Beschreibung

Wenn die Erde untergeht, bleibt nur ein Ausweg: das Weltall

Die Erde wurde überflutet, und nur wenige Tausend Menschen haben die Katastrophe überlebt. In einem eigens dafür konstruierten Raumschiff soll sich eine Gruppe von Auserwählten auf die Suche nach einem neuen Planeten machen. Der Start gelingt, und die neue Heimat rückt immer näher – bis die ersten Probleme auftauchen. Und für die Reisenden auf der Arche geht es um alles oder nichts…

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Seitenzahl: 791

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DAS BUCH

Die Erde in naher Zukunft: Eine gigantische Flutwelle hat weite Teile der Welt überschwemmt, um das verbleibende Festland werden erbitterte Kriege geführt, und der Meeresspiegel steigt immer weiter an. Um das Fortbestehen der Menschheit zu sichern, entwickeln amerikanische Wissenschaftler einen scheinbar genialen Plan: Eine kleine Gruppe Auserwählter soll sich in einem eigens dafür konstruierten Raumschiff – der »Arche« – auf den Weg machen, um in den Weiten des Universums einen neuen Planeten zu besiedeln. Der Start gelingt, und die neue Heimat rückt immer näher. Doch an ihrem Zielplaneten angekommen, müssen die Auswanderer feststellen, dass die »Erde II« für Menschen unbewohnbar ist. Und so steht die Besatzung der Arche vor einer existenziellen Entscheidung: Kehren sie auf die zerstörte Erde zurück oder setzen sie ihre Reise ins Ungewisse fort?

Nach seinem Erfolgsroman Die letzte Flut führt Stephen Baxter in Die letzte Arche auf meisterhafte Weise die Geschichte einer Menschheit fort, die von ihrem eigenen Planeten vertrieben wird.

DER AUTOR

Stephen Baxter, 1957 in Liverpool geboren, studierte Mathematik und Astronomie, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er zählt zu den international bedeutendsten Autoren wissenschaftlich orientierter Literatur. Etliche seiner Romane wurden mehrfach preisgekrönt und zu internationalen Bestsellern. Baxter lebt und arbeitet im englischen Buckinghamshire.

Weitere Informationen zu Autor und Werk erhalten Sie unter:

www.stephen-baxter.com

Inhaltsverzeichnis

DAS BUCHDER AUTORWidmungErster Teil - 2041
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3
Zweiter Teil - 2025 – 2041
Kapitel 4Kapitel 5
Copyright

Für Mary Jane Shepherd

1955 – 2009

Erster Teil

2041

1

AUGUST 2041

Gordo Alonzo und Thandie Jones hatten einen Hubschrauber aufgetrieben, der die Mitglieder der Arche-Drei-Gruppe zur zerklüfteten Küste von Colorado zurückbringen sollte. Alle bis auf Grace Gray, die nirgendwohin gehen würde.

Grace spürte Gordo Alonzos Hand, die fest um ihren Arm lag. Sie sah zu, wie der Vogel über Cripple Creek herunterkam und dabei ein paar der weniger stabilen Hütten zerlegte, die sich in den engen Straßen drängten. Die Stadt war einst eine Goldgräbersiedlung und dann eine Touristenfalle gewesen. Jetzt, im Zeitalter der Flut, in dem das Meer, das die Vereinigten Staaten überschwemmt hatte, schon gegen die Rockies plätscherte, kampierten Obdachlose auf den Straßen, Parkplätzen und Vorhöfen stillgelegter Tankstellen, und eine Hüttensiedlung aus Zelten und Baracken breitete sich weit über den Kern der alten Stadt hinaus aus. Die Menschen schienen jedoch keine Angst vor dem landenden Hubschrauber zu haben. Sie gingen einfach beiseite und schleiften dabei ihre Decken und Pappkartons hinter sich her.

Thandie führte die Leute von der Arche Drei an Bord des Choppers: Lily Brooke, Nathan Lammockson und Graces Ehemann, Hammond, Nathans fünfunddreißigjährigen, schwabbeligen beleidigten Sohn, der beleidigt abzog. Doch Grace blieb mit Gordo Alonzo hier, der sie zum Projekt Nimrod bringen würde, auf die Arche Eins, was immer das bedeuten mochte. Hammond schaute sich nicht einmal mehr zu ihr um.

Gordo redete jedoch pausenlos auf sie ein. »Weißt du, einige Regionen dieses im Wasser versinkenden Planeten sind in die Steinzeit zurückgefallen. Aber hier befinden wir uns in der Nähe von NORAD, dem Nordamerikanischen Luft- und Weltraum-Verteidigungskommando. In einem der wenigen Gebiete auf der Welt, wo Hubschrauber noch alltäglich sind. Deshalb jagen sie den Leuten keinen Schrecken ein. Und glaub mir, wir machen noch weitaus exotischere Sachen, als Chopper zu fliegen. Du wirst schon sehen …« Vielleicht versuchte er auf seine Weise, sie zu beruhigen.

Gordo James Alonzo war jetzt in den Siebzigern. Der ehemalige Astronaut hatte nicht mehr viele Haare auf dem Kopf, wirkte mit seiner immer noch aufrechten Haltung und den nach wie vor strahlend blauen Augen aber noch genauso fit und einschüchternd wie vor zehn Jahren, als er zusammen mit Thandie Jones an einem Lagerplatz von Walker City aufgetaucht war; Grace war damals erst sechzehn gewesen. Seinerzeit hatte Gordo eine Uniform der U.S. Army getragen, nun trug er das Blau der Air Force, aber das alles bedeutete Grace überhaupt nichts. Er war das Relikt einer Zeit, die sie nicht mehr erlebt hatte, und ihr ebenso fremd wie die reichen Leute auf Nathans schwimmender Arche.

Grace hatte den größten Teil ihres Lebens mit Walker City auf der Straße verbracht, fünfzehn Jahre, in denen sie wie eine Schnecke oder ein Krebs mit ihrem Haus auf dem Rücken vor sich hin marschiert war. Die Zeit vor ihrem fünften Lebensjahr, in der sie als verhätschelte Gefangene der Familie ihres Vaters in Saudi-Arabien gelebt hatte, war nur noch eine nebelhafte Erinnerung und ebenso irreal wie die letzten Jahre, die sie als Gefangene anderer Art auf Nathans Schiff verbracht hatte. Und nun wurde sie erneut von einem Fremden an andere Fremde weitergereicht.

Nur das Laufen war real, dachte sie manchmal. Vergangenheit, Zukunft, die ungeheure Katastrophe, die über die Menschheit hereingebrochen war – all das spielte keine Rolle, wenn man in Wirklichkeit nichts anderes tun konnte, als einen Fuß vor den anderen zu setzen, Tag für Tag, Kilometer für Kilometer. Sie konnte auch jetzt einfach weggehen. Weggehen mit nichts als den Kleidern, die sie am Leibe trug, so wie damals bei Walker City. Aber in ihrem Bauch wuchs ein Baby heran – ein Baby, das sie nicht gewollt hatte, von einem »Ehemann«, den sie verabscheute, aber trotz alledem ihr Baby. Sie wollte die Schwangerschaft nicht allein durchstehen müssen.

»Sie starten«, sagte Gordo.

Der Wind der Rotoren schlug Grace ins Gesicht. Lily Brooke beugte sich aus dem Chopper und schaute zu Grace hinab. Sie formte so etwas wie »Vergib mir« mit dem Mund. Dann zog Thandie sie in die Maschine zurück, und der Vogel stieg zügig in die Höhe.

»Alles in Ordnung mit dir?«

Grace war wütend auf sich selbst, weil sie Schwäche zeigte, wütend auf Lily, weil diese sie manipuliert und im Stich gelassen hatte. »Was glauben Sie wohl?«, blaffte sie.

Gordo zuckte die Achseln. »Sie haben dich hiergelassen, damit du versuchen kannst, auf die Arche Eins zu kommen. Um dir eine Chance auf ein besseres Leben zu geben, als sie es nun vor sich haben, vor allem wenn es stimmt, dass ihr Schiff versenkt worden ist.«

»Ich weiß nicht mal, was die Arche Eins ist.«

»Du wirst es schon noch rausfinden.«

»Ich werde keinen von ihnen jemals wiedersehen.«

»Wahrscheinlich nicht.«

»Ich bin mal wieder allein, unter Fremden.«

Er seufzte, schob seine Schirmmütze nach hinten und kratzte sich am Kopf. »Sind wir doch alle. Die ganze Welt ist im Eimer, Kleine. Zumindest haben wir hier was zu tun.« Er schaute sich um. Der vom Hubschrauber aufgewirbelte Staub hatte sich fast schon wieder gelegt, und die Obdachlosen kehrten zurück, um den von ihnen geräumten Platz erneut in Beschlag zu nehmen, wie Wasser, das sich in einer Mulde sammelte. In ein paar Minuten würde nichts mehr darauf hindeuten, dass hier jemals ein Chopper gelandet war. »Tja, das wär’s. Na, dann wollen wir dich mal von hier wegbringen.« Er ließ ihren Arm los und machte sich auf den Rückweg durch die Stadt, zu den wartenden Wagen.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

2

Sie stiegen in einen Jeep, und der Konvoi setzte sich mit dem leisen Surren der Elektromotoren in Bewegung. Diese kleine, mit den Emblemen des Heimatschutzes und des amerikanischen Militärs geschmückte Wagenflotte hatte den Arche-Trupp von der Küste hierhergebracht. Der Konvoi löste sich bald auf; ein Wagen nach dem anderen trennte sich von der Kolonne, bis nur noch Gordos Jeep und ein zweiter stetig nach Norden fuhren, hinaus aus der Stadt und um die Flanken des Pikes Peak herum.

Gordo saß zusammen mit Grace hinter der jungen, uniformierten Frau, die den Jeep fuhr. Er zeigte nach vorn; die gut erhaltene Straße führte in die Berge hinein. »Die Fahrt wird ein paar Stunden dauern. Wir sind hier in den Rockies, einem Gebirgsland. Wir folgen dem alten State Highway bis zur US 24 bei Divide, und von dort aus geht es dann nach Westen. Bei Hartsel biegen wir nordwärts ab und fahren in Richtung Fairplay, und dann sind’s nur noch ein paar Meilen bis Alma, südlich vom Hoosier-Pass.«

»Fahren wir dorthin? Nach Alma?«

»Das ist – oder war – bloß eine kleine Stadt, eine alte Goldgräbersiedlung. Ich weiß nicht, ob dir auch nur einer dieser Namen etwas sagt.«

»Wir sind nie in dieser Gegend gewesen.«

»Ja, richtig, dein Wanderarbeiterheer.«

»Walker City. Wir hatten Landkarten aus der alten Zeit. Aber auf der Arche Drei gab es Computerkarten. Auf dem neuesten Stand.« Die vom Schiffscomputer generierten Karten zeigten die Folgen einer Flut, die inzwischen fast eine Höhe von achtzehnhundert Metern über dem alten Meeresspiegel erreicht hatte; man sah darauf ein Archipel, das von den Rocky-Mountain-Staaten übrig geblieben war. »Die Überschwemmung hat ungefähr zur Zeit meiner Geburt angefangen. Ich erinnere mich nicht daran, wie das Land früher ausgesehen hat.« Das musste man älteren Leuten, die sich innerlich an Bilder aus der Vergangenheit klammerten, immer klarmachen.

Sie erreichten Divide, eine Kleinstadt wie viele andere. Was immer sie vor der Flut gewesen sein mochte, jetzt wurde sie wie alle anderen von Eye-Dees überschwemmt, wie man die Internal Displaced Persons oder kurz IDPs, die Inlandsvertriebenen, abfällig nannte. Die Straße war mit Kaninchendraht eingezäunt. Als der kleine Konvoi durchfuhr, kamen die Leute neugierig aus ihren Baracken und Zelten. Grace sah, dass die Soldaten im vorderen Jeep Waffen im Arm hielten.

Die beiden Jeeps fuhren immer weiter nach Westen, über den Ute-Pass, der Gordo zufolge über neuntausend Fuß hoch lag. Bei Gordo, dem Astronauten, schien es nur Fuß, Zoll und Meilen zu geben. Gary Boyle, der Naturwissenschaftler, bei dem sie aufgewachsen war, hatte Grace beigebracht, ihre Welt in Metern und Kilometern zu messen.

Die Berge wirkten kahl und braun. Hier hatte es schon seit Jahren nicht mehr geschneit. Als sie durch eine kleine Gemeinde namens Florrisant kamen, erzählte Gordo von einem nahe gelegenen Nationalpark mit zahlreichen Fossilienvorkommen, darunter etliche fünfunddreißig Millionen Jahre alte, versteinerte Mammutbäume. Jetzt, sagte er, gebe es dort mehr Menschen als Fossilien.

Beim Wilkerson-Pass öffnete sich der Blick dann auf ein hoch gelegenes Graslandgebiet namens South Park, und die Straße schien sich vom Erdboden zu lösen.

»Herrgott«, sagte Gordo plötzlich, »schau dir dieses Panorama an. Es ist einfach widersinnig, dass all das eine Meile tief unter beschissenem Meerwasser begraben werden soll. Wahrscheinlich arbeite ich deshalb so hart an Nimrod – um etwas davon zu bewahren, das Wesentliche jedenfalls. Bringt doch mehr, als auf einem zerbröselnden Floß rumzuschippern.«

Grace starrte ihn an. Die Fahrerin hielt den Blick fest auf die Straße gerichtet, als hätte sie diesen Ausbruch nicht gehört.

Gordo entspannte sich und lachte über sich selbst. »Tut mir leid. Klinge ich wie ein Touristenführer?«

Sie runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht so recht, was ein Tourist ist.«

»Okay. Ich hab gehört, du warst mal eine Prinzessin.«

»Meine Mutter ist in Gefangenschaft von einem Saudi-Prinzen vergewaltigt worden. Zählt das? Wenn ja, bin ich nach wie vor eine Prinzessin. Sie waren mal Astronaut.«

Er nickte mit seinem kugelrunden Kopf. »Nach deiner Logik bin ich wohl immer noch einer. Ich bin mal in den Weltraum geflogen, zur ISS.«

»Wohin?«

»Zur Raumstation.« Er zeigte nach oben. »Aber danach hat mir die Flut die Karriere ruiniert. Na ja, mag sein, dass ich am Boden festsitze, aber ich habe hier eine lohnende Aufgabe gefunden. «

»Das hat nichts mit mir zu tun. Und ich habe nicht drum gebeten. «

»Vielleicht nicht. Aber wir haben auch nicht um dich gebeten. Also, es gibt ein Auswahlverfahren für neue Projektteilnehmer. Wie Thandie in Cripple Creek gesagt hat, bist du nach Nimrods Kriterien eine bessere Kandidatin als dein Mann. Du hast individuelle Überlebensfähigkeiten bewiesen. Das habe ich selbst gesehen. Wie alt bist du?«

»Sechsundzwanzig.«

»Tja, wenn du’s schaffst, wirst du zu den Ältesten in der Crew gehören. Irgendeine Religionszugehörigkeit?«

»In Walker City gab es Pfarrer, Rabbis, Imame …«

»Ich meinte nicht Walker City, sondern dich.«

»Nein. Ich bin nicht religiös.«

»Gut. Wenn es nach den Sozialingenieuren geht, soll die Besatzung eine rein säkulare Gemeinschaft sein. Das verringere die Gefahr von Fraktionierungen und Konflikten, denken sie. Na, wir werden ja sehen. Und Thandie hatte übrigens Recht damit, dass die Leute vom Auswahlgremium momentan schwangere Frauen mögen. Mit einer schwangeren Frau an Bord kriegt man zwei Gensätze zum Preis von einem. Du wirst dich leichter verkaufen lassen.«

»Lily Brooke hat das so geplant«, sagte Grace. Die Bitterkeit wallte erneut in ihr auf. Sie hatte sich das alles in den Stunden zusammengereimt, seit Lily sie in Gordos Obhut übergeben hatte; nun sah sie all ihre Erlebnisse in den letzten Monaten und Jahren auf der Arche Drei in einem neuen Licht. Lily hatte sie von vorn bis hinten manipuliert. »Sie hat meine Beziehung zu Hammond arrangiert, damit Nathan mir den Vorzug gibt. Ich glaube, sie hat sogar den Zeitpunkt meiner Schwangerschaft geplant, damit ihr ein weiteres Kästchen auf eurer Liste ankreuzen könnt.«

»Und das hat sie getan, weil …«

»Weil Lily mit meiner Mutter in Geiselhaft war. In Barcelona. Ich bin dort zur Welt gekommen, in irgendeinem Keller, während meine Mutter an eine Heizung gekettet war. Lily fühlt sich mir deshalb verpflichtet.«

»So richtig dankbar bist du ihr nicht.«

»Lily steuert mich doch bloß. Wer will das schon?«

Er winkte ab. »Das spielt jetzt alles keine Rolle mehr. Lily siehst du nie wieder. Du bist jetzt hier und musst mit dieser Situation fertigwerden, ganz gleich, wie du hierhergekommen bist. Die einzige Frage ist, welchen Weg du von hier aus einschlägst.«

»Und wenn ich mich entscheide, nicht bei eurem Projekt mitzumachen?«

»Dann«, sagte Gordo tonlos, »könnt ihr nicht bei uns bleiben. Weder du noch dein Kind. Wir können euch nicht durchfüttern.«

3

Sie fuhren durch eine letzte Stadt namens Fairplay, in der ein Freilichtmuseum mit alten Holzbauten aus den Goldgräber-Camps von Flüchtlingen besiedelt worden war. Gordo sagte, das Museum sei früher viel umfangreicher gewesen, aber Brennholz sei nun mal heiß begehrt.

Dann folgten sie auf einem gut erhaltenen Highway den Schildern zum Hoosier-Pass und gelangten schließlich nach Alma. Ein ausladender Berg namens Mount Bross ragte über dem Ort auf; an seinen Flanken erstreckte sich ein vom Holzeinschlag zernarbter Kiefernwald. Die ursprüngliche Stadt war nicht viel mehr als eine Handvoll klobiger Gebäude zu beiden Straßenseiten, die sich zwischen rostenden Tempolimit-Schildern zusammendrängten. Um die alten Häuser herum hatten sich jedoch neuere, großflächigere Bauten angesammelt, Kästen aus Glas und Sichtbeton.

Die Wagen bogen von der Straße auf einen Feldweg ab und hielten vor einem gesichtslosen Kasten. Über eine schwere Stahltür war in ordentlichen Lettern ein Spruch gepinselt: »1. Mose 11,6: NUNMEHR WIRD IHNEN NICHTS UNMÖGLICH SEIN, WAS IMMER SIE SICH VORNEHMEN.« Seltsamerweise stand eine Kinderschaukel aus Metall und leuchtend buntem Plastik vor der Tür.

Die Fahrerin stieg aus, öffnete Gordo die Tür und salutierte zackig.

Gordo hielt sich ein Handy ans Ohr. »Hey, Holle? Schön, dass ich dich erwische. Könntest du wohl mal rauskommen? Ich möchte dir jemanden vorstellen.« Er steckte das Handy weg. »Macht nicht sonderlich viel her, was? Aber wir haben einiges vom NASA-Gelände in Houston geborgen – den Kontrollraum, Kommunikationseinrichtungen, Trainingszentren, sogar einen kleinen Atomreaktor – und das ganze Zeug hier raufgeschafft, in eine winzige Goldgräberstadt namens Alma. Und weißt du, warum? Weil Alma, zehntausenddreihunderteinundsechzig Fuß über dem alten Meeresspiegel, die höchstgelegene Ortschaft in den Vereinigten Staaten ist.«

»Das stimmt leider nicht ganz, Sir«, sagte die Fahrerin. Sie war nicht älter als Grace. »Meine Mutter ist hier in der Gegend geboren, und sie sagt, Alma hätte den Titel an Winter Park verloren …«

Gordo tat das mit einer Handbewegung ab. »Das Einzige in Winter Park, was höher liegt als Alma, sind Skilifte, also zum Teufel damit, Cooper.«

»Entschuldigung, Sir.«

»Manchmal arbeiten Regierungsapparate auf denkbar schlichte Weise, Grace. Die Entscheidungsträger wollten, dass diese Einrichtung so lange wie möglich bestehen bleibt, ganz gleich, wie schlimm es mit der Flut wird. Wo baut man also? Man sucht in den amtlichen Ortsverzeichnissen nach der höchstgelegenen Stadt in Amerika, und darum ist ein dicker Batzen des teuersten staatlichen Projekts seit der Verlegung des Regierungssitzes nach Denver in diesem kleinen Gebirgsort mit seinen zweihundert Seelen gelandet. Schau, ich wohne dort drüben – siehst du den Kasten hinter der Steinkirche? Manche von uns beten dort sonntags.«

»Was für eine Einrichtung? Was ist das hier?«

Die Tür ging auf. Eine schlanke, mittelgroße junge Frau kam heraus, vielleicht ein- oder zweiundzwanzig Jahre alt, blass, das rote Haar kurzgeschoren. Sie trug einen knalligen blau-roten Overall; in den Taschen steckten Handys und andere Gerätschaften. Sie kniff im Tageslicht die Augen zusammen und sah Grace wachsam an.

»Grace, das ist Holle Groundwater, eine unser vielversprechendsten Kandidatinnen. Obwohl das nicht viel besagt. Holle, das Grace Gray – und Grace junior«, sagte er und zeigte unbeholfen auf Graces Bauch. »Sie ist wegen des Auswahlverfahrens hier. Vielleicht kannst du ihr alles zeigen.«

»Klar.« Holle lächelte Grace an und streckte ihr die Hand hin. Aber Grace sah, dass ihr Lächeln gezwungen war.

»Du scheinst nicht gerade erfreut zu sein, mich zu sehen«, sagte Grace unverblümt.

Holle zog dünne Brauen über meerblauen Augen hoch. »Es ist einfach so, dass wir schon genug Konkurrenz um die Plätze haben, und uns bleiben nur noch ein paar Monate. Das Letzte, was wir brauchen, sind weitere Bewerber.« Sie hatte einen sanften, singenden, möglicherweise britischen Akzent, den Grace nicht kannte. Dann grinste sie. »Das ist natürlich nicht deine Schuld.«

»Plätze? Plätze worauf?«

Aber sie bekam keine Antwort. Die Leute hier waren offenbar gewohnheitsmäßige Geheimniskrämer. Holle war gut genährt, ernst und lebhaft. Grace rief sich ins Gedächtnis, wie sie in Holles Alter gewesen war, noch auf der Straße, Füße wie Leder und kein Gramm Fett am Körper, ihre gesamte Habe in einem verschossenen Rucksack auf dem Rücken.

Vielleicht spürte Gordo die Spannung zwischen den Frauen. Er nahm seine Mütze ab und fuhr sich mit einer Hand über den angegrauten Schädel. »Hör zu, Grace. Du wirst deine Fähigkeiten irgendwie unter Beweis stellen müssen. Ich gebe dir einen Auftrag. Wir haben hier gerade ein Verbrechen aufzuklären.«

»Was für ein Verbrechen?«

»Einen Mord«, sagte Gordo schlicht.

Das Wort schockierte Grace. Sie schaute ausdruckslos auf den Betonkasten, auf den Bibelspruch und in Holles aufmerksames, kompetent wirkendes Gesicht. »Ich habe keine Ahnung, wie man ein Verbrechen untersucht. In Walker City hatten wir Cops, und auf der Arche Nathans Wachleute …«

»Du kannst damit anfangen, dass du mit Holle redest. Bring in Erfahrung, wie für sie alles angefangen hat. Ich meine, du gehörst zum Projekt, seit du sechs warst – stimmt’s, Kleine?«

Holle lächelte. »Meinem Vater zufolge, seit meine Mutter mit mir schwanger war.«

»Auf diese Weise kannst du herausfinden, was wir hier vorhaben. « Gordo grinste. »Ja. Klär das Verbrechen auf und verdien dir deinen Platz. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Ich habe nur selten mal eine Idee, aber wenn, ist sie meistens gut. Also, ich habe noch einiges zu tun, nicht zuletzt muss ich die Bergung von Nathan Lammocksons Samenbank aus seinem sinkenden Schiff organisieren. Aber bevor ich gehe …« Gordo wühlte in einer Jackentasche und brachte einen Schlüsselring mit einem auffälligen Anhänger zum Vorschein. »Diese Dinger gebe ich den Regierungsheinis und jedem anderen, der meiner Ansicht nach ein bisschen Erleuchtung gebrauchen könnte. Worauf wir hinarbeiten.« Er legte das kleine Artefakt in Graces Hand.

Sie hob den Schlüsselring hoch. Der Anhänger war eine durchsichtige bläuliche Kugel von etwa einem Zentimeter Durchmesser, in die zwei mit einem Stück Draht verbundene silberne Splitter eingebettet waren. »Was ist das?«

»Frag Holle. Wir sehen uns, Groundwater.« Er ging zu den Wagen zurück, und Grace blieb wieder einmal mit einer Fremden allein.

»Hier entlang – Grace, richtig?« Holle führte Grace ins Gebäude.

Im Innern bestand der kastenförmige Bau aus Gängen, Büros und Computerräumen, die vom Summen einer Klimaanlage erfüllt waren. Grace fühlte sich an Einrichtungen an Bord von Lammocksons Arche Drei erinnert, die Brücke, den Maschinenraum.

Die beiden begegneten niemandem, bis sich der Gang zu einem Raum mit Gruppen von Stühlen, Mikrofonen und Bildschirmen vor einer Glaswand öffnete. Durch das Glas sah Grace einen größeren Saal, der ein Stück weit in den Boden eingelassen war, so dass sie auf Reihen von Menschen vor Konsolen hinabschaute, über deren helle Monitore Texte und Bilder liefen. Zwei riesige Bildschirme nahmen die Wand vor ihnen ein. Auf dem einem sah man eine von diversen Bahnen überzogene Weltkarte, die Kontinente blau umrissen, noch existierende hoch gelegene Gebiete leuchtend grün. Auf dem zweiten lagen konzentrische Kreise um einen hellen Punkt; jeder Kreis war mit einer Scheibe markiert. Gary hatte in seinem amateurhaften Bildungsprogramm immer einen Schwerpunkt auf die Naturwissenschaften gelegt. Grace erkannte, dass sie eine Karte des Sonnensystems vor sich sah.

Holle beobachtete sie neugierig. Grace kam sich in dieser technologischen Höhle völlig deplatziert vor; sie trug immer noch die Kleidungsstücke, die sie an diesem Morgen auf der Arche angezogen hatte, und ihre mickrige Sammlung von Habseligkeiten war ein für alle Mal verloren.

»Das hier ist das Nervenzentrum unseres Projekts«, sagte Holle.

»Was ist das?«

»Das Kontrollzentrum. Wir führen gerade eine Simulation durch …«

»Und das hier?« Grace hielt den Schlüsselring mit der Kugel hoch.

»Unser Raumschiff.« Holle lächelte; eine elementare Menschlichkeit schien hinter ihrer vom Konkurrenzdruck geprägten Reserviertheit auf. »Komm. Du siehst aus, als könntest du einen Kaffee brauchen. Dann reden wir darüber, wie Harry Smith getötet wurde. Und ich erzähle dir, wie wir hier angefangen haben.«

Zweiter Teil

2025 – 2041

4

JUNI 2025

In Denver goss es in Strömen, ein stetiger, nicht nachlassender Regen, der aus einem grauen Himmel fiel. Er klackerte auf die Tragflächen des Flugzeugs, das Patrick Groundwater und seine Tochter über die Stadt hereinbrachte, glänzte auf den Start- und Landebahnen sowie den skulptural geformten Dächern der Terminalgebäude, als Patrick die sechsjährige Holle durch den internationalen Flughafen trug, diskret beschattet von Alice Sylvan und ihrem Sicherheitsteam, und prasselte auf die Dächer der Wagen, die sie kilometerweit durch ausgedehnte Vorstädte voller IDP-Lager und Wohlfahrtseinrichtungen in Richtung Innenstadt trugen. Bis auf Streifenwagen, Regierungsfahrzeuge und eine Handvoll Privatwagen war der Interstate Highway unter den rostenden Hinweisschildern leer. Die Gebirgslinie im Westen war vollständig unsichtbar.

Patrick hatte Denver vor langer Zeit einmal besucht, in seiner frühen Jugend, auf dem Weg zu einem Skiurlaub in Aspen. Das war vor der Jahrtausendwende gewesen, vielleicht fünfzehn Jahre vor Beginn der Flut. Er erinnerte sich noch an die Atemnot, die er verspürt hatte, und heute kam ihm die Luft genauso dünn vor. Damals hatte es überhaupt nicht geregnet, bis auf ein, zwei heftige Gewitter, die irgendwie amüsant gewesen waren, ganz anders als dieser gleichmäßige, unablässige Regen. Doch seit jener Zeit war das Meer um zweihundert Meter gestiegen, die Luft war voller Wärme und Feuchtigkeit, und selbst in der »Mile High City«, wie Denver auch genannt wurde, gab es kein Entrinnen mehr vor dem Regen. Nun, Thandie Jones würde Patrick und den anderen LaRei-Krösussen, die sich hier versammelt hatten, morgen alles darüber erzählen.

All ihre Worte würden keinen einzigen Regentropfen vom Kopf seiner Tochter ablenken. Aber er hoffte, in Denver Leute zu treffen, die in dieser Sache etwas zu unternehmen gedachten.

Beim Hotel wurden sie von lächelnden Portiers in Galoschen empfangen, die Regenschirme schwangen.

Auf den ersten Blick wirkte das Brown Palace beruhigend auf Patrick. Es stand auf einem eigenartigen dreieckigen Grundstück, wo zwei Straßennetze kollidierten, und erinnerte ihn seltsamerweise an einen Ozeandampfer aus rotem Granit und Sandstein. Im Innern befand sich ein acht Stockwerke hohes Atrium. Während Alice die Anmeldeformalitäten erledigte, lief Holle auf dem polierten Boden umher, zeigte auf die goldenen Onyxsäulen, hob ihr kleines Gesicht und schaute mit großen Augen zu den filigranen Geländern und der Buntglasdecke hoch über ihr hinauf, von der ein riesiges Sternenbanner herabhing. In einer allmählich zusammenbrechenden Welt war Verlass darauf, dass ein kirchenartiger Bau aus viktorianischer Zeit wie das Brown unerschütterlich stand, solide und komfortabel, während neuere Gebäude aus Glas und Stahlbeton zerbröckelten. Außerdem lag es nur ein paar Hundert Meter von Denvers Verwaltungszentrum entfernt, wo er morgen früh mit Nathan Lammockson und den anderen LaRei-Leuten verabredet war.

Die Suite, die Patrick bekam, bot alles Erforderliche, um Holle bei Laune zu halten, darunter eine kinderfreundliche Minibar, einen Beutel mit Büchern und Spielzeug sowie Bildschirme mit einer Vielzahl von Unterhaltungsangeboten. Aushänge mahnten zum sparsamen Umgang mit Wasser. Das Wetter in Denver war stets vom Regen in den Rockies bestimmt gewesen, doch obwohl das Klima jetzt viel feuchter war, gefährdeten die Störung der Niederschlagsmuster und das Bevölkerungswachstum die Trinkwasserversorgung.

Ein Bildschirm war fest auf einen Nachrichtenkanal geschaltet, der von der Rocky Mountain News betrieben wurde, einer eingegangenen und als Fernsehsender wiederbelebten alten Zeitung. Über einem durchlaufenden Textstreifen mit mehr oder weniger trostlosen Schlagzeilen zeigte der Kanal Bilder der jüngsten Katastrophe; in diesem Fall war es so etwas wie ein begrenzter Bürgerkrieg, der in der Umgebung von Alice Springs in Australien ausgebrochen war, wo die Einwohner sich gegen Versuche der Staatsregierung wehrten, Flüchtlinge aus Victoria, New South Wales und South Australia, die wegen der Überschwemmungen evakuiert werden mussten, dorthin umzusiedeln.

Holle spielte vor dem Fernseher; sie untersuchte die Spielsachen. Gegen das Bombardement der Schrecknisse in den Nachrichten schien sie immun zu sein, so wie Patrick in seiner Kindheit im längst vergangenen zwanzigsten Jahrhundert die diversen Katastrophen in aller Welt unwirklich erschienen waren. Holles Leben würde wahrscheinlich von schlechten Nachrichten geprägt werden; am besten, man versuchte also gar nicht erst, etwas vor ihr zu verbergen. Er stellte sich gern vor, dass Linda diese intuitive Entscheidung unterstützt hätte, aber er würde es nie erfahren.

An diesem Abend ging er mit Holle in einem der schicken Restaurants des Hotels essen. Die Kellner servierten ihr elegant und mit großem Trara die Kinderversion einer Paella. Es war ein Sonderwunsch von Patrick, eine Art Trostspeise, ein Gericht, das ihre Mutter ihr immer zubereitet hatte. Hinterher, nach ihrer Rückkehr in die Suite, spielte er Karten mit ihr, ließ sie im Fernsehen ein paar Folgen von Friends anschauen und las ihr vor, bis sie einschlief.

Dann klappte er den Laptop auf und checkte seine E-Mails.

Die großen Bauprojekte auf den Great Plains kamen gut voran, obwohl unzufriedene Flüchtlinge, die dort angesiedelt wurden, sie verbittert als »Friedmanburgs« bezeichneten. Er leitete das mit der Bitte um Rat an seine PR-Abteilung weiter.

Patrick war überdies an der mit Hochdruck betriebenen Tagebauförderung der Athabasca-Ölsande in Alberta beteiligt. Öl, Kohle, Gas und Ölschiefer wurden in Colorado überall westlich der Rockies bereits in großem Umfang gefördert. Das Alberta-Projekt hatte jedoch ganz andere Dimensionen. Angeblich wurde es von der nach Edmonton verlegten kanadischen Regierung unterstützt, aber das diente lediglich als Feigenblatt. Die amerikanische Bundesregierung in Denver wollte möglichst viele der zighundert Milliarden Barrel Öl herausholen, die sich aus dem Bitumen gewinnen ließen, bevor das Meer sich in nicht allzu vielen Jahren, wenn die pessimistischeren Experten Recht hatten, über ihnen schloss. Dadurch wollte die Regierung kurzfristig ihre eigene Position sichern, aber auch eine Grundlage für die nationale Erholung an jenem ersehnten Tag schaffen, an dem die Wassermassen zurückzuweichen begannen. Die Ökologie, die Umwelt und so weiter hatten bereits katastrophalen Schaden gelitten. Aber reiche Männer am richtigen Platz, so wie Patrick Groundwater, häuften sogar noch größere Reichtümer an. Patrick hatte sich nicht träumen lassen, dass er jemals eine solche Rolle übernehmen würde. Aber jemand musste es tun, und er versuchte, die Aufgaben, vor die er sich gestellt sah, gewissenhaft zu erfüllen. Das war nun einmal der Lauf der Dinge.

Ein leises Schnarchen verriet ihm, dass Holle tief und fest schlief. Er sah nach ihr, zog die Decke ein wenig fester um sie und vergewisserte sich, dass ihr Angel ausgeschaltet war.

Dann machte er sich wieder an die Arbeit.

Am nächsten Morgen weckte ihn Holle wie üblich um sechs Uhr. Zu seiner großen Erleichterung regnete es nicht, und die Sommersonne schaffte es hin und wieder, die turmhoch aufragenden Wolken zu durchbrechen. Gegen acht Uhr waren sie mit dem Frühstück fertig.

Trotz Alice Sylvans Protesten beschloss er, einen Spaziergang zu machen und sich ein paar Sehenswürdigkeiten anzuschauen; sie hatten noch ein paar Stunden Zeit bis zu seiner Verabredung mit Nathan Lammockson in der Stadtbibliothek. Holle hatte den größten Teil ihres jungen Lebens in gesicherten Siedlungen verbracht. Es würde eine Bereicherung für sie sein, einmal eine halbwegs funktionierende Stadt zu sehen. Also packte er eine Tasche mit den wichtigsten Dingen, die man für ein Kind brauchte: Papiertaschentücher, ein Buch, Spielsachen, Holles Angel, eine Wasserflasche. Holle trug ein Sommerkleid, und nachdem sie Sonnencreme auf Arme und Gesicht aufgetragen und einen pinkfarbenen Hut aufgesetzt hatte, waren sie abmarschbereit.

Alices Team verteilte sich in ihrer Umgebung, als sie aufbrachen und sich durch die morgendlichen Menschenmengen auf der Tremont Place zur 16th Street Mall vorarbeiteten. Die Gebäude waren von zerbrochenen Glasscheiben und abblätternder Farbe verunstaltet, auf den Grünflächen wuchsen Feldfrüchte wie Kartoffeln und Bohnen, und die Bäume waren schon längst gefällt und zu Brennholz verarbeitet worden. Auf den breiten Boulevards fuhren nur wenige Fahrzeuge – man sah eher Panzer oder Panzerwagen als PKWs –, aber die Straßen waren voller Fußgänger, Fahrräder und Rikschas, die an längst erloschenen Verkehrsampeln vorbeiströmten.

Die Mall selbst war ein schnurgerader, von Geschäften gesäumter Streifen, eine ehemalige Fußgängerzone mit rostenden Straßenbahngleisen und Baumstümpfen. Die Oberleitungsbusse für die Einkaufsbummler fuhren nicht mehr, dafür tuckerten schwere Fahrzeuge vom Sheriff’s Office und der Polizei langsam die Straße entlang; ihre Megafone blökten hin und wieder barsche Befehle. Patrick staunte über die vielen Soldaten und Sicherheitskräfte, die er sah. Vermutlich fungierte die Mall als Überwachungskorridor, der sich durch den Central Business District und vielleicht bis nach Lower Downtown erstreckte.

Der Spaziergang erwies sich als relativ unproblematisch. Nur an den Rändern der Mall kampierten Obdachlose, darunter einige Familien mit Kindern, in Hauseingängen unter Haufen von Decken und Pappendeckeln. Fußstreifen von Polizisten und Heimatschützern prüften die Passierscheine und biometrischen ID-Marker der keinen Widerstand leistenden IDPs, um sich zu vergewissern, dass sich im Lauf der Nacht keine weiteren Illegalen in die Stadt geschlichen hatten. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen verteilten Schalen mit Bohnen und Reis sowie Becher mit heißem Wasser.

Einige Geschäfte hatten noch geöffnet. In den Lebensmittelläden und Restaurants gab es fast ausschließlich regionale Produkte. In den anderen Schaufenstern sah man überholte oder reparierte alte Elektronikartikel, Kleidungsstücke und Accessoires, Schuhe und Mäntel, ja sogar Bücher, alles recycelt oder aus versunkenen Städten geborgen. Patrick fand die Existenz der Geschäfte tröstlich; sie vermittelte ihm den Eindruck, dass er sich in einer funktionierenden Stadt befand, ein Kontrast zu dem Chaos, das in einem großen Teil des von der Flut bisher noch verschont gebliebenen Landes herrschte. Doch falls sich überhaupt etwas von Denvers früherem Charakter, von seinen Ursprüngen als Handelsposten im Westen, bis ins 21. Jahrhundert hineingerettet hatte, so war es der großen Auslöschung durch die Flüchtlingsströme zum Opfer gefallen. Ohne etwas zu kaufen, gingen sie weiter.

Sie bogen auf die California Street ein und gingen zum Colorado Convention Center an der 14. Straße hinunter. Es war in ein Auffanglager für Flüchtlinge verwandelt worden, und lange Schlangen wanden sich durch die umliegenden Straßen. Aus der Entfernung waren die Vertriebenen graue Klumpen des Elends, so wie immer. Der Zeitpunkt des Treffens rückte näher, und sie folgten Alice die 14. Straße entlang zum Civic Centre Park. Als sie die Colfax Avenue zu überqueren versuchten, die in Ost-West-Richtung verlaufende Hauptverkehrsader, mussten sie einen Kordon aus Polizisten und militärischen Einheiten überwinden, der das Verwaltungszentrum abriegelte.

Patrick führte seine Tochter an den monumentalen Gebäuden vorbei, die um den Park herum aufragten: die amerikanische Münzanstalt, das City and County Building mit seiner gebogenen Fassade und die Stadtbibliothek, in der Thandie Jones ihren Vortrag halten würde. Das Kunstmuseum war besonders eindrucksvoll, und Holle starrte seine kantigen geometrischen Formen an, die den aufgegebenen Origami-Experimenten eines Riesen ähnelten. Aber die dünnen Metallplatten waren streifig und korrodiert, die Fenster mit Brettern vernagelt, die Anschlagtafeln leer. Abgesehen von baulichen Notmaßnahmen zur Bewältigung der Flüchtlingsströme hatte die herannahende Flut um das Jahr 2015 herum sämtliche Großstädte der Erde, so weit sie nicht ohnehin im Wasser versunken waren, in einen Zustand der Starre versetzt. Das war nun ein Jahrzehnt her, und man sah vernachlässigten oder zweckentfremdeten Gebäuden wie dem Museum ihr Alter an.

Als größte Stadt im Umkreis von tausend Kilometern und Knotenpunkt des Transport- und Kommunikationswesens war Denver schon lange vor der Flut ein wichtiges staatliches Zentrum gewesen. Nachdem die Hauptstadt im Gefolge der Überschwemmung Washingtons vor sechs Jahren hierherverlegt worden war, hatten die großen Ministerien Immobilien in der ganzen Stadt beschlagnahmt. Präsidentin Vasquez, die als Erste seit Roosevelt eine dritte Amtszeit absolvierte, war in den Gouverneurssitz eingezogen. Patrick wusste zufällig, dass ein großer Teil der Regierungsarbeit an einem sichereren Ort erledigt wurde, in einem alten regionalen Kommandozentrum der Katastrophenhilfeagentur FEMA, einem zweistöckigen Bunker, der zu diesem Zweck renoviert und auf Vordermann gebracht worden war. Es gab hier sogar Botschaften, darunter auch einige von überfluteten Staaten; ihre Fahnen hingen schlaff in der Morgenluft. Sie kamen Patrick wie klägliche Relikte vor.

Dennoch hatte dieses Verwaltungszentrum das Flair einer großen Hauptstadt, so wie Washington in den alten Zeiten. Anzugträger eilten geschäftig hierhin und dorthin; viele von ihnen redeten ins Leere oder trugen beim Sprechen die typische abwesende Miene von Angel-Nutzern zur Schau. Patrick nahm an, dass sie Lobbyisten, Bürokraten und Mitarbeiter verschiedener politischer Parteien waren, vielleicht sogar Kongressabgeordnete und Senatoren. Er spürte, dass sich hier enorme Ressourcen bündelten, dass die Stadt der Brennpunkt starker Energien und großer Entschlossenheit war, ein neues Refugium für den amerikanischen Geist und eine Basis für die bevorstehende Erholung. Die Präsidentin selbst befand sich in Denver. Wenn man hier nicht in Sicherheit war, wo dann?

Zwei Hubschrauber schossen mit gewaltigem Lärm über sie hinweg. Holle kreischte auf und hüpfte aufgeregt herum.

Holle war entzückt vom State Capitol, einem achtzehnstöckigen Bau mit griechischen Säulen, Rotunde und einer goldenen Kuppel, die in der wässrigen Morgensonne glänzte. Sie sprang die steinernen Stufen des Capitols hinauf und zählte mit, bis sie zur achtzehnten kam. Hier war etwas in die Stufe eingemeißelt, und sie las mit mühevoller Sorgfalt: »›Eine Meile über dem Meeresspiegel. ‹ Stimmt das, Dad?«

»So ist es, Schätzchen. Eine Meile hoch, genau hier.«

Eine raue Stimme mischte sich ein. »Na ja, eine Meile minus sechshundert Fuß oder so. Eine dynamische Markierung wäre besser. Hey, George, vielleicht sollte AxysCorp dafür mal ein Angebot einreichen …« Ein kleiner, stämmiger Mittfünfziger kam die Stufen herab auf sie zu. Sein grau meliertes Haar war kurzgeschoren, und seine fleischige Nase und das Doppelkinn glänzten vor Schweiß. Er hatte einen britischen Akzent, wie man ihn vielleicht in London oder Essex sprach. Zwei Männer begleiteten ihn, der eine hochgewachsen, ruhig und dunkelhäutig, der andere klein und aufgeregt. »Patrick Groundwater, Sie alter Schwerenöter. Freut mich, Sie wiederzusehen.« Er streckte ihm die Hand hin. »Nathan Lammockson.«

5

Holle stand mitten in der Runde der vier Männer und schaute zu ihnen hoch.

Nathan stellte seine Begleiter vor. »George Camden, einer meiner leitenden Mitarbeiter bei AxysCorp.« Der dunkelhäutige Camden war schlank, selbstbewusst und offenbar kompetent; er erwiderte Patricks Blick. Auf der Brust seines AxysCorp-blauen Overalls prangte das berühmte Konzernlogo, die Erde in einer hohlen Hand. Wie Patricks Alice blieb er stumm und hielt sich wachsam im Hintergrund.

»Und Jerzy Glemp.«

Glemp – pummelig, mit fettigen, von grauen Strähnen durchzogenen schwarzen Haaren und einer schweren, altmodischen Brille auf der dünnen Nase – war nervös und angespannt; seine Hand war feucht. Er trug einen bieder wirkenden Anzug. »Mr. Groundwater. Sehr erfreut, Sie kennenzulernen.« Er hatte einen starken osteuropäischen, vielleicht russischen Akzent. Wenn er lächelte, legten sich seine stoppeligen Hängebacken in Falten. »Ich kenne Ihren Namen von Nathan. Er hat mir erzählt, dass Sie einer derjenigen waren, die sich besorgt über die Reaktion des IPCC 2018 in New York geäußert haben.«

2018 – in diesem Jahr hatte die unorthodoxe Ozeanographin Thandie Jones dem Weltklimarat ihre Schlussfolgerungen über den Zustand der Welt präsentiert. Bei den Wissenschaftlern war sie jedoch auf Patricks Ansicht nach ungerechtfertigte Skepsis gestoßen; bei deren politischen Herren hatte sie sich in den darauffolgenden Monaten und Jahren dann mit Realitätsverweigerung und Ausflüchten konfrontiert gesehen. »Ja, ich war dabei – dort sind wir uns zum ersten Mal begegnet, stimmt’s, Nathan?«

Nathan grinste und klopfte Patrick auf die Schulter. »Nach der Sitzung habe ich gleich an Ort und Stelle dafür gesorgt, dass er in LaRei aufgenommen wurde. Teufel nochmal, mir war sofort klar, das er ein weitsichtiger, ideenreicher Mann war – jemand, der den ganzen Unsinn und die falschen Hoffnungen durchschaut, der langfristig denkt und die Dinge anpackt. Und ich hatte Recht, nicht wahr, Patrick? Nach dieser Konferenz haben Sie angefangen, all dieses Land auf den Plains aufzukaufen. Das war wirklich sehr klug. Und ich möchte – wir alle möchten –, dass so etwas auch bei unserem heutigen Treffen herauskommt. Eine ganz neue Richtung.«

»Sie sitzen also jetzt in Peru?«

»Ja. Man sollte meinen, ich wäre die Sonne gewöhnt.« Er wischte sich Schweiß von der fleischigen Stirn. »Ich hätte mich eincremen sollen. Manchmal vermisst man den Regen beinahe. Aber selbst in den Anden schüttet es wie in Manchester.«

Jerzy Glemp sagte: »Sie stammen aus Schottland, Mr. Groundwater, nicht wahr?«

»Habe ich immer noch einen so starken Akzent?« Aber Glemp wusste aus Nathans Akten bestimmt alles über ihn. »Geboren und aufgewachsen in Orkney, in einer alten Familie. Wir sind mal mit Holle dort gewesen. Haben sie im Ring of Brodgar herumkrabbeln lassen, damit sie sagen konnte, dass sie da war, wo ihre Vorfahren aufwuchsen. Sie war erst sechs Monate alt. Aber jetzt sind die Inseln allesamt untergegangen. Wir sind also entwurzelt.«

»Wie so viele von uns«, sagte Glemp. »Und Ihre Frau …«

»Kam auch von dort«, sagte Patrick. »Wir haben sie vor einem Jahr verloren. Krebs.« Die drei Männer schauten betreten drein. »Ist schon gut. Holle weiß darüber Bescheid.«

Holle starrte zu Glemp hinauf. »Wo kommt der Mann her?«

Glemp lachte. »Wir haben dich gar nicht beachtet, stimmt’s? Sie hat Ihre Hautfarbe«, sagte er zu Patrick. »Und Ihren charmanten Akzent. Ich komme aus Polen.«

»Wo ist das?«

Patrick setzte zu einer Erklärung an, aber Glemp schnitt ihm das Wort ab. »Nirgends. Unter dem Meer. Ein Ort, wo die Fische spielen können.«

»Sie sind komisch.«

»Danke sehr. Weißt du, heute werden wir dafür sorgen, dass deine Kinder, wenn du mal groß bist, einen Ort haben, wo sie spielen können.«

»Statt der Fische?«

»Statt der Fische. Genau.«

»Sie sind komisch.«

»Er arbeitet bei Eschatology, Inc.«, wandte sich Nathan an Patrick. »So ist er immer. Man muss ihn einfach mögen. Hoffen wir, dass er Recht hat.«

Die Bibliothek war ein Zusammenprall architektonischer Epochen, ein Sandstein- und Glasklotz aus den 1950er Jahren, an dem ein Rotziegelklotz aus den Neunzigern klebte; ein weiteres alterndes Bauwerk, das seit einem Jahrzehnt oder länger nicht mehr renoviert worden war. Um das Gebäude betreten zu können, mussten sie erneut einen Sicherheitskordon überwinden. Diesmal bestand er aus LaRei-Leuten, und die Kontrollen waren erheblich schärfer als bei den Polizei- und Militärsperren anderenorts.

Ein offener Bereich im Erdgeschoss der Bibliothek war für eine Konferenz hergerichtet worden; schlichte Klappstühle reihten sich vor einem Podium. Es war eine heimelige Szenerie, fand Patrick, als wären sie zu einer Gemeindeversammlung hier, um über Bauanträge zu diskutieren. Aber in den hinteren Sitzreihen hockten schattenhafte Gestalten wie Alice und Camden, Wachleute und Aufpasser. Und etwa zwanzig der rund fünfzig Stühle waren bereits von anderen Männern und Frauen besetzt. Viele der Gesichter erkannte Patrick sofort aus Nachrichtenmedien, von Tagungen und persönlichen Kontakten wieder. In diesem Raum waren Leute versammelt, im Vergleich zu denen Patrick und sogar Nathan Lammockson arm wie Kirchenmäuse waren.

Dies war LaRei, eine exklusive Geheimgesellschaft, die in den Jahren vor der Überschwemmung als Quelle von Kontakten bezüglich guter Schulen, exklusiver Ferienorte und sündhaft teurer Objekte wie Armbanduhren und Schmuck gegründet und nun eine Art Survivalisten-Netz der Superreichen geworden war. LaRei, wo man selbst mit einem Nettovermögen von einer Milliarde Dollar auf verschlossene Türen stieß; ohne Nathans Unterstützung wäre Patrick nicht hier gewesen.

An der Stirnseite des Raumes, neben dem Podium, stand eine schlanke Schwarze von ungefähr vierzig Jahren in einem zerschlissenen Overall, der früher vielleicht einmal AxysCorp-blau gewesen war. Sie baute gerade eine Kristallkugel auf, ein großes, dreidimensionales Projektionssystem, das ein Bild der sich drehenden Erde zeigte. Patrick erkannte Thandie Jones.

Der hübsche Erdball, dessen blauer Schein Glanzlichter auf die polierten Holzvertäfelungen und die Bücherreihen in den Regalen warf, zog Holles Aufmerksamkeit auf sich. Wie Patrick erwartet hatte, begann sie sich jedoch rasch zu langweilen. Er ließ sie auf den Fußboden gleiten und den Inhalt seiner Umhängetasche erforschen; sie zog Bücher heraus. Als sie ihren Angel einschaltete, wehten ein paar Takte Musik durch Patricks Kopf, bevor sie das Gerät zum Schweigen brachte. Ihr aktuelles Lieblingsstück war Paul Simons »Graceland«. Niemand machte mehr neue Musik, aber das spielte für sie keine Rolle; sie entwickelte ihre eigenen Vorlieben und arbeitete sich durch Patricks Sammlung, in der ihr alles so neu war, als wäre es gestern erst geschrieben worden.

Dann bemerkte sie ein anderes Kind, ein blondes kleines Mädchen ungefähr in ihrem Alter, das auf der anderen Seite des Raumes saß. Sie starrten einander an, als ob die Erwachsenen um sie herum so fern und unwichtig wären wie Wolken.

Titel der englischen Originalausgabe: ARK

Deutsche Erstausgabe 05/2011

Redaktion: Wolfgang Jeschke

Copyright © 2009 by Stephen Baxter

Copyright © 2011 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz: C. Schaber Datentechnik, Wels

eISBN 978-3-641-06291-0

www.heyne-magische-bestseller.de

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