Hendrik - Ida von Düringsfeld - E-Book

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Ida von Düringsfeld

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Beschreibung

Die Geschichte von "Hendrik" beleuchtet Hendriks Leben und die Herausforderungen, denen er gegenübersteht. Im Mittelpunkt steht seine persönliche Reise, geprägt von inneren Konflikten und charakterlicher Entwicklung. Hendrik wird mit verschiedenen Prüfungen konfrontiert, die seine moralische Integrität, seinen Mut und seine Loyalität auf die Probe stellen. Die soziale und politische Landschaft der Zeit spielt dabei eine wesentliche Rolle und bildet die Rahmenbedingungen für seine Abenteuer und Erfahrungen. Ida von Düringsfeld war bekannt für ihre detaillierte und realistische Darstellung historischer Hintergründe sowie ihre Fähigkeit, komplexe und vielschichtige Charaktere zu schaffen. "Hendrik" ist ein hervorragendes Beispiel für ihr literarisches Können und ihre Meisterschaft in der Schaffung tiefgründiger und bewegender Geschichten.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Ida von Düringsfeld

Hendrik

 
 
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Inhaltsverzeichnis

I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVIII
XIX
XX
XXI
XXII

I

Inhaltsverzeichnis

Antwerpen ist eine liebenswürdige Stadt, die Antwerpner sind fast durchgängig höchst angenehme Leute, aber unausstehlich sind die Antwerpner Vigilantenkutscher.

Für's Erste prellen sie wirklich mehr als es erlaubt ist. Es kommt fast nie vor, daß einer von ihnen nicht mehr verlangte, als er zu verlangen hätte, und zwar von Einheimischen ebenso gut, wie von Fremden. Dann kennen sie die Stadt schlecht, wissen höchst selten, wo Jemand wohnt, verstehen sehr wenig Französisch und sprechen ein so unglaublich schlechtes Patois 1, daß man sich selbst auf Vlämisch nur äußerst mühsam mit ihnen verständigen kann.

Die Hofräthin Herrmann, welche nebst ihrer Tochter an einem schönen Aprilnachmittag 1858 mit dem Zuge von drei Uhr fünfunddreißig Minuten zum ersten Male nach Antwerpen gekommen war, machte sogleich diese unangenehme Erfahrung.

Sie wollte nach einem gewissen Hause in einer gewissen Straße, bewohnt von einem gewissen deutschen Kaufmann, an welchen ein Freund in Dresden ihr einen Brief mitgegeben hatte. In der Meinung, daß in Belgien überall Französisch gesprochen werde, versuchte sie ihr Französisch an dem Kutscher – er verstand sie nicht. Ihr Französisch war nicht besonders gut, vor so und so viel Jahren in wer weiß welcher Schule erlernt, denn die Hofräthin war zwischen Vierzig und Fünfzig. Aber die Tochter, die nur zwanzig Jahr alt war und folglich ein moderneres Französisch sprach, versuchte mit ebenso wenig Erfolg dem Kutscher begreiflich zu machen, wohin sie wollten. Er schüttelte fortwährend den dicken Kopf unter dem flachen, schlaffen Hut, und die Vigilante stand unverrückt auf dem grünen Kirchhof unfern von dem Hôtel St. Antoine. Endlich wandte das junge Mädchen sich an die Mutter und fragte ruhig: »ob wir nicht lieber zuerst in einem Hôtel absteigen, Mutter?«

»Aber Du weißt's ja, wir wollten eben deßwegen zuerst zu dem Herrn, damit er uns ein gutes Hôtel empfehle, welches zugleich nicht zu theuer sei. Hier am grünen Platz – denn das muß der grüne Platz sein – soll es einem die Augen aus dem Kopfe kosten.«

»Für eine Nacht,« wandte die Tochter ein. »Und dann wird der Kutscher uns leichter begreifen, wenn wir ihn nach einem Hôtel fragen.«

Während sie so rathschlagten, ging ein junger Mann vorüber, den der Kutscher von Ansehen kannte. Er rief ihn an und bat ihn dringend, doch einmal zu fragen, was die beiden Engländerinnen wollten, mit denen er durchaus nicht zurecht kommen könne. Der junge Mann näherte sich dem Schlage und sich auf Englisch an die Mutter wendend, stellte er sich den Frauen auf das Artigste zur Verfügung.

Die Hofräthin sah ihre Tochter an. Diese nahm das Wort. »Meine Mutter versteht kein Englisch,« sagte sie, »wir sind Deutsche.« – »Desto besser,« antwortete mit einem muntern Lächeln der junge Mann.

Das junge Mädchen konnte sich nicht enthalten, ebenfalls zu lächeln. Dann theilte sie ihm mit, in welcher Verlegenheit sie sich befänden.

»Ich kenne den Herrn nicht, aber ich weiß das Haus,« sagte er, nichts leichter, als es zu finden.« Er wandte sich auf Vlämisch an den Kutscher und beschrieb ihm ganz genau wie er fahren sollte. Der Kutscher hörte mit der größten Aufmerksamkeit und mit dem besten Willen zu, aber er konnte es doch nicht begreifen, wo das Haus wäre. Lustig ungeduldig sagte der junge Mann: »Da bleibt mir nichts übrig, als Euch den Weg zu zeigen.« Er ging mit raschen, leichten Schritten voraus, der Kutscher fuhr, zufrieden mit sich selbst, hinterdrein. Man muß gestehen, daß der Kutscher leicht mit sich zufrieden war.

Binnen zehn Minuten kam die Vigilante vor dem Hause an, welches so schwer zu finden gewesen war. Der Kutscher stieg ab und schellte, die Hofräthin stattete ihrem artigen Führer eine etwas zu wortreiche Danksagung ab, die Tochter begnügte sich mit einer zierlichen Neigung des Kopfes. Der junge Mann blieb noch stehen, er dachte, die Frauen könnten seiner noch bedürfen. Und in der That war es so. Als das Haus endlich geöffnet wurde, was ziemlich lange währte, da fand es sich, daß der Herr in England und die Frau leidend, kurz, ein Mal mehr ein Empfehlungsbrief nutzlos war. Das Mädchen machte die Hausthür wieder zu, der Kutscher wartete phlegmatisch der Dinge, die da kommen sollten, und der junge Antwerpner näherte sich von Neuem und bot abermals seine Dienste an.

Die Hofräthin erschöpfte sich abermals in Danksagungen, indessen dabei erfuhr er nicht, was sie eigentlich nun wolle, die Tochter nahm mit einer frostigen Bestimmtheit, welche den jungen Mann unangenehm berührte, von Neuem das Wort und fragte nach einem Hôtel. Zurückhaltender als bisher nannte er das Hôtel Rubens. Die Mutter gerieth in Entzücken, daß sie in ein Hôtel kommen solle, welches nach dem »unsterblichen Meister« genannt sei. Zugleich lud sie den jungen Antwerpner ein, mit ihnen zurückzufahren. »Wenn der Weg nach Hôtel Rubens der des Herrn ist,« warf die Tochter dazwischen. – »Das ist so,« sagte er und stieg ein. Es war ihm, als müsse er diesem jungen Mädchen trotzen, welches ihm zuerst so freundlich zugelächelt hatte und ihn jetzt auf ein Mal so kalt ansah. »Ich möchte nur wissen, was ich ihr gethan habe,« dachte er, »eigentlich habe ich noch keine Zeit gehabt, ihr etwas zu thun. Denkt sie, ich habe mich auf der Straße ohne Weiteres in sie verliebt und wolle mich ihr sogleich aufdrängen? Davor ist sie sicher.« Und um ihr das zu beweisen, wandte er sich mit den gewöhnlichen Fragen, welche die Einheimischen an die Fremden thun, zu der Mutter.

Die Hofräthin hatte keine Geheimnisse. »Ich bin Wittwe,« sagte sie, »folglich, leider, unabhängig – Künstlerin und deßhalb hier. Einer unserer geistreichsten Schriftsteller, den Sie vermuthlich kennen,« (sie nannte ihn) »ein genauer Freund von mir, hat mir öfter gesagt, nur von Rubens könnte ich lernen, was Farbe sei. Ich habe in Düsseldorf studirt, aber man lernt nie aus – ich komme nach Antwerpen, um Rubens' Schülerin zu werden. Und auch um von Ihren jetzt lebenden großen Meistern zu lernen. Wappers, Gallait –«

»Gallait ist in Brüssel, Wappers in Paris,« sagte der junge Mann, aber wir haben Leys und De Keyser.«

»Und Sie kennen diese Herren?«

»Ich kenne so ziemlich alle Welt,« antwortete er, »wohlverstanden die artistische und die literarische. Was die große Welt betrifft, so kenne ich sie nicht,« setzte er heiter hinzu, »also –«

»O,« unterbrach die Hofräthin ihn lächelnd, »ich bin für den Augenblick nur Künstlerin.«

Das klang ein wenig wie Herablassung, auch war der junge Mann etwas betroffen, er wußte nicht recht, wie er diesen Ton aufnehmen sollte. Bevor er noch mit sich darüber in's Reine kommen konnte, fing die Tochter an, sich nach der Literatur in Antwerpen zu erkundigen. Um ihr zu antworten, wandte der junge Mann sich zu ihr und sah mit Befremden, daß sie jetzt ebenso glühend roth war, wie sie vorher blaß ausgesehen hatte. Diese Farbe verschwand jedoch bald wieder, und das regelmäßige Gesicht des jungen Mädchens erschien wie vorhin, bleich und rein. Sie sprach übrigens so ruhig, als hätte sie gar nicht die Farbe gewechselt. Ihre Fragen waren bestimmt und zeugten von viel Verstand, wurden jedoch mit so großer Kälte gethan, daß man nicht hätte entscheiden können, ob sie aus Interesse oder nur der Form wegen fragte. So viel ist gewiß, daß sie die Unterhaltung nicht eher fallen ließ, als bis der junge Mann sagte: »hier ist das Hôtel Rubens.« Es waren Zimmer zu bekommen, was in Antwerpen nicht immer der Fall ist. Der junge Mann half den Frauen heraus, die Mutter fragte ihn, ob sie ihn wiedersehen würden. »Gewiß,« antwortete er, »ich stehe ganz zu Ihren Diensten. Wann darf ich kommen?« – »Es ist so herrlich heute, daß wir gegen Abend noch ausgehen werden,« sagte die Hofräthin. – »Ich nicht, Mama,« sprach das junge Mädchen kalt und nachdrücklich. – »Ich bedaure sehr – für diesen Abend bin ich nicht frei,« beeilte sich der junge Mann zu sagen, »und da ich Redacteur bin, so habe ich außer an Sonntagen immer nur den Nachmittag zu meiner Verfügung. Wenn Sie mir morgen um fünf Uhr erlauben wollen –« Es wurde so verabredet; er überreichte der Mutter noch seine Karte; Hendrik Van Loon hieß er. Die Hofräthin wiederholte nochmals ihre Danksagungen, die Tochter grüßte artig, aber gehalten. Van Loon empfahl sich.

II

Inhaltsverzeichnis

Hendrik Van Loon beeilte sich, den Heimweg wieder einzuschlagen, auf dem er sich befunden hatte, als er von dem Kutscher in Nöthen angerufen worden war. Er hatte Hunger, und das konnte ihm auch erlaubt sein, denn es war bereits über fünf Uhr. Seine Mutter machte ihm auf, sie hatte ihn am Fenster vorbeikommen sehen. Sie wunderte sich, daß er so lange ausgeblieben wäre; für gewöhnlich war er mit dem Schlag Vier da, denn nach halb Vier verließ er die Redaction. Hendrik antwortete ihr, er wolle ihr Alles erzählen, während er äße. Es war im Wohnzimmer bereits für ihn gedeckt; seit er Redacteur war, konnte er nicht mit der Familie um Zwölf essen – so nahm denn sein Couvert sich auf dem ziemlich großen Tisch etwas verloren aus. Allein blieb er jedoch darum nicht; als die Mutter ihm seinen Kalbsbraten mit Salat aufgetragen hatte, setzte sie sich zu ihm – sie leistete ihm fast immer Gesellschaft, erzählte ihm, was während des Vormittags im Hause und in der Nachbarschaft vorgegangen war, hörte von ihm die Neuigkeiten aus der Stadt und aus der Welt. Es war eine ganz schlichte, kleine, alte Frau, was wir ein Mütterchen nennen, fünfundsechzig alt, schwächlich durch allzu angestrengtes Arbeiten, in ihrer Kleidung getreu ihrem Stande, dem der kleinen Handwerker. Aus einer Zeit, wo von Volkserziehung noch nicht einmal geträumt wurde, konnte sie weder lesen noch schreiben, aber sie hatte gesunden Verstand und traf beim Urtheilen instinktmäßig das Richtige. Hendrik theilte ihr daher Alles mit, was ihn betraf, ja, er las ihr öfter Gedichte oder Geschichten vor, sowohl von sich wie von seinen Freunden. Wenn »Mutter« weinte – im Vlämischen wird selten die oder meine Mutter gesagt, meistens immer schlechtweg Mutter oder Vater – also wenn Mutter weinte, so hatte Hendrik eine hohe Meinung von dem Gedicht oder von der Geschichte, dann war der wahre, reine Volkston getroffen.

Auch heute erzählte er ihr von Anfang bis zu Ende die Begegnung mit den beiden Deutschen, und fragte Mutter, wie sie wohl die plötzliche Veränderung in dem Betragen des jungen Mädchens erklären würde.

Das kam der alten Mutter denn doch ein wenig schwer vor. So gleich von vornherein ein junges Mädchen enträthseln und erklären sollen, welches man obendrein noch gar nicht gesehen hat – Hendrik hatte gar zu großes Vertrauen in Mutters Instinkt. Sie sagte auch kopfschüttelnd: »Aber, Rik, wie soll ich denn das wissen?« Dann setzte sie nach einem kurzen Ueberlegen hinzu: »vielleicht war sie nichts weiter als grillig – die Mädchen heutzutage sind es. Zu meiner Zeit nicht, da war Jedermann verständiger und gesetzter als jetzt. Seht, Rien ist doch auch oft grillig.«

In Hendrik's beweglicher Physiognomie war es deutlich zu sehen, daß die Erwähnung »Rien's« von Seiten Mutters ihm nicht ganz angenehm war. Die Mutter nahm es wahr, sie kannte ihren Liebling gut, denn ihr Liebling war – Hendrik sie konnte auf ihn von ihren Kindern am meisten stolz sein, er war der gescheidteste, hatte die beste Stellung, war im Zuge, sich einen Namen zu machen. Sie ließ folglich Rien fallen und zu dem ursprünglichen Gegenstande des Gesprächs zurückkehrend, sagte sie: »Wenn das junge Mädchen so unfreundlich gewesen ist, so braucht Ihr ja nur nicht wieder hinzugehen.«

»Ja, aber, Mutter, ich hab's versprochen, und sie kennen doch keinen Menschen – man muß den Leuten doch helfen, wenn sie fremd sind.«

»Ja sicher,« bestätigte Mutter.

»Und die Mutter, die ist auch ganz anders,« fuhr Hendrik fort, »äußerst freundlich und zuvorkommend – vielleicht, daß die Tochter auch so ist, wenn sie mich erst besser kennt – ich möchte doch gern etwas besser deutsch sprechen lernen.« Hendrik hätte nicht so viele Gründe herbeizusuchen brauchen, Mutter hinderte ihn in Nichts, was er zu thun wünschte oder für gut befand, nur wenn er viel zu Rien ging, war sie nicht »kontent«, wie die Vlamingen sagen. Und doch wollte er das heute wieder, denn er sagte: »Ich wäre diesen Abend gleich wieder hingegangen, um sie so ein Bischen in der Stadt herumzuführen, es ist nur, daß ich es Rien versprochen habe, heute noch zu kommen.«

»Was wollt Ihr denn heute noch mit Rien?« fragte Mutter, die er von der Seite ansah, als fürchtete er, gescholten zu werden.

»Ah, nur ein Bischen wandeln gehen.« Wandeln gehen heißt spazieren gehen.

»Rien geht gern wandeln,« bemerkte Mutter.

»Ach, Mutter, sie ist doch noch so jung –«

»Wohl, sie ist vierundzwanzig, so alt wie Melanie jetzt sein würde, wenn sie noch lebte.« Mutter seufzte und machte ein andächtiges Gesicht – es war deutlich, daß sie Melanie in's Leben zurückwünschte.

Sie war aufgestanden und wollte aufräumen, denn Hendrik war mit seiner einfachen Mahlzeit bereits zu Ende. Im Allgemeinen sind die Vlamingen sehr mäßig im Essen, im Trinken nicht immer. Hendrik war's in Beidem, das sah man an seiner Gestalt. Ohne gerade schlank zu sein, hatte sie eine große elastische Leichtigkeit und war noch völlig jugendlich. Auch das Gesicht war noch jung, sehr dunkel an Farbe, etwas flach, ohne Regelmäßigkeit in den Zügen, aber, wie ich bereits sagte, von großer Beweglichkeit, lebendig und abwechselnd durch Ausdruck. Die Augen waren groß, von einem sonderbaren fahlen Dunkel, nicht braun, nicht grau; sie blitzten leicht auf. Ueber den vollen dunkelrothen Lippen saß höchst unverschämt ein kleiner schwarzer Schnurrbart, und das Haar war eine undurchdringliche Verwirrung von matt metallischem Eisenschwarz – in ganz vlämisch Belgien gab's gewiß kein entschiedeneres »Krollebolleken«, als Hendrik Van Loon. Ich habe anderswo auch Krausköpfe gesehen, aber solche wie bei den Vlamingen noch nie, und nirgends sonst. Und krauser und wirrer als Hendrik konnte man keinen finden.

Alles zusammengenommen war's ein Junge, den anzusehen den Augen einer Mutter wohlthun konnte, und als er nun den Arm um Mutter schlug und die kleine alte Frau zu sich zog, den Kopf an ihre Schulter legte, schmeichelnd zu ihr in die Höhe sah und überredend fragte: »Wohl, Mutter, im Wandeln da ist doch nichts Schlimmes?« da war es nicht zu verwundern, daß sie seine Stirne streichelte, während die Runzeln auf der ihrigen sich glätteten, und keinen schärferen Tadel fand, als die bedenklichen Worte: »wenn's nur beim Wandeln bleibt!«

»Es soll schon dabei bleiben, Mutter,« sagte er mit einer höchst entschiedenen Miene in seinem guten, braunen Gesicht, welches jedoch, die Wahrheit zu sagen, ebenso viel Leichtsinn wie Intelligenz verrieth. »Die Jungens müssen zu den Mädchen gehen und complaisant sein – man will doch so das Plaisier haben, so lange man noch jung ist. Aber was Ernstes wird nicht daraus, Mutter; och 2, ich hab' an ganz andere Dinge zu denken. Jetzt, z. B. muß ich gleich an einen Artikel über die Südslaven –« Hendrik sah unendlich weise aus, Mutter räumte gelassen ab – was gingen sie die Südslaven an? Hendrik streckte und reckte sich; eigentlich hätt' er es den Südslaven sehr gedankt, wenn sie ihn auch Nichts angegangen wären, aber man ist nicht umsonst Redacteur; Hendrik war in drei bis vier Sprüngen die Treppe hinauf und in seinem Zimmer.

III

Inhaltsverzeichnis

Hendrik spielte noch nicht lange den Redacteur. Erst seit October des vorigen Jahres. Wenn je die Liberalen und Katholiken in Belgien mit einander gekämpft, auf einander geschimpft, einander moralisch und physisch Fußtritte und Rippenstöße versetzt haben, so war es bei den Kammerwahlen im December 1857.

Schon mehrere Monate vorher ging das Geplänkel los, und um bei diesem Vortreffen fechten zu helfen, wurde in Antwerpen eine neue Zeitung gegründet. Es ist das in Belgien ein sehr beliebtes Mittel. Der oder jener reiche Mann will gewählt werden, vielleicht wollen es auch zwei reiche Männer. Abgeordneter sein giebt eine Stellung; wird auch die Kammer aufgelöst, wird man nicht wieder gewählt, so heißt es doch ein für alle Mal, Herr so und so, »ehemaliges Mitglied von der Kammer der Volksvergegenwärtiger.« Diesen Titel kann man sich schon etwas kosten lassen.

Ein reicher Antwerpner nun hatte es sich zwanzigtausend Franken kosten lassen, um das Journal »die Constitution« zu gründen. Zum Hauptredacteur – denn Hendrik war nur zweiter – hatte man einen Mann ausersehen, der sich als »Volksdichter« bekannt gemacht. Ein Volksdichter ist einer, der theils lose lustige Lieder macht, welche in den Estaminets 3 und auf den Straßen im Chor gebrüllt werden können, theils in pathetischen Strophen die Könige als Vampyre, das Volk als das unglückliche Opfer, dem das Blut ausgesogen wird, und sich selbst als den ehrlichsten Mann in der Welt schildert, in der Welt, die so verderbt ist, daß sie den ehrlichen Mann, den Volksdichter, nicht anerkennt und folglich nicht zu schätzen weiß. Daraus läßt sich entnehmen, daß der Volksdichter außer seiner Ehrlichkeit nicht viel besitzen kann, und das war auch wirklich der Fall mit Joseph Coppemans gewesen, bevor der reiche Herr ihm die zwanzigtausend Franken und die Redacteurschaft der Constitution anbot. Joseph Coppemans, den ich der Kürze wegen von nun an Jef nennen will, nahm die zwanzigtausend Franken, schrieb sie auf seine Frau, die eben nahe daran war, ihn zum Vater eines vierten Kindes zu machen, schaffte eine Presse an, die er nicht bezahlte, und machte sich an die Constitution. Allein aber konnte er sie nicht redigiren, er sah sich also nach einem Mitarbeiter um. Hendrik war damals Schreiber im Comptoir eines sehr bedeutenden Handlungshauses. Ein Gönner hatte ihn das Athenäum 4 durchmachen lassen. Der Junge hatte Talent, Eifer, den festen Willen, Mutter bald helfen zu können, Mutter, die nach Vaters Tode Tag und Nacht am Waschfaß gestanden hatte, um das Brot für sich und ihre beiden jüngsten Söhne zu verdienen. Der älteste war schon Buchbinder, das Mädchen ging in ein Atelier plätten, aber die Mutter mußte immer noch viel waschen, um das Allernöthigste zu erschwingen. Das sah Hendrik, sah es nicht nur, fühlte es auch, und lernte so gut, daß er mit sechzehn Jahren schon fertig war, Englisch, Deutsch und Französisch verstand, und sogleich einen guten Posten fand. Nun konnte er doch auch Mutter Geld bringen, wie die Schwester schon mehrere Jahre lang that. War Hendrik damit zufrieden! Sein Patron war auch zufrieden mit dem tüchtigen jungen Schreiber, Hendrik konnte auf Beförderung und höheren Gehalt rechnen, da kam Mephistopheles-Jef an, ungekämmt und ungewaschen – darauf hielt er: schmutzige Hände und ungeordnete Haare waren unumgänglich nothwendig zu der Rolle des ehrlichen Mannes, der die undankbare Welt so liebt, daß er ihr um jeden Preis die Freiheit geben will, selbst wenn sie dieselbe nicht verlangt. Wer, der die Freiheit liebte und wollte, wusch sich je? Reinlichkeit ist Weichlichkeit, Jef war ein Mann, folglich stieg er täglich die Schelde entlang, ohne ein einziges Mal daran zu denken, daß Wasser drinnen sei, und daß man sich mit Wasser waschen könne. Hendrik bewunderte den unabhängigen Jef, der auch in seiner Kleidung ein eigenes Gesetz hatte – die braven Männer, welche die Freiheit lieben und wollen, sind stets ihre eigenen Gesetzgeber. Zum Glück hatte Hendrik eine natürliche Neigung für Zierlichkeit, sonst hätte Jef für ihn gefährlich werden können. In Bezug auf seine äußere Erscheinung, mein' ich, denn in Bezug auf die Meinungen war er es, leider; man bewundert nicht ungestraft ein unabhängiges Ungethüm. Der ehrliche Jef hatte während so mancher Abendsitzung im Estaminet Hendrik's Kopf so voller politischer Zündstoffe gestopft, daß Hendrik sich seitdem immerwährend im Zustand einer gefüllten Granate befand. Es war ein Glück, sowohl wie ein Wunder, daß er im Frühling 1857 nicht explodirt war, ohne Bild zu reden, nicht mit großen und kleinen Gassenbuben Steine in die katholischen Fenster geworfen hatte. Wenn sein Patron nicht gewesen wäre, und sein Posten und Mutter, er hätt' es nicht lassen können. Es hatte ihm in den Fingern gejuckt. »Ich habe mich bewunderungswürdig benommen,« pflegte er zu sagen, wenn die Rede auf diese seine passive Heldenthat kam, »ich habe mich damit begnügt zu schreien.« Hendrik sagte das nicht etwa ironisch, nein, er glaubte in allem Ernste dem Staate eine Nachsicht erwiesen zu haben, für welche die Regierung ihm hätte dankbar sein müssen, und auch sicherlich gewesen wäre, hätte sie ihre Verpflichtung nur gekannt. Aber wie konnte sie Hendrik dankbar sein – sie wußte ja gar nicht um seine Existenz. Nicht existiren für die Regierung, der man doch so viele harte Wahrheiten zu sagen gehabt hätte, mußte das einen politischen Brausekopf von dreiundzwanzig Jahren nicht zur Verzweifelung bringen? Hendrik war also nur allzubereit für die Verführung, als Jef bei Gersten und Tabak – Hendrik rauchte, leider, und sogar aus einer der kleinen weißen Thonpfeifen, welche zu einem modernen Anzug so wunderlich lassen – als Jef, sage ich, den Hut auf dem Kopf – Jef hatte immer und überall den Hut auf dem Kopf, er betrachtete das ebenfalls als eine Unabhängigkeitsmanifestation – wohl, als Jef sich daran machte, mit seiner Ehrlichkeit Hendrik zu übertölpeln.