Die letzte Insel - Gabrielle Alioth - E-Book

Die letzte Insel E-Book

Gabrielle Alioth

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Beschreibung

In einer von Klimawandel und gesellschaftlichen Verwerfungen geprägten Zukunft führt ein letzter Auftrag den Forscher Holm auf eine Insel, die dem Untergang geweiht ist. Dort soll er die verbliebenen Spuren des Lebens für die Nachwelt festhalten. Zwei Generationen vorher verliert eine Frau in einer Flutkatastrophe ihren Mann, den Zeugen ihrer Vergangenheit. Trotzdem bleibt sie ihrer Insel und deren reicher Natur verbunden und findet Trost in der Auseinandersetzung mit dem Erlebten. Ihre Geschichten verweben sich; beide Figuren teilen eine tiefe, mystische Verbindung zu ihrer Insel und erfahren sie als Schauplatz existentieller Fragen. In atmosphärischer, bildhafter Sprache beschreibt Gabrielle Alioth die Schnittstellen zwischen Gestern und Morgen, zwischen Wirklichkeit und Fiktion, Utopie und Vergangenheit. Eindringlich führt uns der Roman auch die Zerbrechlichkeit der Natur und die menschliche Sehnsucht nach Halt in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, vor Augen.

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EPUB
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Seitenzahl: 250

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Gabrielle Alioth

Die letzte Insel

Roman

Lenos Verlag

Die Autorin dankt der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia für die grosszügige Förderung dieses Romanprojektes.

Der Verlag dankt dem Fachausschuss Literatur BL/BS für die Unterstützung.

E-Book-Ausgabe 2025

Copyright © 2025 by Lenos Verlag, Basel

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Iris Becher

Coverbild: Alex Gontar

eISBN 978 3 03925 725 6

www.lenos.ch

Die letzte Insel

Warum fragst du mich, woher ich komme

oder wie ich heisse?

Warum fragst du mich nicht nach der Insel?

Wie du sie jetzt siehst, so ist sie gewesen

seit dem Anfang der Zeit.

Navigatio Sancti Brendani Abbatis*

* Aus: Brendans Inseln / Navigatio Sancti Brendani Abbatis. Aus der Urfassung übertragen und herausgegeben von Wolfgang Schlüter. Wien/Lana: Edition per procura 1997.

Seit der Überschwemmung wohne ich in dem Haus an der Küste der Insel. Es ist nicht gross, aber es reicht für mich und den Hund. Was machst du?, fragt Daniel am Telefon, und ich erzähle von der Weissdornhecke im Garten, die der letzte Sturm niedergerissen hat. Hier scheint die Sonne, sagt er.

Eine Insel ist eine Landmasse in einem Gewässer, die auch bei Flut über den Wasserspiegel ragt und kein Kontinent ist. Es gibt Meeresinseln, Flussinseln, Seeinseln. Auch die Schären vor der Ostseeküste und die Holme im Nordatlantik gelten als Inseln. Eisberge, Atolle, Pfahlbauten und Bohrplattformen jedoch sind keine, auch Schotterbänke nicht oder Findlinge, die ein Gletscherstrom in einem Gewässer zurückgelassen hat. Oft unterscheiden sich Inseln durch ihre Flora und Fauna vom Festland.

Menschen siedelten schon früh auf Inseln, weil sie sich dort sicher fühlten. Das begünstigte die Entwicklung von Hochkulturen wie in Japan, auf Kreta oder der Osterinsel. Man bringt Gefangene auf Inseln, Verbannte, Verrückte; auf anderen hausen Gestrandete, Hexen oder weise Männer. Gemäss Wikipedia gibt es zweiundzwanzig mythische Inseln und neunundneunzig Phantominseln, die als echt galten, bevor sie verschwanden. Inseln können auch Orte in unserer Vorstellung sein.

Ich schreibe über Inseln, werde ich Daniel sagen, wenn er das nächste Mal anruft, und vielleicht wird er mit diesem dunklen »Ha!« antworten, das ich so mag. Dann werde ich ihm erzählen, dass ich die Hecke wieder aufgebunden habe und dass der Hund nun nachts neben mir auf dem Bett schläft.

Wolken und Wogen rollten ineinander. Eine Welle hob die Bootsschale hoch und warf sie aufs Wasser zurück. Für einen Moment glaubte Holm, sie falle auseinander wie eine welke Blüte. Dann sass er wieder im Brausen des Sturms auf der Bank, spürte den Boden unter seinen Füssen, das Paddel in den Händen. Das Salz brannte in seinem Gesicht. Nebelfetzen formten die Umrisse rennender Hunde.

In einer Lücke zwischen den Schwaden, dort, wohin der erste Offizier gedeutet hatte, glaubte Holm den Rücken der Insel zu sehen, kahl und schwarz. Wie lange war es her, seit das Schiff der Küstenwache ihn abgesetzt hatte? Kaum hatte es beigedreht, war sein Thermoantrieb ausgefallen. Ein paarmal hatte er noch die Resettaste gedrückt. Dann hatte er das Notpaddel aus dem Bootsboden gebrochen und begonnen zu rudern. Die Wirbel im Wasser zogen seinen Blick auf sich. Je länger er hinschaute, umso heftiger zerrten sie an ihm. Wenn er die Augen schloss, füllte das Tosen des Sturms seinen Kopf.

Als der Bootsrumpf über den Strand schleifte, fuhr Holm aus dem Schlaf. Seine Glieder waren starr. Es musste Morgen sein, die Flut lief bereits wieder aus und zog die Bootsschale ins Meer zurück. Er zögerte nicht. Wie ein Sack tauchte sein Leib in die Gischt. Noch bevor er Grund unter den Füssen hatte, riss die Strömung ihm die Schale aus der Hand. Die nächste Woge brach über ihm, er konnte nicht zurück. Er watete dem Ufer zu. Die Flut trug das Boot noch einmal heran, und für einen Augenblick meinte er, es werde ihn erschlagen. Aber die Welle zerlief, bevor sie ihn erreichte. Vom Strand aus sah er, wie das Boot mit seiner Ausrüstung in den Felsen am Rande der Bucht kenterte.

Der Himmel war grau gewesen, als Holm am Tag zuvor am Hafen aus seinem Mietwagen gestiegen war. Das Schiff der Küstenwache lag am Kai vertäut. Es schien riesig neben den rostenden Trawlern, den Wellblechschuppen, und seine Antennen ragten wie Fühler in die Luft. Unschlüssig stand Holm vor der Gangway; ohne Erlaubnis ein Schiff zu betreten war vorschriftswidrig. Er überlegte, ob er rufen sollte, aber es war niemand zu sehen. Sein Rücken schmerzte von der langen Fahrt. Der Autopilot hatte die Küstenstrasse gewählt, das Mittelland war weitgehend überschwemmt, und die Felder, die noch über Wasser lagen, wurden schon lange von Ernterobotern bewirtschaftet. Holm ging bis zum Ende der Hafenmauer. Aus den Felsplatten jenseits ragten eiserne Stacheln, wohl um raubgierige Seehundemeuten fernzuhalten. Als er sich umdrehte, sah er die kleinen, aneinandergedrängten Häuser, die sich um den eingestürzten Kirchturm scharten. Eines davon musste das Gästehaus sein, in dem ihm das Institut für die letzte Nacht an Land ein Zimmer gebucht hatte.

Seine Ungeduld zügelnd, kehrte Holm zum Schiff der Küstenwache zurück. Unwillig rief er hallo und ging die Gangway hinauf. Auf dem Helikopterdeck war das Beiboot aus Myzel aufgebockt, das er für das letzte Stück der Überfahrt auf die Insel bestellt hatte; es gab dort keine Anlegestelle. Die Tür zu den Kabinen war unverschlossen, er stiess sie auf, rief nochmals. Ein altmodischer Geruch nach Diesel und feuchten Decken kam ihm entgegen. Ärger packte ihn. Er hatte seine Ankunft angekündigt; der Tracker in seinem Handgelenk bestätigte, dass er pünktlich war. Er stapfte die Gangway wieder hinunter. Sollte er den Mietwagen von der Ladestation ans Schiff heranholen und beginnen, seine Ausrüstung auszupacken? Während er in seinen Manteltaschen nach der Autofernbedienung suchte, blieb sein Blick an einem Schild über einem der Wellblechschuppen hängen: The King of Thule – Bar und Restaurant. Thule, die nördlichste Insel der Welt. Sechs Tagesreisen von Britannien entfernt, eine Tagesreise vom Ende der Welt, so hatte sie der griechische Seefahrer Pytheas im vierten Jahrhundert vor Christus beschrieben. Vielleicht hatte er Island gemeint, die Färöer, die Lofoten, oder hatte er Thule einfach erfunden?

Warme Bierluft schlug Holm entgegen, als er die Bar betrat. Der Raum war dunkel und leer bis auf eine Gruppe, die an einem Tisch in einer Ecke vor halbvollen Gläsern sass. Die Besatzung des Küstenwachschiffs begrüsste Holm wie einen alten Bekannten. Der erste Offizier bestand darauf, ihm ein Bier zu bestellen, und als Holm die lauwarme Flüssigkeit auf der Zunge schmeckte, legte sich sein Ärger. Sie redeten über das Wetter. Seit Tagen warnte der meteorologische Dienst vor einer Störungsfront, aber niemand konnte sagen, wann sie die Küste erreichen würde. Erst nach einer Weile begriff Holm, dass die Besatzung darüber diskutierte, ob sie ihn wie geplant am nächsten Tag zur Insel hinausfahren könne. Ihm wurde mit einem Mal heiss. Ob es nicht möglich sei, sofort in See zu stechen, bevor die Störung näher komme, fragte Holm. Eine der Frauen lachte wie über einen Witz. Als Holm darauf beharrte, seine Ausrüstung noch an diesem Abend aufs Schiff zu bringen, wurden sie und die anderen ernst. Sie tranken ihre Gläser aus, und eine halbe Stunde später war Holms Gepäck an Bord. Um sechs Uhr dreissig am nächsten Morgen, eine Stunde vor Sonnenaufgang, würden sie ablegen. Holm bemerkte die Herablassung in den Gesichtern der Besatzung, als er die vereinbarte Zeit wiederholte.

In der Nacht weckte ihn der Wind, der im Garten hinter dem Gästehaus an den Weissdornhecken zerrte, und er versuchte, zu hören, ob er stärker wurde. Er dachte an die Wetterkarten im Institutsarchiv, mit denen einst Landfall und Stärke eines Sturms vorausberechnet worden waren. Damals lag die Eintrittswahrscheinlichkeit noch bei neunzig Prozent, und man sagte, das Wetter wiederhole sich alle hundert Jahre. Kaum war Holm wieder eingeschlafen, vibrierte sein Tracker.

Der Hafen lag ausgestorben in der Morgendämmerung, der Mietwagen war bereits zurückbeordert worden. Ein beständiger Westwind blies, Stärke fünf. Auf dem Meer trieben weisse Schaumkronen. In den Kabinen des Küstenwachschiffs brannte Licht. Die Besatzung sass in der Bordküche. Auf einem zerkratzten Tablett zwischen Kaffeetassen tickten die neusten Wetterdaten. Holm tat, als sähe er die krummen Garben der Isobaren nicht.

Die Crew beschloss, das Myzelboot bereits im Hafen zu Wasser zu lassen und es hinter dem Schiff herzuziehen. Holm spürte wieder seine Ungeduld. Versuchten sie, die Abfahrt hinauszuzögern? Er liess die Leute nicht aus den Augen, während sie das Boot mit dem Bordkran über die Reling hoben und im Heck vertäuten. Als sie fertig waren, gesellte sich die Kapitänin zu ihm. Holm wusste, was sie sagen würde. Aber die Zeit war knapp. Wenn er Pech hatte, würde die Militärkommission ihren Termin vorziehen und die Insel besetzen, bevor er mit seiner Arbeit fertig war. Holm erklärte, er übernehme die Verantwortung. Es war sein letztes Projekt.

Das Schiff der Küstenwache glitt wie ein Bolzen durch das aufgewühlte Meer. Holm knöpfte seinen Mantel zu und schlug die Kapuze hoch, doch nach einiger Zeit wurde der Wind auch ihm zu bissig, und er ging zum ersten Offizier ins Steuerhaus. Auf allen Seiten lief Wasser über die Scheiben. Das Rauschen des Windes vermischte sich mit dem Lärm der Motoren. Der Offizier sprach über Funk mit jemandem, Holm verstand kein Wort. Die Küstenwache würde ihn bis auf dreihundert Meter an die Insel heranbringen, so war es ausgemacht. Unter gewöhnlichen Umständen würde er von diesem Punkt nicht länger als eine Viertelstunde brauchen, um den Sandstrand im Osten der Insel zu erreichen, der auf den Drohnenaufnahmen zu sehen war. An der Westseite zeigten die Aufnahmen Kliffe aus Kalkstein. Schweigend beobachtete Holm die weissen Schaumstreifen, die sich zwischen den Wellen gebildet hatten. Er würde den Wind gegen sich haben. Die optimale Route von dem Punkt, an dem die Küstenwache ihn absetzen würde, bis zum Ufer der Insel war in seinem Tracker gespeichert. Der Sturm beeinflusste die Stärke der Strömung, vielleicht auch ihre Richtung. Die Berechnungen waren nutzlos.

Holm verfolgte auf dem Radar, wie sich das Schiff den vereinbarten Koordinaten näherte. Es schien immer schneller zu gehen. Da, sagte der Offizier und deutete auf die Wogen. Nach einer Weile erkannte Holm einen Kamm: die Insel. In ihrem Ölzeug kamen die Leute aus den Kabinen und zogen das Myzelboot neben das Schiff. Holm merkte, dass seine Hände zitterten, als er nach der Strickleiter griff. Die Kapitänin hatte angeboten, ihn zurückzufahren und es morgen oder übermorgen, wenn der Sturm sich gelegt hätte, nochmals zu versuchen. Über die Kosten könne man reden. Holm hatte abgelehnt. Mit besorgten Mienen hievten die Leute die Truhe mit den Messinstrumenten über die Reling. Sie war zu schwer. Auch als Holm die Vorratskiste, den Rucksack mit Zelt und Kleidern und seine Mappe im Heck verstaut hatte, lag das Boot noch schief im Wasser. Die Wogen schlugen es gegen die Schiffswand. Die Crew schwieg, als Holm sich von ihnen verabschiedete.

~

Es regnet, während ich den Strand entlanggehe. Seit der Überschwemmung komme ich jeden Morgen hierher. Um mit dem Hund zu spazieren, sage ich Daniel. Heute hat das Meer Tang angeschwemmt. Es muss wieder gestürmt haben letzte Nacht, und ich überlege, ob ich im Schlaf den Wind gehört habe. Der Hund beschnuppert eine Qualle.

Daniel hat mir einen Artikel über die Definition von Inseln im internationalen Seerecht geschickt. Schon die Tatsache, dass eine Insel bei Flut aus dem Wasser ragen muss, wirft Fragen auf: Was bedeutet Flut? Springflut, Hochflut, Sturmflut? Noch problematischer scheint die Annahme, eine Insel gelte nur als solche, wenn man darauf autark leben könne. Heisst das in einer Gemeinschaft, die sich selbst genügt, oder als Mensch, der auf niemanden angewiesen ist? Der Hund hat das Interesse an der Qualle verloren und trabt den Spülsaum entlang. Früher glaubten die Leute, vor der irischen Küste liege eine Insel, auf der man die Zeit vergesse. Ein Kormoran fliegt Richtung Norden. Seit einigen Jahren nisten sie in den Felsen vor Clogherhead, einer Landzunge, die am Ende des Strands ins Meer hinausragt. Der Regen hat aufgehört. Ich rufe den Hund und nehme ihn an die Leine. Manchmal stelle ich mir vor, alles, was in der Überschwemmung aus dem Tal gespült wurde, füge sich im Zwielicht des Wassers zu einem neuen Ort zusammen. Weiter draussen scheint das Meer glatter, bis es als scharfe Kante den Himmel berührt. Vielleicht ist es leichter, an etwas Erfundenes zu glauben als an die Leere.

~

In seinen triefenden Kleidern stapfte Holm den Strand hinauf und liess sich am Fuss der Dünen in den Sand fallen. Die Festigkeit des Bodens war ungewohnt. Wie lange war er in den Wellen getrieben? Er musste seine Ausrüstung aus den Felsen am Rand der Bucht, dort, wo das Boot gekentert war, bergen, aber er rührte sich nicht. Wenn er die Augen schloss, sah er wieder in die Wasserwirbel. Ein Schauer durchlief ihn, als er das Gesicht bemerkte: eine geschwollene Nase, ledrige Lippen, faltige Wangen. Er dachte, es würde verschwinden, wenn er richtig hinsah. Doch die wässrig blauen Augen musterten ihn. Holm hatte nicht gewusst, dass die Insel bewohnt war.

Einen Moment blieb der Blick des Unbekannten an Holms rechtem Auge hängen, seiner gespaltenen Iris, dann half er ihm wortlos auf die Beine. Holm schwankte, die Schwäche in seinen Gliedern war kaum zu überwinden. Das Meer lief schon bis auf Armeslänge an ihn heran, Sand klebte an seinem Mantel. Neben ihm stand seine Mappe, als habe sie ihm jemand nachgetragen. Holm dachte an seine Ausrüstung. Er überlegte, ob er dem Institut Bescheid geben müsse. Dann fiel ihm ein, dass die Insel ausserhalb der zugelassenen Netzwerke lag – er konnte niemanden verständigen. Im Osten dunkelte es. Hatte er den ganzen Tag geschlafen?

Holm folgte dem Mann in die Dünen. Er trug eine Kutte, Sandalen, an seinen Fersen klebten schwarze Krusten. Seit den Überwachungsskandalen mussten Drohnen menschliche Körper ausblenden, aber der graue Unbekannte wäre aus der Luft ohnehin kaum von den steinigen Hängen zu unterscheiden gewesen. Nach einer Weile drehte Holm sich um. Der Strand war nur noch ein schmaler Sandstreifen. Erst jetzt bemerkte er die orange Sonnenscheibe in dem Wolkenspalt über dem Meer. Dann standen sie vor dem Bethaus.

Als »Struktur« hatte das Visualisierungsprogramm die rechteckige Form bezeichnet. Holm betrachtete die mörtellosen Mauern, das Steindach. Früher gab es solche Bauten auch auf dem Festland, länglich, mit einem einzelnen Fenster im Osten, durch das am Morgen das Sonnenlicht fiel. Der Unbekannte zögerte, dann zog er an dem zerfransten Strick, der neben der Tür hing. Das Läuten der Blechglocke erstarb sofort wieder, die Tür öffnete sich, und ein hochgewachsener Mann trat heraus. Abbas, sagte der Unbekannte. Die Deutlichkeit der Stimme überraschte Holm. Sein Führer erklärte, er habe den Fremden am Strand gefunden, ohne Boot, ohne Begleiter, ohne Gepäck; er stotterte ein wenig. Als der Blick des Abtes sich auf ihn richtete, nickte Holm, als gäbe es nichts zu erklären. Die Mappe hatte er hinter sich auf den Boden gestellt.

Männer sammelten sich um ihn, einander ähnlich wie Hologramme, Mönche. Der Abt liess eine Decke bringen, eine Schale mit Suppe. Holm wunderte sich, wie gut er das mittelalterliche Latein verstand. Der hölzerne Löffel zitterte in seiner Hand. Er konnte die Gesichter unter den Kapuzen nicht ausmachen, wusste nicht mehr, welcher der Mönche ihn hierhergeführt hatte. Warum war nicht registriert, dass sie hier lebten? Die Suppe schmeckte süsslich, schon nach wenigen Löffeln hatte Holm genug.

Als er in die Decke gehüllt zwischen den Mönchen im Bethaus stand, versuchte er sich zu erinnern, wann er zuletzt in einer Kirche gewesen war. In seiner Jugend hatten in manchen Kirchen noch Gottesdienste stattgefunden. Jetzt nutzte man sie für Konzerte oder als Schlafstellen für Obdachlose. Die Kerzen auf dem Altar beleuchteten ein gleicharmiges Holzkreuz. Die Stimmen der Männer verbanden sich, als kämen die Gebete aus einem einzigen Mund. Nach dem Segen gingen sie davon, jeder für sich. Der Abt führte Holm zu einer Steinplatte in einer Ecke des Bethauses. Sie war glatt, ohne Inschrift, aber Holm war sicher, dass es ein Grab war. Zuerst meinte er, falsch zu verstehen, und als er sich dann doch darauflegte, tat er es nur, weil er dem Abt nicht widersprechen wollte. Sobald er allein wäre, dachte Holm, würde er sich einen anderen Platz suchen. Der Abt löschte die Kerzen und schloss die Tür hinter sich. Holm schlief sofort ein.

~

Noch ist alles möglich, antworte ich Daniel, als er am Telefon fragt, ob ich mit dem Schreiben vorankomme. Aber natürlich stimmt das nicht. Es ist nur möglich, was ich mir vorstellen kann.

Du könntest eine Liste von Inseln machen, schlägt Daniel vor.

Island, Irland, Inis Meáin …

Auch von erfundenen.

Avalon, Brasil, Thule …

Oder gemalten.

Die Toteninsel?

Die Insel der Kalypso, sagt er, und ich weiss, dass er lächelt.

Wie geht es deiner Schwiegertochter?, frage ich.

Inseln, beginnt er, entstehen auf drei Arten –

Erfundene Inseln verschwinden, wenn sie vergessen werden, unterbreche ich ihn.

Es geht ihr gut, sagt Daniel, als habe er meine Frage erst jetzt gehört. Auf dem Ultraschall sieht man nun, dass es ein Junge ist.

Wir reden selten über seine Familie, nie über seine Frau, und wenn wir zusammen sind, tun wir, als existiere sie nicht. Aber ich mache mir keine Illusionen: Auch Odysseus kehrte zu Penelope zurück. Während ich die Krähen in den Bäumen hinter der Kirche beobachte, überlege ich, wie Daniels Enkelsohn heissen wird.

Nach dem Telefonat mit Daniel schaue ich mir die beiden Gemälde Arnold Böcklins im Internet an. Fast nackt sitzt Kalypso auf dem roten Tuch vor der schwarzen Höhle, die Lippen zusammengepresst, den Kopf mit einer schmerzhaften Drehung des Halses ihrem Geliebten, Odysseus, zugewandt. Kein Baum wächst da, kein Strauch. Kein Blatt von dem Weinstock, der sich nach Homer voll purpurner Trauben um den Eingang der Grotte rankte, ist zu sehen, nichts von den Wiesen voll Eppich und Klee, die selbst Hermes, den Götterboten, erstaunten. Wie ein Feuer hat die Leidenschaft die Insel verbrannt.

Das Bild der Toteninsel hat mich stets an Märchenbücher erinnert, und als Kind war ich sicher, dass sich in den Kammern, die in die sandbraunen Kliffe der Insel gehauen sind, ein Schatz verbarg. So wie Odysseus im anderen Gemälde steht die weisse Gestalt auf der Barke, die Arme um den Körper geschlungen, ungerührt von dem, was sie hinter sich lässt. Böcklins Kunst, sagte Heinrich Wölfflin in seiner Festrede zum siebzigsten Geburtstag des Malers, sei eine durch und durch männliche, und ihre Stärke beruhe darauf, dass er sich von der Natur befreit und sie aus einer inneren Vorstellung heraus geschaffen habe. Ich schiebe die beiden Gemälde auf dem Bildschirm übereinander, die Insel der Liebe und die des Todes verschmelzen zu einer.

~

Am nächsten Morgen folgte Holm dem Abt wieder zum Strand hinunter. Er war hager und grösser als die anderen Mönche, und über seiner Kutte trug er eine Weste aus Ziegenfell, den Pelz nach innen gekehrt. Anstelle einer Kapuze hatte er eine Kappe auf dem Kopf, die auch seine Ohren und einen Teil seiner Wangen bedeckte. Holms Mantel war immer noch feucht. Niemand hatte ihn gefragt, wie er heisse und was er auf der Insel wolle, so, als würde er sie gleich wieder verlassen. Er überlegte, wie der Abt ihn zurückschicken könnte. In einem dieser länglichen Boote vielleicht, die mit geteerten Tierhäuten oder Tuch bespannt waren. Früher hatte man sie zum Fischen verwendet. Wie lange lebten die Mönche schon hier?

Der Abt drehte sich um, als habe er die Frage gehört, und für einen Moment verfingen sich ihre Blicke ineinander. Dann deutete Holm auf die Flechten, die auf den Steinen wuchsen. Der Abt erklärte etwas von zweien, die sich zu einem verbinden, wie Körper und Seele. Holm wusste, dass man früher im Norden Flechten in Ziegenmilch ausgekocht hatte, und dachte an die süssliche Suppe. Nur so, sagte der Abt, kann man an diesem Ort überleben. Holm schwieg. Auf seiner ersten Forschungsreise hatten die Inuit, die ihn beherbergten, ihm vorgeworfen, er wasche sich zu oft und stelle zu viele Fragen. Der Abt ging weiter. Der Wind wehte Holm ins Gesicht, und die Mappe streifte sein Bein bei jedem Schritt. Doch er fühlte sich unwirklich wie in einem alten Virtual-Reality-Spiel.

In den Dünen hörte Holm das Meer, und Übelkeit stieg in ihm hoch. Er sank bis zu den Knöcheln in den Sand. Dann sah er die dunklen Wogen wieder. Navicula, die ganze Zeit hatte er nach einem lateinischen Wort für Boot gesucht. Der Abt legte ihm die Hand auf die Schulter und deutete auf eine Hütte am Rand der Bucht; zu den Dünen hin wuchs Gras aus dem Strohdach. Holm konnte sich nicht erinnern, sie am Tag zuvor gesehen zu haben. Die letzten Schritte liess der Abt ihn alleine gehen.

Der Verputz der Hüttenwände sah aus wie von Vogelschnäbeln zerhackt, die Tür war angelehnt. Bevor Holm sie berührte, riss der Wind sie auf und liess sie lautlos in den Angeln schwingen. Der Raum dahinter roch nach Feuchtigkeit. Die roten Fliesen am Boden erinnerten Holm an etwas. Als er sich umdrehte, war der Abt verschwunden.

Holm hängte seinen Mantel über die Tür und stellte die Mappe auf den Tisch. Er musste die Unterlagen herausnehmen und versuchen, sie zu trocknen. An der Schmalseite des Raums war ein offener Kamin. Die Scheite darin waren zur Hälfte verbrannt, als wäre das Feuer plötzlich erloschen. Auf dem Kaminsims lag die Schale einer Wellhornschnecke. Buccinum undatum. Etwas an ihr befremdete ihn. Durch eine Analyse des Kalziumkarbonats könnte er ihre Herkunft bestimmen. Holm dachte an die Truhe mit seiner Ausrüstung und tippte auf den Tracker in seinem Handgelenk. Die Ziffern unter der Haut zeigten zwanzig nach zwei. Er musste den Strand absuchen, bevor die Flut wieder einlief. Die Strömungskarten waren im Aussenfach seiner Mappe. Noch während er die aufgeweichten Seiten ausbreitete, wusste er, dass sich das Treibgut nördlich der Bucht sammeln musste, nicht weit von den Felsen, an denen das Boot gekentert war. Er liess den feuchten Mantel an der Hüttentür hängen und lief hinaus.

Als Holm zurückkam, waren die Felsen im Meer verschwunden. Er hatte jeden Spalt, jede Kuhle abgesucht. Das Ufer im Norden war von angeschwemmten Algen bedeckt, Herzmuscheln, Schwertmuscheln, Schalen von Strandigeln. Er war am richtigen Ort, aber von seiner Ausrüstung war nichts zu sehen. War die Truhe auf den Grund des Meeres gesunken? Die elektronischen Geräte, die ihm das Institut früher mitgegeben hatte, ertrugen die Hitze nicht, die Kälte, ihre Batterien liefen aus, oder sie brauchten eine Netzverbindung. In der Truhe hatte jedes Werkzeug seinen Platz: Hammer, Winkel, Netze, Küretten, die bruchsicheren Flaschen mit den Lösungen und Säuren, das Fernglas und das Spiegelmikroskop; die Pinzetten, Skalpelle und Spachtel steckten in Haltern im Deckel.

Die Sonne breitete ein helles Rechteck auf die Tischplatte. Holm setzte sich und blickte auf den Strand hinaus. Auch seine Vorräte waren im Meer versunken. Er musste die Mönche um Nahrung bitten: alimentum – oder cibus? In einer Ecke des Fensterrahmens hatte eine Spinne ein Netz gespannt. Der orangerote Schmetterlingsflügel darin glich dem eines Feuerfalters. Das Schiff der Küstenwache würde erst vor der Besetzung der Insel wiederkommen. Der genaue Zeitplan war geheim. Aus Sicherheitsgründen, hatten die Verantwortlichen in den Ministerien gesagt, aber alle wussten, dass die Medien getäuscht werden sollten. Noch immer gab es Stimmen, die gegen die Räumung der Deponien sprachen. Ein halbes Jahr sollten die Vorbereitungen dauern. Ein halbes Jahr reichte, um die Insel zu inventarisieren. Holm hatte ähnliche Systeme in kürzerer Zeit erfasst – mit der Ausrüstung, die nun auf dem Meeresgrund lag. Ein Windstoss fuhr in die Hütte und zerriss das Spinnennetz. Holm schloss die Augen. Die roten Fliesen erinnerten ihn an einen von Jalousien beschatteten Raum.

~

Ich erinnere mich an den Tag vor der Überschwemmung. Ich sass an meinem Schreibtisch und arbeitete. Ab und zu blickte ich aus dem Fenster auf den Bach hinunter. Er floss über die Stromschnellen, unter den Weiden hindurch und drehte sich in Wirbeln in den Buchten des Ufers. Wenn im Frühsommer der Abend dämmerte, jagten Fledermäuse über dem Wasser. Für ein paar Monate hausten sie im Dach des Holzschuppens, um gemeinsam ihre Jungen aufzuziehen. An feuchtwarmen Tagen roch ich die Ratten in der Böschung; im Herbst, wenn es kälter wurde, sah ich sie manchmal auch durch die Farne huschen. Eine Weile fischte ein Otter oberhalb der Stromschnelle, dort, wo der Bach tiefer war. Einmal standen wir neben der Blutbuche, als er aus dem Wasser tauchte. Für einen Moment betrachtete er uns mit seinen dunkel glänzenden Augen, bevor er in einer eleganten Drehung des Körpers wieder in den Wellen verschwand. Erinnerst du dich, Alexander? Du wandtest dich gleich wieder der Buche zu. Wäre es nach dir gegangen, wäre das Tal voller Bäume gewesen.

Der Himmel war blau am Tag vor der Überschwemmung, und ich denke, er spiegelte sich im Bach. Vor dem Abendessen legte ich die beschriebenen Seiten in die Mappe, wie ich es immer tat. Damals schrieb ich noch von Hand, als hätte ich endlos Zeit. Ich weiss nicht mehr, an welchem Punkt der Geschichte ich war, nur noch, dass sie mir immer wieder entglitt. Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich die Schwäne wie gestrandete Wolken in der Böschung des Bachs sitzen. Ich überlegte mir nicht, warum sie ihre Nester in der Mündung des Flusses verlassen hatten.

~

Als Holm am nächsten Morgen aus der Hütte kam, schwebten Schneeflocken vom Himmel. Die Insel lag fremd unter dem weissen Stöbern. Wenn die Flocken ihren Tanz beendet hatten, tauchten sie ins Meer. Für einen Augenblick brach die Sonne hervor, und das Wasser glitzerte. Holm spürte eine Leere in seiner Brust, unter dem Rippenbogen. Als die Wolken sich wieder schlossen, verschwand das Gefühl. Auf dem Weg zum Bethaus bemerkte er Schneeflecken im Schatten der Felsen.

Er würde den Abt um Decken und Kerzen bitten und um einen Stecken, der lang genug war, um die Vogelnester aus dem Schornstein zu holen. Als er am Abend zuvor mit den Streichhölzern, die er in seiner Manteltasche gefunden hatte, die halbverbrannten Scheite im Kamin angezündet hatte, war der Rauch in grauen Schwaden in die Hütte gequollen. Hustend hatte er das Feuer wieder gelöscht. Auf der Streichholzschachtel stand der Name eines italienischen Restaurants, in dem er früher manchmal mit Wilson gegessen hatte, Il Paradiso, in einem Kreis kleiner Bäume mit runden Kronen. Holm wunderte sich, dass die Streichhölzer noch brannten, obwohl sie nass geworden waren.

Als er das Bethaus erreichte, hörte er Stimmen im Innern. Die Mönche schienen sich an die alten Gebetszeiten zu halten, Terz, Sext, None. Er ging ums Haus herum und betrachtete die Mauer. Mit seinem Flachmeissel hätte er die Ablagerungen an der Unterseite der Hausteine abkratzen und den Bau datieren können. Der Abt würde behaupten, das Bethaus sei aus frühchristlicher oder gar keltischer Zeit. Die Menschen täuschten sich meist über die Beständigkeit ihrer Werke. Die Gebete im Innern waren verstummt, und als Holm zur Westseite zurückkehrte, stand die Tür offen. Er wartete eine Weile. Als niemand herauskam, trat er ein. Der Raum war dunkel, bis auf den Fensterschlitz über dem Altar. Früher, dachte Holm, hätten seine Augen sich rascher an das Zwielicht gewöhnt. Er war allein mit dem Abt, der wortlos auf eine volle Suppenschale deutete, die auf der Grabplatte stand. Daneben lagen Decken, Kerzen und ein langer Stecken. Überrascht bedankte sich Holm, aber der Abt hatte das Bethaus bereits verlassen.

Auf dem Rückweg entdeckte Holm, dass die Schneeflecken im Schatten der Felsen Ziegen waren. Zuversicht streifte ihn. Noch war die Insel für ihn nicht mehr als ein Punkt in den Wellen, aber allmählich würde sie Gestalt annehmen. Holm ging den steinigen Hang hinunter, er trug den Stecken über der Schulter, und in seinem Rücken schrie eine Krähe.

~

Die Luft ist klebrig heute Morgen. Bevor ich durch die Dünen zum Strand gehe, drehe ich mich um. Ein paar Kühe grasen auf der Weide. Dahinter ziehen sich Felder den Hang hinauf zur Siedlung. Sie liegt nur wenige Meter über dem Haus, in dem wir vor der Überschwemmung gewohnt haben.

Ich schlief schlecht in jener Nacht, einmal hörte ich deine Schritte auf der Treppe. Als ich das nächste Mal erwachte, war es bereits zu spät. Ich glaubte, du seist in der Küche unten, aber vielleicht täuschte ich mich auch. Ein Tosen erfüllte meinen Kopf. Unter dem Schlafzimmerfenster quoll ein brauner Strom vorbei. Einzelne Baumkronen ragten noch heraus, die Zeder, der Eukalyptus. Ich dachte an die beschriebenen Seiten in meinem Zimmer neben der Küche. Das Wasser stand bereits bis zur Mitte der Treppe, als ich in den Flur kam. Das Erdgeschoss war überschwemmt. Ich denke, ich habe nach dir gerufen, Alexander. Aber wie hättest du mich in dem Tosen hören können?

Auf dem Meer draussen treibt ein Trawler. Früher war die Küste hier bekannt für Garnelen, aber nur wenige mussten für ihren Lebensunterhalt fischen. Das Land war fruchtbar damals. Die Leute bauten ihre Häuser mit dem Rücken zum Wasser und ummauerten ihre Gärten, als könnten sie so vergessen, dass sie auf einer Insel lebten. Heute wünschen sie sich in die Vergangenheit zurück. Der Kamm der Dünen ist mir vertraut. Bei dem kleinen Buckel drehe ich um, wie jeden Tag. Ich weiche den schwarzen Flecken aus, die von dem angeschwemmten Tang geblieben sind. Wüsste ich, welche Teile der Gegenwart ich auswählen müsste, könnte ich daraus eine Zukunft bauen. Der Hund jagt einer Möwenfeder nach, die im Wind über den Strand treibt; er ist noch jung.

~

Als das Feuer in der Hütte brannte, der Rauch durch den Schornstein zog, setzte Holm sich an den Tisch und öffnete die Mappe. Auf den ersten Blick schienen die Unterlagen darin unversehrt. Er nahm eines der Bündel heraus. Es war die Korrespondenz mit den Ministerien – für Meeresforschung, Umweltschutz, Erziehung und Kultur, globale Sicherheit. Warum hatte er das mitgenommen? Der Umschlag, in dem die Briefe lagen, fühlte sich klamm an und klebte ein wenig an dem daneben. Hatte er gedacht, es würde ihn hier jemand nach seiner Berechtigung fragen und er könnte diese mit ein paar offiziellen Siegelcodes belegen?

Er zog das nächste Bündel heraus: die Satellitenaufnahmen. Der Verlauf der Unterwasserrinne war mit feinen Linien auf der Meeresoberfläche eingezeichnet, die Stellen, an denen die Sonderabfälle versenkt worden waren, mit kleinen Kreuzen markiert. Seit einigen Jahren wurden die Verschiebungen der Lager sonographisch verfolgt. Die Insel war nicht grösser als ein Daumenabdruck in der linken oberen Ecke der Aufnahmen; das nächste der Kreuze lag keinen Zentimeter von ihr entfernt. Die Bilder waren bloss an den Rändern feucht, und Holm steckte sie in ihre Hüllen zurück.