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Ein kleiner Junge an einem Schulvormittag in der Pausenhalle. Er dreht sich im Kreis und sagt sich: Ich bin der König von Lilienfeld. Es ist das Jahr 1980, sieben Jahre ist er alt. Sein Großvater amtiert seit knapp dreißig Jahren als Bürgermeister.
Der neue Roman von Martin Prinz beginnt in einer Welt, in der an manchen Hausfassaden noch Einschusslöcher aus dem Weltkrieg klaffen, setzt ein mit dem Blick eines Buben, der das Wort Politik lange kannte, bevor er es verstand. Hier treffen nächtliche Parallelwelten des Lesens auf Vorstellungen von radioaktiven Wolken oder jenen des Eisernen Vorhangs. In rasanter Engführung wechseln Jetztzeit-Passagen des heutigen Schriftstellers mit dem Aufwachsen eines Kindes in Österreich und Umgebung.
Wie lässt sich das unauflösliche Ineinander von Politik und Familie, von realen Ereignissen und ihrer Erzählung in Balance halten? Wie der Blick eines Schriftstellers mit dem eines früheren Königs von Lilienfeld?
Im Haus der Großeltern entdeckt der Schriftsteller Bilder aus dem Jahr 1995: Aufnahmen, in denen es keine Motive mehr gibt. Stattdessen das Festhalten alltäglicher, zufälliger Perspektiven. Die letzten Fotografien des demenzkranken Großvaters. Damit ist der Weg des Erzählens vorgegeben.
Die unsichtbaren Seiten: Ein Heimatroman als Entwicklungsromans eines Schriftstellers.
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Seitenzahl: 237
Veröffentlichungsjahr: 2018
Martin Prinz
Die unsichtbaren
Seiten
Roman
Insel Verlag
Für Fritz*
Ich bin der König. In der Mitte der Pausenhalle ein Bub, der drehte sich im Kreis. Die Rauledersohlen seiner Hausschuhe setzten tappend am geschliffenen Steinboden auf. Ich bin der König von Lilienfeld. Sonst war es still.
Der König von Lilienfeld trug ein Hemd mit großen blau-weißen Karos, darüber einen Pullunder sowie Cordhosen. Seine dicken Brillengläser vergrößerten seine Augen. Er glotze, hatte die Lehrerin im Jahr davor am zweiten oder dritten Schultag verkündet und ihn auf die hinterste Bank versetzt, die sie Eselsbank nannte.
Der König von Lilienfeld sah stolz über den Marmorboden der Pausenhalle. Er war acht Jahre alt und musste in die Klasse zurück.
Zu meiner Kinderzeit waren in Lilienfeld noch vom Weltkrieg zerschossene Hausfassaden zu sehen. Dafür fiel im Winter genügend Schnee, um an Sonn-, Feier- oder Ferientagen unzählige Wiener oder St. Pöltner auf den kleinen Skiberg Muckenkogel zu locken. In Lilienfeld gab es ein Modegeschäft, eine Glaserei, sieben Greißler, neun Wirtshäuser, ein Spital, ein Sägewerk, drei Fleischer, einen Optiker, ein eigenes Obst- und Gemüsegeschäft, fünf Fischteiche, einen Schneider, einen Kohlenhändler, zwei Schmiede, einen Bestattungsunternehmer, eine Fahrschule, eine Apotheke, ein Fotogeschäft, die Arbeiterkammer und die Wirtschaftskammer, die Bezirkshauptmannschaft, das Arbeitsamt, ein Spital, drei Kindergärten, eine Volksschule, eine Hauptschule, die Landwirtschaftsschule, die Berufsschule, ein Gymnasium, einen Puff, vier Schlepplifte und einen Sessellift, das Kaffeehaus, einen Konditor, einen Holzschneider und ein Gemeindeamt. Hier war mein Großvater im Jahr 1981 seit über dreißig Jahren Bürgermeister.
Der König von Lilienfeld hielt den Schalter der Bettlampe jede Nacht zwischen Daumen, Mittel- und Zeigefinger, den hellen Lichtkreis möglichst eng um das Buch vor ihm. Glühbirne und Lampenschirm erwärmten die Seiten und die Finger manchmal derart stark, dass das Papier einen Geruch nach Alleskleber, Leim und etwas undefinierbar Breiigem ausströmte. Sein Reich erstreckte sich bis zu jener Grenze, ab der seine Schwester, deren Bett in Längsrichtung an seines anschloss, genügend Dunkelheit für sich und ihren Schlaf hatte. Solange das gewährleistet war, hielt sie still. Während die Eltern, wenn sie unten in Küche oder Wohnzimmer nicht stritten, stets aufs Neue versuchten, die knarrende Holzstiege sowie den im Kinderzimmer des Lesens Verdächtigten auszutricksen, was ihnen all die Jahre nicht gelang.
Bis heute spüre ich selbst als Erwachsener die Rillen des Schalters an der Fingerkuppe. Wenn der Lesende damals schwitzte, wischte er sich den Fingerballen ab, um nur ja nicht abzurutschen, und fühlte stets Schwindel angesichts des Sogs, mit dem ihn die Geschichten wie in Höhlen hineinzogen. So sehnsüchtig war er, so glücklich darin und bedürftig danach.
In die Fuchsbauten des nächtlichen Lesens reichte nichts von dem, was untertags in der Schule mit ihm geschah, wie weggeblasen waren Mühe und Qual der nachmittäglichen Hausaufgaben, die Forderungen nach geraden, gleichmäßigen Strichen und Zeichen in den Heften, die Konzentration sowie das Verbot aller Träumereien und Abschweifungen. Der unbewusste Reflex, sich zu verlieren, verließ ihn auch am helllichten Tag nie. Das Narrenkastl, wie seine Eltern diesen Ort liebevoll, manchmal allerdings auch sorgenvoll nannten, blieb jederzeit erreichbar. Auf Sicherheitsabstand hingegen, wie im Lesen, die Querelen der Eltern, ihre Vorwürfe, Stummheiten sowie all die Gegensätzlichkeiten ihrer unterschiedlichen Herkünfte.
Dass ihn die Lehrerin in die letzte Reihe versetzt habe, sei der Politik wegen passiert, sagte die Mutter. Sie war schon pessimistisch gewesen, als sie im Jahr vor der sogenannten Einschulung zur Anmeldung mussten. Der Bub nahm es vielleicht nicht ernst, denn pessimistisch war sie oft. Vielleicht nahm er es aber ernst, fürchtete sich jedoch nicht, da das Wort Politik eines der selbstverständlichsten für ihn war.
Politik war das, worüber die Großmutter schimpfte, wenn sie von den unzähligen Sitzungen des Großvaters redete. Gleichzeitig war dem Kind, lange vor jeder Kenntnis von politischen Parteien, Ideologien und den Katastrophen der jüngeren Geschichte, klar, dass es immer um Politik ging, wenn die Familie abends in größerer Runde zusammensaß. Ebenso wie er unmittelbar, doch dementsprechend schwer begreifbar erlebte, dass es um nichts als Politik ging, wenn seine Lilienfelder Familie auf seine Traisner Familie stieß, wenn die Bürgermeisterstochter auf den Arbeitersohn aus dem kaum fünf Kilometer flussabwärts gelegenen Industrieort traf.
Politik verfolgte er, ohne sich dagegen wehren zu können. Selbst wenn er es gewollt hätte, es hätte sich nicht verdrängen lassen. Politik gehörte zu seiner Familie, sie war im tiefsten, dunkelsten Privaten seiner Eltern zu Hause. Gerade dort, wo sie selbst nichts davon wussten, während er als kleiner Junge ein solches Nichtwissen in keiner Weise von sich behaupten konnte. Auch wenn es nur ein vages Spüren war.
Tatsächlich wusste er als angehendes Schulkind, dass seine Lehrerin, die in der Musikschule Flöte unterrichtete, wenige Jahre davor nicht zur Musikschuldirektorin bestellt worden war, da ein Hauptschullehrer noch zig andere Instrumente lehrte sowie als Dirigent der Blaskapelle renommierte. Ebenso war ihm klar, dass sie ihr falsches Parteibuch und die Entscheidung seines Großvaters dafür verantwortlich machte. Vermutlich aber hätte er ohne sie nie so schnell lesen gelernt, jedenfalls nicht so wie einer, dessen zu große Augen bald von dem bleichen, verschatteten Gesicht desjenigen umrandet wurden, dessen Nächte bereits in der zweiten Klasse oft länger aus Lesen denn aus Schlafen bestanden.
Als der damalige Bub komme ich mir heute wie eine Sonde vor. Tief im Fleisch des Nachkriegsösterreich, dessen Welt, Ordnung, Wohlstand und Sicherheit mir trotz der Weltkriegseinschusslöcher an bestimmten Fassaden damals in jeder Faser als zeitlos und ewig erschien. Für mich begann Politik mit dem Großvater. Die deutlichste Erinnerung rührt von einem Frühlingsnachmittag in den späten Siebzigerjahren her. Ich umwickelte mit meiner Mutter im Wohnzimmer einen Luftballon mit Toilettenpapier, der mit Kleister bestrichen wurde, um daraus nach dem Eintrocknen eine Maske zu schneiden. Irgendwann kam der Großvater, vielleicht brachte er Eier, die ihm ein Bauer jede Woche auch für uns lieferte. Unversehens waren die beiden danach in einer Diskussion über das Atomkraftwerk Zwentendorf. Demnach musste es vor der Volksabstimmung im November 1978 gewesen sein. Ich war fünf Jahre alt, verstand nicht alles, manches gar nicht, doch ich merkte, wie mein Großvater als Befürworter des AKW sich am Ende seiner Sache nicht mehr hundertprozentig sicher war. Ich verfolgte, von wie vielen Seiten meine Mutter ein und dasselbe Argument immer wieder vorzubringen versuchte, bis er allmählich darauf einging. Ich lernte, wie weit es vom Verstehen zum Glauben war, wie blind man in seiner Meinung manchmal sein konnte.
Politik war aber auch der cremefarbene Mercedes meines Großvaters, der bis auf den Sparkassendirektor als Einziger der Stadt einen solchen Wagen fuhr. Dass es zumeist die Gebrauchtwagen des Sparkassendirektors selbst waren, wusste ich damals nicht.
Schon in der ersten Klasse trug der König von Lilienfeld eine viel zu dicke Schultasche. Kein Kopfschütteln seiner Mutter half dagegen, all das, was sie so dick und schwer machte, jeden Tag in die Schule und wieder nach Hause zu schleppen. Fünf Kilo und mehr wog sie, während der kleine Mann auch mit Brille und Gewand vor Schuleintritt noch nicht einmal die Zwanzig-Kilo-Grenze erreicht hatte. Die Schultasche am Rücken, gegen die man sich bei jedem Schritt eigens nach vorne lehnen musste, machte jede Bewegung schwerfällig. Sie kontrollierte einen durch ihre Unförmigkeit, indem der Schwerpunkt des Schultaschen-Buben-Körpers außerhalb der Kindergestalt und ihrer ohnedies dünnen Glieder lag. Richtig wehrlos wurde er jedoch, wenn ein anderer ihn daran packte. Ein Griff genügte, schon drehte es ihn herum und er war nur mehr Passagier seiner Tasche. Der andere musste gar nicht viel dazu tun, um den spindeldünnen Brillenträger aus der letzten Bank umzureißen.
Um solchen Zwischenfällen auszuweichen, verließ der König von Lilienfeld die Schule entweder als Erster oder als Letzter, schlug Umwege ein, ging möglichst ungesehen von allen anderen nach Hause. Lief er, schlug die Tasche an seinem Rücken auf und ab, dann schauten ihm die Leute verwundert zu, denn Verfolger waren weit und breit keine in Sicht. Sobald er andere bemerkte, fiel er wieder ins Schritttempo, fest davon überzeugt, das mache sie unnötig aufmerksam, begann erst wieder zu laufen, wenn niemand ihn sah, als ließe sich damit ein Vorsprung herausholen, der in Wirklichkeit nur ein fiktiver war. Neben ihm floss die Traisen und mit der Zeit gewöhnten sich die Spaziergänger an die kleine laufende Gestalt.
Einmal in der Woche fuhr der Großvater mit seinem Mercedes nach Wien zur Landesregierung. In dem sandfarbenen Wagen durfte der kleine Bub das erste Mal im Stehen das Lenkrad drehen oder in der Einfahrt zum Haus die erste Kurve fahren. Es war ein großes Haus, das erste mit Flachdach in Lilienfeld, damals das einzige nach Architektenplänen überhaupt. Die Einfahrt war leicht abschüssig und groß genug, um mehreren Besucherautos Ein- und Ausfahrt zu bieten. Obwohl er den Titel Regierungsrat trug, fuhr der Großvater nicht als Politiker der Landesregierung, sondern lediglich als Bürgermeister nach Wien. Anfang der Siebzigerjahre, als er noch jung genug war, hatte man in der Parteispitze daran gedacht, ihn in die Landesregierung zu holen. Kurz vor der Wahl, die ÖVP hatte schlechte Umfrageergebnisse, wurde ihm jedoch in seinem Wahlkreis die Siebenkampf-Olympiazweite Liese Prokop vorgezogen. Die ÖVP gewann die Wahl nach erfolgreichem Endspurt klar, Prokop wurde Landtagsabgeordnete, später Landesrätin und Landeshauptmann-Stellvertreterin. Ein paar Jahre vor dem Tod des Großvaters avancierte sie zur Innenministerin.
Rangordnungen fesselten mich bereits als Kind. Ganz genau wollte ich wissen, auf welche Weise und ob überhaupt der Bezirkshauptmann über dem Bürgermeister stand, wer von beiden im Falle eines Kriegs den Befehl habe – und wenn der Vater daraufhin antwortete, es gehe zwischen den beiden keinesfalls um solche Aufgaben, war ich ebenso enttäuscht und ungläubig wie erstaunt darüber, dass der Großvater, dessen Porträt bei den Gemeinderatswahlen 1980 in ganz Lilienfeld groß plakatiert war, im Abzählreim Kaiser-König-Edelmann keineswegs in der ersten Hälfte auftauchte.
König von Lilienfeld, das war ich oder würde es jedenfalls einmal werden. Um welche Art von König es sich dabei handelte, war nicht weiter wichtig. Dass der unmittelbarste adelige Anklang just aus dem Familiennamen meines Vaters resultierte – aus der Traisner Arbeiterfamilie, während mein Lilienfelder Großvater nach dem Osttiroler Herkunftsnamen Ganner hieß, brachte meine Genealogie nur unwesentlich durcheinander. Ich war König, nicht Prinz, und in keinem Fall Bürger-Bauer-Bettelmann.
Manchmal wurde der König von Lilienfeld mitten in der Nacht munter. Er schrie. Sein Schreien hallte durchs Haus, eine Verzweiflung aus Todesangst, in der das Kind aus dem Zimmer stürzte, da es trotz Wahrnehmung von Kinderzimmer, Gang und Stiege keinerlei Halt vor dem unendlichen Schlund hatte, in den es zu fallen drohte. Ein Abgrund, so weit und tief, wie er nur sein könne, wenn sich das Weltall öffnete.
Meistens waren die Eltern gleich bei ihm, hielten ihn, streichelten ihn und redeten ihm gut zu. Den König von Lilienfeld schüttelte es noch minutenlang. Undeutlich spürte er, dass die warmen Arme des Vaters halfen, in Wellen überkam es ihn, er wollte sich losreißen und spürte inmitten des warmen Lichts des Badezimmers nichts als Ersticken und Verzweiflung.
Sonntags trug der König von Lilienfeld ein helles Hemd und eine Sonntagshose. Die kleine Schwester, deren riesige blaue Augen blitzten, stand froh neben ihm. Die Sonne strahlte auf das Gelb der Stiftsmauern. Wenige Jahre zuvor hatte man die gesamte Anlage für die große Landesausstellung renoviert: 1000 Jahre Babenberger. Das war 1976, im selben Jahr war die Schwester auf die Welt gekommen. Drei, vier Jahre später lachte sie bereits in ihrer von der Traisner Großmutter gestrickten Noppenweste, wir beide ordentlich frisiert und von den Eltern herausgeputzt, bevor die Großeltern uns für die Vormittagsmesse abholten.
Dann standen wir mit ihnen in einem der Grüppchen am Platz vor dem Basilika-Portal, wie sie sich hier immer wieder in ähnlichen, selbstverständlichen Zusammensetzungen nach der Messe bildeten. Wer sich mit wem zusammentat, jede Geste, jeder Schritt bis hin zur Abfolge der aufgesuchten Wirtshäuser, Gastgärten oder Cafés gehörte zu den Knotenpunkten eines Netzes, in dem einem nichts geschehen konnte: Jö, hieß es, die zwei Hübschen sind auch wieder mit dabei! Und die einzige Gratwanderung war, wenn der wegen seiner harschen Übertreibungen so bewunderte wie gefürchtete deutsche Ehemann der Mathematiklehrerin vom Prinz und der Prinzessin in einem Unterton sprach, in dem zumindest einem König von Lilienfeld auffiel, dass er eigentlich die Traisner Familie und deren Namen meinte.
Im Kiesgastgarten des Stiftskellerstüberls saßen wir zwischen dem Primar, dem Schneider und seiner Frau, der Mathematiklehrerin Herta und ihrem Mann, der Notarin und der schrillen, preußischen Arztwitwe sowie dem alten Volksschuldirektor und seiner Frau, einer langjährigen Lehrerinnenkollegin der Großmutter. Stets war unser Tisch der größte, meist gehörten auch die umliegenden irgendwie dazu. Die Sonne strahlte durch das dichte Blattwerk der Kastanien. Nebenan lockten die Fischteiche und selbst durch die Brille des Rückblicks wurde keineswegs deutlich, dass der Schneider vor dem Anschluss illegaler Nazi gewesen war, der Volksschuldirektor bei Machtübernahme, während die Großmutter aufgrund strikter Weigerung, den Hitler-Gruß zu benutzen, bereits zu Kriegsbeginn dementsprechende Gestapo-Akten-Einträge gehabt hatte, genauso wie der Großvater, dessen spätere Karriere, beginnend mit dem Posten des Hauptschuldirektors nach der Kriegsgefangenschaft, nichts mit seiner Berufserfahrung, sondern mit seiner NS-Gegnerschaft zu tun hatte.
Der Großvater trank meist das eine oder andere Viertel Rot mit Gieß, wobei er mit dem selbst damals nur noch manchen geläufigen Kürzel das Gießhübl-Sauerbrunner Mineralwasser Mattoni meinte, das in k.u.k. Zeiten eines der bekanntesten Mineralwasser der Monarchie gewesen war. Die Großmutter überlegte bei jeder neuen Bestellung die Möglichkeiten, genauso wie sie vor Kirchgängen, Ausflügen, Theaterfahrten oder Besuchen stets unendlich lange mit der Entscheidung über die richtigen, die passendsten Schuhe, Kopfbedeckungen, Überbekleidungen oder mit Grundfragen zwischen Rock, Kleid oder Hose zu kämpfen hatte. In den Laubkronen standen die Kastanienkerzen. Wir Kinder bekamen Obi gespritzt und Würstel, manchmal auch Schartner Bomben und Kinderschnitzel mit Pommes frites. Die Schritte der Kellnerinnen knirschten im Kies.
Wenn vom Nachbarort Traisen die Rede war, besaß das nicht nur in der Lilienfelder Familie stets einen Beigeschmack. Traisen hatte zwar mehr Einwohner, doch Lilienfeld war nach außen hin seit jeher bedeutender. Seit der Stiftsgründung der Babenberger war Lilienfeld ein religiöses, kulturelles wie politisches und wirtschaftliches Zen‑trum des Traisentals und seiner Umgebung. Daran änderte nichts, dass Orte wie Traisen während der Industrialisierung groß geworden waren. In der Bezirkshauptstadt Lilienfeld befanden sich vom Arbeits- bis zum Finanzamt immer noch alle wichtigen staatlichen Stellen. Deshalb wurde Lilienfeld 1974 auch zur Stadt erhoben, während der Markt Traisen 1979 sein Marktwappen erst mit über fünfzigjähriger Verspätung bekam.
Traisen war ein Arbeiterort. Fast jeder ging in die Bude, wie die große, den Ort an seinem Südeingang weithin dominierende Stahlfabrik genannt wurde. Viele der Männer hatten Schichtarbeit. Die Fabrik, ihre Auftragslage und die jeweilige Schicht des Vaters bestimmten in Traisen alles, vom finanziellen Auskommen bis zur Notwendigkeit, untertags auf Zehenspitzen zu gehen.
Dass auch zu Lilienfeld eine große Fabrik gehörte, fiel nicht weiter auf. Dabei kam man direkt an ihr vorbei, wenn man aus Traisen die kaum dreißig Höhenmeter flussaufwärts nach Lilienfeld fuhr. Obwohl die Fabrik hinter der Traisner Ortsgrenze unmittelbar an das Traisner Stahlwerk anschloss, hielten Ortsunkundige sie vermutlich eher für ein zweites Traisner Werk als zur Stifts- und Beamtenstadt gehörig, deren Kirchturm zwei Flussschleifen weiter aus dem engen Talkessel ragte.
Kaum anders taten es die Lilienfelder. Für sie war die Aluminiumfabrik selbstverständlich die Marktler Fabrik, wie der an Traisen grenzende Arbeiterortsteil Lilienfelds hieß. Tatsächlich gingen fast nur Marktler in die dortige Bude zur Arbeit, und Marktler waren für Lilienfelder keine Lilienfelder. Genauso wie sich Marktler wiederum eher schlagen ließen, als Lilienfelder genannt zu werden. Dementsprechend gehörten tatsächliche wie erfundene Schlägereien zwischen Lilienfeldern und Marktlern zu den wichtigsten Themen der Bubenerzählungen, zumindest darin bestand in Marktl und Lilienfeld kein Unterschied.
Als Arbeiteransiedlung war Marktl noch proletarischer als Traisen und als Ortsteil größer als das eigentliche Lilienfeld. An Marktl kamen die Lilienfelder nicht vorbei. Im Unterschied zu Traisen, das aus Lilienfelder Perspektive umso mehr ignoriert werden konnte, je intensiver die Feindschaft und Abwertung der Marktler betrieben wurde.
Auch die höhere Einwohnerzahl Traisens störte die Lilienfelder Ignoranz in keiner Weise, schließlich handelte es sich zum größten Teil um Leute, die in der Fabrik verschwanden, Funktionsteile eines rund um die Uhr laufenden Produktionsprozesses. Von ihrer Arbeit blieb im Einzelnen nichts übrig. Spielten sie nicht mit, waren sie schnell ersetzbar, wie die großen Arbeitskämpfe und Streiks Anfang des 20. Jahrhunderts gezeigt hatten. Den damaligen Generalstreik der Traisner hatte der Fabrikbesitzer einfach mit ihrer Auswechslung durch Fremdarbeiter gekontert. Damit hatte in Traisen die größte Niederlage der Österreichischen Arbeiterbewegung stattgefunden. Aus den Hinterköpfen war das auch Jahrzehnte später nicht verschwunden, ebenso wenig wie die Tatsache, dass die diesen Coup absegnenden Behörden und Beamten in Lilienfeld gesessen hatten.
Wenn Traisner von Lilienfeld sprachen, war ihr Tonfall hastig, als müssten sie schnell etwas verschlucken, das gleichzeitig kaum zur Gänze verschluckt werden konnte. Unsicherheit schwang mit, Bitterkeit und Hohn, der seltsam ziellos war. Lilienfeld, so viel spürte man trotz aller Hast, stand Traisnern für etwas, das nicht bloß Feindbild war, sondern den Blick auf unangenehme Weise immer auch auf eigenes Versagen zurücklenkte.
Alldem konnte man als Traisner Kind kaum entkommen, während man als Lilienfelder Kind schnell jenen blinden Fleck dort entwickelte, wo Traisen selbst in größter Herablassung von Lilienfeldern immer übersehen wurde. Doch war ich nicht irgendein Traisner oder Lilienfelder Kind, vielmehr der Enkel der Lilienfelder Bürgermeisterfamilie, dessen Traisner Großeltern damals die weit alltäglicheren, näheren Bezugspersonen waren. So hatte sich alles, was mir Traisen und Lilienfeld in meinem Leben noch aufzulösen gaben, früh und selbstverständlich vor mir aufgereiht.
In Traisen gab es eine schwarze Katze, einen großen Gartenzwerg, einen Kirsch- und Birnbaum sowie einen Gemüsegarten mit Erdäpfelbeeten. Hinter der kleinen Garage neben dem Haus war ein Schuppen, der nach seiner früheren Nutzung Hühnerstall hieß. In meiner Kindheit sollte der Hühnerstall bevorzugter Ort aller Arten von Spielen werden. Am liebsten hätte ich darin immer noch Hühner gehabt und verstand erst später, warum dieser Stall, aus dem der Vater und sein Bruder regelmäßig Tiere zu den nahe gelegenen Bauern bringen mussten, um Butter und Milch zu bekommen, lebenslang Grund für deren Abneigung gegen Hühnerfleisch war.
In den späteren Jahren war die Zeit jedoch vorbei, in der es viele für notwendig hielten, sich selbst zu versorgen. Auch die Kartoffelbeete wurden Jahr für Jahr immer weniger, sodass neben dem Kirschbaum eine große Kinderschaukel in den Boden betoniert werden konnte. Anfang der Achtzigerjahre und erneut einen Teil der Erdäpfelpflanzen weniger, fand ein jeden Sommer neu aufzustellendes, kreisrundes Schwimmbad im Traisner Garten seinen Platz.
Am Stolz der Großmutter über ihren Gemüsegarten änderte das nichts. Jeden Spätwinter wieder kam ein im Beet vor dem Hühnerstall auf die Erde gesetzter Fensterstockrahmen zum Einsatz, an dessen oben liegender Seite die Fenster belassen worden waren, um auf diese Weise ein kleines, warmes Glashaus zum Ziehen von Pflanzensamen zu haben. Die Großmutter war über die Ablöse der Erdäpfelpflanzen durch Schaukel, Schwimmbecken und Wiese in keinster Weise betrübt, sie wies sogar extra darauf hin. Deutlicher konnte nicht werden, dass sie die armen und bitteren Jahre überstanden hatten. Ob sie nun von den selbstgezogenen Pflanzen, den Salatköpfen oder dem Kinderlachen beim Schaukeln und Schwimmen sprach, am liebsten betonte sie all das im Beisein ihrer Lilienfelder Schwiegertochter. Vor allem seit sich die Schwiegertochter mit dem Umzug in ein eigenes Haus mit Garten selbst im Gemüseanbau versuchte und dabei vehement biologische Grundsätze verteidigte, kostete sie es in vollen Zügen aus, dass die Traisner Böden fruchtbarer waren als jene Lilienfelds.
Gut fünfzehn Jahre zuvor waren die beiden einander noch in anderer Rollenverteilung begegnet. Die spätere Schwiegertochter war als Mädchen im Fond des Mercedes gesessen und hatte sich geschämt, wenn wieder einmal Familienwäsche bei Frau Berta Prinz in Traisen abgegeben oder geholt wurde. Sie hatte sich zu verstecken versucht, so unerträglich war ihr die Selbstverständlichkeit gewesen, dass wohlhabendere Familien ohne Dienstmädchen ihre Wäsche woanders waschen ließen und jemand anderer die Flecken ihrer Unterwäsche zu Gesicht bekäme.
Nicht viele Jahre später wurde sie selbst Frau Prinz und die ehemalige Wäscherin ihre Schwiegermutter, während deren Sohn zum Schwiegersohn des Lilienfelder Bürgermeisters wurde. Und Berta Prinz, die seit ihrer Kindheit darunter gelitten hatte, als illegitimes Kind einer Großbauerntochter aus der reichen Gegend um Amstetten unter ihrem eigentlichen Stand aufwachsen, arbeiten und leben zu müssen, konnte gar nicht anders, als diese Heirat und Ehe als eine Wiedergutmachung zu erleben, als einen in keiner Sekunde zu verhehlenden Triumph.
Die erste Tätigkeit, in der ich mich schon als kleiner Bub wie ein Erwachsener fühlte, bestand im Einkaufen. Bereits aus dem Genossenschaftsbau war ich allein losmarschiert, vier- oder fünfjährig. Bald darauf übersiedelten wir in ein unmittelbar daneben gelegenes Einfamilienhaus, das die Eltern der Witwe Markmann abgekauft hatten und deshalb Markmann-Haus nannten.
Als Kind, das einkaufen ging, war ich damals eine Ausnahme und darauf war ich stolz, ohne zu wissen, dass dies vermutlich nur aufgrund der Privilegien der Familie möglich war. Denn obwohl ich am liebsten wie ein Erwachsener den richtigen Weg an der Ortsstraße entlang genommen hätte, war mein Einkaufengehen nicht nur aufgrund des sicheren Schleichwegs an der Hinterseite des Genossenschaftshauses, in Lilienfeld Hochhaus genannt, und eines weiteren Hinterhofs direkt zum verkehrsgeschützten Vorplatz der kleinen Greißlerei möglich, sondern auch aufgrund der Bereitschaft von Herrn und Frau Holzer, der Geschäftsbesitzer, mir alle auf dem Einkaufszettel genannten Waren in den Korb zu tun und gegebenenfalls auch zu schlichten und mir an der Kasse jedes Mal genau zu sagen, was der Einkauf kostete, wie viel Geld sie der von mir hingestreckten Geldbörse entnahmen und wie die Differenz lautete, die sie mir daraufhin ins frei gehaltene Fach der Börse legten, obwohl ich noch zumindest zwei, drei Jahre keine der Ziffern und Summen selbst berechnen konnte.
Auch aus dem Markmann-Haus, das ein kleines Stück weiter von der Greißlerei entfernt lag, war der alte Schleichweg erreichbar, auf dem der Fünfjährige in die Greißlerei einkaufen ging. Rechnen oder Lesen konnte ich auch damals noch nicht, dafür durfte ich aus dem Markmann-Haus bereits allein bis ans Ende der wenig befahrenen Sackgasse gehen, wo ich nach einem kleinen Wiesenhang auf den alten Einkaufsweg traf.
Irgendwann während dieser Jahre, in denen ich anfangs noch selbstverständlich angenommen hatte, das Spar-Geschäft von Herrn und Frau Holzer sei auch das einzige, das so hieß, wurde schräg gegenüber der erste, verhältnismäßig kleine Supermarkt eröffnet. Und weder dessen Lage auf der anderen Seite der Babenbergerstraße noch die Tatsache, dass es sich um einen Supermarkt handelte, waren der tatsächliche Grund, warum dieses Geschäft selbst dann als Einkaufsmöglichkeit nicht in Frage kam, wenn das Spar-Geschäft mittwochnachmittags geschlossen hatte. Denn der kleine Supermarkt war ein Konsum. Und der Konsum gehörte den Roten. So etwas wusste damals bereits ein Kind. Was der Konsum als Genossenschaft sicher bedeutete, war mir auch viele Jahre später noch nicht klar. Selbst Mitschüler, deren Eltern Konsum-Mitglieder waren und dementsprechend sozialdemokratische Parteimitglieder, schienen sich all die Jahre bis zur Insolvenz 1995 zu schämen, wenn ihr Fahrrad vom Konsum anstatt aus dem Sportgeschäft stammte.
Behandelt wurden wir im Konsum immer freundlich. Dabei kam ich mit meinen Eltern in den ersten Jahren nur in Notfällen hierher. Mittwochabend, wenn man zu keinem anderen Greißler in Lilienfeld oder in einem der Nachbarorte mehr fahren konnte. Für ein Kilo Mehl oder sechs Eier zum Backen.
Der Mutter war das anfangs unangenehm. Gerade weil sie als Bürgermeisterstochter allzu oft Fassadenfreundlichkeit zu spüren bekam. Politisch waren die Roten damals vor allem die Anderen, die Schwarzen wählte sie aus Gewohnheit oder weil sie ihren Vater wählte. Sie interessierten zu der Zeit bereits grüne Ideen, trennte Müll, kochte vollwert-biologisch und phasenweise sogar fleischlos. Darüber hinaus beschäftigte sie sich nicht mit politischen Vorstellungen, schon gar nicht mit jenen der Roten. Hier stand ihr nicht nur die eigene Familie samt allen blind inkorporierten Anschauungen und Gewohnheiten im Weg, sondern seit der Hochzeit auch die neue, die rote Schwiegerfamilie.
Für mich als Kind aber waren die langen und frei stehenden Regalreihen des Konsum eine völlig fremde Welt. Bis ins Erwachsenenalter blieb der Konsum für mich das Urbild des Supermarkts. Die Mutter ging damals nach einigen Jahren sogar gerne hin. Nie regelmäßig, doch längst nicht mehr nur in Notfällen. Immer noch staunte sie über die offene Freundlichkeit dort, während ihr das ständige Nach-dem-Mund-Reden von Herrn und Frau Holzer als eine der vielen Oberflächen bekannt war, mit denen sie seit dem Mädchenalter lebte. Trotzdem fühlte sie sich den Greißlern verpflichtet und blieb ihnen bis zum Umzug in das neu gebaute Haus treu, bevor sie in das Einzugsgebiet der Bäckerei Schindl als Lebensmittel-Nahversorger wechselte. Seitdem ließen sich die Besuche im Spar-Geschäft bis zur Pensionierung von Herrn und Frau Holzer an einer Hand abzählen, während sich an den regelmäßig gewordenen Konsum-Einkäufen bis zum Konkurs des Konzerns nichts mehr änderte.
Mich hingegen hatte am Konsum seit der beginnenden Pubertät etwas gänzlich anderes interessiert. Im Unterschied zur örtlichen Trafik waren im Konsum die Zeitschriften in einem großzügigen Regalbereich so angeordnet, dass auch die sogenannten Sexhefte nicht völlig verdeckt oder versteckt auslagen. Man konnte im Sportmagazin blättern und auf das Sexheft daneben schauen, und man konnte immer wieder eines stehlen.
Als König von Lilienfeld hatte ich als Bub nicht nur zwei, sondern drei Großväter. Der dritte stammte aus Marktl, womit auch geographische Gerechtigkeit herrschte. Er hieß Ludwig Eherer, die Eltern nannten ihn Herr Eherer, für mich war er der Eherer, so als wäre der Name auch eine Art Gattungsbezeichnung: Du, Eha …
Eherer lebte im sogenannten Hochhaus zwei Stockwerke über uns. Dazwischen lag die Wochenendwohnung eines pensionierten Musikers aus Wien, des Herrn Studnicka, der nachts regelmäßig musizierte.
Ludwig Eherers Frau war ein Jahr vor meiner Geburt gestorben. Er hatte es mit ihr angeblich nicht leicht gehabt, bewahrte sie jedoch in liebevollem und sorgfältigem Andenken. So hatten die von ihr mit handgestrickten Kleidchen und Jäckchen eingekleideten Puppen stets einen unantastbaren Ehrenplatz auf der Wohnzimmercouch, ihr Bett war immer gemacht und auf ihrem Kopfpolster lag ein gehäkeltes, weißes Häubchen.
Seit dem frühen Kleinkindalter ging beziehungsweise fuhr Herr Eherer mit mir spazieren. Zuerst mit dem Kinderwagen, dann mit dem Buggy und später mit dem Buggy und mir daneben. Kreuz und quer spazierten wir in diesen Jahren durch Lilienfeld, kamen den Traisenfluss entlang bis zum nördlich gelegenen Ortsteil Schrambach, durchquerten die neue Siedlung im Stangental, besuchten das Areal der Berufsschule am Hügel der alten Castelli-Villa, schauten in eine der Werkstatthallen oder gingen den Mühlbach bis nach Marktl hinunter. Eherer erzählte und lachte, in seiner Manteltasche gab es ein Zuckerl oder zwei. Er war fröhlich, wenn nötig, auch sehr bestimmt, kannte überall Leute und konnte mit jedem reden. Zu erzählen hatte er viel, verbrachte er seit dem Tod seiner Frau doch jeden Sommer ein, zwei Monate in den Bergen, zumeist im Salzkammergut, das er liebte und wo er sich auch als Siebzigjähriger nicht zu schade war, als Aushilfsportier eines Jagdschlosses zu arbeiten, um sich seine Aufenthalte leisten zu können.
Vom Gehen in den Bergen leuchteten seine Wangen rot und seine Glatze braun, um die sich ein schlohweißer Haarkranz wand. Den Rest der Haare, so sagte er, habe der Wind geholt, der himmlische Wind. Um welche Art von Wind es sich dabei handelte, ließ er sich nie entlocken, noch, wann ein solcher wehe, doch schien er über den himmlischen Wind genau Bescheid zu wissen, wie auch darüber, dass ihn einmal der Teufel hole.
Gemeinsam mit Herrn Eherer besuchte ich manchmal meine Lilienfelder Großmutter, die ich bis auf die gemeinsamen Besuche der Sonntagsmesse in diesen ersten Jahren zumeist eher aus der Distanz erlebte. Eherer hatte jedoch überhaupt keine Scheu, an der Gegensprechanlage zum damals noch sehr neuen Bürgermeistershaus anzuläuten. Und ihr, der Komplizierten und Vielbeschäftigten, der mit der eigenen Tochter die bloße Termin-Abmachung schon zu viel war, gefielen diese unangekündigten Besuche.
Die meiste Freude hatte Eherer jedoch daran, mit mir alles Gesehene zu benennen: Haus, Auto oder Strandweg. Selbst so unerklärlich lange und schwer auszusprechende Wörter wie etwa Kopfsteinpflaster wiederholte der alte Mann mit seinem leuchtenden Haarkranz und dem strahlenden Gesicht in unermüdlicher Selbstverständlichkeit.
Von jedem Spaziergang mit Eherer brachten wir neue Wörter mit. Bald konnte ich manche der längeren auch selbst aussprechen. Das erste und damit der Schlüssel zu vielen anderen war das Wort Banane. An seiner Aufteilung in Ba-na-ne übten wir so lange und unaufhörlich, dass es fortan als Gesetz und Pulsschlag in allen weiteren auftauchte:
Ba - na - ne.
Das Knirschen der Buggyräder über den jeweiligen Untergrund, Sonnenschein und Himmel, dazu der Klang unserer beiden Stimmen. So wurden selbst die längsten Wörter für den kleinen Jungen nicht nur in mundgerechten Stücken aussprechbar, sondern gaben mir eine erste Ahnung vom Geschmack all jener Wörter, mit denen sich die Welt selbst dann bezeichnen ließ, wenn einem ihr Sinn zuerst so verquer wie im Begriff Kopfsteinpflaster erschien.
