Die Literaten - Ida von Düringsfeld - E-Book

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Ida von Düringsfeld

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Beschreibung

Das Schloß, die Villa, das Landhaus, wie man es nennen wollte, stand in einer Bucht am Rhein. Es war wohl mehr Schloß als Landhaus, wenigstens schloßähnlich gebaut. Mit Thürmchen, Zinnen, Erkern, der ganzen altneuen Rheinarchitektur. Wenn man’s am Rhein nicht glaubt, daß man mitten in der Gothik lebt, so ist es sicher nicht die Schuld der Architekten oder Maurermeister. Das Schloß, von dem die Rede ist, machte keinen Anspruch darauf für alt angenommen zu werden. Es that nur gothisch, weil es eben neu war. Die Lage war herrlich. Die Straße trennte es von dem Kiesel- und Weidenufer unsers schönsten Stromes. Bäume, die noch jung, aber doch schon stattlich gewachsen waren, schnell aufschießend, Bäume mit luftigem Laub, Pappeln, Ahorne und Akazien, verschleierten die vordern Räume des Gartens, der sich hinter dem Schlosse mit Rasenplätzen und Strauchgruppen bis zu dem Berge zog, dieser umfaßte die ganze Bucht. Die Wellen des blühenden Weines wogten an ihm empor bis zum Gipfel, wo sich aus ihnen verwittert und epheugrün ein runder Thurm erhob, der letzte Rest einer Burg. Die ersten vierzig Schritte hinauf bis zwischen die Reben hinein lagen prachtvolle Basaltblöcke. Weiße Violen umblühten die untern. Um das Dunkel der Felsen her schimmerten sie wie rosiger Schnee. Es war eine künstlerisch-abgeschlossene, vollkommen ausgemalte Rheinansicht.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Die Literaten.

Socialer Roman

von

Ida von Düringsfeld

© 2026 Librorium Editions

ISBN : 9782387410313

INHALT.

Erster Theil.

Erstes Capitel. Am Rheinufer.

Zweites Capitel. Die Debütantin beim Veteran.

Drittes Capitel. Ein literarischer Salon.

Viertes Capitel. Erklärungsversuche.

Fünftes Capitel. Priesterinnen des Musengottes.

Sechstes Capitel. Ein kluger Hofrath.

Siebentes Capitel. Ein would-be Satan.

Achtes Capitel. In einem kühlen Grunde.

Neuntes Capitel. Wie der Satan einen Korb aufnimmt.

Zehntes Capitel. Klein-Ellrich als Opfer.

Eilftes Capitel. Ein wunderlicher Besuch.

Zwölftes Capitel. In einem Arbeitscabinet.

Dreizehntes Capitel. Schriftstellerin und Verleger.

Vierzehntes Capitel. Sie bleibt dabei.

Zweiter Theil.

Erstes Capitel. Nach zwei Jahren.

Zweites Capitel. Wendelin ist nervös.

Drittes Capitel. Zu spät.

Viertes Capitel. Ein zweiter literarischer Salon.

Fünftes Capitel. Die Präsidentin predigt die Ehe.

Sechstes Capitel. Ein saubrer Herr.

Siebentes Capitel. Cäciliens Correspondenz.

Achtes Capitel. Ein glückliches junges Mädchen.

Neuntes Capitel. Wie Hans Schlieben unbeständig ist.

Zehntes Capitel. Wendelin als Freiwerber.

Eilftes Capitel. »Wissen Sie, daß Wendelin Sie liebt«.

Zwölftes Capitel. Wie Freundinnen Abschied nehmen können.

Dreizehntes Capitel. Ein eigenthümlicher Brautstand.

Vierzehntes Capitel. Noch ein Mal am Rheinufer.

Erster Theil.

Erstes Capitel.

Am Rheinufer.

Das Schloß, die Villa, das Landhaus, wie man es nennen wollte, stand in einer Bucht am Rhein. Es war wohl mehr Schloß als Landhaus, wenigstens schloßähnlich gebaut. Mit Thürmchen, Zinnen, Erkern, der ganzen altneuen Rheinarchitektur. Wenn man’s am Rhein nicht glaubt, daß man mitten in der Gothik lebt, so ist es sicher nicht die Schuld der Architekten oder Maurermeister. Das Schloß, von dem die Rede ist, machte keinen Anspruch darauf für alt angenommen zu werden. Es that nur gothisch, weil es eben neu war. Die Lage war herrlich. Die Straße trennte es von dem Kiesel- und Weidenufer unsers schönsten Stromes. Bäume, die noch jung, aber doch schon stattlich gewachsen waren, schnell aufschießend, Bäume mit [I-2] luftigem Laub, Pappeln, Ahorne und Akazien, verschleierten die vordern Räume des Gartens, der sich hinter dem Schlosse mit Rasenplätzen und Strauchgruppen bis zu dem Berge zog, dieser umfaßte die ganze Bucht. Die Wellen des blühenden Weines wogten an ihm empor bis zum Gipfel, wo sich aus ihnen verwittert und epheugrün ein runder Thurm erhob, der letzte Rest einer Burg. Die ersten vierzig Schritte hinauf bis zwischen die Reben hinein lagen prachtvolle Basaltblöcke. Weiße Violen umblühten die untern. Um das Dunkel der Felsen her schimmerten sie wie rosiger Schnee. Es war eine künstlerisch-abgeschlossene, vollkommen ausgemalte Rheinansicht.

Aus diesem wundervollen Haine, welcher einem Gedichte von Heine glich, wollte die Tochter fort. Nicht weil sie dem Geliebtesten folgen wollte, allein, frei, emancipirt, um das Wort zu sagen. Weil es ihr hier zu eng wurde, weil es ihr zu gut ging, weil sie nicht wirken konnte. Mit einer Legion von Gründen belegte sie die innere Ungeduld, welche sie eine Mission taufte.

»Ich hab’ eine Mission,« sagte sie.

»Du hast eine Unruhe,« sprach die Freundin des Hauses und der jungen Dame, die Präsidentin von Amstetter, welche mit ihr am Gitter stand und auf den Strom sah, der abendlich licht wurde. »Du hast [I-3] Langeweile und Leere, die Glieder sind Dir eingeschlafen und um in ihnen wieder das Blut fließen zu machen, versuchst Du unmögliche Bewegungen.«

»Corinna1 ist doch möglich gewesen,« entgegnete sanft Cäcilia von Platen, die junge selbsternannte Missionärin.

»Im Buche. In der Wirklichkeit vielleicht auch, aber nur in Italien. Du siehst, in England läßt die Stael sie Fiasco machen. Die englischen Schriftstellerinnen bleiben, heirathen sie nicht, in der Familie. Die Edynworth, die Mitford2 — welche weiß ich noch.«

»Das sind Alterthümer,« sagte Cäcilie lächelnd.

»Recht, aber ich sehe nicht, daß die Neuen es anders machen, die größten weiblichen Rebellen, die Bells-Bronti’s3, wo saßen und schrieben sie? Zu Hause. Selbst in Frankreich, was ist und bleibt die Sphäre des Mädchens? Das Haus, wenn nicht das der eigenen, so das einer fremden Familie. Wärst Du Amerikanerin, wollte ich nichts, sagen, aber Du bist Deutsche, und in Deutschland geht dergleichen nicht.«

»Es muß endlich gehen, Ernestine,« sprach die junge Dame mit der melodischen Betonung, mit der sie alle Einwürfe so lieblich klingen ließ, daß sie alle Schärfe verloren. »Wenn wir Einfluß gewinnen wollen, müssen wir beweisen, daß wir Befähigung dazu haben, Befähi[I-4]gung beweist sich nur im Leben und entwickelt sich nur durch Erfahrung.«

»Aeußerst logischer Nonsense,« sagte lächelnd Frau von Amstetter. Das ganze Gespräch, so wichtige Interessen es berührte, wurde heiter geführt, es spielte über die ernste Frage hin, die es ergründen sollte, wie Licht über eine Tiefe, die es offenlegt. Die Präsidentin nahm die feine warme Hand Cäciliens, welche auf ihrer Schulter lag und zog sie an ihre Lippen. »Cilly, ich bitte Dich!« sprach sie dabei innig.

»Wenn es nicht schon in mir ganz fest wäre, Ernestine,« erwiderte Cäcilie, mit der leicht gefesselten Hand die Wange der Freundin streichelnd, »ich würde mich von Dir erbitten lassen. Ja, Du brauchtest gar nicht erst zu bitten, sondern nur zu wünschen, Dir thu’ ich, was ich kann, zu Liebe, aber lassen, was ich muß, das kann ich nicht, selbst für Dich nicht. Was soll ich hier? Braucht mich die Mutter? Nein, sie hat alle Hände voll mit den Jungen. Die brauchen mich zum Leben auch nicht, und der Papa,« — sie hielt inne.

»Nun, wird der Papa Dich nicht vermissen?« fragte die Präsidentin. »Wenn’s an’s Herbsten geht oder wenn’s gilt ein junges recht widerspenstiges Thier fromm zu streicheln? Nun, Cilly?«

»Nun — ja, Ernestine. Ehrlich währt am längsten; [I-5] Papa wird mich missen. Er muß sich eben darein schicken.«

»Warum muß er?«

»Weil ich muß, was ich muß. Ich möchte nicht gern tragisch werden, Erneste, Du weißt, ich scheue mich vor Nichts so, als wenn ich aus meiner Ruhe komme und Reden halte. Du wirst mich aber doch dahin bringen, wenn ich Dir erst beweisen muß, was ich weiß und was Du übrigens auch weißt. Wie oft hast nicht gerade Du mir gesagt, daß ich in unserm Hause und in meiner Familie nicht an meinem Platze sei?«

»Kind, wer ist denn an seinem Platz?« fragte schwermüthig die ältere Frau.

»Geboren wird nur selten ein Menschenwesen darauf, darum muß es sich ihn suchen. Wir sind nicht Pflanzen, die durch eigene Kraft nicht aus dem angebornen Boden heraus können. Die Freizügigkeit ist ein Recht, welches von der Völkerwanderung her datirt. Ich nehm’ es für mich in Anspruch. Da ich eine andere geistige Luft haben muß, soll ich meinem Bedürfniß nach athmen, und da mein Haus nicht mit mir zieht, so zieh’ ich aus dem Hause. Das ist so einfach wie möglich, es lohnt sich gar nicht erst Worte darüber zu verlieren, besonders so viele.«

»Es ist schrecklich, daß Alles, was Du da vor[I-6]bringst, so klug klingt und so dumm ist,« sagte Frau von Amstetter und wollte eben eine Widerlegung dieser »klugklingenden Dummheiten« beginnen, da kamen auf der Landstraße ein Paar junge Männer an dem Gitter vorüber, sahen herein und grüßten äußerst beflissen, mit einer Art erkünstelter Familiarität und mit der deutlichen Hoffnung eingeladen zu werden. Cäcilie begnügte sich jedoch mit einem kühlen Neigen des Kopfes und die Beiden setzten ihren Spaziergang fort. Sie trugen graue Sommeranzüge von verblichener Eleganz, auch ihr Wesen hatte eine abgetragene Salongewandtheit, man sah es, sie waren nicht immer mit schlechten Handschuhen und Stiefeln auf der Landstraße spazieren gegangen, sondern gewohnt gewesen zu reiten, oder in ihren Kutschen spazierenzufahren. Es waren die Söhne einer herabgekommenen Baronsfamilie, welche in dem nächsten kleinen alten Rheinstädtchen vegetirte. Noch mehr solcher zurückgezogener Aristokratie hatte sich dort angesiedelt, bildete eine förmliche Kolonie und zugleich den Umgang der Platens. Cäcilie sagte, indem sie beiden jungen Männern nachblickte: »gut, daß Papa nicht hier war, sie wären sonst gleich hereingenöthigt worden und wir wären sie den ganzen Abend nicht mehr losgeworden.« Die Sonne senkte sich nämlich schon, hing Strahlenschleier vor die entfern[I-7]ten Berge und machte aus der Luft einen Goldgrund, auf welchem einige Kronen von den Weidenbäumen am Ufer sich mit smaragdener Glätte abzeichneten.

Die Präsidentin blickte den ermüdet dahinschleifenden Spaziergängern ebenfalls nach, aber ihr Gesicht verrieth mitleidige Theilnahme. »Sie waren ermüdet und durstig,« sagte sie.

»Das sind sie immer,« sprach Cäcilie geringschätzig. »Müde ihres nutzlosen Daseins, und durstig nach Besserwerden, ohne daß sie die Energie hätten, eine Quelle aufzugraben, aus der es springen könnte. Für ihren jetzigen Durst finden sie tausend Schritte weiter ein Wirthshaus, eine Bank unter einer Laube, und Wein, von dem selbst sie einen Schoppen bezahlen können.« — »Warum spottest Du ihrer Armuth, Cilly? Es erbt nicht jedes Erdenkind mit achtzehn Jahren wie Du.«

»Das fragst Du doch nicht ernsthaft, Erneste?« erwiderte gelassen Cäcilie. »Du weißt, daß ich ihnen vorschießen würde, was sie vernünftiger Weise brauchen könnten, um vorwärts zu kommen. Ja, dem einen, dem Seraph, hab’ ich’s ein Mal angeboten. Er sieht intelli[I-8]genter aus, als der Bruder, selbst jetzt noch, und damals beklagte er sich wirklich über die Unmöglichkeit eine Carriere zu machen. Ich dachte, es wäre ihm Ernst, ich mocht’ ihn gern, vielleicht war ich ihm selbst gut — er war mein erster Courmacher gewesen.« Sie zog eine Geisblattranke vom Gitter los, und spielte damit — dergleichen war bei Cäcilien so ungewöhnlich, daß es so gut wie ein Geständniß war. Die Präsidentin sagte: »Du brauchst Dich nicht zu schämen, Cilla, Du könntest schlechter fahren als mit Seraph.«

Cäcilie antwortete ruhig: »ich schäme mich gar nicht. Warum soll ich nicht eine Zuneigung gehabt haben? Seraph that mir leid und gefiel mir, ich schlug ihm vor, ich wollte ihm so viel vorschießen, daß er nach Lüttich gehen, dort die technische Schule und dann die der Mineurs besuchen und nachher mit meinen Kapitalien den Betrieb einer Grube in Angriff nehmen sollte. Ich wollte das Geld geben, er sollte seine Arbeit dazu thun, glaubst Du, er nahm’s an? Seine Eltern würden das nie überwinden, daß er sich der Industrie widme, derogirte u. s. w. Hauptsächlich war’s wohl die praktische Lehrzeit, die ihn erschreckte. Er unter der Erde! Er fragte mich ganz naiv, warum wir denn nicht Gruben oder dergleichen haben könnten, ohne uns anders daran zu betheiligen, als mit den Kapitalien und dem Gewinn. [I-9] Am besten wär’s immer, meint er, mir am angemessensten — mir! — das Geld, welches ich hätte, in Brüssel zu verzehren, auch in Paris, wenn es mir lieber wäre, aber Brüssel würde er vorziehen, es wäre plus mignon als Paris. Ich sagt’ ihm ›dazu hätt’ ich nicht mein Geld, und dazu braucht’ ich keinen Mann.‹ Das war meine einzige Liebesscene,« schloß Cäcilie, immer sehr ruhig.

»Spielte sie im Mondlicht?« fragte Frau von Amstetter lachend.

»Nein, aber im Abendroth, droben am alten Thurme. Seraph ließ es sich nicht gesagt sein, er bettelte wieder, denn das nenn’ ich betteln um eine Frau, wenn man sie nicht verdienen will. Dann kam Seraphs Mama und Seraphs Papa, und meine gute Mama hielt mir vor, wie edel es sein würde, eine gesunkene alte Familie wieder aufzurichten. Ich blieb aber hartherzig dabei: wenn eine gesunkene Familie sich nicht selbst wieder aufrichten könne, so möchte sie unaufgerichtet bleiben. Ich bin keine Schwärmerin.«

»Nicht?« fragte die Präsidentin zärtlich und bedeutungsvoll.

Zum ersten Male antwortete jetzt Cäcilie mit [I-10] Energie. »Ich weiß, was Du mir zu hören geben willst, Erneste,« sagte sie, »aber glaube mir, das Große und Gute, was scheinbar unmöglich ist, unerschütterlich wollen und hoffen, das ist keine Schwärmerei, das ist Religion.«

Der Rhein glänzte so überirdisch golden, als wiegte das Haar der Lorelei sich auf seinen Wogen.

Zweites Capitel.

Die Debütantin beim Veteran.

Cäcilie stieg die beiden sehr hohen Treppen hinan, welche zu der Wohnung Franz Grunows4 führten. Es war eines von den neuen Häusern, die ganz eigens dazu gebaut scheinen, durch tägliche und stündliche Anstrengung des Steigens jedes schlummernde Brust- oder Herzübel in möglichster Schnelligkeit zu entwickeln. Cäcilie indessen stieg die beiden Treppen mit eben solcher Leichtigkeit, wie Ruhe, sie brauchte sich nicht anzustrengen und verlor Nichts von ihrem Athem. Sie war körperlich gesund entwickelt, viel zu Pferde, viel auf dem Wasser gewesen, eine gute und geübte Klimmerin auf Felsen, gehärtet durch Luft, Bewegung und Willen, wie eine Stahlklinge, aber dabei auch biegsam wie eine solche. Norddeutscher, d. h. schlanker, feiner und [I-12] bläßer konnte kein Mädchen sein als Cäcilie, Franz Grunow blickte sie mit Befremdung an: sie kam ihm so zart, ja, fast so schwächlich vor, und da wollte sie dieses Ringen corps à corps mit dem Leben beginnen, welches man beim Mann sich eine Stellung schaffen und bei der Frau sich emancipiren heißt. Frau von Amstetter hatte ihm geschrieben: »Sie werden überrascht sein,« er hatte darüber etwas gelächelt, als ob man ihn so leicht überraschte! Jetzt war er es wirklich, mehr als er es sich im ersten Augenblick eingestand. Und nicht nur durch die Erscheinung Cäciliens, auch durch die stille Sicherheit, mit der sie eintrat, durch den Blick unbefangener, um so zu sagen, edler Neugier, mit welchem ihre großen lichtgrauen Augen sein Gesicht, seine ganze Persönlichkeit auffaßten, durch die intensive, wenn gleich gehaltene Erwartung, mit der Cäcilie sich auf seine erste Anrede vorbereitete.

Grunow war in der Vollzeit des Mannesalters und der Intelligenz, zwischen Vierzig und Fünfzig, was die Engländer von machtvoller Mache nennen, mehr klein als mittelgroß, mit Schultern, wie sie sich gegen Felsen im Wege stemmen und sie bei Seite drängen können. Von der Kraft der Blonden. Norddeutsch kühl, gehalten und karg in Aeußerungen jeder Art, dabei innerlich glühend von dem Ehrgeiz, der ein Können in sich [I-13] schließt. Grunow hatte gekonnt. Er war nicht getragen worden, sondern gestiegen. Jetzt hatte er seinen Platz, freilich keinen unbestrittenen. Um die vier Fußbreit Stufen, die er auf dem heiligen Berg der Gegenwart einnahm, denn mehr wird keinem Emporgeklimmten gegönnt, um diesen engen schwindelnden Platz mußte er täglich kämpfen. Seine Sohlen hatten sich an den Boden festgesogen, er behauptete sich und stand, aber die Ermüdung, welche das tägliche Ringen ihn kostete, war sichtbar, sowohl in seiner Person, wie in seinen Büchern, durch die es wie der laute Athem einer übermenschlichen Anstrengung ging. Das hatte Cäcilia bei dem Lesen derselben gefühlt, und das hatte ihr für Grunow eine Theilnahme eingeflößt, wie sie dem Schriftsteller selten wird, weil sie dem Menschlichen in ihm gilt. Als Frau von Amstetter bei der Abreise ihrer jungen Freundin diese fragte: »Willst Du einen Brief an Grunow?« da hatte sie geantwortet: »ja, ich werde gern selbst sehen, wie ein moderner Athlet sich ausnimmt.«

Nun sah sie ihn selbst und fand ihn wie ihre Vorstellung von ihm. Cäcilie construirte sich die Persönlichkeiten nach dem von ihnen Gegebenen meistens richtig, das machte, ihre Erwartungen beruhten nicht auf der Einbildungskraft, sondern auf logischen Schlüssen. Sie wandte instinktiv in der Psychologie die Mathematik an. [I-14]

Das Gespräch begann, wie sie es gleichfalls erwartet hatte, auf eine gleichgültig artige Weise. Erkundigungen nach Frau von Amstetter, nach dem Wetter, welches Cäcilie unterweges gehabt, nach der Zeit, die sie auf die mitteldeutsche Residenz wenden wollte, wo Grunow sein Zelt aufgeschlagen hatte, das Alles folgte einfach, natürlich auf einander. Cäcilie antwortete ebenso einfach. Wegen ihres Bleibens wußte sie noch nicht, wie lange es währen würde, ob einen Tag, ob einen Monat.

»Reisen Sie so ganz ohne Plan?« fragte Grunow.

»Ich reise nicht,« antwortete Cäcilie. »Ich wandere, wie der Handwerksbursche, um mein Handwerk besser zu lernen.«

»Und wo Sie da Werkstätten finden, bleiben Sie.«

»Wenigstens wo ich einen wirklichen Meister finde.« sagte sie mit einer graziösen Beziehung. Es war der erste Zug weiblicher Feinheit, den sie ahnen ließ. Grunow neigte mit einem halben Lächeln fast unmerklich den Kopf.

»Bleiben Sie in jedem Falle,« sagte er, »Sie finden hier viele Materialien, und wie ich Sie beurtheile, bedürfen Sie des absoluten Stoffes, um daran zu experimentiren, was eben doch das Lernen ist.

»Sie beurtheilen mich sehr richtig,« entgegnete [I-15] Cäcilie. »Ich bin durchaus unspekulativ. Was die Philosophie als eine Wissenschaft anpreist, ist mir immer als höchst unwichtig vorgekommen.«

»Das las ich aus Ihrem Buche5.«

»Es freut mich, daß Sie es gelesen haben,« sagte Cäcilie, ohne im Mindesten die geschmeichelte Eitelkeit einer neuen Schriftstellerin zu verrathen, die sich von einem Obersten in der Heerschaar bemerkt sieht. Ebenso unbefangen fragte sie: »Hat es Ihnen gefallen?«

Grunow lächelte jetzt nicht länger nur halb, aber sein Lächeln verwirrte Cäcilie so wenig, wie es seine Erwähnung ihres Buches gethan. Sie wartete nun auf seine Antwort.

Er überlegte sie sich ein wenig. Dann sprach er: »Ja und Nein. Was die Form betrifft, ganz. Sie schreiben mit einer Mäßigung, die besonders von einem so jungen Mädchen bewunderungswürdig ist, die Frauen sagen sonst immer zu viel, das weise Verschweigen ist fast die Sache von keiner. Sie dagegen sagen eher zu wenig. Ich hätte Sie Ihrem Buche nach für bedeutend älter gehalten.«

»Ich bin nicht mehr so sehr jung, Vierundzwanzig Jahr.«

»Also, als Sie das Buch schrieben, erst Zwanzig. Warum haben Sie seitdem nicht wieder geschrieben?« [I-16]

»Weil ich nichts Neues zu sagen hatte.«

»Abermals eine Enthaltsamkeit, die ganz unfrauenhaft ist.«

»Soll das ein Lobspruch sein, oder wollen Sie mich damit als unweiblich6 bezeichnen?« fragte Cäcilie ohne Empfindlichkeit, aber nachdenklich.

»Im Gegentheil,« entgegnete Grunow, »je vous crois très femme, nur manifestiren Sie es auf ganz ungewöhnliche Weise.«

»Auf welche? Sie halten mich nicht für eitel, daß ich Sie über mich ausfrage? Ich kann ebenso gut an mir selbst anfangen zu lernen, wie an jedem andern Gegenstand.«

»Haben Sie vielleicht, eine Engländerin zur Gouvernante gehabt?« fragte Grunow.

»Ich hatte nie eine Gouvernante. Warum?«

»Weil Sie auf eine so disciplinirte Art schreiben, daß ich an eine jener systematischen Erziehungsmethoden glaubte, wie wir sie von englischen Erzieherinnen gewohnt sind.«

»Die Wetherell7 hat ein Adjektiv, welches Ihre Meinung von meiner Schreibart resumirt: sober.«

»Ich glaube mich zu erinnern. Und nun, habe ich Sie Ihnen selbst genügend erklärt?«

»Was die Form betrifft, ja.«

»Was den Inhalt betrifft, so muß ich abermals [I-17] zum Französischen greifen und Ihnen sagen: vous êtes trop femme.«

Jetzt neigte Cäcilie den Kopf und lächelte. Ihr Lächeln veranlaßte die Empfindung, die ein plötzliches Erschließen einer Rose geben würde, das Aufgehen einer Tiefe voll Lieblichkeit. Gleich darauf wurde sie wieder ernst und ruhig. »Ich danke Ihnen,« sagte sie schlicht, und mit der bestimmten Absicht, ihre Person von nun an aus dem Gespräch zu lassen, fragte sie: »wie ist das geistige Element hier? Frisch? Thut es Ihnen wohl?«

»Um wohlzuthun müßte es eben frisch sein,« antwortete er mit Höflichkeit, die ihm von ihr angedeutete Richtung einschlagend. »Es ist aber nur weich, darum neutral. Eine Jugend, eine Action übt es nicht aus, aber es läßt einen leben, und schon dafür kann man dankbar sein.«

»Dankbar für bloße Toleranz?«

»Sie kommen neu und — trotz Ihrer vierundzwanzig Jahre noch sehr jung an,« entgegnete Grunow mit mehr Melancholie, als bis jetzt bei ihm wahrzunehmen gewesen war. »Vielleicht haben Sie bis jetzt gar keine Opposition kennen gelernt, außer der häuslichen —« Er hielt inne, um Cäcilien Zeit zum Antworten zu lassen, sie sagte: »selbst die nicht. Ich soll Opposition noch kennen lernen, Zwang überhaupt; was [I-18] Ihnen an mir disciplinirt erschienen ist, das ist nichts als eine unsägliche Scheu, mich zu offenbaren, wie ich eigentlich bin.« — »Da sympathisiren wir,« nahm, als sie ihrerseits innehielt, Grunow wieder das Wort, »denn auch ich könnte ganz Anderes geben, wenn ich mich selbst gäbe, und auch ich scheue mich. Man hat zur Ermüdung wiederholt, daß mein ganzes Schaffen reine Verstandesoperation sei, darin irrt man unsäglich: ich schreibe Alles aus dem Herzen, Alles mit Passion, aber ich habe mir den Verstand gleichsam als Polizeibeamten hingestellt, der das Herz immer zügeln muß, immer Ruhe gebieten.« — »Warum?« fragte Cäcilie melodisch.

»Warum?« wiederholte er überrascht. »Wahrscheinlich um mich nicht der Masse preiszugeben mit den Wunden und Leiden, die ich jetzt in mir verhehle.«

»Und warum wollen Sie sich nicht preisgeben? Man würde Sie lieben, während man Sie jetzt nur schätzt.«

»Und bemitleiden.« — »Nein, man bemitleidet wegen erlittenen Leiden nur den Schwachen und Erlegenen, den Starken, der die Leiden überwindet und bindet, liebt man.«

»Sie wollen wie ein Frühlingswind die Eiskruste um mein Herz aufthauen,« sprach Grunow, gerührter in der Seele, als er sich seit langer Zeit gefühlt hatte, [I-19] »aber wie können Sie mir solche wundervolle Liebe versprechen, die ganz gleich mit der reinsten Achtung sein würde?«

»Nach meinem eigenen Empfinden,« antwortete Cäcilie einfach. »Ich habe Sie immer sehr geschätzt, weil ich es erkannte, daß es Ihnen, selbst mit Ihren früheren Extravaganzen immer Ernst um die Sache gewesen ist, Sie sind nie Schauspieler gewesen, außer so viel, wie es die literarische mise en scène verlangt. Am Ende, man setzt sich, wenn man ein civilisirter Mensch ist, der in sich selbst die Andern ehrt, nicht in Schlafrock und Pantoffeln vor das Publikum, um ungenirt eine Cigarre zu rauchen, wie es der Prinz-Gemahl einst auf dem Verdeck der Viktoria that, als seiner Königin zu Ehren Antwerpen illuminirt wurde. Das also haben Sie nie gethan, sondern sind immer in gehöriger Toilette erschienen, und haben daran sehr wohl gethan, aber warum Sie Ihr Publikum immer auf die Art von sich abscheiden, wie in manchem englischen Salon das Auditorium die Künstler von sich abgeschieden haben soll, durch die fast unsichtbare, aber unpassirbare Barriere einer dünnen seidenen Schnur, das begreif’ ich nicht. Lassen Sie es doch ungescheut an sich herankommen, Sie können sich ja Auge in Auge sehen lassen. Schreiben Sie offen mit dem Herzen und Sie werden mit dem [I-20] Herzen begriffen werden. Ich z. B. werde jetzt nach so kurzem Gespräch mit Ihnen schon den Antheil des Verständnisses an Ihren Sachen nehmen, und bis jetzt haben sie mich stets nur befriedigt und nie gerührt.« — »Selbst meine Dramen nicht,« fragte Grunow, nicht recht mit sich einig, ob er empfindlich oder geschmeichelt sein sollte. — »Selbst die nicht, und doch sind Ihre Dramen vortrefflich gemacht, erfüllen den Anspruch der Zeit, sociale und sittliche Probleme darzubieten, und beweisen, daß Sie der einzige von unsern jetzigen deutschen Schriftstellern sind, der die Anatomie des Dramas versteht.«

»Was die Franzosen das Gerüst nennen,« sagte Grunow, entschieden angenehm berührt. »Sie sprechen da sehr liebenswürdige Dinge aus, wie sie nicht gerade oft von mir gesagt werden.« — »Das ist mir lieb,« sagte Cäcilie. —

»Das ist Ihnen lieb?« Grunow wußte wieder nicht, wie er das nehmen sollte.

»Ja, ich sage Ihnen dann doch nicht etwas gar zu Altes.«

»Das Gute bleibt immer neu, wenigstens immer angenehm,« sagte Grunow lächelnd. »Jedenfalls angenehmer, als Dinge, wie sie z. B. hier von mir gesagt werden.« Er legte damit vor Cäcilie einen dicken Band [I-21] mit dem wunderbaren Titel: »Der gesäuberte deutsche Musenberg« hin, und schlug ihn bei einem Artikel auf, über welchen sein Name stand. »Da lesen Sie das Neueste über meine Dramen8,« sagte er mit Bitterkeit.

Cäcilie las: »Auf seine Bühnenstücke ist im Durchschnitt der nämliche Werth zu legen, den wir auf die Stücke von Kotzebue und Raupach zu legen gewohnt waren, sie sind keinerlei Gewinn für die Bühne, sondern nur einstweiliges Futter für die eine leichte Unterhaltung suchende Zuschauerschaft. Ungesunde, marklose und verkehrte Figuren, die Wirklichkeit theils in ihrer hausbackenen, theils widerwärtigen und verzerrten Gestaltung, den allgemeinen Gedankengang gewisser Zeitströmungen ohne Tiefe vermittelst eines eben so seichten Intriguengewebes als einer schwunglosen, niedrigen und faden Sprache vor dem Zuschauer entfaltend —« sie hörte auf, sprach überlegend die Worte nach: »Der Gedankengang gewisser Zeitströmungen ohne Tiefe,« — dann sagte sie: »es ist klarer baarer Unsinn,« blätterte weiter vor und zurück, las hier und da eine Phrase, machte das Buch zu, schob es weg und sagte friedfertig: »Das ist einfach ein Pasquill.«

»Ein Pasquill pflegt sonst schlanker im Durchmesser zu sein,« meinte Grunow. — »Nun so ist es ein Mal ein Pasquill, welches dicker ist,« versetzte Cäcilie. [I-22]

»Sie fertigen rasch ab. Thun Sie das immer.«

»Wo es so leicht ist, ja.«

Eine Thür öffnete sich. »Meine Frau!« sagte Grunow aufstehend. »Erlauben Sie, daß ich sie Ihnen vorstelle.«

Drittes Capitel.

Ein literarischer Salon.

Die Frau Grunows sah neben ihm aus wie eine Blume neben einem Felsen. Eine gesunde, frische, muntere runde Blume, eine durchaus naive Erscheinung. Ohne alle Sentimentalität, aber keineswegs ohne eine gewisse Würde, die ihr gar gut stand. Sie hatte vollkommen das Bewußtsein, daß sie die Gattin eines berühmten Romanciers, Dramatikers u. s. w., einer geschmückten und gepriesenen Sommität9 sei. Dieses Wort ist nämlich der »Spitze« unendlich vorzuziehen, es ist europäisch, Spitze ist unlogisch. Muß denn jeder Gipfel nothwendig eine Spitze sein? Sommität ist doch eben nichts Anderes, als eine Persönlichkeit, welche sich einen hervorragenden Standpunkt, d. h. einen Gipfel gesichert hat.

Sommität oder Spitze, Grunow war eine solche [I-24] Persönlichkeit und Emma10 hatte ihr Selbstbewußtsein als seine Gattin. Zugleich auch ein persönliches. Sie empfand sich als eine kleine gescheidte Frau mit viel gesunden Verstand und einem richtigen instinktiven Urtheil. Bisweilen lief auch ein Vorurtheil mit unter, und das war gut. Eine hübsche junge Frau, eine Frau überhaupt ohne alle kleinen oder selbst ohne große Vorurtheile — behüte der Himmel jeden Mann vor einem solchen Unwesen von Vollkommenheit in der Vernunft! Zum Glück ist ein solches selten zu finden, wenigstens die Hälfte der Vorurtheile in der Welt sind weiblichen Geschlechtes. Es kommen ihrer sogar oft zu viele auf eine Person. Das war nun bei Emma Grunow nicht der Fall, sie hatte nur ihr richtig zugewogenes Theilchen. Eines davon berührte Grunow schon bei der Vorstellung.

»Meine Frau,« sagte er, »die durchaus nur Bücher von Männern lesen will.« — »Ja?« fragte Cäcilia unbefangen, indem sie mit sichtlichem Wohlgefallen die hübsche Hausherrin betrachtete.

»Sie sind gewiß nicht Schriftstellerin,« sagte Emma mit hellen Augen fragend zu ihr aufblickend. — »Warum glauben Sie das?« fragte Cäcilia still belustigt.

»Weil Sie sonst eine Empfindlichkeit über meinen Geschmack blicken lassen würden.«

»Was den Geschmack anbetrifft, so bin ich liberal,« [I-25] antwortete Cäcilie mit der Indolenz11, die sie bisweilen in ihre Stimme legen konnte. »Und was mich betrifft, so habe ich erst so wenig geschrieben, daß ich mich noch nicht als Schriftstellerin betrachten kann. Vielleicht lerne ich in einigen Jahren die literarische Empfindlichkeit kennen.«

»Fräulein von Platen hat ›Eine Deutsche in Frankreich‹12 geschrieben,« sagte Grunow zu Emma.

»Du sagtest, es wäre gut,« entgegnete sie. Dann wandte sie sich an Cäcilie: »aber ich hab’ es allerdings nicht gelesen, mein Mann sagte nicht zu viel mit meiner Furcht vor Frauenbüchern. Nehmen Sie mir’s nicht übel,« schloß sie lächelnd.

Cäcilie schüttelte gleichfalls lächelnd den Kopf.

»Sie werden dabei nur manche schöne Sachen nicht lesen, das ist Alles.«

»Alle Hoffnung, sie zu bekehren, darf man noch nicht aufgeben,« nahm Grunow wieder das Wort. »›Adam Bede‹13 hat ihr neulich so gefallen —«

»Daß ich ihn für ein Männerbuch hielt, — ja das ist wahr,« fiel Emma ein. »Sie kennen doch das Buch, Fräulein von Platen?«

Cäcilie neigte den Kopf. »Aber ich mag’s nicht gerade besonders gern, wie alle orthodoxen und dogmatischen Romane.« [I-26]

»Ach, da wird mein neuer nicht Ihren Beifall haben,« bemerkte Grunow.

Sie lächelte unmerklich, aber sie fand das Sensitive an dieser starren und starken Natur bestätigt, wovon mehr als einmal erzählt worden war. »Ich meine die Romane, in denen das Dogmatische und Orthodoxe Zweck ist,« antwortete sie leise berichtigend. »Wo es dramatischer oder plastischer Vorwurf ist, da ist’s etwas Anderes. Aber z. B. die Wetherell — was für feine Blätter in ihren Büchern, und doch — es sind eigentlich ebenso viele Predigten in zwei Bänden.«

Sie war dabei aufgestanden und gab mit den Worten: »Ich sehe Sie doch noch« Grunow Abschied nehmend die Hand, dann wandte sie sich zu Emma, diese hielt die Hand, die nun auch ihr geboten wurde, freundlich fest und sagte: »Wollen Sie nicht bei uns bleiben? Es sind Einige zum Thee da. Wenn Sie nicht versagt sind.«

»Ich bin heute zum ersten Male hier und ganz fremd,« antwortete Cäcilie. Sie sprach das ohne alle Kläglichkeit aus, nur als einfache Thatsache. Grunow aber fielen die Worte auf: »Wie oft wird sie noch zu sagen haben: ›ich bin ganz fremd?‹« dachte er, dann machte er eine einladende Bewegung und sprach freundlich: »so bleiben Sie bei uns.« [I-27]

»Kommen Sie auch?« fragte sie, ihren Hut abnehmend und sich mit der rechten Hand, von der sie, um sie darreichen zu können, den Handschuh abgezogen hatte, leicht und sorglos den Scheitel glättend. Als sie das gethan, legte sie Hut und Mantille auf einen Stuhl, der nicht im Wege stand, zog den Handschuh wieder an und zeigte sich bereit, Emma zu folgen. Nur sah sie Grunow an, ob er komme? War es Schüchternheit oder der Wunsch, er möge da sein?

Emma antwortete für Grunow, »ich kann meinen Mann rufen — der Thee wartet schon,« damit öffnete sie die Thür, welche durch das Schlafzimmer in den Salon führte.

Hier waren zwei Männer und zwei Damen versammelt. Von den Männern saß der eine am Fenster. Als Emma und Grunow mit dem fremden Gast eintraten, stand er mit einer edlen Gelassenheit auf, gab Grunow die Hand und ließ sich Cäcilien gleichgültig freundlich vorstellen. Es war Eduard Devries14, der bedeutende Schauspieler, der letzte Ueberlebende von der großen Künstlerfamilie dieses Namens. Nicht mehr jung, war er doch noch immer eine poetische Gestalt, selbst im einfachen Rock und in der häuslichen Umgebung eines Theezimmers. Cäcilie blickte mit ruhigem Interesse zu ihm auf, sie hatte ihn nie spielen sehen, nur es sich immer gewünscht, jetzt [I-28] lernte sie ihn zuerst als Menschen kennen. »Fast ist mir das lieber,« sagte sie zu Emma, neben der sie Platz genommen hatte, während sie ihr beim Theeeinschenken geräuschlos und geschickt behiflich war. »Sie müssen ihn doch aber auch auf der Bühne sehen,« meinte Emma, »übermorgen im Hamlet.« — »Ja, das will ich gewiß,« erwiderte Cäcilie und trank ihren Thee.

Grunow und Devries sprachen über ein neues Drama, an welchem der Erstere arbeitete. Er wollte die Titelrolle gern zum ersten Male von Devries dargestellt sehen, dieser hörte aufmerksam zu, erwog den Charakter der Rolle, den Grunow ihm energisch skizzirte, dann sagte er bestimmt und einfach: »gut, ich spiel’ es.«

»Wann kann das Drama fertig und einstudirt sein?« fragte Cäcilie die Hausfrau. Emma ließ diese Frage weiter an ihren Mann gelangen. »In drei Monaten, vielleicht,« antwortete Grunow. — »Und hier wird es aufgeführt werden?« — »Ja, bleiben Sie bis dahin hier.« — »Das werd’ ich wohl nicht können, aber dazu wieder kommen — das ginge. Ich möchte Herrn Devries gern gerade in dem Charakter sehen.« — »Warum?« fragte Devries, nicht mit Neugier, aber mit Verbindlichkeit.

Cäcilie blickte ihn einige Augenblicke an, dann [I-29] sagte sie: »Das werd’ ich Ihnen sagen können, wenn ich Sie mir selbst erst klar gemacht habe. Vorläufig hab’ ich nur die Empfindung, Sie müßten gerade diesen melancholischen ehernen Menschen recht ausprägen.« — »Sie meinen, es sei das Metall dazu in ihm?« gab Grunow dazu. Devries dankte mit einem Neigen des Hauptes, Cäcilie trank ihre Tasse Thee leer.

»Wie können Sie nur so unbefangen mit ihm sprechen!« sagte eine der beiden Damen, Fräulein von Wartensleben, welche sich neben Cäcilie gesetzt hatte.

»Mit wem?« fragte Cäcilie lächelnd zurück.

»O, mit Devries! Mit Grunow will ich selber es thun, aber nicht mit Devries!«

»Warum soll es etwas so Großes sein, mit Herrn Devries unbefangen zu sprechen?«

»Sie haben ihn wohl noch nicht spielen sehen?«

»Ich sagt’ es eben Frau Dr. Grunow.«

»Das erklärt es. Wenn Sie ihn erst ein Mal, gesehen haben, werden auch Sie von der Macht seines Genius wie vernichtet sein.«

»Bless me!« sagte Cäcilie verdutzt. Sie hatte sich diesen Ausruf von einer alten Engländerin angewöhnt, die einst mehrere Monate auf dem Rheinschlößchen der Eltern zugebracht hatte und bei jeder Veranlassung segnete. Cäcilie that es nur, wenn sie über etwas ehrlich [I-30] erschrak, und das war jetzt der Fall gewesen über den gleichsam drohenden Enthusiasmus des Fräulein von Wartensleben. Sie blickte ihre Nachbarin, die jetzt mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit an dem Gespräch des Dramatikers und des Schauspielers hing, prüfender an als bisher und fand in ihr eine hohe, feine Gestalt mit Race und Grazie, und ein Gesicht, auf welchem das Gepräge der Schönheit noch sichtbar, aber freilich schon verwischt war, denn Fräulein von Wartensleben zählte wenigstens vierzig Jahre, und mit vierzig Jahren kann nur eine Frau noch jung sein. Warum Fräulein von Wartensleben nicht Frau geworden sei, das fragte Cäcilie sich so gut wie jeder, der entdeckte, wie schön das Fräulein gewesen sein mußte. Sie sprach jetzt über den Tisch hinüber in die Diskussion der beiden Männer hinein. Was sie sagte, verrieth Anlage zum Scharfsinn aber keine Ausbildung desselben, überhaupt Mangel an Entwicklung. Cäcilie hatte für sie plötzlich das Gefühl eines aufrichtigen Mitleids, ihr war es, als müsse diese Seele an Ohnmacht schon viel gelitten haben, und doch schien das Fräulein in diesem Augenblicke gerade sehr gewiß, daß es irgend einen beabsichtigten Eindruck wirklich hervorbringe. Cäcilie wußte sich das Aussehen ihrer Nachbarin und die Empfindung, welche diese in ihr selbst erregte, nicht zusammen zu reimen. [I-31]

Grunow und Devries hatten die Einmischung des Fräuleins mit gleicher Artigkeit aufgenommen, und war der Erstere dabei wohlwollend, Devries hingegen etwas ironisch gewesen. Beide wandten sich indessen mit einem sichtlichen Gefühl von Erleichterung ab, als der junge Mann, welcher Cäcilien als ein Dr. Wiesner15 genannt worden war und bis jetzt mit der zweiten der fremden Damen eifrig verkehrt hatte, plötzlich die Aufmerksamkeit der andern Männer durch die Ankündigung, auch er beabsichtige ein neues Drama, gleichsam herausfordernd in Anspruch nahm.

Grunow hörte ihn mit einem Lächeln an, wie ein nachsichtiger Meister es wohl einem gerngesehenen Schüler zukommen läßt. »Wird es gut werden, Wiesner, das Drama?« fragte er.

»Sie werden es sehen, d. h. lesen!« rief Wiesner, ein blondes, fettes, und trotz seiner dreißig Jahre sehr knabenhaftes Individuum. »Ich glaube, Herr Devries, Sie werden die Hauptrolle nicht zu gering für sich finden.« Devries drückte seine Befriedigung aus, daß er gleich mit zwei so effektreichen Rollen versehen werden solle. Wiesner phantasirte weiter von seinem Stück. »Wir müssen endlich den Franzosen zeigen, daß auch wir uns auf das Effektmachen verstehen!« rief er. »Ich hoffe dieses Mal hoch und fest zu greifen! Mein [I-32] Stück soll dramatischer wirken als ›Diane de Lys‹16.« Das war eine Herausforderung, welche er Cäcilien zuwarf. Sie hatte in ihrem Buche über Frankreich von diesem Drama und seiner großen scenischen Wirkung gesprochen. Als Wiesner sich jetzt so sicher vermaß, es zu übertreffen, lächelte sie belustigt. Er wandte sich rasch ganz zu ihr und fragte: »Sie zweifeln daran, gnädiges Fräulein!«

»Ich zweifle nie im Voraus an etwas, ich warte immer Alles ab,« antwortete sie. »Es ist möglich, daß Ihnen gelingt, was Sie verheißen, leicht wird es Ihnen nicht gelingen.«

»Auch ich halte dieses Stück für eines der Besten des jüngern Dumas,« nahm Devries das Wort. »Aus der Rolle des Grafen läßt sich viel machen. Allerdings nur auf Französisch,« setzte er hinzu.

»Warum nur auf Französisch?« fragte Wiesner, in dessen rosigem Antlitz der Enthusiasmus für sein zu schaffendes Stück noch immer leuchtete. »Warum sollen uns Deutschen sociale Lustspiele nicht glücken?!« — »Deutschsociale gewiß,« antwortete Devries, »französischsociale nicht. Das französische, d. h. das Pariser Leben findet in Deutschland seinen Boden nicht. Es bedarf einen, der elastisch ist, leicht schwingt — der unsrige liegt zu fest. Sociale Stücke und sociale Romane [I-33] wollen, wenn nicht im eignen Lande, was am Günstigsten ist, so doch wenigstens in der eigenen Sprache gehört und gelesen werden.« — »Ja, mein Gott, wie ist denn das möglich!« rief der blonde Doctor.

»Sehr leicht,« entgegnete ihm Cäcilie. »Man lernt eben Sprachen.«

»Wer kann denn so viele Sprachen lernen! Darüber verlernt man seine eigene.«

»Oder lernt sie,« sagte Cäcilie ruhig. »Herr Devries würde nicht so klassisch Deutsch sprechen, wenn er nicht, wie ich in Paris von ihm gehört habe, auch so vortrefflich Französisch spräche.«

»Sehen Sie wohl, daß Sie bereits in seiner Macht sind!« flüsterte Fräulein von Wartensleben ihr ins Ohr.

Bevor Cäcilie noch auf diese überraschende Entdeckung antworten konnte, fragte Devries sie, ob sie in Paris einige von den Notabilitäten der Bühne kennen gelernt habe.

»Nur auf der Bühne,« erwiderte sie. »Persönlich nur Schriftsteller.«

»Dumas vielleicht?« fragte Emma. »Den möcht’ ich gern kennen lernen.«

»Dumas auch.«

»Wie ist er?« [I-34]

»Sehr lang, sehr dunkel, sehr gutmüthig, Mousquetaire,« »Gascogner,« warf Devries dazwischen.

»Vielleicht, aber auf eine kolossale, grandiose Art, die mir ungemein gefallen hat.«

»Und sein Sohn?« fragte Wiesner. »Sie gehen in Ihrem Buche über seine Person ganz hinweg.«

»Ich wollte nicht sagen, daß er ganz wie ein Employé aussehe, oder noch schlimmer, wie ein Epicier.«

»Wie ist das nur möglich!«

»Dergleichen Widersprüche kommen einem wohl öfter vor,« antwortete Cäcilie ohne Ironie, obwohl niemand weniger einem dramatischen Dichter glich, als Dr. Wiesner. Sie fand es auch, aber sie dachte, er müßte es gleichfalls wissen. Als er ihr seine feste Ueberzeugung zu erkennen gab, es müsse jedem Menschen das Maß seines geistigen Vermögens auf der Stirn verzeichnet stehen, blickte sie ihn zuerst mit Erstaunen, dann mit Theilnahme an. Wenn er nicht mehr konnte, als seine Stirn versprach, so war nicht viel Aussicht zu einer fassenden Wirkung seines Dramas.

Er schien anderer Meinung, er lächelte mit Siegesgewißheit auf den großen Schauspieler hinab, an dessen Stuhllehne seine Hand ruhte. »Devries!« rief er mit einer theatralischen Emphase, »ich bin ein Teufel, denn ich bin ein Journalist!« [I-35]

Devries antwortete, ohne aus der Fassung zu kommen: »ich habe bis jetzt von Ihren diabolischen Ansprüchen noch Nichts gewußt, aber es ist ja möglich, daß sie begründet sind.« — »Nein, das ist ja aus meinem Drama!« berichtigte der blonde Doktor. »Ach so!« bemerkte kaltblütig der große Künstler.

»Kommt also nun auch bei Ihnen das Journalistenthum daran?« fragte Grunow.

»Wer hat’s denn schon geschildert?« fuhr Wiesner zu ihm herum.

»Robinson in der ›Presse,‹ die Girardin in den ›Journalisten‹.«

»O, das sind die französischen. Und Robinson — Robinson kann Nichts.«

»Hm,« meinte Grunow, »es ist ihm doch in ›Passiva und Aktiva‹ ein recht hübscher Griff geglückt.«

»Ein Griff an die Seelen der Ladendiener,« sagte Wiesner wegwerfend. »Ich glaub’ es, daß unter jedem reinen Vorhemdchen in irgend welchem Comtoir jetzt ein dankbares Herz für Robinson schlägt, aber was beweist das?«

»Blos, daß er Geschick gehabt hat,« fiel die Dame ein, mit welcher Wiesner vorher in einer Ecke geredet hatte und die ihm an den Tisch gefolgt war. [I-36]

»Ist Geschick Nichts, Fräulein Ellrich17?« fragte Emma Grunow ein wenig spitzig und spöttisch.

»Geschick ist kein Genie,« erwiderte das kleine Fräulein Ellrich rasch. »Keine Kunst!« fiel der blonde Wiesner ein. »Keine Poesie,« stimmte das Fräulein von Wartensleben bei.

Grunow strich sich nachdenklich mit der Hand über die Lippen. »Geschick ist gut,« sagte er, »es ist die Maschine, durch deren Manipulation Genie, Kunst und Poesie zu gangbaren Artikeln verarbeitet werden.«