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Als Elisabeth Petznek 1963 in Wien stirbt, werden auch die scharfen Schäferhunde in ihrem Bett ruhig. Knapp 80 Jahre ist sie geworden. Jähzornig, verletzlich, unbeherrscht, offenherzig, schroff und eigensinnig. Eine Frau, die ihr ganzes Leben weder in die ihr zugedachten noch in die von ihr ersehnten Rollen gepasst hatte. Anlässlich ihrer Geburt im Jahr 1883 wurde sie als Enkelin Kaiser Franz Josephs noch mit Geschützsalven, Fackelzügen und Aufmärschen gefeiert, 80 Jahre später könnte sich die Situation nicht stärker von jener des imperialen Pomp unterscheiden. Sie hatte mit allem gebrochen, was ihre Herkunft einmal bedeutete. 1948 hatte sie zum zweiten Mal geheiratet: Leopold Petznek, ihren langjährigen Lebensgefährten, einen Lehrer und sozialdemokratischen Politiker; der erste Mann, der nicht vor ihr kapitulierte.
Der Roman erzählt die Lebensgeschichte einer verwöhnten Enkelin, Habsburgerin und Sozialistin, einer vierfachen Mutter und Salondame, die ebenso großherzig und charmant wie eigensinnig sein konnte.
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Seitenzahl: 402
Veröffentlichungsjahr: 2016
Als Elisabeth Petznek 1963 in Wien stirbt, werden auch die scharfen Schäferhunde in ihrem Bett ruhig. Knapp 80 Jahre ist sie geworden. Jähzornig, verletzlich, unbeherrscht, offenherzig, schroff und eigensinnig. Eine Frau, die ihr ganzes Leben weder in die ihr zugedachten noch in die von ihr ersehnten Rollen gepasst hatte. Anlässlich ihrer Geburt im Jahr 1883 wurde sie als Enkelin Kaiser Franz Josephs noch mit Geschützsalven, Fackelzügen und Aufmärschen gefeiert, 80 Jahre später könnte sich die Situation nicht stärker von jener des imperialen Pomp unterscheiden. Sie hatte mit allem gebrochen, was ihre Herkunft einmal bedeutete. 1948 hatte sie zum zweiten Mal geheiratet: Leopold Petznek, ihren langjährigen Lebensgefährten, einen Lehrer und sozialdemokratischen Politiker; der erste Mann, der nicht vor ihr kapitulierte.
Der Roman erzählt die Lebensgeschichte einer verwöhnten Enkelin, Habsburgerin und Sozialistin, einer vierfachen Mutter und Salondame, die so großherzig und charmant wie eigensinnig sein konnte.
Martin Prinz, geboren 1973, aufgewachsen in Lilienfeld (Niederösterreich), lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Wien.
MARTIN PRINZ
Die letzte Prinzessin
Roman
Insel Verlag
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2016
Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2016
© Insel Verlag Berlin 2016
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Umschlagabbildung: Philip de László: Erzherzogin Elisabeth Marie von Österreich (nachkoloriert), 1906
© Philip de László Foundation, London
Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg
eISBN 978-3-458-74902-8
www.insel-verlag.de
Für Gabriele
Die Hunde bellten nicht. Mesli öffnete mit einem gewissen Zögern die hohe Flügeltüre.
Keine Sorge, Mesli … sagte eine Frauenstimme.
Die Dame thronte in einem über zweieinhalb Meter breiten Messingbett, die Beine unter der gestickten Decke. Seit einem Schlaganfall waren sie fühl- und bewegungslos. Zwei Schäferhunde lagen neben ihr, Lido und Libelle, die nur ihr allein gehorchten. Grund genug zur Vorsicht.
Die Ölbilder an der Wand glänzten, sahen im Licht dieses hellen Tagesbeginns dunkler aus als sonst. Nicht nur die Geschichte eines Landes hing hier nebeneinander, es war die des halben Kontinents. Gleich würde sie ihn wegen seiner Langsamkeit anherrschen. Zögerlichkeit oder gar Angst ertrug sie nicht. Er kannte die Worte, er kannte den Ton, und er würde wie immer zusammenzucken. Zumindest die Gefahr durch die Hunde wurde kleiner, wenn sie selbst es war, die ihn beim Eintreten anfuhr. Als wäre damit für die Tiere ein Teil der Aufgabe, die Welt rund um ihre Herrin in Schrecken zu halten, fürs Erste erledigt.
Mesli verneigte sich und warf einen Blick durch den Raum. Er kontrollierte das täglich neu anzuordnende Arrangement aus Schnittblumen, Blumenstöcken und Grünpflanzen. Wenn darin etwas nicht passte, war es den ganzen Tag über nicht mehr gutzumachen. Zum Glück hatte das Stubenmädchen sorgfältig gearbeitet, Sicherheit vor jäh aufflammenden Beschwerden garantierte aber selbst Fehlerlosigkeit nie.
Den Brief, Mesli.
Die alte Frau deutete in Richtung ihres Sekretärs, der wie eine Insel inmitten der Blumenpracht stand.
… aus der Schreibtischlade, Sie wissen.
Mesli atmete durch. Er wusste, dass sie den Brief in der mittleren Schublade meinte. Es ging immer um diesen. Er war stets an seinem Platz. Im Unterschied zu all den anderen Dingen, nach denen sie oft mit völlig falschen Angaben verlangte – stets überzeugt, dieses oder jenes müsste dort zu finden sein. Schon ein erstes Stutzen konnte sie reizen, ganz zu schweigen von Misserfolgen, die sie übergangslos in Empörung und Wut versetzten.
Draußen fuhr der Wind durch die Bäume, ein warmer, schwerer Wind, der auf dem Weg vom Portiershäuschen zur Villa gegen seinen Körper drückte. Mitte März und die Temperaturen hatten nach Abklingen des großen Winterfrostes etwas Ungewohntes behalten; kalt war die Luft selbst an schönen Tagen. An diesem Tag war es plötzlich auch im Schatten warm. Im Garten des Hauses etwa, wohin die Fenster aus dem Schlafzimmer sich öffneten, so dass die Gnädige Frau die Sonne den ganzen Winter lang nur an ihrem Widerschein im Park zu sehen bekam. Zwischen den dürren Sträuchern, an den kahlen, blätterlosen Bäumen, gelegentlich blitzend im Schnee, doch meist nur am welken Wiesengras.
Angesichts ihrer zunehmenden Schwäche war Mesli froh, nicht wie sonst gleich den Befehl zum Öffnen der Fenster erhalten zu haben. Wie sie nun in ihrem Bett lag, schien ihm schon ein erster Schwall Wärme so bedrohlich, dass ihm selbst ihre bissigen Hunde harmlos und klein vorkamen.
Mesli nahm den Brief heraus wie so oft. Er war an ihr Schloss in Schönau adressiert, das die Gnädige Frau vor über dreißig Jahren verkauft hatte. Kurz danach war Mesli in ihre Dienste getreten. Das Schloss hatte er nie gesehen. Dafür gab es eine Unzahl von Geschichten und Gerüchten darüber. Von Geisterbeschwörungen und Gesprächen mit dem Jenseits. Die einzige Bedienstete, die länger bei der Gnädigen Frau war als er, verlor nie ein Wort darüber. Nur der Brief reichte wie ein Anker in diese Tage und Jahre. Eine stumme Verbindung, ungeöffnet – nicht einmal einen Absender trug er.
Seit dem Tod ihres Mannes vor sieben Jahren verlangte sie regelmäßig nach dem abgegriffenen, vergilbten Kuvert, in den letzten Wochen und Monaten fast jeden Tag. Seltsam ungelenk sahen die Buchstaben der Addresszeilen aus. Wie von einem Kind oder gar von ihm selbst, dem Portier und Gärtner, der erst vor ein paar Jahren richtig zu schreiben gelernt hatte. Jedes Mal fragte er sich, woher dieser Brief kommen mochte, und dachte stets an die Gnädige Frau selbst. So deutlich auch der Unterschied zwischen den kritzelig aneinandergereihten Buchstaben auf dem Kuvert und der eigenen, immer noch gestochen scharfen Schrift war.
Danke, Mesli.
Ihre Stimme kam von weit her. Einen Augenblick lang starrte er sie an. Manchmal wünschte er sich, nichts von ihr zu wissen, weder von ihrem Leben noch von ihrer Herkunft. Doch das war unmöglich. Seit Generationen hatte ihre Familie seine Geschicke geprägt. Wehrlos sah sie jetzt aus, trotz der Hunde, und unschuldig. Sie hatte die Augen halb geschlossen, ihr Gesicht wirkte mädchenhaft. Mesli fürchtete und verehrte sie. Sie sah ihn an und drehte sich weg.
Mesli, sagte die alte Frau, während er die Tür hinter sich schloss. Mesli, flüsterte sie und war allein. Sie spürte den Brief in ihrer Hand. Da war etwas, das sie ihm sagen wollte, doch es war nichts, weshalb sie ihn zurückbeordern konnte. Es gab weder Klang noch Wörter oder Sätze dafür.
Elisabeth Petznek schloss die Augen. Es hatte nichts damit zu tun, wie sie ihre Bediensteten mit Anweisungen, Rügen und Strafen den ganzen Tag auf Trab hielt. Sie tauchte darin als kleines Mädchen auf. Sie konnte sich ganz deutlich sehen, in einem der unzähligen Zimmer der großen Burg. Die Kerzen flackerten. Sie trug die Kälte und Feuchtigkeit der alten Mauern in ihrem Kinderkörper. Sie stand vor einem Bett, in dem ein Mann lag. Seinen zerschossenen Kopf bedeckte ein großer weißer Verband. Neben ihr war der Großvater, der sie trösten wollte. Er legte ihr die Hand auf den Kopf. Der Mann in dem Bett war tot, es war ihr Vater.
Drei Tage davor war er zur Jagd aufgebrochen und hatte sich nicht verabschiedet. Sie war auf der Toilette gesessen. Am Thron, wie er gerne sagte. Dort dürfe er seine Prinzessin nicht stören, hatte er noch gescherzt. In zwei Tagen sei er wieder bei ihr, jetzt müsse er schnell fort.
Sie konnte sein Lachen bis heute hören. In ihrem müden, gelähmten Körper. Sie hörte das Lachen und ging ihrem Vater entgegen, als Mädchen wie als alte Frau. Er trat zwischen den Baumstämmen aus dem Wald, seine Jagdhunde bellten, und auf einmal war alles bedrohlich für sie, die ihren Vater nur als kleines Mädchen an sich gedrückt hatte. Fest und lieb waren seine Arme gewesen, lebendig und warm die Stimme seiner Geschichten, mit der er sie in Abenteuer begleitete, wie nur er sie erfinden konnte. Bis heute hallten sie in ihr nach, als weite, lichte Stellen eines nicht gelebten Lebens. Vielleicht war es ja nur eines von jenen vielen anderen, aus denen jedes Leben zwangsläufig bestand. Von selbst aus nächster Nähe nur erahnbaren Welten, die einen hinter jeder Abzweigung oder Richtungsänderung als Schatten begleiteten.
Elisabeth Petznek hörte den Wind und spürte die Schnauzen ihrer Hunde unter der Bettdecke überall, wo der Schmerz des kleinen Mädchens bis heute in ihre Glieder reichte. Der Mann, der ihr Vater war, kam näher, und seine Hunde bellten, sie konnte deren Atem bereits spüren und wusste doch, ihre Beschützer würden stärker sein, Lido und Libelle.
Sie öffnete die Augen. Sie war ganz ruhig. Es war später Nachmittag. Sie wusste, es war soweit, und sie begann, das Briefkuvert in Stücke zu reißen, in kleine mundgerechte Teile. Etliche schluckte sie selbst, den Rest verfütterte sie an die Hunde, die ihr auch Papier aus der Hand fraßen. Jetzt konnte ihr nichts mehr geschehen. Sie atmete tief durch und ruhte bis zum Abend, bevor sie Mesli per Telefon die letzten Anweisungen durchgab.
Elisabeth Petznek hatte keine Zweifel mehr. Sie spürte, was jetzt kommen würde. Lange genug hatte sie darauf gewartet. Nur die Frage nach den Hunden tauchte wieder auf: Müssten sie bereits vor ihrem Tod eingeschläfert werden, um ihr dort, in der anderen Welt, aus der womöglich auch der Brief herkam, von der ersten Sekunde an Schutz zu bieten? Oder waren sie auch hier bis zum letzten Augenblick nötig?
Sie wusste es weniger denn je. Draußen wurde es finster. Nun hielten sie auch solche Fragen nicht mehr fest.
Sie hatte ihn angerufen. Paul Mesli saß in seinem Portiershäuschen, ein kleiner Radioapparat lief und Mesli schrieb Wörter auf ein Blatt Papier. Es waren an dem Abend keine komplizierten Übungsbegriffe wie Elektrokardiogramm, Physiologie oder Fauteuil, es war etwas anderes. Er blickte auf. Was er hier notierte, fiel ihm nicht leicht. Er durfte jetzt nicht lange innehalten, er durfte keine Gedanken an Rechtschreibung oder Grammatik verschwenden, an die Ordnung der Erinnerungen oder Einfälle. Er musste aufschreiben, dass er hier war, er musste festhalten, was er erlebt hatte. Dafür hatte er die Buchstaben und die Wörter gelernt. Jetzt brauchte er sie. Und Mesli schrieb wie nie zuvor. Er schrieb die längsten Sätze so selbstverständlich nieder, als würde er sprechen. Denn bald würde hier alles anders sein. Obwohl er sich das nicht vorstellen konnte.
Auch an diesem Tag hatte er seine Arbeit wie immer gemacht. Er hatte das Schweigen der Hunde verdrängt, ebenso die Sanftheit der Gnädigen Frau. Er hatte die Post hereingebracht, im Park Geäst zurechtgeschnitten und sich um die Blumenbeete gekümmert. In einem Haus mit einem derartigen Park gab es für alle Bediensteten ständig etwas zu tun. Die Bettlägrigkeit der Hausherrin änderte daran nicht das Geringste. Bis auf den letzten Winkel wollte sie stets alles über Aussehen und Zustand der Blumen und Sträucher, der Rasenflächen, Bäume und Brunnen wissen. Also hatte er heute die Rosenbeete gelockert, die Einfahrt gekehrt sowie die erst im letzten Jahr installierte Gegensprechanlage repariert. Es war, wie der Monteur behauptete, eine der ersten privaten Anlagen Wiens. Notwendig war sie nicht. Schließlich gab es immer noch ihn, Mesli. Trotzdem hielt er sie in Schuss.
Nach der Arbeit an der Gegensprecheinrichtung hatte er in seinem Portiershäuschen erst wenige Minuten mit dem Zeitungslesen verbracht, als das Telefon läutete. Er nahm ab und hörte ihre Stimme. Sie war leise und nah. Wie so oft fühlte er sich ertappt. Doch sie bedankte sich bei ihm lediglich für alles und wies ihn an, er solle am nächsten Morgen ihr Zimmer betreten, wenn er ihre Stimme auf sein Klopfen nicht mehr vernehme.
Mesli sah zum Tor hinaus ins Licht der Straßenlaternen. Er meinte das leichte Rütteln der Straßenbahn zu spüren, die fünfhundert Meter weiter stadteinwärts ihre Endschleife hatte. Gleichzeitig wurde in den 6-Uhr-Nachrichten berichtet, die frühere persische Kaiserin Soraya habe in Rom einen Filmvertrag mit dem italienischen Produzenten Dino de Laurentiis abgeschlossen.
Die Welt, dort draußen drehte sie jetzt um, machte eine Schleife und kehrte wieder dorthin zurück, wo sie herkam. Vor zwei, drei Tagen hatte die Gnädige Frau wieder von Selbstmord gesprochen. Mit derselben Verzweiflung und Angst wie immer. Im Haus hatte das niemand mehr erschreckt. Nun war ihre Stimme eine andere gewesen. Sie hatte wie jene geklungen, mit der sie in seinen Träumen auftauchte – in den guten, den friedlichen Träumen, nicht in den anderen.
Mesli gehörte zu denen im Haus, die Bescheid wussten, was zu geschehen hatte, wenn sie starb. Bis ins letzte Detail war dies von ihr geregelt und aufgeschrieben. Die wichtigste Bestimmung war, dass alles, was an Kunst- und Wertgegenständen sowie Büchern aus kaiserlichem Besitz stammte, an seine alten Plätze und Museen zurückkehren musste.
Nichts davon sollte in den Privatbesitz ihrer Kinder übergehen, womit sie sich über den Willen ihres zweiten Mannes, Leopold Petzneks, hinwegsetzte, der noch vor seinem Tod ihre Kinder, seine Stiefkinder, vor ihr verteidigt hatte. Ihm diesen Wunsch abzuschlagen war ihr schwerer gefallen, als die Ansprüche und Erwartungen der eigenen Kinder zu enttäuschen. Doch die Vorstellung, die Goldhaube oder eine Elfenbeinspindel Maria Theresias, der Familienschmuck von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth sowie deren Privatbibliothek blieben dem Staat und seinen Ausstellungsorten weiterhin und womöglich für immer vorenthalten, war ihr ein Gräuel.
Deshalb sollten, ihrem ausdrücklichen und oft genug wiederholten Willen entsprechend, nicht nur die beiden rechtsanwaltlichen Testamentsexekutoren Kenntnis über die genauen Bestimmungen ihres Nachlasses haben, sondern auch ihre letzten Bediensteten, allen voran Josefine Steghofer, die seit über einem halben Jahrhundert bei ihr war. Bis auf ihren ältesten Sohn, Franz Joseph, der ebenfalls über alles informiert war, dürften weder die Tochter, ihr Schwiegersohn noch ihre beiden Schwiegertöchter und Enkel das Haus betreten, solange die der Republik vermachten Wertgegenstände nicht entfernt waren. Pepi Steghofer oder er, Paul Mesli, sowie die anderen Bediensteten würden sie in den ersten Stunden womöglich sogar daran hindern müssen.
Deshalb hatte sie auch für jene, die da sind, wenn sie stirbt – wie sie ihre engsten Bediensteten seit dem Tod Leopold Petzneks immer wieder nannte – Zettel mit zusätzlichen handschriftlichen Anweisungen vorbereitet. Diesen zufolge sollte zuerst überhaupt niemand aus ihrer direkten Familie über ihren Tod informiert werden. Lediglich Otto Petznek, der Stiefsohn, sowie die mit der Testamentsvollstreckung befasste Anwaltskanzlei. Erst diese dürfe zu gegebener Zeit die eigenen Kinder und deren Familien benachrichtigen.
Spaziergänger kamen an Meslis Tor vorbei. Der eine oder andere Angeheiterte vom nahen Ausschankbetrieb Prilisauer. Man hörte das beständige Brummen der Maschinen drüben in Auhof beim Bau des letzten Abschnitts der Westautobahn. Seit die Böden nicht mehr fest gefroren waren, wurde dort in drei Schichten durchgearbeitet. Hin und wieder das Schienenschlagen eines Zuges.
Kaum jemand dort draußen wusste, wer hinter den schwarzen Gitterstäben des hohen Zaunes seit Jahr und Tag wohnte. Eine alte Frau, meist mit schwarzem Seidenhäubchen, wachen Augen und zwei Hunden an der Bettseite ihres verstorbenen Mannes. So saß sie dort oben, empfing keine Besuche mehr, las immer noch ohne Brille, telefonierte, musterte die täglich frischen Blumen rings um ihr Bett, blickte auf die nach allen Regeln des Handwerks gepflegten Sträucher und Bäume in ihrem Park und wartete auf den Tod.
So ging das seit Jahren, und Paul Mesli schien es in seinem Portiershäuschen manchmal, als wäre nicht nur die Welt von diesem Eingangstor, über dessen Schwelle kaum jemand trat, längst zu weit weg, sondern womöglich selbst der Tod. Nun aber kam er, und nichts konnte ihn daran hindern. Stets hatte Mesli sich gefürchtet vor diesem Tag. Nicht vor dem Tod als solchem oder vor dem Abschied von der Gnädigen Frau. Er hatte um die kleine Welt hier gefürchtet, und um deren Ordnung, in der es für ihn immer noch eine letzte unmittelbare Anbindung an das untergegangene Reich der Familie dieser alten Frau gegeben hatte.
Dabei hatte er den Hunger und die Toten des Ersten Weltkriegs als Bub deutlich erlebt. Ebenso wie er auch von der Armut, der Benachteiligung und Unterdrückung in der Monarchie wusste. Trotzdem gab es eine Sehnsucht nach Heimat in ihm, der er sich innerhalb der Parkmauern dieser Villa im westlichsten Vorort Wiens näher fühlte als irgendwo sonst zwischen den nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebauten Häuserzeilen dieser Stadt, inmitten von Verkehr, Alltagsleben und Wirtschaftswunder.
Mit ihrem Sterben würde auch dieser Teil einer Welt verschwinden, wie man sie nur mehr aus den Geschichtsbüchern kannte. Mesli fragte sich, ob sie das erleichtere. Bis zuletzt hatte sie noch alles angeordnet, als erteile ein Kaiser von seinem Trone die Befehle, wie Mesli an diesem Nachmittag aufschrieb:
Widerrede oder einer anderen Meinung sein, oh – dies gab es hier überhaupt nicht. Jeder von uns im Hause war der ergebenste Diener, dieser hohen Person, die das regieren gelernt hat u. zum teil angeboren war. – Wie oft sagte sie mir von dieser Stelle ganz energisch: Auf dieser Welt ist noch kein Mensch der mich jemals untergekriegt hätte und es wird auch keiner auf die Welt kommen.
So beschrieb es Paul Mesli an diesem Freitagabend im März 1963, und in seinen Zeilen klangen Ehrfurcht wie Erleichterung, Erstaunen, Liebe und Angst mit. Eine Machtperson ohnegleichen sei sie gewesen, und das, fügte er hinzu, obwohl ihr Herrschaftsbereich längst bis auf einen kleinen Kreis und ihre Hunde zurückgeschraubt gewesen sei.
Er dachte an die Hunde, die ihn einige Male erwischt hatten, so wie alle hier im Haus. Immer wieder hatte man sich unter den Bediensteten die Frage gestellt, wie die Tiere nach ihrem Tod eingeschläfert werden sollten, wenn sie niemand an deren Bett ließen. Seit dem heutigen Morgen war sich Mesli jedoch sicher, auch die Hunde würden mit dem Tod ihrer Herrin ruhig sein. Eng an sie gedrückt, mit großen scheuen Augen, bis der Tierarzt die Nadel in sie drückte.
Draußen ging der Wind weiterhin in warmen Böen, es war stockfinster. Nicht einmal über dem Wienerwald färbten noch letzte Ockertöne den Horizont in dunkles Blau, und Mesli wusste, das Verschwinden hatte begonnen.
Im Eckzimmer der Villa lag sie in ihrem Bett. Die letzte Prinzessin, zu deren Geburt in Prag und Budapest, in Lemberg, Salzburg, Triest, Brünn und Wien 21 Geschützsalven abgefeuert worden waren, während in allen Kirchen der k.u.k. Monarchie die Glocken geläutet hatten: Elisabeth Marie Henriette Stephania Gisela Petznek, geb. Habsburg-Lothringen. Die Tochter des Kronprinzen Rudolf, die Lieblingsenkelin Kaiser Franz Josephs. Und von ihm allein, Mesli, hatte sie sich verabschiedet, ihm hatte sie gedankt.
Jetzt, so schrieb er, komme der Tod auch zu ihr: Der Tod, dem keiner entgehen kann, auch wenn er Kaiser, König oder eine Person mit vielen Reichtümern auf dieser Erde war. Und dieser Tod, der selbst dem stärksten Leben ein Ende bereite, hoffte Mesli, werde ihr Frieden bringen:
Ich sage Frieden, – schon weil er hier so notwendig wäre. Die Stunde ist nun da, wo sie nicht mehr redet, wo sich ihre Hände nicht mehr schwingen u. die Hunde nicht mehr um sie bellen. Es war oft hart und schwer, sich unter diesen dramatischen Umständen zu halten, aber Gott wollte es, dass ich es bis zur Stunde erlebte.
Die Außenwelt weiß nur ganz wenig, was sich alles in dieser Einsamkeit abgespielt hat. Es ist auch gut so. Fast jeden Tag ein anderes Ereignis, ein anderes Erlebniß. Bald, ja bald werden auch wir aus diesem Hause gehen müssen, auch für immer. Es war hier schwer. – aber trotz allem schön, ja doch so schön.
Solche Sätze finden sich in seinen Aufzeichnungen. Sie enden mit der Zeile: Niedergeschrieben von Paul Mesli, langjähriger Gärtner und Portier zugleich.
Der nächste Morgen kam und schien hell in das Zimmer der reglosen Frau, strahlte auf die Blumen und auf die Bilder. Die Hunde lagen wach neben ihr, waren still. Elisabeth Petznek öffnete noch einmal die Augen. Die ersten grünen Knospen waren an den Ästen der hohen Laubbäume zu sehen, ebenso an den Sträuchern, die sich leicht im Morgenwind bewegten. Die Magnolie blühte, und die alte Prinzessin spürte Wind in ihrem Gesicht.
Es war der Wind von Pola, der jetzt über ihre Wangen, ihre Augen und die Stirn strömte. Es war das Meer und die Erinnerung an eine der wenigen Lieben ihres Lebens. An eine Zeit, in der sie geglaubt hatte, nur durch einen Mann zur Frau gemacht werden zu können. Eine Frau, die sich nicht mehr vor sich selbst als Mädchen fürchtete.
Ganz so, wie sie es noch als 17-Jährige tat, als ihr schon die erste Verliebtheit als Fluchtmöglichkeit erschienen war. Allen Ängsten und tauben Stellen glaubte sie damals an der Seite eines Mannes zu entkommen: Otto Windisch-Graetz, dessen Gewandtheit und Stärke Rettung, Rebellion und ein eigenes Leben sein sollten. Sofort wollte sie ihn heiraten und setzte diesen Wunsch nicht nur gegen den Willen des Großvaters durch, sondern auch gegen den Willen ihres zukünftigen Mannes. Blind für Jegliches außerhalb ihres Wollens und Sehnens und ohne Blick für alles außerhalb ihrer Schrecken, die sie als verheiratete Frau für immer hinter sich zu lassen hoffte. Vor allem das schreckensstarre Mädchen selbst, in all ihrer Angst, ihrer Einsamkeit und ihren Träumen.
In Pola, zwei Dutzend Jahre später und mitten im Krieg, hatte sie an solche Fluchtmöglichkeiten noch geglaubt, bedingungsloser als zuvor, ohne sich um Konvention, Anstand, die Verpflichtungen ihrer Herkunft oder jene ihrer Ehe zu kümmern. Damals, angesichts der Liebe zu einem Mann, der ein Held für sie sein wollte und daraufhin bei einer irrwitzigen Unterseebootattacke gegen die italienische Marine irgendwo in den seichten Gewässern vor Venedig starb.
Elisabeth Petznek spürte ihn, dessen Manschettenknöpfe mit dem eingravierten U12 in ihrer Nachtkästchenlade lagen, immer noch. Neben dem Band einer Matrosenmütze mit goldeingewebter Aufschrift S.M. Untersee-Boot XII. Sie hörte die ersten Autos des Tages in der Linzer Straße und spürte, wie eng die Hunde sich an sie drückten.
Ihrer letzten und wohl auch ersten Liebe, Leopold, hatte sie später alles über Egon Lerch, den U-Boot-Kapitän erzählt. Egon Lerch, der sie damals tatsächlich das Mädchen vergessen ließ. Für ein Leben hätte das nicht gereicht, nicht für ein Leben wie ihres und die ewigen Schatten darin. Das Mädchen in ihr, es trotzte selbst dem stärksten und abenteuerlichsten Mann, es ließ sich weder vertreiben noch vergessen. Doch es hatte sich beschützen lassen. Vom einzigen Mann, der auch das kleine, starre Mädchen in ihr ertrug und den sie viel später endlich heiratete.
Leopold, sagte sie, wie so oft in solchen Augenblicken, nun unhörbar leise, und dachte an seine Arme und an die Beuge zwischen seiner Schulter und seinem Ohr. Bis heute sah sie sich neben ihm stehen, wie sie damals den abziehenden Polizisten, ihrem ersten Mann, Otto, und dessen Freiwilligenschar aus Weltkriegssoldaten nachblickte, als der ihr 1921 beinahe die Kinder entrissen hatte. Danach drehte sie sich zu Leopold und legte ihren Kopf in diese Beuge, bevor sie sich zum ersten Mal umarmten.
Weder die Hundertschaft an Arbeitern noch sonst irgendeine Gewalt hätten Otto Windisch-Graetz damals aufhalten können. Vor dem Gesetz war er auch in der Republik im Recht gewesen, es hatte keinerlei Einspruchsmöglichkeiten mehr gegeben. Ihre alleinige Verantwortung wäre es gewesen, die Arbeiter rechtzeitig zurückzurufen, bevor sie widerrechtlich Kopf und Kragen für sie riskierten. Das hatte sie damals genau gewusst. So wenig sie es auch akzeptieren hatte wollen. Doch sie hatte Leopold versprochen, sich dieses eine Mal zurückzuhalten. Das war seine Bedingung gewesen. Alles andere hatte er erledigt.
Durch seine Ruhe wehrte er an dem Tag Gerichtsurteil wie Waffengewalt ab. So unerschütterlich, wie sie sich das nicht einmal an ihrem Großvater je vorstellen hatte können.
Sie war vor Wut damals beinahe geplatzt. Otto war vor ihnen gestanden, er hatte sie angesehen, voller Verachtung. Und aus irgendeinem Grund war es ihr möglich gewesen, sich in diesen Augenblicken einzugestehen, sie allein habe ihn unbedingt heiraten wollen – ja, sie hatte ihn mit Hilfe ihres Großvaters regelrecht in die Ehe gezwungen. Nun tat er ihr zum ersten Mal leid.
Otto hatte sich bereits zu Leopold gewandt. In der Hand hielt er immer noch das Urteil des Richters. Leopold sah ihn an, da streckte ihm Otto die Hand entgegen. Leopold nahm sie, schüttelte sie kurz, dann drehte sich Otto um und ging.
Sie sahen ihm nach, wie er seine Leute sammelte und zum Schlosstor hinausmarschierte. Elisabeth wollte Leopolds Hand nehmen und spürte erst, dass er ihre bereits hielt. Daraufhin drehte sie sich zu ihm und wollte in seiner Umarmung weinen. Doch da war keine Träne. Was sie damals spürte, war nur eine Ahnung davon gewesen. Bis sie wirklich weinen konnte, sollte es noch lange dauern. Diese erste Anmutung einer Träne hatte nur eine Bahn gelegt. Nun war sie offen.
Leopold
Ganz glatt und seidig fühlte sich ihre Wange unter dieser Träne nun an. So lange war sie schon bei ihr, fast ein ganzes Leben. Leicht wehte der Wind von draußen über ihr Gesicht.
Über die Träne, über die Haut und das Mädchen.
Paul Mesli wartete an diesem Morgen noch eine Zeitlang auf ihren Anruf. Dann ging er von seinem Portiershäuschen zur Villa hinüber.
Die Hunde waren still wie am Vortag. Sonst hörte man sie gleich beim Öffnen der großen Türe zur Eingangshalle. Nur der Braunbär in der Ecke blickte ihn an wie immer, eine Jagdtrophäe Kronprinz Rudolfs, die jeder Besucher hier bestaunte. Mesli nahm die Stufen in den ersten Stock, hörte den Hall seiner Schritte am Marmor und blieb vor dem Schlafzimmer Elisabeth Petzneks stehen.
Er horchte, und er hörte nichts, kein Geräusch.
Mesli klopfte an die Tür.
Das Schwarz, das kleine Mädchen konnte es nicht verstehen, dieses Schwarz all der Tücher und Drapierungen an den Wänden der Hofburg, sogar die Lieblingszeichnungen in ihrem Zimmer waren verhängt. Vor den Fenstern der Hofburg fielen dichte Schneeflocken, böiger Wind fuhr über die Plätze. Es war der 30. Januar 1889, ein Mittwoch, und ihre Mutter sagte Elisabeth Marie, die alle Erzsi nannten, ihr Vater würde von nun an im Himmel sein und friedlich für sie beten.
Tatsächlich klang nichts von dem, was sie an diesem Tag wie an den folgenden mitbekam, so, als ob ihr Vater auch nur in der Nähe eines Himmels wäre. Schon gar nicht der Schrei, mit dem alles begonnen hatte.
An dem Vormittag hatte die Mutter ihre Gesangsstunde, Elisabeth war mit ihrer Gouvernante im Kinderzimmer. Meist wurde um diese Zeit aus einem Buch vorgelesen, auf Ungarisch oder Französisch. Dann erst waren die Puppen an der Reihe. Darauf freute sie sich immer. An dem Tag nicht. Denn sie hatte in der Nacht von ihrem Esel geträumt. Sie hatte ihn vor einen kleinen Wagen aus Holz spannen lassen und war mit ihm durch die Stadt gefahren. Die Sonne schien und sie kam bis hinaus nach Schönbrunn. Als sie aufwachte, spürte sie den Fahrtwind noch wie ein Blinzeln an ihrer Haut. Dazu die Wärme der Sonne und den Papagei, der im Wagen vor sich hin plapperte.
Esel und Papagei, sie hatte sich noch nie etwas so gewünscht. Ganz genau hatte sie allen erklärt, was sie mit ihnen anfangen würde, wenn man ihr den Wunsch erfüllte. In manchen Momenten waren diese Vorstellungen so lebendig gewesen, als wären sie bereits ihre Kameraden. Trotzdem konnte sie es zuerst nicht glauben, als zu ihrem Geburtstag tatsächlich ein Esel und ein Papagei im Zimmer auf sie warteten. Der Esel hatte sich geschüttelt, er war am Fensterstock angeleint, ohne zu schreien. Auch der Papagei war still gewesen. An ihm hatte sie Ähnliches – im Unterschied zum Esel – seitdem kaum mehr erlebt. Selbst in der von Ablenkungen peinlich frei gehaltenen Nachmittagsruhe oder während der französischen und ungarischen Bücherstunden nach dem Frühstück schaffte es keiner, ihn durchgehend ruhig zu halten.
Hurra, hurra, hurra – schallte es durch ihre Mädchengemächer. Als Nächstes imitierte er ein Weinen, schüttelte den Kopf und lachte einen daraufhin schallend aus. Die meiste Zeit aber brabbelte er einfach vor sich hin. In einer wilden Mischung aller möglichen Geräusche, in der das Knarren einer Tür übergangslos in den abfällig ausgesprochenen Namen der Gouvernante, des Esels oder aller möglichen Kruzitürken übergehen konnte.
In Wirklichkeit, das wusste sie genau, vermisste der Papagei den Esel im Schloss. So wie sie. Sie hätte dem Esel auch ihr halbes Zimmer abgegeben. Selbst als ihr erklärt wurde, er gehe auf seinem Stroh auch aufs Klo, war sie bei ihrem Wunsch geblieben, hatte sich damit jedoch nicht bei ihrem Vater durchgesetzt. Dabei war er es gewesen, von dem sie ihren Esel bekommen hatte, während der Papagei von der Mutter stammte, die den Vogel am liebsten ebenfalls draußen im Stall gesehen hätte. Zum Glück hatte sie sich bislang nicht dazu durchringen können.
Das Eselein ist der Vater, der Papagei die Mutter und ich bin das Mädchen von den beiden, so lautete die Spielanordnung, und Elisabeth spielte das in diesen letzten Monaten oft, in denen sie ihre Mutter beinahe jede Woche schreien hörte. So schreien, so unflätig schreien, wie das bei ihrer Strenge und Gottesfürchtigkeit niemand von ihr glaubte. Meist geschah es am Morgen. Womit es zusammenhing, konnte sie sich nicht erklären. Doch aus den aufgeschnappten Beschimpfungen wurde ihr allmählich klar, dass der Vater nachts in der Stadt gewesen war. Die Mutter beschimpfte ihn mit unbekannten weiblichen Namen – der Schmerz, den Elisabeth dabei spürte, berührte etwas, das sie nicht begreifen konnte.
Ja, mein Mädchen, das mit dem Esel, das mag stimmen, erklärte der Vater dann lachend. Selten stimmte auch die Mutter in das Lachen ein.
Und du bist die Prinzessin, fügte er hinzu, eine Prinzessin, wie es nur die Prinzessin eines Esels sein kann.
Dann funkelte Elisabeth ihn an, und er herzte sie so innig, dass sich auch die wildeste Mädchenempörung sofort in ein Gefühl von Geborgenheit auflöste.
An diesem Morgen war der Papagei still gewesen. Nur in ihrem Traum hatte er geplappert. Vor ihr der Esel mit fliegenden Ohren und sie im warmen Wind. Dann spürte sie die kalten Mauern der Hofburg neben sich, vor denen sie sich so fürchtete, und freute sich nicht einmal, als sie im tristen Grau der hohen Fenster die dichten Schneeflocken sah. Sie schloss die Augen, doch der Traum kam nicht mehr zurück. Stattdessen das seltsame Gefühl von Leere und Schmerz darüber, wie etwas von einem Augenblick zum anderen so unerreichbar sein konnte. Selbst wenn es nur ein Traum war.
So hatte dieser Mittwoch begonnen. Sie hatte an ihren Esel draußen in den warmen Schönbrunner Ställen gedacht, die Gouvernante hatte ihr vorgelesen und der Papagei hatte weiter nur vor sich hin gebrütet. Dann das Schreien der Mutter, gefolgt von einem knurrenden Hurra! des Papageis. Die Gouvernante hatte nach einem kurzen Pscht! wie immer beflissen weitergelesen. Normalerweise äffte der Papagei sie sofort nach. Diesmal nicht. Genauso wie auch das Schreien weder erneut aufflackerte noch in eine Schimpftirade überging.
Der Vater war gekommen, er war zurück, und irgendetwas versetzte ihre Mutter wieder einmal in Wut. Doch Hauptsache, er war zurück. Gleich würde er zu ihr gehuscht kommen und vielleicht Gerüche an sich tragen, die sie nicht kannte. Die Gouvernante würde sich unterwürfig schnell wegdrehen. Doch das wäre ihr egal, völlig egal. Selbst wenn er eines Tages tatsächlich als Esel bei ihr auftauchte, sie würde ihn umarmen, so fest sie nur konnte.
Später wird sie in diesem Morgen Zeichen suchen und Zeichen sehen. Im Schneefall draußen, im beharrlichen Schweigen des Papageis und in der wachsenden Leere dieser Augenblicke, in denen sie noch nichts wusste.
Jener Moment, als die Mutter mit ihren Hofdamen plötzlich im Kinderzimmer gestanden war, gehörte bereits zu einer anderen Welt. Die Mutter brachte kein Wort heraus, blickte sie lange an. Neben ihr die Oberhofmeisterin, dahinter die Hofdamen. Und in Elisabeth nichts als der plötzliche Wunsch, mitten in einem Traum zu sein.
Die Frauen kamen keinen Schritt näher, doch die Mutter begann zu flüstern. Zuerst verstand sie außer Vater, lieber Gott und Himmel wenig. Gleichzeitig aber war da noch eine andere Stimme, die um vieles deutlicher war. Sie kam nicht von der Mutter, auch von sonst niemandem. Sie war in ihr. Es war keine Stimme, es brannte nur.
Für Augenblicke glaubte sie, es wäre ihre Entscheidung. Sie müsste nicht vor den entsetzt um Fassung bemühten Blicken der Frauen verharren. Drehte sie sich einfach um, lachte ihr bestimmt sofort eine andere Wirklichkeit entgegen. Darauf liefe sie dann zu, wie sie ihrem Vater entgegenlief. Wie ein letzter Ankerpunkt sollte sie dieser Moment von nun an begleiten und ihr immer wieder aufs Neue sagen, alles hätte ganz anders sein können. Keine Sekunde in ihrem Leben würde das Gefühl verschwinden. Und darin sollte alles, was vor diesem Augenblick gewesen war, unerreichbar bleiben.
Im Himmel sei ihr Vater und werde nicht mehr kommen, sagte die Mutter leise und verhalten. Im Himmel, den sie sonst so inbrünstig beschwor. Nun klang es wie ein schäbiges Geheimnis.
Es war kurz nach zehn Uhr. Zu dem Zeitpunkt hatte nicht einmal Elisabeths Großvater etwas gewusst. Vielleicht hatte die Mutter deshalb so seltsam getan. Das Gefühl, dass am Tod des Vaters etwas nicht stimmte, dieses viel zu große Gefühl, war für Elisabeth nicht mehr auszulöschen, seitdem sie im Nachhinein begriffen hatte, dass im privaten Charakter, im Inoffiziellen der Grund für das unbeholfene Verhalten der Mutter gelegen haben mochte. Nicht einmal die tatsächlichen Widersprüche um den Tod ihres Vaters, all die Theorien und Beweise, die bereits während ihrer Jugendzeit hinter vorgehaltener Hand kolportiert wurden, später an sie herangetragen und nach dem Ende der Monarchie publiziert und öffentlich diskutiert wurden, hielten dagegen je stand.
Was sollte etwa die Frage, wann der tote Körper ihres Vaters gefunden worden war, angesichts der quälenden Leere darüber, wie es überhaupt sein könne, dass sich ihr Vater, längst entschlossen zu seiner Tat, vor dem Aufbruch zur Jagd nicht einmal bewusst von ihr verabschiedet hatte?
Stattdessen hatte er gescherzt und gelacht. Das war das letzte Mal, dass sie seine Stimme gehört hatte. Mittwochfrüh. Zwei Tage später fand man ihn als Toten. Kurz nach 8 Uhr 10, wie es im offiziellen Bericht hieß. Zumindest darin deckten sich die Angaben der vom Hof ausgesuchten Zeugen. Ging es um die Stunden davor, tauchten jedoch sofort jene seltsamen Widersprüche auf, die Elisabeth Jahr und Tag so scheute, da selbst die größte Ungereimtheit am Tod nichts änderte.
So hieß es etwa vom Kammerdiener Loschek, Elisabeths Vater habe ihn um 6 Uhr 10 mit dem Auftrag zu sich gerufen, die Pferde einspannen zu lassen. Daraufhin habe Loschek, kaum sei er zur Türe hinaus, zwei Detonationen gehört. Auf der Stelle sei er zurück, habe vor der Tür des Kronprinzen Pulvergeruch wahrgenommen, die Tür jedoch versperrt vorgefunden, woraufhin er sofort nach Graf Hoyos schicken ließ, der wenige Minuten vom Jagdschloss entfernt die Nacht verbrachte.
Lange konnte das angesichts der Dringlichkeit nicht gedauert haben. Eine Viertelstunde, vielleicht eine halbe. Sicherlich keine zwei Stunden, wie dies aus der beeideten Aussage des Grafen Hoyos hervorgeht. Demnach hätte Hoyos von Loschek lediglich erfahren, der Kronprinz habe dem Kammerdiener um 6 Uhr 30 in Nachtgewändern im Vorzimmer den Auftrag erteilt, ihn um 7 Uhr 30 noch einmal zu wecken, ein Frühstück bereitzustellen sowie den Fiaker Bratfisch die Pferde einspannen zu lassen. Um 7 Uhr 30 sei ihr Vater dann weder durch Klopfen an der Tür noch durch feste Schläge, am Ende nicht einmal mit einem Holzscheit zu wecken gewesen. So habe Hoyos das von Loschek erfahren. Gerufen habe man ihn jedenfalls erst kurz vor 8 Uhr.
Elisabeth wusste schon als Jugendliche über all das Bescheid. Es war ihr vorgekommen, all die Erklärungen und Aussagen hätten immer schon zu ihr gehört. Nicht bloß als Widersprüche, sondern als ein doppelter Boden, der ihr ganzes Leben unterhöhlte. So gut sie auch versucht hatte, all den Rumor, die Gerüchte und Recherchen von sich fernzuhalten, erlebte sie bei jeder noch so flüchtigen Begegnung, wie tief selbst die unglaubwürdigsten Erkenntnisse sie jedes Mal wieder trafen, wie wehrlos sie dagegen war und wie offen. Ganz gleich, um welche Theorie zum Tod ihres Vaters es sich handelte, rückgängig machte ihn keine. Auch dafür hasste sie jede neue Entdeckung schon im Vorhinein. Was auch immer geschehen sein mochte, am Ende blieb wieder nur die Leere seines Todes übrig.
Der Vater war weg und er hatte sich nicht von ihr verabschiedet. Dagegen gab es nichts, das auch nur annähernd so falsch sein konnte. Vielleicht war ihr deshalb die Tatsache, dass er die Nacht mit einer Siebzehnjährigen verbracht und diese vermutlich getötet hatte, nie sonderlich nahegegangen.
Dabei war sie selbst höchstens vierzehn gewesen, als sie die offizielle Version erfahren hatte. In Erinnerung ist ihr nur, wie lächerlich sie die Vorstellung gefunden hatte, dass Hoyos und Loschek aufgrund des zu befürchtenden unschicklichen Anblicks mit dem Aufbrechen der Türe auf das Eintreffen von Prinz Coburg warteten. Dessen Ankunft um etwa 8 Uhr 10 sowie der unverzügliche Beschluss der beiden Adeligen, den Kammerdiener nicht nur die Tür öffnen, sondern auch den ersten Blick auf das Geschehen werfen zu lassen, wurde von allen dreien in erstaunlicher Übereinstimmung bestätigt.
Für Elisabeth waren seitdem die Männer in ihrer Hilflosigkeit das einzig deutliche Bild geblieben. Und das, obwohl sie bereits als Jugendliche von Aussagen erfuhr, die in scharfem Widerspruch zu einem solchen Szenario standen. Denn allein die vom Grafen Hoyos nur wenige Tage nach dem Tod ihres Vaters abgegebene eidesstattliche Erklärung offenbarte einen gänzlich anderen Wissensstand, indem er angab, der Fiaker Bratfisch habe bereits um 7 Uhr Leibjäger Wodiczka mitgeteilt, dieser könne sich die übliche Vorausfahrt zum Jagdziel sparen, da der Kronprinz tot sei.
Nach dem Ende der Monarchie war sie immer öfter von Hobbyhistorikern, Hobbykriminalisten, Autoren und Journalisten mit ähnlichen Entdeckungen konfrontiert worden. Doch erst als Anfang der Dreißigerjahre Berichte von Bewohnern Mayerlings auftauchten, in denen es nicht mehr um bloße Ungereimtheiten ging, sondern um eine gänzlich andere Darstellung des Geschehens, verband sich mit dem bisherigen Bild eine Empfindung. Etwa bei der Beschreibung eines Tischlers aus der nächstgelegenen Ortschaft, der Böden und Täfelung aus den Privatzimmern ihres Vaters entfernte, bevor das Schloss auf Anordnung des Kaisers in Windeseile zu einem Nonnenkloster umgebaut wurde: Blutdurchtränkt seien Böden und Wände gewesen. Das Holz voll kleinster Scherben, so als sei mit Flaschen auf Leben und Tod gekämpft worden. Und tatsächlich erwähnten Leute, die sich in dieser Nacht in einer nahen Gaststätte aufhielten, wüsten Lärm, war die Rede von unzähligen Spuren im Schnee und Schüssen bereits mitten in der Nacht.
Es war unheimlich. Genau so hatte sie es als Jugendliche und, sofern sie die Erinnerungen nicht täuschten, bereits als kleines Mädchen geträumt. Davon hatte sie niemandem erzählt, keiner Gouvernante, nicht der Mutter, nicht dem Großvater, nicht einmal Papagei oder Esel. Denn anstatt bloß davon zu träumen und sich vor diesen Träumen zu fürchten, hatte sie sich danach gesehnt. Sie hatte sich diese Bilder auch als Hellwache immer wieder unter Anstrengung ihrer ganzen Vorstellungskraft zurechtgedacht:
Überall im Zimmer Kampfspuren, Blut, zerbrochene Möbel, Scherben und zerrissene Kleidung. Möglichst entstellt, doch gerade deshalb heldenhaft, so stellte sie sich ihren Vater vor und sah darin die Begründung, warum er sich von ihr nicht verabschiedet hatte.
Die offizielle Version, instinktiv war sie sich dessen bald sicher gewesen, konnte nur als möglichst blickdichte, widersprüchliche Trennwand zur Wirklichkeit gelten. Ein Paravent, der in all seinen Faltungen, seinen Winkeln und scheinbaren Öffnungen zu einem Labyrinth wurde, in dem jede Fährte ins Leere führte. Erst aus dieser Perspektive war für sie zu verstehen, wie etwa der Kammerdiener ernsthaft erzählen konnte, nach den beiden angeblichen Detonationen im Zimmer ihres Vaters ganz ruhig und ungerührt geblieben zu sein, bis dieser zur ausgemachten Zeit knapp eineinhalb Stunden später auf das vereinbarte Klopfen nicht reagiert hätte.
Diese Ruhe war nur aus ihrem Gegenteil heraus zu begreifen. Ganz gleich, ob sie nun bloße Behauptung war oder eine Anordnung, an die sich die beteiligten Personen an diesem Morgen zumindest nach außen hin hielten. Wie auch der bei ihrer Mutter aufgrund seiner Redseligkeit verhasste Fiaker Bratfisch, ein Heurigensänger, Kunstpfeifer und Witzeerzähler. Ausgerechnet er sei laut Aussagen von Einheimischen, wie es zwei Wochen nach dem Tod des Vaters im Le Figaro hieß, um 7 Uhr ins Dorfwirtshaus gekommen, eine Stunde lang geblieben und habe dabei mit keinem ein Wort gesprochen. Ganz so, als gälte es, eine festgesetzte Zeit abzuwarten. Eine Stunde, in der noch ein Anschein gewahrt bleiben musste. Zu welchen Vorkehrungen, Arbeiten oder tatsächlich als eine Stunde längeren Schlafes? Im Jagdschloss ihres Vaters, wo der Kammerdiener Loschek wiederum vom ortsansässigen Unterförster kurz nach 7 Uhr angeblich schlafend in seiner Stube angetroffen wurde, als dieser im Auftrag von Graf Hoyos nach dessen am Vorabend beim Kronprinzen vergessener Zigarettentasche suchen hätte sollen.
Alles das – der zum ersten Mal in seinem Leben in einem Wirtshaus stumme Bratfisch oder der nach zwei Detonationen vor der Tür schlafende Kammerdiener – glich dem Verhalten von Kindern, die ernsthaft behaupteten, nicht gesehen zu werden, wenn sie sich die Hände vor das Gesicht hielten oder die Augen fest zusammenpressten. So verhielt sich ihr Onkel, Prinz Coburg, als er sagte, man habe Loschek allein in die Gemächer geschickt, damit möglichst wenige Augen über das Entsetzliche und womöglich auch Standes- und Sittenwidrige wüssten, bevor der Kaiser zu entscheiden hätte. Dass der Kaiser keinesfalls unverzüglich informiert wurde, vor allem nicht als Erster am Hof, passte allerdings nicht in dieses Bild.
Es war nicht einmal Coburg, das engste Familienmitglied, der auf schnellstem Weg nach Wien oder zumindest zur nächsten Telegraphenstation eilte, sondern neuerlich ein bloßer Platzhalter, ein Vertreter: Graf Hoyos, der wiederum zuerst Rudolfs Oberhofmeister informierte, bevor er mit diesem zur Oberhofmeisterin der Kaiserin ging.
Die Kaiserin las zu dem Zeitpunkt – so sollte sie es im Rückblick immer wieder erzählen, als bedeutete auch dies etwas – mit ihrer Griechischlehrerin gerade Homer. In der Zwischenzeit war es aufgrund der vielen Übermittlungsstationen sicherlich knapp 10 Uhr. Kurz davor war die Nachricht in Richtung Kronprinzessin Stephanie, Elisabeths Mutter, abgezweigt. Und damit auch zu Elisabeth selbst. Zu einer Zeit, in der selbst die Benennung der Todesursache Umwege ging. So erfuhr man von Graf Hoyos am Hof von einem Tod durch Vergiftung, obwohl der Graf bereits am Bahnhof Baden als Begründung für den außerplanmäßigen Stopp der Südbahn den Tod des Kronprinzen durch Erschießen angegeben hatte. Entsprechendes war im Laufe des Tages von der Rothschild-Bank als Mehrheitsaktionärin der Südbahn-Gesellschaft an alle europäischen Hauptstädte gekabelt worden, während der Kaiser immer noch glaubte, einen Giftselbstmord vertuschen zu müssen, indem er auf die Todesursache Herzschlag setzte.
Trotzdem, der Tod ihres Vaters war zu ihr gedrungen. Daran hatte sich nichts ändern lassen. Es war an dem Tag und an dem Morgen mitten im Winter gewesen. Draußen hatte es geschneit, der Papagei hatte stur geschwiegen. Die Mutter sang, dann schrie sie. Und Elisabeth war sich ganz sicher gewesen, dass ihr Vater wieder einmal über Nacht weg gewesen war, und nun auf eine unnennbare Weise roch, die sie Jahre später stets als etwas Magnetisches erfahren sollte: diesen Geruch von Lust, Schweiß und Grenzenlosigkeit.
Danach war es ganz still geworden. Kein Vater, kein Scherz. Die Mutter stand mit ihren Hofdamen in der Tür, verweint und ganz starr. Elisabeth erinnerte sich, dass sie sich im ersten Moment fragte, wie aus diesem verschlossenen Gesicht die paar Tränen gekommen waren. Dann ein Wink in ihre Richtung, eine Hand auf ihrer Schulter und ein Flüstern von Himmel, von Frieden und vom Vater, das anstatt eigener Träume nichts als Abwehr und Taubheit an ihr verursachte.
Später träumte sie oft, dass sie die Mutter als Nächstes einfach anschrie, sie schlug und entstellte. So wie sie es von ihrem Vater träumte. An der Mutter tat sie es im Traum jedoch ganz allein – und zerriss ihr das ganze Gesicht.
Mesli hatte geklopft. Nichts rührte sich, kein Mucks. Sein erster Gedanke: Jetzt sind die Hunde mit ihr gestorben. Er wollte ein zweites Mal klopfen, doch etwas hielt ihn zurück. Angesetzt hatte er bereits und sollte noch lange die starre Haltung der gekrümmten Finger an sich spüren. So als hielte er sie weiterhin zum Anklopfen bereit – und empfand in diesen Augenblicken eine Leere ringsum, wie er das nur aus Träumen kannte, wenn er auf einmal in den tiefen Schlund der Haltlosigkeit fiel, die so unendlich wie sonst nichts im Leben war. Dann riss es einen, man schreckte hoch und war munter. Der Fall gehörte zum Traum. Doch das Aufwachen bedeutete nicht die Rettung.
Die Leere rund um die zum Anklopfen bereiten Finger kam aus keinem Traum, sie kam aus jenen Momenten vor der Tür zu seiner Gnädigen Frau. Er stand da, den Atem angehalten, und hatte kein zweites Mal geklopft. So als fürchtete er, sie mit einem weiteren Geräusch doch noch zu wecken.
Dann drückte er langsam die Klinke und öffnete die Tür. Die Hunde starrten ihn an, und zwischen ihnen lag eine Tote. Die schwarze Seidenhaube auf ihrem wie immer hochgebetteten Kopf, der Mund halb offen. Er ging einen Schritt auf das große Bett zu, dann noch einen. Keine Reaktion, die Hunde rührten sich nicht von der Stelle. Sie sah friedlich aus, doch auf einmal schien ihm, als habe es sie nie gegeben. Alles, was sie bis vor kurzem ausgemacht hatte, war immer noch nah: Stimme, Bewegung, Temperament, Leben. Angesichts dessen, was sie einmal gewesen war, welche Kaiser und Kaiserinnen ihr aus den unzähligen Bildern an der Wand über die Schultern blickten, kam ihm alles Angreifbare und mit ihr Erlebte auf einmal wie eine Täuschung vor. Fast so, als wäre sie nun als Hochstaplerin enttarnt.
Er musste jetzt sofort die Fenster öffnen, sagte er sich. Die Hunde schauten ihm zu. Er tat es und spürte eine seltsame Spannung und Furcht, als zöge tatsächlich ihre Seele in die warme Luft hinaus. Dann drehte er sich um, musterte die Tote, und die Hunde blickten an ihm vorbei, als sähen sie ihr in den weit offenen Fenstern nach.
Der Brief fiel ihm ein. Jeden Tag hatte sie in den letzten Wochen und Monaten danach verlangt. Sie hatte sich nach den Blumen erkundigt und wie immer auf die genaueste Einhaltung des Ernährungsplanes für die Hunde bestanden. Sie hatte nach Ärzten schicken lassen sowie nach dem ihr stets so wichtigen Wunderheiler. Bis in die kleinsten Details hatte sie ihre testamentarischen Bestimmungen geregelt, hatte stundenlang telefoniert, nicht selten gelacht. Er hatte allerdings bei alldem stets das Gefühl der Abschottung gehabt. So wie sie ihre Kinder und Enkelkinder in dieser Zeit in einer Unerbittlichkeit und Härte von sich ferngehalten hatte, die nicht zu beschreiben, nicht zu verstehen war.
Der Brief war die einzige Lücke gewesen. Kurze Augenblicke, in denen sie sich einen kleinen, verschlossenen Raum Sehnsucht erlaubte. Doch keinesfalls länger, da sie sonst nicht zu beherrschen war.
Vielleicht waren solche Grenzziehungen auch der Grund für den Schutz gegen jedwede Nähe, in der die Sehnsucht angesichts des nahenden Todes nicht mehr zu kontrollieren gewesen wäre. Und der ungeöffnete Brief, dessen Poststempel Mesli in all den Tagen und Jahren nur ein einziges Mal einigermaßen zweifelsfrei entziffert hatte, war Schutzmauer und Höhle zugleich: eine dünne, papierene Schutzmauer und eine klaustrophobisch enge Höhle.
Draußen rauschten die Bäume, immer wärmere Luft strömte herein. Mesli war an den Sekretär getreten. Gemeinsam mit dem Schminktisch zwischen den großen Fenstern stammte er aus dem Jagdzimmer in Mayerling. In den hohen Schminkspiegel hatte wohl auch Mary Vetsera in ihrer letzten Nacht geblickt. Jetzt konnte er das Bett darin sehen. Einen Teil des toten Körpers der Gnädigen Frau unter der weißen Bettdecke, einer der beiden Hunde mit abschätzigem Blick auf ihn, während er zur Schreibtischlade griff.
Wie erzählt wurde, habe die Gnädige Frau in den Jahren, aus denen der Brief stammte, in ihrem Schönauer Schloss mit allen erdenklichen Mitteln versucht, Kontakt mit dem Jenseits aufzunehmen. Wochen- und monatelang habe sie die bekanntesten und berüchtigtsten Parapsychologen und Medien im Schloss zu Gast gehabt. Offenbar hätten sogar ihre Kinder an den Experimenten teilgenommen. Doch all das waren nur Gerüchte, Erzählungen aus zweiter, dritter Hand.
Irgendwann habe sich alles verselbständigt. Messer seien von selbst durch Räume geflogen, Betten nächtelang nicht mehr still gestanden. Und jedes Mal wenn die Geschichten bei solchen Bildern landeten, schien ihm alles, sosehr es ihn anzog, nur blühende Erfindung zu sein. Ganz sicher war er sich in solchen Augenblicken. Doch die Kinderschrift auf dem Brief hatte immer wieder gereicht, das Undenkbare nicht gänzlich zu vergessen.
Die Lade war offen und er war überzeugt, nun die letzten Geister zu vertreiben. Er, Paul Mesli, ganz allein. Niemand sonst wusste von ihrem Tod. Vorerst war sie nur für ihn gestorben. Er dachte an die Herrscher auf den Ölbildern hinter ihr. Und ihm war, als sei das Reich dieser Familie erst jetzt untergegangen. Hier, in diesem Zimmer, direkt vor seinen Augen.
Nun musste dieser Brief geöffnet werden. Die Tiere ließen ihn gewähren. In dem Moment fühlte er sich ertappt. Er stand da, die Hand an der geöffneten Lade. Noch war nichts geschehen. Trotzdem musterte er durch den Spiegel das Antlitz der Toten nach einem Anzeichen, sie könnte noch einmal aufgeatmet haben. Doch das war unmöglich.
