Die Länder des Islam - Arnold Hottinger - E-Book

Die Länder des Islam E-Book

Arnold Hottinger

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Beschreibung

Der Nahost- und Islam-Experte Arnold Hottinger – ein engagierter Vermittler zwischen Orient und Okzident – analysiert in einem faszinierenden Überblick die islamischen Länder von Ägypten bis zur Türkei, von Nordafrika bis zum Irak, vom Iran bis Afghanistan. Arnold Hottinger Die Länder des Islam Geschichte, Traditionen und der Einbruch der Moderne Format E-Book: EPUB. 2013. Karten & Pläne. sFr. 19.90 / € (D) 19.90 / € (A) 20.50 ISBN 978-3-03823-985-7

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Seitenzahl: 519

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Arnold Hottinger

Die Länder des Islam

Geschichte, Traditionenund der Einbruch der Moderne

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2013 Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich

Der Text des E-Books folgt der gedruckten 2. Auflage 2008 (ISBN 978-3-03823-478-4).

Titelgestaltung: GYSIN [Konzept+Gestaltung], Chur,

Titelbild: Alhambra © Madeleine Freudemann, ImagePoint.biz

Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf andern Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werkes oder von Teilen dieses Werkes ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechts.

ISBN E-Book 978-3-03823-985-7

www.nzz-libro.ch

NZZ Libro ist ein Imprint der Neuen Zürcher Zeitung

Einführung

Die Vielfalt der Welt des Islam

Dieses Buch ging ursprünglich von der Frage aus: Ist es wirklich nur «der Islam», der Geschichte und Gegenwart der islamischen Völker und ihrer Kulturen bestimmt? – Viele Aussenstehende, Nichtmuslime in Europa und in Amerika, scheinen dies anzunehmen. Der Umstand, dass die muslimischen Völker «dem Islam» angehören, wird immer wieder als Erklärung dafür herangezogen, dass im islamischen Raum dieses oder jenes geschieht oder dass dieser Raum «anders» sei als der europäisch-amerikanische.

Bei genauerem Hinsehen jedoch gibt es gute Gründe für die Skepsis gegenüber solchen Erklärungsversuchen. Monsieur islam n’existe pas lautet der Titel des Buches einer französischen Autorin mit algerischen Wurzeln, Dounia Bouzar, der es darum ging, klärend in Fragen der Einwanderungsproblematik zu wirken.1 Sie hat recht: «Der Islam» schlechthin ist eine Abstraktion, die es im konkreten Leben nicht gibt. Der Islam mag für den gläubigen Muslim in Gott ruhen, er ist aber auf Erden immer in Menschen, und zwar in sehr unterschiedlichen Menschen verkörpert. Jeder Muslim wird zustimmen: Gott hat den Islam über Koran und Propheten an die Menschen gesandt.

Man kann auch ganz einfach auf die Geschichte schauen: Wenn es nur einen unveränderlichen Islam gäbe und dieser alleine die Geschichte und Kultur der Muslime bestimmte, würde die Geschichte aller Muslime stillstehen.

Auch die Geografie macht deutlich: Es gibt viele Arten von Muslimen in sehr verschiedenen Ländern, was bedeuten muss, dass es noch andere Einflüsse gibt, die auf ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart einwirken, als nur ein immer gleicher «Islam».

Im Verlauf vieler Reisen, die der Verfasser mit Mitreisenden unternahm, denen er die muslimischen Länder nahezubringen suchte, wurde ihm deutlich: Viel von der Eigenart und Besonderheit der besuchten Orte und Stätten lässt sich fassen und verdeutlichen, wenn man auf die besondere Natur des Landes schaut, in dem man sich befindet. Die besonderen Charakteristiken einer Landschaft und eines ganzen Landes bedingen und prägen das Leben seiner Bevölkerung über die Jahrhunderte hin. Diesen prägenden Charakteristiken entspricht eine Geschichte «auf lange Sicht», die sich mit bestimmten Konstanten abwickelt. Allein der Nahe Osten kennt viele Variationen von sehr verschiedenen geografischen und natürlichen Rahmen, in denen sich über viele Generationen hinweg Menschenleben abgespielt hat. Markant sind die grossen Bewässerungstäler des Nils und des Zweistromlandes. Im Gegensatz dazu stehen die reinen Wüsten mit ihren Beduinen als der einzigen Art von Menschen, die dort zu leben vermögen. Wieder andere Gegebenheiten prägen die Menschen und formen ihr Leben in Ländern, die weitgehend aus Wüste bestehen, aber auch bewässerte Nischen und Flecken kennen, deren grösste sogar Städte ernähren. Es gibt Bergländer, grosse Ebenen und Übergangsregionen.

Derartige Grundtypen finden sich wieder, modifiziert, aber doch erkennbar, in der weiteren Umgebung des nahöstlichen Kerns, die auch zur weiten islamischen Welt gehört. Grosse Flusstäler gibt es in Zentralasien, in Indien und bis zum Wadi al-Kebir, den einst die hispanischen Muslime bevölkerten, dem heutigen Guadalquivir-Tal. Wüsten gibt es von der Sahara bis zur Takla Maqam. Man kann eine weitere Gruppe von Ländern hinzufügen, indem man auf Nordafrika schaut: Korridor oder Brückenländer, die bevölkerte Übergangsstrassen bilden, welche die Völker durchwandern. Anatolien ist sogar ein Übergangskontinent. Afghanistan lässt sich als eine doppelte Landbrücke beschreiben, auf der sich die West-Ost- und die Nord-Süd-Wege nach Indien kreuzen.

Die Geschichte, langfristig gesehen, ist jeweils in den unterschiedlichen Naturen der Länder und Grossregionen verankert. Geografie sei Schicksal, sagte Napoleon. Die Menschen lebten während der zwei-, drei- oder viertausend Jahre, über die sich ihre Geschichte in den meisten Ländern dieser Regionen zurückverfolgen lässt, in erster Linie vom Land und dessen Ertrag. Ihre Lebensumstände waren weitgehend durch die Natur ihres Landes bedingt. Das Land in seiner Vielfältigkeit hat die Menschen in ihren Variationen geformt: Beduinen, Bewässerungsbauern, Oasenbewohner. Und natürlich haben die Menschen auch das Land geformt: Bewässerung mit Dämmen und Kanälen, über der Erde und unterirdisch; Wege und Strassen; Siedlungen aller Art, Kulturpflanzen und Gärten – für Baumaterial war man auch auf das Land angewiesen, bis – im Westen – der Zement erfunden wurde.

Auch was man den kulturellen Oberbau nennen kann, war eng mit dem Land verbunden: die Tempel mit Stadtgöttern und Naturgottheiten sowie später der Dienst an dem Einen, dem Schöpfergott. Sein Kultgebäude erhebt sich über den alten Tempeln am gleichen heiligen Ort. Die Gedichte, die Musik, das Tanzen, Statuen, Bilder, alle haben sie spezifische Wurzeln in den jeweiligen Ländern und Landschaften ihrer Genese und Ausübung.

Der Islam entstand im Wüstenraum, aber an zwei eher städtischen Orten, in denen jedoch noch die soziale Ordnung der Wüstenbewohner herrschte, das Stammeswesen. Er ergoss sich dann in die Länder alter Kultur, und er war gezwungen, sich an sie anzupassen, wenn er erfolgreich über sie herrschen wollte. Er prägte diese Länder um, und er wurde von ihnen umgeprägt. Er schlug Wurzeln. Wenn man die heutigen Muslime fragt, die von der Pilgerfahrt heimkehren, was ihnen am meisten Eindruck gemacht hat, kommt häufig die Antwort: die Verschiedenartigkeit der Muslime. So viele, so unterschiedliche Menschen, so viele Sprachen, Farben, Arten von Menschen sind alle in Mekka zusammengekommen. Ja, sie kamen alle im Zeichen des Islam. Es gab etwas Grosses, sie Einigendes, über den Einzelnen und über den vielen verschiedenen Gemeinschaften. Doch die Vielfalt ist unbestreitbar überaus eindrücklich. Zahlreiche Kulturen, nicht nur eine einzige Kultur, sind in den islamischen Jahrhunderten gewachsen. Geschichten haben sich in der Geschichte des Islam abgespielt: Es gibt eine Geschichte von Mesopotamien, eine andere von Anatolien, eine von Zentralasien, eine Ägyptens und eine Nordafrikas. Noch eine andere war in Südspanien zu Hause. Sie ist abgeschlossen seit 1492. Natürlich hat jede dieser Geschichten vielfache Berührungspunkte und Überschneidungen mit jenen des Nachbarlandes. Doch man kann die Umrisse einer jeden nachzeichnen.

Es gibt kriegerische Ereignisse und kulturelle Entwicklungen, die den ganzen Raum oder grössere Teile davon erfassen, wie die Religion des Islam es getan hat, wie schon vorher der Hellenismus Alexanders des Grossen. Doch die darunter liegenden Strukturen bleiben bestehen, tauchen wieder auf, manchmal verwandelt, entstellt, neu aufblühend, aber dennoch an die Natur, die Gegebenheiten der Länder gebunden.

Der grosse Einschnitt im 19. Jahrhundert

Wenn man versucht, das ganze komplexe Gebilde, das man die islamischen Völker und ihre Kulturen nennt, ein Lebewesen aus vielen Gliedern, die sich natürlich auch mit den Zeitläufen ändern, zu überschauen, gelangt man überall an einen entscheidenden Graben: Im 19. Jahrhundert, am deutlichsten ab 1850, ändert sich alles grundlegend und immer schneller und immer mehr, bis heute und morgen. Die islamischen Völker leben nicht mehr primär unter sich in dem vielfältigen Haus und Gefüge, das man als Dar ul-Islam anspricht. Das ist mehr als «Haus des Islam», aber nicht ganz «Palast des Islam», denn «Dar» bedeutet ein Herrenhaus. – Eine fremde, immer unwiderstehlicher eindringende Macht hat zuerst die Gärten und äusseren Häuser besetzt, drang dann durch Türen und Fenster ein, drückte die Mauern mit Bulldozern nieder, setzte sich fest, nahm alles in Beschlag, was sie zu ergreifen vermochte, schrieb und schreibt weiter vor, wie das Leben auszusehen hat. Sie setzt neue Paradigmen, Leitschemen für die Gegenwart und die Zukunft. Sie krempelt alle bisherigen Gegebenheiten radikal um. Nichts ist mehr, wie es war und sich seit Urzeiten aus der Vergangenheit fortgesetzt hat. Alles wird anders – und die Fremden bestimmen wie.

Die Bedeutung der alten naturbasierten Strukturen nimmt ab, verblasst, denn die fremde, von der Technologie beherrschte Kultur hegt den Ehrgeiz und hat Mittel entwickelt, um die Natur zu beherrschen, sie zu instrumentalisieren. Die Menschen fügen sich nicht mehr in ihren natürlichen Rahmen ein, sondern bauen ihn um oder neu. Dies entwertet zum ersten Mal die althergebrachten Rahmen, in denen sich das Leben bisher abgespielt hat. Beispiele: Man fährt heute mit dem Tankwagen durch die Wüste, um Kamelen und Schafen Wasser zu bringen, statt sie zum Wasser hinzuführen. Man staut den Nil, um permanent und nicht gemäss dem alten Rhythmus der Jahreszeiten bewässern zu können. Dabei verzichtet man auf die natürliche Düngung mit Nilschlamm. Dieser lagert sich heute im Nassersee ab. Um die Felder fruchtbar zu erhalten, braucht man Kunstdünger. Diesen produziert man mit Hilfe der Elektrizität, die der Staudamm liefert. All das muss man tun, um die riesig angewachsene Bevölkerung zu ernähren. Sie hat so stark zugenommen, weil man mit den aus Europa übernommenen Methoden der Seuchen und der Kindersterblichkeit Herr wurde.

In Nordsyrien wächst Hartweizen. Dieser wird exportiert, damit die Italiener Spaghetti daraus machen können. Als Gegenleistung werden grössere Mengen von weichem Weizen aus Amerika oder Kanada importiert. Man braucht ihn dringend, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren.

Kuwait besitzt Erdöl; das Land, das eigentlich nur aus einer einzigen Stadt besteht, zieht sehr viele Menschen an. Kuwait City ist stark gewachsen. Das Klima ist unerträglich. Das Geld aus den Erdölexporten erlaubt es, in luftgekühlten Häusern zu leben und in Einkaufskomplexen shoppen zu gehen. – Alle Erdölstaaten am Golf sind sich ähnlich in dieser Hinsicht. Im Staat Dubai leben 15Prozent Einheimische, 85Prozent Fremdarbeiter. Sie kommen meistens aus dem indischen Subkontinent, natürlich per Flugzeug.

Die Fünfmillionenstadt Bagdad braucht Elektrizität für die Kühlung und für ihre Wasserpumpen, ohne die sie kein sauberes Trinkwasser hat. Sie benötigt viel billiges Benzin, um den Verkehr der Bewohner zu bewältigen. Der amerikanische Krieg und der Widerstand im Irak haben zusammen bewirkt, dass es beides nicht mehr in genügender Menge gibt. Das Leben in der irakischen Hauptstadt ist schlechterdings unerträglich geworden.

Kriege hat man in der Region immer geführt, genauso wie in christlichen Landen. Sie konnten sehr zerstörerisch sein. Doch die Natur setzte Grenzen. Reiterhorden wie jene der Mongolen und des Timur Lenk gehören zum Unheilvollsten, was geschehen konnte. Zurzeit aber sehen sich alle Machthaber verpflichtet, die gesamte Vernichtungstechnologie aus Amerika und Europa zu importieren, womöglich einschliesslich der Atombombe. Man muss sie haben, um zu überleben. Jedenfalls ist dies die Ansicht sämtlicher Machthaber, die sich gegenseitig bedrohen. Schon relativ bescheidene Anwendungen von Teilen der Vernichtungstechnologie können ganze Landstriche auf Dauer ruinieren. Beispiele sind der Gebrauch von Millionen von Minen in Afghanistan, die das Land weithin unbebaubar gemacht haben und jahrelang nach Kriegsende immer weitere Opfer fordern. Das Gleiche gilt für die «Bomblets», aus denen die «Cluster Bombs» zusammengesetzt sind, welche die Amerikaner im Irak und die Israeli im Libanon gebrauchten. Von der strahlenverseuchten «gehärteten» Artilleriemunition gar nicht zu reden.

Allgemein gesprochen: Die in Europa und in Amerika erfundene, aber heute im Nahen Osten so gut wie sonst überall anscheinend unvermeidlich notwendig gewordene Technologie verändert das uralte Verhältnis zwischen Mensch und Land, Natur des Menschen und Natur des Landes in dem Sinne, dass der Mensch macht, was er will, wenn er nur über das Geld verfügt, um die Lebensbedingungen und bisherigen Lebenskonstanten umzukrempeln.

Die Länder Europas, Amerikas und zunehmend der ganzen Welt sind diesem Sog der Technologie ausgesetzt. Doch in der industriellen Welt handelt es sich um Dinge, die man selbst erfunden, entwickelt, schrittweise in Gesellschaften eingeführt hat, die sich allmählich auf die Änderungen einstellen konnten. Haben wir diese Neuerungen dadurch sozusagen in den Griff bekommen? – Manchmal befürchten auch die Menschen des Westens: wohl nicht so ganz und vielleicht nicht wirklich in genügendem Masse! – Doch jedenfalls ist es eine sehr andere Sache, wenn all diese Neuerungen und Errungenschaften ausserhalb einer Gesellschaft entstehen und dann anders gearteten, in keiner Hinsicht für sie organisierten und auf sie vorbereiteten Kulturen aufgedrängt werden.

«Aufgedrängt?»– «Die Leute wollen doch alles haben!» So könnte man einwenden. Doch man muss auch darauf achten, warum sie alles wollen. Es geht einfach nicht anders. Man muss es haben. Der anderthalb Jahrhunderte dauernde technologische Ansturm hat bewirkt, dass die nahöstlichen Länder ohne die aus der Industriewelt des Westens übernommenen «Errungenschaften», nennen wir sie ruhig einmal so, schlechterdings nicht überleben können. «Und warum haben sie damit angefangen, sie hätten ja gar nicht anfangen müssen?» Die Antwort auf diese Frage lautet ebenfalls: «Weil sie mussten.» Anfänglich ging es um kriegsnotwendige Waffen und Kriegstechniken. Die Angreifer hatten sie, man musste sie auch haben. Selbstaufgabe wäre die Alternative gewesen. Die 150 Jahre immer fulminanterer Übernahmen aus dem Westen haben heute kumulativ dazu geführt, dass nicht mehr sehr viel von nahöstlicher Eigenkultur und traditionellem Stil übrig geblieben ist – ausser einer kulturellen Archäologie. Die grossen Monumente der Vergangenheit werden nach Möglichkeit konserviert. Die Unesco übernimmt Patenschaften. Das Handwerk in der eigenen Tradition ist weitgehend reduziert auf die Herstellung von Touristenandenken, nur noch wenige echte, traditionell gefertigte Gebrauchsgegenstände gelangen in die Basare des Nahen Ostens. Meistens verkauft man auch dort industrielle Ware, oft Ausschussware. Der aus Europa eingeführte teurere Lebensstil setzt den ärmeren Menschen zu. Der Erfolg ist immer «europäisch» oder «amerikanisch», insofern als er an Dinge, Vorstellungen, Organisationsformen gebunden ist, die von dort kommen. Fast ohne Ausnahme gilt: Das Fremde erweist sich als erfolgreich, das Eigene mag ehrwürdig sein und altbewährt, aber es entbehrt des Erfolges.

Eine neue Lage für die islamische Religion

Auch der islamische Überbau der nahöstlichen Gesellschaften ist heute von diesen Entwicklungen betroffen. Irgendwie muss er zur Kenntnis nehmen und sich damit zu arrangieren versuchen, dass die andern, die ja zugleich Ungläubige sind, beständig mehr und durchschlagenderen Erfolg haben als die eigenen Leute, die Muslime. Diese neue Konfrontation geht durch die gesamte islamische Welt. Plötzlich kommt es nicht mehr so sehr darauf an, in welche althergebrachten Zusammenhänge eine Person, eine Familie, eine Kunst, ein Lebensstil eingebunden sind. Nein, für Erfolg oder Misserfolg zählt viel mehr, wie weit ein jeder versteht, die fremden Dinge zu übernehmen; mit den Ausländern zu verkehren, ihnen Dienste zu leisten, Waren anzubieten – am liebsten mögen sie Erdöl –, die sie zu bezahlen wünschen; sich ihren Erfindungen, Techniken, Vorbildern zu öffnen.

Trotz allem aber ist die islamische Welt noch immer nicht einfach ein weit ausgedehntes Elendsquartier, das sich der industriellen Welt bedingungslos zu dienen gezwungen sieht. Ein zäher Wille besteht und hält sich noch, etwas Eigenes zu sein und zu bleiben. Aber die vielen Nuancen und Unterschiede, die Buntheit, die Vielfalt der Verwurzelungen in verschiedenen historischen Böden werden schwächer. Die entscheidende Kluft zwischen «uns» und «ihnen» wächst. Das führt zum stärksten aller Kontraste, weil die Fremden mit ihrer fremden Ware und ihrem fremden «Geist» so überwältigend eindringen und präsent sind, während man sich selbst irgendwie doch vor ihnen zu bewahren versucht. Die andern Gegensätze verblassen vor diesem einen. Das gefährdete «Wir» schlägt Alarm.

Und gegen diese übermächtig eindringende fremde Welt gibt es nun plötzlich doch «den Islam», der den markanten Unterschied macht zwischen «uns» und «den Leuten des Westens». Er tritt hervor als das Wichtigste, was «uns» noch bleibt in der Überflutung mit dem Fremden. Er wird ein Symbol der Identität, «unserer» Identität im Gegensatz zu den übermächtigen Fremden.

Ein Hort des Eigenen

Dieser Islam, Ausdruck des Eigenen, der das «Uns» abhebt vom immer zudringlicheren Fremden, befindet sich oft auf der Grenzlinie zwischen Religion und Identität. Er wird immer wichtiger, er gewinnt ein neues Gewicht in der heutigen Konfrontation, in der das «Wir» infrage gestellt wird. Der Islam tritt hervor als ein letzter Hort der Eigenkultur gegenüber den Mächten des Fremden. Weil das gleiche Fremde in alle Länder eindringt, in denen der Begriff Islam etwas bedeutet, gibt es überall eine weitgehend gleichförmig gefasste islamische Antwort darauf. Neuerdings wird ein defensiver Islam auf der ganzen Linie, in allen Ländern, Kreisen, Zivilisationen in ähnlicher Art und Weise gelebt, als Schutzschild der Identität. Denn sie sieht sich überall in vergleichbarer Art und Weise angegriffen.

Minderheitsgruppen, die es heute in allen islamischen Ländern gibt, gehen noch etwas weiter. «Ihr Islam» gibt ihnen Identität und darüber hinaus die Verheissung auf Erfolg. Islamistische Ideologen haben diese Lehre angesichts der Übermacht der Kolonialherren in kolonialen Zeiten entworfen. Seither hat sie sich ausgedehnt, weil die Übermacht des Fremden, der Fremdkultur im eigenen Lande, immer noch weiter wächst, obgleich die Kolonialheere abgezogen sind. Die neu entstandene Ideologie nennt man Islamismus. Sie ist nicht Islam, nicht Religion, weil es ihr nicht primär um das Verhältnis Gott – Menschen geht, sondern um ein Heilsversprechen für diese Welt, heute und morgen, wenn die Gefolgsleute nur tun, was ihnen der islamistische Ideologe empfiehlt.

Die emotionale Zugkraft dieser Ideologie beruht auf dem Bedürfnis ihrer Gefolgsleute, endlich auch wieder einmal Macht und Erfolg zu haben. Die Ideologen des Islamismus versuchen, ihren Jüngern glaubhaft zu machen, dass dies geschehen werde, ja müsse, wenn sie nur ganz genau ihren Weisungen folgen. Es sind Weisungen, die sie als «islamisch» ausgeben, die, wenn man will, islamisch verkleidet sind, um sie bei den Gefolgsleuten der Ideologie glaubwürdig zu machen. Denn für die Gefolgsleute ist ganz klar: «Islam, ja, das ist unsere Sache!»

Angesichts der vielen Missverständnisse und Fehlinterpretationen muss man darauf bestehen: Es gibt heute einen stark identitätsbezogenen Islam. Er kann so weit gehen, dass die Religion des Islam weniger als Religion denn als Identitätsmerkmal aufgefasst und verwendet wird. Diese neue Sicht des Islam ist eine Reaktion auf die von aussen eindringende Macht des Fremden, das oft entweder als «christlich» oder auch als «atheistisch» gesehen wird. Überall in der vielfältigen islamischen Welt wirkt die gleiche Entfremdung als Herausforderung. Sie ist eine Realität, mit der alle Muslime konfrontiert sind. Die Antwort darauf fällt tendenziell gleichartig aus. Wobei es schwierig ist, zu ermitteln, wie viele Personen in welchem Mass heute eher islamisch-religiöse Muslime sind und wie viele islamisch-identitäre. Die Tendenz jedoch ist spürbar. Die Identitätsfrage wird bedeutsamer. – Warum? – Weil die Identitäten durch das Fremde immer mehr infrage gestellt werden.

Islamismus ist nach wie vor eine Sache von Minderheiten. Er beeinflusst jene Personen, die den Identitätsverlust so stark empfinden, dass sie in einem die Identität betonenden Islam Halt und Hoffnung suchen. Die radikalen oder gewaltbereiten Islamisten sind noch einmal eine Minderheit aus dieser Minderheit. Sie suchen Halt und Hoffnung bei einem identitären Islam, der ihnen gleichzeitig die Verheissung auf Erfolg verspricht. Sie lassen sich überzeugen, dass Erfolg in jeder Hinsicht mit Sicherheit eintritt, wenn nur bestimmte Vorschriften, wie sie die Scharia formuliert, von den Individuen peinlich genau erfüllt und von den Staaten auferlegt und durchgesetzt werden. Sie glauben auch, um dieses Ziel zu erreichen, müssten sie kämpfen und Blut vergiessen.

Diese Zusammenhänge zu verstehen, wäre wichtig für die Aussenwelt, besonders die Europäer und Amerikaner, weil sie dann auch begreifen würden, dass ihr bisheriges Verhalten gegenüber «dem Islamismus» (manche verwechseln ihn immer noch mit dem Islam) ein Fehlverhalten gewesen ist und zu bleiben droht. «Krieg» gegen den Islamismus zu führen, kann ihn nur schüren, weil ein Krieg flächendeckend ganze Nationen ins Unglück stürzt. Viele Muslime in den bekriegten Regionen werden dadurch verwandelt, einige in Islamisten, und einige weiter radikalisiert zu gewaltbereiten Islamisten. Man hätte dies auch schon vor dem Irak-Debakel der amerikanischen Bush-Regierung wissen müssen.

Polizeiliche Mittel gegen gewaltbereite Islamisten gezielt einzusetzen, ist notwendig und kann kurzfristig nützlich sein, um blutige Anschläge zu verhindern. Doch die strategische Gesamtschau darf nicht aus den Augen verloren werden. Sie wird durch die Ausgangslage bestimmt: Es ist die einer durch Unterwanderung und Überlagerung aus «dem Westen» bedrohten Kultur- und Religionswelt, die trotz aller Über- und Eingriffe des Fremden weiterhin als etwas Eigenständiges überleben will.

Das Niltal

Es gibt keine andere Landschaft im Nahen Osten, deren Grenzen gleich fest umschrieben sind wie diejenigen des Niltals: im Norden das Mittelmeer, im Osten und Westen Wüsten, im Süden die Stromschnellen des Nils, die das Land gegen Afrika hin weitgehend abschliessen. Heute sind die alten Barrieren der Stromschnellen allerdings teilweise überflutet durch den Nassersee, der hinter dem Hochdamm von Assuan entstanden ist. Diese geografische Eingrenzung hat über die fünf Jahrtausende hinweg, seit wir die Geschichte Ägyptens kennen, und gewiss auch schon während vieler Jahrtausende der Vorgeschichte, die Eigenart des Landes und seiner Bewohner geprägt.

Die natürlich gegebene jährliche Nilüberschwemmung, die den Boden natürlich befeuchtete und düngte, war besonders geeignet, den Bewässerungsanbau zu fördern. Das bewirkte die sprichwörtliche Fruchtbarkeit des schmalen grünen Streifens, der den oberen Strom umsäumt, und des etwas breiteren Deltas, das mehrere Mündungsarme umfasst.

Ober- und Unterägypten, vereint unter der Doppelkrone des Pharao, brachten über die Jahrtausende hinweg einen besonderen Menschenschlag hervor, der jedem Besucher bis heute in der Gestalt des Fellachen begegnet. Dies ist der urwüchsige ägyptische Bauer, der das Land bestellt. Schon von jeher muss er mit dem Allernotwendigsten auskommen, weil die staatliche Oberherrschaft, die städtischen Oberschichten und die kleinstädtischen Besitzer des Landes seine Arbeit und Ernte mit Steuern und Pachten belasten, die ihn und seine Familie immer nur knapp überleben lassen.

Religion im Zentrum des Lebens

Religion stand immer im Zentrum der ägyptischen Kultur, und die Oberherrschaft pflegt ihre Gelder unter Berufung auf sie zu erheben. Das Bewässerungssystem und die darauf beruhende Wirtschaft und materielle Kultur haben sich zäh erhalten, auch als neue Herrschaftshierarchien durch Eroberungen und politische Umstürze an die Macht gelangten und sogar als die vorherrschenden religiösen Vorstellungen sich grundlegend veränderten. Jede neue Herrschaft und jede neue Priesterhierarchie waren darauf angewiesen, das Land weiter fruchtbar zu erhalten, um daraus ihre Rente zu beziehen. Die Bebauer des Landes sind immer die gleiche Art Leute geblieben. Sie haben mit beinahe unveränderten Methoden über die Jahrhunderte unbeirrt weitergewirtschaftet, sie waren und blieben die geduldigen wahren Ägypter, die Bauern des Niltals und des Deltas, die man Fellachen nennt.

Ein- und Ausfalltore

Doch sogar das Niltal war nie hermetisch gegen die Aussenwelt abgeschlossen. Es besass und besitzt bis heute ein eigentliches Ausfalltor an seiner östlichen Mittelmeerküste. Dieser Durchgang, der wie ein doppelseitiger Trichter oder Engpass wirkte, diente Aus- und auch Einfällen. Die Verbindung nach Palästina über die Sinaihalbinsel hinweg war über Jahrtausende der wichtigste Weg des ägyptischen Einflusses auf die Umwelt des Niltals und auch der Weg, auf dem die meisten fremden Waren, Ideen, Heere, Eroberer, Gottesvorstellungen in das weitgehend geschlossene System Ägyptens eindrangen. Durch das nordöstliche Tor über den Sinai brachen aber auch die «Hyksos» ins Pharaonenreich ein, deren Herkunft umstritten ist. Ihre Fremdherrschaft über Unterägypten (1700–1580v.Chr.) bildete den Einschnitt zwischen dem Mittleren und dem Neuägyptischen Reich. Später, ab 700v.Chr., haben die grossen Eroberer des Orients und Okzidents immer wieder von Nordosten aus das Niltal in Besitz genommen, beginnend mit den mesopotamischen Grossreichen von Babylon und Assur, über die achämenidischen Perser, zu Alexander und seinen Diadochen, bis hin zu Rom und Byzanz.

Alexandria als hellenische Pflanzstadt

Die hellenische Invasion, die mit Alexander ebenfalls durch die syrische Pforte begann, hatte höchst bedeutsame Folgen für die Weltgeschichte. Alexandria, damals gegründet und von Beginn an von Griechen bevölkert, wurde im 3. und 2. Jahrhundert v.Chr. eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste Zentrum der hellenistischen Wissenschaft und Kultur. Dort wurde alles Wissen der antiken Welt gesammelt und aufgearbeitet. Die Handbücher sämtlicher antiker Wissenschaften, die damals in Alexandria zusammengestellt worden sind, wirkten bis tief in die europäische Neuzeit hinein.

Rom und Ostrom waren Land- und Seemächte, die zuerst das ganze und später nur noch das östliche Mittelmeer beherrschten. Das Niltal wurde Bestandteil der beiden Grossreiche.

Die arabische Invasion

Den gleichen Zugangsweg durch die nordöstliche Pforte fand die arabische Invasion (ab 631n.Chr.) kurz nach dem Auftreten des arabischen Propheten. Sie hat Ägypten am tiefsten gezeichnet. Die grosse Mehrheit der Ägypter sind in den späteren Jahrhunderten Muslime geworden. Sie sprechen heute alle einen arabischen Dialekt. Eine Minderheit, die heute zwischen 10 und 20Prozent der Bevölkerung ausmacht, sind Christen geblieben, die Kopten, arabisch Qibt (in Ägypten «’Ibt» ausgesprochen), deren Name auf das griechische «Aigyptioi» zurückgeht und deren Kirchensprache die letzte Entwicklungsstufe der altägyptischen Sprache darstellt. Sie können sich daher mit Fug als die echtesten aller Ägypter ansehen.

Meeresinvasionen

Es gab noch andere offene Pforten. Die Küstenstädte am Mittelmeer, die der Seefahrt und dem Überseehandel dienten, werden von den Ägyptern oft Thughar genannt, was arabisch Grenzfestungen bedeutet, weil sie das lange Niltal gewissermassen abschlossen und bewachten gegen die Seemächte aus dem Norden, deren Handels- und Kriegsschiffe immer wieder die fruchtbaren Küsten des ägyptischen Deltas be- oder heimsuchten.

In der westlichen, nach Libyen reichenden Wüste gab es Oasen, die teilweise von Ägyptern bevölkert waren, in die aber auch die Nomaden aus der Sahara, in erster Linie die libyschen Stämme, einsickerten. Osmotische Verbindungen an den durchlässigen äusseren Rändern des bebauten Niltals bestanden stets auch mit allen andern nomadischen Stämmen der Wüstenzonen. Sie haben gewiss viel zur sprachlichen Arabisierung des Niltals beigetragen.

Syrien und Palästina als Vorfelder

Ägypten hat immer zuerst Palästina und Syrien beeinflusst. In Syrien begegneten sich der ägyptische und der mesopotamische Einfluss, der seinerseits zeitweise über Palästina und Syrien hinweg bis nach Ägypten vordringen sollte. Machthaber von Gewicht, die das Niltal beherrschten, suchten regelmässig auch das Vorfeld von Palästina und Syrien unter ihre Kontrolle zu bringen. Dies gilt für Pharaos wie Tuthmosis III. (1501–1447v.Chr.) oder Ramses II. (1292–1250v.Chr.) und noch für den in der Bibel erwähnten Scheschonk I. (der 930Jerusalem plünderte) so gut wie für die späteren arabischen Dynastien, die Kairo zum Sitz nahmen. Man kann die Tuluniden (868–905), die Fatimiden (910–1171), die Ayyubiden (1171–1250), die Mamluken (1250–1517) nennen. Aber auch die modernen Machthaber über das Niltal wie Napoleon 1798, Muhammed Ali (1803–1849), später die Engländer (im Ersten Weltkrieg 1917 mit der Eroberung Palästinas) und dann Nasser (1952–1970) haben versucht, von Ägypten aus den Weg nach Syrien zu beschreiten – nur dass die Modernen dabei auf die Gegenaktionen der nun ebenfalls einwirkenden europäischen Rivalenmächte und in der letzten Phase auch der Israeli trafen, die ihre Vorstösse zum Scheitern brachten.

Identität durch das Niltal

Trotz dieses kulturellen und imperialen Gebens und Nehmens ist Ägypten durch das Niltal, dem kein anderes Tal der Welt gleicht, etwas weitgehend Eigenes geblieben. Die erstaunlich gleichartige Grundbevölkerung besteht seit Jahrtausenden aus Bewässerungsbauern. Das Nilwasser, welches das Land befruchtete, brachte reiche Ernte für die Regierungszentralen, die sich zu lebhaften Grossstädten entwickelten. Die geografischen Gegebenheiten begünstigten die wirtschaftliche und die soziale Entwicklung, sodass die Menschen ihrerseits über Jahrtausende das Land im Rahmen des Möglichen und nach Massgabe der bisher bestehenden Traditionen formten und prägten. Das Land formte die Menschen, und die Menschen formten das Land. Neuentwicklungen setzten sich an der Oberfläche fest wie die alljährlichen Schlammablagerungen durch den Nil. Die Samen und Wurzeln, die im Land steckten, drangen immer wieder nach oben, sodass die neuste Ablagerung bald mit der alten Erde verschmolz.

Im sozialen und politischen Bereich war es wie in der Landwirtschaft, denn die Fellachen mussten weiterarbeiten, und die neuen Oberherren mussten dafür sorgen, dass dies geschah, wenn sie den Reichtum des Landes geniessen wollten. So unter den Pharaos gute 2500 Jahre lang, den Babyloniern, den Assyrern, den Persern, den Griechen, den Römern, den Byzantinern, den arabischen Stämmen und den weitern Herrschern und Dynastien. Das alles geschah auch im Zeichen der altägyptischen Religion, der später ihr beigemischten hellenischen und römischen Gottheiten, dann des Christentums und darauf des Islam in seinen wechselnden Ausprägungen zuerst sunnitischer, dann schiitischer und erneut sunnitischer Spielart.

Einbruch der europäischen Moderne

Ähnlich wie in fast allen andern Ländern des islamischen Nahen Ostens geriet die materielle Kultur Ägyptens nach Jahrhunderten scheinbarer Stagnation, die in Wirklichkeit eher eine fast unmerklich langsam fortschreitende Entwicklung vor- oder rückwärts gewesen war, im 19. Jahrhundert plötzlich in Bewegung. Den Anstoss dazu gab Napoleon Bonaparte, als er 1798 mit seinen Truppen in Alexandria landete und bei den Pyramiden die damaligen Herrscher, das Reiterheer der Mamluken, schlug. Die französische Invasion hatte das Eingreifen osmanischer Truppen und deren englischer Verbündeter zur Folge; darauf ergriff der mit den Osmanensoldaten eingezogene Offizier albanischer Herkunft, Muhammed Ali, die Macht, definitiv 1811 durch die Niedermetzelung der letzten überlebenden Mamluken auf dem Hohlweg zur Zitadelle von Kairo.

Beginn der «Verwestlichung»

Muhammed Ali unterzog das Niltal einer ersten, 29 Jahre lang dauernden, überaus gewalttätigen «Verwestlichungskur». Wie in allen andern Ländern der Region ging «die Verwestlichung» (wie man sie später genannt hat, die Zeitgenossen sprachen eher von Reformen) von militärischen Notwendigkeiten und Zwängen aus. Vor allem andern brauchten die Machthaber zeitgemässe Bewaffnung und Kampftechnik. Denn es war klar geworden, dass eine solch «moderne» Armee allen andern in der Region überlegen sein würde und dass nur sie im Kampf gegen die Soldaten des europäischen Westens bestehen konnte.

Eine «moderne» Armee

Unter der Aufsicht französischer Offiziere und Unteroffiziere wurden die Söhne der Fellachen zwangsausgehoben und mussten exerzieren lernen. Sie taten es natürlich ungern, und ihre Väter und Mütter wussten, dass sie nach menschlichem Ermessen nie mehr, weder tot noch lebendig, nach Hause zurückkehren würden. Es kam deshalb häufig vor, dass die Fellachen ihren Söhnen die Vorderzähne ausbrachen. Diese wurden bei den damaligen Exerzierbewegungen gebraucht, um die Patronentaschen aufzureissen. Als die fehlenden Vorderzähne die Fellachensöhne nicht vor der Rekrutierung bewahrten, begannen die Bauern ihren Kindern die Zeigefinger abzuschneiden, die den Gewehrabzug bedienten, später sogar ein Auge auszudrücken. Doch dies hatte nur zur Folge, dass der Machthaber Regimenter aus Zeigefingerlosen und Einäugigen aufstellen liess.2

Erfolge und Folgen einer modernen Armee

Die neuen Armeen Muhammed Alis führten in der Tat erfolgreiche Kriege, zuerst in Arabien gegen die Wahhabiten, Vorläufer der heutigen saudischen Herrschaft, später gegen die osmanischen Heere des Sultans, obwohl dieser theoretisch noch immer als der Oberherr Muhammed Alis fungierte.

Das neue Heer bedingte jedoch eine ganze Reihe von weitern Neuerungen: Pulverfabriken, Waffenmanufakturen, Kanonengiessereien, Werkstätten für Stiefel und Uniformen, ein Sanitätswesen, Schulen für Offiziere, die etwas von Mathematik, besonders Ballistik, Kartografie, Geografie, Taktik, Strategie und Waffentechnik verstehen mussten. Dies waren Dinge, die man damals nicht in arabischer Sprache lernen konnte, man brauchte Französisch oder Englisch dazu. Eine schulische Erziehung nach westlichem Vorbild musste der Offiziersausbildung zugrunde gelegt werden. Dazu benötigte man Bücher in französischer, englischer und in arabischer Sprache. Muhammed Ali liess daher die erste arabische Druckerei in Bulaq, dem am Nil gelegenen Hafen und Vorort von Kairo, errichten.

Den Manufakturen für den Armeebedarf folgten andere für Konsumgüter der Oberschichten, die man sonst aus Europa hätte einführen müssen. Importsubstitution sollte Devisen sparen. Finanzwesen und Verwaltung mussten umgebaut werden, um die für die neuen Bedürfnisse des Staates notwendigen Gelder zu mobilisieren.

Muhammed Ali erklärte kurzerhand allen Grundbesitz Ägyptens zu seinem persönlichen Eigentum. Das moderne Bildungswesen nach europäischem Vorbild wurde von den militärischen auf die zivilen Oberschichten ausgedehnt. Muhammed Ali ging dazu über, sogenannte Delegationen von jungen Ägyptern in die europäischen Hauptstädte zu entsenden, vor allem nach Paris und London, wo jeder Student eine eigene, ihm vorgeschriebene Wissenschaft oder Technik zu lernen hatte. Auch dies setzte natürlich das Erlernen der Fremdsprache voraus.

Verbindungsleute zum Westen

Es war ein Geistlicher, der die erste Delegation nach Paris begleitete und dort betreute, Imam Rafi’ Rif’a Tahtawi (1801–1873), der Musse fand, eine erste arabische Beschreibung der französischen Hauptstadt und ihrer politischen und sozialen Institutionen zu verfassen.3 Tahtawi wurde später Leiter einer Schule für Übersetzer und hat selbst zahlreiche Werke ins Arabische übertragen, weil sich die Beherrschung der Fremdsprachen und Übersetzungen als eine notwendige Voraussetzung für alle Reformen erwies.

Erste europäische «Experten»

All diese und zahlreiche weitere Unternehmen des ägyptischen Machthabers wurden von europäischen Beratern angeregt und beaufsichtigt. Sie wirkten nicht nur im Heer als leitende Offiziere, sondern waren auch in der zivilen Verwaltung für den Aufbau unzähliger fremdländischer Institutionen und Unternehmen verantwortlich, die sich als unentbehrlich zur Stützung und Fortführung der Reformen erwiesen.

Die Botschafter der Mächte spielten die Rolle von Vermittlern und Beschützern der fremden Fachleute, sie regten neue Reformschritte an, um die bisher eingeleiteten zu festigen und auszubauen; eine Funktion, die sie bis heute erfüllen. Dazu gesellte sich die Rivalität der Mächte, die der Herrscher über Ägypten natürlich nach Möglichkeit ausnützte: Was die Franzosen verweigerten oder nicht liefern konnten, liess sich vielleicht von den Engländern beschaffen. Auch die Italiener, die Griechen, die Armenier und Fachleute aus weiteren europäischen Ländern wurden beigezogen.

Die «Mächte» greifen ein

Doch die europäischen Mächte griffen ein, als sich herausstellte, dass Muhammed Ali seine neuen Heere allzu erfolgreich einsetzte. Die ägyptischen Heere entrissen dem Sultan und Khalifen von Istanbul 1832 die damalige syrische Provinz des Osmanischen Reiches; die «neue Ordnung» des Herrn von Ägypten drang bis nach Konya, mitten in Kleinasien, vor. Der Thron des Khalifen wankte, unter anderm weil im Jahr 1840 die osmanische Flotte nach Alexandria segelte und zu Muhammed Ali überging. Russland drohte einzugreifen, um den Sultan zu stützen. Dies rief die Rivalenmächte auf den Plan: Grossbritannien und später Frankreich schritten gegen Muhammed Ali und seine orientalische Expansionspolitik ein. Diese und alle andern europäischen Mächte, sosehr sie untereinander rivalisierten, wollten vermeiden, dass St. Petersburg sich unter dem Vorwand, dem Sultan in Istanbul zu Hilfe zu kommen, der Meerengen bemächtigte. Sie begannen daher politischen und militärischen Druck auf den Herrscher Ägyptens auszuüben, um ihn zu zwingen, seine Heere nach Ägypten zurückzuziehen. Er besass genügend Sinn für die Machtverhältnisse, um diesem Druck nachzugeben. Hatte er doch schon 1827 bittere Erfahrungen mit den europäischen Kriegsschiffen gemacht, als die britische Flotte mit französischer und griechischer Unterstützung seine eigene und jene des Grossherrn des Osmanischen Reiches bei Navarino vernichtend schlug und damit die Befreiung Griechenlands von der osmanischen Oberherrschaft besiegelte.

Die erste Dynastie der Erneuerer

Am Ende kam es zu einem diplomatischen Ausgleich. Muhammed Ali musste 1841 einen Vertrag unterschreiben, mit dem ihm die Mächte und der osmanische Sultan persönlich Ägypten als erbliches Eigentum zugestanden. Um den Sultan, der theoretisch sein Oberherr blieb, nicht zu verletzen, erhielten er und seine Nachkommen den etwas exotischen Titel Khedive, was so viel wie Fürst bedeutet, nicht etwa König oder Sultan. Doch der neue Khedive musste auf all seine Eroberungen ausserhalb Ägyptens verzichten (ausgenommen seine Landnahmen im Sudan), und die Mächte auferlegten ihm, dass er keine höheren Zölle auf importierte Waren erheben dürfe als 6Prozent. Dies machte die europäischen Importe nach Ägypten billiger als die im Lande hergestellten Substitutionswaren. Dadurch wurde ein grosser Teil der zuvor von Muhammed Ali aufgebauten Staatsmanufakturen ruiniert. Den alternden Herrscher scheint dies nicht sehr bekümmert zu haben. Das moderne Heer, das er aufgestellt hatte, konnte nun ohnehin nicht mehr zur Eroberung eines Reiches ausserhalb des Niltals eingesetzt werden.

Die Herrschaft Muhammed Alis dauerte noch weitere acht Jahre. Doch die Reformbewegung, die er in Ägypten ausgelöst hatte, mit dem Ziel, ein grosses orientalisches Reich zu erobern, verlief im Sand, weil die europäischen Mächte sie drosselten.

Reformschübe und Schulden

Die Reformen wurden später von den Nachfahren des Gründers der Khediven-Dynastie wieder aufgenommen, stets auf Anregung und Anleitung von europäischen Unternehmern und Fachleuten, die nach Ägypten gekommen waren, um dort Geld und Karriere zu machen. Khedive Said (reg.1854–1863) schloss mit Ferdinand von Lesseps den ersten Grundvertrag ab, der den Bau des Suezkanals vorsah, und sein Nachfolger Khedive Ismail (reg. 1863–1879) konnte 1869 den Abschluss des grossen Kanalwerkes feiern.

Ismail leitete einen neuen Modernisierungs- und Reformschub der Verwestlichung ein. In seiner Zeit übernahmen Filialen und Korrespondenten der europäischen Banken die Finanzierung und Leitung der vielen Neuunternehmen, die nach westlichem Vorbild und mit Beratung durch eine bunte Mischung europäischer Unternehmer und Scharlatane, Abenteurer und Fachleute geplant vor sich ging. Die Banken wurden oft von europäischen Geschäftsleuten geleitet, die zu Hause wegen allerhand Machenschaften keine Geldgeschäfte mehr tätigen konnten. Sie nahmen so hohe Zinsen und nützten ihre ägyptischen Schuldner, deren wichtigste der Staat und der Hof waren, so rücksichtslos aus, dass der ägyptische Staat bankrott erklärt wurde. Die Mächte griffen ein, um die Interessen ihrer Landsleute zu wahren. Ismail wurde abgesetzt, und eine internationale Schuldenkommission, in der die Konsuln der Mächte die Hauptrolle spielten, kontrollierte und beschlagnahmte Teile der Zolleinkünfte Ägyptens, um damit die Schuldenkasse zu speisen. Die Bankiers waren zwar Privatpersonen aus verschiedenen europäischen Staaten, doch ihre Staaten setzten sich für sie ein, als ob es sich um staatliche Interessen gehandelt hätte, und gebrauchten ihre Machtmittel – gelegentlich kam es zur «Kanonenbootdiplomatie» –, um die Schulden des ägyptischen Staates gegenüber diesen Privatleuten einzuziehen.

Dabei sollte man nicht übersehen: Für die europäischen Mächte lief dieses Vorgehen auf eine beständige Ausweitung der Machtsphären ihrer Konsuln und Botschafter in Ägypten hinaus. Sie waren es nun, nicht der ägyptische Staat, die dafür sorgten, dass der Schuldendienst – mit guten Zinsen selbstredend – aus dem Niltal unter keinen Umständen stoppte.4

Der militärische Einmarsch der Briten

Die Bevormundung ging in «indirekte Herrschaft» über, als der spätere Khedive Tawfik 1881 mit einem Offizier ägyptischer Herkunft, Urabi Pascha, zusammenstiess. Urabi forderte die Gleichberechtigung der ägyptischen Offiziere mit jenen türkischer Herkunft und setzte dies mit Hilfe seiner ägyptischen Offizierskollegen durch. Tawfik sah sich gezwungen, Urabi Pasha zum Verteidigungsminister einer liberalen Regierung zu ernennen und den Forderungen nach Ägyptianisierung und Ausbau der Streitkräfte stattzugeben. Diese Pläne kosteten Geld, was zu Reibereien mit der Schuldenkommission führte. Die Spannungen wurden so gross, dass es in Alexandria zu Strassenunruhen kam. Die Engländer nahmen diese zum Vorwand, um 1882 mit einer Armee in Ägypten zu landen. Urabi Pascha versuchte vergeblich Widerstand zu leisten. Er wurde geschlagen und nach Ceylon verbannt. Die britischen Militärs verblieben zuerst in ganz Ägypten und zwischen 1946 und 1954 in der Kanalzone.

Das Königshaus blieb bestehen, und es gab sogar ein Parlament, das sich weitgehend aus Grossgrundbesitzern zusammensetzte. Die Macht lag jedoch bei den Briten. Britische Berater wirkten in allen Ministerien, und die Armee sowie die Polizei standen unter britischem Kommando. Evelyn Baring, der spätere Lord Cromer, übte bis 1907 die wahre Macht aus, obwohl er nur unter dem Titel eines englischen Konsuls regierte. Später wurden eine Reihe von weiteren Verträgen und Abkommen mit dem Königshaus und den offiziellen (aber der Kontrolle britischer Berater unterstellten) «ägyptischen» Regierungen geschlossen, die jedoch immer nur kleine Schritte auf etwas mehr Selbstständigkeit hin zuliessen, ohne zu einer wirklichen Machtverschiebung zu führen.

Tiefe Umbrüche in allen Strukturen

In den 70 Jahren britischer direkter und indirekter Herrschaft, von 1882 bis 1952, machte Ägypten weitere tief greifende Schübe von «Modernisierung» durch, die immer auch auf eine «Verwestlichung» der ägyptischen Gesellschaft, insbesondere der Oberschichten, hinausliefen. Damals entstanden die ersten grossen Staudämme am Nil, die Teile der immensen Fläche im Delta in permanent bewässerte Gebiete umwandelten, auf denen mehrere Ernten im Jahr eingebracht werden konnten. Vor 1882, dem Jahr der Vollendung des Delta-Staudammes, war ganz Ägypten von der jährlichen Nilüberschwemmung abhängig gewesen. Seit dem Bau des ersten Dammes von Assuan, beendet 1902, waren auch Teile Oberägyptens unter die sogenannte permanente Bewässerung gekommen. Der Hochdamm von Assuan, vollendet 1970, erlaubte die Ausdehnung des Systems auf frühere Wüstenflächen und den vollständigen Übergang im ganzen Niltal zur permanenten Bewässerung durch Kanäle.

Mit der Umwandlung des alten Bewässerungssystems ging auch eine Umstellung in der Landwirtschaft einher. Ägypten wurde zum wichtigsten Produktionsgebiet hochwertiger Baumwolle. Diese wurde auf dem Weltmarkt verkauft und brachte die Devisen ein, die für die Importe von Zivilisations- und Luxusgütern aus Europa zugunsten der Oberschichten verwendet wurden. Baumwolle wurde die Feldfrucht schlechthin. Sie brachte so viel Geld ein, dass ganz Ägypten sich immer mehr auf eine riesige Monokultur hinbewegte.

Bevölkerungswachstum, Bevölkerungsschwemme

In der gleichen Epoche begann auch das immense Bevölkerungswachstum, das bis heute fortdauert und einen gewaltigen Lastenfaktor für jede Regierung in Ägypten darstellt. Bis zur britischen Zeit war die Einwohnerzahl Ägyptens weitgehend stabil geblieben. Sie lag bei 5Millionen Menschen. Die Ägypter hatten immer zahlreiche Kinder. Doch die Sterblichkeit vor allem der Kleinkinder, aber auch der Erwachsenen wegen vielerlei Seuchen und endemischen Krankheiten war so gross, dass sie die hohe Geburtenrate wettmachte.

Die Einführung erster Massnahmen – natürlich «westlichen Ursprungs»– zur Seuchenbekämpfung und für minimale Hygiene bei den Geburten und beim Aufziehen der Kleinkinder zur britischen Zeit verschob das jahrhundertealte Gleichgewicht zugunsten eines Bevölkerungszuwachses. Dieser ging zuerst langsam vonstatten, schwoll dann immer gewaltiger an und entwickelte sich zu einer Bevölkerungslawine, die bis heute fortwirkt, obgleich sie ihren Höhepunkt während der Nasserzeit überschritten haben dürfte. Ägypten wuchs von 24Millionen in der Zeit des Zweiten Weltkrieges auf 50, dann 60Millionen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und hat heute die Zahl von 70Millionen überschritten.

Versuche, Geburtenkontrolle einzuführen, begannen schon unter Nasser, doch sie wirkten sich nur langsam aus, weil die Tradition des Niltals Kinder als einen Segen Gottes ansah, von dem man nie genug haben konnte. Es gab natürlich keine Sozialversicherung, und das Besitztum der kleinen Leute war ungesichert, Krieg und Machthaber konnten jederzeit eingreifen, um es zunichtezumachen. Kinder – so viele Gott schenken wollte – waren die beste Absicherung für die alten Tage ihrer Eltern. Einige, so konnte man hoffen, würden überleben und sich später ihrer Eltern annehmen. Diese Mentalität, einst noch mehr gerechtfertigt als heute, hat sich bei vielen Ägyptern, vor allem der ländlichen Unter- und Oberschichten, bis heute erhalten. Hohe muslimische Geistliche haben sich für die Geburtenkontrolle ausgesprochen, und Frauenorganisationen aller Art setzen sich für sie ein. Doch bis heute arbeitet der Wunsch, möglichst viele Kinder zu haben, diesen Bestrebungen entgegen.

Für das Gemeinwesen bedeutete die Bevölkerungszunahme zuerst einmal einen Machtzuwachs. Ägypten wurde das weitaus grösste Land der arabischen Umwelt in Bezug auf die Bevölkerung und konnte daher auch die grösste Armee aufbauen. Doch dann erwies sich die rasende Zunahme immer mehr als Belastung für den Staat. Er musste für die Ausbildung immer grösserer Massen von Kindern sorgen und sollte dann Arbeitsplätze für immer mehr Menschen schaffen. Es herrschte permanente Wohnungsnot, obwohl die Städte wuchsen und wucherten, fehlte doch immer erschwinglicher Lebensraum für die vielen Menschen, die heiraten wollten und ihrerseits Kinder auf die Welt zu bringen gedachten.

Unter Nasser (1952–1970) wurden die Fragen der überschnell anwachsenden Bevölkerung nicht sehr ernst genommen, weil es die grossen Pläne für einen panarabischen Grossstaat unter ägyptischer Führung gab. Man glaubte künftig beliebig viele Ägypter verwenden zu können. Es gab Jahre unter Nasser, in denen die Ägypter ein Ausreisevisum beantragen mussten, wenn sie das Niltal verlassen wollten. Dies wurde begründet mit der Notwendigkeit, Devisen zu sparen. Dieses Gebot verhinderte zudem jede Form von Auswanderungspolitik.

Die Auswanderung von Arbeitsuchenden setzte nach Nasser massiv ein. Ägyptische Arbeitskräfte wanderten zu Hunderttausenden in alle benachbarten Staaten aus, besonders natürlich in jene mit Erdöl, wo viel Geld zu verdienen war.

«Europäische» Städte

In allen Städten, besonders in Alexandria und Kairo, entstanden «europäische» Wohn- und Geschäftsviertel neben den «einheimischen». Die britische Fremdherrschaft brachte auch sehr viele fremde Einwanderer in das Land, nicht nur Bürokraten und Soldaten der britischen Kolonialmacht, sondern auch Handelsleute, Fabrikanten, Techniker und Handwerker aus allen europäischen Staaten. In den beiden Hauptstädten wuchsen die griechischen und italienischen Einwandererkolonien zu Gruppen von Hunderttausenden an. Sie stellten viele der Facharbeiter, Büroangestellten und Handwerker, welche die neue Zeit benötigte.

Die lokalen koptischen und jüdischen Minderheiten passten sich rascher und leichter den neuen Macht- und Wirtschaftsverhältnissen an als die grosse Masse der Muslime und brachten reiche, wohlsituierte Oberschichten aus qualifizierten Berufsleuten und Unternehmern hervor.

Die heutigen Geschäftsviertel und Einkaufsstrassen der Innenstädte von Kairo und Alexandria sind aus den «Europäervierteln» entstanden, die ursprünglich, damals mit behäbigen Villen und Gärten, neben den «einheimischen» Grossstädten existierten. Heute sind sie die Haupteinkaufsstrassen beider Städte, wo Geschäfte und Käufer sich drängen, Neonlichter blinken, Automobile nicht mehr zu parkieren und kaum mehr durchzufahren vermögen, wo Banken und Versicherungsgesellschaften ihre Hauptsitze unterhalten und der ganze Reichtum des Landes sich zu konzentrieren scheint. Neuerdings werden dort neue Luxushotels, Geschäfts- und Wohntürme vielstöckig in die Höhe gebaut, weil der Boden immer unerschwinglicher wird, während die prestigeträchtigen Geschäfte und die Massen fremder Touristen sich weiterhin im Zentrum niederlassen wollen.

Die älteren «muslimischen» Stadtteile mit all ihren Monumenten aus der grossen islamischen Zeit wurden zunehmend Wohnort der armen Unterschichten, eben jener, die bei der immer fortschreitenden Verwestlichung von Wirtschaft, Gesellschaft, Geistesleben und Politik nicht mithalten konnten oder wollten und daher immer mehr ins Hintertreffen gerieten.

Die Welt der Einheimischen und jene der Fremden

Die zweigeteilten ägyptischen Grossstädte mit ihren aneinandergrenzenden reichen, «modernen» und den «traditionellen», aber sichtlich verarmenden Stadtteilen spiegeln das Geschehen sehr plastisch wider, das mit dem Eintreffen der fremden Heere im 19. Jahrhundert seinen Anfang nahm und bis heute – auch nach dem Abzug dieser Heere und der bitter erkämpften Unabhängigkeit – immer noch weiter um sich greift und sich ausdehnt, ohne dass ein Ende dieser Entwicklung abzusehen wäre. Es ist «Fortschritt» im Sinne einer immer weiter wachsenden «Verwestlichung»– oder heute bereits «Globalisierung» –, durch die immer mehr Menschen abgeschoben werden und in einer zunehmend und unaufhaltsam verarmenden traditionellen Gesellschaft zurückbleiben.

Teile dieser marginalisierten Gruppen dringen in die «modernen» Quartiere ein, um dort als Bettlerinnen und Bettler irgendwie zu überleben, als Torhüter (Bawab) vor einem Mietshaus, als Hausierer und Zeitungsverkäufer, als Bedienstete aller Art vom Chauffeur bis zum Kindermädchen, als Besitzer und Betreiber von Kleinstgeschäften, die den Bedürfnissen dieser Infiltrierten dienen, indem sie etwa einzelne Zigaretten, Streichhölzer, Trinkwasserflaschen und Brot für billige Sandwiches verkaufen. Zu der hier eingedrungenen Unterschicht gehören natürlich auch die grosse Masse von schlecht bezahlten, schwarz uniformierten Bereitschaftspolizisten, die überall stehen, um Wache zu halten, und die vielen sehr festlich gekleideten jungen Frauen und Männer, die von Schaufenster zu Schaufenster ziehen, um sich Kleider, Schuhe, Möbel oder elektrische Haushaltgeräte in den Auslagen der Geschäfte anzuschauen und über ihre Preise zu diskutieren.

Die beiden Weltkriege der Europäer

Im Ersten und im Zweiten Weltkrieg war Ägypten rückwärtiges Gebiet hinter den Fronten. Diese verliefen im Ersten Weltkrieg östlich des Niltals gegen das Osmanische Reich, im Zweiten Weltkrieg westlich gegen Rommel in Nordafrika. Das Niltal war beide Male wichtig als Etappe für die britischen Kriegsanstrengungen. Alexandria galt neben Gibraltar als der wichtigste britische Mittelmeerhafen. Die osmanische Armee griff zu Beginn des Ersten Weltkriegs den Kanal vergeblich über den Sinai an und wurde zurückgeschlagen. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges wurde Palästina von General Allenby, dessen Armee von Ägypten kam, erobert, und Kairo war das Zentrum, von dem die arabische Erhebung gegen das Osmanische Reich ausging und finanziert wurde, bei der T. E. Lawrence eine führende Rolle spielte. Ihre beduinischen Kämpfer erreichten am Ende des Kriegs Damaskus und halfen Allenby, die osmanische Armee aus der syrischen Hauptstadt und ihrem Hinterland zu vertreiben.

Im Zweiten Weltkrieg war Ägypten vor allem die Basis, von der aus die britischen Armeen zuerst gegen den Italiener Graziani, dann unter dem siegreichen Montgomery gegen das deutsche Afrikakorps operierten, das unter Rommel bis auf ägyptisches Gebiet vorgestossen war, aber bei El-Alamein im Oktober 1942 entscheidend geschlagen wurde. Im Zeichen des Kriegs wurde Ägypten von der britischen Besetzungsmacht zu Jahren grosser wirtschaftlicher und rüstungsmässiger Anstrengungen gezwungen.

«Ägypten den Ägyptern!»

Nach dem Ende der Kriege, als die rechtlichen Notstandsregime der Kriegszeit beendet wurden, kam es jeweils zu Unruhen unter der ägyptischen Bevölkerung, deren Eliten, vor allem die studentische Jugend, die Freiheit ihres Landes von der fremden Oberherrschaft forderten. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Rechtsanwalt Saad Zaghlul Pascha (1860–1927) zum wichtigsten Vorkämpfer der Befreiungsbewegung. Er forderte, dass die Ägypter ihre eigene Delegation (arabisch Wafd) an die Friedensverhandlungen nach Versailles entsenden könnten, und die ganze Bevölkerung stellte sich hinter seine Forderung, die die Briten aber ablehnten. Dies führte zu Demonstrationen, die teilweise blutig niedergeschlagen wurden, und im Jahr 1921 zur Verbannung Zaghluls. Doch als die Demonstrationen daraufhin weiter zunahmen, gaben die Engländer schliesslich nach und liessen Zaghlul 1923 heimkehren und eine Delegation nach Versailles anführen. Er gründete die Wafd-Partei, die zur grossen Volks- und Befreiungspartei der Ägypter in den Zwischenkriegsjahren werden sollte. Zaghlul wurde 1924 Ministerpräsident und amtete später als Vorsitzender des Parlamentes.

Sooft oder so selten es in Ägypten zu wirklich freien Wahlen kam, pflegte der Wafd Siege davonzutragen. Doch die Engländer stützten sich während der Zwischenkriegsjahre auf den Hof und auf verschiedene Rivalen und Überläufer des Wafd, um Parlamente und Regierungen zustande zu bringen, die sich ihrer Politik und Anwesenheit im Lande nicht allzu frontal entgegenstellten.

Im Verlauf der Jahrzehnte wurde der Wafd ein schwerfälliger politischer Apparat mit vielen rivalisierenden Häuptern, der Geldgeschäften und Korruption immer stärker ausgesetzt war. Der Wafd war immer noch die grösste Partei Ägyptens, als Nasser sie zusammen mit allen andern nach seinem Staatsstreich von 1952 verbot.

Die Unruhen nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet Ägypten in einen Strudel, weil die Ägypter ihr Land von der britischen Vorherrschaft endgültig befreien wollten. Die Unruhe wurde verschärft durch die Ansiedlung und Machtergreifung der Zionisten im Nachbarland Palästina. Die fundamentalistisch religiöse Vereinigung der Muslimbrüder, gegründet 1928 in Ismailiya von dem Lehrer Hassan al-Banna (1949 ermordet vom ägyptischen Geheimdienst), erwarb sich viel Popularität durch ihr soziales Engagement. Für die meisten Ägypter war es eine Genugtuung, dass die Brüder junge Mitglieder als Freiwillige aussandten, um in Palästina aufseiten der arabischen Bevölkerung gegen die Zionisten und die Briten Kleinkrieg zu führen. Freiwillige der Muslimbrüder kämpften später auch in der Kanalzone gegen Grossbritannien, als die Engländer dort ihre Basen nicht aufgeben wollten.

Wie es regelmässig geschieht, wenn schlecht ausgerüstete und kaum ausgebildete Freiwilligengruppen gegen überlegene Truppeneinheiten antreten, glitt der geplante Kampf bald auf das Niveau von Anschlägen ab, die von der Gegenseite als Terrorismus gebrandmarkt wurden und sich angesichts des militärischen Ungleichgewichtes in der Tat immer mehr zu Terrorakten gegen «weiche Ziele» entwickelten.

Der Schwarze Samstag von Kairo

Nach der Niederlage der ägyptischen und der andern arabischen Armeen im ersten Krieg gegen Israel (1948/49) waren die ägyptischen Offiziere aufgebracht gegen den Hof und die zivilen Politiker ihres Landes. Sie klagten sie an, die Armee vernachlässigt, schlecht ausgerüstet und schlecht geführt in den Kampf gesandt zu haben. Eine Dolchstosslegende wollte den Politikern und dem Hof die Schuld an der Niederlage zuschieben. In dem so entstandenen Klima des allseitigen Misstrauens und der Verunsicherung kam es zuerst zu Kämpfen und Unruhen in der britisch besetzten Kanalzone, in denen viele der Freiwilligen und eine grosse Zahl ägyptischer Bereitschaftspolizisten von den britischen Truppen erschossen wurden, und darauf am 26. Januar 1952 zum sogenannten Schwarzen Samstag von Kairo. Hotels und Kinos wurden systematisch angezündet und die Schläuche der Feuerwehr, wenn sie zum Löschen eintraf, durchschnitten. Die Muslimbrüder dürften dabei die Rolle der Initianten und Vorkämpfer gespielt haben. Gewaltiger Sachschaden entstand besonders an Eigentum, das Ausländern gehörte. Die Luxushotels galten den frommen Muslimaktivisten als Stätten der Verderbnis, und sie suchten sie anzuzünden. 26 britische Untertanen wurden getötet, ohne dass der König den ägyptischen Streitkräften den Befehl erteilt hätte, einzugreifen und für Ruhe zu sorgen.

Der Verdacht bestand, König Farouk II. habe absichtlich den Dingen ihren Lauf gelassen, um daraufhin ein Notstandsregime, das ihm gehorchte, anstelle der vom Parlament bestimmten Regierung einsetzen zu können. Der Notstand wurde in der Tat ausgerufen.

Fünf Monate nach diesen Unruhen, am 14. Juli des gleichen Jahres 1952, als der Hof nach Alexandria in die Sommerferien gefahren war, löste der Oberst Gamal Abdel Nasser seinen lang im Voraus geplanten Militärputsch aus und war sofort erfolgreich. Nasser gehörte zur ersten Promotion von ägyptischen Absolventen der Offiziersakademie. Vor seinem Jahrgang waren nur Angehörige der turko-ägyptischen Oberschicht, zu welcher der Hof gehörte, in die Offiziersschulen aufgenommen worden.

Nassers «ägyptische Revolution»

Zu den grossen Etappen der «ägyptischen Revolution», die Nasser bis zu seinem Tod im Jahr 1970 lenkte, gehörten zuerst die Auseinandersetzungen mit General Muhammed Naguib und mit den Engländern. Die Revolutionsoffiziere hatten nach dem Putsch Naguib eingeladen, Vorsitzender der Junta zu werden, um einen General an der Spitze ihrer Bewegung vorzeigen zu können. Doch die Offiziersjunta, beherrscht von Nasser, hielt die Macht in den eigenen Händen. Als es darüber 1954 zur Auseinandersetzung mit Naguib kam, schien Nasser für kurze Zeit zum Rücktritt gezwungen, doch es gelang ihm, gestützt auf die Geheimdienste, die Arbeiter und seine Offiziersfreunde, Naguib seinerseits abzusetzen und einzukerkern.

Parallel dazu liefen Verhandlungen mit Grossbritannien, in denen Nasser, nicht ohne Mithilfe der Amerikaner, London dazu zwang, die umstrittene Kanalzone, damals die grösste britische und westliche Militärbasis im Nahen Osten, zu räumen und damit die britischen Soldaten aus ganz Ägypten endgültig abzuziehen. Ein zweiter Streitpunkt mit Grossbritannien betraf den Sudan, der damals unter britischer Verwaltung stand. Den Ägyptern galt er jedoch als ein Teil ihres Landes seit der Zeit, als Muhammed Ali grosse Teile des afrikanischen Landes erobert hatte. Darüber kam ein Kompromiss zustande. Die Engländer versprachen, sie wollten den Sudan räumen, dann werde ein Plebiszit darüber bestimmen, ob die Sudanesen zu Ägypten gehören oder einen eigenen Staat bilden wollten. Die Sudanesen sollten sich 1955 für die Unabhängigkeit ihres Staates entscheiden, was einen Rückschlag für Nasser und seine Offiziersfreunde bedeutete.

Die politische Rolle der Muslimbrüder

Die einflussreiche polito-religiöse Organisation der Muslimbrüder war anfänglich von der Offiziersjunta als Religionsgruppe eingestuft und daher nicht, wie alle politischen Parteien, verboten worden. Einige der Revolutionsoffiziere standen den Brüdern nahe. Doch im Kampf zwischen Nasser und Naguib traten die Brüder auf die Seite Naguibs. Er hatte baldige Wahlen versprochen, und die Bruderschaft hoffte in Wahlen gegen die diskreditierten Parteien grosse Gewinne zu machen.

Nasser jedoch war gegen eine Rückkehr des Parlamentes und der Parteien. Er und seine Offiziersgruppe wollten zuerst die grossen Pläne der Militärs verwirklichen und dann die parlamentarische Politik wiederaufnehmen. Die Landreform war das erste dieser prioritären Projekte, auch der Bau des Hochdamms war geplant, und die Armee sollte ausgebaut werden.

Die Niederlage Naguibs wurde auch zu einem Rückschlag für die Muslimbrüder. Als dann im Oktober 1954 ein angeblicher Muslimbruder in Alexandria bei einer Volksrede auf Nasser schoss, ohne ihn zu treffen, wurde die Bruderschaft geächtet und schwer verfolgt. Ihre Aktivisten begannen, zusammen mit den ägyptischen Kommunisten, die Konzentrationslager in der ägyptischen Wüste zu füllen. – Von da an wurde die Bruderschaft ein bitterer Feind der ägyptischen Revolution, die sie am Ende zu überleben vermochte.

Die Suezkrise von 1956

Der nächste Akt in dem bewegten Drama, aus dem die «Revolution» Abdel Nassers bestand, wurde von Israel aus in Bewegung gesetzt. Im Februar 1955 überfielen die Israeli in einem überaus brutalen Vergeltungsakt gegen Infiltrationen aus der palästinensischen Flüchtlingsbevölkerung im Gazastreifen unter Bruch des bestehenden Waffenstillstands die dort stationierten ägyptischen Soldaten und töteten 39 von ihnen in ihren Betten. Die ägyptische Armee schrie nach Waffen, mit denen sie den Israeli wirksam entgegentreten könne. Nasser versuchte solche bei den Engländern, Franzosen und Amerikanern zu erhalten. Doch diese weigerten sich, ihm Waffen zu verkaufen. Die Mächte hatten untereinander vereinbart, dass sie einen Rüstungswettlauf zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn dadurch unterbinden wollten, indem sie die ganze Region engen Lieferkontrollen unterzogen.

Dies führte schliesslich dazu, dass Nasser die Sowjetunion ansprach und von ihr Waffenlieferungen erhielt. Sie wurden über die Tschechoslowakei geleitet, und man sprach damals offiziell von einem tschechischen Waffengeschäft.

Die Amerikaner, die wenig Geduld mit der damals neuen politischen Strömung des «Neutralismus» an den Tag legten, erklärten ihrerseits, sie könnten nun den geplanten Hochdamm, für dessen Bau sie Hilfe zugesagt hatten, nicht mehr finanzieren. Nasser liess daraufhin eine politische Bombe hochgehen: In einer spektakulären Rede in Alexandria vom 27. Juli 1956 erklärte er, soeben habe die Regierung den Suezkanal nationalisiert, und die Ägypter hätten seinen Betrieb in diesem Augenblick übernommen.

In Ägypten brach ungeheurer Jubel aus. Der Kanal war bisher von der Suezgesellschaft als ein Staat im Staat gehandhabt worden, praktisch unter Ausschluss allen Mitspracherechts der Ägypter. Die ausländischen Staaten und deren Fachleute erklärten, die Ägypter seien gar nicht fähig, den Kanal erfolgreich zu betreiben. Doch dies erwies sich als falsch, ägyptische Piloten und Kanalfachleute hielten die Durchfahrt durch den Wasserweg ohne Zwischenfälle aufrecht.

Während das diplomatische Ringen um die weltstrategisch wichtige Wasserstrasse noch andauerte, kam es am 29. Oktober zu einem israelischen Blitzangriff, der der israelischen Armee erlaubte, durch den ganzen Sinai bis an den Rand des Kanals vorzustossen. Wie später klar wurde, war dies das Resultat eines Geheimabkommens, das Israel mit Grossbritannien und Frankreich abgeschlossen hatte. Diesem Abkommen gemäss stellten Frankreich und Grossbritannien Ägypten ein Ultimatum, als die Israeli sich dem Kanal näherten. Sie verlangten, Ägypten habe den Kanal in die Gewalt der beiden Mächte zurückzugeben. Nasser weigerte sich, er liess Tanker in den Kanal versenken, um den Wasserweg unbrauchbar zu machen. Die Briten und die Franzosen landeten Truppen am Kanal, um die Kanalzone auf beiden Ufern militärisch in Besitz zu nehmen.

Die Motive der drei verschworenen Mächte waren unterschiedlich. Für Israel ging es darum, die neuen, sowjetischen Waffen der Ägypter zu zerstören, noch bevor die ägyptische Armee von ihnen Gebrauch machen konnte. Den Franzosen war daran gelegen, die Waffenlieferungen zu unterbinden, die von Ägypten aus nach Algerien flossen und den dortigen Aufstand gegen die französische Kolonialmacht nährten. (Der algerische «Befreiungskrieg» dauerte von 1954 bis 1962 und endete mit der Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonie.) Die Engländer unter Anthony Eden waren empört darüber, dass der Kanal nationalisiert worden war. Die Aktienmehrheit befand sich in britischem Staatsbesitz. Nasser erschien Eden als eine neue Verkörperung Hitlers, und er meinte, der neue Diktator müsse rasch unschädlich gemacht werden.

Doch die Amerikaner waren über die Geheimverträge nicht offiziell informiert worden. Sie reagierten wie die Sowjetunion kritisch. Nachdem die ablehnende Haltung von Washington deutlich geworden war, drohten die Russen mit der Atombombe. Das Risiko, dass sie diese wirklich hätten einsetzen müssen, war angesichts der Haltung Washingtons klein. Ausserdem benützte Moskau die Gelegenheit, um die Erhebung der Ungarn gegen die Vormacht der Sowjetunion mit militärischer Macht zu zerschlagen.

Die Amerikaner übten Druck auf die drei Aggressoren aus, indem sie ihre finanzielle Macht und besonders ihre Möglichkeit ausspielten, die Erdöllieferungen an die drei Krieg Führenden zu unterbinden. Dies zwang die Franzosen und die Briten, deren Soldaten erst die halbe Länge der Kanalufer besetzt hatten, sich zurückzuziehen, und auch die Israeli wurden von Präsident Eisenhower genötigt, ihre Truppen zuerst aus dem Sinai und dann auch aus Gaza abzuziehen.

Von den drei Verschworenen hatten nur die Israeli ihr Kriegsziel erreicht. Die ägyptischen Waffen waren zerstört und die ägyptische Armee aus dem Sinai zurückgeschlagen worden. Israel erhielt ausserdem noch im Verlauf der Waffenstillstandsverhandlungen die Zusicherung, dass seine Schiffe ungestört vom Hafen Eilat durch die Meerenge von Tiran ins Rote Meer ausfahren dürften. Uno-Soldaten kamen im Sinai, auf der ägyptischen Seite der israelischen Grenze und an der Meerenge von Tiran, bei Sharm ash-Sheikh, zur Aufstellung, um die Sicherheit Israels und die Durchfahrt seiner Schiffe durch die Enge von Tiran zu garantieren.

Nasser hatte zwar eine militärische Niederlage erlitten, es war ihm aber gelungen, diese in einen politischen Sieg zu verwandeln. Der Kanal blieb ägyptisch, und er selbst kam nicht zu Fall. Im Gegenteil, seine Propaganda fiel nun in der ganzen arabischen Welt auf fruchtbaren Boden. Sie spielte den Umstand hoch, dass es Ägypten «alleine» gelungen war, der vereinten Macht der drei Staaten, unter ihnen zwei Grossmächte, erfolgreich die Stirne zu bieten. Die entscheidende Rolle, die dabei die Vereinigten Staaten gespielt hatten, wurde von dieser Propaganda weitgehend verschwiegen. Dass Ungarn den Preis für die Krise bezahlen musste, ist nicht nur den Ägyptern, sondern auch vielen Europäern unbewusst geblieben: Die Sowjetunion konnte Anfang November 1956 im Windschatten der Suezkrise und der durch sie entstandenen Spaltung der westlichen Mächte ungestört in Budapest einmarschieren.

Austreibung der Ausländer aus Ägypten

Nasser und seine Mitoffiziere nützten die Kriegslage in Ägypten aus, indem sie den Besitz der «feindlichen» Ausländer «nationalisierten» und diese zwangen, das Land zu verlassen. Als «Feinde» galten nicht nur die Franzosen und die Engländer, sondern in der Praxis auch fast alle ägyptischen Juden und eine grosse Zahl von in Ägypten lebenden Bürgern des Commonwealth, die dort, manche seit Generationen, berufstätig waren.

Auch die grossen Gruppen von italienischen und griechischen Staatsbürgern wurden im Zug dieser «Ägyptianisierung» weitgehend des Landes verwiesen. Der ägyptische Staat übernahm den Betrieb der meisten fremden Wirtschaftsunternehmen. Es gab Zeiten, in denen ägyptische Offiziere in den fremden Konsulaten auftauchten, um sich zu erkundigen, wer abgereist sei und welche Geschäfte dadurch für die Verstaatlichung frei würden. Sie gedachten offensichtlich diese in Zukunft selbst als vom Staat ernannte Manager zu leiten.

Mit der Zeit wurden die fremden Unternehmen, viele Banken und Versicherungen gehörten dazu, zu grösseren staatlichen «Organisationen» zusammengelegt und vom Staat verwaltet. Viele der neuen Leiter waren in der Tat ehemalige oder beurlaubte, manchmal sogar noch aktive Offiziere. Ägypten wurde auf diesem Weg zur «Militärgesellschaft», wie sie eine klassische Analyse jener Epoche bezeichnet und schildert.5

Die ägyptische Machtpyramide