Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Macht ist weiblich. Frauen, traut euch!, meint Vera Steinhäuser: Es wird Zeit, die Macht von ihrem Podest zu holen – und sie mit positiven, kreativen und weiblichen Inhalten neu aufzuladen. Hunderte von Frauen hat Vera Steinhäuser gecoacht, doch sobald es um Macht geht, werden sehr viele sehr still. Als sie nachfragt, stutzt sie: Macht scheint vielen Frauen verdächtig. Woher kommt das, fragt sie sich – und geht auf die Suche: Was heißt Macht eigentlich? Wo hatten Frauen schon mal mehr Macht als heute? Warum geht Macht nicht damit zusammen, "Everybody's Darling" zu sein? Was prägt uns, hält uns zurück? Mit Witz und Neugier nähert sich Vera Steinhäuser der weiblichen Seite der Macht und zeigt uns, wie wir im Job und privat uns selbst und andere Frauen empowern.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 229
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Vera Steinhäuser
Ein Mutbuch für unerschrockene Frauen, die gestalten wollen
BEFORE THEN
Meine feministische Geschichte
THEN
Wann hat das eigentlich alles begonnen?
Wovon wir reden, wenn wir von Macht reden
NOW
Die Situation heute – Macht kann man berechnen
Willst du mich heiraten? Und dann meinen Haushalt managen?
Frau Gruber, Sie schreiben wieder das Protokoll, richtig?
NOW THEN
Persönlichkeitsentwicklung als Chance
Gesellschaftliche Empowerment-Faktoren für Frauen: We want the future, and we want it now
Empowerment-Faktoren für Frauen – individuell
Gestalte deinen Weg – und den anderer
I AM KING
Mein Weg zur Wahrnehmung der strukturellen Benachteiligung von Frauen war ein langer. Ich lebte von Anfang an in einer privilegierten Blase, die mich einerseits beschützte, andererseits auf einem Auge blind werden ließ.
Ich wurde als erstes gemeinsames Kind meiner Eltern geboren. Da ich fast sieben Jahre ohne Geschwister aufwuchs, gehörte mir die ungeteilte Aufmerksamkeit meiner Eltern und mütterlicherseits auch die meiner Großeltern, Tanten und Onkel. Hinzu kam eine sehr ermutigende Attitüde, die mir mehr oder minder zuflüsterte: „Du kannst alles machen. Du bist klug genug, um in jedem Bereich Erfolg zu haben.“ Niemals hörte ich: „Das kannst du nicht, weil du ein Mädchen bist.“
Sehr prägend für mich waren meine beiden Omas, die beide schillernde und außergewöhnliche Persönlichkeiten waren.
Meine Oma mütterlicherseits war Chefin ihres eigenen Betriebs, der aus Gastwirtschaft, Frühstückspension und Bauernhof bestand und den sie von ihrer Mutter übernommen hatte. Meine Oma Sieglinde, meist Linde genannt, die für mich immer eine wichtige Bezugsperson war, hat mir eindrücklich gezeigt, was es bedeutet zu führen: egal ob auf ihre Angestellten bezogen oder auch innerhalb ihrer Familie. Letztlich galt das auch für sie selbst: Sie hatte immer ein Ziel vor Augen, war klar in ihren Entscheidungen und unglaublich diszipliniert und konsequent in allem, was sie tat. Wenn ich an meine Oma denke, sehe ich eine klare, zielstrebige Persönlichkeit, die weiß, was sie will und ihren Weg geht, ohne dabei die ihr wichtigen Menschen zu vergessen.
Väterlicherseits erlebte ich eine Oma, die es vor allem verstand, gut zu leben. Zumindest in der Lebensphase, in der ich sie als Enkeltochter erleben durfte. Oma Rosl hatte eine Ausbildung als Opernsängerin und praktizierte diesen Beruf einige Jahre, bevor sie durch ihre Kinder und letztlich auch durch den Zweiten Weltkrieg gezwungen war, zu Hause zu bleiben. Ich bin mir sicher, dass dieses gute Leben eine bewusste Entscheidung war, die stark im Kontrast zu vielem stand, was sie davor durchlebt hatte.
Meine besten Erinnerungen an sie zeigen eine unglaublich lebensfrohe alte Dame, die immer Lust auf bunte Fingernägel, tolle Handtaschen und laute Opernmusik in ihrem Haus hatte. Eine Dame, die beim Schaufensterbummel auch mal entrüstet in ein Geschäft stürmte, um den erschrockenen Verkäuferinnen mitzuteilen: „Was fällt Ihnen ein, so eine langweilige Auswahl in Ihr Schaufenster zu geben? Nur weil Damen in meinem Alter bei Ihnen einkaufen, heißt das noch lange nicht, dass Sie uns nur Beige und Grau anbieten können!“ Und auch wenn meine Opern-Oma sich gewünscht hätte, dass ich beruflich in ihre Fußstapfen als Opernsängerin trete, ich darauf aber keine Lust hatte, hat sie mir immer vermittelt: „Mach, was du willst, aber mach es gut.“
Ich hatte also von Anfang an viel Glück, wurde unterstützt und gefördert. Ich wuchs in einem Selbstverständnis auf, das mich keinerlei auf mein Geschlecht bezogene Grenzen erkennen ließ. Mit 18 Jahren zog ich von Kärnten nach Wien – ganz klassisch, um zu studieren. Meine Idee war es damals, im Bereich Marketing und Werbung Karriere zu machen. Schritt für Schritt und nach einigem Ausprobieren landete ich bei einer Fächerkombination von Kommunikationswissenschaften, Psychologie, ein bisschen Soziologie und Sprachwissenschaften und später Betriebswirtschaft.
Mein Papa, der von meiner Idee mit der Werbung nicht begeistert war, wollte mir damals den Weg in den Journalismus schmackhaft machen und organisierte ein Treffen mit einem seiner ehemaligen Schüler – mein Papa war damals Direktor eines Gymnasiums –, inzwischen Sendungschef beim Österreichischen Rundfunk. Ziel dieses Abendessens war es, ein Ferialpraktikum abzustauben, um in den Medienbereich hineinschnuppern zu können.
Wir trafen also besagten Herrn, zusammen mit seiner Lebensgefährtin im damals angesagten Italo-Restaurant „Panigl“ im 8. Bezirk. Der Abend war nett, man hat sich angeregt unterhalten, und ich habe bestimmt keine schlechte Figur gemacht – bis zum Dessert.
Denn dann schnitt die Lebensgefährtin das Thema Frauenvolksbegehren an, das zu diesem Zeitpunkt gerade am Laufen war. Diese Dame, ich schätze, sie war damals Anfang oder Mitte 40, fragte mich 20-Jährige also ganz hoffnungsvoll, ob ich denn auch unterschreiben gehen würde. Wenn ich gleich offenbare, was ich geantwortet habe, ist mir das echt peinlich. Ich sagte: „Nein, sicher nicht. Ich kann mich mit diesen frustrierten, spaßbefreiten Emanzen nicht identifizieren.“ Unglaublich! Das war damals mein Mindset, meine Auffassung der Realität, meine Wahrnehmung der gesellschaftlichen Situation, mein Zugang zu Feminismus.
Die Lebensgefährtin meines zukünftigen Chefs – ich bekam den Job trotzdem – war enttäuscht und persönlich angegriffen, da sie eine der Initiatorinnen des Volksbegehrens war. Was für ein Fettnäpfchen noch dazu! Ich habe mich nie bei ihr entschuldigt, weil ich sie nie wiedergesehen habe. Also auf diesem Wege endlich nachgeholt: Sorry, liebe Frau X, ich war einfach nur ahnungslos und naiv!
Was ist seitdem passiert? Meine Reise zu meiner heutigen Wahrnehmung führte über viele Milestone-Erlebnisse. Zum Teil waren sie privat, zum Teil beruflich. Ich möchte nur ein paar ausgewählte näher ausführen.
Vor einigen Jahren lud mich ein befreundeter Kollege aus der Werbebranche in seine Agentur nach Salzburg ein. Er hatte ein Eventformat etabliert, in dessen Rahmen regelmäßig unterschiedlichste Persönlichkeiten Antwort auf die Frage „How did you do it?“ gaben.
Seine Einladung, einen Vortrag über meine Karriere zu halten, ehrte mich, doch ich wusste zuerst nicht so ganz, was ihn an meiner Geschichte interessierte. Er erklärte mir: „Na ja, du hast als Frau international Karriere gemacht, in einer Branche, die hauptsächlich von Männern geführt wird.“ Danke, lieber Christian Salić, für diesen Eye-Opening-Moment, denn bis dahin war mir tatsächlich selbst nicht klar, wie außergewöhnlich mein Weg war. Nach dieser Epiphanie beschäftigte ich mich erstmals, rückblickend auf ungefähr 15 Jahre in internationalen Agenturen, mit meinem beruflichen Werdegang.
Mir wurde schnell klar, dass es eine Mischung aus Glück, gutem Timing und nahezu naivem Mut war, die meine Karriere möglich machte. Als ich Anfang der 2000er Jahre bei einer internationalen Agentur namens BBDO begann, mich auf den Bereich digitale Kommunikation zu spezialisieren, war das einfach ein sehr guter Zeitpunkt, denn ich war eine der ganz wenigen (es gab weder viele Frauen noch Männer in dieser Disziplin), die sich dem Thema verschrieben hatten und es konsequent vorantrieben. Ferner genoss ich das ungetrübte Vertrauen meiner damaligen Vorgesetzten, die froh waren, dass ich mich mit den „interaktiven Medien“ beschäftigte, denn sie selbst wollten es nicht und glaubten, sie könnten es nicht.
Das führte schnell dazu, dass ich mit Anfang/Mitte Zwanzig Teams von beachtlicher Größe führte. Mein instinktiver und null hinterfragter Zugang zu allem war: „Das geht schon, das schaffen wir.“ Und es ging auch, wir schafften es. Hatte ich schlaflose Nächte? Klar! Wusste ich manchmal in Meetings nicht, worüber die Herren aus der IT sprachen? Mit Sicherheit! Meine damalige Waffe: unermüdliche Neugierde und stark ausgeprägter Hunger nach mehr. Mehr Verantwortung, mehr Leute, mehr Budget, mehr Gehalt, mehr Arbeitsstunden … Give it to me!
Das war mein persönlicher Karriereweg in der Kommunikationsbranche. Er war sehr erfolgreich, für mich sehr lehrreich und für viele Wegbegleiter*innen offensichtlich auch sehr inspirierend, aber das wurde mir erst Jahre später klar.
Die Jahre vergingen wie im Flug, und ich wurde in meiner rasanten Karriereentwicklung erst gebremst, als ich nach meiner Babypause 2012 aus dem System großer internationaler Agenturen ausstieg. Genau das war der Moment, in dem ich als Frau zum ersten Mal eine diskriminierende Handlung am eigenen Leib zu spüren bekam. Heute bin ich dankbar für diesen Wendepunkt und dessen Auswirkungen auf mein Leben. Damals konnte ich nicht glauben, was mir da passierte, und meine Wut und Ohnmacht lähmten mich.
Ich war vor meiner Babypause Geschäftsführerin einer Agentur mit rund 60 Mitarbeiter*innen am österreichischen Standort. Meine damalige Vorgesetzte verantwortete den deutschen und österreichischen Agenturzweig, und sie war es auch, mit der ich meine Karenzzeit und meinen raschen Wiedereinstieg genau plante und vorbereitete. Wie das Leben so spielt, wurde diese von mir sehr geschätzte Managerin während meiner Karenzzeit ersetzt, und so gab es ein rein männliches Management Board. Einige weitere Personalrochaden fanden statt, und schon war mein Job an jemand anderen übergeben – meine Rückkehr also obsolet.
Dieses neue, rein männliche Board machte es sich zur Aufgabe, mich loszuwerden. Was dann folgte, war eine grausame Schlammschlacht. Rückblickend gibt es wenigstens eine Tatsache, die mich stolz macht: Ich habe drei Manager „verbraucht“, bis sie mich kleingekriegt haben. Der dritte war sich nämlich nicht zu stolz und drohte mir mit Ansagen, die mich als frische Mama, ganz auf mein Baby bezogen, einschüchterten.
Das war es dann mit der Agenturwelt für mich. Mir war sofort klar, dass ich mein eigenes Ding machen wollte. Das meine ich, wenn ich sage, dass diese Wendung aus heutiger Sicht positiv einzuordnen ist.
Diese Ungerechtigkeit, die mir widerfuhr, weit von Gleichberechtigung entfernt, hat meine eigene Perspektive dramatisch verändert. Und wenn ich etwas schon als kleines Mädchen ganz besonders ekelhaft fand, war das Ungerechtigkeit. Insofern bin ich diesem dritten Kollegen dankbar für diese Lektion, denn durch sie kann ich heute das machen, was mir am meisten Freude bereitet und zusätzlich Sinn stiftet: Ich helfe anderen Frauen dabei, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, sich von Abhängigkeiten und Ungerechtigkeiten freizumachen und einen authentischen Führungsstil zu entwickeln.
Seit einigen Jahren ist dies das Mantra meiner Arbeit als zertifizierte systemische Business-Coachin. In den letzten Jahren durfte ich etwa 500 Frauen begleiten und viele, teilweise sehr intime Einblicke in ihr Leben nehmen. Ich habe in meinen Coachings erkannt, dass Frauen definitiv anders führen und anders über Führung und Macht denken, als sehr viele Männer das heute immer noch tun. Diese Erkenntnis hat mich neugierig gemacht und meinen Blick auf das Thema „Frauen und Macht“ gelenkt.
Viele Probleme, denen wir heute als Gesellschaft gegenüberstehen, gehen auf die Rollenbilder zurück, die in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten geschaffen wurden. Während ich diese Zeilen schreibe, herrscht Krieg zwischen der Ukraine und Russland, und das Thema Macht, deren Missbrauch und toxische Männlichkeit sind gesellschaftlich in aller Munde. Parallel dazu gehen Frauen im Iran auf die Straße, um sich gegen die vorherrschenden Machtstrukturen des Landes aufzulehnen. Wir spüren also, dass die aktuelle einseitige Machtverteilung vielerorts zu wanken beginnt.
Meine Recherchen zu diesem Buch haben mich zur Wurzel dieser Entwicklungen geführt und geben Erklärungsansätze, wie es dazu kommen konnte, dass es einen derart unterschiedlichen Zugang von Männern und Frauen zum Thema Macht gibt. Über Jahrhunderte fand ein systematischer Ausschluss von Frauen aus den Machtwelten statt. Männer waren über lange Zeit praktisch allein an den Schalthebeln der Gesellschaft. Wir wissen heute, dass divers gestaltete Führungsteams in Unternehmen zu besseren und vor allem langfristig nachhaltigeren Ergebnissen kommen. Man kann sich also gut vorstellen, was diese Einseitigkeit in Macht und Führung mit Themen wie Umwelt, Gesundheit, Bildung u.a. angerichtet hat.
Was mir sehr schnell klar wurde: Die Assoziationen zum Begriff „Macht“ sind oft negativ. Die Reaktionen auf den Titel meines Buches und auch die Gespräche, die ich mit meinen Podcast-Gästinnen für „die Macht Zentrale“ führte, sprachen Bände. Von „Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich das höre“ bis „Mir fallen sofort Springerstiefel und Glatzköpfe ein“.
Diese Reaktionen zeigen: Es ist Zeit, über Macht nachzudenken und die Story über Macht neu zu schreiben. Ich möchte erreichen, dass Assoziationen rund um Macht positiv konnotiert sein können und in weiterer Folge dazu beitragen, ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass Macht nicht nur für manche relevant ist und nicht automatisch negative Konsequenzen hat. Macht muss endlich interessant werden für Menschen, die Gutes vorhaben. Macht muss für Frauen interessant werden!
Wir brauchen also ein neues Verständnis von Macht und die Bereitschaft, sie neu zu verteilen. Ein Verständnis, das auch Frauen und vor allem Menschen mit Idealen, die die Förderung des Gemeinwohls im Sinn haben, anspricht, inkludiert und ermutigt. Eines, das nicht auf das Vermehren der eigenen, persönlichen Vorteile abzielt, sondern auf die nachhaltige Verantwortung für alle(s) setzt.
Ein wichtiger Meilenstein hierfür wird sein, dass wir endlich dagegen ankämpfen, dass Erfolg, Entscheidungskraft und Macht nur für Männer eine positive Wirkung auf ihre Ausstrahlung haben und für Frauen im Gegenzug eine negative. Denn Frauen scheuen sich genau deshalb, Macht zu ergreifen, sich zu viel zuzumuten, zu viel anzupacken. Solange wir das nämlich nicht ablegen, werden wir uns gesellschaftlich in Sachen Gleichberechtigung nicht bewegen können.
Dieses Buch soll Frauen Lust auf Macht machen. Genauso wie mein Podcast, in dem ich Frauen porträtiere, die den Mut haben, besondere Wege der Selbstbestimmung zu gehen, soll auch dieses Buch eine Perspektive eröffnen, die viele Frauen auch heute noch nicht wagen, für sich selbst einzunehmen. So oft höre ich in meinen Coachings: „Ich will ja gar nicht in der ersten Reihe stehen, das steht mir ja gar nicht zu.“ Oder auch: „Den Preis für so viel Macht und Verantwortung will ich ja gar nicht zahlen.“
Ich möchte nicht missverstanden werden. Nicht jede und jeder muss nach Macht streben – jede Frau, jeder Mensch soll selbst entscheiden, welchen Weg sie oder er gehen möchte. Was ich jedoch oft in meiner Arbeit sehe, ist Voreingenommenheit, die auf alten Rollenbildern und deren Folgen basiert. Was ich oft höre, sind Glaubenssätze, die von gesellschaftlichen Mainstream-Storys unreflektiert zu individuellen werden, die wiederum das eigene Leben einschränken. All das will ich gerne ausmisten. Wir müssen uns als Gesellschaft immer wieder hinterfragen, ebenso wie unsere Rollenbilder. Einzig und allein diese Reflexion und Selbstbeschäftigung wird dazu führen, dass wir unser Schubladendenken aufbrechen und endlich frei und selbstbestimmt leben.
Mir ist wichtig, niemanden zu überfordern. Niemand soll sich zur Selbstoptimierung gedrängt fühlen. Denn häufig sind vermeintlich feministische Handlungsanweisungen, die Frauen dazu ermutigen, einfach alles selbst in die Hand zu nehmen, nichts anderes als super getarnte Werkzeuge des patriarchalen Systems. Gerade junge Frauen fühlen sich durch die heutigen scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten derart überfordert, dass aus dieser Überforderung heraus eine Retraditionalisierung stattfindet. Die Mädchenforscherin Katharina Debus zum Beispiel macht in ihrer Arbeit auf diese Entwicklung aufmerksam. Und genau das will ich auf keinen Fall.
Mir ist außerdem klar, dass sich das gesellschaftliche System ändern muss. Aber ich sehe hier – wie sehr oft – einen „Sowohl-als-auch-Zugang“ statt einem „Entweder-oder“. Wir Frauen können aktiv werden und Veränderung anstoßen. „Sit and wait“ war noch nie mein Motto und ist es auch ganz bestimmt nicht in meinen Coachings.
Jede Frau, die selbstbestimmt und empowert leben will und gewisse Grenzen, ob innerlich oder äußerlich, sprengen möchte, ist herzlich eingeladen, mit mir zu denken, zu arbeiten und zu diskutieren. Herzlich willkommen in der Macht Zentrale!
Mir ist klar, dass ich als weiße, privilegierte, in Österreich lebende Frau eine sehr gefilterte Perspektive auf die hier behandelten Themen habe. Auch die Erkenntnisse meiner Arbeit entstehen unter einem gewissen Bubble-Effekt. Es ist keineswegs mein Anspruch, in meiner Darstellung die Realitäten von allen Frauen dieser Welt darzustellen oder gar auf Lückenlosigkeit meiner Erkenntnisse zu plädieren. Die Repräsentation der Sichtweisen spiegeln meine Alltagsrealität, mein Universum, das durch meine Arbeit entsteht, und ich bitte um Nachsicht, dass diese keine Vollständigkeit bieten können. Ich weiß, dass meine eigene Geschichte keine Selbstverständlichkeit ist, aber ich wünsche mir, dass sie es für alle Frauen wird. Denn erst, wenn es allen Frauen gut geht, haben wir die nächste Etappe der kulturellen Evolution geschafft. Mir ist es wichtig, mit meinem Projekt „die Macht Zentrale“ einen Diskurs rund um das Thema Macht anzuregen, von dem sich so viele Frauen wie möglich angesprochen fühlen. Daher ist es so wichtig, dass wir einander weiterhin gut zuhören beziehungsweise noch viel besser darin werden.
Sehr treffend hat das die britisch-indische Schriftstellerin Priya Basil formuliert: „Eine Definition von Feministin lautet sicherlich: eine Fähigkeit, die Fragen sämtlicher Frauen so zu behandeln, als könnten sie die eigenen sein.“1 Genau so möchte ich mich diesen Themen nähern: mit vollem Bewusstsein für die perspektivischen Einschränkungen, die ich nicht überwinden kann, mit tiefer Empathie gegenüber Menschen, die es wesentlich schwerer hatten und haben, als ich es mir vorstellen kann, aber dennoch mit dem Wunsch, für alle etwas zu verändern.
Ich habe das Buch in drei Teile geteilt. Der erste Teil „THEN“ entführt uns in die Geschichte und arbeitet auf, wie es früher zwischen den Geschlechtern so gelaufen ist. Wann hat das mit dem Machtmonopol der Männer begonnen? Dieser geschichtliche Ausflug ist deshalb so wichtig, weil gerade die weibliche Perspektive in unserer Geschichte oft fehlt. Wir lehren und lernen Geschichte normalerweise aus einem männlichen Blickwinkel.
Im zweiten Teil „NOW“ sehen wir uns den Status quo an. Wie sieht es gerade aus? Wo stehen wir aktuell beim Thema Gleichberechtigung? Wie verteilt sich Macht heute?
Der dritte Teil „NOW THEN“ ist der nach vorne gerichtete Teil des Buches, der Teil der Anwendung und Umsetzung. Denn ich als Coachin liebe die Frage „und jetzt?“. In diesem dritten Teil gehe ich darauf ein, was wir als Gesellschaft verändern müssen und als Individuen tun können, um ein ermächtigtes, freies und verantwortungsvolles Leben zu führen.
Wenn wir uns über Frauen und Macht beziehungsweise über die Tatsache, dass Frauen systematisch von Macht ferngehalten wurden, Gedanken machen, drängt sich natürlich sofort die Frage auf: „Seit wann ist das so?“ Ist es eine moderne Erscheinung, eine, die mit dem Kapitalismus einhergeht, oder ist es etwas, was schon viel weiter zurückliegt und vielleicht sogar biologisch begründet ist? Ist die Überlegenheit des Mannes genetisch vorgegeben und damit immanent? Biologische und gesellschaftliche Forschungen haben in den vergangenen Jahren viele neue Erkenntnisse zu diesen Fragen gebracht.
Bevor ich mich dem Thema Macht im Speziellen widme, möchte ich etwas allgemeiner starten und die Unterscheidung der Geschlechter generell beleuchten. Viel wurde dazu geforscht und geschrieben, die mir wichtigsten Erkenntnisse aus einigen Werken möchte ich hier kurz wiedergeben.
Die Schriftstellerin, die in keinem Buch zum Thema Gleichstellung fehlen darf, ist Simone de Beauvoir. De Beauvoir betont in ihrem Klassiker aus dem Jahr 1949, „Das andere Geschlecht“, gleich zu Beginn ihrer Ausführungen, dass der biologische Unterschied zwischen den Geschlechtern niemals automatisch zu einer Benachteiligung eines der Geschlechter führen muss.
Frauen können Kinder bekommen, Männer sind im Durchschnitt größer und stärker. Aber ist das allein eine hinreichende Erklärung für eine Diskriminierung? De Beauvoir ist sich sicher: Nein, das ist es nicht. Sie definiert die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern folgendermaßen: „Sie machen uns zu verschiedenen Wesen, aber sie sorgen nicht dafür, dass ein Geschlecht besser oder mächtiger ist als das andere.“
Dennoch ist die Diskriminierung allgegenwärtig, sie äußert sich bereits in der Bezeichnung „das schwächere Geschlecht“. In einer Gesellschaft, in der Muskelkraft relevant ist, also in einer, die Gewalt nicht verbietet, ist der Mann damit als „das starke Geschlecht“ im Vorteil. In einer Gesellschaftsform, in welcher Gewalt kein Thema ist, kann dieses biologische Unterscheidungsmerkmal also keinen Vor- bzw. Nachteil mehr haben. So leitet de Beauvoir her, dass es einzig und allein die Kultur und die gesellschaftliche Interpretation sind, die dafür sorgen, dass Frauen als angeblich schwaches Geschlecht benachteiligt werden.
Auch der Blick in die (damalige) Psychologie – vor allem in Richtung der Psychoanalyse von Sigmund Freud – bringt laut de Beauvoir keine schlüssigen Erklärungstheorien für die Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen. Denn die Theorie des Penisneids, den Freud zum Kern seines Frauenbilds und -themas macht, ist eine sehr eindimensionale und vor allem aus der männlichen Perspektive gedachte Idee. Freud geht davon aus, dass es die Norm darstellt, einen Penis zu besitzen, und es eben dadurch für alle, die ihn nicht besitzen – also für Frauen – zu Defiziten und Problemen kommt. Was hier stattfindet und in vielen anderen Bereichen immer wieder stattgefunden hat, ist die Normifizierung des Männlichen – also die Definition des Mannes als „der Mensch“, und daraus abgeleitet die Definition der Frau durch ihre Abweichung von dieser Norm. Das kennen wir schon aus der Bibel, in der Eva aus der Rippe des Mannes Adam gemacht wird.
Weil ihr weder der Blick in die Biologie noch der in die Psychologie hinreichend Erklärungen liefert, konzentriert sich de Beauvoir auf Kultur und Gesellschaft. „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“, ist das sehr bekannte Zitat und eine großartige Zusammenfassung von de Beauvoirs Botschaften. Simone de Beauvoir stellt klar, dass all diese kulturellen Darstellungen der Unterschiedlichkeit der Geschlechter – und sie veröffentlichte dieses Buch 1949 – schon so lange in unserem Alltag bemüht wurden, dass sie uns vorkommen, als wären sie Naturgesetze. Aber sie „reichen nicht aus, eine Hierarchie der Geschlechter zu bestimmen, sie erklären nicht, weshalb die Frau das Andere ist, und sie verurteilen sie nicht dazu, diese untergeordnete Rolle für immer beizubehalten.“2
Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch Carel van Schaik und Kai Michel, die in ihrem sehr ausführlichen Werk „Die Wahrheit über Eva“ verschiedenste Seiten der Evolution beleuchten und vor allem untersuchen, ob es natürliche Gründe für die Unterdrückung der Frau gibt. Schon gleich mal vorweg: Es gibt sie nicht!
Die beiden Autoren machen sich auf die Suche nach den Ursachen der Benachteiligung der Frauen und beleuchten viele Facetten und Details der Evolution – der biologischen wie auch der kulturellen.
Es ist wichtig zu wissen, dass sich die Geschlechterforschung in der Biologie in den vergangenen Jahrzehnten enorm weiterentwickelt hat. Das ist vor allem vielen weiblichen Forscherinnen, wie zum Beispiel Peggy Reeves Sanday, Kathleen Gough, Patricia Draper und Eleanor Leacock zu verdanken. Mittlerweile glaubt niemand mehr an den – zuvor weit verbreiteten – genetischen Determinismus menschlichen Verhaltens oder daran, dass Frauen „das schwache Geschlecht“ sind.
Das war früher anders. Zum Beispiel war sich Charles Darwin Mitte des 19. Jahrhunderts sicher, dass Frauen den Männern in jeglicher Hinsicht unterlegen sind. „Der hauptsächlichste Unterschied in den intellectuellen Kräften der beiden Geschlechter zeigt sich darin, dass der Mann zu einer größeren Höhe in Allem, was er nur immer anfängt, gelangt, als zu welcher sich die Frau erheben kann, mag es nun tiefes Nachdenken, Vernunft oder Einbildungskraft, oder bloß den Gebrauch der Sinne und der Hände erfordern.“3 Viel früher hielt auch Aristoteles in seiner Schrift „Historia animalium“ den männlichen Körper als die Norm fest und den weiblichen als eine Abweichung davon.
Es ist also wichtig, dass wir in der Recherche weit zurück gehen und nicht nur die letzten paar Jahrhunderte beleuchten, um nicht nur Zeiträume anzusehen, die bereits vom Patriarchat gekennzeichnet waren. In der Zeit vor der Sesshaftwerdung bzw. vor allem in der wirklichen Frühzeit der menschlichen Entwicklung ist nämlich deutlich zu sehen, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter gegeben war. Die Sesshaftwerdung und die Entwicklung des Patriarchats hängen also ganz eng zusammen.
Die Primatenforschung, zum Beispiel durch Barbara Smuts oder Sarah Hrdy, zeigt uns, dass geschlechtliche Rollenbilder vor der Sesshaftwerdung auf Augenhöhe waren und die weibliche Evolution vor allem eine Geschichte der Vereinbarkeit ist. In ihrem Buch „Mutter Natur – Die weibliche Seite der Evolution“ berichtet Sarah Hrdy von Primatenmüttern, die bereits vor Millionen Jahren Produktion und Reproduktion gekonnt miteinander verbanden. Entweder nahmen die Weibchen ihre Kinder mit zur Nahrungssuche und zur Jagd, oder aber, wenn dies nicht möglich war, fanden sie andere Weibchen, die in der Zwischenzeit für ihren Nachwuchs sorgten. Hrdy ist der Ansicht, dass es im Laufe der Zeit für Mütter immer mehr zu einer Trennung dieser beiden Lebensbereiche kommen musste, weil die Arbeitsbedingungen so gestaltet wurden, dass die Vereinbarkeit zur Unmöglichkeit wurde.
Wenn wir uns die Geschichte der Menschheit auf einer Uhr mit 24 Stunden vorstellen, dann macht der Zeitraum, in dem Männer an der Macht sind, gerade mal vier Minuten aus. Das ist – so finde ich – das erfolgversprechendste Argument für eine mögliche Veränderung! Es muss also unser Ziel sein, das Patriarchat außer Kraft zu setzen, um dann eine Gesellschaft zu etablieren, in der es unerheblich ist, welchen Geschlechts die entscheidungsmächtigen Persönlichkeiten sind.
Es ist erstaunlich, wie stark das Patriarchat uns in seinen Fängen hält, wo doch offiziell die Gleichberechtigung fast überall angestrebt wird, und das nicht erst seit gestern. Wie kann das sein? Die Autoren van Schaik und Michel sprechen von einer strukturellen Gewalt, einem kulturellen Gebilde, das sich laufend selbst reproduziert, dadurch immer größer wird und die Wahrnehmungsmuster der Gesellschaft bestimmt. Es ist bereits so stark in seiner Wirkung, dass auf seiner Basis auch Misogynie und Gewalt gegen Frauen möglich sind. Die Autoren nennen diese Gebilde „die Patrix“ und vergleichen seinen Einfluss und Auswirkungen mit der Handlung des Filmklassikers „Die Matrix“. Wir Menschen sind demnach so gesteuert und unsere Wahrnehmung ist so gefiltert, dass wir den Blick auf die wahren Zusammenhänge verlieren, ja nicht einmal bemerken, dass wir in dieser manipulierten Welt leben.
Van Schaik und Michel verweisen auf de Beauvoir, die ebenfalls anmerkte: „Die Vorstellung von der Welt ist, wie die Welt selbst, das Produkt der Männer: sie beschreiben sie von ihrem Standpunkt aus, den sie mit der absoluten Wahrheit gleichsetzen.“ Neuere Sachbücher, wie zum Beispiel „Unsichtbare Frauen“ von Caroline Criado-Perez, bestätigen dieses Faktum aus heutiger Perspektive. Criado-Perez zeigt, wie im Rahmen des Gender Data Gap die Welt durch die Brille der Männer betrachtet und damit auch gestaltet wird. Dazu später mehr.
Wichtig ist, dass wir verstehen, dass die Patrix, in der wir leben, die Diversität der Welt auf eine binäre Grundstruktur reduziert und vor allem für Frauen eine Begrenzung von Rollenmodellen und Handlungsfeldern bedeutet. Damit beschränkt die Patrix für Frauen den Zugang zu vielen wichtigen Bereichen – zum Beispiel den Zugang zu Macht. Mehr noch: „Sie liefert den ideologischen Rahmen, die Legitimation für Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt. Somit führt die verzerrte Wirklichkeit zu verzerrtem menschlichem Verhalten.“4 Van Schaik und Michel machen das dem Menschen naturgegebene Gefühl für Gerechtigkeit dafür verantwortlich, dass wir Menschen aus dieser Ungerechtigkeit ausbrechen, die Patrix also verlassen wollen. Es stellt einen Impuls zum Widerstand dar, der in den letzten Jahren mal mehr, mal weniger in der Öffentlichkeit zu spüren war.
Natürlich spielt Religion eine nicht unwesentliche Rolle in der Gender-Debatte. Der Titel des Buchs „Die Wahrheit über Eva“ von van Schaik und Michel ist Programm. Die beiden Autoren beschäftigen sich sehr intensiv mit der Bedeutung der Schöpfungsgeschichte und ihrem Zusammenhang mit der Unterdrückung der Frau, um festzustellen: „Für die Bibel war das Verhältnis der Geschlechter zueinander im Moment der Schöpfung harmonisch und ausgewogen. Gleichberechtigung ist die göttliche Ursprungsintention gewesen!“5 Aha, sehr interessant!
Wir können heute belegen, dass es nach der Geburtsstunde des christlichen Glaubens zum Beispiel eine Vielzahl von christlichen Gemeinden gab, die von Frauen geführt wurden. Doch auch innerhalb der Religionen haben sich die Grundsätze über die Jahrhunderte verändert. Es ist wichtig, die Rolle der Religionen zu verstehen, wenn es um die Manifestation des Patriarchats geht. Monotheistische Religionen wurden kreiert, um den Königen und Kaisern eine überweltliche Entsprechung zu bieten, und insofern war und ist es sehr wohl auch in den Händen der Weltreligionen – die alle männerdominiert sind –, die Verschleierungsgeschichten der Patrix zu verbreiten. Die monotheistischen Weltreligionen rechtfertigen also die Unterdrückung der Frau, indem sie geschlechtsspezifische Rollenbilder definieren, inszenieren und damit als Norm verfestigen.
Van Schaik und Michel definieren in ihrem Buch als zeitlichen Ursprung der Unterdrückungsgeschichte einen Zeitpunkt, als nach dem landwirtschaftlich begründeten Sesshaftwerden die Rollen von Frauen und Männern neu verteilt wurden. Bis dahin gab es in der Gesellschaft immer wieder auch von Frauen geführte Communitys, die im Wesentlichen egalitär und weder matriarchal noch patriarchal im Sinne einer missbräuchlichen Machtausübung geprägt waren. Doch was genau ist passiert, als wir sesshaft wurden? Warum wurde durch diesen Entwicklungsschritt plötzlich das Patriarchat zum neuen Erfolgsmodell erklärt?
