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Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie dieses Buch oder besuchen Sie Ihre Lieblingsbuchhandlung Was tun bei unerwiderter Liebe, einer Lebenskrise oder dem Gefühl, dass alles aus den Fugen gerät? Greifen Sie zu einem Buch!Stefan Bollmanns literarische Hausapotheke stellt für die kleinen und großen Leiden des Lebens hochwirksame Texte zur Verfügung. Mal augenzwinkernd, mal tiefgründig wirkt dieses literarische Kompendium wie feine Tropfen auf innere Wunden und ist ein wichtiger Anker in stürmischen Zeiten. Das Leben kommt immer anders, als man denkt. Schnell wird guter Rat teuer – mit Geschichten, die trösten, aufrütteln, klären oder einfach nur begleiten, bietet dieses Werk Abhilfe. Vorgestellt wie Medikamente mit Anwendungsgebiet, Wirkung, Dosierung und möglichen Nebenwirkungen, erfahren wir von wirksamen literarischen Tränken gegen Liebesverrat wie Siri Hustvedts »Der Sommer ohne Männer«, von wohltuenden Salben gegen Trauer wie Daniel Pedersens »Offenes Wasser« und heilsamen Lektionen zur Entschleunigung wie Thomas Manns »Der Zauberberg«. Mit feinem Gespür für ihre therapeutische Wirkung zusammengestellt, stiften diese wortgewandten Mittelchen nicht nur einen neuen Literaturkanon, sondern sind auch wertvolle Wegbegleiter durch alle Lebenslagen. Greifen Sie von nun an zu heilender Lektüre statt Tabletten!
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Seitenzahl: 255
Veröffentlichungsjahr: 2026
Stefan Bollmann
Die literarische Hausapotheke
Lektüren für jede Lebenslage
Klett-Cotta
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe zum Zeitpunkt des Erwerbs.
Klett-Cotta
www.klett-cotta.de
J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH
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Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg
unter Verwendung einer Abbildung von © Bridgeman Images
Illustrationen Innenteil: iStock/Ievgeniia Lytvynovych; iStock/Pavlo Stavnichuk
Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen
Gedruckt und gebunden von Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg
ISBN 978-3-608-96691-6
E-Book ISBN 978-3-608-12527-6
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Gebrauchsinformation
»Die literarische Hausapotheke« von Stefan Bollmann
N 01 Verwandlungen
Der freudlosen Normalität entkommen
»Rausch der Verwandlung« von Stefan Zweig
Weckruf aus einem albtraumhaften Leben
»Die Verwandlung« von Franz Kafka
Aus dem Gefängnis der Persönlichkeit ausbrechen
»Der Steppenwolf« von Hermann Hesse
Sich Zeit nehmen
»Der Zauberberg« von Thomas Mann
Anti-Aging und seine fatalen Folgen
»Das Bildnis des
Dorian Gray
« von Oscar Wilde
Die Welt mit anderen Augen sehen
»Metamorphosen« von Publius Ovidius Naso
Die Würde wahren
»Die Vegetarierin« von Han Kang
Riskanten Augenblicken gewachsen sein
»Es werden schöne Tage kommen« von Zach Williams
N 02
Love, love me do
Wie man das Herz einer Frau erobert
»Mit brennender Geduld« von Antonio Skarmeta
Liebe ich sie? Oder doch die andere?
»Naokos Lächeln. Nur eine Liebesgeschichte« von Haruki Murakami
Folge deinen sexuellen Fantasien
»Traumnovelle« von Arthur Schnitzler
Affären haben ihren Preis
»Der kleine Fotograf« von
Daphne du Maurier
Selbstmord aus Liebeskummer ist auch keine Lösung
»Die Leiden des jungen Werther« von Johann Wolfgang Goethe
Eine andere Geschichte der Liebe
»Wachs« von Christine Wunnicke
Eine
On-off
-Beziehung verstehen
»Normale Menschen« von Sally Rooney
Die immergleichen Bindungsmuster durchbrechen
»Das Lieben danach« von Helene Bracht
N 03 Das Kind in dir
Wer sich finden will, muss sich erst einmal verirren
»Berliner Kindheit um Neunzehnhundert« von Walter Benjamin
Wer bin ich? Und was sind die Grenzen meines Ich?
»Sofies Welt« von Jostein Gaarder
Nicht jedes Versprechen muss man halten
»Das Eis-Schloss« von Tarjei Vesaas
Für ein tapferes Herz ist nichts unmöglich
»Die Brüder Löwenherz« von Astrid Lindgren
Das Kind in mir will spielen und träumen
»Just Kids« von Patti Smith
Was gegen Verlust hilft
»Monas Augen« von Thomas Schlesser
Echtes Glück finden
»Hans im Glück« von Jacob und Wilhelm Grimm
N 04 Geschichten vom Anderssein
Leben mit einem Stigma
»Peter Schlemihls wundersame Geschichte« von Adelbert von Chamisso
Entdecke das Monster in dir
»Frankenstein oder Der moderne Prometheus« von Mary Shelley
Von der Sehnsucht, erkannt zu werden
»Die kleine Meerfrau« von Hans Christian Andersen
Der Traum von einem anderen Leben und wie man ihn verwirklicht
»Walden oder Leben in den Wäldern« von Henry David Thoreau
Wozu Eigensinn gut ist
»Englische Exzentriker. Eine Galerie höchst merkwürdiger und bemerkenswerter Damen und Herren« von Edith Sitwell
Im falschen Körper
»Die schlechte Gewohnheit« von Alana S. Portero
N 05 Lebenshungrige, abenteuerlustige und unerschrockene Frauen
Lob der Unerschrockenheit
»Jane Eyre« von Charlotte Brontë
Wie man sich neu erfindet
»Wiedergeboren« von Susan Sontag
Gegen die Unberechenbarkeit des Lebens hilft nur Mut zum Risiko
»Wiedersehen in Howards End« von E. M. Forster
Wie man sich Männern nähert
»Das kunstseidene Mädchen« von Irmgard Keun
Sich-Aufbäumen gegen eine frauenfeindliche Welt
»Die Wand« von Marlen Haushofer
Persönliche Erinnerung heilt
»Botschaften an mich selbst« von Emilie Pine
N 06 Family Affairs
Wie man den richtigen Partner fürs Leben gewinnt
»Stolz und Vorurteil« von Jane Austen
Reif für die Insel
»Meine Familie und andere Tiere« von Gerald Durrell
Was Familien ins Unglück stürzt
»Anna Karenina« von Lew Tolstoi
Mann und Kinder verlassen
»Nora oder ein Puppenheim« von Henrik Ibsen
Die Mechanismen der Eskalation durchschauen
»Der Gott des Gemetzels« von Yasmina Reza
Zum Befreiungsschlag ausholen
»Es geht mir gut« von Jessica Anthony
Wir stehen auf den Schultern von Riesinnen
»Anna oder Was von einem Leben bleibt« von Henning Sußebach
N 07 Ab durch die Mitte
Es gibt keine schlechten Zeiten für Partys
»
Mrs Dalloway
« von Virginia Woolf
Tagebuch führen, aber aufrichtig!
»Ediths Tagebuch« von Patricia Highsmith
Beziehungspause mit Happy End
»Der Sommer ohne Männer« von Siri Hustvedt
Was gegen Respektlosigkeit hilft
»Der Gesang der Fledermäuse« von Olga Tokarczuk
Wie ein Abstieg zum Neuanfang wird
»Marzahn
mon amour
« von Katja Oskamp
Im Limbo der Lebensmitte
»Offenes Wasser« von Daniel Pedersen
N 08 Das Leben ist ein vorübergehender Zustand
Nutze jeden Tag, als ob er das ganze Leben wäre
»Von der Kürze des Lebens« von Seneca
Den Ewigkeitswert des Vergänglichen entdecken
»Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« von Marcel Proust
Den Tod des Partners aushalten
»Das Jahr magischen Denkens« von Joan Didion
Alt werden und dabei jung bleiben
»Altern« von Elke Heidenreich
Vom Leben Abschied nehmen
»Der Mensch erscheint im Holozän« von Max Frisch
Mit einer tödlichen Krankheit leben
»Arbeit und Struktur« von Wolfgang Herrndorf
Eine bessere Version seiner selbst entwerfen
»Die Legende vom heiligen Trinker« von Joseph Roth
N 09 Halt in stürmischen Zeiten
Gründlich nachdenken, zügig handeln
»Adagia« von Erasmus von Rotterdam
Zeitgenosse sein
»Die Jahre« von Annie Ernaux
Ein Amulett gegen die Bedrohungen des Krieges
»Als wäre es vorbei. Texte aus dem Krieg« von Katja Petrowskaja
Gedichte, die Ihr Leben retten können
»Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke«
Über sich selbst hinauswachsen
»… trotzdem Ja zum Leben sagen« von Viktor Frankl
So mutig wie möglich
»Über Tyrannei« von Timothy Snyder
Liebe zum blauen Planeten
»Umlaufbahnen« von Samantha Harvey
Dank und ein abschließender Gedanke
Lektüren und Nachweise
Gebrauchsinformation: Mit Literatur das Leben in Schwung bringen
1 Verwandlungen
2 Love, love me do
3 Das Kind in dir
4 Geschichten vom Anderssein
5 Lebenshungrige, abenteuerlustige und unerschrockene Frauen
6 Family Affairs
7 Ab durch die Mitte
8 Das Leben ist ein vorübergehender Zustand
9 Halt in stürmischen Zeiten
Dank und ein abschließender Gedanke
Mit Literatur das Leben in Schwung bringen
62 Lektüren für jede Lebenslage aus dem Jahr 2026
Zur Anwendung bei Jugendlichen ab 14 Jahren und Erwachsenen
Wirkstoff: Literatur
Anwendungsgebiet
Empfohlen für alle Lebenslagen, insbesondere die belastenden, konfusen, turbulenten, leidvollen, kurz die kritischen und herausfordernden.
Worum geht es in »Die literarische Hausapotheke«?
Wir lesen Literatur, um zu leben. Hans tauscht den Klumpen Gold, Lohn für sieben Jahre harte Arbeit, gegen ein schnelles Reitpferd. Doris wird nach Berlin gehen, um »so ein Glanz« zu werden. Kann das gut gehen, fragen wir uns. Ja, es geht gut: Aber sie landet nicht in einem Luxushotel, sondern in einer Schrebergartenlaube. Unter Umständen kann es sogar ein Ausweg sein, statt ins verhasste Büro zu gehen, sich in einen hässlichen Käfer zu verwandeln. Fridolin aber will sich jetzt erst einmal mit einem Seitensprung an seiner Frau rächen. Doch ständig kommt etwas dazwischen. Da hat es Mia besser: Nach dreißig Ehejahren legt ihr Mann eine Beziehungspause ein, die einen französischen Namen trägt. Aber sie spart sich die Vorwürfe und verbringt den Sommer einfach ohne Männer, dafür mit aufregenden ganz jungen und ganz alten Frauen.
Das Leben kommt ständig anders, als man denkt. »Das Leben ändert sich in einem Augenblick«, schreibt Joan Didion zu Beginn von »Das Jahr magischen Denkens«. Weiter hinten im Buch notiert sie auch eine vulgärere Version: »Alles läuft wie immer, und dann ist die Kacke am Dampfen.« Was hilft in solchen Situationen? Ein Kopfschmerz- oder ein Beruhigungsmittel? Vermutlich, zumindest oberflächlich. Auf Dauer und etwas tiefgründiger hilft vor allem Literatur. Wenigstens solange die Probleme nicht allzu pathologische Ausmaße annehmen. In diesem Fall sollten Sie auf dem Weg zu Ihrer Lieblingsbuchhandlung vorher in einer psychotherapeutischen Praxis vorbeischauen.
Die Literaturgeschichte ist voll mit Beispielen, wie Menschen ihren Lebensproblemen – von Liebeskummer über Stigmatisierung bis zu Verlustangst – damit beikommen, dass sie Literatur daraus machen. Goethes »Werther« ist dafür exemplarisch: Statt sich nach der Zurückweisung durch die schon vergebene Charlotte umzubringen – der Dolch lag bereits neben seinem Bett –, hat der junge Autor einen Roman daraus gemacht. »Ich fühlte mich, wie nach einer Generalbeichte, wieder froh und frei, und zu einem neuen Leben berechtigt«, erinnert er sich. Was aber tun, wenn einem dieser Ausweg versagt ist, mangels Talents oder auch nur Zeit oder Bereitschaft? Die Lösung heißt Lesen. Das hilft genauso und erspart einem zugleich noch viel Arbeit.
Wie ist »Die literarische Hausapotheke« zu lesen?
Nehmen Sie es ruhig ganz wörtlich: Wir lesen Literatur, um zu leben. Nicht, um besser zu leben. Das kommt später. Erst einmal lesen wir, um überhaupt weiterzuleben. Um das Leben zu ertragen. Um ein ausgebremstes Leben wieder in Schwung zu bringen.
Dafür macht dieses Buch 62 Lektürevorschläge und beschreibt zugleich das Anwendungsgebiet, für das sie sich jeweils besonders gut eignen. Wie in der Pharmazie sind dabei Mehrfachindikationen nicht auszuschließen. So wie das Potenzmittel Viagra ursprünglich als Medikament zur Behandlung von Bluthochdruck und Angina Pectoris entwickelt worden ist, lässt sich auch »Der Zauberberg« nicht nur als heilsames Mittel zur Entschleunigung lesen, Thomas Mann hat mit seinem Sanatoriumsroman auch eine queere Wunschwelt jenseits aller genitalen und familiären Bindungen geschaffen.
Der Vergleich von Lektüren mit der Einnahme von Arzneimitteln ist dabei keineswegs nur eine hübsche Metapher. Die heilsame Wirkung von Literatur ist inzwischen wissenschaftlich erwiesen und analysiert, wie etwa Andrea Gerk in ihrem Buch »Lesen als Medizin« gezeigt hat. Wie bei Pharmazeutika kommt es auch bei literarischen Haus- und Heilmitteln auf Indikation, Wirkstoff und Dosierung an. Auch Risiken und Nebenwirkungen sollten bekannt sein. Eine literarische Hausapotheke ist deshalb überfällig. Sie sollte in keinem Haushalt, insbesondere in keinem Bücherhaushalt fehlen.
Bei der Dosierung dieser Lektüre sind Sie verhältnismäßig frei. Auf jeden Fall ist die »Literarische Hausapotheke« bei akuten Lebensproblemen zu konsultieren. Zu empfehlen ist sie aber auch vor dem regelmäßigen Gang zum Buchhändler Ihres Vertrauens. Stehen nicht auch Ihren Liebsten, Ihren Freundinnen und Freunden, Ihren Kolleginnen und Kollegen Kummer und Sorgen im Gesicht geschrieben, denen die passende Lektüre Abhilfe verschaffen könnte? Das nach Themen und Wirkungspotenzialen gegliederte Inhaltsverzeichnis bringt Sie rasch zu der Lektüre, die zu der betreffenden Lebenslage passt, handle es sich nun um Ihre eigene oder die anderer. Die ausführliche Gebrauchsinformation zu dem jeweiligen Titel sollte vollends Klarheit über Wirkung und Anwendung schaffen.
Welche Nebenwirkungen sind möglich?
Proust, nicht nur ein passionierter Autor, sondern auch ein solcher Leser, hat die heilsame Wirkung des Lesens darin gesehen, dass es uns den Zugang zu geheimen, in der Tiefe unseres Selbst verschlossenen Räumen öffne. Gefährlich werde es hingegen, sobald es uns nicht aufrüttle und wach mache, sondern es so scheine, als gleiche die Wahrheit, zu der es uns führen soll, einem »von andern fertig zubereiteten Honig«, den wir nur aus den Regalen nehmen und dann völlig passiv zu konsumieren brauchen. Danke, Monsieur Proust, dass Sie uns daran erinnert haben. Die Heilkraft des Lesens stellt sich dann ein, wenn es der Impuls ist, der unser Fühlen und Denken wieder in Schwung bringt. Das aber sollte den 62 hier vorgestellten Lektüren spielend gelingen. Unser Leben müssen wir dann sowieso selbst ändern.
Lesen heißt sich verwandeln, in Personen, die mir gleichen, und in solche, die das gerade nicht tun; in Personen, die mir auf Anhieb sympathisch sind, und in andere, die ich erst einmal nicht verstehe. Dass diese Personen nur auf dem Papier und in meiner Vorstellung existieren, tut ihrer Wirkung keinen Abbruch. Für die Dauer der Lektüre bin ich im Rausch der Verwandlung, probiere andere Identitäten und neue Lebensentwürfe aus, und stelle dabei mein eigenes Leben womöglich auf den Prüfstand. Wie wäre es, wenn ich eines Morgens als ein ungeheures Insekt erwachte? Was würde das über mein Leben aussagen? Und was macht diese Vorstellung mit mir? »Was für ein Mensch sind Sie?«, wird Jeremy in einer von Zach Williams’ schwarzen Short Storys gefragt. Ja, was für ein Mensch bin ich und will ich sein? Die hier verschriebenen Bücher geben Antwort.
Roman aus dem Nachlass (1930er Jahre)
Zur Anwendung bei Jugendlichen ab 16 Jahren und Erwachsenen
Wirkstoff: das eigene Leben neu erfinden
Anwendungsgebiet
Wenn das Leben hinter den Erwartungen und Wünschen zurückbleibt.
Worum geht es?
In Klein-Reifling, »einem belanglosen Dorf unweit Krems, etwa zwei Eisenbahnstunden von Wien«, ist Christine Hoflehner Mitte der 1920er Jahre Postassistentin. Keine 28 Jahre alt, führt sie ein freudloses und bedrücktes, von Armut und Pflichterfüllung bestimmtes Leben zwischen karger Amtsstube und dem Bett der todkranken Mutter. Keine Vergnügungen, keine Reisen, nie eine Liebesbeziehung, keine besonderen Aussichten.
Da erreicht sie ein Telegramm von Tante Claire, wie sich Klara, die Schwester der Mutter, nennt, seit sie in den USA die Gattin Anthony van Boolens, eines erfolgreichen Baumwollmaklers, geworden ist. Die beiden älteren Leute unternehmen gerade eine Reise nach Europa und laden Christine ins Palace Hotel in Pontresina, Schweiz, ein. Anfangs noch voller Scham und von Minderwertigkeitsgefühlen geplagt, erlebt Christine, von der Tante mit feinen Kleidern ausstaffiert, in dem Luxushotel den titelgebenden Rausch der Verwandlung. Er bringt ihr zahlreiche Avancen, vor allem aber ein völlig neues Lebens- und Selbstgefühl ein. Zum ersten Mal gehört sie sich selbst; sie entdeckt, was in ihr steckt, würde sie nur in einer Umgebung existieren, die ihre Möglichkeiten zur Entfaltung bringt.
Doch das geliehene Glück ist von kurzer Dauer: Von einer Rivalin als »Einschleicherin« enttarnt, wird sie nach Hause geschickt. In Klein-Reifling ist inzwischen die Mutter gestorben, und Christine nimmt ihr Leben als Postassistentin wieder auf, nun aber nicht mehr ergeben und angepasst, sondern voller Hass auf eine Gesellschaft, die sie um ihre Lebenschancen betrügt. In dem verarmten Ex-Soldaten Ferdinand, auch ein Betrogener und ein »mit dem Geist der Revolte« geladener Mensch, lernt sie einen Seelenverwandten und Schicksalsbruder kennen. Die beiden schmieden einen Plan, dem Elend zu entkommen.
Wie ist dieses Buch zu lesen?
»Wer bin ich denn?«, lässt Stefan Zweig seine plötzlich für ihre Umgebung sichtbare, von den anderen Hotelgästen umschwärmte Heldin reflektieren. Jahrelang hat ihr in Klein-Reifling keiner was geschenkt, keiner sie beachtet, geschweige denn begehrt:
»Ist es, weil die Menschen dort alle so arm sind, macht die Armut die Menschen so müde und so mißtrauisch, oder ist plötzlich etwas in mir da, was immer schon da war, das nur noch nicht heraus konnte?«
Die Antwort, die der Roman gibt, lautet: Beides stimmt und beides hängt miteinander zusammen. Denn um seine Potenziale zu entfalten und in Lebenschancen zu verwandeln, bedarf der Mensch einer Umgebung, die seiner Person und ihren Bedürfnissen Resonanz verleiht. Dabei wird Christine eine grundlegende Erfahrung zuteil: Wie leicht es nämlich fällt, die eine (einzwängende) Umgebung mit einer anderen (befreienden) zu vertauschen. Wiewohl existenziell auf seine jeweilige Umwelt angewiesen, ist der Mensch prinzipiell ein umweltfreies, weltoffenes Lebewesen, das sich rasch in andere Lebenswelten hineinfinden kann, insbesondere wenn sie seinem Wohlbefinden förderlicher sind. Hätte sie eben noch geschworen, nie ihrer Herkunftswelt entkommen zu können, ist sie, ehe sie es sich versieht, von ihr abgefallen. Unsere Seele, sagt Stefan Zweig, sei aus solch »geheimnisvoll zartem und biegsamen Stoff« gewoben, »daß schon ein einziges Erlebnis vermag, sie ins Unendliche zu erweitern«.
Welche Nebenwirkungen sind möglich?
Der Rausch der Verwandlung, den Christine erlebt, macht sie nach der jähen Rückkehr in die alte Umgebung unfähig, dort weiter angepasst zu existieren. Ihr Leben ist nun von Gefühlen wie Wut, Zorn und Hass bestimmt. Weder der Rausch selbst noch die erzwungene Rückkehr aber geschahen aus freier Entscheidung; sie sind Christine widerfahren, sie erlebt sie mit derselben Passivität, in der sie zuvor Amt und Mutter bediente. Im weiteren Verlauf des Romans spielt Stefan Zweig Möglichkeiten durch, wie es mit der Geschichte von Christine und Ferdinand weitergehen könnte; wie aus dem Rausch der Verwandlung so etwas wie aktiv gestaltete Veränderung des Lebens würde. Nach einem verworfenen Plan zum Suizid entschließen sich die beiden zum Schritt in die Illegalität: Ferdinand überzeugt Christine, gemeinsam mit der Postkasse durchzubrennen, und arbeitet dafür einen detaillierten Plan aus. Angesichts ihrer verzweifelten Situation ist das durchaus verständlich. Ob es gelingt und wohin es die beiden führt, auch ob ihre Liebe die mit Sicherheit auftretenden Spannungen aushält, wissen wir nicht. Stefan Zweig hat den Roman nicht vollendet. Wahrscheinlich aus gutem Grund.
Erzählung aus dem Jahr 1912
Zur Anwendung bei Jugendlichen ab 16 Jahren und Erwachsenen
Wirkstoff: Last Call der Seele
Anwendungsgebiet
Bei emotionaler Abhängigkeit, insbesondere bei Vernachlässigung der eigenen Wünsche und Interessen bis zur völligen Selbstaufgabe.
Worum geht es?
»Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.« So lautet der berühmte erste Satz von Kafkas Erzählung. Erst denkt Gregor, er träume noch, versucht weiterzuschlafen; dann lamentiert er über die Zumutungen seines Berufes als Handelsreisender in der Tuchbranche, das damit verbundene frühzeitige Aufstehen. Sein Blick fällt auf die Uhr – kurz nach halb sieben statt, wie gewohnt, vier Uhr morgens, er muss den Wecker nicht gehört haben –, schließlich klopft es an der Tür. Die Eltern wundern sich, dass der Sohn noch nicht aufgebrochen ist, immerhin ist er der Ernährer der Familie, der auch die Schulden des bankrottgegangenen Vaters abarbeiten muss. Endlich gelingt es Gregor, unter Aufbietung größter Anstrengungen und Listen und all seines Pflichtbewusstseins in seiner neuen Gestalt aus dem Bett zu kommen – mehr ein Plumpsen ist es als ein Aufstehen. Da steht schon der Prokurist der Firma, für die er arbeitet, vor der Tür, um ihn an seine beruflichen Pflichten zu erinnern. Als er sich dann als das Ungeziefer zeigt, zu dem er über Nacht geworden ist, bricht Panik aus. Der Prokurist stößt einen Laut aus, der klingt, wie wenn der Wind saust, die Mutter fällt mit gesenktem Gesicht zu Boden, der Vater ballt mit feindseligem Ausdruck die Faust. Nur Gregor bewahrt die Ruhe. »Nun«, sagt er, »ich werde mich sogleich anziehen, die Kollektion zusammenpacken und wegfahren.«
Eine Komödie? Die Zuhörer, denen Kafka seine Texte vorgelesen hat, sollen zuweilen in lautes Gelächter ausgebrochen sein. Und doch erinnert »Die Verwandlung« eher an eine albtraumhafte Horrorgeschichte über einen in seinem entstellten Körper gefangenen Menschen, erzählt mit dem Stilmittel der erlebten Rede: Auch deshalb kommt es zu keiner äußeren Beschreibung des »Käfers«, als der Gregor erwacht ist. Nur zum Schluss wird diese Perspektive verlassen; denn es gibt nicht nur kein Zurück der Verwandlung, Gregor überlebt sie auch nicht.
Wie ist dieses Buch zu lesen?
Ein gesichtsloser Mensch aus dem Heer der abhängig Beschäftigten, unterwürfig gegenüber dem Chef und der Familie, erfüllt von zweifelhaftem Pflichtbewusstsein, aber auch rasch bereit zur Klage, bekommt durch seine Verwandlung erstmals im Leben ein Gesicht – und dann ist es das eines »ungeheueren Ungeziefers«! Gibt es eine größere Beleidigung, als einen Menschen als Ungeziefer zu bezeichnen? Schon vor dieser Erzählung taucht die Metapher der Verwandlung in ein solches bei Kafka auf: Da träumt ein Bräutigam davon, der bevorstehenden, mit Ängsten belegten Verehelichung auf diesem Wege zu entkommen. Noch in der Erzählung, die dann explizit »Die Verwandlung« heißt, ist etwas von diesem Wunsch der Flucht aus einem nur von ungeliebten Pflichten und Schuldgefühlen bestimmten Leben eingeflossen. Es dominiert aber das Gefühl der absoluten Fremdheit mitten unter den nächsten Menschen und ein in seiner Negativität nicht mehr zu überbietendes Selbstbild: In Wahrheit bin ich nichts als Ungeziefer.
Die Metapher hat aber noch einen weiteren Aspekt: Die Verwandlung in den großen, so hässlichen wie das Hauswesen der Familie umstürzenden »Käfer« hat auch etwas von einem Protest, der Auflehnung gegen die aufgezwungene Rolle als Sohn, als Ernährer, als funktionierender Angestellter etc., selbst wenn dieses Aufbegehren auch masochistische Züge trägt (worauf Kafkas Erzählung ausdrücklich hinweist). Das Insekt-werden Gregors ist das, was die Psychologie eine Kompromissbildung nennt. Doch das muss nicht bedeuten, dass wir sie nicht als Anstiftung zur Rebellion verstehen. Immerhin gelingt es Gregor ja mit der Verwandlung, seiner Familie und seinem Vorgesetzten einen gehörigen Schrecken einzujagen, von dem sie sich erstmal nicht erholen.
Welche Nebenwirkungen sind möglich?
Wenn es einem wie Gregor Samsa ergeht, ist es für therapeutisches Gegensteuern eigentlich schon zu spät: Dann nimmt, so müsste man sagen, ein nicht mehr abwendbares Schicksal seinen Lauf, das durch die Verwandlung selbst schon besiegelt ist. Die ganze Todesschwere des Lebens lastet nun unwiderruflich auf dem zum Insekt gewordenen Gregor. Ist die in der Erzählung zum Ausdruck kommende Haltung und damit auch ihre Wirkung also rein defätistisch? Immerhin hat sich Kafka nicht selbst in ein Ungeziefer verwandelt, sondern »Die Verwandlung« geschrieben. Und während der arme Gregor überhaupt nicht erfasst, was und wie ihm geschieht, haben Kafka und seine Erzählung ein ausgeprägtes Bewusstsein von diesen Zusammenhängen. So hat »Die Verwandlung« auch etwas von einem Weckruf: Tu was, bevor es zu spät ist: Zieh aus, kündige, entkomme! Es gibt einen Weg hinaus.
Erzählung aus dem Jahr 1927
Zur Anwendung bei Jugendlichen ab 16 Jahren und Erwachsenen
Wirkstoff: Gegenkultur inhalieren
Anwendungsgebiet
Bei innerer Zerrissenheit, dem Gefühl einer geteilten Persönlichkeit, Midlife-Crisis gegebenenfalls verbunden mit Selbstmordgedanken.
Worum geht es?
Zehn Monate lang hat Harry Haller, ein auf die 50 Jahre zugehender, menschenscheuer, stark dem Alkohol zusprechender Schriftsteller, ein Mansardenzimmer in einem gutbürgerlichen Mietshaus in einer nicht genannten Stadt bewohnt. Das erfahren wir von dem Neffen seiner Vermieterin, der auch als Herausgeber der Schriften fungiert, die Harry nach seinem geheimnisvollen Verschwinden zurücklässt. Neben eigenen Aufzeichnungen findet sich darunter auch ein »Tractat vom Steppenwolf«, der sich in der Erstausgabe des Buches von 1927 durch eine besondere Schrifttype und hellgelbe Titel- und Schlussblätter wie ein kleines Groschenheft im Buch ausnahm. »Steppenwolf« hat sich Harry Haller zuweilen selbst genannt. Laut des Herausgebers führte er »das Leben eines Selbstmörders«. Die Abhandlung verallgemeinert Hallers individuelle Existenz zu einem zeitgenössischen Typus: einem Außenseiter, in dessen Brust zwei Seelen schlagen, eine bürgerliche, kontrollierte und eine wölfische – impulsiv, wild, unruhig, isoliert. Beide Teile seiner Person belauern sich gegenseitig so ablehnend wie eifersüchtig, was mit fortschreitender personaler Dissoziation einhergeht.
An einem seelischen Tiefpunkt angelangt, nahe am Versinken in eine Depression, begegnet Harry eines Abends der Edelprostituierten Hermine und lernt in der Beziehung zu ihr verborgene Dimensionen seines Selbst kennen: Hermine bringt Harry, der bislang einzig in einer Hochkulturblase gelebt hat, das wilde Tanzen zu Jazz-Rhythmen bei und führt ihn auf einen Maskenball. Sie besorgt ihm eine erfahrene Geliebte und macht ihn mit dem Saxophonisten Pablo bekannt, der ihm Drogen gibt und damit sein »magisches Theater« für ihn öffnet. So taucht er schließlich in den Bildersaal der eigenen Seele ein und erlebt auf einer fantastischen Reise nach Innen den überbordenden Reichtum seines Unbewussten.
Wie ist dieses Buch zu lesen?
Harry Haller trägt nicht nur die Initialen Hermann Hesses, auch die Lebensumstände und die Midlife-Crisis teilt der Steppenwolf mit seinem Schöpfer. Hesse veröffentlichte das Buch kurz vor seinem 50. Geburtstag; sollte er scheitern, so verkündete er im Freundeskreis, würde er Suizid begehen. Das Buch ist so auch ein Selbstversuch. Hesse war durchaus bewusst, in diesem Buch, wenn nicht Unmögliches, so doch etwas verteufelt Schwieriges zu unternehmen: den Weg zu einer Veränderung der Persönlichkeitsstruktur aufzuzeigen, und das bei einem Menschen im fortgeschrittenen Alter. In vielerlei Hinsicht ist es kein Zufall, dass »Der Steppenwolf« seit jeher und dann insbesondere in den 1960er Jahren, als er zum Kultbuch der gegen das Establishment rebellierenden Studentinnen und Studenten avancierte, junge Leute angelockt hat, deren Persönlichkeitsstruktur noch entwicklungsfähiger, nicht bereits verfestigt war.
Lässt man Zeitbedingtes beiseite, so besteht der von Hesse empfohlene Weg der Selbstveränderung darin, so viel Gegenkultur wie möglich in sich aufzunehmen: Das war zu seiner Zeit Jazzmusik, Tanzen, Faschingsbälle, Radiohören und die Einnahme von Meskalin, zur Zeit der Studentenbewegung waren es Beatmusik, Tanzen, Partys, Filme von Antonioni und der Konsum von LSD. Heute sind es Future Rave, immer noch Tanzen, Fetischpartys und der Konsum von Plastikdrogen.
Welche Nebenwirkungen sind möglich?
Für Hesse zählte auch die Einnahme von Drogen zu einem von mehreren möglichen, miteinander zu kombinierenden Wegen, um aus dem Gefängnis der Persönlichkeit auszubrechen, das Bewusstsein zu erweitern und einen Zugang zum Unbewussten zu finden. Das hat »Steppenwolf«-Leser wie den Psychologen und Drogen-Guru Timothy Leary dazu geführt, Hesse 1963 als den »Meisterführer zum psychedelischen Erlebnis und seiner Anwendung« zu feiern. Das ist nicht nur eine Verkürzung, sondern auch gefährlich; denn der Konsum von Drogen wird so mit dem Gütesiegel eines Literaturnobelpreisträgers versehen; das damit verbundene gesundheitliche Risiko, etwa die Ausbildung von Psychosen, wird heruntergespielt. Genauso unredlich ist es aber auch, das Thema Drogen aus diesem Zusammenhang völlig auszuklammern. Für den Hesse des »Steppenwolfs« zeigt sich die neue Souveränität im Umgang mit sich selbst auch in einem höheren Humor – dass man eine Art göttliches, über den Dingen stehendes Lachen lernt. Und das lässt sich womöglich auch ohne Drogen und Rauschmittel erreichen.
Roman aus dem Jahr 1924
Zur Anwendung bei Jugendlichen ab 16 Jahren und Erwachsenen
Wirkstoff: Entschleunigung
Anwendungsgebiet
Bei akuten und chronischen Zeitproblemen, wenn Sie unter ständiger Zeitnot, womöglich Chronophobie leiden und sich nach Entschleunigung, etwa Zeiten bewussten Innehaltens, sehnen.
Worum geht es?
Hans Castorp, ein frühverwaister Hamburger, der soeben ein Studium der Schiffbautechnik abgeschlossen hat, reist nach Davos, um in einem Sanatorium seinen lungenkranken Vetter Joachim zu besuchen. Er kommt für drei Wochen und bleibt schlussendlich sieben Jahre, bis er vom Erzähler auf ein Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs geschickt wird. Der leitende Arzt des Sanatoriums hat bei einer Durchleuchtung »dunkle Flecken« auf seiner Lunge gefunden. Noch wesentlicher für sein Bleiben sind aber die »dunklen Flecken« auf seiner Seele: eine ausgeprägte Orientierungslosigkeit in Fragen der Lebensführung sowie eine nicht ausgelebte homosexuelle Neigung. Sie machen ihn zum dankbaren Objekt der Erziehungsbemühungen mehrerer Mentoren, darunter ein Humanist und Aufklärer, ein mit dem Kommunismus kokettierender Katholik, ein Psychoanalytiker der ersten Stunde sowie eine »große« Persönlichkeit, die schrecklich unter ihrer Impotenz leidet. Vor allem aber hält Hans Castorp »dort oben« die russische Patientin mit dem sprechenden Namen Clawdia Chauchat (heiße Katze), die so unvermutet abreist, wie sie wiederkehrt.
Wie ist dieses Buch zu lesen?
Erste Einblicke in die Sanatoriumswelt erhielt Thomas Mann, als seine Frau Katia wiederholt zu Kuren in Davos war, um sich von ihrem familiären Burnout zu erholen, insbesondere aber von dem Schrecken, dass das Begehren ihres Mannes mehr schönen jungen Männern galt. Thomas Mann hat mit dem »Zauberberg« eine queere Wunschwelt jenseits aller genitalen und familiären Bindungen geschaffen. Dort ist es etwa möglich, einen Bleistift, den man sich zu Schulzeiten als Knabe von einem reizenden Mitschüler geliehen hat, in einer Liebesnacht einer unabhängigen Frau weiterzugeben. Diese Coming-of-Age-Komponente des Romans kann ein persönliches Coming-out auslösen: Etwa im Fall der Frauen liebenden Susan Sontag (→ »Wiedergeboren«, Seite 147) ist das verbürgt.
Obwohl wir in nahezu allen Lebensbereichen mithilfe der Technik enorme Zeitgewinne erleben, leiden im Alltagsleben viele unter ständiger Zeitnot. Sie haben den Eindruck, nicht genug Zeit zu haben und dem zunehmenden Tempo des Lebens kaum mehr gewachsen zu sein. Das im »Zauberberg« in allen Einzelheiten geschilderte stark verlangsamte, gleichförmige Leben in einem Sanatorium mit seinen stereotypen Abläufen, ausgedehnten Liegekuren und üppigen Mahlzeiten ist das extreme Gegenbild dazu – und war es schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Romans. Hier hat man Zeit bis zum Abwinken: 1000 Seiten Entschleunigung – das allein sollte schon reichen, um selbst in hartnäckigen Fällen von Chronophobie den Zeitdruck wegzunehmen. Zudem lassen die weitschweifigen weltanschaulichen Diskurse gepflegte Langeweile aufkommen, sodass sich die Lesenden binnen Kurzem nach etwas mehr Action, Hektik und Dringlichkeitsgefühl sehnen – Zeichen für das Einsetzen des Heilungsprozesses.
Ohne auf das Zeitbudget der Lesenden Rücksicht zu nehmen, das bereits bei seinen Zeitgenossen knapp bemessen war, hat Thomas Mann sogar empfohlen, sein 1000-Seiten-Buch gleich zweimal zu lesen. Begründung: Seine »besondere Machart«, sein Charakter als Ideenkomposition, bringe es mit sich, dass das Lesevergnügen »sich beim zweiten Mal erhöhen oder vertiefen wird«. Richtig daran ist zumindest, dass der Entschleunigungscharakter von Thomas Mann Roman bei einer zweiten Lektüre noch stärker hervortritt, da nun die sowieso schon zweitrangige Frage, wie die Handlung weitergeht, so gut wie gar keine Rolle mehr spielt.
Welche Nebenwirkungen sind möglich?
Die häufigste Nebenwirkung ausgedehnter »Zauberberg«-Lektüre besteht darin, in die Situation der Hauptfigur des Romans zu geraten. Der ist von der zeitentrückten Atmosphäre der Sanatoriumswelt so fasziniert, dass er für sieben Jahre alles andere vergisst, insbesondere sein berufliches und gesellschaftliches Fortkommen und auch die sowieso kaum noch bestehenden Familienbande. Als Symptom einer Überdosierung kann ein Lebensgefühl auftreten, für das bereits Bismarck das Wort »Wurschtigkeit« verwendet hat: ein Zustand der Indolenz, gefeit gegen Lob wie Tadel, sorglos bis zum Schlendrian, jeglicher Motivation abhold. Als spezifisches Gegenmittel (Antidot) eignet sich in solchen Fällen die Lektüre von »Es werden schöne Tage kommen« von Zach Williams (→ Seite 34), kurzen Erzählungen, in denen hinter jeder Tür ein unheimlicher Abgrund lauert.
Roman aus dem Jahr 1891
Zur Anwendung bei Jugendlichen ab 14 Jahren und Erwachsenen
Wirkstoff: Anti-Aging
Anwendungsgebiet
Bei Gerontophobie (Altersangst) mit den beiden Aspekten der Angst vor dem Älterwerden und des Ageism.
Worum geht es?
Als der junge Aristokrat Dorian Gray zum ersten Mal sein Porträt sieht, das der in ihn verliebte Künstler Basil Hallward gemalt hat, kommt »das Bewusstsein der eigenen Schönheit […] wie eine Offenbarung« über ihn. Doch sofort empfindet er Eifersucht auf das Bild:
»Ich werde alt werden und entsetzlich und widerwärtig. Aber dieses Bildnis wird immer jung bleiben. Es wird nie älter sein als heute, an diesem Tag […]. Ach, wenn es nur umgekehrt wäre.«
Und so kommt es auch – Wildes
