Die Moselreise - Hanns-Josef Ortheil - E-Book

Die Moselreise E-Book

Hanns-Josef Ortheil

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Beschreibung

Auf den Spuren der »Erfindung des Lebens«

Im Zentrum dieses ungewöhnlichen Buchs steht das Tagebuch einer Moselreise, das Hanns-Josef Ortheil als Elfjähriger verfasst hat und das erkennen lässt, wie wichtig für den kleinen Jungen schon das Reisen, die Sprache und das Schreiben waren. Ergänzt wird dieses beeindruckende Dokument, das eine wichtige Weiterführung von Ortheils großem autobiographischen Roman »Die Erfindung des Lebens« (2009) darstellt, durch die Beschreibung derselben Reise, die der Autor Jahrzehnte später unternommen hat. Den Abschluss des Buchs macht eine Erzählung darüber, warum Ortheil in seinem Leben bestimmte Landschaften und Gegenden immer wieder aufsucht.

In seinem im Herbst 2009 erschienenen autobiographischen Roman »Die Erfindung des Lebens« hat Hanns-Josef Ortheil die Geschichte eines in seinen ersten Kinderjahren stummen Kindes erzählt, das sich mit Hilfe der Musik, der Sprache und des Schreibens aus der frühkindlichen Isolation befreit.

Mit der »Moselreise«, der Mitschrift einer Wanderung, die er als Elfjähriger zusammen mit dem Vater gemacht hat, legt der Autor nun ein autobiographisches Dokument vor, das auf eindrucksvolle Weise erkennen lässt, wie der junge Ortheil durch seine danach früh erwachte Obsession für die Sprache und das Schreiben aus dem Stummsein in die Welt fand. Gespiegelt wird diese Mitschrift durch die Beschreibung derselben Reise Jahrzehnte später, und zum »Roman eines Kindes« wird sie durch eine dritte Erzählung, in der Ortheil versucht, zu den geheimen Hintergründen seiner manischen Faszination durch bestimmte Städte und Landschaften vorzudringen.

So führt die Erzähltrias der »Moselreise« den grandiosen Künstlerroman »Die Erfindung des Lebens« fort und gibt faszinierende Einblicke in die Geheimnisse jener frühsten, familiären Bindungen, die einen Menschen lebenslang prägen.

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Seitenzahl: 269

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Inhaltsverzeichnis
Die Entstehung der »Moselreise«
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Die Moselreise - Ein Reisetagebuch im Sommer 1963
24. Juli 1963
Copyright
Die Entstehung der »Moselreise«
1
Es ist 5.45 Uhr. Wann immer es möglich ist, stehe ich in der Frühe zu dieser Zeit auf. Ich mache mir einen Kaffee und nehme ihn mit in mein Arbeitszimmer. Spätestens gegen 6 Uhr sitze ich an meinem Schreibtisch und beginne zu schreiben. Ich schreibe mit der Hand, ich notiere in einen Tages-Kalender, wie der vorige Tag verlaufen ist, ich notiere, was ich erlebt, mit wem ich gesprochen oder worüber ich nachgedacht habe.
Diese Notizen zum Verlauf des vorigen Tages werden später in ein großes Skizzenbuch kopiert. In dieses Skizzenbuch kommen dann noch weitere Aufzeichnungen, die ich am Tag zuvor während der unterschiedlichsten Tageszeiten in kleinen Notizheften, Notizbüchern oder auch nur auf losen Zetteln gemacht habe. Alle paar Stunden protokolliere ich, wo genau ich mich gerade aufhalte, oder ich notiere Stichworte zu meinen Lektüren, oder ich halte einfach nur fest, was ich als Nächstes vorhabe oder woran ich denke.
Gleichzeitig sammle ich während eines Tages die unterschiedlichsten Dokumente: Ausschnitte aus Zeitschriften und Zeitungen, Post- und Eintrittskarten, Texte, zu denen ich bei der ersten Lektüre irgendeine Art von innerem Bezug empfinde. Dann und wann fotografiere ich auch: Schnappschüsse von meinen Mahlzeiten, von Räumen, in denen ich mich bewege, von Menschen, denen ich begegne. Auch diese Dokumente kommen später in das großformatige Skizzenbuch, sie rahmen die schriftlichen Aufzeichnungen und ergänzen sie um Bilder, Zeichen und Hinweise.
So entsteht Tag für Tag ein bunter Teppich aus Schriften und Bildern, es handelt sich um die Architektur eines Tages, um seine Komposition, um die Folge seiner Phasen, Erlebnisse und Atmosphären. Als Ganzes ergeben all diese Architekturen und Kompositionen ein großes Schreibprojekt, das Projekt meiner Tagesmitschriften, die sich von konventionellen Tagebüchern durch ihren protokollierenden Gestus stark unterscheiden. Ich resümiere nicht, ich verfolge nicht meine Emotionen und Stimmungen, stattdessen geht es um das Festhalten des Augenblicks, um die Moment-Skizze, um das flackernde Denken und Fühlen.
Auf den ersten Blick könnte man denken, diesem großen Projekt liegt eine Art Schreibzwang zugrunde. Ich empfinde dieses tägliche Notieren und Schreiben aber nicht als einen unangenehmen oder sogar quälenden Zwang, das Schreiben »geschieht« vielmehr beinahe von selbst, wie nebenher, wie Essen und Trinken, wie Gehen und Sehen. Wenn ich, durch irgendeinen Umstand gezwungen, mit dem Schreiben aussetze, spüre ich das nach wenigen Stunden sofort. Ich werde unruhig, lustlos und streitbar, es ist, als litte ich unter einem Drogenentzug.
Ich brauche das tägliche Notieren und Schreiben also lebensnotwendig, ich brauche es seit den frühen Kindertagen, seither habe ich nicht aufgehört, Tag für Tag notierend und skizzierend zu schreiben. Inzwischen füllen meine täglichen Notate und Skizzen Tausende von schwarzen Kladden.
2
Auf welch seltsame Weise dieses manische tägliche Schreiben in meinen frühen Kindertagen entstanden ist - davon handelt mein autobiographischer Roman Die Erfindung des Lebens. Ich erzähle dort von dem jungen Johannes Catt, meinem Alter Ego, der zusammen mit seiner Mutter in einer stummen Symbiose aufwächst. Vier Söhne hat die Mutter in Kriegs- und Nachkriegszeiten verloren, durch diesen Verlust ist sie mit der Zeit immer sprachloser und schließlich stumm geworden. In ihrer Hilflosigkeit klammert sie sich eng an den fünften Sohn, den jungen Johannes, der von seinem dritten Lebensjahr an ebenfalls immer sprachloser und schließlich auch stumm wird. Als er in die Volksschule kommt, wird das Leben für ihn unerträglich. Er lernt weder sprechen noch schreiben und wird schließlich von dem besorgten Vater aus der Schule genommen.
Für einige Wochen geht der Vater mit dem hilflosen Kind auf das Land, dorthin, wo er selbst zusammen mit zehn Geschwistern aufgewachsen ist. In der weiten Natur rund um einen großen Bauernhof machen Vater und Sohn lange Spaziergänge und Wanderungen, und auf diesen Wegen lernt das stumme Kind allmählich zeichnen und schreiben.
Von da an notiert es Tag für Tag, was es sieht und hört, es notiert die jeweils neu gelernten Worte, es protokolliert Gespräche und Eindrücke, und es ergänzt all diese Aufzeichnungen um Fotos und allerhand Textmaterial, das es auf seinen Wegen irgendwo gefunden und aufgelesen hat. Durch dieses unermüdliche Aufschreiben und Notieren wehrt es sich gegen eine tief sitzende Angst: Gegen die Angst, die Sprache wieder zu verlieren und damit wieder zurückzufallen in den stummen, zeitlosen Kosmos seiner frühen Jahre.
Dagegen kämpft das Schreiben an, es erscheint wie eine leuchtende Schrift-Spur, die bezeugt, dass und wie »Zeit« sich gestaltet hat. Denn in den Spuren der Schrift ist das Vergehen, aber auch die Formung von »Zeit« ablesbar: so ist das gewesen …, dort bin ich gewesen … Indem das Kind in seine Kladden blickt und indem es sich an »Zeit« erinnert, entdeckt es seine eigene Geschichte. Als das Kind diese große Entdeckung macht, weiß es, dass es sich durch das Schreiben retten und am Leben erhalten kann. Es ist nun kein »stummer Idiot« mehr, der Raum und Zeit kaum erlebt, sondern es ist ein »Leser«, der Räume und Zeiten auf sich bezieht und ihre Wirkungen auf die Wahrnehmung protokolliert. So schafft sich das Kind seine ganz besonderen, selbst geschriebenen »Lese«- und »Lebensbücher«, und so entwirft es das »Archiv seines Lebens«.
3
Nach den Lesungen aus meinem Roman Die Erfindung des Lebens haben mich die Zuhörer oft gefragt, wie denn genau all die vielen Aufzeichnungen aussahen, die ich bereits als Kind gemacht habe. Die Notate der Moselreise, die sich im Folgenden an diese Vorbemerkungen hier anschließen, vermitteln davon einen guten Eindruck. Sie verfolgen eine fast zweiwöchige Wanderung, die ich als Elfjähriger im Sommer 1963 zusammen mit meinem Vater entlang der Mosel gemacht habe.
Als wir uns damals in Köln in den Zug nach Koblenz setzten, hatte ich viele meiner kleinen Notizkladden, einen Haufen Blei- und Buntstifte, eine Schere, einen Papierkleber und einen Fotoapparat dabei. Schon während der Zugfahrt begann ich mit den ersten Notaten: Was hörte ich auf dem Bahnsteig? Wovon sprach der Vater? In welchem Buch las er so interessiert? Die Notate waren also Mitschriften all dessen, was gerade geschah, und sie enthielten sich fast jeden Kommentars. Ich wollte auffangen und festhalten, was um mich herum passierte, keineswegs aber wollte ich darüber schreiben, was ich empfand.
Damals hatte ich schon einige Jahre täglich notiert und geschrieben, ich war darin also kein Anfänger mehr. So war es zu einer Gewohnheit geworden, während des Tages immer wieder Schreibpausen einzulegen und in diesen Schreibpausen rasch aufzuschreiben, was ich mir unbedingt merken wollte. Solche rasch gesammelten Notate bestanden häufig aus Daten, Namen und anderen Fakten, die sich nicht selten zu kleinen Listen erweiterten.
Zum anderen aber konnten solche Notate auch aus kleinen Schreibübungen bestehen, deren Themen ich mir selbst vorgab. Diese Schreibübungen kannte ich von den Spaziergängen mit meinem Vater her, denn während dieser Spaziergänge hatte mein Vater mir oft einfache Themen gestellt, zu denen ich ohne langes Nachdenken aufgeschrieben hatte, was mir durch den Kopf ging. Warum ich den Wald mag/ Womit ich am liebsten spiele - das waren zum Beispiel solche Themen, die ich mit nur wenigen Sätzen und im Umfang von höchstens einer Seite bearbeiten sollte.
Die raschen Notate und die kleinen Schreibübungen ergaben zusammen mit den gesammelten Postkarten, Fotos und anderen Dokumenten am Ende der Reise ein dickes Konvolut von Notizzetteln und Aufzeichnungen, die ich nach meiner Rückkehr nach Köln in einen längeren, geschlossenen Text umzuschreiben begann. Die Notate benutzte ich als Vorlage zu einer Reiseerzählung, und die Schreibübungen integrierte ich in diese fortlaufende, chronologisch gestaltete Erzählung in der Form von kurzen Stationen. So entstand die Reise-Collage Die Moselreise: als fortlaufende Erzählung einer Reise von Vater und Sohn, aber auch als Stimmen-, Text- und Bilder-Collage des Landschaftsraums Mosel.
4
Dass Die Moselreise aber mehr war als nur eine schlichte Reiseerzählung, das ahnte ich als Kind nicht. Ich war stolz, so viel wie möglich von den Erlebnissen, Gesprächen und Orten der Reise festgehalten zu haben, aber ich wusste nicht, dass für einen erfahrenen Leser hinter der dokumentarischen Folie der Erzählung noch eine ganz andere Erzählung sichtbar wurde. Ich meine die Erzählung von Vater und Sohn, ja ich meine die Erzählung von ihrer engen Zusammengehörigkeit und von ihrer gegenseitigen starken Liebe und Achtung.
Unaufhörlich gibt der Junge, der ich war, sich nämlich Mühe, dem Vater so nahe wie möglich zu sein und ihn, so gut es eben geht, zu verstehen. Jeder Bemerkung des Vaters geht er nach, jedem noch so kleinen Hinweis und Zeichen. All diese Hinweise und Zeichen werden aufgegriffen, genauer betrachtet und weiterverfolgt, so dass die Moselreise darüber zur Geschichte einer intensiven Annäherung an all die Welten wird, in denen der Vater zu Hause ist.
Durch den Vergleich mit diesen Welten konstruiert der Junge seine eigenen Welten, ja man könnte sogar sagen, dass er sie genau wie der Vater abgrenzt, vermisst, beschriftet und für sich bewohnbar macht. Dadurch aber wird die Fremde zu einem Raum, der durch den vertrauten und immer selbstverständlicher werdenden Umgang mit dem Vater allmählich seine bedrohliche Fremdheit und Ferne verliert. Das Kind zieht die Welt während des Schreibens immer enger an sich heran, und es lernt, sich in dieser fremden Welt immer freier und erfahrener zu bewegen.
Es genügt dem Jungen aber nicht, durch den engen Umgang mit dem Vater die Erfahrung einer immer stärkeren Vertrautheit mit der Welt zu machen. Damit die Vertrautheit mit der Fremde sich herstellen kann, muss auch die Mutter in diese Vertrautheit einbezogen sein. So schreibt der Junge ihr an jedem Tag mehrere Postkarten mit kurzen Berichten, Fragen und Deklamationen. Diese Postkarten sind der Versuch, den Abstand zur zweiten, stark geliebten Elternfigur zu verringern und sie einzubinden in die Sphären von Vater und Sohn.
Die Mutter nämlich ist (wegen einer schweren Herzkrankheit, die ein längeres Reisen unmöglich macht) zu Hause, in der Kölner Familienwohnung, geblieben. Jede Erinnerung an sie weckt das »Heimweh« und belebt die Sehnsucht nach baldiger Rückkehr. Um diese Sehnsucht auf ein zumindest erträgliches Maß zu verringern, bindet der Junge die Reise an Bilder der Mutter. Er erinnert sich an sie, er versucht sich vorzustellen, was sie gerade tut und womit sie beschäftigt ist. Lange Zeit gelingt es ihm, durch das Aufbieten all dieser Szenen und Erinnerungen so etwas wie ein nahes Mutter-Bild herzustellen und die damit verbundenen starken Empfindungen zu beruhigen.
Mit dieser Beruhigung ist es jedoch vorbei, als der Junge während der Reise auf ein Klavier trifft und auf diesem Klavier spielt. Das Klavierspiel trägt ihn sofort und mit großer Wucht zurück in den Raum der Familienwohnung und vor allem zurück zur Mutter. Klavier spielen nämlich hat der Junge bereits als stummes Kind von der damals noch ebenfalls stummen Mutter gelernt. Sie war seine erste Klavierlehrerin, und das Klavier war das erste Instrument, mit dessen Hilfe es dem Kind gelang, seine Gefühle auszudrücken und anderen zu vermitteln.
Die Begegnung mit dem Klavier ist also in der Erzählung von der Moselreise der Moment der Krise: Vater und Sohn überlegen ernsthaft, nach Hause zurückzukehren. Damit wäre freilich ein Eingeständnis verbunden, das Eingeständnis nämlich, dass es sich außerhalb der Kölner Familienzelle kaum leben lässt. Instinktiv spürt das Kind, dass dieses Eingeständnis eine Niederlage bedeuten würde. Und so richtet es sich auf und kämpft gegen das »Heimweh« an.
Die Moselreise wird dann doch fortgesetzt und führt sogar noch zu einem überraschenden, verblüffenden Schluss, der von heute aus beinahe wie ein novellistisches und damit kunstvolles Ende erscheint. Es ist ein Ende, in dem die Familientrias von Mutter, Vater und Sohn in durch die Reise veränderter Form wiedererscheint und in ihrer veränderten Erscheinung den Eindruck erweckt, ein neues, erweitertes Lebensprojekt für die gemeinsame Zukunft gefunden zu haben.
Die Moselreise
Ein Reisetagebuch im Sommer 1963
24. Juli 1963
Im Bahnhof
Der Mann mit der roten Mütze
Die Pfeife des Mannes mit der roten Mütze
Der schrille Pfiff
»Achtung, Achtung! Zug auf Gleis 1a fährt sofort ab! Bitte Vorsicht an der Bahnsteigkante!«
Im Zug
Papa: Willst Du zum Fenster rausschauen, oder wollen wir Karten spielen?
Ich: Ich möchte erst zum Fenster rausschauen und dann Karten spielen.
Blick aus dem Fenster
Am liebsten würde ich laufend aussteigen: Jetzt, jetzt und wieder jetzt…
Ich möchte mir alles genauer und länger anschauen, es geht viel zu schnell…
Wenn ich aus dem Fenster schaue, schaue ich eine Weile auf einen Punkt, so fest und lange, bis er verschwunden ist, das hilft…
Wir sind gegen zehn Uhr in Koblenz angekommen und haben unsere Rucksäcke und Taschen gleich in ein Schließfach gepackt, zum Glück gibt es in Koblenz genügend Schließfächer. Dann haben wir den Bahnhof verlassen und festgestellt, dass es in Koblenz ein schönes Sommerwetter gab, so, wie wir es uns gewünscht hatten. »Was für ein schönes Sommerwetter«, hat Papa gesagt, und ich habe gesagt, dass wir am besten gleich an den Rhein gehen sollten, weil es dort zusammen mit dem schönen Wetter bestimmt am schönsten sei.
Papa hat noch eine Weile hin und her überlegt, er wollte sich nämlich zunächst etwas anderes in Koblenz anschauen, dann aber hat er doch gesagt, dass wir uns wegen des schönen Wetters jetzt nichts anderes mehr anschauen, sondern gleich zum Rhein gehen. Ich habe ihn gefragt, wie wir heraus bekommen, wo der Rhein liegt, da hat er gesagt, dass es ganz einfach sei, zum Rhein zu kommen, man müsse nur geradeaus gehen, und er wisse genau Bescheid.
Papa weiß immer genau Bescheid, wie man in einer Stadt etwas findet, auch wenn er gar keine Stadtpläne dabei hat, weiß er das immer genau, ich möchte bloß wissen, wie er das macht. Ich glaube, dass er in Koblenz so genau Bescheid weiß, weil er ja schon mehrmals in Koblenz war, aber wie macht er es, in Städten genau Bescheid zu wissen, in denen er noch nie war? Ich werde versuchen, auf dieser Wanderung heraus zu bekommen, wie Papa es anstellt, genau Bescheid zu wissen, dann kann ich es später vielleicht auch.
Postkarte 1
Liebe Mama, ich sitze im Koblenzer Hauptbahnhof und schreibe Dir: Wir sind gut angekommen! Im Zug habe ich aus dem Fenster geschaut, und dann habe ich mit Papa Karten gespielt. Zum Schluss hat Papa eine Zeitung gelesen, und ich habe etwas aufgeschrieben und gekritzelt. In Koblenz gibt es ein »astreines« Sommerwetter, wie Papa eben gesagt hat. Wir denken beide an Dich. Dein Bub
Wir sind also zum Rhein gegangen und haben ihn sofort gefunden, auch am Rhein war es schön sonnig, und ich bin ein kleines Treppchen hinunter bis ganz nahe ans Wasser gegangen und habe die Steine übers Wasser hüpfen lassen, ganz lange habe ich Steine übers Wasser hüpfen lassen, und Papa hat unter einem großen Baum in der Nähe gesessen und ein kühles Glas Moselwein getrunken und viele Zeitungen gelesen.
Wie die Steine hüpfen
Erst ein paar kurze, dann immer längere Sprünge
tap-tap-tap-taap-taaap-taaaap
Die Steine flitzen über das Wasser, beinahe ohne es zu berühren
Die Steine tauchen nicht ein, das Wasser verschluckt sie
Moselwein - Namen
»Cröver Nacktarsch«
»Zeller Schwarze Katz«
»Bullayer Brautrock«
Moselwein - Namen 2
Ich: Was sind das für seltsame Namen?
Papa: Das sind Namen von Weinlagen. Cröv, Zell und Bullay sind Orte an der Mosel, wo Wein angebaut wird.
Ich: Und Nacktarsch und Schwarze Katz und Brautrock?
Papa: Wie es zu diesen Namen kam, erzähle ich Dir, wenn wir in Cröv, Zell und Bullay angekommen sind.
Irgendwann ist Papa zu mir gekommen und hat auch ein paar Steine übers Wasser hüpfen lassen, und dann hat er gesagt, dass jetzt bald Mittag sei und ich sicher großen Hunger hätte. Ich hatte aber gar keinen Hunger, und das sagte ich auch gleich, weil ich noch weiter am Rhein bleiben wollte. Papa aber sagte, in Wahrheit hätte ich sicher Hunger, ich merke es bloß nicht, und außerdem habe er auch Hunger, schließlich sei ja jetzt Mittag. Papa hatte recht, es war Mittag, und da hat man eben Hunger, auch in Koblenz ist das so.
Fragen
Ob Mama sich ein Mittagessen kochen wird, nur für sich allein?
Ob Mama mich vermisst, wenn sie nach dem Essen allein an den Rhein geht?
© 2010 Luchterhand Literaturverlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH.
eISBN 978-3-641-05029-0
www.luchterhand.de
Leseprobe

www.randomhouse.de