Inhaltsverzeichnis
Vorüberlegungen
Teil I - Der Schlüssel zum Seelenlabyrinth
1. Wege der Evolution - Wozu brauchen wir Gefühle?
Warum wachsende Intelligenz wachsende Emotionalität benötigt
Copyright
»Innere Vorgänge, die niemand sieht, sind das einzig Interessante. (…) Das, was niemand sieht, das macht Sinn, aufzuschreiben.«
Thomas Bernhardin der Fernsehdokumentation »Die Ursache bin ich selbst«
Vorüberlegungen
Die unheimliche Faszination der Psychiatrie und der Blindflug der Psychiater
Psychiatrie: Vermutlich löst keine Fachdisziplin der Medizin eine vergleichbare Fülle an negativen Assoziationen aus. Laien denken an: verrückt sein, irre sein, wahnsinnig sein, Klapsmühle, Gummizelle, Elektroschocks, wegsperren, wegspritzen. Selbst ein zentraler und, in den Augen der in der Psychiatrie arbeitenden Menschen, hilfreicher Pfeiler der Behandlung, nämlich die Psychopharmakotherapie, besitzt für viele Außenstehende eine bedrohliche Aura. Es wird befürchtet, dass Medikamente durchgehend süchtig machen, die Persönlichkeit verändern und unnötig »ruhigstellen«. Gleichzeitig übt die Psychiatrie auf viele Menschen eine schwer beschreibbare, etwas unheimliche Faszination aus. Was geht hinter den Türen psychiatrischer Abteilungen vor? Wie ist es wohl, verrückt zu sein? Kann man einen »Verrückten« überhaupt verstehen und heilen? Ist Verrücktsein ansteckend? Wie läuft eine Therapie in der Psychiatrie überhaupt ab? Gleicht sie einer Gehirnwäsche und werden die Patienten statt gesund zu Schatten ihrer Selbst?
Meistens werden Menschen ganz plötzlich und unmittelbar mit der Psychiatrie konfrontiert. Sei es als Betroffener, als Angehöriger oder als Freund. Zuvor war Psychiatrie immer etwas für die anderen - ausgeschlossen, dass man damit überhaupt einmal etwas zu tun haben könnte. Gerade stand man selbst doch mitten im Leben und plötzlich ist man oder soll man krank sein? Oder die Eltern oder das Kind oder der Freund? Fragen tauchen auf, mit denen man sich nie vorher beschäftigt hat. Wie heißt meine Krankheit? Wie lange dauert eine psychiatrische Behandlung? Wie lange muss man im Krankenhaus bleiben? Müssen Medikamente wirklich sein? Wobei sollen sie helfen? Ist nicht eine alleinige Psychotherapie viel wichtiger als »medikamentöses Ruhigstellen«? Was sind die Nebenwirkungen einer medikamentösen Behandlung? Werde ich, mein Vater, meine Tochter, mein Freund wieder ganz der oder die Alte werden? Muss man für den Rest seines Lebens Medikamente nehmen? Was kann ein aktueller Auslöser der psychischen Erkrankung sein? An welcher Hürde des Lebens ist die Seele in dieses beängstigende Straucheln gekommen und hat, stolpernd, Symptome entwickelt wie Schlafstörungen, depressive Stimmung, rastlose Unruhe oder Stimmenhören?
Alle diese Fragen sind im Einzelfall zu entscheiden und werden von den Professionellen, den Ärzten und Psychologen, aufgrund ihrer Erfahrung und Ausbildung für jeden Patienten hoffentlich hilfreich beantwortet.
Was weiß die Psychiatrie eigentlich über »Verrücktsein«?
Das große Rätsel jedoch »Was ist das überhaupt: Psychisch-krank-Sein, und welche Beziehung besteht zum ›normalen‹ psychischen Befinden?«, bleibt in der Regel unbeantwortet oder wird irritierenderweise von Behandler zu Behandler unterschiedlich beantwortet. Warum kann sich ein Mensch überhaupt vom Geheimdienst verfolgt und von den Nachbarn beobachtet fühlen? Wie kann das sein, dass jemand Stimmen hört, die ihm Befehle geben? Warum wird ein Mensch lebensmüde und will sich umbringen? Warum hat jemand plötzlich panische Angst wie aus dem Nichts? Warum ist es möglich, dass ein Mensch gestern noch zu Tode betrübt war und heute himmelhoch jauchzend ist? Wie ist das Auftreten von Krankheiten, die die Fachleute Psychose, Depression, Manie, bipolare Erkrankung, Phobien oder Angsterkrankung nennen, zu verstehen und wie sind diese »Verrückungen« verwoben mit dem Menschsein selbst? Die Lösung dieses Rätsels ist das Thema dieses Buches.
Patienten und Angehörige erhalten je nach Behandler unterschiedliche Antworten auf ihre Fragen nach der Verbindung von psychisch krank und »normal« sein. Einer spricht von einer Störung der Menge an Neurotransmitter, ein anderer von Disharmonie im Zusammenspiel einzelner Strukturen des Gehirns, ein Dritter sieht die Ursache von psychischen Erkrankungen in der lebensgeschichtlichen Entwicklung und insbesondere in den Ereignissen der ersten Lebensjahre, ein Vierter favorisiert das gesellschaftliche Gefüge als »Krankmacher«, ein Fünfter macht die Gene verantwortlich, ein Sechster sieht ein Zusammenspiel aller genannter Faktoren als die Ursache an, ein Siebter hält das Auftreten psychischer Auffälligkeiten für generell unverständlich und unerklärlich. Und die Patienten, die Angehörigen, die Freunde sind ratlos. Welche Erklärung sollen sie favorisieren? Jede Erklärung wird doch in ihrer Bedeutung anscheinend durch eine andere entkräftet.
Diese auch für Fachleute verwirrende Erklärungsfülle hängt mit der hohen Komplexität des Themas zusammen. Derzeitig werden zum Verständnis des Auftretens psychopathologischer Auffälligkeiten die Bedingungen herangezogen, welche gegenwärtig auf den einzelnen Patienten Einfluss nehmen. Dies sind nun einmal unsere Lebenserfahrungen, unsere aktuelle Lebenssituation, der gesellschaftliche Kontext, in dem wir uns bewegen, und nicht zuletzt auch der Einfluss unseres Erbgutes. Diesen unterschiedlichen Einflussfaktoren jeweilig folgend, haben sich unterschiedliche psychiatrische Schulen mit unterschiedlichen Sichtweisen auf die menschliche Psychopathologie entwickelt. Jede Schule verfolgt für sich ein eigenes Erklärungsmodell und favorisiert ihr Modell unter Diskriminierung anderer Modelle als Hauptentstehungsursache psychopathologischer Phänomene. Welches Modell man als Behandler bevorzugt, ist eher »Geschmackssache« als wissenschaftlich fundiertes Urteil. Eines dieser Erklärungsmodelle zu verstehen und zu durchdringen, ist bereits so komplex, dass es für sich schon die ganze Aufmerksamkeit eines Professionellen beansprucht. Diese Spezialisierung führt zu fruchtbaren Erkenntnisgewinnen innerhalb der verschiedenen Theoriemodelle, hat aber, wie ich in meiner vieljährigen Arbeit als klinisch tätiger Psychiater zu beobachten meine, für das Fachgebiet Psychiatrie einen entscheidenden Preis: Über weite Strecken der psychiatrischen Ausbildung und Tätigkeit gelingt es den Behandlern im klinischen Alltag nicht, in einem praktisch umsetzbaren Maße die verschiedenen Erklärungsmodelle für die Patienten und Angehörigen verständlich miteinander zu verbinden. So wird sicherlich gut »technisch« behandelt, oft gelingt es jedoch nicht, das Phänomen Psychopathologie den Patienten und ihren Angehörigen oder Freunden »begreifbar« zu machen. Begreifbar im Sinne von berühren und umgreifen des entscheidenden Sachverhaltes: »Psychische Krankheit und ihr Verhältnis zur psychischen Gesundheit des Menschen«. Dadurch bleiben die psychopathologischen Symptome für die Patienten, ihre Angehörigen und selbst für viele Behandler in einer finsteren Aura des Unheimlichen und Bedrohlichen stecken. Symptome werden dann nicht verstanden, sondern werden, von ihnen Abstand nehmend, technisch durch die Behandler gesammelt, kategorisiert, katalogisiert und schließlich diagnostiziert.
So bleibt die Psychiatrie, trotz aller außerordentlicher wissenschaftlicher Erkenntnisse und Neuerungen in interessanten Einzelfragen, in der Gesamtschau des Menschen für viele Außen- und leider auch Innenstehende dunkel und vage.
Aus »seelischer Krankheit« Rückschlüsse auf seelische Gesundheit ziehen
Aus dieser Erklärungs- und Verständnislücke ergab sich für mich der Ausgangspunkt für dieses Buch. Viele Psychiater und andere Berufsgruppen innerhalb der Psychiatrie haben aufgrund des verzweigten Zuganges zum Krankheitsverständnis, wie ich behaupte, keine Vorstellung über ein in meinen Augen wichtiges und für die Arbeit mit Patienten eigentlich unerlässliches Gebiet: nämlich über die allgemein gültige seelische Funktionsweise des Menschen. Der Begriff des »Seelischen« ist mit Bedacht gewählt. Ich benutze ihn hier und in der Folge nicht in seiner transzendenten Bedeutung, sondern in seiner Abgrenzung zum Begriff des »Psychischen«. Mit dem Begriff »Psyche« wird schnell das »Psycho-pathologische« assoziiert, das psychisch Kranke. Dagegen verstehe ich den Begriff des »Seelischen« losgelöst von einer Pathologie. Es gibt Psychopathologie, aber keine Seelenpathologie.
Dieses von mir unterstellte, unvollständige Verständnis des Kerninteresses im eigenen Fachgebiet, nämlich die jeweilige Funktionsweise des Gesunden, ist innerhalb der medizinischen Fachrichtungen, zu denen die Psychiatrie ja gehört, ausschließlich ein Phänomen der Psychiatrie. Sie steht deshalb, verglichen mit den anderen medizinischen Disziplinen, merkwürdig isoliert da. Überall in der Medizin lernen Ärzte aus den Krankheitsprozessen Neues über die Funktionsweise des Gesunden. So verstehen Kardiologen z.B., wie die für eine harmonische Arbeitsweise des Herzens notwendige Reizleitung im Herzen funktioniert, aus dem klinischen Phänomen der Reizleitungsstörungen heraus. Die Entwicklung einer Behandlungsmöglichkeit von Herzrhythmusstörungen durch einen künstlichen Herzschrittmacher etwa ist erst aus der beschriebenen Synthese von Krankheit und Funktionsverständnis des gesunden Herzens möglich geworden. Erkenntnisgewinn und Therapie erwachsen in der Psychiatrie allerdings nicht auf diese Weise. In ihr werden vielmehr die psychopathologischen Phänomene vorwiegend nicht als Chiffren des Strukturaufbaus der menschlichen Seele verstanden, sondern als bedeutungsfreies Krankheitskriterium.
Auch die erfolgte Erweiterung psychiatrischer Erkenntnis um psychotherapeutisches Wissen, wie es durch den Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie festgeschrieben ist, verändert diese Problematik nur graduell. Die beiden großen psychotherapeutischen Ausrichtungen, die Verhaltenstherapie wie auch die Tiefenpsychologie, bieten zwar einen Verständnishintergrund, sind in ihrer Deutungskraft und Therapiemöglichkeit aber nur auf spezielle psychiatrische Krankheitsbilder anzuwenden. Ein im gesamten klinischen Alltag und der Arbeit mit den Patienten und Angehörigen anzuwendendes, Krankheitsgruppen übergreifendes Verständnis sämtlicher psychopathologischer Phänomene fehlt und wird erstaunlicherweise kaum vermisst. Man gibt sich zufrieden mit der Symptomoberfläche und verweigert den Blick in die Strukturtiefe des Menschen. Dies erfolgt im gesamten Fachgebiet einschließlich des akademischen Betriebes an den Universitätskliniken so systematisch, dass ein Verdrängungsmechanismus konstatiert werden muss: Die Psychiatrie leidet auf Kosten der Patienten an einer Erkenntnisschwäche, welche meiner Meinung nach in einer Erkenntnisphobie, bezogen auf die eigenen Möglichkeiten des Fachgebietes, begründet ist. Die psychopathologischen Phänomene sind nämlich, konsequent interpretiert, in ihrer Deutungs- und Aussagekraft über den Menschen in seinem Sein beängstigende Vorboten eines zu meidenden Selbsterkenntniswissens, welches in der Lage ist, das Selbstverständnis der Behandler und ihre eigene seelische Stabilität bedrohlich zu unterspülen. Der Blick in die Erkenntnistiefe wird phobisch gemieden, da nur so die letztlich künstliche Dichotomie zwischen Gesundheit und Krankheit - und zwischen Patient und Behandler - aufrechterhalten werden kann. Dass Selbsterkenntnis nicht nur Gefahrenmomente birgt, sondern auch Reifungs- und Wachstumsimpulse bereitstellt, bleibt in dieser Arbeitsweise der Psychiatrie leider allzu oft unerkannt und ungenutzt.
Die psychopathologischen Erkenntnisschätze zu heben, überlässt die Psychiatrie deshalb leider anderen, z.B. naturalistischen Philosophen 1, die aber gar nicht mit Patienten arbeiten und deshalb ihre eigenen Modellvorstellungen nicht fruchtbar durch die Patientenarbeit evaluieren und modifizieren können. Da die klinisch tätigen Behandler hingegen täglich mit psychisch kranken Menschen umgehen dürfen und müssen, bauen sie unbewusst einen Erkenntnisvermeidungsschutz auf, der sie davor bewahrt, das Seelenlabyrinth menschlicher Psychopathologie zu betreten und sich darin unter Umständen zu verirren. Leider sind sie deshalb aber auch keine gut informierten Pfadfinder, welche ihre Patienten aufgrund ihres Spezialwissens ruhigen Schrittes aus dem Seelenlabyrinth herausführen könnten. Dafür benötigten sie Wissen über den Strukturaufbau des Labyrinths, in das sie sich nicht wirklich hineinwagen können, da das Fachgebiet selbst in den letzten 150 Jahren seiner Existenz als medizinische Disziplin keinen anerkannten Grundriss des Labyrinths entwickelt hat und in der psychiatrischen Ausbildung an die Ärzte vermittelt. Der für die nicht nur deutsche Psychiatrie in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts wirkende, bedeutende Kliniker und psychopathologische Forscher Kurt Schneider hat in einem ähnlichen Zusammenhang einmal darauf hingewiesen, dass es deshalb »die Psychiatrie« gar nicht gebe, sondern nur »den Psychiater«, da sich jeder über die Jahre sein eigenes und ganz persönliches Abbild des Fachgebietes Psychiatrie erarbeitet.
Jeder Kliniker findet, wenn er sich darauf einlässt, mühselig nach Jahren seinen individuellen Weg durch das »Unterholz« psychiatrischer Interpretationsmöglichkeiten. Viele gehen dabei unnötige Umwege, manche verirren sich resigniert im Gestrüpp der Alternativen. Mit den Fragen von Patienten, Angehörigen oder am Psychopathologischen interessierten Laien sind Psychiater aus den genannten Gründen oft überfordert, da sie keine Strukturvorstellungen entwickeln und diese oft als unnötige Theorielast empfinden. Ich bin überzeugt, dass z.B. der fatale Ausschluss von Angehörigen aus dem therapeutischen Prozess, wie er im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts über weite Strecken stattgefunden hat, ebenso wie die unfruchtbare, teilweise verbissen ideologisch geführte Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen psychiatrischen und psychotherapeutischen Schulen im gleichen Zeitraum, letztlich auch mit dieser Sprachlosigkeit in strukturellen Fragen in Zusammenhang stand und bis heute in abgeschwächter Form steht.
Damit bleibt die Psychiatrie als naturwissenschaftlich anthropologische Disziplin weit hinter ihren Möglichkeiten zurück und findet sich abgesondert hinter den Türen der Krankenhausabteilungen und Arztpraxen wieder, in denen sie arbeitet. Sie beschäftigt sich ausschließlich mit Kranken und hat doch eigentlich auch den bisher gesund Gebliebenen vieles zu sagen.
Der fehlende Grundriss der menschlichen Seele
Dieses Buch versucht als Gegenentwurf und Ergänzung behilflich zu sein, um das unstrukturierte »Zettelkastendenken« der Psychiatrie und ihrer Schulen, in dem die einzelnen Krankheitsbilder bezugslos nebeneinander aufbewahrt sind, in ein systematisiertes »periodisches System« der Seele zu überführen und zeitraubende Umwege zum Strukturverständnis zu vermeiden. Ähnlich wie das Periodensystem der Chemie die stoffliche Welt in einen Bezug zueinander setzt und Reaktionsmuster und Wechselwirkungen erklärt bzw. vorhersagt, möchte ich mit meinem übergreifenden Erklärungsmodell die verschiedenen Interpretationshorizonte, derer sich die Psychiatrie bedient, auf ein gemeinsames Verständnisfundament stellen und sie damit in Bezug zueinander setzen. Ich bin mir bewusst, dass auch die in der Folge beschriebene Sichtweise eine Verkürzung darstellt und Wichtiges unter den Tisch fallen lässt. Auch hier besteht eine Parallele zum Periodensystem der Chemie. Es beschreibt zwar eine höhere Ordnung der stofflichen Welt, anderes Wissen geht aber in diesem System verloren oder wird nicht präsent. Die Farbe von Gold etwa ist dem Periodensystem nicht zu entnehmen, auch nicht die ästhetische Präsenz, die dieses Metall ausübt, und schon gar nicht die unter Umständen ambivalenten Gefühle, die ein verschenkter goldener Ring auslösen kann.
Das im Verlauf des Buches entwickelte Basismodell verzichtet ebenfalls auf Teilwissen zugunsten des Überblicks. Dabei soll und kann es kein Lehrbuch sein. Es möchte nicht katalogisiert einzelne Krankheitsbilder, wie die Schizophrenie oder die Depression, ausführen und erläutern. Vielmehr möchte es Menschen, die mit psychisch Kranken beruflich arbeiten, und interessierten medizinischen Laien Anregung sein, sich den psychopathologischen Phänomenen einmal anders als in dem herkömmlichen Dualismus von Krankheit versus Gesundheit anzunähern. Es soll Verständnis dafür geweckt werden, was jenseits des Einzelfalles eigentlich hinter den sogenannten psychopathologischen Auffälligkeiten des Menschen generell steht. Dieses Verständnis ist, dem Thema des Buches folgend, deckungsgleich mit Selbsterkenntnis für den Leser. Das berühmte Bild »La Reproduction Interdite« von René Magritte zeigt einen jungen Mann, der mit dem Rücken zum Bildbetrachter vor einem Spiegel steht. Der Spiegel jedoch zeigt dabei nicht, wie zu erwarten wäre, das Gesicht des Mannes, sondern seinen Hinterkopf. Die Beschäftigung mit der menschlichen Psychopathologie, wie wir sie im Verlauf des Buches kennenlernen werden, gleicht ebenso einem Blick in den Spiegel. Dort gibt es überraschende Ansichten unserer selbst, die ansonsten uneinsehbar blieben. Möglich werden somit - für alle, die sich darauf einlassen wollen - Selbsteinsichten.
Die Evolutionstheorie als Kompass
Der Leser wird während der Lektüre des Buches in Verbindung mit seinen eigenen Lebenserfahrungen den fehlenden Labyrinthgrundriss der menschlichen Seele anhand einiger psychopathologischer Phänomene in Ansätzen skizzieren lernen. Was üblicherweise als Psychopathologie bezeichnet wird, ist nämlich nichts anderes als eine spezifische Verdichtung des menschlichen Seins und seiner Funktionsweise, die im Gehirn lokalisiert ist. Dafür ist es aber notwendig, dass der Leser nicht nur in das Buch, sondern im Verlauf der Lektüre auch immer wieder in sich selbst blickt. Sorgen, Ängste, Nöte und Glücksgefühle kennt jeder Mensch, und die Beschäftigung mit diesen persönlichen Erfahrungen ist eine Brücke zum Erleben, wie es sich in psychopathologischen Phänomenen komprimiert. Wenn wir zu dieser Selbstbeschäftigung bereit sind, können wir uns gemeinsam fruchtbar immer tiefer in das Labyrinth der Pathologieerkenntnis und der Selbsterkenntnis vorwagen.
Um dies möglichst gefahrlos und mit der erforderlichen Nüchternheit eines professionellen Höhlenforschers tun zu können, werden wir uns allerdings mit einem verloren gegangenen Hilfsmittel ausrüsten müssen, das uns immer Orientierung geben kann und das, wie ich eingestehen muss, von der aktuellen Mainstream-Psychiatrie in keiner Weise genutzt wird. Wir werden einen Orientierungskompass einsetzen, mit dessen Hilfe wir ruhigen Schrittes in das Labyrinth eintreten und mit dem wir uns beharrlich weiter hineinwagen können. Dieser Kompass wird die Geschichte des Menschen sein: die Geschichte des Menschen, nicht nur bezogen auf seine Entwicklung als einzelnes und einmaliges Individuum, wie es in der Psychiatrie üblich ist. Wir werden vor allem seine andere Geschichte, die von der Psychiatrie fast durchgehend unbeachtet bleibt, betrachten. Gemeint ist die von uns allen geteilte evolutionäre Geschichte unseres Seins. Alle Menschen, ob gesund oder krank, teilen einen uralten, viele Millionen Jahre umfassenden evolutionären Entwicklungsprozess, der das Potential aufgeschichtet hat, uns zu dem zu machen, was wir heute sind und sein können.
Evolutionäres Denken, bezogen auf die Psychopathologie des Menschen, spielt in der aktuellen Psychiatrie keinerlei nennenswerte Rolle. Dies ist umso erstaunlicher, da der Mensch doch zweifelsfrei das Produkt einer evolutionären Entwicklung ist. Bezogen auf alle seine Organe wird niemand abstreiten können, dass ihre Funktionsweise durch einen evolutionären Prozess entstanden ist. Nur dem Gehirn, welches, wie niemand anzweifeln wird, der Ort unseres Denkens und Fühlens ist, wird diese evolutionäre Bedeutung nicht im gleichen Maße zugebilligt. Wir glauben unabhängig geworden zu sein von unserem evolutionären Erbe, da wir unsere Kulturfähigkeit in einem langen kulturellen Prozess als Komplementärwahrheit zu unserer biologischen Evolution entworfen haben. Zwar ist so gut wie jedem klar, dass Charles Darwin die Evolutionstheorie begründet hat und der Mensch aus einer evolutionären Linie hervorgegangen ist, die eine gemeinsame Wurzel mit den heute lebenden Menschenaffen besitzt. Aber haben wir diesen Gedanken wirklich in der ihm zukommenden Tiefe konsequent verinnerlicht? Halten wir uns nicht doch weiterhin für etwas Besonderes, etwas auf dieser Erde Einzigartiges, zu dem die Entwicklung des Lebens fast zwangsläufig hingestrebt ist? Haben wir nicht mit unserer Kulturfähigkeit eine scharfe Trennlinie errichtet zwischen uns und den anderen Lebewesen dieses Planeten?
Letztlich bleiben wir mit solchen weitverbreiteten Ansichten trotz aller wissenschaftlichen Aufklärung in einer christlichen Kulturgrammatik hängen, die dem Menschen nach der christlichen Sonderschöpfung weiterhin eine einzigartige Sonderstellung zubilligt. Kann ich nicht mehr das Zentralgeschehen einer göttlichen Schöpfung darstellen, so möchte ich als Entschädigung doch mindestens die Krone der Evolution sein, die sich selbst kulturelle Flügel verleiht, mit denen ich mich aufschwinge, fort von den Niederungen biologisch evolutionärer Verwurzelung. Dass diese Flügel der Kulturfähigkeit ebenfalls das Ergebnis eines evolutionären Prozesses sind, unterschlagen wir nur allzu gerne und gleichen damit einem Piloten, der vergisst, dass er nur fliegen kann, weil Ingenieure und Techniker ihm ein Flugzeug gebaut haben.
Ein sehr gut nachvollziehbarer Grund für die hartnäckige Negierung evolutionären Denkens in der Psychiatrie liegt allerdings in der unsäglichen sozialdarwinistischen Vulgarisierung biologischen Denkens, beginnend in den 1880er-Jahren, an der sich selbst führende Psychiater beteiligten, und in der katastrophalen Realisation pseudowissenschaftlicher Erkenntnisse durch die Nationalsozialisten in ihrer »Rassenhygiene« und Mord-»Euthanasie« an psychisch Kranken. Dies hat als verständliche Gegenbewegung die nachfolgenden, klinisch tätigen Behandlergenerationen äußerst misstrauisch bis feindselig gegenüber evolutionären Gedanken innerhalb des eigenen Fachgebietes werden lassen. Man ging medizinisch-wissenschaftlich kollektiv auf großen Abstand gegenüber der Evolutionstheorie. Die Individualgeschichte rückte somit ganz in den Vordergrund und verdeckte jahrzehntelang das gemeinsam geteilte evolutionäre Erbe und dessen Beteiligung bei der Entstehung der menschlichen Psychopathologie. Erst in den letzten Jahren verringert sich in der Medizin generell diese Distanz auf die Reichweite eines Diskretionsabstandes, und zumindest in der somatischen Medizin darf mittlerweile Erkenntnis bringend evolutionär gedacht werden.2
Die aus den erwähnten Gründen entstandene Blindheit, bezogen auf unsere evolutionäre Realität als Menschen, ist nur zu verständlich, kann und darf aber nicht mehr aufrechterhalten werden, da wir uns ansonsten selbst fortgesetzt nur rudimentär verstehen können und fehlinterpretieren. Dies gilt für unseren somatischen Aufbau und uneingeschränkt genauso für die Funktion unseres Gehirns.
Hier soll der Versuch gewagt werden, genau jenen bisher vernachlässigten Aspekt menschlichen Seins, seine evolutionäre Geschichte, in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken und mit der schon immer sichtbaren Individualgeschichte zu vereinen. Erst dann kann das Phänomen Psychopathologie auch mit dem Phänomen psychischer »Normalität« im doppelten Sinne des Wortes »natürlich« zusammengedacht werden. Dieses »Zusammendenken« kann allerdings im Verlauf des Buches nicht nur rein logisch erfolgen. Wir werden es mit Sachverhalten zu tun bekommen, die so tief in das Menschsein hineinreichen, dass klare Logik kaum ausreicht, um diese ausreichend zu beleuchten. Bei aller Klarheit in der Darstellung der Zusammenhänge, um die sich die folgende Darstellung bemüht, wird es deshalb immer wieder auch um ein atmosphärisches Verstehen der menschlichen Problemlagen gehen, um ein intuitives Herantasten an spezifische Brisanzfelder, die uns alle durchziehen.
Der erste Schritt einer Reise soll oftmals der schwerste sein. Dies gilt auch für unser Unternehmen. Der erste Schritt hin auf das dunkle Seelenlabyrinth ist nicht in Form eines Lernprozesses zu tun, sondern in Form eines Verlernungsprozesses. Ein Verlernungsprozess, bei dem wir unser Reisegepäck erleichtern müssen von starken kulturellen und fachmedizinischen Prägungen, die außerhalb des Labyrinthes ein guter Reiseproviant sein mögen, uns als Höhlenforscher aber unnötig belasten und unsere Beweglichkeit empfindlich einschränken würden. Lassen wir die Vorstellung, dass der Mensch prinzipiell etwas anderes sei als seine evolutionären Vorfahren oder seine lebenden Primatenvettern, am Höhleneingang zurück.
Das vergessene Hilfsmittel der Psychiatrie, der Orientierungskompass »Evolutionstheorie«, ist außerhalb der Interpretation des menschlichen Seins, bezogen auf alle anderen Lebewesen, eine wissenschaftliche Erfolgsgeschichte. Dieser Kompass wird auch uns bei der folgenden Labyrinthuntersuchung gute Dienste leisten.
Teil I
Der Schlüssel zum Seelenlabyrinth
Die menschliche Kindheit und die Kindheit der Menschheit
1. Wege der Evolution
Wozu brauchen wir Gefühle?
Wir Menschen stehen am vielleicht endgültigen Ende einer evolutionären Entwicklung, die uns mit verschiedenen Fähigkeiten ausgestattet hat. Eine, die augenfälligste, weil sie das Antlitz unseres Planeten verändert hat und permanent weiter verändert, ist unsere kognitive Intelligenz. Wir sind in der Lage, die Welt um uns herum zu verändern und sie unseren Bedürfnissen nach zu manipulieren. Wir sind klug. Aber dies ist nur eine der zentralen Fähigkeiten, welche die Evolution in uns aufgehäuft hat. Die andere zentrale Fähigkeit ist unsere ausgeprägte Emotionalität. Wir sind z.B. in der Lage zu lachen, zu weinen oder traurig zu sein. Daneben gibt es viele weitere Emotionen in allen möglichen Schattierungen und Mischzuständen. Wir sind auf der emotionalen Ebene permanent unruhebereit. Jeder spürt sofort eine innere Stellungnahme zu der Frage: »Wie geht es dir?«, auch wenn diese Stellungnahme manchmal schwer in Worte zu fassen ist.
Manche Emotionen fühlen sich gut an, manche sind schrecklich, andere sogar unerträglich. Oft bremsen uns die Emotionen im Alltag aus. Wir sind in tiefer Trauer nach dem Verlust eines Menschen, und das Leben scheint für immer stillzustehen. Ängste lähmen uns manchmal und lassen uns vor Herausforderungen zurückschrecken, von denen wir wissen, dass wir sie eigentlich bewältigen könnten. Wir sind emotional angreifbar und sehr verletzlich für das, was andere uns sagen. Ein rügendes Wort des Vorgesetzten kann schlaflose Nächte der Verärgerung nach sich ziehen. Darauf würde man gerne verzichten. Warum mutet uns die Evolution eigentlich Emotionen zu? Warum sind wir nicht einfach nur im Weltverständnis immer klüger geworden? Das sollte doch genügen, der Welt habhaft zu werden und sie unseren Bedürfnissen nach zuzuschneiden.
Warum evolvierten sich auch unsere emotionalen Kapazitäten zu einem schwindelerregend hohen Turm, der in uns viel zu oft gewaltig zu schwanken beginnt und noch viel höher ist als bei unseren Primatenvettern? Wir wollen zu Beginn unserer Reise versuchen, hierauf eine Antwort zu finden. Dies ist notwendig, weil alle psychiatrischen Störungen3 letztlich Seinskrisen sind. Und alle Seinskrisen sind Sinnkrisen. Das Sein des Menschen gelingt nämlich nicht mehr in allen seinen Entfaltungsmöglichkeiten, wenn wir in einer schweren seelischen Krise sind. Wir verlieren vielmehr Bewertungs- und Handlungsoptionen in solchen Krisenzeiten und bleiben eingeklemmt und gefangen in ganz bestimmten Aktionsengpässen. Damit wackeln aber nicht nur die Wände des Seins um uns herum. Auch der Sinn, mit dem wir diese »Wände« zusammenhalten, beginnt zu bröckeln und bricht manchmal schließlich ganz zusammen. Am deutlichsten ist dies bei schweren depressiven Erkrankungen, in deren Verlauf lebensmüde Gedanken auftauchen können und sogar unter Umständen das eigene, schließlich unerträglich leer und paradoxerweise unerträglich belastbar gewordene Leben durch Suizid beendet wird. Die unerträgliche Schwere des Nichts erdrückt dabei erst das Sein und dann den Sinn des depressiv gewordenen Menschen.
Die evolutionäre Bedeutung von Emotionen:Zu Besuch bei Mr. Spock
Die Realisierung einer Sinnkrise geschieht dabei im gesunden Erleben wie in den psychopathologischen Phänomenen durch Störungen der emotionalen Kapazitäten. Keine psychiatrische Störung ist frei von Auffälligkeiten im emotionalen Bereich. Die zentrale Funktion der Emotionen in ihrer evolutionären Bedeutung zu ergründen heißt, eine der zentralen Säulen des menschlichen Seins in ihrer Tragefunktion zu verstehen und sich den Voraussetzungen für psychopathologische Modulationen in einem großen Verständnisschritt zu nähern.
1966 wurde das einzige menschartige Individuum geboren, das ganz frei von der Gefahr ist, als Reaktion auf äußere Ereignisse psychisch aus dem Gleichgewicht zu geraten. Alles, was uns anderen das Leben schwer macht, ist ihm in seiner unerschütterlichen Souveränität fremd: Er ist weder von traurigen Gefühlen beeinflusst, die einem fast die Brust erdrücken, noch schaudert ihn etwas oder ließe sein Herz vor Angst bis zum Halse hochschlagen. Nie ist er nervös, immer bleibt er gelassen und behält den Überblick, sodass seine Entscheidungen stets messerscharf sind. Er hat gute Argumente, er hat einen beneidenswerten Intellekt. Er hat viele Eigenschaften, die eine Person in führender Position im Umgang mit Menschen benötigt. Aber eines hat er nicht. Er kennt keine Gefühle.
Bei einer Raumschiffcrew von 400 Besatzungsmitgliedern ist der Erste Offizier der 1966 gestarteten Science-Fiction-Fernsehserie »Raumschiff Enterprise«, Mr. Spock, der einzige Menschenartige, der nicht von der Erde stammt. Präziser gesagt: Er hat zwar eine irdische Mutter, sein Vater jedoch stammt vom Planeten Vulkan. Auf dem Vulkan werden Ereignisse bekanntlich durch die menschenähnlichen Bewohner nicht emotional etikettiert, Vulkanier erleben Kausalketten allenfalls als »faszinierend«. Ganz ungetrübt von emotionaler Einfärbung ihrer Entscheidungen, lassen sich Vulkanier in der Bewertung von Zusammenhängen alleine von der nüchternen Logik leiten. Dies bringt einen der sehr emotional und humanistisch motivierten Protagonisten, den Schiffsarzt des Raumschiffs Enterprise, Dr. McCoy, regelmäßig zur Weißglut, kann er doch die Gefühlskälte Spocks, seine mangelnde Anteilnahme und »Herzlosigkeit« nicht nachvollziehen. McCoy vermutet, dass sich Spock verstellt und seine menschliche irdische Hälfte unterdrückt, was Spock stets abstreitet. Wenn sich McCoy in einer der Serienfolgen nicht gerade wieder einmal über ein unbekanntes Crewmitglied, welches kurz zuvor für eine gefährliche Aufgabe ausgewählt wurde, beugt und den Satz spricht: »Jim, er ist tot«, streitet er mit irdisch-menschlicher Leidenschaft vehement mit Spock über das Für und Wider von Emotionen. Und Dr. McCoy bekommt im späteren Verlauf der Fernsehserie Recht. Um Spock nicht langweilig werden zu lassen, wurden den Vulkaniern durch die Drehbuchautoren irgendwann doch Emotionen zugeschrieben. In der kulturell-technischen Entwicklung ihres Heimatplaneten soll es aufgrund destruktiver Emotionen wie Hass und Neid zu einem schwerwiegenden Bürgerkrieg gekommen sein, der beinahe zum Untergang des gesamten Planeten geführt hatte. Darauf entwickelten die Vulkanier als friedenssichernde Maßnahme ein emotionales Abrüsten, ermöglicht durch spezielle Meditationstechniken, mit deren Hilfe sie ihre Emotionen auszuschalten vermochten. Aber leider nicht nur die destruktiven, sondern gleich sämtliche. Trotzdem leugnet Spock lange Zeit seine Veranlagung zu emotionalem Erleben.
McCoy würde als Schiffsarzt natürlich auch im Jahr 2200, in dem die Science-Fiction-Serie spielt, die Evolutionstheorie kennen. Zwar liefert er in seiner Auseinandersetzung mit Spock nie ein evolutionäres Argument, er hätte es aber vorbringen können und er hätte Spock mit Hilfe dessen eigener unbestechlicher Logik beweisen können, dass er Emotionen haben muss, selbst wenn er deren Existenz nicht zugibt. Durch welche Argumentationskette? Begeben wir uns für die Länge einer Filmszene auf die Brücke des Raumschiffs Enterprise: Spock sitzt als Erster Offizier auf dem Stuhl des befehlshabenden Offiziers:
Spock: »Computerlogbuch der Enterprise. Sternzeit siebeneinskommadreivier. Wir befinden uns seit 3,7 Sterntagen und 34 Sternenminuten im Orbit des bisher unbekannten Planeten 14-5G6 im Sternensystem Celia. Ein auf die Planetenoberfläche gebeamtes fünfköpfiges Erkundungsteam hat kurz nach seiner Ankunft auf dem Planeten den Funkkontakt zur Enterprise verloren. Der Versuch, den Erkundungstrupp zurückzubeamen, scheiterte. Captain Kirk hat daraufhin in einem Flugshuttle mit einem Suchtrupp aus neunzehn Sicherheitsoffizieren die Enterprise verlassen und ist auf 14-5G6 gelandet. Auch zum Suchtrupp brach der Kontakt kurz nach der Landungsbestätigung ab. Aufgrund einer kosmogeologischen Malkonstellation wird sich die Enterprise nur noch für 2,124678 Sternenstunden im Orbit des Planeten halten können. Wir stehen vor der Entscheidung, das Sonnensystem aus Sicherheitsgründen zu verlassen und keine weiteren Suchtrupps loszuschicken oder das Leben weiterer Besatzungsmitglieder, vielleicht sogar der ganzen Enterprise und ihrer Crew, zu gefährden. Logbuch Ende.«
McCoy: »Was werden Sie tun, Spock?«
Spock: »Lieutenant Uhura! Haben Sie Funkkontakt zu unseren Erkundungsteams aufnehmen können?«
Uhura: »Nein, Sir. Ich habe es auf allen Notfrequenzen versucht, aber es antwortet niemand. Eine Fehlfunktion der Systeme ist ausgeschlossen.«
Spock: »Mr. Chekov! Was melden die Tricordersysteme?« Chekov: »Alle Tricorderabtastmeldungen der Planetenoberfläche negativ, Sir!«
Spock: »Mr. Sulu! Bereiten Sie das Schiff auf einen Kurswechsel vor. Wir verlassen den Orbit auf mein Kommando.«
McCoy: »Spock! Das dürfen Sie nicht tun! Wir können den Captain und die anderen nicht auf dem Planeten zurücklassen. Wir müssen ein weiteres Team auf den Planeten schicken.«
Spock: »Dr. McCoy. 25 Mitglieder unserer Besatzung sind bereits verschollen. Aufgrund Ihrer Emotionen, die die notwendige sachliche Beurteilung des vorliegenden Sachverhaltes eintrüben, begehen Sie einen typischen Logikfehler. Bereits seit dem 21. Jahrhundert ist das Transrapid-Dilemma bekannt. Es besagt, dass Menschen dazu neigen, aufgrund einer wiederholt geleisteten finanziellen oder auch anders gearteten kostspieligen Investition fortgesetzt bereit sind, in ein Unternehmen zu investieren, welches eigentlich keinen Erfolg mehr verspricht. Man plante in Bayern damals, einen städtischen Flughafen und die wenige Kilometer entfernt liegende Innenstadt mit der technisch revolutionären Hochgeschwindigkeitsmagnetschwebebahn zu verbinden, obwohl die Fahrstrecke …«
McCoy: »Sparen Sie sich Ihre Belehrungen, Spock! Wir haben keine Zeit für Ihre Erzählungen. Da unten wartet vielleicht Captain Kirk auf uns. Er ist wahrscheinlich in Gefahr und ich will mich herunterbeamen lassen und ihm helfen, Sie Spitzohr mit Ihrer verdammten Logik!«
Spock: »Dr. McCoy. Angenommen, wir schicken ein weiteres Team auf die Planetenoberfläche. Nehmen wir an, auch dieses Team verliert den Kontakt zu uns. Dann kommt ein Freund eines der Teammitglieder und verlangt ebenfalls, seinen Freund zu retten und auf den Planeten gebeamt zu werden. Dann folgen ein weiteres Team, ein weiterer Freund und wieder ein Team und wieder ein Freund. Wann wollen wir aufhören, in dieses Unternehmen zu investieren? Wenn wir 50 Mann der Besatzung verloren haben? Bei 100 Mann? Bei 200? Ihre Emotionen verleiten Sie zu dem Fehler, das Transrapid-Dilemma durch immer weitere und unnütze Investitionen lösen zu wollen. Es machte aber bereits im frühen 21. Jahrhundert keinen Sinn, für 30 Kilometer konventionelle Bahnstrecke einen Zug zu bauen, der 400 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit hat, bloß damit Milliarden von teueren Investitionsgeldern endlich an einem Projekt realisiert werden können. Nennen Sie mir einen logischen Grund, warum wir das Planetensystem nicht verlassen sollten, warum wir ein weiteres Risiko eingehen sollten. Wenn Sie mich überzeugen, bleiben wir im Orbit und suchen weiter.«
McCoy: »Spock. Er würde das Gleiche für mich tun. Er ist mein Freund. Und Jim würde auch alles tun, um Sie zu retten. Weil Sie sein Freund sind. Das ist eine andere Logik, als Ihr Rechenschieberverstand sie versteht. Es ist logisch, dass wir Menschenartigen so fühlen. Verstehen Sie das nicht? Menschen sind füreinander da. Sie helfen sich gegenseitig, weil sie etwas füreinander empfinden. Sie haben auch diese Gefühle, Spock. Sie sind klug und das Produkt einer Evolution, die auf dem Vulkan auch nicht anderen Prinzipien gefolgt ist als auf der Erde. Zwar haben sie nicht rotes Blut, sondern grünes, weil Ihr Sauerstoff transportierendes Blutmolekül nicht eisenhaltiges Hämoglobin ist, sondern Kupfer. Aber der Weg, auf dem Kupfer in den Organismus Ihrer Vorfahren gelangte und eine Rolle im Sauerstofftransport spielen lernte, ist sicherlich nach evolutionären Prinzipien erfolgt. Und jetzt hören Sie zu, Spock …«
0,23 Sternenstunden später sitzt Mr. Spock sichtlich irritiert im Commandersessel des Raumschiffs Enterprise, gibt schließlich den Befehl, alle Vorbereitungen für das Beamen eines weiteren Rettungsteams zu treffen und eilt mit Dr. McCoy zum Transporterdeck, um Captain Kirk zu retten.
Verlassen wir nun Spock und das Raumschiff Enterprise und hoffen, dass diese erfundene Folge gut ausgeht.
Was hat McCoy Spock zu sagen gehabt? Mit welchen evolutionären Argumenten hat er Spock bewiesen, dass dieser Emotionen haben muss? Diesen zwingenden Zusammenhang zwischen beträchtlicher Intelligenz und beträchtlicher Emotionalität, vereint im Menschen, evolutionär erklärt zu verstehen, ist für unser Thema außerordentlich wichtig, da alle psychischen Erkrankungen in irgendeiner Weise mit Emotionen zu tun haben. Außerdem reißt die Gefühlswelt schon in der Psychologie der Alltagserfahrung die »Denkwelt« mit sich und lenkt diese in eine besondere Richtung, führt uns hier- oder dorthin, lässt uns dieses aufsuchen und jenes meiden. Warum nur hat uns die Evolution nicht frei gemacht von schwer erträglichen Gefühlslagen? Warum sind wir keine emotionslosen Spocklogiker?
Warum wachsende Intelligenz wachsende Emotionalität benötigt
Betrachtet man den Menschen mit den vergleichenden Augen eines pedantischen Zoologen, fällt natürlich vor allem die bezogen auf das Körpergewicht immense Gehirngröße auf. Warum haben wir ein solch großes Gehirn? Offensichtlich ist es nahrungsgierig. Das Gehirn verbraucht mindestens zwanzig Prozent unseres Energiehaushaltes. Es ist zwar unter unserer Schädeldecke gut geschützt, wie alle komplizierten Systeme aber sehr sensibel und fehleranfällig. Dennoch ist die evolutionäre Tendenz hin zu einer zunehmenden Gehirngröße im humanoiden Evolutionsprozess in den letzten 3,5 Millionen Jahren offensichtlich, gut belegbar durch Fossilienreste. 4
Größere Gehirne besitzen eine größere Lernfähigkeit als kleine Gehirne. Größere Lernfähigkeit bedeutet größere Fähigkeit zum Einlernen neuer, nicht genetisch bereits determinierter Handlungsoptionen und somit das Erlangen größerer Flexibilität. Bei unseren Primatenvorfahren wie auch den evolutionären Vorfahren des »Homo sapiens
Copyright © 2010 Kösel-Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
eISBN : 978-3-641-04895-2
www.koesel.de
Leseprobe
www.randomhouse.de