Die Mondsteindiät - Dirk Christofczik - E-Book

Die Mondsteindiät E-Book

Dirk Christofczik

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Beschreibung

Der Hartz IV Empfänger Karl Eyck zieht verzweifelten Übergewichtigen das Geld aus der Tasche, indem er einen gefundenen Meteoriten als seltenen Mondstein bewirbt und diesen als Wunderwaffe gegen Fettsucht verkauft. Überraschenderweise verlieren seine Kunden tatsächlich rapide an Gewicht. Es scheint, als besäße der Meteorit außergewöhnliche Kräfte, denn auch Eycks Körper verändert sich, was sich in einem mysteriösen Verjüngungsprozess äußert. Als seine Kundinnen ihre Ersparnisse für die teuren Sitzungen mit dem Stein aufgebraucht haben, ist die Katastrophe vorprogrammiert. Keiner der Beteiligten kann und will mehr auf den Mondstein verzichten!

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Seitenzahl: 351

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Dirk Christofczik

Die Mondsteindiät

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Die Mondsteindiät

Prolog

Jeden Morgen, und an diesem verregneten Montag war es nicht anders, ging er zum Kiosk auf der anderen Straßenseite, kaufte sich einen heißen Milchkaffee, dazu ein Mohnbrötchen. Wie immer stellte er sich an den wackligen Stehtisch, stellte den Becher ab und legte das Brötchen auf eine Serviette. Er fand eine Zeitung, die jemand auf dem Tisch liegen gelassen hatte, das kam ab und zu vor und war für ihn eine willkommene Abwechslung. Mit einer Hand hielt er den Pappbecher und trank einen Schluck des dampfenden Kaffees, mit der anderen faltete er die Zeitung auseinander und strich sie mit der Handfläche glatt. Er wollte gerade den Kaffee herunterschlucken, als er das Bild neben der Schlagzeile sah. Die Überraschung ließ ihn zusammenzucken, die heiße Flüssigkeit gelang in seine Luftröhre, und er begann so laut zu husten und zu röcheln, dass Bernie der Kioskbesitzer seinen Kopf besorgt durch die kleine Verkaufsluke steckte. Es dauerte eine Weile, bis der Hustenreiz sich legte und der Sauerstoff wieder ungehindert in seine Lunge strömte. Noch viel länger bedurfte es, bis sich seine Überraschung über das Gesehene setzte und sein Herz wieder in einen halbwegs normalen Rhythmus zurückfand. Nachdem er Bernie versichert hatte, dass es ihm gut ginge, nahm er die Zeitung in die Hand und betrachtete erneut das Bild, das ihn so aufgewühlt hatte. Es war eindeutig! Er kannte es! Es gab keine Zweifel! Der nebenstehende Artikel ließ ihn ungläubig mit dem Kopf schütteln, und als er ausgelesen hatte, begann er wieder von vorn. Frech! Genial! Sensationell! Einfach! War das seine Chance? Eine Weile wog er ab, spielte das Szenario in seinem Kopf durch, kalkulierte das Risiko! Schließlich hoben sich seine Mundwinkel zu einem zufriedenen Grinsen. Er packte sich die Zeitung, ließ sein Frühstück auf dem Tisch stehen und machte sich so schnell wie möglich auf den Weg nach Hause. Reflexartig kniff er seine Augen zusammen, als das grelle Licht die grauen Betonwände im Keller erhellte. Eilig bewegte er sich durch die kahlen Gänge, passierte die riesigen Trockenräume, die mit Maschendraht eingezäunt waren. Ein Hemd baumelte einsam an einer Wäscheleine, eine Szene wie aus einem postapokalyptischen Traum. Mit schnellen Schritten bog er in den Gang ab, in dem sich seine Kellerparzelle befand.407 war auf die Holztür gepinselt, die Nummer seiner Wohnung. Er suchte den Schlüssel für das Vorhängeschloss an seinem Bund. Einen Moment befürchtete er, dass der Schlüssel auf dem Regal im Korridor lag, doch dann fand er ihn an seinem Bund. Er schloss die Tür zu seiner Parzelle auf, öffnete sie und trat hinein. Mit der Hand tastete er über die Wand, fand den Lichtschalter und betätigte ihn. Eine Neonröhre erwachte stotternd zum Leben. Sie flackerte unentschlossen, dann zündete sie und erleuchtete den viereckigen Kellerraum hell wie ein Flutlicht. Koffer hausten neben alten Farbeimern, Kisten mit Krimskrams und niemals ausgepackten Umzugskartons in einem wackeligen Ikea Regal. Verstaubte Tapetenrollen, schmutzige Plastikeimer und Stapel alter Schallplatten waren ihre Zimmergenossen. Ein betagter Videorekorder versteckte sich hinter einem verklebten Tapetentisch und gaffte sehnsüchtig zu dem Röhrenfernseher hinüber, der sein Gnadenbrot in der hintersten Ecke des Kellers verzehrte. Er beachtete die Requisiten eines vergangenen Lebensabschnitts nicht, sondern griff zielstrebig nach einem Schuhkarton, den er erst vor wenigen Wochen dort deponiert hatte. Mit der Pappkiste unter dem Arm verließ er den Keller. Fünf Minuten später saß er auf einem Stuhl in seiner Küche. Der Schuhkarton stand vor ihm auf dem Resopaltisch, daneben das Notebook, das er vor ein paar Jahren beim Pokern gewonnen hatte. In der Hand hielt er eine eiskalte Flasche Bier, die er mit einem Zug halb leerte. Er unterdrückte ein tiefes Rülpsen. Geistesabwesend starrte er auf den Karton. Blind stellte er die Flasche auf den Tisch, gerade weit genug vom Rand entfernt, damit sie nicht herunterfiel. Wie ein Magier hob er seine Hände, bewegte sie lethargisch auf den Karton zu und hob den Deckel so vorsichtig hoch, als erwarte er eine böse Überraschung. Er legte den Deckel beiseite, rückte mit dem Hinterteil bis auf die Stuhlkante und stützte sich mit den Ellenbogen auf der Tischplatte ab. Neugierig schaute er in das Innere des Kartons und musterte den Gegenstand darin. Eine Weile verharrte er in der Position, seinen Blick wie ein Traktorstrahl in die Schachtel gerichtet, dann nahm er behutsam den Gegenstand aus der Kiste und stelle ihn auf den Tisch. Eine Minute, vielleicht zwei saß er regungslos da, um sich dann aufzurichten, das Notebook auf den Schoß zu nehmen und den Computer zu starten.

Kapitel 2

Die Sonne stand im Zenit und brannte heiß. Der feine, weiße Sandstrand glühte wie Holzkohlen unten den Fußsohlen der Urlauber. Angestellte der zahlreichen Luxus-Resorts kämpften den aussichtslosen Kampf gegen die Hitze und wässerten schmale Streifen des Strandes, damit sich ihre betuchten Gäste nicht die pedikürten Füße verbrannten. Karl lümmelte sich auf einem Liegestuhl und genoss eine kalte Margarita, das Glas hatte einen Salzrand, so wie er es mochte. Ein extragroßer Sonnenschirm schützte ihn vor der ungeheuren Kraft der strahlenden Sonne. Gemächlich drehte Karl seinen Kopf zur Seite und warf einen Blick auf die besetzten Tische seiner Strandbar. Das Geschäft lief wie geschmiert, der Rubel rollte und ihm ging es prächtig. Vergessen war die Zeit, als er ohne Arbeit und Geld im grauen Deutschland dahinvegetierte. Jetzt war er am Ziel seiner Träume! Endlich besaß er seine eigene Bar auf den Malediven! Den Vormittag hatte er im Spa des angrenzenden Hotels verbracht, sich massieren lassen und mit einer kakaobraunen Latinamaus namens Maria geflirtet. Jetzt war er schläfrig, deshalb schloss er die Augen und fiel sofort in einen sanften Dämmerschlaf. Tok, Tok, Tok Karl brabbelte wie ein kleines Baby. Sabber lief aus seinem Mundwinkel. Tok, Tok, Tok »Junger Mann? Hallooooo!« Im Halbschlaf nahm Karl eine Stimme wahr. Er war zu müde, um zu reagieren. Plötzlich sackte er zusammen und fiel ins Leere. »Vorsicht!« Jemand packte ihn an der Schulter und schüttelte ihn wie einen Milchshake durch. »Aufwachen junger Mann«, nuschelte ihm jemand zu. Schlaftrunken schaute Karl sich um. Ein Augenpaar direkt vor seinem Gesicht, eine pechschwarze Hand hielt seinen Arm, etwas Muffiges versuchte, in seine Nasenlöcher einzudringen. »Nun kommen Sie zu sich! Auch der Weihnachtsmann darf nicht parken, wo er will«, quasselte eine unverständliche Stimme auf ihn ein. Jetzt traf es ihn wie der Schlag und plötzlich war er hellwach. Er dämmerte auf keinem Liegestuhl, er besaß keine Strandbar und schöne Latina beachteten ihn nur, wenn sie mit Luft gefüllt waren und in einem Beate-Uhse-Karton frei Haus geliefert wurden. Die Realität war sein Auto, ein verrosteter Nissan, Baujahr 1995. Jemand hatte die Fahrertür aufgerissen und er wäre fast in eine Schneewehe gestürzt, die man zurzeit an jedem Straßenrand fand. Vor einer Woche hatte der Winter mit eisiger Hand zugeschlagen. Eine dichte Schneedecke überzog die ganze Stadt, dazu herrschten Temperaturen wie am Nordpol. Karl schaute in das Gesicht des Mannes, der die Tür aufgerissen hatte, aber er sah nur eine rot geäderte Erdbeernase, die wie eine Knolle zwischen dem Rand einer Wollmütze und dem hochgezogenen Kragen einer Daunenjacke hervorlugte. Der Mann zog den Kragen ein Stück runter. Zwei unvollständige Reihen von nikotinverfärbten Zähnen bleckten zwischen zwei blau angelaufenen Lippen hervor. »Der Weihnachtsmann hat wohl ein kleines Nickerchen gemacht«, frotzelte der Mann. Mittlerweile war Karls Schlafdemenz verflogen. Er saß in seinem Wagen, irgendwo in Wanne-Eickel. Karl trug rote Hosen und einen roten Mantel, dazu eine Zipfelmütze in derselben Farbe. In seinem Gesicht klebte ein langer weißer Rauschebart aus Kunststoff. Sein Job war es in einer Familie den Weihnachtsmann zu mimen, somit verdiente er sich ein paar Euro, die er dringend benötigte. Seit zwanzig Monaten war er arbeitslos. Das Arbeitslosengeld war mittlerweile ausgelaufen, deshalb lebte er von Hartz IV und war froh über jeden Euro, den er sich dazu verdienen konnte. Den Job als Weihnachtsmann machte er für einen alten Klassenkameraden, der seine beiden Kinder überraschen wollte. Fünfzig Euro bekam er für seinen Auftritt, schnell verdientes Geld, das die ARGE nicht zu interessieren hatte. Aufgrund des Schneechaos hatte er sich schon um zwei Uhr nachmittags auf den Weg gemacht. Normalerweise brauchte er nur fünfzehn Minuten bis nach Wanne-Eickel. Die Straßen waren überraschend gut befahrbar, obwohl schon seit Tagen in den Nachrichten von zur Neige gehenden Streusalzvorräten gesprochen wurde. Zumindest in Bochum und Umgebung schien man noch Reserven zu haben. Zwar türmten sich an den Straßenrändern vom Schmutz verfärbte Schneewehen, doch die Fahrstreifen waren gut geräumt und problemlos zu befahren. Um halb drei hatte Karl die Straße erreicht, in der sein Bekannter wohnte. Er wollte nicht zu früh anklingeln, deshalb hatte er seinen Nissan in eine Parklücke gelenkt und sich seinen Träumen von einem besseren Leben ergeben. Karl zog seinen Kunstbart bis zum Kinn herunter. »Was ist los?«, brummte er so tief als hätte seine Weihnachtsmannshow bereits begonnen. »Sie stehen vor meiner Einfahrt«, erwiderte der alte Mann freundlich. »Und ich würde jetzt gern rausfahren, ich habe gleich einen Termin beim Urologen. Die Blase!« »Tut mit Leid, bin schon weg«, grummelte Karl durch seinen falschen Rauschebart. Er drehte den Autoschlüssel im Zündschloss und bekam ein Stottern des Motors als Antwort. »Rentiere sind wohl doch zuverlässiger«, kommentierte der Rentner mit einem süffisanten Grinsen, welches Karl am liebsten mit einem Kopfstoß beantwortet hätte. Wortlos knallte er die Fahrertür zu. Nach dem dritten Startversuch erwachte der Motor seines altersschwachen Nissan zum Leben. Mehr rutschend als fahrend steuerte Karl den Wagen aus der Einfahrt des Rentners und fand ein paar Meter weiter eine freie Parklücke. Er befand sich nur noch wenige Meter vom Haus seines Schulkollegen entfernt. Boris war der Name seines alten Kumpels, früher in der Schule ein absoluter Anarcho und Krawallmacher. Er legte sich mit jedem Lehrer an, trug T-Shirts mit Sprüchen wie: »Macht kaputt, was euch kaputtmacht« oder »Traue keinem über 30!« und lehnte sich jede erdenkliche Regel auf. Das sogenannte Establishment war sein Erzfeind, nun war der einstige Rebell darin verschmolzen und gehörte zu denen, die die Regeln machten, die er früher so verschmähte. Boris war Finanzberater bei der Deutschen Bank, jonglierte an der Börse mit schwindelerregenden Beträgen und verdiente eine Menge Geld. Er war praktisch ständig unterwegs in London, New York, Tokio oder sonst wo. Nun wollte er seine Kinder überraschen und ihnen den Weihnachtsmann nach Hause schicken. Karl wischte über das beschlagene Armaturenbrett und schaute auf die Digitaluhr: 14:56 Uhr, Zeit sich auf den Weg zu machen. Mittlerweile hatte es wieder angefangen zu schneien. Eine weiße Schicht breitete sich über der gefrorenen Decke aus Schnee, Salz und Winterstreu aus. Mühsam stieg Karl aus dem Auto aus. Er trug alte schwarze Lederstiefel mit einer dicken Gummisohle, trotzdem schlidderte er über den Bürgersteig, als trüge er Gleitschuhe an den Füßen. Karl lehnte sich an einen Baum und kontrollierte seine Verkleidung. Er zupfte an seinem Kunstbart herum, bis er ordentlich saß. Die rote Zipfelmütze rückte er ordentlich auf seinem Kopf zurecht, anschließend kontrollierte er den Rest seines Kostüms. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass er als Weihnachtsmann durchging, stapfte er durch den Schnee zu seinem Einsatzort. Vor ein paar Jahren, als er noch seine Arbeit hatte, war er im Haus seines Schulkameraden gewesen. Es war Boris vierzigster Geburtstag und sein Freund schmiss eine Grillparty in seinem Garten, der ihm so groß wie ein halbes Fußballfeld vorkam. Knapp hundert Leute waren zugegen, die sich bei strömenden Regen in einem stickigen Partyzelt drängten. Genauso viel Flüssigkeit, wie es vom Himmel regnete, floss als Bier, Wein und Schnaps in die Blutbahn der Anwesenden. Trotz des Unwetters war es ein gelungenes Fest und Karl erinnerte sich gern an diesen Abend zurück. Vor allen Dingen, weil es das letzte Mal war, dass er sich richtig amüsierte und unter Menschen kam. Heute erkannte er das Anwesen seines Schulfreundes kaum wieder. Das rote Backsteinhaus sah aus, als wäre es die Kulisse einer Märchenverfilmung. An der Dachrinne war eine meterlange Lichterkette befestigt, an der Glühlampen in allen erdenklichen Farben unaufhörlich blinkten. Eine Armee von Weihnachtsmannfiguren hangelte sich an der Hauswand in die Höhe, einer von ihnen hatte den Schornstein auf dem verschneiten Dach erreicht und kletterte zielstrebig daran in die Höhe. Karl erblickte weitere grell leuchtende Lichterketten, die in einem Abstand von weniger als einem halben Meter senkrecht an der Hauswand angebracht waren. Er senkte den Blick und entdeckte einen weiteren Weihnachtsmann, der in einem beleuchteten Schlitten saß und von vier Rentieren gezogen durch den Garten jagte. Ein mannshoher Schneemann beobachtete schweigend die Szenerie, flankiert von einer riesigen Tanne, deren Zweige mit Hunderten schillernden Elektrokerzen bestückt waren. Karl atmete tief durch und dachte an die Kosten für diese Stromverschwendung, dann öffnete er das Tor, das ihn zum Haus führte, ging hindurch und blieb vor der Haustür stehen. Erneut überprüfte er seine Verkleidung, dann schellte er an. Sofort ertönte von innen das Kläffen eines Hundes, das Karl an das Bellen seinen Jack Russel Terrier Jacko erinnerte. Es dauerte einen Moment, dann hörte er Schritte hinter der Tür, die sich ein paar Augenblicke später öffnete. Die Frau seines Freundes erschien im Türrahmen. Karl erinnerte sich nur dunkel an sie, seinerzeit bei der Geburtstagsparty hatte er sich nur kurz mit ihr unterhalten. In seiner Erinnerung war sie arrogant und unnahbar. Sein Eindruck von damals schien sich zu bestätigen, denn die Frau schaute ihn mit kalten Augen von oben herab an. »Ho, ho, ho«, brummte Karl. Ein winziger Pudel flitzte durch den Korridor und klammerte sich an sein rechtes Bein. Der kleine Hund kläffte unaufhörlich, dabei sprang er an Karl hoch, als ob er die Liebe seines Lebens gefunden hätte. »Cora«, herrschte die Frau den Hund an. Boris Frau packte den Pudel am Halsband und zerrte ihn von Karl weg. Sie öffnete eine Tür und schob den Hund in den dahinter liegenden Raum. Nachdem sie die Tür geschlossen hatte, wurde das laute Bellen gedämpft. »Ho, ho, ho!«, wiederholte Karl. »Lassen Sie den Unsinn und kommen Sie herein. Sie sind unpünktlich.« Karls Stimmung sank ins bodenlose. Er schob den Ärmel des Kostüms nach oben und blickte auf seine Armbanduhr. »Es ist kurz vor drei«, bemerkte er, während er in die Diele des Hauses trat. »Zu früh ist auch unpünktlich«, schnauzte sie ihn an, »Und treten Sie den Schnee von ihren Stiefeln ab, sonst versauen Sie mir die Läufer.« Karl musste schlucken. Die Frau war so unfreundlich, dass ihm die Galle hochkam. Am liebsten hätte er ihr die Meinung gesagt und die fünfzig Euro auf ihre hochstehende Nasenspitze getackert. Doch er riss sich zusammen und schluckte den Ärger herunter. Sein Freund zählte auf ihn und die Kinder freuten sich auf den Besuch des Weihnachtsmannes. Mit einem dicken Hals machte er einen Schritt zurück, klopfte sich die Stiefel gründlich auf der Fußmatte ab und trat zurück in die Diele. Die Hausherrin schloss die Tür hinter ihm. »Wo sind die Kinder?«, fragte Karl. Er erhielt keine Antwort, sondern wurde von der Frau seines Schulfreundes skeptisch beäugt. Sie taxierte ihn wie ein Stück Fleisch in der Auslage eines Metzgers. »Was ist mit Ihrem Sack?« »Wie bitte?« »Ihr Sack? Was ist mit Ihrem Sack?«, wollte sie von ihm wissen. »Mein Sack?«, fragte er vorsichtig. »Was … soll damit sein?« Karl starrte die Frau an. Wohlmöglich trieb sie einen Scherz mit ihm und würde jeden Augenblick ihn schallendes Gelächter ausbrechen. Doch nichts dergleichen geschah, im Gegenteil, die Gesichtszüge der Frau verhärteten sich immer mehr. Sie sah aus als wäre sie zu einer Salzsäure erstarrt. Karl befürchtete, dass ihr Gesicht zerbröckeln würde, wenn sie ihn erneut nach seinem Sack fragte. »Ein Weihnachtsmann ohne Sack ist mir noch nie unter die Augen kommen«, zischte sie zwischen ihren aufgespritzten Lippen hindurch. »Wo ist Ihrer?« Endlich begriff Karl, worauf die Frau hinaus wollte. Er hatte den Sack mit den Geschenken im Kofferraum seines Autos vergessen. Er schämte sich für seine schmutzigen Gedanken und machte sich auf den Weg, den Sack aus seinem Wagen zu holen. Einige Minuten später klopfte er sich erneut die Stiefel auf der Fußmatte ab und betrat das Haus. »Sie sind zu spät!«, empfing ihn die Frau seines Freundes. »Was?«, fragte Karl entgeistert. »Egal! Kommen Sie mit, die Kinder warten im Wohnzimmer. Bleiben Sie eine Minute vor der Wohnzimmertür, dann kommen Sie herein«, instruierte sie ihn im Ton einer Oberschullehrerin, »Und …«, die Frau musterte ihn von oben bis unten, »Setzen Sie sich nicht auf die Couch!« Karl biss sich auf die Unterlippe und hielt den Mund. Nachdem die Frau hinter der Tür verschwunden war, begann er langsam bis sechzig zu zählen. Mit einem tiefen Ho, ho, ho schritt er in das Wohnzimmer. Er hatte den Sack über die Schulter geworfen und blieb zwischen Tür und Rahmen hängen. Mit einem Ruck befreite er sich, wobei er mit dem Sack gegen ein niedriges Tischchen stieß, auf dem eine Porzellanvase ins Wanken geriet. Zu Karls Erleichterung blieb das gute Stück stehen. Er verstand nichts von Kunst, aber die Vase sah erschreckend wertvoll aus. Die Hausherrin saß in einem Sessel aus weißem Leder und beschoss ihn mit tödlichen Blicken aus ihren giftgrünen Augen. Karl trat in den Raum, der die Ausmaße einer Turnhalle hatte. Auf der Couch, die Karl nicht benutzen durfte, entdeckte er die Kinder: zwei Jungen, eineiige Zwillinge, etwa sechs Jahre alt, gleich groß und gleich übergewichtig. Knallrote Pausbacken flankierten die Doppelkinne in ihren speckigen Gesichtern. Fettschürzen spannten ihre T-Shirts, auf denen Spongebob grässlich verzehrt grinste. Beide Kinder hielten einen Nintendo DS in ihren Händen und starrten gebannt auf das rechteckige Display. Krachen, Quietschen und Schreie drangen aus den winzigen Lautsprechern. Nahezu synchron griffen die beiden unaufhörlich in eine Schüssel mit Chips, die zwischen ihnen auf der Couch, Sperrgebiet für Karl, stand, und stopften sich die frittierten Kartoffelscheiben in den Mund. Sein Erscheinen registrierten die beiden nicht. »Jonas, Malte, schaut mal, wer da ist!«, rief die Frau meines Schulkollegen ihren Kindern zu. Plötzlich klang ihre Stimme warm und freundlich. Ihre Arroganz und kalte Distanziertheit war verflogen. Die beiden Jungen starrten grimmig über den Rand ihrer portablen Spielkonsolen hinweg. Gelangweilt musterten sie Karl, dann widmeten sie sich wieder ihrer virtuellen Spielwelt. Karl rollte die Augen unter den buschigen Augenbrauen, die er sich angeklebt hatte. Die Kinder waren ihm vom ersten Augenblick an unsympathisch. Verwöhnte, reiche Bälger, die alles in den Hintern geschoben bekamen und die Arroganz ihrer Mutter geerbt hatten. Er hoffte, schnell wieder aus diesem Haus zu kommen. Wie konnte sein Schulkollege es nur mit dieser Familie aushalten? Die Hausherrin stand von der Couch auf, schob einen niedrigen Telefonhocker in die Mitte des Raumes, dann signalisierte sie Karl mit einem Fingerzeig Platz zu nehmen. Nachdem Karl saß, widmete sie sich ihren Zwillingen, kniete sich vor ihnen auf den Boden aus grauem Granit und klappte behutsam die Spielgeräte zu. Jaulen und Brummen, wie von jungen Hunden, war die Quittung der Kinder. »Wir wollen spielen!«, schimpften sie im Duett und versuchten die Spielgeräte wieder aufzuklappen. Ihre Mutter nahm sie ihnen weg und legte sie auf den gläsernen Couchtisch. »Der Weihnachtsmann ist da!«, flüsterte sie ihnen zu. »Egal! Will spielen!«, meckerte einer. Der andere saß da und schmollte griesgrämig. »Der Weihnachtsmann hat Geschenke mitgebracht«, beschwichtigte die Frau ihrer Kinder.Geschenke! Dieses Wort ließ die Zwillinge aus ihrer Lethargie erwachen. Wie Schläfer, konditioniert auf den Begriff, sprangen sie plötzlich auf, drängelten sich an ihrer Mutter vorbei und stürmten wie Furien auf den erschrockenen Karl zu. »Geschenke, Geschenke«, hallte ihr Schlachtruf durch das Wohnzimmer. Karl sah nur eine Möglichkeit der Abwehr. Er stand auf, machte sich kerzengerade, um seine mickrigen 176 Zentimeter ein wenig größer erscheinen zu lassen, streckte den rechten Arm aus und hob seine Hand wie ein Verkehrspolizist. »Halt!«, brummte er. Zu seiner Verwunderung blieben die beiden tatsächlich stehen und starrten ihn mit großen Augen an. Der Blickkontakt dauerte nur Sekunden, dann stierten die beiden Jungen auf den Sack, den Karl neben sich auf dem Boden gestellt hatte. »Sind da die Geschenke drin?«, fragte einer der beiden barsch. Karl ließ sich wieder auf dem Hocker nieder und überlegte, wie er die Situation am besten meistern konnte. Am Vortag war sein Schulkamerad bei ihm gewesen und hatte die Geschenke für seine Kinder abgeliefert: Zwei Play Station und diverse Videospiele befanden sich in dem Sack. Und das waren noch nicht einmal alle Geschenke für die Zwillinge. Armbanduhren, DVDs und sogar Notebooks hatte Boris für seine Jungen besorgt. Außerdem sollten die beiden an Heiligabend noch jeder ein iPhone bekommen, das hatte Boris ihm stolz erzählt. Wie man seine Kinder derart versauen konnte, war Karl schleierhaft. Aber das war nicht seine Angelegenheit, er war nur der Weihnachtsmann. »Erst muss ich überprüfen, ob ihr brav gewesen seid und die Geschenke verdient habt«, verkündete Karl mit verstellter Stimme. Er spürte bereits ein Kratzen im Hals. »Warum?« »Weil ich der Weihnachtsmann bin und nur liebe Kinder Geschenke bekommen.« »Du bist nicht der Weihnachtsmann!« »Aha, ein Schlaumeier! Wie ist dein Name Kleiner?« »Malte!« »Und ich bin Jonas!«, mischte sich der andere Junge ein. »Und du bist nicht der Weihnachtsmann!« Die Zwerge waren eine harte Nummer. Am liebsten hätte Karl ihnen die Geschenke gegeben und wäre so schnell wie möglich geflohen. »Ich bin also nicht der Weihnachtsmann?« Die Zwillinge nickten synchron. »Woher wollt ihr das wissen?« Malte schaute seinen Bruder an, dann wandte er sich wieder Karl zu. »Papa hat zu Mama gesagt, dass sich nur Loser oder Hartz IV Empfänger als Weihnachtsmänner verkleiden und sich für fünfzig Euro zum Affen machen«, erklärte der Kleine. »Malte!«, schrie seine Mutter den Jungen an. »Bist du ein Loser?«, fragte Jonas. »Oder ein Hartz IV Empfänger?«, wollte Malte wissen. »Malte, Jonas! Jetzt ist aber gut! Setzt euch auf die Couch!« »Und was ist mit unseren Geschenken?« Karl saß auf seinem Hocker, als wäre er in Stasis versetzt worden. Entsetzt starrte er auf die beiden Jungen. Er war so betroffen, dass er vergaß zu atmen. Nach einer Weile sog er reflexartig Sauerstoff in seine Lungen, dabei bewegte er seine Lippen wie ein Fisch auf dem Trockenen. Es dauerte noch eine weitere Minute, bis er den künstlichen Rauschebart nach unten zog und wie eine Kette um seinen Hals baumeln ließ. Dann griff er neben sich und tastete nach dem Sack mit den Geschenken. Wie in Trance zog er die rote Schleife auf, öffnete den Sack und hievte ihn auf den Schoß. Die Frau seines Schulkameraden war aufgestanden und kam zu ihm herüber. »Entschuldigen Sie. So sind Kinder«, versuchte sie die peinliche Situation zu retten. Karl überhörte ihre Beschwichtigungen. Langsam hob er den Sack in die Höhe und drehte ihn auf den Kopf. »Geschenke, Geschenke«, rief er feierlich, dabei ließ er die bunt eingewickelten Pakete aus dem Sack plumpsen. »Sind Sie verrückt geworden?«, zeterte die Frau von Karls Schulfreund. Sie gestikulierte wild mit den Armen und stellte sich schützend vor ihre Kinder. Derweil polterten die Geschenke quer durch das noble Wohnzimmer. Ein Paket prallte gegen das Tischchen hinter der Wohnzimmertür und räumte die Vase ab. Klirrend zerbarst das Porzellan auf dem Granitboden in tausend Scherben. Karl begann lauthals zu lachen, während die Hausherrin in hysterisches Kreischen verfiel. Malte und Jonas saßen wieder auf der Couch und beobachteten das Spektakel feixend. »Sie asozialer Vollidiot!«, keifte die Frau, nachdem sie ihren ersten Schock überwunden hatte. »Raus mit Ihnen! Sofort!« Karl wirbelte den leeren Sack über den Kopf und ließ ihn los. Er landete auf einer Stehlampe. Malte oder Jonas stand auf und zog an dem Sack, bis die gesamte Stehlampe umfiel, auf den Glastisch krachte und diesen zu Bruch gehen ließ. Für Karl war der Zeitpunkt gekommen, sich aus dem Staub zu machen. Während die Frau sich entsetzt das Chaos in ihrem Wohnzimmer anschaute, öffnete Karl seine Kostümjacke und griff in die Brusttasche seines Hemdes. Dort fand er die fünfzig Euro, die er am Vortag bekommen hatte. Er drückte die Banknote der perplexen Hausherrin in die Hand und flüchtete aus dem Wohnzimmer. Als er in die Diele kam, hörte er den Hund wie irrsinnig kläffen. Karl öffnete die Haustür und rannte nach draußen. Er wetzte durch den Vorgarten, hechtete über das Gartentor und beeilte sich zu seinem Auto zu kommen. Eine halbe Minute später befand er sich in seinem Nissan, startete den Motor und machte sich auf den Weg nach Hause. Karl fuhr auf der Bundesstraße 51 in Richtung Bochum. Sein Handy lag auf dem Beifahrersitz. Er hatte es ausgeschaltet. Wahrscheinlich versuchte sein Schulkollege bereits ihn zu erreichen, um ihn zusammenzufalten. Boris und seine fürchterliche Familie konnten ihm gestohlen bleiben. Er wollte nie wieder etwas mit ihm zu tun haben. Eines Tages würde er allen eine lange Nase zeigen, seinen Traum verwirklichen und dem tristen Deutschland den Rücken kehren. Er war vielleicht ein Hartz IV Empfänger, aber ein Loser war er deswegen noch lange nicht. Karls Magen meldete sich knurrend zu Wort. Er wollte sich allerdings nicht an seinen Gedankengängen beteiligen, sondern darauf aufmerksam machen, dass er außer einem trockenen Brötchen am Morgen noch nichts zu essen bekommen hatte. Da Karl auf seinen Magen hörte, überlegte er, wo er eine Kleinigkeit zu sich nehmen könnte. Sein Kühlschrank zu Hause war leer und mehr als ein paar Euros befanden sich nicht in seinem Geldbeutel. Das goldene M am Straßenrand wirkte wie ein hypnotisierendes Pendel auf ihn. Sein geistiger Autopilot wurde aktiviert und im nächsten Augenblick fand er sich auf dem Parkplatz des Burgerbraters wieder. Er entledigte sich seines Kostüms, warf es in den Kofferraum und zog stattdessen den uralten Bundeswehrparka an, den er immer im Wagen hatte. Frierend stapfte er durch den Schnee und betrat den überheizten Laden. An der Theke bestellte er sich einen Hamburger und eine kleine Cola, bezahlte mit seinem letzten Kleingeld, dann suchte er sich einen Platz in dem nahezu leeren Gastraum. Er aß seinen Hamburger, schlürfte seine Cola und dachte an seinen missglückten Auftritt als Weihnachtsmann. Wenn er daran dachte, wie abwertend die Frau seines alten Kumpels mit ihm umgegangen war, dann wunderte es ihn nicht, dass die Kinder sich wie verwöhnte Gören aufführten. Doch was ihm wirklich an die Nieren ging, war das Verhalten von Boris, der ihn heimlich einen Hartz IV Loser nannte. Karl war kein Schmarotzer, der sich auf Kosten der Allgemeinheit vor der Arbeit drückte. Sein Job war eiskalt wegrationalisiert worden, ohne Rücksicht auf Verluste, schlagzeilenträchtig als sozialverträglich getarnt. Zehntausend Euro Abfindung hatte er bekommen, der Dank für zwanzig Jahre, die er loyal und tüchtig im Dienst seines Arbeitgebers verbracht hatte. Aber die Aussicht auf einen neuen Job war genauso realistisch wie die deutsche Fußballmeisterschaft für den VFL Bochum. Das Geld war schnell verbraucht und sein sozialer Abstieg rasanter als die PS Boliden seiner ehemaligen Vorgesetzten. Nachdenklich biss er in seinen Hamburger, als die Tür aufschwang und eine Frau in den Laden trat. Karl schaute auf, denn die Frau trampelte wie eine Elefantenkuh durch den Laden. Sie war etwa 165 Zentimeter groß und fast genauso breit. Sie trug einen Rock von der Größe eines Partyzeltes, darunter schwarze Leggings, die sich wie eine zweite Haut über die gigantischen Oberschenkel spannten. An den Füßen trug sie trotz der Kälte Gummiclocks, darüber staute sich das Wasser in ihren speckigen Unterschenkeln. Unter den Achseln stemmten sich Fettwalzen gegen ihre rosa Vliesjacke, welche die Inkarnation von Miss Piggy komplettierte. Dazu kam, dass ihr Gesicht rosig wie ihre Jacke war, dabei glänzte ihre Haut wie eine Speckschwarte. Strähniges Haar wuchs aus ihrem mächtigen Kopf und fiel wie Fliegenfänger auf ihre Schulter und das breite Bergarbeiterkreuz. Karl hörte auf zu kauen und beobachtete, wie die Frau ihren ausladenden Körper Richtung Theke schleppte, wo sie Bedienung und Kasse in einen dunklen Schatten tauchte. Ihre Bestellung dauerte! Immer wieder zeigte sie mit ihren Wurstfingern auf die Anzeigetafel mit den Menüs. Dann begann hektische Betriebsamkeit in der Küche des Schnellrestaurants. Karl wandte seinen Blick ab und widmete sich wieder seinem kargen Mahl. Er schlürfte die wässrige Cola und biss in seinen Burger. Die dicke Frau hatte er schon aus seinen Gedanken gestrichen, als ihn ein Schnauben und Japsen hellhörig machte. Erneut schaute Karl auf. Der Koloss schlürfte nur wenige Meter von ihm entfernt durch den Gang. In den Händen balancierte der Klops ein vollbepacktes Plastiktablett, auf dem sich Burger, Pommes, Cola und Eiscreme stapelten. Kurzatmig blieb sie stehen, ließ ihren Blick durch den Gastraum schweifen, und entschied sich für einen Platz nur zwei Tische von Karl entfernt. Hechelnd stellte die dicke Frau das Tablett auf dem Einzeltisch ab und entledigte sich ihrer Vliesjacke. Darunter trug sie ein lilafarbenes Hello Kitty Shirt von den Ausmaßen einer Flagge. Gigantische Hängebrüste beulten das Shirt zusätzlich aus, und als Karl genauer hinsah, entdeckte er die abgezeichneten Brustwarzen unter dem albernen Kinder Shirt. Dieser Anblick war schon fürchterlich genug, doch das Schlimmste war, dass sich die Nippel der Frau in der Höhe des Bauchnabels befanden. Aber das Grauen fand damit noch lange kein Ende! Nachdem sie auf ihrem gewaltigen Hintern saß, begann sie von einer Sekunde auf die andere sich auf ihr Tablett zu stürzen. Mit ihren enormen Pranken zerriss sie die Verpackung der Burger, begoss ihre Pommes mit Mayonnaise und Ketchup und stopfte sich eine Hand davon in ihren Mund. Dann vergrub sie ihre Zähne in dem weichen Sesambrötchen, bis ihr Fleischfett und ein Gemisch aus Mayonnaise und Ketchup an ihrem Kinn herunterliefen. Als sie ihren Mund aus dem Burger zurückzog, hefteten klebrige Käsefäden an ihren Mundwinkeln. Vergeblich versuchte sie diese mit ihrer Zunge zu lösen, und in ihren Schlund zu saugen. Mit einem Handwischer trennte sie den verlaufenen Käse von ihrem Mund, dann leckte sie genüsslich ihre Finger ab. Für Karl war das zu viel. Er ließ seinen Burger fallen und wischte sich den Mund ab. Er packte sich seine Cola und stand auf. Als er den Tisch der Dicken passierte, schmatzte sie ihm zu: »Na Kleiner«, dabei spuckte sie Hackfleischreste auf seinen Parka. Karls Schritte wurden immer schneller, und als er endlich draußen war, sog er gierig die frische Luft wie ein dringend benötigtes Gegengift in seine Lungen. Es hatte wieder angefangen zu schneien! Karl legte seinen Kopf in den Nacken und steckte die Zunge aus. Eine Flocke landete auf seiner Zungenspitze und löste sich auf. Wie sehr hatte er sich als Kind weiße Weihnachten gewünscht, doch niemals fiel zu Weihnachten auch nur eine einzige Schneeflocke. Jetzt war es ihm egal und es schneite wie in einem Schneeglas. Karl schüttelte den Kopf. »Was für ein Scheißtag«, murmelte er, stieg in seinen Wagen und fuhr nach Hause.

Kapitel 3

Erika Ballmann liebte Kartoffelchips, Eis, Kuchen, Torten, Waffeln, Paradiesäpfel, Lebkuchen, Popcorn, Nachos und frische Donuts, besonders die mit der Schokoladenglasur. Und sie liebte ihren Mann Klaus, doch ihr Klaus liebte sie nicht mehr und darum wollte Erika nicht mehr leben. Sie verschloss die Garagentür mit der Fernbedienung und packte sich den Gartenschlauch, mit dem Klaus immer seine geliebten Rosen gewässert hatte. Ein Ende steckte sie in den Auspuff des Mercedes B-Klasse, den sie sich vor einem Jahr gekauft hatten, und stopfte ihn mit alten Lumpen fest. Das andere Ende des Schlauchs nahm sie in die Hand, öffnete die Fahrertür des Wagens und schob ihn durch das Fenster, welches sie vorher einen Spalt weit heruntergefahren hatte. Mit der freien Hand ließ sie die Scheibe wieder hochfahren, bis der Schlauch eingeklemmt wurde. Anschließend setzte sie sich auf den Fahrersitz und schloss die Tür. Zitternd legte sie die Hand an den Schlüssel im Zündschloss und startete den Motor des Wagens. Erika Ballmann lehnte sich im Sitz zurück und schloss die Augen. Sie wartete auf die Dämpfe, die ihr Leben beenden sollten. Blind griff Erika in die Pappschachtel neben sich auf dem Beifahrersitz und nahm einen Donut heraus. Mit der Zungenspitze leckte sie genüsslich über die Schokoladenglasur, dann biss sie in das Gebäck. Während sie kaute, schweiften ihre Gedanken zu Klaus, von dem sie seit Wochen nichts mehr gehört hatte. Sie erinnerte sich schmerzhaft an den Tag, als er sie aus heiterem Himmel verlassen hatte. Nicht mehr als eine kurze, hingeschmierte Notiz und ein Kuvert hatte sie auf dem Küchentisch vorgefunden. Das Geld ist für dich! Adios KlausIn dem Umschlag steckte ein Scheck über 50.000 Euro, die Bezahlung für zwanzig Jahre Ehe. Wieso ihr Mann so viel Geld besaß, war Erika zunächst schleierhaft gewesen. Einige Tage später erfuhr sie von einer Bekannten bei der Sparkasse, dass ihr Mann eine Woche vor seinem Verschwinden ein neues Girokonto eröffnet hatte, auf dem wenige Tage später eine Überweisung von 650000 Euro eingegangen war. Der Absender war die »Westdeutsche Lotterie GmbH & Co«. Ihr Klaus hatte im Lotto gewonnen und wollte mit dem Geld ein neues Leben anfangen. Ohne sie! Und was war ihr geblieben? 50000 Euro, eine schlecht laufende Metzgerei und knapp vierzig Kilo Übergewicht, das sie sich in den letzten beiden Jahrzehnten angefressen hatte. »Ich habe immer gesagt, dass du zu viel Süßigkeiten futterst«, sprach eine wohlbekannte Stimme zu ihr. »Der viele Zucker macht fett, zerstört die Zähne und beschert einem so mancherlei Unheil.« Erika öffnete die Augen, hustete trocken und schaute benommen zur Seite. Neben ihr auf dem Beifahrersitz saß ihr Mann Klaus und grinste sie an. Er sah verändert aus. Statt seiner blutverschmierten Metzgermontur trug er einen weißen Anzug, darunter ein fliederfarbenes Hemd, die obersten Knöpfe geöffnet, sodass eine dickgliedrige goldene Kette zu sehen war. Eine Sonnenbrille im Fliegenaugenstyle verdeckte seine grauen Augen und die buschigen Brauen darüber. Sein dünnes Haar hatte er über die kahle Stelle auf seinem Kopf gekämmt. »Wo kommst du den her?«, fragte Erika verdutzt. »Ich war die ganze Zeit hier.« »Wo sind meine Donuts?« Klaus zuckte mit den Schultern, dabei hörte er nicht auf wie ein Honigkuchenpferd, zu grinsen. »Warum hast du mich verlassen?«, fragte Erika. Die Auspuffdämpfe vernebelten ihre Sicht. Ihr wurde es schwindelig, und das Atmen fiel ihr zunehmend schwerer. »Sieh dich an«, erwiderte Erikas Ehemann, »Dann hast du die Antwort.« Erika runzelte die Stirn. Sie begriff nicht, was er meinte. »Glaubst du wirklich, dass ich den Rest meines Lebens in dieser langweiligen Metzgerei verbringen wollte?«, fuhr er fort, »Wurst, Hackfleisch, Bratwürstchen, blutverschmierte Kittel und nervende Kunden? Das alles für die paar Mäuse, die im Monat überblieben? Nee, nee! Der Lottogewinn war ein Segen für mich, die einmalige Chance von vorne anzufangen.« »Aber …?« »Aber warum ohne dich? Willst du das wissen?« Erika nickte ängstlich. »Kannst du dir das nicht denken?« Sie schüttelte den Kopf. Ihr Mann seufzte. »Na gut, die Kurzform. Für mehr reicht die Zeit nicht. Es war an einem Abend, vor ungefähr drei Jahren«, begann Klaus zu erzählen. »Du warst vor dem Fernseher eingeschlafen, in diesem fürchterlichen rosafarbenen Frotteebademantel. Auf deinem Schoß stand eine leere Schachtel Schoko Crossies, dein Mund war mit Schokolade verschmiert und Speichel lief in einem langen Faden aus deinem Mundwinkel. Du sahst aus wie ein Schwein und genau das warst du auch: ein fettes Schwein! In diesem Augenblick begriff ich, dass ich dich niemals richtig geliebt habe. Mir wurde klar, dass ich von dir weg musste.« Erika schluckte einen dicken Kloß herunter. Ihr Doppelkinn wackelte wie Götterspeise, Tränen liefen über ihre roten Wangen. Traurig schloss sie die Augen für einen Moment. »Das Schwein bist du!«, sagte sie leise. Auf eine Reaktion wartete sie vergeblich. Es fiel ihr schwer die Augen wieder zu öffnen, sie war müde und wollte nur schlafen. Doch es gelang ihr, und als sie zur Seite schaute, entdeckte sie auf dem Beifahrersitz die Schachtel mit den Donuts. Klaus war fort! »Ekel … fettes Schwein«, murmelte sie. Langsam drückte sie ihren Fuß auf die Kupplung, gleichzeitig hob sie ihren bleischweren Arm. Erika legte ihre Hand auf den Schaltknauf und ächzte vor Anstrengung, als sie einen Gang einlegte. Dann nahm sie ihren Fuß von der Kupplung. Ruckartig schoss der Wagen nach vorne. Erika wurde durchgeschüttelt, als der Mercedes vor die Garagenwand krachte und der Motor mit einem Gluckern abwürgte. Alles schwirrte und drehte sich in ihrem Kopf. Das Armaturenbrett schien plötzlich so groß und gewaltig, als wäre es für Riesen entworfen worden. Immer wieder fielen Erikas Augen zu. Im Zeitlupentempo ließ sie ihre Hand vom Schaltknauf rutschen und legte sie auf den Beifahrersitz. Sie fühlte die fettdurchtränkte Verpackung ihrer geliebten Donuts, ertastete das kalte Leder des Sitzes, dann endlich spürte sie die rechteckige Fernbedienung in den Händen, mit der sich das Garagentor öffnen ließ. Blind drückte sie die Knöpfe, das Summen des sich öffnenden Tores klang in ihren Ohren. In einem letzten Akt von Kraftaufwendung öffnete sie die Fahrertür und ließ sich auf den Garagenboden plumpsen. Der Rest war ein schwarzes Loch, das sich stetig vergrößerte und sich wie ein düsteres Leichentuch über ihr schwindendes Bewusstsein legte.

Kapitel 4

Das Wartezimmer war verwaist. Einen Tag vor Sylvester ging niemand mehr zum Arzt, wenn es nicht unbedingt notwendig war. Roman war das egal! Er kam gerne hier her, denn die Klinik war einer der wenigen Orte, an denen er sich wohlfühlte. Hier traf er Menschen mit den gleichen Problemen, die ihn verstanden und akzeptierten. Sicher gab es auch hier Leute, die ihn von der Seite anstarrten, ihn musterten, wie eine Attraktion auf dem Jahrmarkt. Aber aus irgendeinem Grund tat ihm das in der Klinik nicht so weh, wie draußen, wo er sich einsam, missverstanden und schutzlos fühlte. Roman ging hinüber zu seinem Lieblingsplatz, direkt neben der Garderobe. Dort befand sich ein Spiegel, indem er immer sein Outfit checkte, bevor er in das Behandlungszimmer gerufen wurde. Prüfend betrachtete er sich in dem mannshohen Spiegel. Bei der Kälte war es nicht einfach sich attraktiv zu kleiden, ohne sich gleichzeitig den Allerwertesten abzufrieren. Roman mochte Kleider, aber heute musste er der Wetterlage Tribut zollen und sich für eine gewöhnliche Jeans entscheiden, die zu einem Drittel in braunen Lederstiefeln im Reiterlook verschwanden. Strasssteine an den Taschen verliehen der eintönigen Hose ein wenig pepp. Dazu trug er eine bunte Ed Hardy Strickjacke, eine Fälschung aus dem letzten Türkeiurlaub, darüber eine Billabong Winterjacke mit Fellimitat am Kragen. Sein Outfit wurde von einem dezenten Make-up komplettiert. Ein Lippenstift in einem zarten Rot, ein wenig Concealer für die morgendlichen Augenschatten und einen Hauch Mascara sowie ein paar Spritzer von seinem Lieblingsduft AN’NA von Annayanke. Mit Entsetzen und Amüsement erinnerte sich Roman an seine ersten Schminkversuche. Das Ergebnis war eine schrille Maske, die ihn sofort ein Engagement als Zirkusclown eingebracht hätte. Das Schminken zu erlernen war eine mühsame Angelegenheit gewesen, doch mittlerweile war es besser darin, als die meisten Frauen. Wenn er draußen auf der Straße die verschmierten Gesichter mancher Frauen und Mädels sah, dann schlug er innerlich die Hände über dem Kopf zusammen. Noch schlimmer waren die ungepflegten Schlampen, mit strähnigen Haaren auf dem Kopf und unter den Armen. Er ärgerte sich, wie fahrlässig diese Frauen mit dem Geschenk ihres Körpers umgingen. Wenn er doch nur mit einer von ihnen tauschen könnte. Roman wuschelte seine schulterlangen schwarzen Haare durch, benutzte seine Finger als Kamm und strich sich eine Strähne aus der Stirn. Er hatte dickes und schwer zu bändigendes Haar, ein Erbe seiner Mutter. Für die Segelohren durfte er sich bei seinem Vater bedanken, ein Pfarrer im Ruhestand, der verbittert darüber war, dass sein jüngster Sohn ein Perverser war. Genauso hatte er Roman tituliert, als sie vor zwei Jahren zuletzt miteinander gesprochen hatten. Ab und zu telefonierte er mit seiner Mutter, aber ansonsten war jeglicher Kontakt zum Rest der Familie abgebrochen. Er wollte nicht weiter über seine Eltern nachdenken. Sie verstanden ihn nicht, seine Transsexualität passte nicht in ihr heiles Weltbild. Roman trat näher an den Spiegel heran und beäugte sein Gesicht mit Argusaugen. Er bewegte sein Kopf noch ein Stück näher an den Spiegel heran, dann sah er wenige schwarze Stippen, die sich wie Maden durch das Make-up fraßen. Hektisch griff er nach seiner Louis Vuitton Handtasche, ebenfalls ein Mitbringsel aus der Türkei, und fummelte das Schminktäschchen hervor, das er immer mit sich trug. Es war nicht einfach den Bartwuchs zu überschminken, zu seinem Leidwesen sprossen seine Stoppeln schneller als Unkraut. Mit einem Puderkissen tupfte er sorgfältig Schminke an die Stellen, wo sein Bart durchschien. Nur noch wenige Monate und er würde das Geld für eine permanente Barthaarentfernung zusammenhaben. Schon seit geraumer Zeit lag er mit seiner Krankenkasse im Clinch, die nur die schmerzhafte Nadelepilation übernehmen wollte. Mittlerweile hatte sich Roman damit abgefunden, dass er selbst für die schonende und schnelle IPL Methode bezahlen müsste. Jeden Euro sparte er dafür. Im Endeffekt war er froh, dass wenigstens die Kosten der Geschlechtsanpassung von der Krankenkasse übernommen werden würden. »Guten Morgen!«, hörte er plötzlich die sonore Stimme seines Arztes. Hektisch packte er die Schminksachen zurück in seine Handtasche und drehte sich um. »Guten Morgen Doktor Goldberg!«, erwiderte Roman die Begrüßung. Er mochte den kleinen Urologen mit dem grauen Haarkranz und dem breiten Schnäuzer deren Enden er mit Bartwichse gezwirbelt hatte. »Kommen Sie herein!« Roman ging in das Sprechzimmer des Mediziners und setzte sich auf den orangefarbenen Plastikstuhl vor dem kolossalen Schreibtisch des Arztes. Seit zwei Jahren wurde er schon von Doktor Goldberg behandelt, in dessen Händen er sich wohlfühlte. Er vertraute diesem Mann, der sich nicht wie ein kühler Mediziner präsentierte, sondern den Eindruck vermittelte, dass er Roman verstand und sein Leiden wahrhaftig als Krankheit akzeptierte. Dazu legte er eine erfrischende Herzlichkeit an den Tag, die man bei Ärzten nur sehr selten vorfand. Im Gegensatz zu den meisten anderen seiner Kollegen war Doktor Goldberg erst Mensch und dann Mediziner. Seine Hoffnung auf einen anderen Körper hat er in die richtigen Hände gelegt, davon war Roman überzeugt. Und heute sollte er erfahren, wann sein Traum endlich in Erfüllung gehen würde. Der Doktor setzte sich auf seine Seite des Schreibtisches. Mit einer Hand schob er seine Nickelbrille den Nasenrücken hinauf. Er räusperte sich und schlug eine Akte auf, die vor ihm auf dem penibel aufgeräumten Schreibtisch lag. Doktor Goldberg räusperte sich, dann hob er den Kopf und setzte ein herzliches Lächeln auf. »Ich will nicht lange drum herum reden. Small Talk liegt uns beiden nicht besonders.« Roman nickte mit einem gequälten Lächeln. Ein flaues Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus.