse aus dem Weg räumen.
Manchmal hilft ein goldrichtiges Ausrüstungsstück dabei, die Klopf-Reib-Hürde zu überwinden. Beim Apnoetauchen zum Beispiel besteht die Klopf-Reib-Hürde im Ausgleich des Drucks in den Ohren durch das richtige Sinktempo. Sinken Sie zu schnell, werden Ihre Ohren furchtbar schmerzen; sinken Sie zu langsam, kommen Sie nicht tief genug hinab.
Vielen ermöglicht ein einfaches Hilfsmittel den Durchbruch: Doc’s Proplugs-Ohrstöpsel – die auch von Musikern gern verwendet werden. Bei diesen dringt das Wasser langsam durch ein kleines Loch ein, wodurch ein sanfter, fast unmerklicher Druckausgleich erfolgt und sich die Gefahr von Ohrentzündungen verringert. Bei der Straßenfotografie ist die Klopf-Reib-Hürde der Widerspruch zwischen Geschwindigkeit und Bildschärfe – dieses Problem lässt sich durch die Benutzung einer kleinen Kamera mit schnellem Autofokus abmildern.
Doch die richtige Ausrüstung ist in jedem Fall die für Sie richtige Ausrüstung. Eine Ausrüstung, die Sie inspiriert und Ihnen den Anreiz liefert, immer und immer wieder zu üben. Bei der Analogfotografie finden manche die unorthodoxe Methode, zum Entwickeln löslichen Kaffee und Vitamin C zu verwenden, attraktiv – ja, das funktioniert tatsächlich! Es ist zwar wesentlich mühsamer als mit einem herkömmlichen Entwickler, kann aber dennoch die richtige Ausrüstung sein, weil es Spaß macht und etwas Besonderes ist.
Zum Zeichnen von Zen-Kreisen sollte man einen Stift nehmen, den man wirklich gerne benutzt. Die meisten Künstler und Illustratoren haben einen Lieblingsstift. Shoo Rayner verwendet gern einen von Rotring, und der Schriftsteller und Illustrator Dan Price benutzt einen japanischen Faserstift von Sakura. Ich selbst mag am liebsten den Pentel-Pinselstift, den auch Mangazeichner verwenden – damit machen mir die Zen-Kreise noch mehr Spaß als ohnehin schon.
Doch es kommt nicht nur auf die technische Ausrüstung an. Es geht auch um Ihre Umgebung und die Menschen um Sie herum, also um die Ausgangslage. Meine Tochter war schon fast so weit, das Gitarrespielen aufzugeben, doch dann fanden wir einen neuen Lehrer, und seither lernt sie nicht nur viel schneller, sondern ist auch ausgesprochen eifrig bei der Sache. Der richtige Lehrer ist ein entscheidender Faktor. Er oder sie muss nicht brillant sein, sondern dem Schüler vor allen Dingen Lust an der Sache vermitteln. So wie ein guter Arzt dem Körper hilft, sich selbst zu heilen, versetzt uns ein guter Lehrer in die Lage, uns selbst etwas beizubringen.
Sämtliche Mikromeisterschaften sind so gestaltet, dass man mit einem Erfolgserlebnis belohnt wird – das ist der Anreiz, sie immer wieder auszuführen. Die Tatsache, dass bestimmte Mikromeisterschaften schwierig erscheinen – Jonglieren, den Satz des Pythagoras durch Origami beweisen –, kann als Ansporn dienen. Ganz egal, ob Ihre Motivation darin besteht, dass Sie Eindruck schinden möchten oder eine Herausforderung suchen (oder beides) – eine Mikromeisterschaft bedarf in jedem Fall eines eindeutigen, messbaren Erfolgsmoments. Deshalb gilt das Kochen an sich nicht als Mikromeisterschaft, die Zubereitung eines Omeletts hingegen schon; Autofahren nicht, ein Powerslide allerdings schon; Kajakfahren nicht, eine Eskimorolle aber auf jeden Fall.
Was den Erfolg angeht, da gibt es Abstufungen der Definition und der Deutlichkeit. Je klarer und strahlender der Erfolg, desto mehr Applaus werden Sie ernten. Wir alle brauchen Anerkennung – sie ist ein menschliches Grundbedürfnis. Evolutionär gesehen brauchen Menschen nicht nur in der Kindheit, sondern ein Leben lang die Unterstützung anderer. Das Überleben gelingt uns in der Gruppe weitaus besser als allein in der Wildnis, und wenn die anderen uns Aufmerksamkeit schenken, heißt das, dass wir dazugehören. Natürlich sollten wir als Erwachsene nicht mehr Zuwendung benötigen, als gesund ist, aber eine gewisse Menge brauchen wir dennoch. Selbst die Anerkennung, die wir uns selbst zollen, ist für uns eine Belohnung – das wohlige Gefühl, etwas geschafft zu haben, auch wenn niemand sonst es mitbekommen hat.
Für manche bildet die öffentliche Anerkennung eine starke Motivation. Der Coach und Kreativitätstrainer Steve Chapman kündigt seine Vorhaben stets öffentlich an und nutzt die drohende Blamage als Antrieb. Faulheit und Ablenkung überwindet er mithilfe von Angst – eine clevere Methode, etwas Negatives dazu zu nutzen, andere negative Dinge zu besiegen.
Auch der schlichte Wunsch, zu etwas nutze zu sein, kann uns motivieren und zu der Belohnung verhelfen, die wir uns wünschen. Wenn man gut kochen kann, unterhaltsam ist, anderen Spaß bereitet oder Dinge reparieren kann, ist das oft Belohnung genug.
