Der Räuber - Martin Prinz - E-Book

Der Räuber E-Book

Martin Prinz

0,0

Beschreibung

Rettenberger läuft Kilometer um Kilometer, aus der Stadt, über Felder. Hinter ihm wirbeln Blaulichter durch die Nacht, vor ihm dehnt sich die Landschaft. Da wird es leichter, er setzt nur noch die Fußspitzen auf, hebt gleichsam ab, fliegt seinen Verfolgern davon. »Ich laufe davon, unentwegt kam dieser kaum hörbare Satz wieder, bei jedem neuen Schritt. Und dieses Reden versorgte ihn spürbar besser mit Luft, durchdrang leichter die Enge im Hals, diese Barriere seiner stummen Angst, und überspielte selbst die Hast in seinem Atmen.« Als »Pumpgun-Ronnie« wurde der Bankräuber, der bei den meisten seiner Überfälle eine Reagan Maske trug, Ende der achtziger Jahre berühmt. Fernsehen und Zeitungen berichteten in allen Ausgaben über seine Flucht, die er, der Marathonläufer, vier Tage lang überwiegend zu Fuß bestritt. Martin Prinz, ebenfalls Läufer, hat ihn gekannt und zum Helden seines ersten Romans gemacht.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Der Räuber

Die Arbeit an diesem Buch wurde unterstützt durch einAufenthaltsstipendium im Atelier des Landes Niederösterreichim Bundesländerhaus Paliano.

© 2002 Jung und Jung, Salzburg und WienAlle Rechte vorbehaltenSatz: Fotosatz Rizner, SalzburgDruck: Friedrich Pustet, RegensburgISBN 3-902144-40-8

MARTIN PRINZ

Der Räuber

Roman

Für Kathi

Inhalt

Die Flucht des Räubers

Der Räuber sitzt in der Falle

Der Tod des Räubers

Ich werde mich nicht müde werden lassen.

Franz Kafka, Tagebücher

Die Flucht des Räubers

Mit einem Schlag war ihm die eingeatmete Luft in den Lungen ballonartig leicht geworden. Behende sprang der Bankräuber Rettenberger am 12. November 1988, nachdem er zur abschließenden Befragung geführt worden war, auf einen der Schreibtische des Verhörzimmers. Keiner der drei Beamten rührte sich. Einer hielt die ihm von Rettenberger zugeschleuderte Thermosflasche wie einen glücklich gefangenen Ball. Die beiden anderen schienen in ihrem Schreck gefangen, sahen nur zu, wie Rettenberger, von einem Tisch zum anderen setzend, durchs halboffene Fenster verschwand.

Bevor er hinunterschauen hatte können, war Rettenberger gesprungen. Womöglich hatte er eine Erleichterung verspürt, als er das Autodach im Finstern auf sich zukommen sah. Ein erster Moment der Sicherheit. Er würde sich nicht die Beine brechen. Das Autodach knickte, dellte sich, im Krachen federte es seinen Sprung ab. Rettenberger schaute in den Hof, er atmete aus, schon im Einatmen aber war die Panik da, die Mauern der umliegenden Kasernengebäude rückten näher; mit ein, zwei Schritten sprang er vom Auto hinunter in Richtung Hofausfahrt. Kalter Wind kam ihm auf der Straße entgegen. Rettenberger konnte kaum atmen.

Entlang der Kasernenfront hetzte Rettenberger den Rennweg stadtauswärts. Bei jedem Schritt stemmte er sich mit dem Drang zu entkommen vom Boden weg, doch seine Lungen drückten sich ihm immer mehr in den Hals. Eisiger Wind schnitt durch seine Hose und den dünnen Pullover. Die Kälte hatte seinen ganzen Körper erfaßt. Er rannte, so schnell er konnte. Und trotzdem war gegen die sich ausbreitende Fühllosigkeit kaum anzukommen. Jeden Augenblick erwartete er den Moment, da die Polizeiautos in einer langen Schlange aus der Rennweg-Kaserne herausgeschossen kämen. Er würde dann stehenbleiben, versuchen, beiläufig weiterzugehen, um so schnell wie möglich in einem Hauseingang oder einer Nebenstraße zu verschwinden. Doch er fürchtete, in dem Moment nicht einmal mehr gehen zu können, stattdessen nur in sich zusammenzuklappen. Halb erstickt zitternd. Und die Verfolger könnten ihn einfach vom Asphalt auflesen.

Dann blieben die Gefängnismauern weiterhin festgefügt um ihn, er hätte sich nur ein weiteres Mal dagegen geworfen, seine ganze Hoffnung sich allein in dieser unerfüllbaren Sehnsucht erschöpft. Im Gefängnis verstummte jedes Verlangen. Jede Bewegung verläuft sich auf so engem Raum zwangsläufig im eigenen Körper. Man wird ruhig und teilnahmslos. Die Mauern sperren nicht nur ein, sie nehmen auch das Reden, das Atmen und den Herzschlag. Die Mauern leben einem das Leben weg. Sie sind eine zweite Haut, ein Gesicht, ein zynisches Grinsen.

Wenig Leute waren auf der Straße, kaum Autos. Es blieb eigenartig still. Während die meisten Leute zu Hause beim Abendessen oder den Fernsehnachrichten dieses Samstags saßen, kümmerten sich die auf den Straßen verbliebenen Spaziergänger um nichts, was rund um sie vorging. Rettenberger hörte unentwegt nach hinten und wünschte sich nach vor zur Kreuzung: dorthin mußte er kommen. In seinem gehetzten Laufen bekam er noch immer kaum Luft, jeder Schritt fiel ihm schwer, doch er drängte mit all seiner Kraft voran. Solange er hier am Rennweg war, brauchte sich die Schlange der Verfolger nur aufzuteilen, um die Straße stadteinwärts und stadtauswärts nach ihm abzusuchen. Das könnte ihnen gerade noch gelingen. Ich laufe um mein Leben, preßte er hechelnd aus seinem Mund hinaus, es blieb bei einem Murmeln. Und doch wollte er gegen die Stille der Straße und der Passanten schreien und im nächsten Moment darüber hinweglaufen, als müßte er sein eigenes Schreien ersticken. Ich laufe davon, unentwegt kam dieser kaum hörbare Satz wieder, bei jedem neuen Schritt. Und dieses Reden versorgte ihn spürbar besser mit Luft, durchdrang leichter die Enge im Hals, diese Barriere seiner stummen Angst, und überspielte selbst die Hast in seinem Atmen.

Am Dienstag, den 12. August 1985, fuhr Rettenberger mitten in der Nacht zur Wohnung seines Kollegen Erwin Kollhammer und erschoß ihn dort aus nächster Nähe. Erst drei Jahre später wird Rettenberger mit der Tat in Verbindung gebracht. Während seiner Flucht sollte in der Zeitung stehen, daß er das ständige Rauchen Kollhammers während der Pausen des gemeinsam besuchten Wifi-Kurses nicht mehr ausgehalten hatte. Und neben anderen Mutmaßungen über die Person des Täters auch, daß Rettenberger gepflegte Hände habe und daß er, wenn er erregt sei, eine höhere Stimme bekomme.

An der Kreuzung Rennweg – Landstraßer Hauptstraße könnte er nach links in Richtung Prater laufen, eine Gegend, die er in- und auswendig kannte, oder den Rennweg gerade weiter in die Simmeringer Hauptstraße zum Zentralfriedhof. Als er kurz vor der Kreuzung jedoch das erste Folgetonhorn hinter sich hörte, bog er ohne weiteres Nachdenken nach rechts, rannte die Unterführung der Aspangbahn hinunter und versteckte sich auf der anderen Seite im Gestrüpp des Bahndamms. Überall waren Polizeiautos; statt des ruhigen Abendlichts am zuvor so friedlichen Rennweg wirbelten die Blaulichter nervös durch die Nacht, als Schein tausender Augen. Rettenberger zitterte, es schüttelte ihn geradezu. Dennoch wurde er nun ruhiger. Er atmete tief. Langsam bekam er sich in den Griff. Es würde ihm auch wieder warm werden. Er mußte nur weiterkommen. So schnell würden sie ihn nicht stellen. Und tatsächlich wurde es wieder still. Die Blaulichter hatten sich verflüchtigt. Er stand auf, lief die Straße entlang des Bahndamms weiter. Vorne tauchten die Eingangsgebäude des St. Marxer Friedhofs auf.

Es war eine halbe Stunde vor Mitternacht. An die Tür von Erwin Kollhammer, 28, wird geklopft. Kollhammer und seine 24-jährige Frau Christa werden wach. Als sich das Klopfen wiederholt, bittet Christa Kollhammer ihren Mann doch einmal nachzusehen. Kollhammer geht zur Tür und hat im nächsten Moment eine ganze Schrotladung im Kopf.

Kollhammer hat keine Chance. Als Minuten später seine Frau, vom Knall der Waffe aufgeschreckt, nach ihrem Mann sieht, ist dieser bereits tot – verblutet an der Schwelle seiner Wohnungstür. Vom Schützen keine Spur. Auch die Nachbarn haben nichts gesehen; lediglich einige haben den Knall der Waffe gehört, ihn aber für das Zuschlagen einer Tür gehalten.

Nach der Aspangbahnstation Simmering bog Rettenberger vom Bahndamm ab, nahm die Grillgasse Richtung Laaer-Berg. Die Straße war breit, ohne Büsche, er lief am Gehsteig, daneben eine lange Reihe von leeren Parkplätzen der umliegenden Bundesbahn-Hauptwerkstätten. Nun fürchtete er sich nicht mehr dermaßen, auf der Stelle festgehalten und verhaftet zu werden. Stattdessen spürte er langsam, wie ihn die Strecke bergauf anstrengte, ihn zur Konzentration auf seinen Schritt, seine Haltung zwang. Er sah ganz wie ein Sportler aus. Nicht allein wie ein Räuber. Er blieb bei seinem verhaltenen Schritt, mußte in sein Laufen erst hineinkommen.

Rettenberger erreichte die Station der am Fuß des Hügels in die Stadt hineinzielenden Ostbahnstrecke. Beim Überqueren des Fußgängerübergangs krachten die stählernen Stufen unter seinen Schritten. Rettenberger blieb stehen. Augenblicklich hörte das Krachen auf. Er schaute über die Gleise. Wie Schatten waren am anderen Ende Wiens die Konturen der entlang der Höhenstraße aufgefädelten Hügel erkennbar. Dort lag die Stadt beschützt da, beschaulich, während sie sich hier, anstatt sich an dessen Abhang anzulehnen, in den vielen Industrieanlagen und Bahnstrecken rund um den Laaer-Berg verlor.

Genau in dem Augenblick, da Kollhammer die Tür öffnete, schoß ihm Rettenberger ins Gesicht. Kollhammer sackte sofort zusammen. Schon im Zurückweichen nach dem Getroffenwerden spritzte das Blut aus ihm heraus, rann dann neben dem leblos Daliegenden in Lachen zusammen. Und obwohl Rettenberger sich sofort umdrehte und die Stiegen hinunterlief, blieb ihm diese Szene wie eine Zeitlupensequenz aus einem Film im Gedächtnis. Der Schuß, Kollhammers zerfetztes Gesicht, das kurze Taumeln und das dicke, warme Blut, wie es aus Kollhammer herausplatzte, als hätte es schon immer danach gedrängt.

Allein an der Beschaffenheit der Straße merkte Rettenberger, nachdem er die Ostbahn überquert hatte, daß hier eine andere Welt begann. Der Asphalt war uneben, bucklig und gleichzeitig abgefahren, mit vielen glatten Stellen, eine richtige Landstraße.

Rettenberger lief in der Mitte der Straße. Nach einer Kurve begann der Anstieg auf den Laaer-Berg. Hinter ihm tauchte der helle Schein Wiens wieder auf. Die Dunkelheit und Leere der Industrieanlagen verschwanden in diesen Lichtern. Die Stadt spielte kokett ein leuchtendes Meer, während er den Laaer-Berg hinauflief und staunte, wie auch die Gegenden der größten Verlorenheit von diesem Glitzern überzogen wurden. Rettenberger schaute nicht mehr zurück. Er glaubte, die Lichter warm in seinem Rücken zu spüren. Wie den Blick eines lieben Menschen. Einen Blick, der einem beim Weggehen still alles Gute mitgibt. Vor ihm schlängelte sich die Straße in immer mehr Kurven ziemlich steil hinauf; für richtige Kehren war die Strecke jedoch viel zu kurz. Schon wurde es wieder flacher, und nach einer weiteren Kurve war er mitten im Böhmischen Prater. Ein altes Ringelspiel, eine Schiffsschaukel für Kinder. Das Areal war unbeleuchtet, trotzdem erkannte er die bleichen Farben, das Grün, das Rot. Die Stille zwischen den leeren Buden war gespenstisch, auch das Auftauchen dieser Farben im Dunkeln. Rettenberger bog zwischen dicht stehenden Bäumen in einen geschotterten Forstweg ein, der hinter dem Autodrom zum Laaer-Wald führte. Er hörte bei jedem Schritt den Widerhall seines eigenen Laufens. Ein höhnisches, ein verlorenes Geräusch, in dem er nichts als weiterhasten konnte. Nach den Baumgruppen um den Böhmischen Prater führte ein Feldweg am Zaun des erst kürzlich wiedereröffneten Naherholungsgebiets entlang. Der Schotter hörte auf. Die lehmigen Fahrrillen waren in der Novemberkälte steinhart und federten ihn vom Boden weg. Es war eine Freude, hier zu laufen. So ähnlich mußte es auf den Tartan-Bahnen in den großen Leichtathletikstadien sein. Dorthin hatte er es nie geschafft. Ein Wettkampfathlet war nicht aus ihm geworden, das hatte er auch nie werden wollen, sondern immer nur Läufer.

Ganz ruhig war die Finsternis auch hier. Nur das regelmäßige Aufsetzen seiner Beine zog eine eigene Spur durch die Nacht. Rettenberger kam langsam in seinen langen Schritt. Im Laufen hatte er die Kälte vorerst aus seinem Körper verbannt. Sie war nur mehr rund um ihn. Er trieb sie vor sich her. Sie prallte ihm ins Gesicht. Aber ihm war warm. Fast pendelten seine Schritte schon von selbst, während er immer aufrechter, aus Hohlkreuz und Hüfte heraus, lief. Er fühlte sich frei und stark. Er stellte sich die weiten, linkerhand beginnenden Felder vor. Bis zu den Lichtstreifen der Landebahnen des Flughafens Schwechat reichten sie. Gerne wäre er allein wegen dieser Felder öfter hierhergekommen, doch er hatte die Praterauen vorgezogen, nicht nur wegen ihrer Weitläufigkeit, sondern wegen der vielen Hunde, die am Laaer-Berg von früh bis spät mit ihren Haltern unterwegs waren. Nirgendwo anders hatte er sich jemals mehr vor Hunden gefürchtet als hier. In ihrer Gestalt und vielleicht mehr noch in der Ausdruckslosigkeit der Besitzer tauchten die Aggression, die Verzweiflung und die Armut wieder auf, die ihn auch entlang der Ostbahn so stumm bedrängt hatten. Die Weite der Felder, die Ruhe und gleichzeitige Ausgelassenheit jeder Bewegung darin waren demgegenüber ein Trost. Ganz leicht lief Rettenberger nun, berührte den Boden nur mit den Fußspitzen, als könnten die ihn tatsächlich in der Welt halten. Es gab kein schöneres Bild der Konzentration für ihn als das Wogen hoher Sommerfelder im Wind. Im Laufen kam er dem nahe. Wäre er nicht Bankräuber geworden, sondern Angestellter, ein technischer Zeichner vielleicht, hätte er öfter hier trainiert, anstatt seine Wege immer durch die dichten Prater-Wälder zu ziehen? Weiter vorne tauchten wieder Lichter und Häuser auf. Ein letztes Mal begann dort, am Ende des Plateaus, die Stadt. Einfamilienhäuser, die acht Spuren der stark befahrenen Laaer-Berg-Straße und weiter unten, gegen Westen, die Wohnsilos der Per Albin Hanson-Siedlung. Rettenberger bog am Ende des Feldwegs in eine Seitengasse ein. Er mußte fast lachen, als er den Straßennamen »Burgenlandgasse« sah; aber eigentlich lacht man wegen so etwas nicht.

Am Morgen des 13. August 1985 parkt Rettenberger den BMW 320, den er in der Nacht in St. Pölten gestohlen hat, um damit nach Mautern zu Erwin Kollhammer zu fahren, in Hafnerbach. Die Straße ist leer, Rettenberger reibt sich die Augen, er ist die ganze Nacht durch die Gegend gefahren. Er kurbelt das Wagenfenster herunter, streckt die Hand hinaus, die Luft ist angenehm warm. Gegenüber sperrt eine Bedienstete der Raiffeisenkassa die Bank auf. Rettenberger setzt sich den Papiersack, in den er erst in der Ortschaft davor die Augenschlitze gerissen hat, auf. Ein Bauer fährt auf seinem Traktor vorbei. Rettenberger zieht den Sack wieder vom Kopf. Er ist noch nicht entschlossen und ärgert sich, daß er die neue Maske in Wien gelassen hat. Schließlich holt er doch das Gewehr unter dem Beifahrersitz hervor, nimmt den Sack, seine Sporttasche und steigt aus dem Auto.

Hell leuchtete es aus allen Fenstern des Kurzentrums Oberlaa. Auch die Parkplätze davor und die sich im Einbahnsystem zum Portal hin drehenden Zufahrtsstraßen lagen strahlend wie flutlichtüberströmte Fußballplätze im Schein der Beleuchtungskörper. Außer ihm schien sich niemand im ganzen Areal zu bewegen.

Rettenberger versuchte, im Schatten der die Parkplätze und Zufahrtsstraßen säumenden Buschreihen am Kurzentrum vorbeizukommen. Wäre in der Kurhalle ein Konzert, würde hier alles voll von Autos und durcheinanderströmenden Menschen sein. Niemand könnte ihn in so einem Gedränge sehen, er würde sich durch die Menge zwängen, als hätte er in seinem Auto noch etwas vergessen, um am Rand der Parkplätze in der Finsternis zu verschwinden. So aber starrte, selbst wenn er sich duckte, die ganze Tageshelle der Scheinwerfer nur auf ihn. Vom Sich-Verstecken hatte er genug. Rettenberger ging aufrecht und in aller Ruhe über die Parkplätze. Er spazierte wie ein Nachtwächter, schaute in die großen Fensteraugen der Hotelgebäude, stellte sich vor, wie dahinter die Gäste zufrieden im Schein ihrer Fernsehapparate saßen, nach einem anstrengenden Kurtag der Welt spurlos enthoben. Solange die Fernseher eingeschaltet waren, würde ihn niemand hier heraußen beobachten. Erst am nächsten Tag, wenn er selbst Teil der Nachrichten wäre, würden sie seine Flucht staunend verfolgen. Nicht einmal der Portier, der wie jeder Portier mit dem Rücken zu seinen Überwachungskameras saß, die Beine hochgelegt, eine Tasse Kaffee in der Hand, sah ihn vorbeigehen.

»Paßt auf! Ich glaube, ihr werdet in ein paar Minuten überfallen.« Diese telephonische Vorwarnung über einen bevorstehenden Bankraub gab Dienstag früh der Bauer Ludwig Gruber, 50, in Hafnerbach bei St. Pölten der Raika-Kassiererin Maria Steinperl, 27, durch. Die hielt »die Warnung für einen makabren Scherz. Das Lachen ist mir aber bald vergangen, als mir mein Mann Dietrich, 28, der zufällig da war, zurief, ich soll den Alarmknopf drücken.« Da war der Bankräuber auch schon da. Gruber hatte richtig beobachtet. Das Papiersackerl, das sich der Unbekannte über den Kopf gezogen hatte, war die Maske. Dietrich Steinperl blockierte schnell mit seinem Fuß die Tür, so daß der Gangster nicht einmal die Raiffeisenkassa betreten konnte. Erschrocken, daß er erwartet wurde, drehte sich der Gangster um und floh. Er sprang in einen blau-metallisé lackierten BMW, Kennzeichen N 217 200, der am Vortag gestohlen worden war. Er entkam.

Nachdem Rettenberger den Rand des Parkplatzes erreicht hatte, schlüpfte er durch eine Hecke und lief die wegführende Straße entlang. Der Laaer-Berg lag als schwerer, nachtschwarzer Riese hinter dem hellbeleuchteten Kurzentrum. Zwischen Oberlaa und Unterlaa mußte er jetzt noch durch. Die Lichter in den beiden Siedlungen wurden von den Halbschatten in den kleinen Gassen geradezu verschluckt, so daß auch die Straßenbeleuchtungen keine Gefahr mehr für ihn waren.

Nach der Liesing-Brücke öffneten sich vor ihm Felder, deren Namen er nur mehr aus dem Stadtplan kannte, zogen, von kleinen Ortschaften unterbrochen, weit in den Süden und Westen. Im Sommer lagen sie vor der Stadt wie ein strohgelbes Meer: Obere Scheibe, Untere Scheibe, Lachfeld, Sandgrubenfeld, Hennersdorfer Heide, Tändelbreite. Felder, Kanäle und Bahnlinien. Wie kleine Lichtpunkte darin die einzelnen Ansiedlungen. Erst in einer solchen Gegend konnte man sehen, daß Ortschaften am Land tatsächlich nichts anderes als Inseln waren.

Rettenberger hatte sich endlich freigelaufen. Er tauchte ein in die Landschaft, setzte ohne Hast seine langen Schritte. Leicht kam er so voran, spürte Stolz über die wiedergewonnene Gleichmäßigkeit in seinen Bewegungen. Er lief nicht mehr atemlos, er lief mühelos, das machte ihm eine unheimliche Freude.

Hinter der Brücke verloren die Felder, er war jetzt aus Unterlaa hinausgelaufen, selbst ihre spärlichen Konturen. Die Landschaft löste sich in der Dunkelheit rund um den Räuber auf, setzte sich erst in der Bewegung, in den paar Metern, die er jeweils vor sich sah, wieder zusammen.