Beschreibung

Felicitas, die 30-jährige Immer-noch-Praktikantin bei einer männerdominierten Fernsehredaktion, erlebt eine böse Überraschung: Als die heiß begehrte Stelle eines Journalisten neu zu besetzen ist, wird an ihr vorbei der unqualifizierte männliche Kopraktikant befördert. Was hat er, was sie nicht hat? Als Felicitas dämmert, welche großen Auswirkungen der kleine Unterschied hat und warum Frauen im Berufsleben so oft den Kürzeren ziehen, ergreift sie eine ungewöhnliche, aber wirkungsvolle Maßnahme.

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ISBN 978-3-492-98018-0

© für diese Ausgabe: Fahrenheitbooks, ein Imprint der Piper Verlag GmbH, München 2013 © Piper Verlag GmbH, München 2009 Covergestaltung: FAVORITBUERO, München Covermotiv: © ArtFamily, Lightspring / alle Shutterstock.com Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe

1. Auflage 2011

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rosa – hellblau

 

Was will der Mann???

Sex???

Autos???

Fußball???

Oder vielleicht alles auf einmal, das heißt Sex im Autokino, während eine Übertragung des Spiels HSV gegen Bayern München läuft???

Kann schon sein. Ich hab keine Ahnung. Ich weiß es nicht, und dabei bin ich schon dreißig Jahre, vier Monate und dreiundzwanzig Tage auf der Welt.

Aber eben als Frau.

Und obwohl ich durchaus Erfahrungen mit Männern in unterschiedlichster Form gehabt habe – Papa, Opa, jede Menge Cousins, verschiedene Lehrer, ein supermegagutaussehender Zahnarzt, ein fieser Nachbarsjunge, der immer versucht hat, mir Käfer unters T-Shirt zu schieben, meine erste große Liebe, verschiedene Beziehungen und, ja, auch ein verheirateter Liebhaber und sogar ein Verlobter –, muss ich gestehen: Männer sind mir im Großen und Ganzen ein Rätsel. Und je älter ich werde, desto schlimmer wird es, ehrlich gesagt.

Nehmen wir zum Beispiel meinen Verlobten. Oder vielmehr meinen Ex-Verlobten. Als ich Marius kennenlernte, war ich hin und weg. Ein gutaussehender großer BWLer, mit strahlend blauen Augen, der gerade in einer großen Bank angefangen hatte.

Wir haben uns erstaunlicherweise beim Minigolfen kennengelernt, verliebt, und innerhalb von vier Monaten waren wir verlobt. Aber leider innerhalb von zehn Monaten auch wieder getrennt. Dabei war Marius, als ich ihn kennengelernt habe, wirklich bereit, das ganze Programm durchzuziehen: Verlieben, Verloben, Heiraten, Kinder kriegen, Haus bauen … usw. usf. bis dass der Tod euch scheidet. Ich war so glücklich in der ersten Zeit, dass ich fünf Kilo abgenommen habe. Das ist bei mir immer so: Wenn ich glücklich bin, nehme ich ab, wenn ich unglücklich bin, nehme ich zu. Völlig unabhängig davon, was ich esse. Ich schwöre es. Da ist es ganz schön blöd, dass ich in letzter Zeit meistens unglücklich bin.

Ich kann am Stand der Waage quasi meinen Seelenzustand ablesen – über siebzig Kilo brauch ich dann dringend Antidepressiva (wobei: von denen soll man doch dann auch zunehmen, also lasse ich das besser).

Also, das mit Marius – ich habe gedacht, das ist es. Meine große Liebe. Endlich gefunden, und das noch unter dreißig. Das gibt’s ja heutzutage kaum noch. Ich habe Marius angehimmelt. Ich habe ihn bekocht, ihm die Füße massiert, im Bett und auch sonst wo unglaubliche Verrenkungen gemacht, ich bin mit ihm tagelang zu seiner grauenvollen Familie nach Schleswig-Holstein gefahren, habe seine Pingeligkeit ertragen, und ich habe versucht, ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Ich glaube, ich habe während meiner Zeit mit Marius jeden Beziehungsratgeber und jedes Kochbuch gelesen, das ich auftreiben konnte.

Frauen sind vom Jupiter. Männer sind vom Saturn oder so was Ähnliches, oder Frauen können nicht einparken, dafür können Männer nicht im Sitzen pinkeln, ach, ich habe alles durchgelesen. Ich wollte Marius verstehen, und ich wollte vor allem eines: ihn glücklich machen.

Und dann hat er mich verlassen für eine russische Austauschstudentin, mit einem Hintern wie ein Brauereipferd, einem kleinen Damenbart, einer lauten Stimme und einer so herrischen Art, dass ich fassungslos war, als ich die beiden mal zusammen erlebt habe. Sie hat Marius herumkommandiert wie ein russischer General Intellektuelle in einem Gulag. Und Marius hat alles getan, was sie wollte – freudestrahlend und mit »ja Schatzi, nein Schatzi, alles was du willst, Schatzi«. Er war wirklich glücklich. Dabei hatte er zu mir immer gesagt, er könne laute und allzu männliche Frauen auf den Tod nicht leiden. Und kochen konnte die garantiert auch nicht.

Tja.

Verstehe einer die Männer.

Ich tu’s jedenfalls nicht.

Das ist vielleicht nicht gerade günstig, wenn man wie ich gerade ein Praktikum bei der Fernsehredaktion eines Privatsenders macht, die jede Woche ein einstündiges Männermagazin »MM – Men’s Magazine« produziert. Da geht es natürlich die ganze Zeit nur um Sex, Autos und Sport. Mir persönlich ist es ein Rätsel, wie einen das Woche für Woche interessieren kann, aber unseren wohl ausschließlich männlichen Zuschauern scheint es zu gefallen.

Es ist Montagmorgen, und montagsmorgens ist immer Redaktionskonferenz. Und alle müssen sich jetzt wie jede Woche was Neues zu Sex, Autos und Sport einfallen lassen. Wir sind acht Männer, eine Frau und ich.

Ja – genau: eine Frau und ich. Ich werde hier nämlich nicht als Frau wahrgenommen. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass ich hier meistens überhaupt nicht wahrgenommen werde. Außer, jemand braucht dringend einen Kaffee, oder es müssen ein paar Hemden aus der Reinigung geholt werden. Das ist es, wofür ich anscheinend hier ein sechsmonatiges Praktikum mache. Natürlich vollkommen unbezahlt.

Ich weiß, ich weiß, es ist unglaublich traurig, gerade dreißig geworden zu sein und immer noch auf einer Praktikantenstelle festzukleben. Aber was soll ich machen? Ich habe ein fast abgeschlossenes Germanistikstudium, Auslandserfahrung und spreche Englisch. Zugegebenermaßen war ich beim Beinahe-Abschluss des Studiums schon etwas älter, da ich vorher ewig als Au-pair in England war. Ich hing dort über vier Jahre fest wegen des besagten verheirateten Liebhabers und, nein, er war nicht der Vater meiner Au-pair-Familie. Seit drei Jahren hangele ich mich jetzt von Praktikum zu Praktikum. Niemand gibt mir eine ganz normale Festanstellung als Journalistin. Und das ist und bleibt nun mal mein Traumberuf. Aber trotzdem hätte ich gerne dabei ein regelmäßiges Gehalt und Sozialabgaben. Aber wie gesagt – irgendwie gibt es für mich keinen normalen Job. Außer in der Kantine an der Kasse – ist mir bei meiner letzten Bewerbung für eine Redakteursstelle bei einer Kundenzeitschrift passiert. Die meinten in einem sehr netten Brief, die Stelle wäre gerade an einen Kollegen gegangen, sie hätten im Moment auch keine Praktikantenstelle frei, aber wenn ich wollte, könnte ich in der Kantine abkassieren. Dort würde man schon seit Wochen händeringend nach einer engagierten Mitarbeiterin suchen.

Ich hab’s abgelehnt.

Vielleicht war das arrogant. In ganz besonders schlimmen schlaflosen Nächten stelle ich mir vor, wie ich als Fünfzigjährige bei einer Frauenzeitschrift ein Zehn-Jahres-Praktikum absolviere – natürlich wie immer unbezahlt. Ich hab’s auch schon mal fünf Monate lang als so eine Art Ich-AG versucht, mich durchzuschlagen. Man könnte dazu auch sagen, ich war freie Journalistin. Aber nachdem ich in all dieser Zeit nur eine halbe Seite bei einer Fernsehzeitung untergebracht hatte, habe ich reumütig das nächste unbezahlte Drei-Monats-Praktikum angefangen.

Die einzige Frau, die hier in der Redaktion wirklich wahrgenommen wird, heißt Verena. Verena ist die Moderatorin. Dabei könnte sie locker auch als Playmate des Jahres durchgehen. Ich vermute mal, ihr Busen ist nicht mehr ganz echt, dafür ist er ganz schön groß. Verena schläft mit unserem verheirateten stellvertretenden Chefredakteur. Das ist allgemein bekannt – auch seiner Ehefrau. Meines Wissens hat Verena sich noch nie irgendeiner redaktionellen Idee wirklich schuldig gemacht, und ohne Teleprompter könnte sie nie im Leben moderieren. Ihre Texte müssen immer bis ins Letzte durchgeschrieben sein. Aber ich glaube, das stört niemanden, und niemand erwartet von Verena mehr, als hübsch zu sein und nett in die Kamera zu lächeln.

Ich glaube, wenn ich so aussehen würde wie Verena, würden mich meine Kollegen wahrscheinlich auch wahrnehmen. Aber wenn ich ehrlich bin, selbst für fünfzigtausend Euro – kein Chirurg der Welt könnte aus mir so was machen. Ich bin einfach mehr der androgyne Typ. Und irgendwie hoffe ich immer noch, dass es irgendwo auf dieser Welt einen Mann gibt, dem der IQ einer Frau wichtiger ist als die Körbchengröße. Aber wenn ich noch länger hier arbeite, werde ich auch diesen letzten Rest von erwartungsvoller Naivität verlieren, fürchte ich.

Schober – eigentlich Frank Schober – ist Verenas Lover und der stellvertretende Chefredakteur von MM. Er fährt einen alten Porsche, dessen kaputten Auspuff er extra nicht reparieren lässt, damit auch nur ja alle mitbekommen, dass er einen Porsche fährt. Außerdem trägt er eine Ray-Ban-Brille, Lederjacke, zu viel Gel im Haar und benutzt zu viel schlechtes Rasierwasser. Das hat wenigstens den Vorteil, dass man ihn immer schon riechen kann, bevor man ihn sieht. Denn Schober ist ein ziemlich fieser Chef und ein totaler Choleriker – alle hier zittern vor ihm. Alle, außer Verena natürlich. Die zittert wohl nur unter ihm. Schober denkt, er ist Mister Mega-Ober-Super-Cool, und er kann alles flachlegen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Was er, wie ich so hier munkeln höre, auch schon bei allen Assistentinnen, Sekretärinnen und Praktikantinnen ausprobiert hat. Aber das weiß ich wirklich nur vom Hörensagen. Mich jedenfalls hat Schober noch nie angemacht. Er sieht mich eben gar nicht. Leider geht mir das bei vielen Männern so.

Außer Schober gibt’s noch ein paar andere Redakteure, von denen eigentlich nur einer der Erwähnung wert ist: Peter Walter, der sehr nette Chef vom Dienst. Peter hat drei kleine Kinder zu Hause, und seine Anzüge haben immer irgendwo einen Brei- oder Spuckfleck. Peter ist der Einzige hier, der mit mir richtig redet, und er geht sogar manchmal mit mir zu einem kollegialen Mittagessen. Und für ihn habe ich noch nie irgendwas in die Reinigung bringen müssen – dabei hätten es seine Anzüge ja wohl am nötigsten hier. Außer mir gibt es noch einen zweiten Praktikanten – Herbert. Herbert ist erheblich jünger als ich, hat die Journalistenschule frisch abgebrochen, und im Gegensatz zu mir hat er schon den einen oder anderen kleinen Beitrag unterbringen können.

Einen richtigen Chefredakteur haben wir gerade nicht, seit der letzte uns verlassen hat, um sein Glück in einem tibetischen Kloster zu finden. Ich hoffe, ihm geht es dort gut, er war wirklich okay. Schober hatte sich wohl große Hoffnung auf den frei werdenden Posten gemacht, aber bis jetzt ist daraus anscheinend nichts geworden. Der Vorstand des Senders hat ihn noch nicht berufen. Man kann sich vorstellen, dass das nicht gerade Schobers Laune hebt. Und solange kein neuer Oberchef da ist, benimmt Schober sich einfach wie der absolute Superchef. Schließlich ist er hier jetzt der Ranghöchste.

Gerade jetzt blickt er wieder ziemlich fies in die Runde. Montagmorgens brauchen wir mindestens fünf tragbare Vorschläge für die Sendung. Wenn man gemütlich auf seinem Sofa zu Hause sitzt und Fernsehen schaut, ist einem nicht ganz klar, wie viel Arbeit selbst hinter einer simplen Talk-Sendung stecken kann. Selbst wenn darin nur ein paar polyestertragende hysterische Teenager sich gegenseitig mit Ausdrücken beschimpfen, für die man früher eher ins Gefängnis als ins Fernsehen gekommen wäre.

»Wir könnten was über den neuen Wimbledon-Sieger bringen«, meint Bernd, einer der Redakteure. Kein Wunder, dass dieser Vorschlag von ihm kommt. Bernd ist ein absoluter Sportfanatiker. Vor dem Büro geht er eine Stunde joggen, nach dem Büro spielt er Tennis, Beachvolleyball oder sonst irgendwas. Und in der Mittagspause geht er ins nächste Fitnessstudio. Zugegeben, er hat einen Superkörper. Leider können sein Gehirn und sein Charakter da überhaupt nicht mithalten.

»Hatten wir vor drei Monaten«, knurrt Schober.

»Ein Special über die Fußball-WM?«, wirft Eric ein, ein weiterer Redakteur.

»Sind wir hier beim Sportkanal?«, raunzt Schober rüber zu dem Redakteur, der gewagt hat, den neuen sportlichen Vorschlag zu unterbreiten. Der Redakteur rutscht unmerklich zehn Zentimeter tiefer in seinen Sessel.

Stille breitet sich aus.

Einige Redakteure – alle eigentlich ziemlich gestandene Mannsbilder – versuchen, sich unsichtbar zu machen.

»Na, was ist los? Sie werden hier fürs Denken bezahlt, nicht fürs Rumsitzen«, raunzt Schober los, worauf einige Redakteure noch tiefer in ihren Sessel rutschen.

Mein Gott. Das kann doch nicht so schwer sein. Ich habe jede Menge Ideen, was die Sendung betrifft. Mir fällt eigentlich dauernd was ein. Nur leider, leider fragt mich niemand. Ich bin ja schließlich nur die Praktikantin hier.

»Wie wär’s mit einem Interview mit dieser neuen Schauspielerin … keine Ahnung, wie die heißt … wisst ihr, wen ich meine? Die mit den langen blonden Haaren?« Der Redakteur – Michael – macht eine Handbewegung, die mit Haaren nichts zu tun hat. Zumindest solange der armen Schauspielerin keine Haare auf der Brust wachsen. Alle anderen grinsen. Echt ein klasse Witz. Ich lach mich tot.

»Nicht schlecht … aber weiter, Jungs, weiter, wir brauchen Ideeeeeen.« Schober blickt erwartungsvoll in die Runde.

Betretenes Schweigen. Es ist aber auch verdammt schwierig, sich jede Woche was Neues einfallen zu lassen, wenn die Zielgruppe so beschränkt ist. Ach, würde Schober doch nur mich mal fragen. Seit Wochen schon spukt eine Idee hartnäckig durch meinen Kopf und lässt sich einfach nicht mehr abschütteln. Sie ist so penetrant, ich glaube, sie muss einfach mal raus. Vielleicht sollte ich sie einfach mal aufschreiben, vielleicht gibt sie dann Ruhe, und noch bevor ich wirklich nachdenken kann, öffnet mein Mund sich von ganz alleine, und ich höre mich zu meiner eigenen Verblüffung plötzlich laut vor versammelter Redaktionsmannschaft und vor Schober sprechen:

»Wie wär’s, wenn wir etwas machen über die Gemeinsamkeiten von Männern und Frauen? Ich meine, das Zusammenleben zwischen Männern und Frauen wird ja immer schwieriger, das weiß ja mittlerweile jeder, und jede zweite Ehe wird geschieden, und diese ganzen Bücher, die die Unterschiede zwischen Männern und Frauen herausheben, sind so wahnsinnig erfolgreich. Das kennen doch inzwischen alle: Frauen kommen vom Nordpol, und Männer sind vom Südpol oder so, und da dachte ich mir … ähm, ja, da dachte ich mir … über die Gemeinsamkeiten, über das, was funktioniert, wird eigentlich nie so richtig berichtet, und … ich meine, auch wenn beide von verschiedenen Polen oder Planeten kommen, so leben doch alle auf der Erde oder in einem Universum, und an jedem Pol, egal ob oben oder unten, ist es verdammt kalt, wenn man alleine ist … ähm, nun ja … ich dachte nur mal so.« Meine Stimme wird leiser und leiser und leiser und erstirbt dann gänzlich.

Für einen Augenblick herrscht tödliche Stille im Konferenzraum. O mein Gott. War wirklich ich das, die sich getraut hat, hier vor allen den Mund aufzumachen? Das ist mir noch nie passiert. Normalerweise sitze ich nur dabei, schenke Kaffee und Mineralwasser nach. Nur ab und zu muss ich mir auf Geheiß von Schober ein paar Notizen machen – wenn seine Assistentin gerade nicht da ist. Und bisher war ich in allen Redaktionskonferenzen so stumm wie ein Fisch. Aber die Idee mit den Gemeinsamkeiten spukt schon eine ganze Weile in meinem Kopf herum. Und jetzt wollte sie anscheinend einfach mal heraus.

Alle blicken mich für einen Augenblick irritiert an.

Ich merke, wie mein Kopf langsam leuchtend rot wird.

Ich bin eher der schüchterne Typ. Reden vor so vielen Menschen ist nicht so mein Ding. Nicht gerade eine gute Voraussetzung, um Fernsehjournalistin zu werden. Ich weiß.

»So … so … Sie denken also, dass man unbedingt mal etwas über die Gemeinsamkeiten von Männern und Frauen machen sollte?« Schober blickt mich vom anderen Ende des Tisches prüfend an. Ich sitze natürlich mit meinem Stuhl ganz hinten in der Ecke in der zweiten Reihe – ganz so, wie es sich für eine Praktikantin gehört.

Ich werde noch röter. Falls das überhaupt noch möglich ist.

Ach, wie gerne würde ich jetzt hier unter den Tisch kriechen.

»Ähm … äh … ich … nun, ich dachte ja nur, so was hat noch niemand von den anderen Sendern gemacht, und vielleicht wäre es wirklich mal ganz interessant für unsere Zuschauer und Zuschauerinnen, etwas darüber zu erfahren.«

»Also, ich finde das eine super Idee«, wirft Peter, der nette Chef vom Dienst, ein und lächelt mir ermunternd zu.

Schober blickt ihn an. Dann schaut er wieder zu mir.

Im Raum ist es totenstill.

Ich will unter den Tisch.

Und dann lacht Schober hemmungslos.

Hahaha … hihihi … kicher … prust … heul …

Er lacht so laut und heftig und wird dabei mindestens so rot im Gesicht wie ich. Für einen Moment habe ich direkt Angst, dass er eigentlich keinen Lachkrampf hat, sondern einen Herzinfarkt bekommt.

Alle blicken ihn irritiert an, dann stimmen die Ersten vorsichtig in das Gelächter ein.

Noch mehr hahaha … hihihi … kicher … prust … heul ist die Folge. Ich weiß jetzt nicht so genau, was ich davon halten soll. Vorsichtshalber versuche ich es auch mal mit einem Lächeln, und gerade als ich auch so richtig mit hahaha … hihihi … kicher … prust … heul anfangen will, hört Schober auf zu lachen.

Schlagartig.

Die anderen verstummen augenblicklich. Schober blickt mich an. Und dann wird er – falls das überhaupt möglich ist – noch röter als ich im Gesicht. Oje. Das ist kein gutes Zeichen. Gar kein gutes Zeichen. Und dann holt Schober tief Luft und brüllt: »Also, Frau … ähm … Frau Dingsda … wie kommen Sie überhaupt auf die Idee, hier den Mund aufzumachen … das hier ist eine Redaktionskonferenz, falls Ihnen das entgangen ist, und ich kann mich nicht erinnern, dass ich Sie nach einem Kaffee gefragt habe. Ich kann mich noch nicht mal erinnern, Sie nach irgendwas gefragt zu haben … Frau äh … Dingsda … Gemeinsamkeiten! Zwischen Männern und Frauen! Ha! So was gibt’s doch gar nicht! Was für eine Schnapsidee.«

»Ich … ähm … ich heiße Sattmann, Felicitas Sattmann, und äh … also, ich … ich mache hier schon seit fast fünf Monaten ein Praktikum, und … ich ähh … also ich wollte wirklich doch nur einen kleinen Vorschlag machen, ich meine, ich wollte wirklich nicht stören oder so was.«

»Ein Praktikum?« Schober wird in seinem cholerischen Anfall für eine Sekunde still und blickt mich verwirrt an. Was hat der denn gedacht, warum ich jeden Tag hier in die Redaktion komme? Weil ich kein eigenes Zuhause habe oder was?

»So so … Sie machen hier also ein Praktikum … na, dann machen Sie gefälligst auch eines hier, und halten Sie die Klappe, wenn ausgebildete Redakteure denken müssen, dann können selbst Sie vielleicht noch was lernen, und jetzt holen Sie uns noch eine Kanne Kaffee, wir müssen hier arbeiten.« Mit diesen Worten blickt Schober wieder auffordernd in die etwas sprachlose Runde.

»Tz tz tz … wir sind doch kein Frauenmagazin! Gemeinsamkeiten?« Schober schüttelt noch mal den Kopf.

Und dann wenden sich alle wieder der Redaktionskonferenz zu, und ich gehe mit hochrotem Kopf raus und koche Kaffee.

In unserer kleinen Kaffeeküche kocht dann schließlich nicht nur der Kaffee, sondern auch ich koche.

Dieser blöde Schober! Was erlaubt er sich eigentlich? Und warum traue ich mich nie, jemandem wie ihm in so einer Situation einfach Kontra zu geben. Immer fallen mir die guten Erwiderungen hinterher ein. Manchmal noch wochenlang danach. Dann spiele ich (meistens abends im Bett vor dem Schlafengehen) im Kopf die Situation mit allen Einzelheiten noch mal durch, nur dass ich dann schlagfertig, eloquent und gleichzeitig so souverän kontere, dass meinem Gegenüber einfach die Luft wegbleibt. Leider haben all diese Phantasien noch nie dazu geführt, dass es mir einmal in der Wirklichkeit gelungen wäre, so einen Angriff gut zu parieren. Verdammt noch mal.

Ich schnappe meine volle Kaffeekanne und trage sie rüber in das Redaktionszimmer. Stumm wie ein Mäuschen schenke ich meinen Kaffee aus und hoffe, dass alle den Vorfall von vorhin einfach vergessen.

Ich habe nie etwas gesagt.

Ich bin gar nicht da.

Ich bin nur ein menschlicher Kaffeeautomat.

Dafür reden alle anderen hier umso mehr.

Ah. Alle entscheiden, dass sie in der nächsten Ausgabe etwas über die blonde Schauspielerin bringen. War ja noch nie da. Und dann wird es eine ganze Strecke lang über ein neues Automodell gehen. Auch was ganz Neues.

Als die Konferenz nach über zwei Stunden endlich zu Ende ist, stehen alle auf und lassen leere Tassen und Gläser zurück, die ich gleich wegräumen muss. Nur Peter, der nette Chef vom Dienst, kommt auf mich zu und klopft mir beim Rausgehen auf die Schulter.

»Nimm’s nicht so tragisch, Feli, deine Idee war echt klasse. So was hat noch keiner gebracht. Der Schober hat einfach eine ziemlich miese Laune heute. Man munkelt, es soll wohl einen neuen Chefredakteur geben, und er wird es nicht sein.«

»Mhm danke …«, ich werde schon wieder etwas rosa. War das gerade eben ein echtes Lob?

»Hat dir meine Idee wirklich gefallen?«

Peter nickt. »Ja, war echt klasse. Wenn ich Chefredakteur wäre, hätte ich dich schon längst eingestellt.«

»Eingestellt?«

»Ja, ich finde, du bist die engagierteste Praktikantin, die wir jemals hatten. Du bist viel zu schade zum Kaffeekochen. Und ich habe bemerkt, dass du Verenas Moderatorentexte noch mal überarbeitest, wenn sie von Schober kommen, und dass du für sie besonders kurze Sätze machst.«

»Oh … du hast das bemerkt? … ich meine, ich … ich dachte einfach, dann ist es leichter für sie, den Text zu sprechen.«

Peter grinst ziemlich hinterhältig.

»Das ist es sicher. Leider können wir ihre Texte nicht so weit kürzen, dass Verena nur noch guten Tag und auf Wiedersehen sagen muss.«

Ich grinse zurück, und dann werde ich wieder ernst. Peter ist wirklich ein netter Mann. Ein sehr netter. Wenn er nicht schon glücklich verheiratet wäre … Aber wie alle netten Kerle ist Peter schon seit ewigen Zeiten vergeben und treu.

»Danke, dass du versucht hast, mich zu trösten.«

Peter nickt, dann nimmt er mich noch einmal freundschaftlich in den Arm. Ich komme dem Breifleck – wahrscheinlich Karotte wegen der orangenen Farbe –, der auf seiner Schulter sitzt, gefährlich nah. Seufz. Vor mir liegt noch ein langer Arbeitstag mit Kaffeekochen, Kopieren, Sortieren und vielleicht, vielleicht darf ich ja heute auch noch mal in die Reinigung.

Als ich nach einem langen Tag endlich aus der Redaktion raus bin, schaffe ich es gerade noch, schnell mit der U-Bahn nach Hause zu fahren und mich in frische Jeans und ein T-Shirt zu werfen. Nach einem langen Tag erwartet mich normalerweise noch eine lange Nacht. Und leider keine Nacht des Vergnügens. Da meine Praktika nicht bezahlt sind und meine Familie nicht Vanderbilt heißt, muss ich irgendwo mein tägliches oder vielmehr mein nächtliches Brot verdienen. Und das mache ich an drei Abenden in der Woche bei mir um die Ecke in der Wunderbar hinter der Theke. Die Wunderbar ist wirklich wunderbar, und sie wäre noch toller, wenn ich nicht immer so müde wäre, wenn ich dort anfange zu arbeiten. Oder, noch besser, wenn ich nach einem langen Tag als Redakteurin hier einfach auf einen Absacker reinkommen könnte. Das wäre wirklich wunderbar.

Aber als Arbeitsplatz ist es hier auch wirklich nicht schlecht. Alles ist viel relaxter und lockerer als beim Sender. Außer mir jobben noch ein paar Stundenten hier. Und Ralle, der Besitzer, ist selbst sein bester Kunde und drückt manchmal auch drei Augen zu. Was ich an der Wunderbar so mag, ist, dass jeder hierherkommt: die typischen Prenzlauer-Berg-Mamas, denen der Papa heute Abend bugaboofrei gegeben hat und die sich den Mütterstress in einer Stunde von der Seele trinken müssen, genauso wie die hippen Musikertypen, die alle auf ihren Durchbruch hoffen, oder die Studenten, die sich wegen Geldmangels einen ganzen Abend an einem Bier festhalten. Wir haben viele Stammkunden, und alles im allem läuft der Laden ziemlich rund. Und manchmal gibt es auch richtig viel Trinkgeld. Gerade eben zahlt Annette, eine unserer Stammkundinnen, und schiebt mir ein dickes Trinkgeld rüber.

»Na, nichts dabei für dich heute?«, frage ich sie, als ich die zehn Euro in meiner Hosentasche verschwinden lasse.

»Nee.« Annette schüttelt den Kopf und blickt sich noch mal in der Wunderbar um. »Ich glaube, ich muss heute alleine nach Hause gehen.«

»Ich wünschte, ich könnte schon nach Hause gehen – heute kommt Greys Anatomy im Fernsehen«, seufze ich und blicke auf die Uhr. Erst zehn. Vor zwei Uhr werde ich nicht ins Bett kommen.

Annette grinst mich an.

»Du könntest ja mit mir nach Hause gehen???«

»Ich steh leider nicht auf Frauen, das weißt du doch. Aber wenn ich auf Frauen stehen würde, dann ganz sicher auf dich.« Und das stimmt sogar. Annette ist supernett und sehr attraktiv. Aber leider nichts für mich.

Annette hat seltsamerweise die Wunderbar zu ihrem Jagdrevier auserkoren. Sie hat mir mal erklärt, dass sie einschlägige Bars nur für Frauen furchtbar langweilen, weil da immer schon klar ist, was läuft. Hier in fremden Gewässern zu fischen, findet Annette viel aufregender, und ich muss sagen, was ich so mitbekomme, ist sie ziemlich erfolgreich. Mit einen letzten Ciao verschwindet Annette aus der Bar. Ich blicke ihr sehnsüchtig nach. Vor mir liegt eine lange Nacht.

Am nächsten Tag in der Redaktion bin ich wie zu erwarten hundemüde. Auf die Dauer sind zwei Jobs einfach zu viel. Ich habe Ringe unter den Augen, als wäre ich eines von diesen komischen Äffchen, deren Namen ich wieder vergessen habe. Malakken heißen die, glaube ich. Große Augen in dunklen Höhlen. Fast könnte das als Smokey Eyes durchgehen. So viel Schlafentzug wirkt auf mich wie eine Droge. Alles ist wie in Watte getaucht. Ich schwebe fast über dem Boden, und alles kommt mir irgendwie irreal vor. Und ich bin schon wieder viel zu spät. Wenn der Wecker nach nur fünf Stunden Schlaf klingelt, ist jede Sekunde kostbar. Und dann ist die blöde U-Bahn auch noch mitten im Tunnel stecken geblieben. Fürs Erste schwebe ich in die kleine Kaffeeküche und mache für mich selbst einen fünffachen Espresso.

»Guten Morgen, Feli … oh … könnte ich auch einen Kaffee haben?« Ich drehe mich um. Vor mir steht Herbert, der Praktikant Nummer zwei.

»Hallo, Herbert.« Ich nuschle so vor mich hin. Ich bin noch nicht wirklich ansprechbar.

»Na, das muss ja gestern wieder eine tolle Nacht gewesen sein.« Herbert grinst mich wissend an. Ich habe Herbert erzählt, dass ich nebenher in einer Kneipe arbeite. Er hält das für einen Witz. Er denkt, ich mache jede Nacht Party. Kein Wunder, Herbert stammt aus einer reichen Familie und hat so was wie Geldverdienen im Grunde genommen gar nicht nötig.

»Wie heißt denn der Glückliche?«

»Es gibt keinen Glücklichen. Das weißt du doch. Und ich bin heute früh auch nicht glücklich. Ich bin unausgeschlafen … hier … du kannst was von meinem Espresso abhaben.«

Herbert hat einen leuchtend roten Pickel auf der Nase, der jede Frau heute früh zu einer spontanen, dreitägigen Krankmeldung gezwungen hätte. Herbert allerdings trägt das Ding wie eine Auszeichnung vor sich her.

»Ich hab gehört, du hast gestern in der Redaktionskonferenz einen lustigen Vorschlag gemacht.«

»Hab ich, leider war er nicht lustig gemeint. Wo warst du denn eigentlich gestern?«

»Auf Recherche.«

»Recherche???« Wieso darf der auf Recherche, und ich darf im Höchstfall die neuen Reinigungspreise für Oberhemden recherchieren??? Das war jetzt gemein gegen Herbert, der gar nicht verkehrt ist, aber trotzdem.

»Tja, ich habe Schober mal beiläufig vorgeschlagen, eine Sondersendung über Boxen zu machen, und er war total begeistert. Er will das richtig groß aufziehen. Halbstündiges Feature. Und ich darf sogar bei den Interviews mit dabei sein …«

»Boxen?«, frage ich mal vorsichtshalber nach.

Herbert nickt sehr eifrig. Boxen. Ich glaube es nicht. Und Herbert soll dafür recherchieren. Wenn man ihn so anschaut, denkt man an alles, nur nicht an Boxen. Oder höchstens an Boxen wie Lautsprecher. Herbert ist ein halbes Hemd. Er ist lang, dünn, knochig und sieht aus, als könnte selbst ich ihn mit einem gut platzierten Schlag ins Reich der Träume schicken.

»Ich zieh das richtig groß auf. Hab mich schon angemeldet zu einem Probetraining in der Boxfabrik. Weißt du, investigativer Journalismus und so. Ich will ja nicht über was berichten, von dem ich selbst keine Ahnung habe.«

»Nun ja, also Herbert, ich weiß nicht, ob man als Journalist immer alles wirklich selbst gemacht haben muss.«

Ich blicke Herbert für einen Moment etwas ratlos an.

Sollte man als Journalist immer alles am eigenen Leib erfahren, bevor man darüber schreiben kann?

Nun denn. Sollte Herbert mal einen Bericht zum Thema Beschneidung oder natürliche Geburt ohne PDA machen müssen, wünsche ich ihm viel Glück. Herbert jedenfalls lässt sich von mir auf gar keinen Fall unterbrechen oder vom Kurs abbringen.

»Also, ich war kurz dort gestern, die haben so richtig einen Ring und überall Säcke, und es riecht nach echtem Schweiß und Blut. Ich hab erst mal nur ein bisschen zugeschaut. Oh Mann, da geht es echt zur Sache. Bäng! Bäng! Bäng!« Herbert macht imaginäre Boxschläge hier in unserer winzigen Kaffeeküche. Auch wenn Herbert nicht gerade Cassius Clay ist, ich will kein blaues Auge und gehe in Deckung.

»Bäng! Bäng! Bäng!« Herberts Augen leuchten. Er hat gerade den Weltmeistertitel im Superschwergewicht gewonnen. »Das gestern war zwar nur Probetraining … aber ich sag’s, dir, die hauen schon bei der Probe ordentlich zu. Oh Mann … Und morgen … da geht’s dann auch für mich richtig los … danke, Charlotte, für den Kaffee … muss jetzt dringend zu Schober – Bericht erstatten. Wir sehen uns.«

Mit einer Espressotasse in der Linken und weiteren imaginären Boxschlägen mit der Rechten verschwindet Herbert dann schließlich aus dem winzigen Kabuff. Ich blicke ihm nach, bis er tänzelnd und boxend schließlich in dem Büro von Schober verschwindet.

Boxen! Nun gut. Das ist vielleicht nicht gerade mein Fachgebiet. Ich sollte mich wohl doch lieber für ein Praktikum bei einem Frauenmagazin bewerben.

Ich nehme meine Espressotasse und schiebe mich mal an meinen Arbeitsplatz. Der besteht aus einem alten, verlassenen Schreibtisch hinten um die Ecke von einer Abstellkammer, in der die Putzfrauen ihre ganzen Gerätschaften aufbewahren.

Gerade als ich so den Gang runterlaufe und noch immer verzweifelt versuche, mir Herbert beim Boxen vorzustellen (alleine schon diese Beinchen in Boxershorts!!! Na ja, vielleicht legt sich ja der Gegner aus Mitleid einfach selbst auf die Matte), haut mich selbst fast jemand um.

Verdammt.

Mein Espresso schwappt über und zeichnet die Landkarte von Hintermoldawien auf mein frisches weißes T-Shirt.

Noch bevor ich mich wieder fangen kann, werde ich aufgefangen.

Von starken Armen. Definitiv nicht von Herberts Armen. Ich blicke auf, und ich blicke in die schönsten Schokoladenaugen, die ich je in meinem ganzen Leben gesehen habe. Warmes, samtiges, weiches Schokoladenbraun. Andenvollmilch mit einer Prise Chili oder so. Man kann darin versinken wie in einem großen Kissen. Weich und warm, und trotzdem ist da auch etwas Scharfes, Unberechenbares. Und dann sind sie noch von einem Kranz dunkler, dichter Wimpern umrandet. Das ist gemein. Jede Frau würde für solche Wimpern töten.

Ich knicke gleich noch mal weg.

Aber diesmal aus Begeisterung.

Die Arme richten mich wieder auf.

»Alles in Ordnung? Sie sind direkt in mich reingelaufen«, sagt er mit samtiger Stimme wie Schlagsahne, die perfekt zu den Chili-Augen passt.

»Reingelaufen. Ähm. Ja.« Mir fällt echt nichts Besseres ein. Ich starre immer noch in die Augen. Vollkommen hypnotisiert.

Vor mir steht ein Mann.

Oh Mann, oh Mann, was für ein Mann.

Wahrscheinlich bin ich doch vor Übermüdung eingeschlafen und hatte gerade hier mitten auf dem Gang der Redaktion einen wunderschönen Traum.

Und was für einen schönen Traum.

Der Typ sieht fast aus wie Dr. MacDreamy, Doktor Shephard aus Greys Anatomy. Lockige dunkelbraune Haare, diese Schoko-Augen und ein leichter Bartschimmer, der mich bei Männern immer nervös macht. Außerdem trägt er Jeans, weißes Hemd und eine lässige Lederjacke. Jaul. Genau mein Typ. Ich merke, wie mein Solarplexus anfängt zu flattern. Ganz ruhig, Feli, versuche ich mir zu sagen, das sind nur deine Hormone, die gerade vollkommen ausflippen.

Wenn das jetzt ein Film wäre, würde er mir tief in die Augen blicken, mich fragen, ob ich heute Abend schon was vorhabe, oder, noch besser, er würde mir einfach seine Hand reichen und mich aus diesem unbezahlten Albtraum aus Kaffee und Kopierern entführen. In ein richtiges Leben, voller Liebe, Leidenschaft und …

»Alles klar? Geht’s wieder? Tut mir leid, ich habe Sie überhaupt nicht kommen sehen.« Mister Dreamy blickt mich kurz prüfend an. Meine Knie tanzen unfreiwillig Charleston. Hier ist nichts klar. Ich bin kurz vor einem Herzinfarkt. Wenn ich jetzt einfach in Ohnmacht falle, vielleicht macht er dann Mund-zu-Mund-Beatmung.

»Ähm … ähh.« Das ist leider wieder alles, was ich rausbekomme.

»Na, dann ist ja alles gut. Schönen Tag noch.« Und mit diesen Worten entschwindet die Liebe meines Lebens mit schnellen Schritten aus meinem Leben und biegt ganz hinten im ewiglangen Flur der Redaktion links ab.

»Ähm … ähää …«, stammele ich ihm noch nach. Verdammt. Feli. Das gibt’s doch gar nicht. Wie kann man nur so bescheuert sein. Da läuft einem ein absoluter Traummann über den Weg, ich liege quasi schon in seinen Armen, und dann fällt mir nichts Besseres ein als »Ähm« und »Ähä«. Super. Kein Wunder, dass er einfach weitergegangen ist. Mit Haaren wie ein Wischmopp, Körbchengröße A und einem Spatzenhirn fällt es schon schwer, irgendein wie immer geartetes männliches Wesen zu bezaubern.

»Wer war denn das?« Hinter mir steht plötzlich Verena. Auch sie starrt Mister Dreamy hinterher, obwohl von ihm schon seit zwei Sekunden nichts mehr zu sehen ist. Aber irgendwie bringt er immer noch den langen Flur in seltsame Schwingungen. Zumindest für mich. Und auch Verena scheint was abbekommen zu haben. Sie leckt sich unbewusst die aufgeblasenen Lippen.

»Na, das war ja mal eine Erscheinung.«

»Ähm … ähah.« Ich räuspere mich. Mir hat’s wirklich die Sprache verschlagen.

»Du weißt wirklich nicht, wer das war?« Verena blickt mich prüfend an.

»Nein, keine Ahnung. Echt nicht.« Was denkt die denn? Dass Brad Pitt mein bester Kumpel ist? Dass ich mit Orlando Bloom nach Feierabend Kaffee trinke? Verena scheint sich endlich mit der Antwort zufriedenzugeben. Wäre für sie auch kaum vorstellbar, dass ich so einen Mann überhaupt kenne. Leider ist es auch in meiner Welt nicht nur unwahrscheinlich, sondern geradezu außerirdisch. So ein Mann fährt auf Frauen wie Verena ab und nie und nimmer auf Frauen wie mich.

Verenas prüfender Blick hört auf, mich zu mustern, und weicht der gewohnten Leere. Sie will gerade wieder davonstöckeln, als sie sich noch mal auf ihren Zehn-Zentimeter-Absätzen zu mir umdreht.

»Ach, tja … übrigens, hast du schon gehört: Bei uns wird nächsten Monat eine Redakteursstelle frei.«

Eine Redakteursstelle frei???

Eine Redakteursstelle frei!!!

Meine Ohren klingeln. Das darf ja gar nicht wahr sein. Das passiert alle hundert Jahre mal.

Das ist, wie wenn Weihnachten, Ostern und Geburtstag auf einen Tag fallen, und man bekommt trotzdem nicht nur ein Geschenk.

Dieser Job gehört mir, jawoll. Schließlich mach ich schon drei Monate länger Praktikum als Herbert und werde genau zum richtigen Zeitpunkt damit fertig. Ich bin prädestiniert dafür, den Job zu bekommen. Das ist mir bisher bei keiner Praktikantenstelle passiert, dass genau zu dem Zeitpunkt, an dem mein Praktikum endet, ein richtiger, echter Job frei wird. Normalerweise beende ich meine Praktika still und leise, nachdem mir mitgeteilt worden ist, dass es sowieso in den nächsten zehn Jahren keine neue Stelle in dem Unternehmen geben wird. Und jetzt das. Das ist wie der Jackpot im Lotto.

»Mit Sozialversicherung und Steuern und allem Drum und Dran?«, frage ich Verena ganz vorsichtig. Die blickt mich an, als wäre bei mir mehr als eine Schraube locker. Wer will schon freiwillig Steuern und Sozialabgaben bezahlen?

»Ja, nehm ich doch mal an … Ach, und Feli … könntest du so ein Schatz sein und bitte mein neues Kostüm in die Reinigung bringen … ich brauch das Ding übermorgen … wär auch echt ganz herzig von dir.« Verena zwinkert mir zu. Mit ihren falschen Wimpern, die bei weitem nicht so schön sind wie die von Mister Dreamy gerade eben.

Ich nicke. »Kein Problem, das mache ich doch gerne.« Was soll ich auch sonst anderes tun? Ich muss ja nur noch bis morgen ihre Texte für die nächste Sendung so umschreiben, dass Verena nicht bei jedem zweiten Satz hängenbleibt und wir für die Aufzeichnung zwei Tage brauchen.

Ah, die falsche Schlange. Das mit der freien Redakteursstelle hat sie mir nur wegen der Reinigung geflüstert. Da für Verena als Moderatorin eine eigene Garderobiere da ist, komme ich bei ihr um das Reinigungsgerenne normalerweise ziemlich gut herum. Verena stöckelt davon, und als sie um die Ecke ist, mache ich einen Luftsprung.

Eine freie Redakteursstelle.

Ich muss sofort zu Schober.