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Nach der Wende mussten sich die Menschen aus den neuen Bundesländern an die Gegebenheiten in den alten Bundesländern anpassen. Viele wurden zunächst arbeitslos. Das Arbeitsamt vermittelte neue Jobs, die oft völlig neue Chancen boten. Wenn man es nicht zu verbissen sah, konnte man auch interessante Abenteuer erleben.
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Seitenzahl: 473
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Autor: Wolfgang Barthel
Titel: Die Maßnahme
Untertitel: Vom Wachsen und Werden einer blühenden Landschaft
ISBN: 978-3-03877-033-6
Mein Buch® ist ein Imprint der
Europäische Verlagsgesellschaften GmbH
Erscheinungsort: Zug
© Copyright 2020
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Das Angebot
Das Kassenhaus
Die Garage
Strategie
Orientierung
Frau Stark
Herr Lehmann
Frau Klein
Frau Unger
Herr Hinze
Herr Hubert
Herr Liebich
Ein Neuer
Herr Lange
Zwei Neue
Der Graue
Der Einsiedler
Smörebröd
Frau Klein
Herr Fricke
Frau Fröhlich
Herr Krieger
Pudel
Herr Liebich
Sammler
Rückfall
Frau Kraft
Probleme
Die Weihnachtsfeier
Weiterbildung
Die Vertretung
Das Bergfest
Warten
Neuanfang
Der Brief
Leitung
Einbruch
Bank drei
Arbeitslosigkeit
Aufbau
Manuela
Freitag der Dreizehnte
Verlängerungsantrag
Drei Neue
Seilschaften
Übergabe
Ein Brief vom Arbeitsamt lag im Postkasten. In letzter Zeit kamen vom Arbeitsamt nur noch unerfreulichen Nachrichten. Mein Arbeitslosengeld wurde erst vor kurzem den hier ortsüblichen Bedingungen angepaßt. Das bedeutete ein Drittel weniger. Wenige Wochen nach dieser Kürzung sollte mein Anspruch um weitere drei Prozent gekürzt werden. Das konnte ich mit einem Widerspruch verhindern. Danach nervte man weiter mit Aufhebungsbescheiden und Erstattungsbescheiden. Die in diesen Bescheiden zurückgeforderten Beträge wechselten ebenso wie die dazu gegebenen Begründungen. Erfreulich wäre eine Mitteilung über die Anpassung des Arbeitslosengeldes an die gestiegenen Lebenshaltungskosten gewesen. Damit rechnete ich aber schon nicht mehr, denn die so genannte Dynamisierung sollte in diesem Jahr ausfallen. Ich ging die Treppe zu meiner Wohnung hinauf und riß das Kuvert auf. Im Wohnzimmer setzte ich mich und las.
Man freute sich, mir eine Stelle in einer Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme anbieten zu können. Ich war skeptisch. Man hatte mir schon einmal eine ABM-Arbeit angeboten. Von der Aufgabenstellung her war diese Arbeit sehr interessant gewesen. Es sollten technische Geräte für Entwicklungsländer konstruiert und gebaut werden. Leider konnte ich mich damals mit dem Arbeitgeber nicht einigen. Der Lohn war geringer als mein Arbeitslosengeld.
Dem Schreiben konnte ich eine Aufzählung unterschiedlicher Abkürzungen entnehmen. Ich zählte zusammen. Es waren genau dreißig Positionen. Die erste Position war mit Pr.-ltr. angegeben und gelb hinterlegt. Dies galt wahrscheinlich mir. Ich sollte vermutlich eine Leitungsfunktion übernehmen. Als Leiter hatte ich bisher noch keine Erfahrungen sammeln können. Ich sah darin eine Chance, und freute mich.
Was die Abkürzungen im Einzelnen bedeuteten, konnte ich mir noch nicht genau vorstellen. Ich las weiter. Als Arbeitsaufgabe wurde die Rekultivierung eines Leichtathletikstadions angegeben. Ich kannte dieses Stadion noch aus alten Zeiten. Dort hatte ich vor vielen Jahren in einer Betriebssportgemeinschaft trainiert. Es lag ganz in der Nähe meiner Wohnung. Das bedeutete einen kurzen Arbeitsweg.
Mit diesem Stadion verbanden mich viele schöne Erinnerungen. Ein Schulfreund hatte mich damals überredet, am Leichtathletiktraining teilzunehmen. Er wußte aus dem Sportunterricht, daß ich im Hochsprung gut war. In seinem Sportverein wäre ich als Hochspringer eine gerngesehene Ergänzung gewesen. Ich ließ mich überreden, und erschien ab dieser Zeit drei Tage in der Woche zum Training. Bald merkten meine Trainer, daß ich auch im Sprint gut war. Sie brauchten mich für die vier mal einhundert Meter Staffel. Zusammen mit den anderen Jugendlichen besuchten wir viele Sportfeste und hatten eine Menge Spaß.
Euphorisch griff ich zum Telefonhörer und wählte die angegebene Nummer. Ich hatte gleich die Personalchefin meiner künftigen Firma am Apparat. Ich fragte sie, wann ich mich bei ihr zu einem persönlichen Gespräch einfinden konnte. Im Stellenangebot war das Datum Einstellungsgespräches vermerkt, jedoch ohne Zeitangabe.
Sie freute sich angeblich, daß sie nun wieder einen neuen Projektleiter hatte. Aha, also Projektleiter bedeutete diese Abkürzung. Ich fragte sie, zu welcher Uhrzeit ich kommen konnte. Sie erwiderte, daß die Leute, die arbeiten wollten, schon recht früh erscheinen würden, während die, die nicht arbeiten wollten, meist sehr spät oder gar nicht erschienen. Dieser Tonfall erinnerte mich an längst vergangene Zeiten aus der Grundschule. Vielleicht war sie früher in der Erziehung tätig gewesen. Ich vereinbarte also mit ihr, ganz früh als Erster zu erscheinen. Sie gab mir noch den Tip, daß man als Projektleiter schon etwa eine halbe Stunde vor der Zeit eintreffen sollte. Das war mir auch recht. Vielleicht konnte ich dann schon einige meiner künftigen Mitarbeiter begutachten.
Ich ging also reichlich früh zum Termin. In dem kurzen Gespräch erfuhr ich die Höhe meines Gehaltes und einen weiteren Termin für das eigentliche Einstellungsgespräch. In einigen Tagen sollte ich dann alles Weitere erfahren. Ach ja, sie sagte noch, daß man für diesen Job sehr viel Durchsetzungsvermögen benötigte, und sah mich dabei durchdringend an. Ich hielt ihrem Blick stand. Über mein Durchsetzungsvermögen hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht. Deshalb konnte ich dazu auch nichts sagen. Ich hatte beschlossen, diese Arbeitsaufgabe zu übernehmen. Sollten Probleme auftreten, dann würde ich dafür bestimmt die entsprechenden Lösungen finden.
Das zweite Gespräch fand wenige Tage später statt. Ich ging also wieder als Erster recht früh zum angegebenen Termin. Diesmal nahmen an dem ebenfalls sehr kurzen Gespräch mehrere Personen aus der Firma teil. Das Gespräch wurde von einem Herrn Krieger geführt. Er gab nur einige knappe Instruktionen und wenige Informationen. Zwischenfragen wurden nicht geduldet. Die Atmosphäre erinnerte mich diesmal stark an meine Armeezeit. Man sollte nur soviel wissen, wie zur Erfüllung der Aufgabe gerade nötig war. Es sprach nur einer, und das war ein gewisser Herr Krieger. Eine Vorstellung der anwesenden Personen hielt er nicht für notwendig. Ich wurde gefragt, ob ich bereit sei, diese Aufgabe zu übernehmen. Um diese Frage mit ausreichender Sicherheit beantworten zu können, wollte ich noch einige Auskünfte erhalten. Man entgegnete mir auf meine Fragen, daß ich alles Weitere dann erfahren würde, wenn es an der Zeit war. Ich sagte zu.
Herr Krieger sagte mir noch, daß ich am nächsten Donnerstag pünktlich um neun Uhr wieder in der Firma zu erscheinen hatte. Das wäre mein erster Arbeitstag, an dem ich dann weitere Informationen erhalten sollte. Da ich mit den wichtigsten Gegebenheiten auf der Baustelle schon vorher vertraut gemacht werden sollte, wurde einige Tage vor Beginn der Maßnahme noch ein Besichtigungstermin festgelegt. Einer der Anwesenden, ein gewisser Herr Müller, sollte mir schon vor Beginn der Maßnahme die Baustelle mit den Unterkünften zeigen. Dann fragte man mich noch nach meiner Schuhgröße. Sie wurde zusammen mit der Konfektionsgröße in eine Liste eingetragen. Am Ende des Einstellungsgespräches unterschrieb ich einen Vorvertrag. Man bedauerte abschließend, daß die alten Erfahrungsträger der Firma nicht mehr zur Verfügung standen, und daß man sich durch das Arbeitsamt gezwungen sah, auf mich zurückzugreifen. Das alles war wenig einladend und machte mich äußerst mißtrauisch. Ich verabschiedete mich, und schickte den nächsten Bewerber in das Besprechungszimmer.
So ein Einstellungsgespräch hatte ich bisher noch nie erlebt. Da ich nicht wußte, was ich davon halten sollte, rief ich die zuständige Arbeitsvermittlerin im Arbeitsamt an. Ich schilderte ihr meine Eindrücke und wollte ihre Meinung dazu hören. Sie machte mir Mut und meinte, daß ich das eine Jahr schon überstehen würde. Die ABM-Gruppen würden immer sehr gut zusammenhalten. Das beruhigte mich, und ich sah der Zukunft wieder gelassen und optimistisch entgegen.
Zum Besichtigungstermin traf ich mich pünktlich mit Herrn Müller in der Firma. Von dort aus fuhren wir mit unseren Autos zu meiner künftigen Baustelle. Ich stellte dort mein Auto ab und stieg in das Auto meines neuen Chefs um. Er fuhr mich von hier aus erst zu einem anderen Sportplatz. Dort wurde mir der verantwortliche Leiter des Bauherrn vorgestellt. Bei Fragen über die konstruktive Gestaltung der Anlage konnte ich mich später an ihn wenden.
Was mir auf meiner künftigen Baustelle gezeigt wurde, kannte ich ja schon. Es hatte sich in den letzten dreißig Jahren kaum etwas geändert.
Allerdings hatte die Natur inzwischen ihre eigenen Vorstellungen deutlich zum Ausdruck gebracht. Als Unterkünfte dienten ein neu gestrichener Bauwagen für die Männer und ein Umkleideraum für die Frauen. Der Umkleideraum für die Frauen befand sich in einem großen Heizhaus. In diesem Raum konnten sich die Frauen auch in den Pausen aufhalten. In einem kleinen Nebenraum befand sich ein Tisch mit vier Stühlen. Die Bewegungsfreiheit in diesem Raum war aber sehr eingeschränkt, zumal auch noch zwei Kleiderschränke hineingezwängt worden waren. Dieses Zimmer konnte von mir und meinem künftigen Leitungsteam als Beratungsraum genutzt werden.
Nachdem mir Herr Müller die Schlüssel für den Bauwagen übergeben hatte, verabschiedeten wir uns. Ich konnte von meiner künftigen Baustelle aus gleich nach Hause fahren.
An meinem ersten Arbeitstag stieg ich in mein Auto, um zur Arbeitsstelle zu fahren. Als ich den Niederschlag auf meiner Windschutzscheibe beseitigen wollte, stellte ich fest, daß der Scheibenwischer fehlte. Ich überlegte, wer dies getan haben könnte. Ich konnte mir nicht vorstellen, wer mir mit dieser Beschädigung seine Abneigung zeigen wollte. Zum Ärgern hatte ich wenig Zeit, weil ich pünktlich in der Firma sein wollte. Ich wischte das Wasser schnell mit einem Lappen ab, und fuhr in die Firma. Ich setzte mich zu den anderen in einem großen Versammlungsraum. Die Firma war ein großes Unternehmen, das ausschließlich Arbeitsbeschaffungs-Maßnahmen durchführte.
Zunächst wurde die Anwesenheit überprüft. Ein vom Arbeitsamt zugewiesener Sanierungsarbeiter war für die Arbeiten auf meiner Baustelle offensichtlich überhaupt nicht geeignet. Er war schwerbeschädigt, und konnte somit auf meiner Baustelle für ihn nicht eingesetzt werden. Für ihn musste Ersatz beschafft werden.
Herr Krieger stellte mich als Projektleiter vor. Zu meiner Unterstützung bekam ich einen Arbeitsvorbereiter und zwei Vorarbeiter. Herr Krieger machte uns mit den Gepflogenheiten in der Firma bekannt und führte die Erstbelehrung für den Arbeitsschutz durch. Ich erhielt von ihm ein Notizbuch und andere Büromaterialien. Damit notierte ich die wichtigen Fakten aus seinen Ausführungen. In der ebenfalls ausgehändigten Meistermappe fand ich eine Menge Informationen, die ich für meine künftige Arbeit gut gebrauchen konnte. Auch einige Themen für die Arbeitsschutzbelehrungen waren dort eingeheftet. Eine Anwesenheitsliste für den ersten Monat und genügend Formulare für die Tagesarbeitsnachweise waren auch eingelegt.
Nach der Erstbelehrung zum Unfallschutz erhielt ich das altbekannte Unfallschutzbuch, was noch aus DDR-Zeiten stammte. Dann ging es zur Kleiderkammer. Wir nahmen unsere Arbeitsschuhe und eine grüne Latzhose mit passender Jacke in Empfang. Gegen den Regen konnten wir uns mit einer gelben Regenschutzjacke mit Kapuze schützen. Die Arbeitsschuhe waren mit Stahlspitze und trittfester Sohle ausgestattet. Es wurde darauf aufmerksam gemacht, daß diese Arbeitssachen keinesfalls ein Muß waren, sondern lediglich der Großzügigkeit der Firma zu verdanken seien. Diese Aussage stieß bei einigen Teilnehmern auf hämischen Widerstand. Bei der Anprobe gab es einige Probleme. Eine sehr kleine Frau konnte weder mit den passenden Schuhen, noch mit der entsprechenden Hose ausgerüstet werden. Für eine andere, sehr stabile Frau konnte keine passende Regenjacke gefunden werden. Ein Zweimetermann mußte ebenfalls vertröstet werden. Man wollte sich aber kümmern, um diese Probleme schnell zu lösen.
Dann fuhren wir zum Stadion. Alle nahmen mit Erleichterung zur Kenntnis, daß wir in Zukunft nicht immer erst zur Firma fahren mußten, um dann von dort aus wie eine militärische Einheit geschlossen zum Stadion transportiert zu werden. So hatte sich Herr Krieger nämlich im Einstellungsgespräch ausgedrückt.
Im Stadion angekommen, nahmen wir gleich die Unterkünfte in Augenschein und zogen uns um. Danach wurde der Bauwagen ausgeräumt. Das gesamte Werkzeug befand sich noch im Bauwagen. Deshalb mußten die Schubkarren, Schaufeln, Spaten, Hacken, Harken, Rechen, Sägen, Äxte, Beile, Scheren und vieles anderes mehr zuerst in das Heizhaus geschafft werden. Als wir damit fertig waren, hatte ich die Aufgabe, mehrere Gruppen zu bilden und die ersten Arbeiten anzuweisen. Während ich dies überlegte und mein Vorhaben bekannt gab, kristallisierte sich schon eine erkennbare Struktur heraus. Den drei Frauengruppen, die sich inzwischen von selbst gebildet hatten, ordnete ich noch eine angemessene Anzahl von Männern zu. So bestanden die einzelnen Gruppen dann aus vier bis fünf Personen. Zuerst wollte ich den Stadioninnenbereich bearbeiten lassen. Deshalb gab ich allen Gruppen den Auftrag, die ihnen zugewiesenen Flächen der Sportanlage nach Gerümpel zu durchsuchen. Danach sollten die Gruppen anfangen, ihren Bereich zu entkrauten.
Mit meinem Arbeitsvorbereiter, den zwei Vorarbeitern und der Sekretärin besichtigte ich dann das kleine Zimmer im Heizhaus. Diesen Raum wollten wir zunächst als Meisterbude nutzen. Die Anwesenheitsliste und die Tagesarbeitsnachweise gab ich der Sekretärin. Damit hatte sie gleich einige sinnvolle Arbeitsaufgaben. Da sie damit noch nicht voll ausgelastet war, dachte ich mir noch einige andere Arbeiten für sie aus. So konnte sie für die gesamte Truppe einen Urlaubsplan erstellen. Ich orientierte darauf, daß zwischen Weihnachten und Neujahr Betriebsferien gemacht werden sollten. Außerdem war von der Firmenleitung bestimmt worden, daß in diesem Jahr drei Freitage als Urlaub fest eingeplant werden mußten. Der Grund für diese Planung waren drei Feiertage, die je auf einen Donnerstag fielen. An den nachfolgenden Freitagen sollte dann immer ein Tag Urlaub genommen werden. Sie setzte meinen Wunsch sofort in die Tat um. Wenn sie nichts zu tun hatte, begleitete sie mich auf meinen Rundgängen. Es war von Anfang an klar, daß sie mir persönlich als Sekretärin nur für kurze Zeit zur Verfügung stehen sollte. Nach etwa zwei Wochen ging sie dann in den Stammbetrieb zurück. Dort wurde sie für die Bestellung und Verwaltung von Baumaterialien und anderen Hilfsmitteln eingesetzt.
Mein Arbeitsvorbereiter war etwas älter als ich. Er hatte schon vollkommen graue Haare. Deshalb wurde er bald von allen „der Graue“ genannt. Als mein Stellvertreter hatte er die Aufgabe, alle geplanten Aufgaben mit den erforderlichen Geräten, Materialien und Hilfsmitteln abzusichern. Dazu gehörte auch die Organisation der Transportmittel, die Beschaffung von Werkzeugen und Material, und die Klärung technischer Probleme.
Der Graue hatte schon einmal eine Gruppe in einer Arbeits Beschaffungsmaßnahme geführt. Er war etwas unruhiger als ich, und hätte am liebsten selbst die Leitung meiner Gruppe übernommen. So kam es anfänglich zu Kompetenzgerangel, gegen das ich aber sofort einschritt. Ich erklärte ihm mehrmals den Sinn und Zweck meiner Anweisungen, und daß es nicht gut wäre, wenn verschiedene Menschen unterschiedliche Anweisungen geben würden. Das sah er auch schnell ein. Deshalb beschränkte er sich bald darauf, mir diesen oder jenen Hinweis zu geben. Wir beratschlagten dann gemeinsam die weiteren Schritte. Es kam aber trotzdem immer wieder zu Rückschlägen. Oft wollte er mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit seinen Gnatz durchsetzen, so daß ich mich in regelmäßigen Abständen immer wieder mit ihm auseinandersetzen mußte.
Anfangs wurde mir mitgeteilt, daß mein Arbeitsvorbereiter auch noch andere Baustellen betreuen sollte. Deshalb ließ ich ihm freie Hand, und kümmerte mich nicht weiter um ihn. Bald erfuhr ich, daß er nur auf meiner Baustelle eingeplant war, und daß ich ihn deshalb voll auslasten sollte. Daraufhin dachte ich mir eine Menge Aufgaben aus, die er übernehmen konnte. So machte ich ihn für alle Belange verantwortlich, die auf der Baustelle anfielen. Er übernahm diese Aufgaben mit Freuden und es entwickelte sich ein günstiges Verhältnis zwischen uns. Bald stellte ich einen Zeitplan auf, um zu erkennen, welche Arbeiten bis zu einem bestimmten Termin geschafft sein mußten. Die Anfertigung dieses Planes war eigentlich die Aufgabe des Grauen gewesen. Da er sich in dieser Hinsicht aber schwertat, gab ich ihm eine Kopie als Diskussionsgrundlage. Außerdem ließ ich ihn die Werkzeugliste kopieren, die wir dann als Grundlage für unsere Bestandskontrollen nutzen wollten. Wir stellten fest, daß einige Werkzeuge auf der Liste standen, die wir nicht erhalten hatten. Ich tippte diese Liste in den Computer ein und ließ sie ausdrucken. So erhielten wir eine Inventarliste, mit der wir monatlich eine Inventur machen wollten.
Nach einigen Tagen bemerkten wir, daß uns die Meisterbude nicht allein gehörte. Hier hielten sich auch noch einige Reinigungskräfte auf, die in der links neben dem Heizhaus liegenden Schule direkt angestellt waren. Hinter dem Schulgebäude befand sich eine Schwimmhalle. Das Stadion stieß mit seiner Rundung hinten an die Schwimmhalle an. Sowohl die Schule als auch die Schwimmhalle wurde vom Heizhaus mit Wärme versorgt.
Die bei der Schule angestellten Reinigungskräfte fühlten sich in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, da wir diesen Raum nun auch nutzten. Sie hielten sich fast die gesamte Arbeitszeit in diesem Raum auf. Nur zu den Essenszeiten verließen sie den Raum, um uns wenigstens in Ruhe frühstücken zu lassen. Die kleinere, blonde Frau entpuppte sich bald als Giftzwerg. Sie benahm sich uns gegenüber oft sehr aggressiv, und legte es darauf an, uns aus diesem Raum wieder zu vertreiben. Dazu war ihr nahezu jedes Mittel recht. Sie schloß die Toilettenräume mit den Waschgelegenheiten ab, um ihr Revier zu verteidigen. Außerdem hatte sie ein recht loses Mundwerk. Damit giftete sie uns öfters an, und versuchte uns ganz aus ihrer Unterkunft zu vertreiben. Das konnte so nicht weitergehen.
Ich sprach mit dem Schuldirektor. Zu meiner Überraschung erfuhr ich von ihm, daß die Raumfrage keineswegs so eindeutig geklärt war, wie es mein Chef, Herr Müller, mir gegenüber dargestellt hatte. Der Schuldirektor stellte sich natürlich voll hinter seine Angestellten. Ich hatte Not, die Positionen zu halten, die wir schon eingenommen hatten. Das betraf nicht nur diesen Raum, sondern auch die Frühstücksecke für die Männer. Die Männer waren in einem frisch gestrichenen Bauwagen untergebracht. Bei der hochsommerlichen Hitze war es unmöglich, sich in diesem Bauwagen aufzuhalten, weil die Lösungsmittel aus der Farbe noch sehr stark ausdünsteten. Deshalb wurden die Bänke und Tische aus dem Bauwagen genommen und unter einen großen Kastanienbaum auf den Parkplatz gestellt. Dort konnte man in den Pausenzeiten im Schatten des Baumes Erholung finden. Auch dieser Platz wurde uns streitig gemacht, weil dadurch einige Parkplätze verlorengegangen waren. Ich konnte dieses Problem aber plausibel machen, so daß der Direktor ein Einsehen hatte. Letztlich konnte ich auch die Parkplätze für unsere eigenen Autos erfolgreich verteidigen. Die Meisterbude blieb weiter ein Problem, auch wenn wir uns hier gegenseitige Rücksicht zusicherten. Der kleine blonde Giftzwerg setzte uns auch weiterhin derart zu, daß wir uns doch genötigt sahen, so schnell wie möglich eine Ausweichmöglichkeit zu suchen.
Am Eingangstor zum Stadion führte rechts die Treppe in die Schwimmhalle. Links begrenzte ein Kassenhaus die Einfahrt in den Stadionbereich. Das Gebäude hatte mehrere Räume. Ganz vorn war ein kleiner Kassenraum, der zum Verkauf von Eintrittskarten genutzt wurde. Dahinter befand sich ein etwas größeres Zimmer, in dem ich meine Schreibarbeiten erledigen konnte. Der Raum bot genügend Platz für einen Schreibtisch mit mehreren Stühlen und einigen Schränken.
An diese beiden Räume schloß sich ein noch größerer Raum mit der Eingangstür des Gebäudes an. Bei schlechtem Wetter hätte sich hier die gesamte Truppe unterstellen können. Von hier aus konnte man die gesamte Baustelle überblicken. Durch eine Wand von diesem Raum getrennt, schloß sich ein weiterer, relativ großer Raum an. Er konnte nur durch eine separate stabile Stahltür an der Rückseite des Gebäudes betreten werden. Ein sicherer Platz für unser Werkzeug und andere Dinge von Wert.
Voller Elan gingen wir daran, dieses Gebäude in unseren Besitz zu nehmen. Der Eigentümer dieses Kassenhauses war unser Bauherr. Er erlaubte uns, dieses Haus zu nutzen. Es waren nun nur noch kleinere Hindernisse zu überwinden. Um in das Gebäude zu gelangen mußten zunächst die Türen geöffnet werden. Die Holztür war mit einem Vorhängeschloß gesichert.. Die Stahltür zu unserem künftigen Lager war zugeschweißt. Mit einem Trennschleifer verschafften wir uns Zutritt. Im Inneren entdeckten wir alte Möbel, die Jugendliche beschafft hatten, um sich einzurichten. Der Sperrmüll landete in einem Container. Geradezu lebensgefährlich aber war die Beschaffenheit der elektrischen Anlage. Ein alter Anschlußkasten lag offen auf dem Fußboden. Dieser Kasten stand noch unter Strom. Das bedeutete Lebensgefahr. Von hier versorgte ein normales Stromkabel die übrigen Räume mit Strom. Nun wußten wir auch, warum die Stahltür zugeschweißt worden war.
Den Besitzer des passenden Schlüssels für die Holztür konnten wir nicht ausfindig machen. Wir knackten das Schloß mit einem kräftigen Seitenschneider. Im Inneren des Hauses lagen eine Menge zerstörter Spielautomaten. Elektronikschrott, besonders die Bildschirme mußten gesondert entsorgt werden. Die elektrische Anlage war noch unter Strom. In einer Steckdose steckte eine Zeitschaltuhr. Die gesamte elektrische Anlage entsprach natürlich nicht den Sicherheits Vorschriften. Deshalb mußten noch einige Reparaturen durchgeführt werden, bevor wir diese Räumen nutzen konnten.
Nach der ersten Besichtigung waren wir sehr optimistisch und planten die nächsten Arbeitsschritte. Erste Materialbestellungen wurden ausgelöst. Die Reihenfolge der zu erledigenden Arbeiten wurde festgelegt. Aus Sicherheitsgründen sollte der Raum aber erst betreten werden, wenn die Elektriker ihre Arbeit getan hatten.
Wir erinnerten immer wieder an die Elektriker. Bald kamen sie dann auch und montierten einen neuen Anschlußkasten. Etwas später wurde die Sicherheit des Erdkabels überprüft. Bei der folgenden Beratung stellte sich aber heraus, daß die Sicherheit nur nach Verlegung eines neuen Erdkabels garantiert werden konnte. Das war aber zu teuer.
Wir konnten unseren Ausbau vergessen, und alle Vorbereitungen waren umsonst. So hatten wir uns bis auf Weiteres mit unserem streitsüchtigen Giftzwerg auseinander zu setzen. Eine Hoffnung blieb. Am Ende des ersten Monats lief eine andere Arbeitsbeschaffungs Maßnahme aus. Die Arbeiter dieses Meisterbereiches waren in einer Garage am hinteren Teil der Schwimmhalle untergebracht. Nach Beendigung dieser Maßnahme wurde die Garage frei, und konnte von uns genutzt werden. Die Belegschaft der Schwimmhalle wollte das zwar nicht, aber der Eigentümer war auf unserer Seite.
Nun war fast ein Monat vergangen, und es verdichteten sich die Gerüchte, daß wir endlich in die Garage umziehen konnten. Der Meister, der bis jetzt diese Garage genutzt hatte, war inzwischen mit dem Schwimmeister heftig zerstritten. Er sollte sofort nach Beendigung der Maßnahme alle Schlüssel wieder an den Schwimmeister abgeben. Mein Vorgesetzter, Herr Müller sagte mir aber, daß hier noch nicht das letzte Wort gesprochen sei, und mahnte zur Ruhe. Schließlich konnten wir diesen Raum doch noch übernehmen. Es wurde eine ordentliche Übergabe organisiert. Herr Krieger übernahm die Organisation. Ich konnte mir von der auslaufenden Maßnahme noch ein paar wichtige Dinge ohne Übergabeprotokoll an Land ziehen. Dazu gehörten zwei kräftige Brechstangen und einige Absperrstangen zum Sichern meiner Baustelle. Ich verzichtete auf alles, wofür ich unterschreiben sollte. Immerhin konnte ich auf diese Weise noch zwei Schaufeln abstauben.
Die Waschmöglichkeiten für meine Truppe waren zwar vorhanden, aber recht umständlich zu nutzen. Wir hatten die Möglichkeit, uns auf den Toiletten der Schule zu waschen. Davon machte aber kaum jemand Gebrauch, weil man sich nicht zwischen den jungen und zum Teil rüpelhaften Schülern entblößen wollte. Außerdem waren diese Einrichtungen stark verschmutzt, so daß es einige Überwindung kostete, sich hier auch nur notdürftig zu reinigen. Eine bessere Möglichkeit bot die Schwimmhalle. Die Toiletten dort waren sauber. Wer wollte, konnte sogar nach Feierabend duschen. Allerdings war diese Möglichkeit auch nicht angenommen worden, weil man diese Räumlichkeiten nur mit Badelatschen betreten durfte. Wir arbeiteten den ganzen Tag und bei jedem Wetter im Freien und hatten oft sehr schmutzige Schuhe. Damit konnten wir die Schwimmhalle nicht betreten, ohne erheblichen Schmutz zu hinterlassen. Der zeitliche Aufwand war auch hier so hoch, daß fast alle Arbeiter lieber nach anderen Möglichkeiten suchten, oder sich erst zu Hause umzogen.
In der Garage entdeckte ich einen großen mit Wasser gefüllten Kunststoffkanister und eine Waschschüssel. Damit war zumindest eine Waschmöglichkeit für die Männer in greifbare Nähe gerückt. Ich erkannte das sofort, und sagte, daß ich diese Gegenstände gern übernehmen würde. Herr Krieger bestimmte, daß diese Dinge wieder in die Firma zurückgebracht werden sollten, weil wir seiner Meinung nach ausreichende Waschgelegenheiten hätten. Ich widersprach und sagte ihm, daß wir überhaupt keine Waschgelegenheiten hätten. Dies sollte noch ein Nachspiel haben.
Herrn Krieger eilte der Ruf eines sehr korrekten Menschen voraus. So brachte er die Waschproblematik Herrn Müller gegenüber nochmals zur Sprache. Dies wurde mir auf der nächsten Leitungssitzung vorgeworfen. Ich gab zu bedenken, daß ich doch nur die bescheidenen Verhältnisse bewahren wollte, die meinen Vorgängern auch zugebilligt worden waren. Das wirkte irgendwie, und damit war die Angelegenheit aus der Welt. Man durfte hier kein falsches Wort sagen. Ich hatte schon vorher den Eindruck gewonnen, dass man nach Angriffspunkten suchte, um mir Schwierigkeiten zu bereiten. Es wurde alles zum Problem hochgespielt und gab Reibereien. In anderen Meisterschaften waren angeblich noch viel schlechtere Verhältnisse anzutreffen gewesen. Warum man sich hier immer an den negativsten Beispielen orientierte, würde mir vielleicht auch noch irgendwann einmal klar werden. Mir wurde ja schon im Einstellungsgespräch klar gemacht, daß ich als Neuling nicht sonderlich willkommen war. Deshalb vermutete ich, daß das nur einer der Knüppel war, die man mir noch zwischen die Beine schmeißen wollte. Ich gab meinen Leuten aber zu verstehen, daß diese Probleme nicht von mir kamen. Andererseits wollte man vielleicht auch ein bestimmtes Image wahren. Es durfte eben alles kein Geld kosten. Das Ansehen dieser ABM-Firma mußte immer gewahrt bleiben. Nur keine unnötigen Kosten verursachen. Zwischen der freien Wirtschaft und den ABM-Firmen wurde schon längere Zeit ein Kampf mit erbitterter Härte geführt. Der knappen Aufträge wegen wurde das ABM-Lager von vielen Feinden, hauptsächlich den Unternehmern in der freien Wirtschaft umlagert. Diese beobachteten die Vorgänge auf den ABM-Baustellen mit großer Aufmerksamkeit, weil sie selbst auch gern an diesen Aufträgen verdient hätten. Um einen Auftrag zu erhalten, mußte man schon sehr knapp kalkulieren. Da war dann keine müde Mark für solche Luxusgegenstände übrig. Und das Geld wurde immer knapper. Firmenpleiten gab es schließlich genügend, und das war für die Betroffenen verständlicherweise sehr schmerzhaft.
Die für das Kassenhaus bereitgestellte Farbe langweilte sich nun unter dem Schreibtisch meiner Sekretärin. Wir fragten deshalb unseren Chef, ob wir damit nun die Garage renovieren konnten. Dies wurde abgelehnt. So stellten wir erst einmal die Schränke aus dem Kassenhaus in die Garage und richteten uns ein, so gut es eben ging.
Eine Woche später besuchten uns unsere beide Vorgesetzten. Ich sah das Auto von Herrn Müller zuerst, weil ich gerade in die Garage gehen wollte, um die Tagesabrechnungsbögen für das Arbeitsamt fertig zu machen. Neben ihm konnte ich eine zweite Person erkennen, die wie Herr Krieger aussah. Herr Müller wünschte mir ein schönes Wochenende und fuhr zur Baustelle weiter.
Als ich nach einer Weile wieder nach hinten zum Stadion ging, berichtete mein Arbeitsvorbereiter, daß beide die Baustelle sehr gelobt hatten. Es hatte gerade leicht genieselt, als die Herren erschienen waren. Meine Leute ließen sich von diesem Wetter aber nicht weiter beeinflussen und arbeiteten einfach weiter. Das war ein Bild für die Götter, und meine beiden Chefs hatten Gefallen daran. Sie freuten sich auch über den Zustand des Schulhofes, der noch von zwei Arbeitern aus meiner Meisterschaft gesäubert wurde.
Von meinem Stellvertreter, Herrn Schultz erfuhr ich, daß wir die Erlaubnis hatten, die Garage doch zu renovieren. Unsere Farbe brauchte also nicht länger zu warten.
Einer meiner Vorarbeiter, Herr Richter, war gerade krank. Als er wieder gesund war, wurde er gleich für diese Aufgabe eingeteilt. Mein Arbeitsvorbereiter und Herr Richter begannen sofort mit der Arbeit. Das Werkzeug für diese Arbeiten brachten beide von zu Hause mit.
Die Leitung in der Firma reagierte sehr sensibel auf die Signale aus der Politik und versuchte sich entsprechend anzupassen. Die Geldmittel für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sollten weiter gekürzt werden. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt wurde zunehmend schwieriger. Jetzt sollten auf dem zweiten Arbeitsmarkt nur noch Langzeitarbeitslose eingestellt werden, um nicht immer mehr in die soziale Bedürftigkeit zu geraten. Jeder sollte einmal die Möglichkeit erhalten, sich wieder einen Anspruch auf Arbeitslosengeld zu erwerben. Da auch die Führungskräfte in der Firma vom Arbeitsamt bezahlt wurden, konnten auch sie durch das Arbeitsamt wieder aus ihrer Funktion genommen werden. Das sorgte für Unruhe. Wer wollte schon seinen relativ gut dotierten Posten freiwillig aufgeben. Man sah sich genötigt, seinen Arbeitsplatz zu verteidigen. Das bedeutete, daß man in jedem Neuanfänger einen möglichen Rivalen sah. Man war sich einig, nur wenn man sehr zusammenhielt, dann stiegen auch die Möglichkeiten, seinen eigenen Arbeitsplatz verteidigen zu können. Besonders bedrohlich waren solche neue Mitarbeiter, die ihre Sache gut, oder sogar noch besser als sie selbst machten. Dann half auch das Argument mit der Erfahrenheit nichts mehr. Bisher konnte man immer damit argumentieren, daß man auf einen guten Stamm von Erfahrungsträgern zurückgreifen konnte, die für den maximalen Erfolg in der Arbeit und für das gute Ansehen der Firma garantierten.
Gegen Seilschaften wendete sich aber ein ganz bestimmtes Prinzip. Einerseits war die Entscheidungsfreiheit der Leitung in der Firma stark eingeschränkt, weil das Arbeitsamt bestimmte, welche Mitarbeiter für eine bestimmte Maßnahme in Zukunft vorgesehen wurden. Zum Anderen wurden die Einstufungen für Gehalt und Lohn auch durch das Arbeitsamt vorgegeben. Deshalb war es den Leitern innerhalb der Firma fast unmöglich sich selbst gegenseitig eine höhere gehaltliche Einstufung zuzuschanzen. So wurde die Motivation zu Ellenbogen-Aktivitäten etwas abgeschwächt. Deshalb konnte man sich auch nicht so einfach gegenseitig mit lukrativen Posten versorgen. Dieses Prinzip wurde auch auf die neuen Mitarbeiter angewendet. Schied ein Mitarbeiter aus irgend einem Grunde aus, so wurde ein neuer Mitarbeiter mit gleichen Verdienstansprüchen und möglichst gleichen Funktionen wieder eingestellt. Das war ein interessantes System, was Intrigen und hinterhältige Stuhlsägerei erfolglos machen sollte.
So konnte der Einzelne also nur alles dafür tun, um seine Arbeitsstelle so lange wie möglich zu behalten. Das bedeutete wiederum, daß man es nach Möglichkeit zu verhindern hatte, daß ein anderer Angestellter für diese Stelle als geeignet erschien.
Die Strategie zur Verfolgung diese Ziels bestand unter anderem in der Konstruktion von Schikanen. Selbst lächerliche Kleinigkeiten wurden Anlaß zu bedrohlichen Auseinandersetzungen. Trug ein Meister nicht regelmäßig seine Arbeitsschutzsachen, so konnte das schon zu einer Abmahnung und später zur Kündigung führen. Widersprüchliche Anweisungen sollten den Neuling verwirren und mürbe machen. Hatte der vermeintliche Rivale sich für eine der widersprüchlichen Anweisungen entschieden, dann drehte man ihm einen Strick, indem man ihm nachwies, daß er seine Arbeit nicht richtig gemacht hatte, weil er ja gleichzeitig nicht auch noch das Gegenteil getan hatte. Außerdem wurden von verschiedenen Chefs unterschiedliche Meinungen vertreten, die dann zu Konflikten führen mußten. Verschärfte und häufige Kontrollen sollten etwaige Mängel und Schwachstellen des Gegners aufspüren, um sie dann gegen ihn verwenden zu können. Es sollte sich doch wohl irgend etwas finden lassen.
Ließ sich nun aber doch nichts finden, womit man die Unfähigkeit des Mitarbeiters beweisen konnte, dann war Rufmord ein weiteres Instrument, um Schritt für Schritt sein Ansehen zu demontieren. Man unterstellte einfach unbeweisbare Dinge, um dann von den Beteiligten die Zustimmung für eine Ausgrenzung zu erhalten. Wer hatte schon so viel Rückgrat und trat für Gerechtigkeit ein, wenn er sich damit selbst in die Schußlinie manövrierte. Jeder dachte doch zuerst an sich und biederte sich lieber bei seinem Vorgesetzten an. Außerdem rechnete man damit, daß der Neuling nicht intelligent genug sei, um dieses Spiel durchschauen zu können. Man glaubte, daß sich der vermeintliche Rivale ohne Gegenwehr schlachten lassen würde.
So wurde mein Arbeitsvorbereiter angewiesen, mir mitzuteilen, daß ich auf der nächsten Leitungsbesprechung nochmals sagen sollte, daß ich einen neuen Container für Baustellenmüll brauchte und daß auch für andere Materialien Transportmittel benötigt werden würden. Arglos tat ich das dann auch so wie gewünscht. Herr Müller sagte mir daraufhin, daß das alles schon bekannt sei, und daß inzwischen schon ein Container auf der Baustelle aufgestellt worden war. Als ich das hörte, war ich sehr erfreut und gleichzeitig etwas verärgert. Als ich dann wieder auf der Baustelle war, konnte ich keinen Container entdecken. Wozu diese Ungereimtheiten dienen sollten, blieb abzuwarten. Ich war aber gewarnt, und hatte allen Grund, mißtrauisch und vorsichtig zu sein.
Bei Aussprachen mit meinen Chefs wurde ich schon mehrmals darauf hingewiesen, daß ich als Leiter von meinen Vorgesetzten unter besondere Beobachtung stehen würde. Ich vermutete, daß man mir etwas vorzuwerfen hatte und fragte deshalb nach. Man gab mir aber keine Hinweise. Also war anscheinend alles in Ordnung. Warum dann aber solche Andeutungen. Man meinte nur mal so. Vielleicht sollten mich solche zweifelhaften Andeutungen verunsichern, und in eine Falle locken. Das alles waren aber nur Vermutungen. Und das, was ich bisher erlebt hatte, konnte nur sehr schwer als Beweis genutzt werden. Allerdings konnte ich mir anhand der vielen Erlebnisse schon ein gutes Bild machen. Diese Eindrücke einem Anderen zu vermitteln war aber nicht so einfach.
Ich versuchte mir Klarheit über meine Situation zu verschaffen. Dazu mußte ich meine Chefs und auch meine Mitarbeiter richtig einschätzen. Nur mit zuverlässigen Informationen über die unterschiedlichen Interessen in meiner nächsten Umgebung konnte ich die richtigen Schlußfolgerungen ziehen und eventuell drohenden Gefahren begegnen. Um meine Lage hinreichend genau und zuverlässig einschätzen zu können, überlegte ich mir, welche Kriterien zur Beurteilung des Sachverhaltes am besten herangezogen werden sollten. Schließlich befand ich mich auf einem vollkommen neuen Arbeitsfeld, und mußte deshalb einiges dazulernen. Wenn ich mich für diesen Weg entschieden hatte, dann wollte ich auch erfolgreich sein und das Richtige tun. Wie waren die Kräfteverhältnisse in der Firma? Wer war Freund oder Feind? Allein gegen die Mafia ohne ihre Mitglieder zu kennen, war wie ein Rundumschlag mit geschlossenen Augen. Menschenkenntnis war gefragt. Wie konnte ich zum Wesen des Problems vordringen?
In der Schule hatte ich gelernt, die gestellten Aufgaben sachlich und mit Logik zu lösen. Ich wurde mit Wissen ausgestattet und dazu angeleitet, meinen Verstand zu gebrauchen. Ich sollte lernen, meine Gefühle und Instinkte zu beherrschen, um mich besser auf die gestellten Aufgaben konzentrieren zu können. Der Mensch unterscheide sich schließlich dadurch vom Tier, weil er ein vernunftbegabtes Wesen sei, das durch seinen Verstand gesteuert würde. Die Tiere dagegen würden nur von Trieben, Gefühlen und Instinkten gesteuert werden. Meine Lebenserfahrung sagte mir aber, daß die Menschen keineswegs vollkommen frei von den unterschiedlichsten Gefühlen waren. Wahrscheinlich hatte der Einzelne doch noch einige Eigenschaften von seinen Vorfahren geerbt, die er nicht so einfach abschütteln konnte. Daran konnte auch die lange Dressur in der Schulzeit nichts ändern. Ich hatte schon oft beobachten können, daß auch die Reaktionen der gebildeten und einflußreicheren Erwachsenen mehr oder weniger noch von den tierischen Eigenschaften ihrer Vorfahren beeinflußt werden konnten. Jeder hatte eine andere Lebensauffassung und ein anderes Temperament. Für jeden war etwas Anderes wichtig und erstrebenswert. Manche reagierten sofort auf die Herausforderungen des Lebens, scheinbar ganz ohne Überlegung. Für sie war immer alles von vornherein klar. Andere reagierten erst, nachdem sie sich die Situation eine Weile überlegt hatten, oder sie reagierten überhaupt nicht. Ich hatte mit solchen Menschen gute Erfahrungen gemacht, die sich mehr sachlich orientierten. Auf sie konnte ich mich bisher immer verlassen. Zu gefühlsbetonten Menschen hatte ich bisher keinen guten Draht, weil sie weniger auf das Problem eingingen, sondern eher persönlich wurden. Mit ihnen mußte man Glück haben. Man mußte zufällig gleiche Lebensziele besitzen, und zu ihnen eine gute menschliche Beziehung aufbauen. Das war mir zu unsicher und zu aufwendig. Jeder ging doch meistens den Weg des geringsten Widerstandes. Ich versuchte deshalb Menschen auszumachen, auf die ich mich verlassen konnte. Nun gut, dann wollte ich zuerst meinen Blick schärfen, um erkennen zu können, auf wen ich mich verlassen konnte.
Mir war klar, daß ich damit eine schwere Aufgabe übernommen hatte. Schließlich waren die Menschen alle mehr oder weniger von Gefühlen beherrscht. Diese Eigenschaften machten das Zusammenleben ja erst interessant. Unterschiedliche Gefühle und Triebe ebenso wie das ganz eigene Temperament waren aber auch gerade die Eigenschaften, die an jedem Tier beobachtet werden konnten. Im Zirkus hatte ich Spezialisten beobachten können, die sich auf die Ausnutzung dieser Eigenschaften genial verstanden. Es waren die Dompteure, die mit den Tieren Kunststücke vorführten. Ich hatte aber auch schon miterleben können, wie man Menschen vorführte. Vernunft und Gefühle stehen bei jedem Einzelnen in einem ganz individuellen Verhältnis. Schulbildung und Erziehung sollte dieses Verhältnis sicherlich zugunsten des Verstandes beeinflussen. Aber nicht alle verließen die Schule nach ihrer Ausbildung als Musterschüler. Die meisten Menschen reagierten und lebten doch noch mehr nach ihrem Gefühl. Sie lebten ihre Triebe und Gefühle aus und hatten recht unterschiedliche Auffassungen über solche Begriffe wie Gewissen, Moral, Gerechtigkeit und Vernunft. Und genau das war mein Problem.
Neulich wollte mich jemand für die Mitarbeit bei einer Anlagenberatung werben. Alle wollten ja nur unser Bestes, unser Geld. Ich wollte nicht so schroff ablehnen und bat mir Bedenkzeit aus. Darauf entgegnete er mit der Feststellung: "Während die Intelligenten noch grübeln, haben die Dummen schon die Welt erobert." Es schmerzte mich, aber er hatte ganz unverblümt eine traurige Wahrheit ausgesprochen.
Ich überlegte, ob ich mit diesem Denkansatz auf dem richtigen Weg war. Mit diesem Thema hatten sich schon sehr viele Autoren der Weltliteratur beschäftigt. In der Bibel war es als das Verhältnis zwischen dem Geistigen und dem Fleischlichen beschrieben. Auch hier kam man zu dem deprimierenden Schluß: "Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach."
In Goethes Faust sagte Mephisto zum Herrn: "Er nennt´s Vernunft und braucht´s allein, nur tierischer als jedes Tier zu sein."
Hermann Hesse hatte dieses Verhältnis mit dem Geistigen und Weltlichen beschrieben. Karl Marx unterschied zwischen Bewußtheit und Spontaneität. Im Grunde war immer das Gleiche gemeint, und immer wieder wurde mit Bedauern festgestellt, daß das Tierische gegenüber dem Vernünftigen dominierte.
Bisher hatte ich mich immer mit der Lösung technischer Probleme beschäftigt. Da spielte diese Thematik keine große Rolle. Jetzt hatte ich mich mit Menschen auseinanderzusetzen. Damit bekam diese Problematik für mich eine wichtige Bedeutung.
Ich war nun zum ersten Mal mit Leitungsproblemen in der unteren Ebene konfrontiert. Wie konnte sich diese Problematik erst in einer höheren Leitungshirarchie darstellen. Meine Gedanken schweiften in die Politik ab. Hier war meiner Meinung nach besonders viel Verantwortungsbewußtsein, Idealismus und Gewissenhaftigkeit erforderlich. Wie konnten sonst die schwierigen Probleme unserer Zeit dauerhaft und zuverlässig gelöst werden. Ich hatte aber den Eindruck, daß gerade in diesem Personenkreis solche Eigenschaften fehlten. Unsere Elite setzte sich hauptsächlich aus Persönlichkeiten zusammen, die mehr von Trieben und Gefühlen wie Geltungsdrang, Ehrgeiz, Machthunger und Neid beherrscht wurden. Hier wurden Machtkämpfe bis aufs Messer geführt. Jedoch nicht nur die eigenen Gefühle bestimmten die Handlungsweise, sondern auch die Triebe der Rivalen. Sehr viel Energie und Zeit mußte verwendet werden, um sich gegen die Attacken der Gegner zu behaupten. Wer jedoch von solchen Gefühlen beherrscht wurde, der hatte eigentlich wenig Kraft und Zeit, um auch noch sachliche Entscheidungen treffen zu können. Geltungsdrang und Ehrgeiz konnten sogar einen extremen, also krankhaften Zustand annehmen. So war es denkbar, daß die mit mehr oder weniger Vernunft ausgestatteten Vertreter sogar von den noch stärkeren Leidenschaften einiger Geisteskranker beiseite gedrängt wurden, weil diese noch mehr Energie zur Befriedigung ihrer Triebe aufwandten. Daß der Geltungsdrang auch im Reich der Tiere eine wichtige Rolle spielte, bewiesen solche Gleichnisse wie Leithammel, Leitbulle oder Platzhirsch. Auch unter den Menschen waren derart abnorme Vertreter denkbar. Sie besaßen einen übertrieben ausgeprägten Geltungsdrang und suchten immer wieder das Bad in der Menge, um anerkannt zu werden. Diese Sucht konnte so groß werden, daß zu ihrer Befriedigung alle Register gezogen wurden. Hier war keine Zeit und kein Platz mehr, um sich mit irgend einer Aufgabe zu befassen, die zur Lösung der anstehenden Probleme führte. Hier ging es nur noch um den Kampf zur Selbstbehauptung, zur Sicherung der eigenen Position. Die Lösung der dringenden Aufgaben blieben auf der Strecke, und deshalb wuchsen die Bäume auch noch nie in den Himmel.
Auch in der Firma gab es Menschen, die etwas zu sagen haben wollten. Aber wären sie von krankhaften Ehrgeiz beherrscht, dann hätten sie sicher schon eine höhere politische Laufbahn eingeschlagen.
Der erste Monat galt als Probezeit. Frau Stark fiel als erste negativ auf, weil sie oft zu spät zur Arbeit erschien. Sie hatte wegen ihrer robusten Statur nicht gleich eine passende Regenjacke bekommen. Ich überzeugte sie, dass sie mit der größten Jacke, die es in der Firma gab, zufrieden war.
Eigentlich war sie am Anfang recht fleißig und brachte die Leistung, die man aufgrund ihrer Figur auch von ihr erwarten konnte. Sie konnte für schwerere Arbeiten eingesetzt werden. Deshalb hatte ich sie für die Entrümpelung und Entkrautung von stark verwilderten Geländeteilen vorgesehen. Dort machte sie sich auch an größere Holunderbüsche heran und war eine gute Hilfe. Manchmal stellte sie sich bockig, wie ein kleines Kind. Dann stellte sie sich hin, stützte ihre Hände in die Hüften und sagte: "Jetzt will ich nicht mehr!" Das empfand ich als weniger angenehm. Ich hatte ihr dann erklärt, daß nur die Zeit bezahlt werden könne, in der auch gearbeitet wurde. Das überzeugte sie, und so setzte sie ihre Arbeit fort.
Mit ihren etwas schiefen Zähnen und den auffällig blond gefärbten Haaren erntete sie nicht bei allen ihren Kollegen Sympathie. So wird es wohl auch bei meiner Sekretärin gewesen sein. An einem Freitag, als ich früh zur Leitungssitzung war, kam Frau Stark zu spät zur Arbeit. Meine Sekretärin stellte für mich die Anwesenheit fest. Als ich dann etwa drei Stunden später auf der Baustelle eintraf, berichtete sie mir, daß Frau Stark etwa eine halbe Stunde später gekommen war und sich nicht einmal entschuldigt hätte. Ich sah mich genötigt, der Sache nachzugehen. Ich überlegte, ob ich großzügig über diese Angelegenheit hinwegsehen wollte oder nicht. Andere Probleme ließen die Begebenheit zunächst in den Hintergrund treten. Die Bleistifteintragung in der Anwesenheitsliste erinnerte mich jedoch jeden Tag aufs Neue an diese offene Rechnung. Als Frau Stark dann wieder einmal bockte, entschloß ich mich, ihr diese halbe Stunde doch abzuziehen. Den Abzug hätte sie ja eventuell gar nicht gemerkt, wenn ich es ihr nicht gesagt hätte, um erzieherisch zu wirken. Außerdem wollte ich etwas gegen ihre Bockigkeit unternehmen. Im Beisein ihrer Arbeitskollegin, Frau Kraft, teilte ich ihr dies dann doch mit. Sofort wurde ich von beiden korrigiert. Es wäre nur eine Viertelstunde gewesen, und außerdem hätte sie sich auch entschuldigt. Ich mußte ihr aber erklären, daß sie sich unbedingt bei mir zu entschuldigen hatte. Ansonsten müßte ich mich nach den Informationen meiner Kollegen richten und es würde dann zu solchen Entscheidungen kommen. Wenn ich gewußt hätte, daß sie nur eine Viertelstunde später gekommen war, und wenn sie es mir rechtzeitig gesagt hätte, dann hätte ich ihr eventuell kein Geld abgezogen. Inzwischen hatte ich erfahren, daß nur ganze Stunden abgezogen werden konnten. So wurde aus einer Viertelstunde eine ganze Stunde. Das empfand sie als ungerecht. Ich versprach ihr, die Angelegenheit auf irgend eine Weise wieder in Ordnung zu bringen. Zunächst gab ich ihr der anstrengenden Arbeit entsprechend noch den dafür vorgesehenen Erschwerniszuschlag, um diesen Betrag wieder etwas auszugleichen. Das brachte ihr aber auch nicht viel, denn sie wurde bald krank, weil sie sich angeblich eine Rippe gebrochen hatte. Erschwerniszuschlag wurde aber nur für die Zeit berechnet, in der sie wirklich gearbeitet hatte. Und das war wegen der Krankschreibung nun mal nicht viel.
Während ihrer Krankheit kam sie mehrmals vorbei, und gab ihren Krankenschein ab. Kurz vor ihrer Genesung beantragte sie noch zwei Tage Urlaub, weil sie wieder gesund sein wollte, wenn das Begräbnis ihres Schwiegervaters sein würde. Aus all diesen Erfahrungen bildete ich mir die Meinung, daß sie wohl nicht viel von Arbeit halten würde. Deshalb überlegte ich, ob ich ihr den Urlaub genehmigen sollte. Nun gut, Herr Lehmann hatte ja sogar einen Tag Sonderurlaub bei einem ähnlich gelagerten Todesfall erhalten. Diese Genehmigung hatte ihm gleich am Anfang der Maßnahme mein übergeordneter Leiter gegeben. Sollte sie eben dann die beiden Tage bekommen. Irgendwann mußte der Urlaub ja sowieso in diesem Jahr genommen werden. Sie sollte aber noch öfters krank werden, und sie war auch noch für andere Überraschungen gut.
Gleich am zweiten Arbeitstag bekam ein Kollege aus meiner Truppe einen Tag Sonderurlaub. Diesen Urlaub gewährte noch mein übergeordneter Leiter, Herr Krieger gleich am ersten Tag der Maßnahme. In den ersten Tagen kannte ich sowieso noch keinen Arbeiter mit Namen. Ich mußte meine Leute schließlich erst kennenlernen. Sonderurlaub gab es bei einem Todesfall in der Familie. Ein solcher Fall sollte hier wohl vorgelegen haben. Als verantwortlicher Leiter wollte ich aber auch genau wissen, wie der Sachverhalt hier war. Deshalb ließ ich mir die Zusammenhänge von Herrn Lehmann noch einmal erklären. Ich konnte mir aber nach seinen Ausführungen auch keine endgültige Klarheit verschaffen. Es war wohl nicht sein leiblicher Vater gestorben, sondern sein Pflegevater. Und dieser war für ihn eben sein richtiger Vater. Deshalb bekam er wahrscheinlich auch nur einen Tag Sonderurlaub. Von Rechts wegen hätte ihm wahrscheinlich gar kein Sonderurlaub zugestanden. Das war mir aber egal, denn ich hatte diese Entscheidung nicht getroffen.
So schnell sollte ich meine Leute auch noch nicht mit Namen kennenlernen, denn ich hatte eine Sekretärin, der ich die Überprüfung der Anwesenheit übertrug. So lernte sie die Arbeiter schneller mit Namen kennen als ich.
Herr Lehmann schielte ein wenig. Wenn ich mich mit ihm unterhielt, wußte ich nicht genau in welches Auge ich bei ihm blicken sollte. Dieses Problem löste sich aber fast von selbst, denn ich mußte mich bald auch den anderen Kollegen widmen. Gleich in der zweiten Woche sollten vier Arbeiter in eine andere Meisterschaft delegiert werden. Dort sollten sie Erfahrungen beim Setzen von Rasenkantensteinen sammeln. Herr Lehmann war nach meinen Informationen vorher im Straßenbau tätig gewesen. Es bot sich also geradezu an, ihn dieser Gruppe zuzuordnen, damit er seine Vorkenntnisse wieder etwas auffrischen konnte.
Nach vierzehn Tagen wurde diese Gruppe von weiteren vier Kollegen abgelöst. Auf diese Weise hatte ich dann Herrn Lehmann wieder zurück. Der Meister aus dem anderen Meisterbereich äußerte sich lobend über die erste Gruppe und wollte eigentlich mit dieser Gruppe weiter arbeiten. Ich wollte aber noch einige andere Arbeiter für diese Tätigkeit anlernen lassen. Deshalb versprach ich ihm, eine gute Ersatzgruppe als Ablösung bereitzustellen. Nun gut, wenn der Herr Lehmann so gut war, dann wollte ich ihn in eine Gruppe bringen, in der die Arbeitsmoral nicht besonders hoch war. Es war die Gruppe, aus der ich später zwei Leute als Fahrer abstellen sollte. Die Fahrer warteten auf ihren Einsatz, und rissen sich deshalb nicht besonders um die Arbeit, die ich ihnen zuteilte.
Nach den zwei Wochen beschwerte sich Herr Lehmann bei mir über einen Kollegen der beim Steinesetzen seiner Meinung nach schon stinkend faul gewesen war. Daraus schloß ich, daß er der richtige Mann war, der diese lahme Truppe mit den Fahrern etwas mehr in Schwung bringen konnte. Mein Entschluß, ihn in diese Gruppe zu setzen, stand nach dieser Äußerung fest. Ich dachte, daß er einen positiven Einfluß auf die anderen ausüben würde.
Mein Optimismus währte aber nicht lange, denn ich lernte ihn bald besser kennen. Schon am nächsten Tag teilte er mir mit, daß er ein Problem hatte. Er lebte mit seiner Lebensgefährtin zusammen. Sie hatten nun insgesamt drei Kinder. Ein Kind war von ihm, während die anderen beiden Kinder von ihr stammten. Nun wollte er heute etwas früher gehen, weil er zur Polizei mußte. Die Polizei hatte angeblich nicht so lange geöffnet. Er wollte sich dort erkundigen, wo seine Tochter geblieben war. Er vermißte sie schon seit etwa zwei Wochen und machte sich große Sorgen.
Am nächsten Morgen kam er erst nach dem Frühstück. Er entschuldigte sich, indem er mir eine Vorladung von der Polizei vorlegte. Bei der Polizei erfuhr er, daß seine Tochter schon seit zwei Wochen in einem Heim lebte. Die Mutter wußte davon, hatte es ihm aber nicht erzählt. Das nahm er ihr nun wiederum übel. Es kam zum Streit und er beantragte bei mir gleich noch zwei Tage Urlaub, um sich um eine neue Wohnung kümmern zu können. Er wollte ausziehen, und sich von seiner Lebensgefährtin trennen. Die Tochter war nicht seine leibliche Tochter, sondern gehörte der Mutter. Sie wollte erst wieder zu ihrer Mutter zurückkommen, wenn der Stiefvater ausgezogen war. Die Tochter empfand ihn, den Stiefvater als zu streng.
Am Nachmittag kam Herr Krieger auf die Baustelle. Mit ihm konnte ich dieses Problem gleich erörtern. Er gab noch den guten Ratschlag, erst nur einen Urlaubstag zu nehmen und dann je nach Situation und Anforderung zu entscheiden. So wurde dann auch verfahren.
Am darauf folgenden Tag hatte sich die Situation schon wieder geändert. Nun legte er mir einen Krankenschein für den Sohn seiner Lebensgefährtin vor. Er teilte mir mit, daß seine Lebensgefährtin eine feste Anstellung hatte, und daß er deshalb die Pflege des Kindes übernehmen wollte. Ich zeigte diesen Zettel wiederum Herrn Krieger, der mir die Situation erklärte. Bei Pflege des Kindes wegen Krankheit bezahlte nicht der Betrieb, sondern die Krankenkasse. Deshalb wurde der Krankenschein nur kopiert und dann mit den entsprechenden Hinweisen an Herrn Lehmann zurückgegeben. Der Schein mußte in der Krankenkasse abgegeben werden, weil in diesem Fall die Krankenkasse das Krankengeld bezahlte. Herr Lehmann kannte diesen Sachverhalt schon und handelte entsprechend. Nach einigen Tagen brachte er noch eine Verlängerung des Krankenscheines. Nachdem der Junge dann doch bald wieder gesund war, begrüßte ich Herrn Lehmann endlich wieder, und wollte mich gerade auf unser Wiedersehen freuen, als ich einen Verband an der rechten Hand entdeckte. Er war nun selbst krank geschrieben, weil er sich eine Zerrung am rechten Unterarm zugezogen hatte. Der Verband wirkte sehr überzeugend. Meine Meinung über ihn war nun nicht mehr so positiv. Ich war neugierig, was er sich noch alles einfallen lassen würde, um diese Maßnahme über die Zeit zu bringen.
In der folgenden Woche kam Herr Lehmann und brachte die Verlängerung des Krankenscheins. Er teilte mir mit, daß der Gelenkknochen der rechten Hand einen Haarriß aufwies. Der Krankenschein wurde auf weitere zwei Wochen verlängert. Er fehlte dann noch eine ganze Weile.
Einmal erzählte er mir, daß er bisher elf Jahre im Knast zugebracht hatte. Nun wollte er sich aber in Zukunft zusammenreißen, weil er von dieser Lebensart genug hatte. Ich hatte aber das Gefühl, daß ihn das Leben im Knast doch deutlich geprägt hatte. Er neigte immer dazu, sich vor der Arbeit zu drücken und mit dem Rücken an die Wand zu kommen. Dabei suchte er sich auch Sonderaufgaben, die ihm dazu dienten, sich die Arbeitszeit angenehmer zu gestalten. So erklärte er sich bereit, vor den Pausen etwas früher Schluß zu machen, um für die anderen Kollegen Kaffee zu kochen. Wenn ich jemanden für Sonderaufgaben suchte, konnte ich auch oft auf ihn zurückgreifen, weil er sich von diesen Arbeiten oft Vorteile versprach.
Frau Klein war unsere kleinste Kollegin. Sie machte auch gleich am ersten Tag bei der Einkleidung auf sich aufmerksam. Schuhgröße fünfunddreißig war in der Arbeitswelt einfach nicht vorgesehen. Auch die kleinste, vorhandenen Arbeitsbekleidung war für sie viel zu groß. Sie war auch nicht auf die Klappe gefallen, und machte sich immer sehr deutlich verständlich.
In den ersten Tagen gab sie mir einen Antrag für eine Verdienst-Bescheinigung. Sie brauchte diese, um einen Wohngeldantrag stellen zu können. Ohne Verdienstbescheinigung konnte über diesen Antrag nicht entschieden werden. Da die Lohnberechnung und die Auszahlung erst am Monatsende erfolgte, konnte diese Bescheinigung auch erst am Anfang des nächsten Monats ausgestellt werden. Sie mußte sich also noch etwas gedulden, weil wir noch keinen vollen Monat gearbeitet hatten. Doch sie war nicht die einzige, die eine solche Bescheinigung brauchte.
Bei dieser Gelegenheit kam natürlich wieder ihr Bekleidungsproblem zur Sprache. Bisher benutzte sie ihre eigenen Sachen. Da ich dies als ungerecht empfand, versprach ich ihr, mich solange darum zu kümmern, bis auch sie ihre Arbeitsbekleidung bekommen hatte. Sie brachte ihre Freude zum Ausdruck, daß sie endlich wieder eine Arbeitsstelle hatte. Sie informierte mich bei dieser Gelegenheit darüber, daß sie wegen der Neigung zu Knochenhautentzündung öfters Gelenkschmerzen hatte. Als ich aber dann in Frage stellte, ob diese schwere Arbeit dann für sie nicht das Richtige sei, protestierte sie energisch. Es würde sie fertigmachen, wenn sie keine Arbeit hätte. Sie würde zu Hause schon Depressionen bekommen haben. Nun gut, ich wollte diese Informationen nach Möglichkeit bei der Verteilung der Arbeit berücksichtigen. Sie mußte ja nicht immer die schwere Grabearbeit machen. Es mußte ja auch geharkt werden. Und es gab bestimmt auch immer leichtere Arbeit, die zu erledigen war.
Einmal kam sie schon einige Minuten später. Das sagte mir die Sekretärin, die ich bis dahin noch hatte. Ich sah erst einmal darüber hinweg. Wenn es eine einmalige Sache war, dann war das für mich erledigt.
Einige Tage später kam sie auf mich zu und stellte die Frage, ob sie heute etwas früher gehen könnte. Ich fragte sie nach dem Grund. Daraufhin erfuhr ich, daß sie gerade die Fahrschule begonnen hatte. Sie konnte ja nicht wissen, daß sie kurz danach eine Arbeitsstelle erhalten würde. Das konnte ich nachvollziehen, weil ich mich auch sehr kurzfristig auf diese Arbeit einstellen mußte. Ich fragte sie, ob das dann öfters sein würde. Sie bestätigte das. Damit kam ich in Verlegenheit. Ich bat mir Bedenkzeit aus. Einmal ließ ich sie früher gehen, sagte ihr aber, daß das den anderen gegenüber ungerecht war. Daraufhin schlug sie vor, einen Tag Urlaub zu nehmen, den sie dann Stundenweise abstottern wollte. Das schien mir eine praktikable Lösung zu sein. Ich fand diesen Vorschlag gut und sagte ihr das. Ein paar Tage später sagte sie mir, daß sie die Fahrschule auch später beginnen könne. So erledigte sich dieses Problem durch langes Liegenlassen.
Ich stand nun vor der Aufgabe, zwei Arbeiter für einen Arbeitsschutz-Lehrgang auszuwählen. Frau Klein schien mir dafür sehr geeignet zu sein. Ich sprach sie daraufhin an, und mußte leichte Überzeugungsarbeit leisten. Das war jedenfalls keine schwere Arbeit und brachte ihr eine Woche Erholung von der körperlich anstrengenden Tätigkeit. Schließlich willigte sie ein.
Einige Wochen später hörte ich kurz vor Feierabend eine weibliche Stimme, die sich gerade von den anderen verabschiedete. Sie sagte daß sie schon losfahren würde, weil sie dann früher bei der Fahrschule sein würde. Und weg war sie. Ich ging sofort zu den anderen Frauen und fragte, wer da eben früher gegangen war. Die anderen Frauen riefen im Chor, daß es Frau Klein war. Ich sagte, daß das aber nicht so weitergehen konnte.
Am nächsten Morgen stellte ich sie deswegen zur Rede. Ich erklärte ihr, daß ich das nicht dulden konnte, weil dann alle anderen auch die gleichen Rechte beanspruchen konnten. Die Disziplin wollte ich aber unbedingt einhalten. In einer so großen Gruppe würde sonst bald jeder machen, was er für richtig hielt. Ich wollte von vorn herein vermeiden, daß mir die ganze Truppe entgleiten würde und befürchtete, daß ich dann immer größere Schwierigkeiten bekommen würde. Sie hörte sich meine Ausführungen geduldig an und versprach, so etwas nie wieder zu machen.
Dann fuhr sie mit einer anderen Kollegin, Frau Albrecht, zum Arbeitsschutzlehrgang. Frau Albrecht war für eine Kollegin aus einem anderen Meisterbereich eingesprungen. Diese Frau konnte nicht fahren, weil sie unverhofft krank geworden war. Nun freuten sich beide, daß sie zusammen dort hinfahren konnten.
In der Gruppe von Frau Klein arbeitete auch Frau Unger. Die ganze Gruppe verstand sich untereinander sehr gut. Deshalb baten sie mich auch darum, als Gruppe zusammen bleiben zu können. Ich sagte, daß das nicht immer möglich sein wird. Solange sie aber so gut arbeiten würden, sollten sie zusammen bleiben können. Warum sollte ich auch das zerstören, was gut funktionierte.
Frau Unger gehörte auch zu denen, die gleich am Anfang auf sich aufmerksam machten. Sie arbeitete sehr fleißig und nahm sich auch die schwerere Arbeit mit dem Spaten vor. Bei jedem Spatenstich stieß sie einen leisen Schrei aus. Sie hatte anscheinend Angst, daß sie diese Arbeit eventuell verlieren könnte. Bald erzählte sie, daß Ihr Mann auch schon in einer ABM-Maßnahme gearbeitet hatte. Als er nur kurze Zeit krank war, wurde er wieder entlassen. So etwas sollte ihr nicht passieren. Ich konnte mir das nicht vorstellen, sagte aber nichts weiter dazu.
Nach etwa drei Wochen bat sie um einen Tag Urlaub. Da festgelegt worden war, daß es im ersten Monat noch keinen Urlaub geben sollte, fragte ich nach dem Grund. Daraufhin erfuhr ich, daß die Polizei ihren Sohn inhaftiert hatte. Nun wollte sie ihn in der Haftanstalt besuchen, um ihm die wichtigsten Dinge zu bringen. Ihr Junge war schon vierundzwanzig Jahre alt und hatte nur dummes Zeug im Kopf. Er stellte andauernd nur Blödsinn an. Ach ja, sie hatte immer wieder neue Sorgen mit ihm. Da sie bisher immer gut gearbeitet hatte, drückte ich ein Auge zu und genehmigte ihr den Tag Urlaub.
Als sie wieder zur Arbeit erschien, erzählte sie mir, daß ihr Sohn bei einer Überprüfung geschnappt worden war. Er hatte eine Geldstrafe von mehr als tausend Mark zu begleichen. Das hatte er aber bis dahin noch nicht getan. Nun wollte sie ihr sauer verdientes Geld sparen, damit sie ihren Sohn wieder aus der Haftanstalt auslösen konnte. Ich meinte, daß das nicht der richtige Weg war. Der Junge war alt genug, um sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen zu können. Und wenn er das machen würde, dann hätte er auch weniger Zeit für seine Eskapaden. Gleichzeitig würde er bei der Gelegenheit erkennen, daß es viel schwieriger war, einen Schaden zu beseitigen als einen anzurichten. Irgendwann einmal sollte jeder mit dem Ernst des Lebens konfrontiert werden, um die Erfahrungen machen zu können, die ihn zur Vernunft bringen. Aus Schaden sollte man ja bekanntlich klug werden.
Nach der Probezeit beklagte sie sich über Schmerzen im Rücken. Sie wollte nach der Arbeit zum Arzt gehen.
Herr Hinze war ein recht großer und kräftiger Mann. Ich kannte ihn von früher, als wir beide noch im gleichen Betrieb arbeiteten. Ich glaubte, daß er in einer Werkstatt arbeitete, in der elektromechanische Geräte hergestellt wurden. Damals hatte ich nur einmal kurz mit ihm Kontakt. Ich brauchte über ein Gerät einige Informationen und erkundigte mich bei ihm darüber.
Früher hatte er mit Lötkolben und Pinzette gearbeitet. Nun sollte er also mit Hacke und Spaten umgehen. Er bildete eine Gruppe mit den zwei anderen Kollegen, die später als Kraftfahrer eingesetzt werden sollten. Die Mitglieder dieser Gruppe hatten sich anscheinend gesucht und gefunden. Hinsichtlich ihrer Arbeitseinstellung hatten sie jedenfalls eine ähnliche Auffassung.
