Die Mitteldeutschen Predigten - Tobias A. Kemper - E-Book

Die Mitteldeutschen Predigten E-Book

Tobias A. Kemper

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Beschreibung

Untersuchung und Edition der "Mitteldeutschen Predigten", einer deutschsprachigen Sammlung von Heiligenpredigten aus dem 12. Jahrhundert. Ein Teil der Predigten ist die früheste Übersetzung der "Virtutes Apostolorum", einer Sammlung apokrypher Apostelviten.

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Seitenzahl: 373

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Tobias A. Kemper

Die Mitteldeutschen Predigten

Hagiographie und Historiographiein der Volkssprache

© 2022 Tobias A. Kemper

[email protected]

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback 978-3-347-58085-5

Hardcover 978-3-347-58086-2

e-Book 978-3-347-58087-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Die Überlieferung der „Mitteldeutschen Predigten“

Der Umfang der Sammlung

Quellen und Vorlagen

Texte

1 Stephanus (26. Dezember)

2 Johannes Evangelist (27. Dezember)

3 Unschuldige Kinder (28. Dezember)

4 Pauli Bekehrung (25. Januar)

5 Mariä Opferung (2. Februar)

6 Petri Stuhlfeier (22. Februar)

7 Matthias (24. Februar)

8 In capite ieiunii (Februar)

9 Mariä Verkündigung (25. März)

10 Cena Domini

11 Ostern

12 Georg (23. April)

13 Litania Gregoriana (25. April)

14 Philippus und Jacobus (1. Mai)

15 Kreuzauffindung (3. Mai)

16 Christi Himmelfahrt

17 Pfingsten

18 Dominica III?

19 Dominica IV

20 Johannes Baptist (24. Juni)

21 Peter und Paul (29. Juni)

22 Maria Magdalena (22. Juli)

23 Jacobus maior (25. Juli)

24 Petri Ketten (1. August)

25 Laurentius (10. August)

26 Mariä Himmelfahrt (15. August)

27 Bartholomäus (24. August)

28 Mariä Geburt (8. September)

29 Kreuzerhöhung (14. September)

30 Matthäus (21. September)

31 Kirchweih (29. September)

32 Michael (29. September)

33 Simon und Judas (28. Oktober)

34 Allerheiligen (1. November)

35 Allerseelen (2. November)

36 Martin (11. November)

37 Katharina (25. November)

38 Andreas (30. November)

39 Nikolaus (6. Dezember)

40 Thomas (21. Dezember)

Quellen und Literatur

Vorwort

Die „Mitteldeutschen Predigten“ habe ich vor bald 30 Jahren kennengelernt, als ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Studentische Hilfskraft und später als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bonn am Lehrstuhl von Herrn Prof. Thomas Klein bzw. im Projekt „Mittelhochdeutsche Grammatik“ tätig war. Damals war ich daran beteiligt, die Fragmente des 13. Jahrhunderts zu kollationieren und für die weitere grammatikographische Auswertung aufzubereiten. Die intensive Beschäftigung mit der Überlieferung und den Schreibsprachen der Fragmente führte rasch zu einem weitergehenden Interesse für diese Predigtsammlung, zu einer vertieften Beschäftigung mit der Textgeschichte und der Überlieferung und zu einer intensiven Suche nach möglichen Vorlagen für die einzelnen Predigten. Dabei stellte sich schließlich heraus, dass es sich bei den Apostellegenden der „Mitteldeutschen Predigten“ um eine Übersetzung einer apokryphen lateinischen Apostelgeschichte, der „Virtutes apostolorum“, handelt.

Leider war es mir während meiner damaligen Tätigkeit wegen der Beschäftigung mit anderen Themen und Aufgaben nicht möglich, die Forschungen so zu Ende zu führen, wie ich mir das ursprünglich vorgestellt habe. Mittlerweile bin ich seit über 16 Jahren beruflich nicht mehr in der Altgermanistik tätig, und damit die Bibliotheksreisen zur Autopsie der Fragmente, die Transkription der Vollhandschriften des 15. Jahrhunderts und die Suche nach möglichen lateinischen Vorlagen nicht umsonst waren, möchte ich meine langjährige Beschäftigung mit den „Mitteldeutschen Predigten“ zu einem gewissen Abschluss bringen. Daher veröffentliche ich nun meine Erkenntnisse zur Textgeschichte und den Vorlagen und gebe die Fragmentüberlieferung des 13. Jahrhunderts und den Text der Berliner Handschrift des 15. Jahrhunderts im Paralleldruck heraus.

Dabei kann es selbstverständlich nicht der Anspruch sein, eine umfassende oder gar abschließende Forschung zu den „Mitteldeutschen Predigten“ und eine textkritische Edition aller wesentlichen Textzeugen vorzulegen; wohl aber ist damit die Hoffnung verbunden, dass die Veröffentlichung dazu beiträgt, weitergehende Forschungen zu diesen außerordentlich interessanten Texten anzuregen und weitere Textzeugen zu identifizieren, die bislang mangels Vergleichsmöglichkeiten nicht den „Mitteldeutschen Predigten“ zugeordnet werden können.

Die Entscheidung für die Veröffentlichung auf dem Wege der Selbstveröffentlichung („Self-Publishing“) im Verlag Tredition und nicht in einer in der Altgermanistik anerkannten Publikationsreihe ist rein arbeitspragmatisch begründet. Eine Begutachtung im Rahmen eines Peer-review-Verfahrens würde vielleicht wichtige Hinweise oder Anregungen ergeben oder weitere Forschungen zu Detailfragen anregen oder einfordern; die Veröffentlichung in einem auf Editionen spezialisierten Verlag hätte einen professionellen Drucksatz mit einem richtigen textkritischen Apparat anstelle einfacher Fußnoten ermöglicht. Das Durchlaufen eines solchen Begutachtungsverfahrens und die arbeitsintensive Drucklegung nach den Vorgaben eines Verlages sind aber angesichts anderweitiger beruflicher und familiärer Verpflichtungen schlicht zu aufwendig.

In einer Zeit, in der an manchen Universitäten die Beurteilung einer wissenschaftlichen Arbeit auch am richtigen Gebrauch von Gendersternchen oder anderen Formen einer „gendersensiblen“ Sprache hängt, sichert die Selbstveröffentlichung aber auch die Freiheit des Verfassers.

Mein Dank gilt Herrn Prof. Thomas Klein, der mich seinerzeit mit den „Mitteldeutschen Predigten“ bekanntgemacht und es mir auch ermöglicht hat, im Wintersemester 2003/04 an der Universität Bonn ein Proseminar zu dieser Überlieferungsgruppe zu unterrichten. Ich danke auch allen meinen früheren Kolleginnen und Kollegen, die im Projekt „Mittelhochdeutsche Grammatik“ in unterschiedlicher Weise an der Transkription, der Kollationierung oder der sprachhistorischen Auswertung der Fragmente beteiligt waren. Die abschließende Kollationierung aller Textzeugen – zum Teil anhand der Originale – habe aber allein ich zu verantworten, ebenso alle eventuell verbliebenen Fehler oder Versehen.

Texte

Im Folgenden wird dem Text der Berliner Handschrift Be aus dem 15. Jahrhundert, die den besten und vollständigsten Text der Vollhandschriften überliefert, links die Fragmentüberlieferung des 13. Jahrhunderts rechts synoptisch gegenübergestellt. Die Textreihenfolge richtet sich nach Be, das heißt die Sammlung beginnt mit Stephanus (26. Dezember) und endet mit Thomas (21. Dezember). Nicht abgedruckt werden die Predigt auf Vitus und die Namensetymologien der Apostel, die sich nur in Be, aber nicht in den anderen Vollhandschriften finden und die nicht zur ursprünglichen Sammlung gehören.

Zur Texteinrichtung:

Der Text der Fragmente wird buchstabengetreu wiedergegeben. Das bedeutet im Einzelnen:

▪ Abbreviaturen werden nicht aufgelöst.

▪ Das Schaft-s ist beibehalten.

▪ Senkrechte Striche markieren den Zeilenwechsel in der Vorlage, die Seitenzahlen in Schweifklammern den Seiten- und ggf. Spaltenwechsel.

▪ Nur schlecht oder teilweise lesbare Wörter oder Buchstaben sind kursiv gesetzt.

▪ Nicht mehr lesbare, aber zu erschließende Wörter oder Buchstaben sind durch einfache eckige Klammern […] gekennzeichnet

▪ Textverlust, etwa durch Beschnitt, oder vom Schreiber irrtümlich ausgelassene Wörter oder Buchstaben stehen in kursivierten eckigen Klammern […], ggf. mit Rekonstruktion des fehlenden Textes ebenfalls in Kursivschrift.

Der Text der Berliner Handschrift dient als Lesetext. Auch er wird im Wesentlichen buchstabengetreu abgedruckt. Die folgenden Eingriffe dienen der besseren Lesbarkeit:

▪ Das Schaft-s wird als Rund-s wiedergegeben.

▪ Die wenigen Abbreviaturen (Nasalstriche und Abbreviaturen in den lateinischen Initien und Zitaten) werden stillschweigend aufgelöst.

▪ <i>und <j> im Anlaut werden nach dem Lautwert unterschieden. Das betrifft vor allem Wörter wie jch „ich“ und jn „in“, wo die Unterlänge offensichtlich nur die Funktion hat, das <i>von den Folgebuchstaben deutlich zu trennen. Die vereinzelt verwendete Schreibung <ij> für den Langmonophthong /ī/ oder Diphthong /ei/ (vor allem in zijt) bleibt erhalten.

▪ Die Groß- und Kleinschreibung wird ausgeglichen: Eigennamen werden zur Verdeutlichung auch gegen die Handschrift immer mit einem Großbuchstaben geschrieben. Vereinzelte Majuskeln in der Handschrift im Satz (vor allem Do als Nebensatzeinleitung und das Wort E „Gesetz“) werden mit Kleinbuchstaben wiedergegeben. Großbuchstaben werden außerdem verwendet für das erste Wort der Überschrift, für die Initiale des Initiums und den Beginn des Predigttextes.

▪ Superskripte über <u> (meist als Trema <ü>, seltener durch superskribiertes <e>), die keine Umlautmarkierung darstellen, werden nicht wiedergegeben.

▪ Die festen Verbalpräfixe zu „zer-“ und wider werden an das Verb angeschlossen (zustoren und widerfarn statt zu storen und wider farn). Eindeutige Nominalkomposita werden zusammengeschrieben (rathus statt rat hus), außerdem Ländernamen mit einem ursprünglichen vorangestellten Genitiv wie Egyptenland (statt Egypten land) und Kriechenland (statt kriechen land). Alle diese Eingriffe werden in Fußnoten dokumentiert. Ansonsten folgt die Getrennt- und Zusammenschreibung der Vorlage.

▪ Eingriffe in den Text erfolgen nur äußerst zurückhaltend, wenn offensichtliche Fehler vorliegen, die auch das Verständnis beeinträchtigen. Besserungen sind durch <…> markiert und werden in Fußnoten dokumentiert. Selten notwendige Ergänzungen von fehlenden Wörtern erfolgen in eckigen Klammern. Ungewöhnliche Schreibungen oder graphonematische Besonderheiten werden nicht korrigiert. Im mittelhochdeutschen Schreibgebrauch noch selten, in frühneuhochdeutschen Handschriften häufiger zu beobachten ist die Anfügung von -e in der 3. Pers. Sing. Ind. Prät. der starken Verben (hieze, rieffe, ließe statt hiez, rief, liez); seltener zeigt die Handschrift enklitisches -e auch in anderen Positionen und bei anderen Wortarten (daz golte, eyne eynig kint).

▪ Die Lesarten der anderen Vollhandschriften des 15. Jahrhunderts sind nicht systematisch dokumentiert; nur in Einzelfällen wird darauf verwiesen.

▪ Der Text wird durch eine Interpunktion gegliedert, die sich an den heutigen Zeichensetzungsregeln orientiert. Abweichend davon wird auf ein Komma beim linksversetzten Subjekt mit folgendem Korrelat (sanctus Paulus der hiez zu dem ersten Saulus; der gude sant Jacob der hiez die doden uff sten) verzichtet, ebenso auf die Kennzeichnung der wörtlichen Rede durch Anführungszeichen.

▪ Seitenzahlen in Schweifklammern markieren den Seitenwechsel in der Handschrift. Der Zeilenwechsel wird nicht gekennzeichnet.

1 Stephanus (26. Dezember)

Initium:Elegerunt Apostoli Stephanum diaconum, plenum fide et Spiritu Sancto – Offertorium des Festes St. Stephanus nach Act 6,5 (vgl. Graduale triplex 634).

Vorlage / Quellen: Die Steinigung des Stephanus wird im Anschluss an Act 7 erzählt. Das Begräbnis von Stephanus, Nicodemus, Gamaliel und Abibon an einem gemeinsamen Ort geht direkt oder indirekt auf die lateinische Fassung der „Revelatio Stephani“ zurück (Edition: VANDERLINDEN 1946; vgl. dazu DOCHHORN 2020). Erwähnt wird außerdem die Translation der Reliquien nach S. Lorenzo fuori le mura im Jahr 560.

Be, fol. 251r–252r

Fragment Wü, fol. 3r

{251r} Elegerunt apostoli Stephanum etc. Wir begen hude dag vnde hochgezijt des guden heren Sant Stephans, der der erste merteler waz, der synen lip gap zu marteln durch die liebe vnsers heren Jhesu Cristi. den erwelten die zwolff apostolen zu eyme dyaken vnde wyheten yne zu eyme ewangelier vnd er waz vol genaden des heiligen geistes vnd des heiligen glaubens.

{3r} De scō Stephano. | Eleger̅t apl'i ſtephanū diaconū uirū plenū ſp̄u ſcō 7 fide. Liebin iz iſt hinaht | d' tac deſ gutin ſcē ſtephaniſ d' iſt d' erſte mertirere d' ſinin lip [ce marte]|re gap durch unſiſ h'rin nam̄. Den irwelitin die zwelif apl'i un̄ wiethin in [cu]|me diacono d' waſ uol deſ heiligin geiſtiſ un̄ deſ geloubin.

do er do begunde dye juden zu straffen vmb ir vnrecht, wan sie vnserm heren vnde der heiligen schrifft wydder waren, do saczten sich die meyster in der judescheit wider in vnd begunden mit yme zu dispoteren vnd sie enmochten yn nit uberkomen12, wan die godes wisheit waz in yme vnd der heilige geist sprach vßer ym. do die juden daz gesahen, do wurden sie zornig vnde {251v} sprachen ym gar vbel. vnd do er vnder yn stund, do sach er den hymel offen vnd sache vnsern heren Jhesum Cristum sten zu synes vater rechten hant yme zu helffen. do er yn daz gesagete, do stuppeten sye ir oren vnd enmochten ez nit gehoren, daz er yn sagete, vnd stißen yn vßer der stait vnde lieffen vnd holten steyne in eyner bach, die hieß Cedron, vnd steynten in.

Do h' die iudin | begonde ce berefsine umir unrecht. wande ſie ungeloubic warin unſ[i]me | h'rin un̄ d' heiligin ſchrifte do ſaminitin ſich die iudin die die buch wole kō|din un̄ begondin mit ime diſpitierne un̄ nemochtin in nicheine wiſ wie|dir rede wande die gotiſ wiſheit waſ in ime un̄ d' heilige geiſt ſpach uz ime. Do | die iudin daz geſan do ce ſlizzin ſich ir h'cin un̄ griſgrammitin in an mit […] | […] | […]

diß meisterte alles eyn jungeling, der hieß Saulus vnd ward sieder genand der gude sand Paulus. vnd der waz dannoch vnglaubig vnd der hielt den juden ir kleider dye wile, daz sie yn steynten, daz sie des gereyter weren, yn zu steynen. do sie yn do gesteynten, do ryffe er vnsern heren an vnd sprach: here Jhesu Criste, enphahe mynen geist vnd myne sele! vnd viel nyder uff syne knewe vnd bate vnsern heren vor syne vynde, die yn gesteynt hatten, daz er iz yn vorgebe. des gebetis genoiß der gude here sanctus Paulus vnd ward sieder bekert.

 

do sant Stephan sin gebet hatte gedan, do entsliffe er in dem almechtigen got. der slaiffe waz nit anders, dan er vil suße gesliffe, vnd verschiet von der werlde. den heiligen licham den bewarten die heiligen engele vor den hunden vnd vor den vogeln bit daz er begraben ward von zweyn heiliger man. dye furten in off ir eygen von der staid Jherusalem. der eyn hieße Gamaliel, der ander hieß Nycodemus, {252r} der vnsern heren Jhesum Cristum auch halffe begraben.

 

die selben zwen heren wurden sieder begraben vnd eyn jungeling mit in, der hieß Abibon, bie dem guden sand Stephan. dar nach lagen sie nach vnsers heren gebord vnd nach syner martel, bit die cristenheit wart wol gevestenet, daz waz wol vmb dru hundert jar, vnd wurden do geoffenet eyme heilgen man Luciano vnd wurden erhaben. vnd der keiser Justianus der furd sant Stephans gebeyne mit ym zu Constantinopolim vnd dannen qwam er sieder gen Rome vnd lyet bei sente Laurencien.

 

Nu sullen wir wißen vnd merken, daz wir hude den dag begen, daz der gude send Stephan gemartelt ward, aber in dem augst so begen wir den dag, daz syn heilig gebeyn funden ward. lieben kinder, diz ist der erste merteler, den die heilige cristenheit ert, vnd hait vns geleret vnd hat vns bilde gegeben, wie wir den sullen vergeben, die vns ubel dunt, wan er den vergap, die im den dot an daden

[…] {3v} odir warūme. daz were u lanc ceſagine. wene daz suldir merkin un̄ wizze daz | [w]ir hiute den tac biegen daz h' gemartirt wart. Inme sumire in dem ouwiſte | ſo bege wir den tac daz ſin heilige gebeine fundin wart. Liebin dit iſt d' erſte m'|tirere den die ciſtinheit erit d' iſt uenir da ce hiemele deſ grozin heriſ d' heiligin | mertirere. d' hat unſich gelart wie wir die warin minne ceinandir ſulin han | ioh ſan ce den die unſ ubile miete uarin. wander for ſie bat diedin da steini|tin. O wie wie ſere ſin h'ce bran in d' warin gotiſ minne un̄ in d' brudirlichin | minne. Da h' den tot ane ſach. un̄ ſiniſ ſmercin da uirgaz. un̄ d' h'tin ſteine un̄ | gnadin bat unſin h'rin ūme die uil arm̄ die ime den tot tatin.

den ruffent hude an, daz er vnsern heren vor vns bede, daz wir nummer von yme gescheyden. amen.

Liebin den rufit | hiute an daz h' u helfe wanderz wole getun mac um unſin h'rin daz h' behal|de lip un̄ ſele. Ip̄o p̄ſtante qi ū 7 r.

12 uberkomen: uber komen.

2 Johannes Evangelist (27. Dezember)

Initium:Joannes, apostolus et evangelista, virgo est electus a Domino, atque inter ceteros magis dilectus. – Antiphon des Festes Johannes Evangelist (vgl. Corpus Antiphonalium Officii Nr. 3494).

Vorlage: Virtutes apostolorum V (Passio Iohannis, Kap. 1, 2, 4, 6–9); Ausgabe: JUNOD/KAESTLI 1983, 750–834; vgl. Clavis apocryphorum Novi Testamenti, Nr. 219 (mit weiterer Lit.); SCHÄFERDIEK 1985.

Be, fol. 252v–255v

Fragmente Wü und Fr

 

Fragment Wü, fol. 3v–4v

{252v} Johannes apostolus et ewangelista virgo est electa a domino etc

{3v} Joh'iſ apl'i 7 evangeliſte. | Ioh'eſ apl's et evageliſta uirgo ē elect9 a dn̄o atq; int' cet'oſ magiſ dilect9.

Wir begen hude dag vnd hochgezijt des guden heren sand Johans Ewangelisten, der vnsers heren heymlicher frund waz, vnd vnser here ym gunde, daz er entslieffe uf sinen brusten des nachtes, do vnser here zu syner martel solde gen vnd synen frunden offente manich große gnade. der selbe godis frund der waz eyn ewige maget vnde vnser here Jhesus Cristus befale yme syne liebe muder, do er an dem crucze hing, vnd plag ir auch zu dyenst die wile, daz sie lebete.

Liebin hiu|de iſt d' tac deſ gutin ſcē ioh'is evangeliſtin d' unſiſ h'rin trut waſ. deme unſe | h're deſ gonde daz h' intſlief ufe ſinin bruſtin. deſ nachtiſ do unſe h're ce | ſinir merate ſaz un̄ ſinin iungerin iroffinte ſine touginheit. D' ſelbe gotiſ | trut d' waſ ein ewic magit dem beualch unſe h're ſine mutir do h' anme | […]

do sie do gestarp vnd vnser here sie do zu genaden nam, do fur er in Kriechenland13 vnd prediget da daz gotes word in Asia Minori vnd bekerte do daz volk zu dem cristen glauben vnd machte alda sieben bisthum, die her nach geschrieben stand mit namen: Philadelfiam, <Thya>tyram14, Laodiciam, Pergam<v>m15, Sardim, Smyrnam et Ephesum.

 

dar vmb hieße yn vahen Domicianus, der keyser von Rome, vnd der selbe Domicianus waz eyn verstorer der heiligen cristenheid. do er sanctum Johannem gefing, do hieße er yn furen zu Rome vnd hieße en werffen in eyn zober vol syedendis oleys. vnd daz geschach vor eyner porten zu Rome, die hieße Porta Latina, vnd dem lieben sante Johans dem enschait daz heiße wallende oley nit.

 

do ym diße nit enschait, do hieße yn der keyser versenden jhensit meris in eyn land vnd daz {253r} waz zu male eyn wilde land vnd hieß Pathmos. Syder daz der gude sant Johans dar qwam, so ward daz wilde land gebeßert vnd da wusche korn vnd wyn vnd allerley frucht ynne. vnd in dem selben lande die wile, daz sand Johans do yn waz, so offende yme vnser here syne heymelickeit vnd er schreip da yn daz buche, daz wir16 nennen zu latin Apocalipsi Johannis. do der keyser do erslagen ward von den Romern, do ward nach yme eyne ander keiser gesaczt, der hieß Nero, der ließ sanctum Johannem vßer dem lande vnd vßer dem gefengeniße. do er wieder zu Epheso [qwam]17, daz ist daz siebende bistum vnd heyßt nu Salogus, vnd bekerte do daz volck, vnd do schreyp er daz ewangelium in dem anebegyn waz daz word vnd det do manich große zeichen.

 

er bekerte do dry jungelinge, die ließen alle ir gud durch syn predigat willen, die sie horten von yme, vnd daden bose kleyder an durch vnsern heren. czu eynem male sagen sie ir gesellen in pellen vnd in vellen gen gekleydet. do bestund sie zu ruwen ir gut, daz sie durch god uff gegeben hatten, von des dufels gereyte. daz merket der gude sand Johans balde von den gnaden des heiligen geistis vnd sprach zu yn: war vmb missehabent ir uch? ruwit uch, daz ir uwir gut gegeben hand vmb daz ewige leben vnd vmb den ewigen richtum, des nummer ende enwirt? ist iz uch abir leit, uwer gut {253v} mag uch noch wol wieder werden, aber godes fruntschafft sollent ir ewiclichen dar vmb verliesen. vnd er sprach zu yn: gent und hauwent mir slecht gerten vnd holent mir kieselinge von des meres staden. do sie daz gedaden, do det er syn gebet dar uber vnd zu hant ward daz holcz zu golde vnd die kyeselinge zu edelm gutem gesteyne. vnd sanctus Johannes sprach zu yn: nu geent zu den goltsmyden18 vnd laßt uch daz golt versuchen vnd daz gesteyn, obe ez uch nucze sie. ist ez uch nucz, so verkaufft ez vnd gewynnet uwer gud wieder. vnd sie gingen zu den goltsmyden19. do sprachen sie, daz nye beßer