Die Kunst sich einzufügen - Karin Vonzin - E-Book

Die Kunst sich einzufügen E-Book

Karin Vonzin

0,0

Beschreibung

Der Gesellschaftsroman handelt von Konflikten zwischen Generationen, speziell von Beziehungen unter Müttern und Töchtern. Aus Tagebüchern der Protagonistin reflektieren "Traumbilder" in die Handlung. Im Lebenslauf der Tochter spiegelt sich eine Frau, die jahrelang den Sinn des Lebens sucht, sich jedoch oft selbst im Weg steht. Immer wenn sie im Reifungsprozess stecken bleibt, wird sie in ein schmerzliches Chaos gehüllt. Besonders im Lebensabschnitt, in dem der häusliche "Pflegefall Mutter" eintritt. Ihre Probleme an Körper, Geist und Seele lösen sich, als sie endlich zu sich selbst steht. Erst dann kann sie sich in "Freiheit" einfügen. Der Sachbuchteil im Anhang jedes Kapitels ist den LeserInnen zum Erkennen der eigenen Persönlichkeitsstruktur gewidmet: Erläuterungen verschiedener Aspekte des modernen Mensch-Seins. Mit Einbeziehung der Quantenphysik zu einer neuen, logischen Art der Spiritualität. Diese kurzen Übersichten dienen als Impulsgeber.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 357

Veröffentlichungsjahr: 2012

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Karin Vonzin

Die Kunst sich einzufügen

Alles Pflege – oder was?

Karin Vonzin

Die Kunst sich einzufügen

Alles Pflege – oder was?

Karin VonzinDie Kunst sich einzufügenAlles Pflege – oder was?1. Auflage 2012

© Karin Vonzin, Bad Aibling 2012

Alle Rechte vorbehalten.Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Es darf aber auszugsweise mit Genehmigung des Verlags und der Autorin mit Quellenangabe vervielfältigt oder kommerziell genutzt werden, insbesondere kurze Zitate.

Lektorat: Schreibwerkstatt Jahresringe, Glödnitz (Austria)

Layout: Indigo KidUmschlagsgestaltung und Druck: Aiblinger Druckteam GmbH, Bad AiblingPrinted in Germany

ISBN: 978-3-933305- 30-5

Auch als E-Book erhältlich:

ISBN (EPub): 978-3-933305-93-0

Ahead and Amazing Verlag, Jelinski GbR, Magnussenstr. 8, 25872 Ostenfeld

www.aheadandamazing.de

Dieses Buch widme ich

dem ranghöchsten Mitglied

in der Familie:

Meiner Mutter

Die Kunst sich einzufügen

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Begleitvers

Kapitel 1: Der Weg des Künstlers

Prolog: Ende eines Zwischenspiels

Das Singen der Spinnen

Anhang:GEN – Logos: Das Muttergehirn

Kapitel 2: Der Weg des Kämpfers

Vom Regen in die Traufe

Die rosarote Brille

Anhang:EMOTION – Logos: Temperamente

Kapitel 3: Der Weg des Belehrten

Ein Rucksack voller Dornen

Vom Überlebenstrieb zum Ausgleich

Anhang:PSYCHO – Logos: Formen der Angst

Kapitel 4: Der Weg des Helfers

Vorzeige-Pflege

Sonntags-Pflege

Leistungsabrechnung

Aushilfe-Pflegetage

Nachtkontrolle des ICH

Anhang:PHYSIO – Logos: Krankenpflege

Kapitel 5: Der Weg des Weisen

Kurzzeit-Pflege

Der Schein mit dem Schleim

Opfer-Rollen

Ausgebettet

Anhang:PHILOS – Logos: Sterbeforschung

Kapitel 6: Der Weg des Predigers

Durch das Herz ins Auge

Ein absolutes Leben

Der Stärkere siegt

Anhang:SPIRIT – Logos: Traumbilder

Kapitel 7: Der Weg der Bestimmung

Finale des Fugen-Spiels

Epilog: Vergiss es, wenn du kannst

Anhang:RATIO – Logos: Quantenphysik für Laien

Literaturnachweise und –empfehlungen

Vorwort

„Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott …“

Nein – dies ist kein religiöses Buch. Und doch: Woher kommen die Worte, die wir denken, fühlen, sprechen und schreiben?

Als ich mich entschloss, ein Buch über einen möglichen Erkenntnisweg des Menschen zu schreiben, kam ich zu der Überzeugung, dass Lebens-Stationen in einem Roman authentischer dargestellt werden können, als im sachlichen Aufsatz. Mit einfachen Worten Leserinnen und Leser zu inspirieren, die Interesse an überlieferten Werten und neuen Erkenntnissen haben, und/oder sich neu orientieren möchten.

Im Gesellschaftsroman wird ein Bogen gespannt vom Thema Integration in der Nachkriegszeit über die heutigen Probleme in der häuslichen Pflege bis zu endgültigen Einsichten der Protagonistin. In szenischen Abläufen spiegeln sich die Angstzustände zwischen Mutter und Tochter. Hier öffnet sich ein Nebenschauplatz mit der Verknüpfung von vorausahnenden und sich manifestierten Erlebnissen:

Eine Traumreportage durch die Zeit.

Die Texte sind zum Teil als freie Erzählung, teilweise mit autobiographischem Hintergrund, teils wissensdurstig mit Ansichten aus verschiedenen Naturrealitäten recherchiert, teils psychologisch – bewusst und unbewusst – erlernt, teils spirituell mit religiöser Reflexion oder mit philosophischer Fragestellung formuliert: Mögliche neue Wege – vom Einzelnen zur Einheit.

Dieses Buch habe ich für uns Menschen geschrieben, die kreative Vorstellungskraft besitzen, viele Facetten der Verständigung lieben, sich nicht nur auf die von Menschen initiierten Lehrmeinungen verlassen und/oder den Wunsch haben, über sich hinaus zu wachsen. Die über alle Möglichkeiten des Seins nachdenken, sich auf eigene Erfahrungen verlassen und sich in ihren individuellen Lebensfluss einfügen möchten.

Während der Schreibarbeiten habe ich mich entschlossen, nach jedem Kapitel einen Anhang als Sachbuchteil hinzuzufügen. Ein Experiment, um einige Schwerpunkte aus den Verhaltensweisen unseres Mensch-Seins aufzulisten – auch mit möglichen Antworten auf Fragen über unsere schöpferische Kraft in der Evolution. Dieses Motiv basiert auf der angestrebten Verbindung zwischen neuer Wissenschaft und spirituellem Bewusstsein.

Grundsätzlich schließe ich mich der allgemeinen Betrachtung an, dass so viele Wahrheiten existieren wie Menschen auf der Erde leben. Aber vielleicht offenbart sich uns eine Zukunft, in der sich die Gesellschaftssysteme im Sinne von freier Ethik verändern? Dann können WIR gemeinsam die eine Wahrheit leben.

Wenn Sie dieses Buch lesen, vertrauen Sie bitte nur Ihrer eigenen Intuition.

Bad Aibling, Februar 2012

Karin Vonzin

Verborgen ist die Eso-These in der lichten Ecke

Ummauert von Anti-These aus dunklem Stein

Suchend nach tönernen Fugen in der Lücke

Erschauert uns Synthese Wahrheit im Sein.

Wir SIND der Weg, die Wahrheit und das Leben –

was SUCHEN wir noch um es zu erreichen?

Kapitel 1

Der Weg des Künstlers

Prolog:Ende eines Zwischenspiels

Traumbilder 7 Tage vor dem Sterbetag:

Ein Mann mit grauen Haaren, Sonnenbrille, grauem Trenchcoat steht auf einem Berg. Er sagt: „Ich warte.“

„Gott sei Dank! Sie hat es endlich geschafft! Mutter darf ab sofort tot sein – das hat sie sich seit neun Jahren gewünscht.“

Voller Stolz klangen die Worte von Klara im Raum. An der Haltestange des Krankenbettes pendelte die leere metallene Spirale für die Infusionen langsam aus – bis sie völlig still stand.

Wieso fing das Ding vorhin überhaupt an zu schwingen?

Weder Klara noch ihre Cousine hatten sich am Krankenbett angelehnt oder am Bettzeug herumgenestelt. Diesen mächtigen Vorgang haben die beiden Frauen aus einiger Entfernung teils ängstlich, teils neugierig beobachtet – den letzten ruhigen Atemzug der Sterbenden mit Bewunderung ausgehalten. Der Vertrag zwischen Mutter und Tochter war zu Ende. Klara fragte sich nicht das erste Mal, warum sie sich darauf eingelassen hatte. Vor zwei Jahren hat sie innerlich auf die indirekte Frage ihrer Mutter – sie konnte bereits damals wegen halbseitiger Lähmung nicht mehr sprechen – im Unbewussten zugestimmt. Diese leise Zustimmung hat sich bei den beiden Frauen im Tagesbewusstsein manifestiert. Und so durften sie den dramatischen Deal durchleben – bis zur bitteren Neige.

Nun lag die Mutterleiche vor ihr. Leblos.

Doch eigenartigerweise strahlte sie noch mehr Macht aus als zu ihren egoängstlichen Lebzeiten. Welch hoheitliche Würde: Artig zugedeckt, die linke Hand lag wie immer auf der Brust, die spastische rechte durfte ab jetzt locker neben dem Körper ruhen.

Traumbilder 6 Tage vor dem Sterbetag:

Mutter liegt im Sterben, ihr Gesicht wird weiß, nehme ihre rechte Hand und halte sie … Es ist 19 Uhr – wir warten …

Ein Fläschchen pendelt über dem Bett in der Luft.

Das lebendige Gesicht der Todkranken verblasste im Zeitlupentempo. Unter der Bettdecke sah es nicht so aufgeräumt aus – dort war die Hölle los. Für Mutter und Tochter war der Weg bis hierher hart, steil und stressig gewesen, unpersönlich bis hasserfüllt, und das gegenseitige Vertrauen blieb irgendwo zwischen Resignation und Hoffnung auf der Strecke.

Als Klara heute Vormittag ihre Cousine Ingeborg vom Bahnhof abholte, freute sie sich, dass sie die letzten Tage nicht alleine mit der Kranken verbringen musste. Sie hatte Bescheid bekommen, dass der Plan zu Ende ging, nur der Zeitpunkt war noch unklar. Alles deutete darauf hin, dass nun endgültig ein Schlussstrich anstand mit dem ewig währenden Lebenskampf. Ingeborg hat es nicht gleich gecheckt, sie meinte, dass ihre Tante Irmgard noch gut aussähe und es keinen Grund zur Annahme gäbe, dass es bald zu Ende ginge.

Kann Ingeborg die Lage nicht richtig einschätzen – oder was? Klara zählte seit drei Jahren die Stunden, Tage und Wochen – eine scheinbar verlorene Zeit, die sie hätte besser nutzen können? Sie lebte in der Erwartung, dass sie endlich wieder ihre Freiheit erhielt. Mutter wollte nie in ihrem Leben ein Pflegefall werden, vor dieser Vorstellung geriet sie immer in Panik. Und nicht nur davor. Sie hatte vor allen neuen Situationen Angst, ob morgens vor dem Aufstehen, vor dem Einkaufsweg, davor, dass das Essen nicht pünktlich auf dem Tisch stehen würde, vor der schmutzigen Wäsche, vor einem herrlichen Sonntagsausflug, vor einer wenig erfüllenden Liebesszene mit Vater oder vor Gewitter.

Im Nachhinein durfte die ganze Familie lernen, dass sich die befürchtete Katastrophe magisch erfüllte und leicht manifestierte. Bravo! Mutter hat es immer geschafft, die gedachten Möglichkeiten und Erwartungsfelder negativ zu besetzen – und so gingen ihre Wünsche in wunderbarer Weise in Erfüllung – auch die gegnerischen der Tochter.

Klara schauderte es im Herzensgrunde, als sie an die Verwünschung dachte, die sie damals während eines heftigen Streits ihrer Mutter an den Kopf geworfen hatte. Dieses geschleuderte Bild ordneten die Quanten später in eine grausame Wirklichkeit. Erst lange nach ihrem fünfzigsten Geburtstag gelang ihr die Erlösung, als sie den lange verdrängten und gefürchteten Satz – mit Überzeugung und von ganzem Herzen – aussprach:

„Ich liebe dich!“

Eine archetypische Mauer zerbrach, die sich beide Frauen jahrzehntelang aufgebaut hatten. Wenn Klara in ihrer Jugend gewusst hätte, was ihr später bevorstand, hätte sie im Nachhinein ihr Leben anders gestaltet – dachte sie.

Ist es nun zu spät?

Traumbilder 132 Tage vor dem Todestag:

Gebe meiner Mutter einen Kuss auf die Wange, sie hat eine weiße, eisige Haut – wie aus Schnee.

Nehme ihre Maske ab – und sehe ihr wahres Gesicht:

Es ist ganz rein.

Das Singen der Spinnen

Musikanten spielen, Mädchen tanzen und singen, ihre bunten Haarbänder fliegen hoch.

Diese Traumbilder wiederholten sich in Klaras Kindheit häufig.

Ein Jahr nach Kriegsende zog Familie Samet mit ihrer kleinen Tochter in einen anderen Stadtteil von Asch, einer mittelgroßen Industriestadt in Westböhmen, des ehemaligen deutschen Protektorats in der Tschechoslowakei, nachdem die enteigneten Wohnhäuser samt Konditoreibetrieb in der Stadtmitte nicht mehr bewohnbar waren, denn aus der Slowakei drängten immer mehr Flüchtlinge in die Westbezirke und besiedelten die von Deutschen verlassenen Orte.

Die neuen Bewohner zogen in die leer stehenden Wohnungen oder Häuser ein, konnten sich jedoch nicht an die Sauberkeitsregeln der verbliebenen Bevölkerung aus Rest-Halb-Deutschen und Tschechen anpassen. Dies führte häufig zu Häufchen im Treppenhaus. Irmgard Samet war es bald leid, die körperlichen Abfälle zu entfernen und das Haus alleine zu reinigen – das Ehepaar Samet fühlte sich nicht mehr wohl und beschloss daraufhin schweren Herzens, das Domizil aufzugeben.

Der Großvater von Klara – väterlicherseits – kam um die Jahrhundertwende aus Italien als Gast zum Arbeiten in die Stadt; mit der Zeit wurde aus dem Gastarbeiter ein Gastbürger. Die zwölf Nachkommen des Signore Sameti mutierten zu Eingeborenen – inklusive der geerbten italienischen Staatsbürgerschaft. Auch die deutschen Ehefrauen seiner Söhne konnten diesen Status beibehalten mit dem verdeutschten Namen Samet. Nach dem Kriegsende traf die Zwangsvertreibung fast alle Verwandten: Die deutschen Angehörigen ihrer Mutter sind über die Grenze ins nahe Westdeutschland „geflüchtet worden“, die Italiener landeten in einem Flüchtlingslager bei Rom. Anscheinend hatte Klara wegen dieses Großvaters aus Italien Glück, denn ihr Vater wurde nicht zum Kriegsdienst eingezogen und bei der Ausweisung haben die tschechischen Behörden ihre Eltern – das gab es auch – einfach vergessen. Darüber war besonders ihre Mutter froh, denn sie hatte vor jeglichen Veränderungen und auch vor dem fremden Land einfach Angst.

Die staatliche Enteignung des Konditoreibetriebs samt Laden traf das Ehepaar hart; darunter litt Klaras Mutter während ihres ganzen Lebens. Den Abstieg aus der bürgerlichen Mittelschicht in eine Arbeiterszene hat sie nie richtig verkraftet – es tröstete sie nicht, dass es damals vielen Menschen so erging. Immerhin war sie fast zwei Jahrzehnte im elterlichen Bäckereibetrieb und in der eigenen Konditorei tätig gewesen. Und wie!

Wohin plötzlich mit den ungenutzten Kräften einer strengen Geschäftsfrau? Es schien, als ob sich ihr alternativer Ehrgeiz vordergründig ganz auf die Familie – speziell auf eine gute Erziehung der Tochter – konzentrierte. Klaras Vater musste nun als Konditormeister für den Unterhalt seiner Familie eine Arbeit als einfacher Fahrer in einer Großbäckerei annehmen. Aus der ehemals großzügigen Wohnung stieg Familie Samet in eine kleine Zweizimmerwohnung ab, in die nur wenige Möbel aus dem früheren Zuhause passten. Doch ein wertvolles Stück konnte von der Einrichtung in das neue Domizil gerettet werden:

Das Klavier.

Der Kindergarten lag am Rande des Dorfes Mokřiny. Die fünfjährige Klara musste täglich einen schmalen Pfad benutzen, der sich entlang von Kuhweiden, Schweineställen und Gänsegattern mit viel Geschnatter schlängelte. Aufmerksam, fast vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen, damit sie auf dem ausgetrampelten Weg nicht in einen der getrockneten Kuhfladen trat – Mutter würde schimpfen. Immer wieder ausweichen – großer Schritt – hupf – und weiter … Hierbei hüpfte ihr nach rechts gebundenes Zöpfchen mit der Schleife auf und ab.

Vier Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bestand in der kommunistischen Tschechoslowakei der planmäßige Zuschuss für den kostenlosen Kindergarten aus heißem Kakao und einem Esslöffel Lebertran. Der ölige Saft lief den Kindern bitter den Hals hinunter. Igitt! Trotzdem: Diese gesundheitsfördernden Gaben für den Aufbau der zukünftigen Planarbeiter wurden von den Kindern allenthalben mit lautem Hallo begrüßt.

Im Garten der Kinder ging es meistens lustig zu. Die Buben waren in der Unterzahl. Sie mussten sich ihr Ansehen bei den Mädchen mit Hauen und Stechen erarbeiten. Doch die weiblichen Kinder konnten mit der ihren angeborenen „Mitfühlart“ die Lage – nicht zuletzt durch die pädagogisch aufoktroyierte Solidarität – meist entschärfen.

Klara holte sich aus der Küche ihr Blechtöpfchen vom Haken, packte das mitgebrachte Butterbrot aus und das diensthabende Mädchen durfte mit einer übergroßen, angerosteten Schöpfkelle das Schokoladengetränk austeilen. Heute war Ludmilla dran.

„Stell dich nicht so an“, maulten die Buben, als sie einiges von der braunen Brühe verschüttete.

„Bitte schön – dann macht ihr es doch!“ Beleidigt landete die Kelle mit dem langen Stiel im großen roten Kochtopf, so dass es bis auf den Tisch spritzte. Die kleine Schöpferin drehte sich um, setzte sich an das Ende der Stuhlreihe, verschränkte kämpferisch ihre Arme vor die Brust: „Bähh!“ Das galt den Jungen. Die Erzieherin machte dem Schauspiel händeklatschend ein Ende.

„Jetzt haben wir den Lebertran vergessen – den müsst ihr vorher einnehmen, dann erst den süßen Kakao trinken, damit der bittere Geschmack verschwindet!“

Alles von vorne – die sozialistische Verköstigung zog sich hin, aber schließlich konnten die Kinder den Tag noch voll im Freien genießen.

Am Nachmittag auf dem Heimweg mussten die kleinen Besucher des Kindergartens wieder an teils nicht eingezäunten Ställen vorbeigehen. Inzwischen liefen auch Hennen, Gockel und Truthähne draußen frei herum. Klara grauste es jedes Mal, wenn sie an den Tieren vorbeilaufen musste, denn sie gebärdeten sich nicht friedlich, im Gegenteil: Klara verstand nicht, warum sie immer auf sie losgingen.

Ich tue ihnen doch nichts – oder?

Auch Schleichen half hier nicht weiter. Sie hasste diese täglich zu ertragenden Angstkämpfe und Beklemmungen. Ihr Vater konnte ihr und auch Mutter hundert Mal sagen, dass es doch nicht so schlimm sei. Doch ihre Mutter hatte auch Angst vor streunenden Hunden oder vor Katzen, die bei anderen Menschen kuschelig auf dem Sofa lagen.

Kämpfen oder fliehen? Flüchten. Und schon ging es los mit der Verfolgung. „Tucktucktuck“, erklang es vom aufgeplusterten Truthahnmann – er kreiste sie mit seinem Rad ein, nahm Anlauf und startete den Angriff. „Ssssst“, zischten die Gänse und liefen ihr ebenfalls nach. Der Spießrutenlauf begann…

Wenn ich in die Schule gehe, dann muss ich hier nicht mehr …

Die Kindergartenfreundin Marika überholte Klara, hob drohend einen Stock gegen das Federvieh und startete einen Gegenangriff. Trotz ihres kleinen Körpers lief das Mädchen furchtlos den großen Gänsen entgegen; sie breitete ihre kurzen, kernigen Arme aus und schrie den Truthahn an, der mit seinem Rad einen größeren Umfang erreichte, als die kleine Tschechin samt Kopf an Höhe maß. Mutig, die Kleine. Die gut gefütterten, wuchtigen Tiere stoppten überrascht und liefen schnatternd und schimpfend in Richtung Scheune. Huch – geschafft! An diesem Tag rettete Marika Klaras Fluchtweg.

Der Herbst kündigte sich an – draußen war es deutlich kühler geworden, die Abendnebel stiegen hoch.

„Wir gehen heute Abend mit Frau Hrdlíková spazieren solange das Wetter noch schön ist. Wir wissen nicht, wann wir zurückkommen.“

Klaras Magen meldete sich, sie spürte wieder den bekannten Stich. „Kann ich auch mitgehen?“

„Nein, Klara, es wird jetzt schon früher dunkel – nein, das geht nicht.“

Das klang aus Mutters Mund endgültig. Im Bauch des Mädchens rebellierte es – sie rannte auf die Toilette.

„Was das Kind nur immer hat, wenn wir weg gehen. Sie ist …“

„Wir kommen bald wieder – geh bald ins Bett“, ergänzte die Mutter.

Vater war anderer Meinung. „Klara, du musst nicht gleich schlafen gehen, kannst auf uns warten – willst du vom Fenster rausschauen? Da siehst du auch was, hm?“

Ihre Eltern sperrten die Haustüre von außen ab. Doch Klaras Bauchgefühl beruhigte sich nicht, nachdem es im Haus ruhig geworden war. Allein. Im Gegenteil – der Durchfall nahm seinen Lauf. So viel habe ich doch heute nicht gegessen …

Zittern.

Die Wohnung der Familie Samet lag im Erdgeschoss. Vom Hausflur ging es durch einen kleinen Vorraum, links lag die Wohnküche mit Fenster zum Hof, rechts das Schlafzimmer mit drei Betten und zwei Schränken zur Straße. Zur Toilette im Haus mussten die Bewohner zum Hinterausgang gehen – neben der Kellertreppe. Dorthin ging Klara immer mit gemischten Gefühlen – das schwache Licht flackerte auf den alten Wänden, von Vater geweißelt; auf Schulterhöhe mit einem blauen Strich verziert. Schön hat er es gemacht – auf Papier kann er auch gut malen.

Nachdem sich Klara und ihre Gedärme langsam beruhigt hatten, zog sie eine Strickjacke über, holte ein Kissen für das harte Fensterbrett und stützte sich mit den Unterarmen darauf. Eine Weile stand sie so und blickte auf die Straße. Wie immer fuhren Radfahrer vorbei, es zuckelte ein kleinerer Lastwagen den Stadtberg hinauf und es gingen Leute am Fenster vorbei, die ihr freundlich zulächelten – ihre Gesichter erreichten fast die Höhe des Fenstersimses. Sie sah nach rechts, sah nach links – trat von einem Fuß auf den anderen. Langweilig.

Dann fiel ihr ein, dass sie sich ja einen Hocker holen könnte, um bequem darauf knien zu können, damit sie auch um die Mauerecke sehen konnte. Ja – das ist es.

Klara wandte sich um, um den Hocker zu holen, da erblickte sie – SIE, dieses Monster von Spinne. Sie saß oberhalb des hinteren Bettrandes der Eltern unter einem Stillleben mit Obst – genau auf einer Knospe des Blumenmusters der Tapete. Ihr riesiger Körper erschien schwarz wie die Nacht. Einnehmend thronte die Spinne über den drei Schlafstätten. Wie gemein! Dem Mädchen kam es vor, als ob das Monster seine Beine um die Ehebetten schlingen wollte.

Klara erschrak so sehr, dass sie den Hocker mit den Füßen umstieß und mit dem Ellenbogen den Fensterflügel rammte, worauf eine Schmerzflamme ihren Arm bis in die Hand und die Finger durchflutete. Sie schrie auf, worauf sie wiederum vor ihrem eigenen Laut erschrak. Nun reichte es ihr.

Sie öffnete das Fenster ganz, stieg auf den Sims, setzte sich auf ihr Hinterteil und mit den Füßen baumelnd sprang sie auf den Gehsteig. Die Landung gelang. Eine Weile lief sie wie von Furien gehetzt Richtung Stadtmitte. Sie achtete nicht auf ihre Umgebung, atmete hastig, bis sie fast keine Luft mehr bekam. Doch mit der Zeit wurde sie langsamer und hielt inne. Ihr wurde bewusst, dass sie noch die Hausschuhe anhatte.

Macht nichts, ist eh schon dunkel draußen.

Nach einer halben Stunde kamen ihr die Eltern entgegen. Erkennen – Verwunderung – Erklärungsversuche – Unverständnis von Mutter: „Die Klara spinnt!“

Schließlich nahm sie Vater an die Hand und sie marschierten nach Hause. Die Eltern suchten nach der Spinne, aber sie fanden sie nicht. Sie war wie vom Erdboden verschluckt. Klara durfte in dieser Nacht in der Küche auf der Couch schlafen. Doch die nächste für das Kind ungeheuerliche Begegnung hatte sich bereits programmiert.

Bevor Klara in die Schule kam, bezog die Familie Samet eine schönere Wohnung in einem modernen Hochhaus gleich nebenan. Dort hatten sie zwar auch nur zwei Zimmer, doch es gab eine eigene Toilette und ein Bad. Die Badewanne fehlte zwar, die hatte nach dem Umsturz jemand „abgeholt“, aber nun konnte endlich das zwischenzeitlich in einem Lager deponierte Klavier der Familie ins rechte Ton-Licht gesetzt werden. Statt der Badewanne stand nun neben den stillgelegten Wasseranschlüssen ein Klavier. Klara freute sich. Das kleine Kämmerchen wollte sie für ihre eigene kindliche Traumlandschaft umbauen. Mutter sollte darin nur sauber machen und sie in Ruhe lassen. Dachte sie…

Zu Hause wurde Deutsch gesprochen, in der Schule Tschechisch, ab der vierten Klasse stand Russisch auf dem Lehrplan. In der achtklassigen Mittelschule gab es keinen offiziellen Übergang zum Gymnasium, dies geschah fließend, wenn die Schulnoten gut waren. Die Fächer Mathematik und Biologie begannen ebenfalls ab der vierten Klasse, denn das Planungsprogramm des Staates hieß: Alle lernten alles, gleiche Bildungschancen für alle – quasi Gesamtschule, später inklusive Mittagessen.

Die verschiedenen Sprachen machten Klara Spaß. Aber was ihr besonders Freude bereitete, war der Unterricht in der Musikschule. Bevor die Musikschüler den ersten Ton spielen durften, mussten sie ein Jahr Theorie absolvieren: Sie lernten, alle Noten, Vorzeichen samt Tonleitern aufs Notenpapier zu schreiben, und die Gehörproben waren professionell auf Kinder zugeschnitten. Mit diesem Basiswissen wurde Klara vom Musiklehrer zur weiterführenden Klavierdozentin, Frau Mayer, empfohlen, die das musikalische Talent des Mädchens bald erkannte. Der Klavierunterricht nahm Fahrt auf.

Irgendwann hatten ihre Eltern begonnen, im Hinterhof einige Kleintiere zu halten. Vater baute eine Reihe von Ställen für die edlen, putzigen Hasen – Sorte Chinchilla. Die Jungen kamen im Rudel auf die Welt und waren eine wahrhaft niedliche Pracht. Für die sechs Hühner und einen Gockel zimmerte er eine Federviehwohnung aus hellem Holz, mit Treppe; Klara verglich die ganze Aktion mit einem kleinen Zoo. Herrlich.

Die Anschaffung von zwei Enten entwickelte sich als absoluter Höhepunkt, denn diese niedlichen Tierchen hatten es Klara besonders angetan. Deren Eier wurden in der Küche im Backofen restgebrütet – und die geschlüpften Entchen durften anschließend auf dem Küchentisch herumspazieren. Gar nett anzusehen, wie unbeholfen und drollig sie hin und her purzelten.

Beschützen.

Zum Schluss wurden noch zwei Gänse angeschafft und in ein viel zu enges Verlies eingepfercht.

Recht geschieht ihnen, den bösen Angreifern.

Angeblich alles wegen der Fleischversorgung.

Dieses rationale Motiv offenbarte erst dann für Klara seine volle Bedeutung, als die netten und lieb anzuschauenden Streicheltierchen geschlachtet wurden – sie lebten alle nicht sehr lange. Die Hühner landeten auf dem Hackstock – Kopf ab – Blut.

Wieso flattern sie danach noch eine Zeitlang mit den Flügeln?

Nach dem gelungenen Hasen-Genickschlag zappelte dessen Körper ebenfalls noch eine Weile – und die Ausblutung dauerte … Kurz darauf zog Vater dem toten Tierlein das Fell über die Ohren – mit der schmeichelnden Oberbekleidung des Häschens wollte er das Outfit seiner beiden Damen aufwerten. Die Felle wurden für die Pelzmäntel gesammelt und getrocknet, mitsamt den Hasenpfötchen für die Pelzkrägen.

Mutter rollte für die armen Gänse eigenhändig den nährstoffreichen Vitaminteig mit wertvollen Körnern – als echte Bäckerstochter –, die sie dann den Tieren mit Gewalt tief in den Hals stopfte. Vergewaltigung. Diese Szenen fand das Mädchen nicht mehr lustig – so hatte sie es mit der Vergeltung nicht gemeint. Schauer – Unverständnis. Sie floh.

Selbstverständlich gab es schmackhafte Entenbraten, das eingelegte Hasenfleisch in Essigsud gewann an Zartheit, das beide Elternteile über alle Maßen lobten. Einige der lieben Viecherl kauften die Nachbarn.

Klara musizierte in Mußestunden gerne in ihrer Klavier-Bade-Stube. Wenn sie dazu allerdings von Mutter gezwungen wurde, dann klimperten ihre Finger nur mechanisch auf schwarzweiß herum. Ihre Gedanken verweilten irgendwo, aber nicht bei den Noten. Durch das kleine schmale Fenster blickte sie auf einen großen Kastanienbaum, zwischen dessen Blättern ein kleiner Ausschnitt des großen Himmels hindurchschimmerte, in dem sie sich oft sehnsuchtsvoll verlor. Doch erschrak sie regelmäßig, wenn die Früchte des Baumes auf das Blech vor dem Fenster knallten – sie wurde daran erinnert, dass sich das Leben nicht immer still abspielte.

Ihre zehn Finger stolzierten wie Soldaten immer von neuem die Tonleiter auf und ab – in Dur und in Moll – einmal harmonisch, einmal melodisch rückwärts auflösend, solange, bis sich der Fingersatz nicht mehr verhaspelte. Bei den Übungen von Černy tanzte der kleine Finger manchmal aus der Reihe. Die Klavierlehrerin klopfte ihr deswegen oft mit dem Bleistift drauf, damit er sich einfügte. Voller Ehrfurcht blätterte sie in den Sonaten von Clementi – wenn sie die nur schon spielen könnte! Hach!

Forderndes Klopfen von Mutter an der Tür erinnerte sie an die Aufgaben. Nicht aufgeben – weitermachen.

Im Winter winkten die kahlen Äste des Kastanienbaumes ihr zu – in ihr eigenes Stübchen. Die klirrende Kälte spielte mit der Baumkrone ein windiges, eisiges Lied. Und Klara übte und klimperte …

Es gab auch Zeiten, in denen Klara das Klavierspielen vermiest wurde. Jeden Sonntag sendete der Rundfunk um halb zwei Uhr ein tschechisches oder russisches Märchen. Klara stellte sich auf einen Stuhl, legte ein Ohr an den Lautsprecher des Radios – denn laut durfte es nicht werden – und hörte andächtig in die phantastische Welt der Märchen. Die Faszination für Prinzessinnen und Helden wurde meist jäh unterbrochen, wenn Mutter einfiel, was Klara vormittags noch nicht erledigt hatte. Den Märchenzyklus durfte sie nur dann mithören, wenn alle anderen Arbeiten erledigt waren: Nach dem Mittagessen Geschirr abtrocknen und vorher natürlich Klavier spielen. Ja, ja!

Angeblich hätte ihre Mutter früher mehr Pflichten gehabt, allein in der Konditorei, da hätte sie soo viel putzen müssen.

Klara schaltete sich aus.

„Aber ich kann doch am Nachmittag auch noch üben …“

Nein, das ginge nicht – erst die Pflichten, dann der Spaß! Mutter hastete überlegen regierend zum Gerät und drehte den Knopf auf „aus“. Ohnmacht. Vaters Interventionen versandeten meist in Sprachlosigkeit. Wieder einzuschalten, das erlaubte sich Klara nur einmal, danach gab es eine saftige Kopfnuss, die ihr zornige Tränen in die Augen trieb. Rache.

Sie flüchtete in ihre Musikkammer und ab diesem Zeitpunkt sperrte sie sich öfter in ihrer Trotzburg ein. Dann spielte sie in einer unsichtbaren Schulklasse eine strenge Lehrerin, die keine Gnade mit ihren Schülerinnen hatte. Gehorsam! Den Schlüssel für den Klavierdeckel versteckte sie oder hängte ihn an ein Halsband. Klara begann nun, öfter „nein“ zu sagen.

Es kristallisierte sich immer mehr heraus, dass die Eltern den Freiheitsdrang ihrer Tochter nicht erkannten oder gar nicht verstanden. Besonders ihre Mutter wollte sozusagen nur das Beste für ihre Tochter erreichen – sie zwang das Kind zu schulischen Höchstleistungen. Die Mutter regte sich auf, die Tochter zitterte – die Nerven der beiden Frauen spielten ihr eigenes Lied. Zwangsbeglückung.

Das Mädchen war körperlich dem Druck nicht gewachsen und wurde oft krank. Die Ausfälle wegen Angina häuften sich – danach war es umso schlimmer –, der Lehrstoff wartete, er lief nicht weg, bis Klara wieder in der Lage war, sich einzuklinken.

In den ersten Schuljahren hatte Klara sehr gute Noten, sie avancierte zur Klassensprecherin und baute sich Freundschaften mit tschechischen Mädchen auf; Kinder von Deutschen waren wie vom Winde verweht. Der Schulweg führte an der Hauptstraße entlang an leer stehenden Häusern vorbei, teilweise noch mit dem Restmobiliar der früheren Bewohner bestückt. Hier lebten auch die neu beheimateten Zigeuner. Bereits in der ersten Klasse machten die Kinder eigenartige Erfahrungen mit diesem Volk aus dem Osten. Die Flüchtlinge schickten ihre Kinder anfangs nicht in die staatliche Schule, doch sie wurden dazu gezwungen und mussten sich letztlich den verordneten solidarischen Bildungsgesetzen der Republik beugen. Deren Kinder, auch ältere Jahrgänge, wurden in die erste oder zweite Klasse eingegliedert und der schon uralte Migrationskonflikt lebte auf.

Vor Klara saß ein Mädchen, das für die kalte Jahreszeit ein zu dünnes, kurzärmeliges Kleidchen anhatte – auf ihren Armen schimmerte blaurote Kälte. Hie und da wanderte ein Käfer oder eine Wanze über ihren Hals und verschwand in den zotteligen Haaren. Dort ist es sicher schön warm – merkt die das nicht? Mutter meinte kürzlich, dass es diese Leute von Natur aus nicht mit der Sauberkeit hätten …

Ein Junge wurde für die Klasse und die ganze Schule gar zur Geruchsherausforderung, woraufhin eines Morgens der Hausmeister mit einer Zinkbadewanne ins Klassenzimmer kam. Er erklärte dem Lehrer, dass die Anordnung „von oben“ käme. Der Lehrer wollte etwas erwidern, doch der Meister des Hauses lief eifrig einige Male hin und her und schüttete heißes Wasser in die Wanne – es dampfte. Alle Kinder und auch Klara standen von ihren Sitzen auf, reckten die Köpfe hoch und beäugten neugierig die Szenerie vor dem Pult.

Endlich tat sich etwas Außergewöhnliches.

„Zieh dich aus, Aladar!“, forderte der Hausmeister den Buben auf. Der Junge zögerte und sah sich Hilfe suchend um – nach hinten in die Runde –, vornehmlich zu dem Mädchen seines Volkes. Auch das Mädchen stand ratlos in ihrem geblümten, ärmlichen Kleid in der Bank. Der Lehrer brachte einige erklärende Worte wie „Hygiene“ und „Ansteckungsgefahr“ hervor, er nickte sich und dem Jungen zu, wiederholte aber den Befehl der Obrigkeit:

„Steig bitte in die Wanne und wasch dich!“

Klaras Knie wurden weich, sie setzte sich schnell in der letzten Reihe wieder hin. Vor ihr stand eine Mauer aus Mädchenrücken und Jungenschultern. Es tat ihr gut, nicht nach vorne sehen zu können. Verstecken.

Kurz darauf hörte sie, dass es kurz plätscherte – Aladar war ins Nass gestiegen. Nachdem die Waschzwang-Zeremonie zu Ende war, stieg der Junge wie ein begossener Pudel aus der Wanne, nahm errötend das zerrissene Handtuch vom Hausmeister, trocknete sich eilig ab und lief beschämt hinaus. Zur Toilette wahrscheinlich.

Nachdem sich alle wieder beruhigt hatten, fuhr der Lehrer mit dem Unterricht fort. Es hatte sich etwas im Raum verändert – Klara bemerkte schmerzlich, dass es sich nicht gut anfühlte. Aladar ließ sich die ganze Woche nicht mehr in der Schule blicken.

„Kinder, ihr müsst mehr auf eure Sauberkeit achten, lernt, täglich euren Körper zu waschen, damit ihr nicht krank werdet. Wer putzt sich regelmäßig die Zähne?“ Es hoben sich nicht wenige Finger in die Luft – Klaras Finger hatten ein schlechtes Gewissen. Regelmäßig? Eher nein.

Dann kam eine Frage, die sie elektrisierte: „Wer hat zu Hause Spinnen?“ Da bin ich dabei. Sie hob eifrig die Hand, ihr Zeigefinger reckte sich in die Luft. „Bei uns ist eine gewesen …“

„Tja, Klara, dann …“ Der Lehrer sah sie wohlwollend fragend an. „Das ist ein schlechtes Zeichen, denn das Ungeziefer, in diesem Fall ist es eine Arachnida – hält sich nur dort auf, wo viel Staub und Schmutz ist.“

Was genau meint er damit? Rache …?

Klara wäre am liebsten in den Erdboden versunken. Das kann doch nicht stimmen – nein, Mutter putzt jeden Tag wie eine …

Aber sie konnte sich nicht verteidigen – ihre Stimme versagte. Sie fühlte, dass sie sich selbst eine Falle gestellt hatte.

Wie peinlich. Die Jungen feixten über die Klassensprecherin, die Mädchen lachten schadenfroh – bis auf eines.

Am Nachhauseweg von der Bergschule ging Klara nicht die Straße entlang, sondern nahm die Abkürzung entlang des Waldrandes. Für alle Fälle, damit sie niemandem aus der Klasse begegnete. Auf diesem verschlungenen Weg gingen auch die Kinder aus dem fremden Land. Und Klara konnte auf dem Pfad prima herumtrödeln.

Einatmen und loslassen.

Zu Hause wurden die Hausaufgaben stets akribisch überwacht. Mutter saß beim Schreiben mit am Tisch, stand dicht daneben oder über Klaras Kopf gebeugt – und beim kleinsten Fehler bekam sie eine Ohrfeige, das Blatt wurde aus dem Heft gerissen, Vernichtung folgte. Neubeginn. Beim Rechnen dasselbe Spiel, das Ergebnis konnte sie nicht schnell genug hinschreiben. „Ich musste früher im Laden viel im Kopf rechnen, bin viel schneller als du“, das hörte Klara von ihrer Mutter immer wieder. Als sie endlich damit fertig war, fiel ihr jedes Mal eine Last vom Herzen. Und zum Schluss in die Klavierstube.

Endlich allein.

In den Turnstunden stand Klara immer am Anfang der Abzählreihe, weil sie die Größte von den Mädchen war – ein Vorteil beim Völkerball, aber darin erschöpfte sich ihre Sportlichkeit. Trotzdem schrieben die Lehrer in allen Fächern Einser in ihre Zeugnisse. Beim Schönschreiben und Sprache arbeitete sich Klara zur Klassenbesten hinauf, das Rechnen wurde für sie erst interessant, als später Geometrie hinzukam. Beste in der Klasse. Warum genügt das meinen Eltern nicht?

Der Drill bei den Hausaufgaben ging weiter.

Im Winter war es eine Freude, mit dem Schulranzen vom vereisten Abhang herunterzurutschen. Ledergepäck vom Rücken, auf das Eis gelegt, drauf gesetzt und ab ging die Post.

„Huiii“, rief Klara in die kalte Luft – Dunsthauch wehte in die Kälte.

„Huiii“, schallte es von oben wie ein Echo zurück. Klara stutzte. Woher kenne ich diese Stimme? Sie drehte sich erwartungsvoll um. Das leicht bekleidete Mädchen aus ihrer Klasse startete eben, sauste ebenfalls auf ihrer Schultasche nach unten, ihr Kleidchen flatterte unter der grob gestrickten Jacke. Sie lachte aus vollem Hals. Die schwarzen Augen versprühten Licht nach allen Seiten. Freude. Klara ließ sich sofort davon ansteckten. Sie hakte neugierig nach: „Wie heißt du eigentlich?“

„Du bist die Klara, ich heiße Leila – rutschen wir noch Mal?“

Selbstverständlich taten sie das und tummelten sich weiter in Schnee und Eis. Wieder hinaufgestapft, noch einmal heruntergerutscht, rauf und runter – der Spaß nahm kein Ende. Klara bemerkte nicht, wie die Zeit verging – sie verlor sich in der Kälte, die gar nicht mehr kalt war. Irgendwann hielten die beiden Mädchen fröhlich inne, putzten sich gegenseitig ab. Sorgenvoll streifte Klara den Schnee von Leilas nassen Strümpfen, dann gingen sie zusammen nach Hause. Vor einem leer stehenden Haus verabschiedete sich das fremde Mädchen mit dem tschechischen Gruß „Ahoi“ und verschwand. Klara schaute durch das vorhanglose Fenster. Mitten im Raum stand ein Kinderbett, hinter der Glasscheibe erschien eine rassige Frau. Klara ging schnell weiter.

Zu Hause schimpfte Mutter, sie ermahnte und maßregelte das Kind, bis sich der vorhin erlebte Spaß verflüchtigt hatte. Nach dem verspäteten Mittagessen begann das alte Spiel mit den Hausaufgaben. Ätzend.

In Klara regte sich ein innerer Widerstand, den sie nicht verstand.

Am nächsten Tag konnte es Klara gar nicht mehr erwarten, bis die Schule aus war; beide Mädchen trafen sich ohne Absprache auf dem eisigen Berghang. Es ging weiter mit der lustigen Rutscherei auf dem missbrauchten Schulranzen, bis sie beide außer Atem waren. Sie hüpften sehr spät nach Hause.

„Kommst du mal zu uns mit rein?“ Leilas Augen bettelten nicht – sie hofften. Klara zögerte – dann überwog die Neugier.

„Na ja, nur ganz kurz, sonst komme ich zu spät …“

Drinnen im Hauseingang war es so, wie es sich die Leute erzählten: Unordnung. Dort standen viele Kisten, ein Tisch, vier Stühle, zwei Truhen, ein Kinderbett, in dem etwas schlief, das Klara nicht genau identifizieren konnte. Es erschien ihr nicht direkt schmutzig, aber auch nicht wirklich sauber.

Hier krabbeln bestimmt viele Spinnen.

„Habt ihr Hunger?“ Die Frau von gestern stand am Herd, von dort roch es nach Kraut – sie sah fragend die beiden Mädchen an. Artig verneinte Klara und bemerkte, dass sich in der Ecke des Bettchens neben einem halbnackten Kind eine Katze räkelte. Igitt!

„Du kennst uns nicht mehr?“ Nein, Klara wüsste nicht woher. Die Mutter von Leila sah über den Kopf von Klara, atmete bedauernd aus und tippte ihr auf die Brust.

„Das Herz! … Deine Mutter hat es vergessen – du musst es alleine machen.“

Klara verstand nicht, was die Zigeunerfrau meinte. Sie verabschiedete sich und beeilte sich, nach Hause zu kommen.

„Heute mussten wir wegen der Zigeunerbuben nachsitzen – die waren zu laut.“ Diese Ausrede klang nach Wahrheit und sie bescherten Klara eine ungeahnt friedliche Fristverlängerung der guten Stimmung zu Hause. Doch mit der Zeit erschien den Eltern die Behandlung der Kinder vom Lehrer ungerecht.

„Der sollte diese Sippe bestrafen und nicht die ganze Klasse!

„Hans, du musst mit dem Lehrer sprechen!“

Klara wurde nervös. Das wäre furchtbar.

Doch gerade zur richtigen Zeit kam ihr ein Umstand zu Hilfe, der ihr aus der Patsche half. Der Lehrer rief Klara Sametová zu sich: Ob sie nicht doch die deutsche Staatsbürgerschaft hätte. Er könne sich nicht vorstellen, dass sie eine kleine Italienerin sei. So?

„Könntest du mal den italienischen Pass der Eltern mitbringen?“

Bei dieser Forderung fielen die Eltern aus allen Wolken. Vater war die Sache nicht geheuer, Mutter bekam Panik – und sie verhielten sich daraufhin still. Im Laufe der Zeit schlief die ganze Sache ein.

„Darf Leila mit zu uns?“ Klara hatte ein schlechtes Gewissen, sie hatte die Jungen anderer Art vorgeschoben, obwohl die tschechischen Klassenkameraden nicht leiser waren – sie wollte etwas gut machen. Natürlich durfte sie das Mädchen nicht mit nach Hause bringen. Nein, Mutter wollte keine fremden Kinder in der Wohnung, nicht einmal die „normalen“ Nachbarkinder.

„Leilas Mutter kennt dich angeblich, sie sagte etwas von einem Herz …“

Ja ja, das sei schon lange her – die Zeiten hätten sich geändert. Sie solle sich nicht ständig bei den Zigeunern aufhalten, das komme nicht gut an bei den Leuten. Eine Schande sei es.

Schande – wieso?

Nun hatte Klara einen Grund, sich in Gegenwehr zu üben – sie investierte weiter in ihren persönlichen Widerstand.

„Du sagst immer erst einmal nein! Du bist böse, Klara. Warum tust du das?“ Verständnislosigkeit klang aus Mutters Anklage. Doch Klara fühlte zum ersten Mal, dass sie durch dieses Verhalten Kraft gewann.

Sie wollte einfach nur bestehen – zumindest vorübergehend.

Ab diesem Zeitpunkt besuchte sie ihre Freundin Leila öfter zu Hause, sie spielten mit Murmeln – angeblich konnte man damit viel Geld gewinnen. Trotz ärmlicher Verhältnisse erlebte sie bei „diesen Leuten“ Menschen, die in herzlicher Fürsorge zusammenhielten. Eine Oma gab es dort und zwei Tanten.

Die hätte ich mir auch gewünscht.

In der Folgezeit stöberte Klara zusammen mit den Kindern aus dem Wohnblock in den leeren Häusern nach etwas Brauchbarem für ihre Spielzwecke. Die vormals wertvollen Möbel waren schon alle von den Rest-Einwohnern der Stadt abgeholt worden. Es fanden sich noch einige Vasen, Töpfe, gedrechselte Stühle, verschmutzte, zerrissene Kissen, aus denen die Federn herausspitzten. Auch alte Bücher lagen am Fußboden verstreut – angeblich in hebräischer Schrift, die Buchstaben mit kaligraphischen Schnörkeln verziert; diesen Schatz fand sie besonders wertvoll. Aber in einer der Villen landete Klara einen Volltreffer: Klaviernoten. Mozart, Beethoven, Brahms, Chopin und Bach.

Bach – ja das ist es!

Sie holte eine Schachtel, schlichtete den Stapel Noten hinein und schleppte alles auf ihrem Roller nach Hause. Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Das Zeug sei dreckig und feucht. Nach langem Betteln einigten sich die Frauen, das muffige Notenpapier erst nach dem Trocknen in die Wohnung zu holen. Die Schachtel wurde erst einmal im Holzkeller gelagert.

Auch in der dritten und vierten Klasse ließ der Lerndruck nicht nach – die Aufsicht wurde noch strenger, immer mehr Kontrolle folgte, Klara fühlte sich eingeengt und unfrei. Während einer Präsentation der Lehrpläne des Schuldirektors sollte sie in der Aula auf dem Klavier eine leichte und ihr geläufige Improvisation eines Volksliedes spielen – zur Auflockerung. Doch Klara zitterte sich durch die Noten – es klang alles andere als locker.

Das waren zu viele Fehler, ich habe mich blamiert!

Zu Hause erfand sie immer neue Ausreden, warum sie nicht pünktlich erschien. Wenn der Ruf von Mutter zum Hof erschall, tat Klara so, als ob sie es nicht hörte, und flüchtete in die nahen Wiesen. Die Aufforderung, endlich nach Hause zu kommen, kam ihr wie ein Warnton vor: Schrill, fordernd ungeduldig und ärgerlich sowieso. Ihr fiel schließlich nichts mehr ein, als zu ihren Unregelmäßigkeiten zu stehen. Die Schelten und Ohrfeigen von Mutter häuften sich.

„Ich weiß nicht, wie ich sie zum Gehorsam erziehen soll“, jammerte Mutter am Abend, wenn Vater von der Arbeit nach Hause kam. Es folgte eine Standpauke, die bei Klara jedoch nicht lange vorhielt. Manchmal graute es ihr, nach Hause zu gehen, es drohten Befehle, Erwartungen und sie fühlte sich die ganze Woche über verplant.

„Wo warst du heute wieder so lange? Ich ertrage das nicht mehr!“ So oder ähnlich klangen die Worte, bevor es auf den Wangen des Kindes klatschte.

„Mutter schlägt mich – sie tut mir weh“, beklagte sich Klara beim Vater, in der Hoffnung, bei ihm Beistand zu finden.

„Tu etwas“, sagte Mutter zum Vater, in der Hoffnung …

„Ich kann sie doch nicht einfach strafen – ich war nicht dabei.“

Seine liebevolle Zuneigung mündete in der Aussage:

„Ein Mädchen schlägt man nicht.“

Wenn Klara nicht pünktlich heimkam oder nicht alles aufaß, was auf dem Teller lag, musste sie sich auf Holzscheite knien. Das tat höllisch weh, aber sie harrte so lange darauf aus, bis die Tränen kamen. Nach der Erlösung:

Rachegedanken.

„Weißt du, eigentlich wollten wir gar keine Kinder … Du solltest nicht auf die Welt kommen … und dann noch die schwere Geburt … ich wurde deswegen todkrank.“ Ohnmacht.

Diese Offenbarung trug dazu bei, dass sich eine neue Dimension der Grenzziehung zwischen Mutter und Tochter einschlich. Unauslöschlich grub sich dieser Satz in Klaras Gedankengefühle ein: Ich bin nicht erwünscht.

Trotz dieser scheinbaren Abweisungen nutzte sie im Sommer die längeren Tage für unbeschwerte Aktionen. So hüpfte sie mit den Jungen in Nachbars Heuhaufen, bis sie außer Atem war. Spaß! Auch wenn es nachher auf der nackten Haut piekte. „Klara!“, hallte es aus dem Fenster. „Klara – ich rufe nicht noch einmal!“

„Nur noch eine Viertel Stunde?“

„Aber dann sofort, das sage ich dir!“

Doch Klara schloss sich den Jungen an und die Bande verzog sich mit Stöcken zum Waldrand. Das Ratespiel hieß: Mit dem Stock am Baumstamm Signale aussenden – und sich nicht erwischen lassen. Inzwischen war es dunkel geworden – gar schön schaurig im Wald.

Das Donnerwetter zu Hause folgte auf dem Fuß – und heftig. Diesmal musste das Kind mit dem Kohlenkeller vorlieb nehmen. Mutter zog das Mädchen hinter sich her, schob es in den dunklen Raum – Lattenrost hinter ihr zu, das Schloss schnappte eisern zu.

Klara setzte sich auf den Karton mit den Noten, saß im Dunkeln und harrte der Dinge, die da kämen. Ab und zu raschelte es – die lieben Mäuschen. Jedoch die andere Bedrohung schien ihr schlimmer: Sie spürte sie nicht, aber sie ahnte, dass sie da waren: Die Spinnen. Erst dann begann sie sich zu fürchten.

Als sie später Vater erzählte, dass sie immer noch Angst vor Spinnen hätte, meinte er zur Mutter, der Kohlenkeller wäre vielleicht kein so gutes Erziehungsmittel. Nun wurde sie ständing zur Mithilfe im Haushalt aufgefordert. Wenn das Holz ausging, wurde Klara zügig in den Keller geschickt. Aus ihren gespreizten Fingerspitzen fielen die Holzscheite in den Korb. Und irgendwann brachte sie heimlich einige Klaviernoten mit nach oben. Einzeln – damit kein Ungeziefer mitkriechen konnte. Sie sperrte sich im Kämmerchen ein, klappte ein vergilbtes Heft auf:

Johann Sebastian Bach.

Nun packte Klara der Ehrgeiz und sie begann zu üben. Als Führer setzte die rechte Hand ein, wartend auf den linken Gefährten – eine Quinte nach der anderen folgte, bis sich die Vorzeichen, Noten und Takte in ihren Synapsen eingenistet hatten. Klara hatte Freude am Kontrasubjekt. Sie spielte leicht und locker und bald gelang die Fuge auswendig.

Wer wohl vor mir von diesem Notenblatt abgespielt hat?

Ihre Blicke schweiften von den Klaviernoten ab – sie drehte sich zum schmalen Fensterchen und sah sehnsuchtsvoll nach draußen durch die Kastanienblüten zu den Wolken hinauf. In ihrer Phantasie stellte sie sich vor, wie ein kleiner Prinz im Samtanzug mit weiß gehäkeltem Kragen vor einem Konzertflügel saß: Er verbeugte sich höflich – und der Himmel grüßte zurück. Eine Vogelschar flog über die filigrane Baumkrone.

Wohin?

An einem schönen Sommertag ging Klara mit den Mädchen und Jungen aus dem Wohnhaus zum Baden. Die Mutter von zwei jüngeren Mädchen, Frau Hrdlíková, ging mit; auch der ältere Karel tappte neben den Mädchen her. Eine stillgelegte, geflutete Kiesgrube diente den Kindern und Erwachsenen als Badeweiher; er bot sich für diesen Zweck auch für Nichtschwimmer an. Auf der Liegewiese traf Klara ihre Freundin Ludmilla, eine der kleinsten Schülerinnen in der Klasse.

Bald fuhrwerkten beide Mädchen angeberisch im seichten Wasser herum, als ob sie schwimmen könnten.

Hätten sie es nur an diesem Tag gelernt, denn Ludmillas Schicksal – oder Bestimmung? – erfüllte sich nach zehn Jahren: Sie ertrank kurz vor ihrer Hochzeit beim Baden.